Kurzgeschichte am Fiction Friday: Pascal entscheidet (Jenny-Mai Nuyen)

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FICTION FRIDAY

Pascal entscheidet (Jenny-Mai Nuyen)


Alle elfeinhalb Stunden zuckt ein Lichtriss über die Erde. Wer zu lange hineingerät, ist für immer verändert. Ist Pascal stark genug, das Geheimnis des Lichtrisses zu ergründen? Die neueste Kurzgeschichte von Jenny-Mai Nuyen, Autorin von „Die Töchter von Ilian“ und „Das Drachentor“, stellt Pascal angesichts des großen Unbekannten vor seine eigenen Abgründe.

„Pascal entscheidet“ stammt aus der Anthologie „Anderswelt“ (Edition Roter Drache).

 

***

Meine Mutter war im zweiten Monat mit mir schwanger, als der Riss aus Licht erschien. Die Massenpanik der ersten Zeit bekam ich nicht mit, höchstens durch erhöhte Cortisolwerte im Kreislauf meiner Mutter, wenn das Licht einmal alle elfeinhalb Stunden über sie hinwegraste. Während meine Eltern wie der Rest der Bevölkerung bang den Weltuntergang oder extraterrestrischen Besuch oder mindestens einen Hirntumor erwarteten, war ich damit beschäftigt, meiner Mutter die Milch abzusaugen und den Gittern meines Kinderbettes in einer mittelständischen Wohnung in einer gutgestellten Vorstadt Mitteleuropas entgegenzuwachsen. Doch eine der ersten Erinnerungen, an denen mein Bewusstsein sich entflocht, hatte mit dem Riss aus Licht zu tun.

Die Familie saß beim Abendessen unter der gelben Küchentischlampe, und auf dem Tablet meiner Oma lief eine Nachrichtensendung. Es gab Kartoffelbrei mit panierten Nuggets aus texturiertem Soja und Ketchup, ein Geschmack so heimelig für mich wie der Geruch der Fleecejacke, die mein Vater ablegte, wenn er von der Werkstatt kam.

Eine Frau wurde interviewt. Sie sprach mit eindrücklicher, feierlicher Stimme, und meine Eltern ermahnten meinen großen Bruder, still zu sein, damit sie sie hören konnten. „Jeder von uns muss sich im Leben entscheiden zwischen Angst und Vertrauen. Ich habe mich für das Vertrauen entschieden. Ich habe darauf vertraut, dass es nichts in der Welt gibt, was wir prinzipiell nicht verstehen können. Meine Erfahrung im Riss bestätigt es.“

Nachdem das reglose Gesicht der Frau einige Sekunden gezeigt worden war, fragte der Journalist: „Also sagen Sie, es gibt keinen Gott?“

„Ich sage, ich habe keinen Gott gesehen, gefühlt oder sonst wie wahrgenommen. Was ich mit allen Sinnen erlebte, war eine Reflexion meiner selbst, ein faszinierendes Naturschauspiel, das wir mit allen Mitteln erforschen sollten, die uns gegeben sind.“

Damals verstand ich nicht die Hälfte des Gesagten. Doch ich begriff, dass etwas Bedeutsames für uns alle geschehen war, und das stimmte auch.

Die Frau, die im Frühjahr 2023 als erster Mensch fünf Sekunden im Lichtriss verbrachte, ohne gravierende psychische Veränderungen davonzutragen oder eine göttliche Existenz zu bezeugen, hieß Nomi Bellerit. Im Lauf der Jahre ließ sie zahllose Tests über sich ergehen, um ihre geistige Gesundheit zu belegen, was übrigens zur medialen Popularität der alten Debatte beitrug, ob und wenn ja, wie etwas so Subjektives wie Verrücktheit und Normalität objektiv zu bestimmen sind. Bellerit war auf eine Weise ‚normal‘, in der sich der Flickenteppich von Sondergruppen und Minderheiten, der die breite Masse ausmacht, mit einer gewissen Geschmeicheltheit wiedererkannte: Als Tochter eines chinesischen Violinisten und einer belgischen Informatikerin besaß sie ethnisch uneindeutige Züge und eine würdevolle, eher androgyne, durchschnittliche Schönheit. Ihre präzise, schnörkellose und bodenständige Ausdrucksweise verriet eine Klugheit, von der sich niemand eingeschüchtert oder ausgeschlossen fühlen musste. Dabei war sie im globalen Dorf des privilegierten Bürgertums zu Hause und studierte bereits mit sechzehn Philosophie und Physik an Eliteuniversitäten in Frankreich und England. Als der Riss aus Licht erschien, schrieb Bellerit gerade ihre Doktorarbeit über Hume und seinen Empirismus und die Heisenbergsche Unschärferelation in der Quantenmechanik. Das Erscheinen des Risses schlug sich in ihrer Arbeit nieder; ihr Fokus schwenkte mehr und mehr zum Absoluten Denken bei Hegel, und während viele den Text später als konfus bezeichneten, sah ich darin Jahre später genau das Gegenteil: eine rücksichtslos durchexerzierte Dialektik, unnachgiebig in ihrer Folgerichtigkeit und blind für die chaotischen Zwischentöne der Erfahrung. Bellerit war schon damals eine beinharte, bis ins Letzte konsequente Logikerin, und darum begriff sie auch die Poesie der Logik. Das Denken in endlos sich selbst einholenden Spiralen von Analyse und Synthese ist für den, der sie durchgleitet, ein rauschhafter Refrain. Die Welt verstehen, im Größten das Kleinste erkennen – gibt es ein gewaltigeres Gefühl der Verzauberung?

Aber ich springe zu weit vor. Bis Oma Wanda mit dem Lichtriss flog und selig wurde, war Nomi Bellerit für mich nur ein Name in den Medien, so wie der Riss mich nicht mehr beschäftigte als der Vollmond oder andere sich wiederholende Naturphänomene. Ich kannte es nicht anders, als dass nach elfeinhalb Stunden ein kurzer, gleißender Lichtstrahl alles durchschnitt – Wolken, Bäume, Mauern, Menschen. Nach einem Wimpernschlag war es schon wieder vorbei. Es passierte, und man vergaß, dass es gerade passiert war. Da die Rate der Krebserkrankungen weder zu- noch abgenommen hatte, nahmen die meisten Leute diese weitere Unerklärlichkeit der Welt bald mit einem Schulterzucken hin. Jedenfalls solange ihre Neigung zur Paranoia, Religiosität oder Wissenschaft nicht überhandnahm.

Opa Luk verfolgte Nomi Bellerit und die von ihr ausgelöste ‚Neue Nüchternheit‘ medial mit großem Interesse. Er war schließlich Rentner und hatte Zeit, sich zu wundern. Erst stürzte er sich auf sämtliche Zeitungsartikel, dann kaufte er Bücher und Fachmagazine über den Riss und seine Erforschung. So vieles am Riss widersprach den Gesetzmäßigkeiten, die wir kannten. Obwohl er unter Beobachtung dieselbe Wellenlänge und Photonenanzahl hatte wie gewöhnliches Sonnenlicht auf der Erde, bewegte er sich mit einer Geschwindigkeit von 0,968 Kilometern pro Sekunde rund 1,24 Millionen Mal langsamer – ‚zeitlich gekrümmt‘, wie man sagte – und durchdrang jede Materie außer dem Erdkern. Warum? Niemand wusste es. Es gab nicht einmal zufriedenstellende Theorien, wie der Lichtriss überhaupt zustande gekommen war. Die größte Fraktion unter den Astrophysikern ging davon aus, dass die fremdartige Strahlung aus dem All stammte und sich magnetisch an der Erde ‚verfangen‘ hatte, auch wenn die Erklärung für das Wie hoffnungslos tautologisch blieb – wie übrigens die Erklärung von Magnetismus überhaupt. Andere Wissenschaftler glaubten, dass das Licht aus dem Erdinneren drang. Die Frage nach dem Woher spielte jedoch nur eine untergeordnete Rolle angesichts der rätselhaften Wirkung, die der Riss entfalten konnte.

Schon früh nach seiner Erscheinung hatte man festgestellt, dass ein längeres Verharren im Lichtriss gravierend für höhere Lebensformen war. Wer sich in einen Jet setzte und mit 871,2 km/h mindestens fünf Sekunden im Lichtstrahl flog, kehrte mit größter Wahrscheinlichkeit nicht als er selbst zurück … sondern als Wachkomapatient, unfähig zu kommunizieren oder sich um sich selbst zu kümmern. Diejenigen, die noch reden konnten, sprachen von Gott. Sie behaupteten, im Licht dem radikal Anderen begegnet zu sein, ohne es genauer beschreiben zu können, was wohl in der Natur der Sache liegt. Auch sie blieben nach ihrer Reise im Licht eher wortkarg, wurden lethargisch, asozial, arbeitsunfähig – doch sie lächelten immerzu. Wovon erzählte dieses Lächeln? Welche Verzückung war in die Menschen gesunken, die alles andere überstrahlte?

Ihr Wandel mochte beängstigend sein, aber ihr Geheimnis war eine Verheißung. Es erklärt sich von selbst, dass in wenigen Jahren der Lichtriss-Tourismus so populär und schließlich illegal wurde: Aus den vielfältigsten Gründen der Selbstfindung und Selbstaufgabe erschien es Menschen erstrebenswert, mit dem Lichtriss zu fliegen. Viele starben dabei, weil der Pilot beim Ansteuern des Risses zu lange selbst hineingeriet. Aber die Zahl der Flugzeugabstürze blieb unbedeutend im Vergleich zu der Menge von Menschen, die selig heimkehrten. Sie schienen unfähig, Wut, Leid oder Trauer zu empfinden. Sie wollten nichts und störten sich an nichts. Sie lächelten. Manche vergaßen zu trinken und verdursteten. Sie füllten die Psychiatrien, beschäftigten ganze Heere von Sozialhelfern und belasteten die Gesellschaften der Welt bald mehr als sämtliche Opfer herkömmlicher Drogen.

Und dann kam Nomi Bellerit. Sie war mit einem internationalen Forschungsteam in den Lichtriss gegangen und als sie selbst zurückgekehrt. Ihr kühner Entdeckergeist wehte durch die religiösen Ängste und Hoffnungen, die den Riss verhängt hatten, und man wandte sich seinen Rätseln mit neuem Selbstbewusstsein zu.

Opa Luk war begeistert von Bellerit. Ich glaube, er fürchtete die mystische Bedeutung, die der Riss haben könnte, und fand in Bellerits Neuer Nüchternheit Trost wie so viele seiner Generation. Er und Oma Wanda hatten in den späten Sechzigern des letzten Jahrhunderts studiert und mit ihrer sozialistischen Prägung einen gewissen Gewohnheitsatheismus übernommen, der, wie sich nun herausstellte, ebenso bedroht und ängstlich verteidigt wurde wie seinerzeit die Frömmigkeit früherer Generationen. Nach Bellerits Bericht konnte Opa Luk endlich aufatmen und die Seligen als geistig umnachtete Individuen abtun. Der Riss war ein Naturphänomen; kein Gott hatte sich offenbart; Opa Luk konnte wieder ruhig schlafen.

Jedenfalls für eine Weile. Eines Nachmittags hustete er sich bewusstlos. Im Krankenhaus erfuhren wir, dass Opa Luk Lungenkrebs hatte – und das auch schon seit mehreren Monaten wusste. Er hatte es verheimlicht, um in der Zeit, die ihm blieb, nicht von traurigen Gesichtern umgeben zu sein, wie er sagte. Mein Vater, der kein einfaches Verhältnis zu Opa Luk hatte, sprach eine ganze Woche kein Wort mit ihm. Für Oma Wanda muss es noch schlimmer gewesen sein, doch sie war Opa Luk nicht böse. Vielleicht machte der Schock sie unfähig, etwas Derartiges zu empfinden. Sie waren einundfünfzig Jahre verheiratet gewesen.

In den letzten drei Monaten seines Lebens wurde Opa Luk sehr mager, und Oma Wanda magerte mit. Sie magerte weiter, als er bereits verstorben war. Einmal wollte ich ihr selbstgemachte Kekse vorbeibringen und sah durch das Fenster, wie sie am Tisch saß und weinte, weinte ohne Ende. Ich hatte Angst vor ihrer Traurigkeit und fuhr mit den Keksen wieder nach Hause. Später machte ich mir bitterliche Vorwürfe, nicht hineingegangen und sie getröstet zu haben. Hätte ich abwenden können, was bald darauf geschah? Vielleicht. Ich war ein Kind. Kinder haben große Macht über die Trauer der Erwachsenen.

Es müssen Opa Luks viele Bücher und Magazine über den Riss gewesen sein, die Oma Wanda beim Ausmisten seines Zimmers auf Abwege führten. Von ihrem Wandel bekamen wir nichts mit. Im ersten halben Jahr nach Opa Luks Tod fürchteten wir nur, dass sie ebenfalls sterben würde, weil sie so wenig aß. Als sie schließlich bekanntgab, dass sie ihr Haus verkaufen wollte, sahen wir darin ein Zeichen, dass es mit ihr bergaufging – endlich wandte sie sich neuen Dingen zu. Wer hätte ahnen können, was für Dingen!

Gleich nachdem sie das Haus verkauft hatte, wollte sie eine Kreuzfahrt machen, die in Hamburg startete und in New York endete. Wir fuhren sie zum Flughafen. Ich erinnere mich, dass wir alle in guter Stimmung waren. Oma Wanda machte Witze über Rentner auf Schiffen. Nichts deutete auf einen endgültigen Abschied hin.

Als wir zwei Tage später weder einen Anruf noch eine schriftliche Nachricht von ihr erhalten hatten, kontaktierte mein Vater den Reiseveranstalter. Wir erfuhren, dass Oma Wanda nie eine Kreuzfahrt gebucht hatte. Niemand wusste, wo sie war. Nach einer bangen Woche rief die Polizei an. Man hatte Oma Wanda in einem Wäldchen nahe einer Autobahnraststelle gefunden, desorientiert, stumm. Lächelnd. Wir wussten, was das bedeutete. Die illegalen Anbieter von Rissflügen setzten ihre seligen Kunden gerne in gleicher Entfernung zu mehreren Flughäfen ab, um die Spuren zu verwischen. Ihr weiteres Schicksal war ihnen egal.

Oma Wanda hatte ihren Rissflug mit fast dem gesamten Erlös ihres Hausverkaufes bezahlt. Warum? Das konnte sie uns nicht mehr beantworten. Wahrscheinlich hatte sie sich selbst Antworten auf die Fragen erhofft, die Opa Luks Tod aufgeworfen hatte. Falls sie welche erhalten hatte, behielt sie sie für sich.

Anfangs wohnte sie bei uns, und mein Vater nahm sich eine berufliche Auszeit, um sie zu pflegen. Sie saß nur da, guckte uns mit beglückten, leeren Augen an und seufzte manchmal ein wenig. Wir hätten sie wie eine Pflanze in die Ecke stellen können, wenn sie nicht einen menschlichen Körper mit entsprechenden Bedürfnissen gehabt hätte. Es gelang meinem Vater nur über Stunden hinweg, löffelweise Wasser und Nahrung in sie hineinzuschieben. Schließlich beschlossen meine Eltern, sie in eine Pflegeeinrichtung für Demenzkranke zu geben, die auch Selige aufnahm. Ich gebe es nicht gerne zu, aber ich war erleichtert. Oma Wandas ungerührte Heiterkeit verhöhnte uns. Mich schauderte unter ihrem klaren, völlig mitleidlos vergnügten Blick. Was auch immer sie gefunden hatte, war stärker als alle Liebe, die sie für uns empfunden hatte. Ich begann, glücklichen Menschen zu misstrauen.

Als sie ins Pflegeheim kam, sprachen wir so gut wie gar nicht mehr über sie, abgesehen vom Planen der obligatorischen Besuche alle paar Wochen. Auch der Riss wurde ein Tabuthema. Obwohl er die Medien beherrschte, schafften wir es, daran vorbei zu leben. Es ist eine seltsame Tatsache, dass diejenigen, die von unlösbaren Rätseln am meisten betroffen sind, am gründlichsten darüber hinwegsehen.

Der Rest der Welt fragte sich, was in den Köpfen der Seligen vor sich ging. Verschwörungstheoretiker machten Regierungen, Konzerne und Geheimlogen dafür verantwortlich – und natürlich Aliens. Die Alien-Theorie errang große Beliebtheit, und ich wuchs mit einem regelrechten Alien-Hype auf, mit Alien-Serien und Alien-Spielen und Alien-Müsli und Popmusik, die alienesk klingen sollte. Selbst diejenigen von uns, die nicht extraterrestrisches Leben für den Lichtriss verantwortlich machten, gingen selbstverständlich davon aus, dass die Weiten des Weltraums vor Leben wimmelten, denn uns umgaben Geschichten darüber. So verwundert es vielleicht nicht so sehr, dass das erste männliche Wesen, für das ich mit sechs oder sieben Jahren Gefühle der Verliebtheit hegte, ein schlohweißer Alienjunge aus einer Animationsserie war.

Als ich mich acht Jahre später zum ersten Mal in einen Menschen verliebte, spielte es keine unerhebliche Rolle, dass er mich an den schlohweißen Alien meiner Kindheit erinnerte. Ähnlichkeit ist etwas Zauberisches. Eine einzige gemeinsame Eigenschaft kann dazu führen, dass alle Eigenschaften zweier Gegenstände in unserer Vorstellung miteinander verwoben werden. Warum wir Ähnlichkeit erkennen, wo wir sie erkennen, ist manchmal so unerklärlich wie die Art, wie wir einer Sache Sinn zusprechen und einer anderen nicht. Fabian hatte hellbraune Märchenlocken, die mich an die haarähnliche Struktur auf dem Kopf des Alienjungen erinnerten. Vielleicht entzündete sich ihre Ähnlichkeit allein an dieser Banalität. Jedenfalls glaubte ich, dieselbe verträumte Zartheit in ihren Stimmen zu erkennen und dieselbe Zuversicht im Blick, der man glauben will. Gemeinsam hatten sie außerdem, dass sie nichts von meiner Verehrung wussten und unerreichbare Helden waren.

Fabian galt als Wunderkind an unserer Schule. Er war der beste Fußballspieler, den wir kannten, doch anstatt die Sportlerkarriere einzuschlagen, die ihm angeboten worden war, übersprang er die neunte Klasse, gewann bei einem Wettbewerb für Erfinder und qualifizierte sich noch während seiner Schulzeit für eine Spezialausbildung zur Erforschung des Risses. Diese Ausbildung war so begehrt und fast so wenigen zugänglich wie eine Ausbildung zum Astronauten. Ich wusste, dass ich Fabian nie wieder so nah sein würde wie in den letzten Wochen unserer gemeinsamen Schulzeit, wo wir wenigstens in demselben Gebäudekomplex atmeten. Es war eine schreckliche Zeit, denn ich wusste, dass ich auf ein Ende zusteuerte, das ich nur in einem höchst unwahrscheinlichen Fall durch einen gewaltigen Akt des Mutes abwenden konnte.

Tausende Male stellte ich mir vor, Fabian in den Weg zu treten und ihm meine Liebe, wenigstens meine Existenz zu offenbaren. Aber schon der Gedanke daran bereitete mir Übelkeit. Ich weiß noch, wie ich ihn am letzten Schultag mit seinen Freunden zu den Fahrrädern gehen sah, wie er lachte, wie er sich den Rucksack über eine Schulter schwang, wie er auf das Fahrrad stieg und mit seinen Freunden losfuhr und ich die letzte Chance, ihn anzusprechen, verstreichen ließ. Das Schreckliche an der Liebe ist, dass man sich selbst begegnet!

 

Meine Obsession für Fabian verlief sich nicht. Während des Abiturs und meines gesamten BWL-Studiums gab es keine einzige Romanze, die mich von ihr hätte ablenken können. Meine losen Freundschaften aus Schulzeiten pflegte ich nicht besonders, und meine zaghaften Bemühungen um neue Kontakte blieben ergebnislos. Wahrscheinlich wirkte das Trauma durch Oma Wanda in mir, aber es war mir nicht bewusst, dass ich vermied, glücklich zu sein. Zwischen stupidem Pauken verbrachte ich meine Zeit damit, Fabians digitale Spuren zu verfolgen. Er war sicher glücklich, aber an ihm war das nicht abstoßend. Inzwischen hatte er ein Physikstudium absolviert und war nun Mitglied eines renommierten Komitees für die Erforschung des Risses. Gelegentlich gab es offizielle Fotos von einem Grüppchen, in dem er auftauchte. Er publizierte einen Artikel in einem Fachmagazin über die Metaphorik der spekulativen Physik und des Bewusstseins, und ein Portraitfoto von ihm war dabei, auf dem er immer noch aussah wie ein Märchenprinz aus einer fernen Galaxie. Einmal gab es ein langes Interview mit ihm und zwei jungen Kolleginnen: Ihnen stand ihre erste Exkursion in den Riss bevor. Sie wurden gefragt, ob sie Angst hätten. Fabians Antwort war klug und voll jugendlichem Optimismus, und ich fühlte mich davon direkt angesprochen, so als nähme er mich mit ins Unbekannte, Aufregende, raus aus meinem beengten, bedeutungsarmen Leben. Danach tauchte er in keinen Artikeln mehr auf. Auch in den sozialen Netzwerken verwaisten seine Profile. War ihm im Riss etwas zugestoßen? Er war doch ausgebildet worden, aus dem Riss unversehrt wiederzukehren, so wie Bellerit. Eine seiner beiden Mitstreiterinnen veröffentlichte ein wissenschaftliches Paper. Wahrscheinlich verarbeitete Fabian ebenfalls seine Exkursion und war nur gründlicher und brauchte deshalb länger.

Ich wartete. Mein Studium endete. Ein halbes Jahr quälte ich mich durch ein Praktikum in einer Bank, um endgültig einzusehen, dass ich nichts mit Betriebswirtschaft zu tun haben wollte. Mein Studium war wie ein langer, schlechter Schlaf gewesen, aus dem ich erschöpfter zu mir kam. Ich musste nur einen blinzelnden Blick auf meine Minimalexistenz werfen, um mir zu wünschen, ich würde wieder einschlafen. Doch die Veränderungen, die mit uns vorgehen, bedürfen nicht unseres Einverständnisses. Ohne es zu wollen, kamen mir am Abgrund der Ratlosigkeit, vor die mein Studium mich geführt hatte, manche Einsichten, die ich bis dahin sorgfältig vermieden hatte.

Seit Oma Wanda selig geworden war, übte ich mich darin, nicht an sie zu denken. Wir alle taten das. Bei unseren Besuchen holten wir sie aus ihrem Zimmer ab, setzten uns in den Gemeinschaftsraum der Klinik und spielten in ihrem Beisein Karten. Gelegentlich sagte meine Mutter etwas zu ihr, das nicht kommentiert wurde, und nach vier Kartenrunden schoben wir ihren Rollstuhl auf dem Weg zurück ins Zimmer noch einmal durch den angrenzenden Park, erleichtert, unsere Pflicht für den Monat erfüllt zu haben. Doch als meine Eltern und mein Bruder diesmal gehen wollten, beschloss ich, zu bleiben. Selten hatte ich sie mit etwas so verblüfft. Für einen Moment sah ich in ihren Gesichtern Panik aufbrechen, und ich begriff, dass sie dieselbe Konfrontation fürchteten wie ich in den letzten Jahren.

Ich blieb allein mit Oma Wanda in ihrem Zimmer zurück. Draußen dämmerte der Abend. Gelegentlich schlurfte jemand an der Tür vorbei, und das Greinen der Demenzkranken oder die betont fröhlichen, lauten Fragen der Pfleger hallten durch den Flur. Oma Wanda saß versunken in ihrem Sessel und lächelte. Sie schien mich zu sehen. Sie störte sich aber nicht an meiner finsteren Miene. Der Lichtriss kam, und für die Länge eines Wimpernschlags tauchten wir durch die unerklärliche Helligkeit, die Oma Wanda aus unserer Welt gelöscht hatte.

„Oma Wanda“, flüsterte ich.

Keine Reaktion.

„Ich … schäme mich für dich. Ich will nie so werden wie du. Du bist grässlich. Es wäre besser, wenn du tot wärst.“

Sie sah mir in die Augen, und ich zitterte, weil ich sicher war, dass sie mich verstand. Aber in ihren Mundwinkeln hing noch immer das grauenhafte Lächeln. Ich weinte, während das Zimmer in Schatten versank. Und dann saß ich da, ohne etwas zu empfinden.

Als ich ging, trudelten meine Gedanken zu Fabian. Schmetterlinge mit geknickten Flügeln. Er war meine heile Welt gewesen. Die Flucht aus meinem Schock, meinem Kummer, meiner Langeweile. Wo war er jetzt? Vor dem Informationsschalter der Pfleger blieb ich stehen und hörte mich sagen: „Entschuldigen Sie – ich würde gerne einen Besuch bei Fabian Riglein anmelden, morgen, wenn es geht. Er ist einer von den Seligen.“

Die Pflegerin wollte den Besuch eintragen, fand aber keinen Fabian Riglein in der Patientenkartei. Ich gab mich verwirrt und verabschiedete mich. Was hatte ich mir bloß gedacht? Vielleicht wurde ich wahnsinnig … Zu Hause kam ich jedoch zu dem Schluss, dass es – in Anbetracht meiner Obsession – nur vernünftig war, nach Fabian zu suchen. Ich musste wissen, was aus ihm geworden war. Am nächsten Tag rief ich bei sämtlichen Psychiatrien und Pflegeheimen an, die im Umkreis von Nomi Bellerits Forschungszentrum lagen. Nirgends war Fabian verzeichnet. Also telefonierte ich mich auch durch die Einrichtungen unserer Heimatstadt. Ich kam nur bis zur zweiten.

„Der Besuch bei Herrn Riglein ist für morgen eingetragen“, sagte die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Verraten Sie mir noch Ihren Namen und in welchem Verhältnis Sie zu Herrn Riglein stehen?“

Ich gab alle Informationen durch, aber ich besuchte Fabian nicht. Dabei war die Klinik nur dreißig Fahrminuten von mir entfernt. Ich konnte mir nicht vorstellen, ihn selig zu sehen; wie vom Schmerz geblendet scheute ich davor zurück. Stattdessen beschloss ich, Physik zu studieren. Wie ich darauf kam, kann ich nicht erklären. Es war kein nachvollziehbarer Gedankengang, sondern ein Sprung – ein Sprung aus lähmendem Entsetzen in blinden Aktionismus. Seltsamerweise hatte ich nicht das Gefühl, etwas Neues zu wagen. Es war mehr eine Heimkehr. Auf der Schule waren Mathe und Physik meine besten Fächer gewesen, und im Nachhinein schien es eine einzige Vermeidungsstrategie gewesen zu sein, BWL gewählt zu haben.

In meinem zweiten Studium blühte ich auf – ein überreiztes, in alle Richtungen wucherndes Aufblühen, das längst überfällig gewesen war. Ich verbrachte jeden Tag von morgens bis abends in der Uni, besuchte bald nicht nur Vorlesungen der Physik, sondern auch der Philosophie, der Geschichte, der Mathematik und der Theologie. Ich las, las, las, wie ich zuvor für sinnlose Prüfungen auswendig gelernt hatte, nur diesmal behielt ich den Stoff. Nomi Bellerits Aufsätze, ihre populärwissenschaftlichen Sachbücher und ihre Dissertation arbeitete ich durch, dann die bekanntesten Sekundärtexte dazu, dann die abseitigsten Stimmen aus Forschung und Populärwissenschaft. Ich machte sogar Bekanntschaften, die sich durch meine ständige Präsenz an der Uni in Freundschaften weitersponnen. Ich bemühte mich um Dates. Ich verlor meine Jungfräulichkeit. Nur verliebte ich mich in niemanden. Manchmal kam der Gedanke an Fabian über mich wie eine Schlinge, die mich würgte, und ich albträumte oft von ihm und Oma Wanda. Aber ich war nicht mehr in ihn verliebt. War meine Obsession je wirklich Verliebtheit gewesen? Vielleicht hatte sich in der Faszination für Fabian nur meine Faszination für den Lichtriss versteckt, die ich wegen Oma Wanda unterdrückt hatte. Denn der Lichtriss faszinierte mich. Wie ein Monster, das ich bisher nur in der Dunkelheit geahnt hatte, trat er nun ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit. Was war er? Was hatte er mit Oma Wanda und Fabian gemacht? Was würde er mit mir tun? Denn ich wollte mit ihm fliegen. Um ihn zu bezwingen.

Man bleibt in seinen Traumata gefangen. Vor allem, wenn man sie durchschaut hat.

 

Nach meiner Promotion bewarb ich mich für Nomi Bellerits Forschungszentrum. Ich hatte für meine Doktorarbeit über neue Methoden der Messbarkeit des Lichtrisses die Bestnote erhalten und geschafft, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an zwei renommierten Instituten angestellt zu werden. Dennoch war die Aussicht, für Bellerit zu arbeiten, äußerst gering. Als ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, realisierte ich, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte.

Drei höfliche Wissenschaftler interviewten mich in dem EU-geförderten Prachtbau aus Glas und Stahl, der für die Erforschung des Lichtrisses unter anderem mit einer Start- und Landebahn für Flugzeuge ausgestattet worden war. Ich muss mich gut gemacht haben, auch wenn ich mich vor Aufregung später an nichts erinnerte. Wieder zu Hause bekam ich die Zusage für die Stelle.

Vor meiner Abreise besuchte ich Fabian. Es war nichts, was ich mir vorgenommen hatte; es wurde durch die Zusage nur endlich möglich, mich ihm zu stellen. Ich würde Fabians Platz einnehmen. Das rettete ihn nicht, aber es fühlte sich so an, als könnte ich etwas wiedergutmachen, etwas richtigstellen.

Man hatte ihn in einer großen Klinik untergebracht, die auf Selige spezialisiert war. Hinter dem herrschaftlichen Gründerzeitgebäude, das auf den mehrsprachigen Werbeprospekten die Angehörigen beeindrucken sollte, erstreckten sich billige Anbauten, in denen die Patienten aus aller Welt verwahrt wurden wie Akten in einem Karteikasten. Fabians Zimmer war schäbiger als Oma Wandas bei den Demenzkranken, fast nur ein Schrank mit Schlaffunktion. Er saß auf der Matratze, während ich mich auf dem einzigen Hocker niederließ. Es war so eng, dass unsere Knie sich berührten. Ein vager Geruch von Urin hing in der Luft, und ich wollte mich nicht fragen, ob er von Fabian ausging oder vom Gang hereinwehte. Manche Seligen waren nicht mehr gewillt oder in der Lage, alleine auf die Toilette zu gehen.

Ich betrachtete ihn. Er war dünn geworden, mit gelblichem Teint und schlaffen Lachfalten um den Mund. Früher hatten seine Augen vor Klugheit gesprüht oder verträumt geleuchtet, und als hätten diese widerstreitenden Lichter sich gegenseitig verzehrt, hing nun eine unbeschreibliche Dämmerung über seinem Blick. Da ich nichts anderes erwartet hatte, empfand ich nicht mehr als Traurigkeit und eine gewisse Erleichterung, mich der Wahrheit gestellt zu haben. Ich erzählte ihm alles. Von meiner heimlichen Liebe. Von Oma Wanda. Von meiner Bewerbung bei Nomi Bellerit und meinem Vorhaben, herauszufinden, was der Lichtriss war. Fabian schien zuzuhören, aber nichts erschütterte seine tiefe, dumpfe Heiterkeit. Vielleicht stimmte es auch nicht, dass er zuhörte. Ich fand die Theorie nicht abwegig, dass Selige ihr Bewusstsein, ihr Innenleben verloren hatten.

Doch als ich aufstand, um zu gehen, sagte er: „Ich weiß.“

Ich erstarrte.

„Was? Was hast du gesagt?“

Doch er sah mich nur an, ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht. So sehr ich flehte, er blieb stumm. Aber ich hatte es mir nicht eingebildet. Er hatte gesprochen. Ich weiß. Was wusste er? Das, was ich ihm erzählt hatte? Meinte er den Lichtriss? Wollte ich wirklich wissen, was er wusste? Wusste ich es längst?

Ich tat, was ich immer getan hatte, und floh. Die Arbeit an Bellerits Institut machte mir das leicht. Überstunden standen an der Tagesordnung, ja, es wurde von uns erwartet, dass wir von dem Lichtriss besessen waren. Die Forscher, die in den Lichtriss geschickt wurden und gesund wiederkehrten, brachten definitive Antworten auf vorher ausgesuchte Fragen, die bisher durch Argumente oder Experimente allein nicht entschieden werden konnten:

-          Was bewirkte den Urknall?

Mein Austritt aus der Indifferenz in die Differenz.

-          Was ist Indifferenz?

Die Dreifaltigkeit Gewesen-Sein-Werden, bevor sie sich teilte, und die Dualität Hier-dort, wo sie zusammenfällt.

-          Gibt es Multiversen?

Viele Welten zusammen ergeben eine Welt. Wer verstehen will, muss das Eine über das Viele stellen.

-          Wer bist du?

Das Eine.

-          Was ist das Eine?

Das radikal Andere.

Und etliche Fragen und Antworten mehr. Erstaunlich war, dass verschiedene Forscher auf dieselben Fragen dieselben Antworten empfingen, gelegentlich jedoch in anderer Formulierung. Und dass alle Forscher von den Antworten überzeugt waren, die sie erhielten. Sie beschrieben ihre Gewissheit so, als hätte sie sich logisch hergeleitet. Es gab zwei Forschungsfelder am Institut; eins beschäftigte sich neurowissenschaftlich mit den Menschen, die im Lichtriss gewesen waren, und das andere formulierte Fragen und wertete die Antworten aus dem Lichtriss aus. Die Formulierung der Fragen war eine delikate Angelegenheit. Ich erfuhr, dass jegliche Sinn-Fragen tabu waren, da sie zur Seligkeit führten. Nur Wie-Fragen waren für die Forscher im Lichtriss sicher. Warum? Auch darauf würde nie jemand eine Antwort zurückbringen. Jedenfalls nicht für uns andere.

Sobald ich konnte, bewarb ich mich für eine Exkursion in den Riss. Ich wollte selbst die Fragen stellen, die wir uns ausdachten. Und die untrügliche Gewissheit erleben, dass die Antworten stimmten. Nomi Bellerit höchstpersönlich entschied in letzter Instanz, wer mit dem Lichtriss fliegen durfte. Nach etlichen psychologischen und physischen Tests und Gutachten sollte ich in ihrem Büro erscheinen, das im obersten Stockwerk des Instituts am Ende eines langen Ganges lag. Zu meiner Überraschung unterschied es sich jedoch nicht von den schlichten, einfachen Büros der übrigen Angestellten. Nomi Bellerit sah aus wie in den Videos und Fotos. Mit ihrer perfekt getrimmten, ergrauten Kurzhaarfrisur, den harmonischen Mimikfalten und der Kompetenz, die aus allen Gesten sprach, verbreitete sie eine beruhigende, geradezu hypnotische Sachlichkeit.

„Pascal Germain. Sie haben sich für eine Exkursion gemeldet. Warum?“, fragte sie rundheraus.

Ich versuchte meine Neugier am Riss möglichst professionell darzustellen. Nomi Bellerit hörte mit einem Ausdruck höflichen Interesses zu, die Augen schmalgekniffen, als würde sie zugleich aus meiner Seele lesen.

„Viele sehr engagierte Forscher am Institut haben nicht vor, selbst mit dem Riss zu fliegen. Sie schon. Hat diese Entscheidung etwas mit Ihrer Großmutter zu tun?“

Ich schluckte. „Ja. Es war … es ist eine Belastung für unsere Familie. Mein Interesse hat auch persönliche Gründe.“

„Ist Fabian Riglein ebenfalls ein persönlicher Grund?“ Sie ließ den Blick auf ihren Computerbildschirm schweifen. In meine Sprachlosigkeit hinein fuhr sie fort: „Sie waren mit ihm auf derselben Schule. Sie haben ihn vor zwei Jahren besucht, kurz bevor Sie in unser Team kamen. Korrekt?“

Ich rang mich zu einem Nicken durch. „Ich habe ihn bewundert. Ich verstehe nicht, warum er …“

„Gewöhnen Sie sich das Warum ab“, schnitt sie mir freundlich, aber bestimmt das Wort ab. „Wissen Sie, was das Warum ist?“

„Eine menschliche Neurose?“

Sie lächelte. „Das ist ein Werturteil. Ich würde vorsichtiger formulieren: Das Warum ist ein infiniter Regress in die Innerlichkeit. Und vielleicht haben Sie Recht, dass diese letztlich der Wahnsinn ist. Wenn wir vernünftige, gemeinschaftsfähige und kommunizierende Individuen sein wollen, müssen wir bei den Beschreibungen der Dinge bleiben und über ihre Gründe allenfalls spekulieren. Gewiss, im Riss werden die Gründe benannt. Nur – wer hinhört, hört nie wieder damit auf.“

„Ich will keine Gründe“, sagte ich. „Ich will gemeinschaftlich an den Beschreibungen der Dinge arbeiten.“

Nomi Bellerit stand auf und schüttelte mir die Hand. Ihr Griff war erstaunlich lasch.

 

Die Nacht vor meiner Exkursion verbrachte ich in den Laboratorien, da meine Körperfunktionen und mein mentaler Zustand überwacht werden sollten. Ich versuchte die vorgeschriebenen acht bis sieben Stunden zu schlafen, doch noch vor dem Morgengrauen lag ich wach, dachte an alles und nichts und betrachtete meine matte Spiegelung auf dem Fenster, hinter dem ein weiterer Raum für Beobachter war. Plötzlich ging dahinter das Licht an, und die Verspiegelung löste sich auf. Nomi Bellerit beugte sich über ein Mikrophon. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich noch observiert wurde, am wenigsten von Bellerit.

Ich hörte ihr Seufzen durch die Lautsprecher an der Decke knistern. „Wissen Sie, warum ich Sie zur Exkursion zugelassen habe?“

Ich richtete mich auf dem Bett auf, ohne mir die Mühe einer Erwiderung zu machen.

„Hätte ich Sie nicht fliegen lassen, hätten Sie sich nur umso mehr darauf versteift, herauszufinden, warum aus Ihrer Großmutter und Fabian Riglein wurde, was aus ihnen wurde. Die Wahrscheinlichkeit, illegal mit dem Lichtriss zu fliegen, erhöht sich statistisch um mehr als achtzig Prozent, wenn ein Angehöriger oder eine nahestehende Person bereits selig wurde. Ich finde das immer wieder erstaunlich – angesichts der abschreckenden Erscheinung eines Seligen. Aber gut, so ist es nun einmal. Menschen wollen Gründe. Und je mehr man sie ihnen verweigert, umso stärker wird ihr Wunsch danach. Darum lasse ich Sie fliegen. Pascal … wählen Sie statt eines Grundes all die anderen faszinierenden Erkenntnisse, die Sie nicht zerstören werden.“

Ich wollte widersprechen, aber ich konnte nicht. Es hätte wie eine Lüge geklungen.

„Was ist bei Fabian schiefgegangen?“, fragte ich leise.

Sie schien Schalter zu betätigen und sagte: „Wiederholen Sie die Frage, jetzt ist das Mikrophon an.“

„Haben Sie Fabian aus derselben Überlegung heraus fliegen lassen?“

„Ich lasse alle meine Angestellten aus derselben Überlegung heraus fliegen. Aber ich treffe meine Wahl zwischen denen, die ich als stark genug einschätze, den Warum-Fragen zu widerstehen, und dem großen Rest. Sie schätze ich als stark genug ein. Riglein damals auch. Ein Fehler.“

Ein Fehler. Wenn Fabian reden würde, würde er zustimmen? Nein, er hatte Ich weiß gesagt. Er wusste und lächelte. Und pisste in Windeln. Ein uralter Schmerz presste mir auf das Herz. Ob die Maschinen, an die ich angeschlossen war, das aufzeichneten?

„Mit mir begehen Sie keinen Fehler“, sagte ich. Und fast glaubte ich es selbst.

 

Der Ablauf ähnelte einer komplizierten, steifen Tanzchoreografie von Maschinen. Messgeräte wurden abgenommen und durch neue ersetzt. Wartungsroboter glitten sirrend um den Jet. Kran- und Tankwagen brachten Materialien und schafften sie aus dem Weg. Die Menschen zwischen all dem Stahl und Kunststoff wirkten nicht wie Dirigenten, sondern wie unfreiwillig dazwischen gewirbelt. Ich saß bereits angegurtet in meinem Sitz, einsam im Frachtraum zwischen noch mehr Gerätschaften, elf Meter entfernt von den Piloten im Cockpit. Ein letztes Mal ließen meine Kollegen mich die Fragen wiederholen, die ich im Lichtriss stellen sollte. Es waren spezifische Fragen aus der Quantenphysik, die verifiziert werden sollten … falls man die untrügliche Gewissheit, die ich bei meiner Rückkehr empfinden würde, eine Verifikation nennen wollte.

Und dann rollte der Jet auf die Startbahn, beschleunigte und hob ab. Die Schwerkraft zerrte an uns und gab auf. Stimmen aus den Mikrophonen bestätigten, dass alles nach Plan verlief. Noch drei Minuten, bis wir die angepeilte Höhe und Geschwindigkeit erreicht hätten. Noch sechs Minuten, bis der Lichtriss kommen würde.

Sechs Minuten.

„Beschleunigter Puls. Alles in Ordnung bei dir?“, fragte mein Kollege in meinem Ohr.

„Ja. Die Aufregung hält sich bei sechs von zehn.“

„Gib uns doch nochmal deine Daten.“

„Mein Name ist Pascal Germain. Geboren am dritten Mai 2020 in …“ Ich sagte meine Daten auf, doch anstatt abgelenkt und beruhigt zu werden, drifteten meine Gedanken ab. Wie irrelevant mein Name, mein Alter, meine Nationalität, mein Geschlecht mir plötzlich vorkamen. Äußerlichkeiten, überprüfbare Tatsachen, die mich nicht ausmachten, sondern einzäunten. Oder? Wer war ich, wer war dieses Wesen in meinem Körper, unter den banalen Tatsachen? Das Unbenennbare, Unbegreifliche, das Warum – das war es doch, was mir wichtig war. Bei dem es um etwas, um alles ging.

„Jetzt geht dein Puls wieder zurück auf Sonntagsmesse in der Kirche“, sagte mein Kollege fröhlich.

Ja, ich spürte es. Ich wurde ruhig.

Vier Minuten. Was hatten solche Zeiteinheiten schon zu tun mit der Wirklichkeit?

Drei Minuten.

Mein Name ist Pascal Germain, ich werde dem Warum widerstehen, ich werde stark sein, stärker als Oma Wanda, stärker als das Wunderkind Fabian, stark wie Nomi Bellerit.

Zwei Minuten.

Aber sie ist nicht stark. Sie ist ängstlich. Sie fürchtet sich vor der Wahrheit, die wirklich etwas verändern würde. Ist sie überhaupt eine Wissenschaftlerin, wenn sie der Wahrheit widersteht? Sie ist ein Mensch. Sie will unter Menschen sein und nicht allein.

Sind die Seligen allein? Oder sind wir es?

Die letzte Minute brach an. Über die Kopfhörer hörte ich den Countdown. Vor mir, unendlich fern, die Piloten. Von hinten näherte sich der Lichtriss mit rasender Geschwindigkeit. Gleich hätte er mich eingeholt. Ich würde eintauchen und widerstehen und wiederkommen, oder … ich würde wissen.

Nein, ich würde nicht so werden wie Oma Wanda und Fabian. Aber warum eigentlich?

Ich musste doch wissen, warum.

 

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© 2019 by Jenny-Mai Nuyen. Mit freundlicher Genehmigung.

Alle Rechte vorbehalten.

Erstmals erschienen in: benSwerk und Holger Mucha (Hrsg.): Anderswelten. Edition Roter Drache, 2019

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 26. April, genau hier.

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