Kurzgeschichte am Fiction Friday: Die Gläubigen von Ju Honisch

© Mksaunders - pixabay

FICTION FRIDAY

Die Gläubigen (Ju Honisch)


In der Kirche des Göttlichen Klangs wird die Schönheit der Musik angebetet. Zweifler werden für immer zum Schweigen gebracht. Das ist gottheitsgewollt, denn sonst wäre es schließlich nicht so … oder?

Unsere abgründige PAN-Story des Monats stammt von der preisgekrönten Ju Honisch und erschien zuerst in der Anthologie „Das Dimensionstor“ (Amrûn).

Und wenn du wissen möchtest, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

1053ter Jahrestag nach der Findung Gottes

 

„Uuuuuuooåaahhhh …“

Der Klang strebte aus der dunkelblauen Masse empor. Sechsstimmig. In der Weite und lichten Höhe der gigantischen Kathedrale hoben sich die Stimmen mit Macht, zerstäubten dann durch den Raum wie Nebel, zerfaserten sich in Harmoniestränge, wisperten in den Ecken, warfen sich zurück und zerlegten die Melodie in fast geometrische Klangschatten. Die Architektur des riesigen Gebäudes war derart gestaltet, dass – so der Dirigent sich an die heiligen Rhythmus- und Temporegeln hielt – das Echo sich formgenau in das Gesungene einfügte.

„Uuuuuuooåaahhhh …“

Die Schönheit des Gesangs war jenseits jeder Beschreibung. Nur die herrlichsten Kompositionen durften in der Kathedrale gesungen werden. Lobpreisungen, die dem hohen Zweck und Vorbild nicht gerecht wurden, kamen auf den Index – zusammen mit ihren Komponisten.

Es gab nicht mehr viele Komponisten.

Rechts und links des mittigen Altares standen sie, die Sängerinnen auf der einen, die Sänger auf der anderen Seite, stufig auf den viertelrunden Emporen angeordnet. Hinter dem Altar selbst befanden sich die Bassisten als Verlängerung des Mittelteils. Sie alle waren in blaue Gewänder gehüllt, die alles bedeckten außer der unteren Hälfte ihrer Gesichter, aus der sich rüsselgleich ihr Mund vorwölbte.

Der Saum jedes Habits berührte den Boden und verbarg die Unterbeine. Die jeweils vier Ärmel waren lang genug, um die Krallenhände zu verstecken. Die Kapuze hing über die obere Hälfte des Gesichtes und ließ einen Blick nur nach unten zu. Es war demütig und recht, dass der Blick der Gläubigen sich gen Boden richtete. Denn von dort war einst das Heil gekommen, hatte sich eingefunden als Zeugnis der Göttlichkeit.

Damals.

Seit damals war viel Zeit vergangen. Doch die Kirche des Göttlichen Klangs hatte gegen jede Anfeindung und jede Fehlauslegung obsiegt.

Sie tat es noch. Tag und Nacht lebten die Priester und Lehrer ihren Glauben und sorgten dafür, dass es auch alle anderen Gläubigen taten. Denn auf der Welt gab es nur Gläubige und Tiere. Die Wesen der Welt unterschieden sich durch ihre Fähigkeit, zu glauben. Wer richtig glaubte, war ein Gläubiger. Wer dazu nicht fähig war, war ein Tier.

Die Unterscheidung war nicht immer so einfach, wie sie sich von außen darstellte. Freilich konnte man den Unterschied zwischen einem Gläubigen und zum Beispiel einem Sandelwurm oder einem Toliphanten rein optisch schon erkennen. Doch bisweilen wurden auch Gläubige zu Tieren, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie waren irregeleitet von jener Kraft des Bösen, die die Welt durchdrang und vom Wahren und Guten fortlenken wollte. Sie waren Verführte, denen das Göttliche nicht mehr ohrenscheinlich war. Sie dachten Gedanken, die dem einzig wahren Kanon des Glaubens nicht entsprachen. Die Kirche musste sich dieser nicht mehr Gläubigen, nunmehr Tieren, annehmen.

Auch heute, an diesem besonderen Festtage, wurde enttiert. Vor dem Altar lag ein des Tierseins Überführter.

„Uuuuuuooåaahhhh …“, sang der Chor und hörte dann schlagartig auf, sodass nur der Hall und Widerhall sich leiser werdend ineinander verwoben. Irgendwann war es ganz still.

Auch Stille konnte heilig sein.

Die Silberpriester standen zu sechst um den Überführten.

„Schuldig des Denkens“, sagte der erste.

„Schuldig des Kränkens“, sagte der zweite.

„Schuldig der Hetzerei“, sagte der dritte.

„Schuldig der Ketzerei “, sagte der vierte.

„Schuldig des Tierseins“, sagte der fünfte.

„Schuldig des Hierseins“, sagte der sechste.

Jeder der Silberpriester hakte einen Krallenfortsatz seines linken Unterfußes in den Körper des Überführten. Dann griffen sie mit dem oberen Armpaar jeweils nach einem der sechs Gliedmaßen des Ketzers und setzten die Schneidkrallen der unteren Arme an seinen Gelenken an.

Die Schreie des Schuldigen hatten Klangraum. Schrill hallten sie von den Ecken und Winkeln der Kathedrale wider, unschön und garstig, Beweis für die Tierhaftigkeit des Verurteilten. Die Gemeinde verneigte sich tief, um ihre Zustimmung zu bekunden. Klang traf auf die Stille des Schweigens. Schweigen war angebracht.

Die sechs mit einem Ruck abgetrennten Glieder des Überführten wurden nacheinander von zwei Ministranten vor den Schrein gelegt. Währenddessen gossen die Silberpriester durch den heiligen Trichter das flüssige Silber in den Schlund des Getierten. Die Schreie verklangen sofort. Nur ihr Hall schwebte noch in der Kathedrale und versank dann im aufbrausenden Klang des Chores, der in gottesfürchterlicher Herrlichkeit die Enttierung eines Schuldigen feierte.

„Taaahh!“, sangen sie.

„Tahhh! Tahh!“ Und die Bässe setzten den Kontrapunkt: „Luuuuuh. Luuuuuh! Ta!“

 

*

 

Früher – 735ter Jahrestag nach der Findung Gottes

Das Konzil tagte in zwei Gruppen, je auf dem Gipfel eines Hügels. Weit fort in der Ebene konnte man die halb fertige Kathedrale sehen, gen Himmel strebend, Zeugnis des Willens der Gläubigen, den Boden mit dem Firmament zu verbinden. Weil es so sein musste.

Näher, zwischen den beiden Konzilshügeln, standen die heiligen Legionen, gepanzert, krallenbewehrt, kampferprobt und gläubig. Freilich verdiente für jeden Hügel jeweils nur die eine Hälfte der Kämpfer diese Bezeichnungen, denn jeweils nur eine Hälfte gehörte zum Konzil der Wahren Gläubigen auf der einen Seite oder zum Konzil der Einzigwahren Gläubigen auf der anderen.

In letzterem wurde gesprochen.

„Niemand kann an der Wahrhaftigkeit unserer Auslegung zweifeln“, sagte der Erzmonokon und faltete fromm zwei Paar Krallen. Es war eine Aussage, die, faktisch betrachtet, schon dadurch widerlegt war, dass auf dem anderen Hügel das Konzil der Wahren Gläubigen versammelt war, das vermutlich just zum gleichen Zeitpunkt zu dem gleichen Ergebnis weiser Beratungen kam. Sie waren dennoch im Recht. Sie waren stets alle zu jeder Zeit im Recht, und die Göttlichkeit war auf ihrer – aller – Seite. Dessen waren sie sich sicher, denn sie waren unfehlbar. Sie würden siegen.

Darauf bauten auch die bewaffneten Gläubigen im Tal, die nur auf ein Zeichen warteten, um die getierten Feinde glorreich zu bezwingen. Ein Sieg brachte die Gnade der Göttlichkeit, und ohne diese war man dem Tiersein ohnehin viel zu nahe. Dieser Meinung waren beide Lager gleichermaßen, und niemand wollte im Grauen der Finsternis enden, die je nach Auslegung auch die Finsternis des Grauens sein mochte. Je nach Hügel hatte man da unterschiedliche Betrachtungsweisen.

„Der Glaube erlaubt keine Veränderung“, sagte der Erzmonokon.

Niemand widersprach. Die, die dem widersprochen hatten, waren auf dem anderen Hügel. Oder bereits enttiert und versilbert.

„Der Glaube“, verkündete auf jenem anderen Hügel der Neopolykon, „ist uns gegeben, um zu leben. Die Göttlichkeit hat uns über das Tier erhoben, indem sie uns das Lied des Denkens schenkte. Es nicht zu nutzen ist Sünde.“

„Maimei!“, sagte der eine Unterpolykon.

„Maimei!“, bekräftigten die anderen.

Sie alle waren sich des Sieges schon gewiss. Sie alle hatten genug Silber, um jene Überlebenden mit reinigendem Metall zu füllen, die alsbald bezwungen sein würden.

Reinigung war wichtig. Früher hatte es viel mehr Gläubige gegeben. Doch der Dienst an der Göttlichkeit hatte über die Jahrhunderte die Zahlen ausgedünnt. Sie waren eine göttliche Elite. Das war gut so, denn offenbar war es gottheitsgewollt, sonst wäre es schließlich nicht so.

Nach diesem Tag würden sie eine halbe göttliche Elite sein.

*

 

Früher – 456ter Jahrestag nach der Findung Gottes

„Wie kann das sein?“, flüsterte Mesenis, der Akolyth, und spähte panisch um den Rand seiner blauen Kapuze, um sicherzugehen, dass wirklich niemand zuhörte außer seinem Freund, Obrom, der ebenfalls Akolyth war, Anwärter auf die untere Priesterschaft der Göttlichkeit des Klanges. Mesenis war sich nicht ganz sicher, ob Obrom ihm das eben gesagt hatte, weil er ihm vertraute, oder weil er ihm nicht vertraute und seine Festigkeit im Glauben prüfen wollte.

Im Grunde wollte er nicht denken, dass Obrom ihn verraten wollte. Nicht so. Nicht jetzt. Oder doch?

„Ich weiß es doch nicht“, flüsterte Obrom zurück. „Man hat nicht bemerkt, dass ich mich nahe genug befand, um die Worte der Obersten Gläubigen zu hören. Ich war zum Putzdienst abgestellt und hatte die Ehre, den Heiligen Stein des Voraltars in der privaten Kapelle der Erzmonokons zu polieren. Dabei lag ich ordnungsgemäß bäuchlings hinter dem Altar, und man sah mich nicht. Als die Obersten Gläubigen in die Kapelle traten, hätte ich mich in meiner Niedrigkeit zu erkennen geben und der Gnade und dem Großmut unterwerfen müssen, aber … Ich hatte Angst.“

Mesenis verstand das. Grundsätzlich geziemte sich Zweifel nicht. Trotzdem war es immerhin denkbar, dass den Obersten Gläubigen irgendein Fehler unterlief. Bisweilen kam es hinunter durch die vielschichtigen Ränge des frommen Dienens schon einmal zu Missverständnissen in den Abläufen. Und da konnte es durchaus geschehen, dass ein Akolyth zum Putzen dorthin entsandt wurde, wo die Obersten Gläubigen ihren geheimen Rat abhielten.

Gefunden werden konnte einem schlecht bekommen.

Heimlich zuhören war freilich nicht minder gefährlich.

„Sie haben gesagt, dass der göttliche Stein schon seit Generationen nicht mehr singt.“

„Aber er sang doch nur, wenn die Leuchte des Himmels auf ihn fiel. Denn er war der Bote des Lichts in der Finsternis. Und die, die wir nach Licht und Sündenfreiheit streben, werden ihn einst hören dürfen in seiner ganzen Herrlichkeit.“

„Maimei!“, sagte Orbrom fromm und bezirkelte sich mit einer Kralle.

„Maimei!“, bekräftigte Mesenis.

Dann sahen sie sich erneut um, blickten verstohlen hinter sich und über sich. Doch sie schienen allein zu sein.

Sie schwiegen dennoch eine ganze Weile. Schließlich fragte Mesenis ganz leise: „Meinst du, die Göttlichkeit hat uns verlassen?“

Obrom bezirkelte sich noch einmal.

„Man kam zu dem Schluss, dass das Lied der Göttlichkeit uns auf Zeit geschenkt worden war. Es wurde uns gegeben, damit wir verstehen und glauben. Und es ist nun an uns, es weiter durch die Generationen zu tragen. Denn das ist der Wille der Göttlichkeit. Das Lied wird wieder erklingen, wenn es dereinst den Grund mit dem Firmament vereint zur Ewigen Verbindung allen Seins in der Klangharmonie des Göttlichen. Deshalb“, Obrom blickte sich noch einmal um, „sind die Obersten Gläubigen jetzt auch unfehlbar. Denn sie sind es, die das Licht des Klanges und den Klang des Lichts weitertragen. Da können sie nicht fehlbar sein.“

„Unfehlbar?“

Obrom nickte. „In ihnen spielt der Klang still weiter, denn sie sind begnadet.“

„Der Klang? Still?“

„Und demnächst wollen sie verkündigen, dass Diskussionen über den Glauben sündig sind, da ihre Inhalte von der Unfehlbarkeit abweichen mögen. Nur Tiere disku-tieren.“

„Tie…?“

„Scht!“

Mesenis wusste sowieso nicht, was er sagen sollte. Die Göttlichkeit des Klanges war fort. Die Welt war dennoch nicht untergegangen. Und doch schien es ihm, als sei genau das geschehen.

Er blickte Obrom an. Sie würden nie wieder miteinander sprechen. Einen Augenblick verharrten sie reglos, dann entfernten sie sich in entgegengesetzte Richtungen und überlegten jeder für sich, ob es opportun war, den anderen zu melden.

Oder besser nicht.

*

 

Früher – 1ter Jahrestag nach der Findung Gottes

Damit der Stein weiterhin sang und nicht müde wurde, hatte der Schamane ihm einen Holzkasten bauen lassen. Es war ein besonderer Kasten, denn er ließ sich nicht nur nach oben, sondern nach allen Seiten öffnen. Ein Kunstwerk, mit Silber verziert und mit blauer Blütenfarbe bemalt. Er stand auf einem breiten, blumenumkränzten Tisch.

Der Schreiner hatte daraufhin Geld vom Schamanen verlangt. Der Schamane war nicht gewohnt, für etwas zu bezahlen. Er war Schamane. Er war die Verbindung zwischen seinem Stamm und den Mächten, welche die Welt und die Schicksale aller leiteten. Er verteilte keine Gaben, er erhielt sie. Der Schreiner hatte inzwischen das Dorf verlassen.

Blau und silbern war nicht nur der Kasten, sondern auch der Stein, und er sang mit ihnen. Er sang nur, solange Tageslicht auf ihn fiel. Der Schamane dosierte das Singen. Das schien ihm angemessen. Natürlich war es göttlich, doch auch das Trommeln des Schamanen war nicht zu unterschätzen, hatte jahrelang gute Dienste getan, böse Mächte fortgehalten und für die Wiederkehr der Jahreszeiten gesorgt.

Der Schamane war sich sicher, dass er gut achtgeben musste, seine Stellung als Bindeglied zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, dem Schicksal und den Wesen, die an ihn glaubten, nicht zu verlieren.

Er hatte den Stein nicht selbst gefunden. Boh hatte ihn gefunden. Ausgerechnet Boh, der Dorfidiot, der Minderbemittelte, der, dem das Sprechen schwerfiel und der keinen Respekt kannte. Boh hatte den Stein entdeckt.

„Singt!“, hatte er dem Schamanen gesagt. „Singt.“

Ob es eine Aufforderung oder ein Kommentar war, vermochte der Schamane nicht zu sagen. Und Boh sagte nichts mehr. Er war über einen Fels gefallen und hatte sich den Kopf gebrochen.

„Ich habe es selbst gesehen!“, hatte der Schamane dem Stamm versichert. Einem Schamanen nicht zu glauben brachte Unglück. Niemand wollte Unglück. Niemand wollte über einen Fels fallen und sich den Kopf brechen. Schon gar nicht jetzt, wo der Schamane den Stein der Göttlichkeit gefunden hatte.

Der Schamane stellte Wächter an. Diese sollten den Stein bewachen - und ihn. Sie erhielten Nahrung und besondere Kleidung.

Das Dorf erhöhte seine Gaben an den Schamanen. Er bekam eine größere Hütte, eine schönere Kutte und einen hohen Hut. Manche murrten, doch die Wächter des Steins trieben ihnen das Murren aus. Dafür erhielten sie noch mehr Gaben.

Als der Stamm aus dem Nachbartal angriff, war es zweifellos dem Stein zu verdanken, dass man gegen die Feinde siegte. Und dem Schamanen, der mit dem Stein sang. Und seinen Wächtern, die inzwischen gut kämpften, weil sie keine andere Aufgabe mehr hatten.

Der Stein war ein Segen. Tatsächlich fühlte er sich gar nicht an wie ein Stein. Seine Oberfläche war seltsam glatt – und natürlich blau und silbern. Die Form war auch merkwürdig, erinnerte eher an einen Ziegelstein, geradwinklig und flach. Und es waren magische Zeichen drauf, die nur der Schamane, so sagte er, deuten konnte, aber natürlich nicht verraten durfte. Nur er und seine Nachfolger.

*

 

Stunde 0

Boh war Hirte. Er war gern Hirte. Er mochte seine Graser, die er von Weide zu Weide trieb und um deren Wohlergehen er sich zu kümmern hatte. Es waren mehr Tiere, als er zählen konnte, doch er wusste immer, wenn eines fehlte, denn er kannte alle ihre Namen.

Eben hatten sie noch ruhig beieinander gestanden und gegrast. Doch jetzt war Unruhe aufgekommen, wie bei einem Gewitter. Fast war es Boh, als hätte er einen Blitz gesehen, doch Blitze schossen über den Himmel. Sie glitzerten nicht plötzlich in Bodennähe auf und verschwanden dann wieder.

Auch hatte der Knall nicht nach Donner geklungen, war schärfer, kürzer und viel leiser. Eher ein Popp. Boh blickte zum Firmament und fand es wolkenlos. Die Sonne schien.

Mehr Zeit konnte er nicht aufwenden, denn seine Graser drifteten auseinander und strebten in Richtungen, die nicht gut waren. Boh wusste, was gut war und was nicht gut war.

Graser waren nicht sehr klug. Boh war das auch nicht, doch er war klüger als die Graser. Deshalb konnte er sie auch einfangen und beruhigen. Sie hörten auf ihn. Er war nützlich, und Graser waren auch nützlich.

Dennoch wollte er wissen, was da gewesen war, und begab sich in die Mitte der Herde.

Der Gegenstand war in etwa so groß wie die Lehmziegel, aus denen die Hütten im Dorf gemacht waren, nur sehr viel flacher und ganz, ganz dünn. Und viel schöner, blau und silbern, und er blitzte in der Sonne. Und er war so … so …

Boh fiel nicht das richtige Wort ein. Er versuchte es mit mehreren. Glatt, spiegelnd, gleichmäßig, mit irgendwie perfekten Ecken. Er sah das Ding lange an. Es passte nicht in die Landschaft. Und es war hier nicht gewachsen. Er hatte so etwas noch nie gesehen.

Er fürchtete sich, als er es in die Hand nahm. Doch es passierte nichts. Das Ding war leicht und so geschmeidig wie polierter Stein. Ein Rädchen war auf der einen Seite, blütenrund. Er drehte daran, schob das Ding von einer Hand in die andere, betatschte es mit seinen Fingern und schüttelte es.

Er ließ es fallen, als es anfing zu singen. Da lag es und sang. In seinem Dorf sangen die Menschen auch, doch es klang nie so schön. Der Rhythmus fuhr ihm in die Unterbeine, und Boh stampfte und wirbelte mit den Armen dazu.

Die Graser blickten ihn irritiert an und begannen dann erneut nach außen abzudriften. Boh hob das Ding wieder auf und sah den Grasern hinterher, plötzlich unschlüssig, was zu tun sei.

„Was machst du da?“, fragte eine scharfe Stimme. Boh fuhr herum und blickte schuldbewusst auf den wichtigsten Mann des Dorfes. Vor ihm hatte er Angst, denn er war mächtig.

Und Boh war sich nicht sicher, ob er dieses Ding hätte finden dürfen.

„Singt“, stotterte er, dem selbst die Worte, die er denken konnte, nur unwillig über die Lippen gingen. „Singt.“ Er hielt nun das Singding ganz hoch. Seit es sang, hörte es nicht mehr auf.

Der Schamane eilte zu ihm, so schnell es seine Würde erlaubte. Seine Amulette klingelten. Seine Dunstglocke von altem Fell und Häuten umgab ihn wie eine Wand.

„Wo hast du das her?”

Boh deutete auf den Boden.

„Hat es irgendwer gebracht? Lag es einfach da? Hast du jemanden gesehen? Eine Erscheinung? Etwas Göttliches?“

So viele Fragen. Boh war verwirrt, welche davon er beantworten sollte. Also sagte er gar nichts. Meist hatte sich das bewährt.

„Gib’s mir!“, befahl der Schamane. „Nun gib schon her!“

Doch Boh wollte nicht. Er hatte die schöne Musik gefunden. Es war seine Musik. Er hielt das Singding fest umklammert.

„Gib’s mir! Sofort. Das kommt von den himmlischen Mächten.“ Mit dem Schwarzholzstab seines Amtes deutete der heilige Mann gen Himmel.

„Boden!“, widersprach Boh trotzig und hielt sein Fundstück fest.

„Deine Graser nehmen Reißaus“, mahnte der Schamane, umkrallte seinen Stab fester und deutete damit zur Herde.

Boh drehte sich erschrocken um und blickte den auseinanderstrebenden Grasern besorgt hinterher.

Etwas krachte, und ein ungeheurer Schmerz in seinem Hinterkopf trieb Boh in die Knie. Sein erster Gedanke war, dass der Schamane recht hatte und die himmlischen Mächte ihn nun straften. Das Singding war ihm aus der Hand gefallen, doch es sang noch immer und drang in neuer Intensität in sein Bewusstsein.

„Maimei – ettuuooåaahtahlu - nepoulyendid - sarrenda…“

Ein zweiter Schlag traf Boh, und er sah den Blitz, den er verpasst hatte, hörte die Musik sich in ihm ausbreiten, immer weiter.

Bis zur Stille.

 

---

© 2017 by Ju Honisch. Mit freundlicher Genehmigung.

Erschienen in: Nadine Muriel und Stefan Cernohuby (Hrsg.): Das Dimensionstor. Ein Portal in andere fantastische Welten und Zeiten. Amrûn Verlag 2017.

Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Autorin Ju Honisch

Ju Honisch studierte Geschichte und Anglistik in München. Eine Weile lebte und arbeitete sie in Irland. Inzwischen wohnt sie in Hessen. Sie schreibt Kurzgeschichten und Romane, von denen gleich zwei mit Preisen bedacht wurden: dem Deutschen Phantastik Preis (bestes Romandebut) für „Das Obsidianherz“ und dem SERAPH für „Schwingen aus Stein“. Zur Entspannung macht sie Musik und schreibt Lieder im Phantastik-Bereich.

Vieles, was Ju Honisch schreibt, gehört in den Bereich der Phantastik oder ist nicht weit entfernt davon angesiedelt. Allzu niedliche Feen und romantische Elflein wird man allerdings umsonst in ihren Büchern suchen. Sie mag es spannend. Sie mag es schwarzhumorig. – Und was wäre das Leben schon ohne wenigstens ein bisschen Liebe?

www.juhonisch.de

 

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 10. Mai, genau hier.

Share:   Facebook