Kurzgeschichte am Fiction Friday: Hilde Strunck und die Wichtel (Heike Schrapper)

© GregoryButler - pixabay / Tanja Lauch

FICTION FRIDAY

Hilde Strunck und die Wichtel (Heike Schrapper)


Wichtel sind nicht süß. Wichtel stinken. Wie Mülltonnen im Sommer, nach Verwesung. Außerdem haben sie lange, gelbe Zähne und fiepen ekelhaft schrill. Findet Hilde. Die kleine, fiese Story „Hilde Strunck und die Wichtel“ entstammt der neu gegründeten Heftreihe BASEMENT TALES, die Kurzgeschichten zu jeweils einem Thema aus dem Genre Pulp Noir präsentiert; Vol. 3 erschien vor einer Woche.

 

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Ich weiß noch genau, wann ich das erste Mal einen von diesen ekelhaften Wichteln gesehen habe. Es war auf Elfriedes fünfundsiebzigstem Geburtstag. Nach dem Kaffeetrinken kam die alte Schnapsdrossel mit ihren selbst gemachten Likörchen und füllte uns systematisch ab. Sie glaubte wahrscheinlich, mit der Stimmung würden sich auch unsere Zungen lockern und sie könnte an ein paar neue Geschichten zum Weitertratschen kommen. Bei einigen von den Weibern funktionierte das auch. Gertrud erzählte erst mal in allen Einzelheiten von ihren peinlichen Liebschaften. Dann breitete Renate mal wieder ihre Reizdarmprobleme vor uns aus, und dass das ja noch gar nichts gegen die furchtbaren Blähungen von ihrem Walther wäre, und genau in dem Moment roch ich es. Zuerst dachte ich, es würde an Renates lebhafter Schilderung liegen, aber der Geruch wurde dann doch zu penetrant für ein Produkt meiner Einbildung.

Ich weiß noch, dass ich fragte: „Riecht ihr das auch?“, und alle lachten, weil sie glaubten, ich machte einen Witz wegen Renates Geschichten. Sie merkten wirklich nichts. Und dann sah ich das Vieh. Der Wichtel kam unter dem Wohnzimmerschrank hervor und flitzte über Elfriedes guten Perserteppich direkt auf uns zu. Vor Schreck kreischte ich laut auf. Die anderen wussten gar nicht, was los war. Ich zeigte mit dem Finger auf das widerliche Biest, das mitten auf dem Teppich stehen geblieben war und mich mit seinen roten Knopfaugen anstarrte, und die anderen glotzten mich genauso an und fragten immer nur: „Was ist denn los, Hilde? Ist dir nicht gut? Was hast du denn?“ Keine hat das Mistvieh bemerkt, dabei stand es bestimmt zehn Sekunden lang mitten im Zimmer. Dann gab es ein schrilles Trillern von sich und wetzte wieder unter den Wohnzimmerschrank. Die Mädels stritten ab, irgendwas zu sehen oder zu hören. Ich musste mich aufs Sofa legen, Elfriede brachte ein Glas Wasser, Heidrun wollte mir ihren homöopathischen Beruhigungstropfenquatsch aufdrängen, und Renates Reizdarm war erst mal vergessen. Später tratschte Elfriede überall rum, ich hätte auf ihrem Geburtstag einen Nervenzusammenbruch gehabt. Alles in allem eine ziemlich peinliche Angelegenheit.

Von da an sah ich sie andauernd. Wichtel. So nenne ich sie. Ich weiß nicht, was sie wirklich sind, ob sie überhaupt einen Namen haben und wie viele andere außer mir sie noch sehen. Wie viele außer mir die Schnauze halten, weil sie nicht als Verrückte angesehen werden wollen. Aber ich bin nicht verrückt. Es gibt sie.

Die Mädels bestanden darauf, dass ich auf keinen Fall mit dem Auto, geschweige denn mit dem Bus nach Hause fahren durfte, sondern ein Taxi nehmen sollte. Was für eine Geldverschwendung, aber natürlich hatte es keinen Zweck, zu protestieren. Zu Hause ging ich dann direkt ins Bett; ich hatte ja wirklich ziemlich viel getrunken, und Elfriedes Likörchen sollte man nicht unterschätzen. Als ich morgens mit Kopfschmerzen wach wurde, glaubte ich fast selbst, dass ich mir das Vieh nur eingebildet hatte. Vielleicht hatte Elfriede eine Ratte im Haus, die mir im angeschickerten Zustand wie ein Ungeheuer vorgekommen war. Man hört ja immer wieder, dass Alkoholiker Sachen sehen, die überhaupt nicht da sind. Wobei ich natürlich keine Alkoholikerin bin; dass mir da bloß keine Missverständnisse aufkommen! Jedenfalls war mir die Sache furchtbar peinlich, und als sich mein Zustand so weit gebessert hatte, dass ich, fast drei Stunden später als sonst, mein Graubrot mit Käse und meine Tasse Kaffee zu mir nehmen konnte, überlegte ich schon, wie ich den Mädels meinen Anfall erklären sollte. Da roch ich es wieder. Wichtel stinken. Sie stinken ungefähr wie Mülltonnen im Sommer; nach Verwesung, süßlich und ekelhaft. Na ja, natürlich nicht ganz so extrem, dafür sind die Biester einfach zu klein. Aber wenn sie sich bewegen, erst recht, wenn es mehrere sind … widerlich. Zuerst war ich ganz steif vor Schreck. Dann dachte ich daran, wie der Wichtel bei Elfriede mich angeglotzt hatte und wieder abgehauen war, als er merkte, dass ich ihn sehen konnte. Also tat ich so, als ob nichts wäre, aß meine Schnitte weiter, trank einen Schluck Kaffee … ganz unauffällig eben, ganz normal. Da kam das Vieh aus dem Spalt neben der Spüle. Aus den Augenwinkeln konnte ich es genau beobachten. Die knubbelige Nase zuckte und schnupperte, die kleinen roten Knopfaugen guckten in meiner Küche herum, und dann bleckte es seine Zähne. Fast hätte ich wieder losgeschrien. Wichtel haben lange, gelbe und nadelspitze Zähne, und zwar jede Menge davon. Außerdem wachsen sie in zwei Reihen hintereinander. Ich habe mal in einer Fernsehsendung über Haifische gesehen, dass die so enorm viele Zähne haben, die immer wieder nachwachsen, wenn einer ausfällt. Bestimmt ist es bei Wichteln genauso. Außerdem machen sie diese schrillen, hohen Töne, so ein pfeifendes Trällern, das Hunde ganz verrückt macht. Oh ja, Hunde können sie auch sehen, da bin ich mir ganz sicher. Dieser Wichtel jedenfalls huschte vom Spalt neben der Spüle aus zum Mülleimer und hob eine Wurstpelle hoch, die mir wohl danebengefallen war. Er hielt sie in seinen kleinen, kralligen Händen, schnupperte daran und fraß sie dann auf. Er war vielleicht knapp zwanzig Zentimeter groß, hielt sich ein bisschen vornübergebeugt und hatte eine Art Lendenschurz oder so was aus grauem Fell an. Aber nicht genäht, sondern einfach so ein ungleichmäßiger Lotzen. Ich glaube, es war Rattenpelz. Wichtel scheinen kleineren Tieren das Fell abzuziehen und es sich umzuhängen; einfach so, wie es ist. Vielleicht stinken sie deshalb so. Als er die Wurstpelle aufgefressen hatte, schnüffelte der Wichtel ein bisschen in meiner Küche rum. Und dann passierte es: Er kam zu mir und langte mit seiner widerlichen Hand nach meinem Bein. Ich hatte ja nur meinen Bademantel und Pantoffeln an, nicht mal eine Strumpfhose. Ich konnte ganz genau sehen, dass die Kralle an dem zweiten seiner dürren, knotigen Finger noch viel länger und spitzer war als an den anderen. Genau diese Kralle streckte er nach meinem Unterschenkel aus. Da war es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei. Ich musste natürlich doch noch kreischen und nach dem Vieh treten. Der Wichtel guckte ganz verdutzt, fiepte einmal schrill und flitzte wieder hinter die Spüle. Hinterher habe ich oft andere Wichtel dabei beobachtet, wie sie mit dieser Spezialkralle die Leute stechen. Danach drücken sie ihren ekelhaften Mund an die Einstichstelle, um das Blut rauszusaugen. Das Schlimmste ist, dass es keiner merkt. Alle lassen sich einfach aussaugen, ohne irgendwas dagegen zu machen. Einmal habe ich mitbekommen, wie die junge Frau Schröder von gegenüber von einem Wichtel angefallen wurde, als sie auf dem Spielplatz auf der Bank saß. Am nächsten Tag zeigte sie ihren „riesigen Mückenstich“ rum und erzählte, wie der jucken würde. Natürlich konnte ich nichts sagen. Habe ich nie getan … bis jetzt.

Jedenfalls entwickelte ich einen regelrechten Hass auf Wichtel, je mehr ich davon sah. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen … Einmal war ich bei Heidrun zum Kaffee eingeladen und konnte durchs Fenster sehen, wie ein Wichtel sich auf eine Meise stürzte, die unter Heidruns Vogelhäuschen auf dem Rasen hockte. Hat den Vogel gleich an Ort und Stelle aufgefressen, samt Innereien und dem Großteil der Federn und allem Drum und Dran. Völlig blutbeschmiert war er danach. Zum Schluss steckte er sich noch eine der übrig gebliebenen Federn in seine verfilzte Kopfbehaarung. Ich konnte bei dem Anblick natürlich keinen Bissen mehr von Heidruns berühmter Schwarzwälder Kirsch runterkriegen. Heidrun fragte immer wieder, ob es mir nicht schmecken würde, ob was mit der Torte wäre, und ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Habe bestimmt nur fadenscheinigen Unsinn geredet. Wahrscheinlich nimmt sie mir das heute noch übel.

Kurz darauf – damals bin ich ja noch Auto gefahren – sah ich zwei Wichtel, die auf dem Seitenstreifen der Autobahn an einem totgefahrenen Kaninchen knabberten. Ich merkte mir die Stelle, fuhr die nächste Ausfahrt runter, drehte um und hoffte die ganze Zeit, die Biester würden noch eine Weile da hocken bleiben. Normalerweise war ich immer eine ganz ruhige, besonnene Fahrerin, aber da habe ich mal richtig Gas gegeben. Tatsächlich waren die Wichtel noch da, rissen mit ihren Zähnen an den Innereien und fühlten sich wohl ziemlich sicher auf dem Seitenstreifen. Aber da hatten sie die Rechnung ohne Hilde gemacht! Ich fuhr zügig an die Stelle ran, dann im letzten Moment ein scharfer Ruck nach rechts, und die Viecher waren nur noch Matsch. Der junge Schnösel im Wagen hinter mir hupte ganz entrüstet. Für den sah es aus, als ob ich einfach zum Spaß über ein totes Karnickel gefahren wäre. Bestimmt hielt er mich für verrückt. Na ja, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Von da an habe ich beim Autofahren immer die Augen aufgehalten und bestimmt noch zehn bis fünfzehn Wichtel erlegt. Weil sie es nicht gewohnt sind, dass jemand sie sieht, sind sie ja unglaublich dreist. Schlimmer als Stadttauben.

Wirklich, Sie würden es nicht für möglich halten, wie wichtelverseucht alles um uns herum ist. In fast jeder Wohnung gibt es welche. Bestimmt auch in Ihrer. Unser Altbau war da keine Ausnahme. Im Keller habe ich sogar mal ein Wichtelnest gefunden. Auf dem Weg zur Waschküche hörte ich dieses schrille Fiepen und Trillern, noch eine Tonlage höher als gewöhnlich, und es kam eindeutig aus dem Heizungskeller. In der Ecke hinterm Heizkessel sah ich dann das Nest, eigentlich nur ein Haufen Lumpen. Drei ganz kleine Wichtel lagen drin, ganz unbehaart und die Augen noch zu, aber die Mäulchen schon voll mit diesen spitzen gelben Zahnreihen. Mit denen habe ich kurzen Prozess gemacht, das kann ich Ihnen sagen! Ich habe die ganze lärmende Brut samt Nest mit einer Schaufel in den Putzeimer geschippt und zu den Mülltonnen im Hinterhof getragen. Da habe ich den Eimer ausgekippt, mit der Schaufel immer feste draufgehauen und den ganzen Mansch in die Tonne geschmissen. Auf dem Rückweg hörte ich schon das Gejaule aus dem Heizungskeller. Als ich die Tür aufmachte, war da dieser Wichtel, offensichtlich ein Weibchen, suchte in der Ecke rum, wo das Nest gewesen war, und konnte sich gar nicht wieder einkriegen. Mich beachtete es natürlich nicht weiter, weil es ja dachte, ich sehe und höre nichts. „Guck mal hier, du Mistviech! Ich weiß, wo deine Blagen sind“, habe ich gerufen und die Schaufel hochgehalten. War das ein Geschrei! Fast wäre das Wichtelvieh mir an die Kehle gesprungen, aber ich hatte ja zum Glück die Schaufel in der Hand. Leider traf der erste Schlag nicht richtig, es konnte sich noch hinter die Heizung retten. „Dich kriege ich auch noch!“, habe ich gesagt und die Tür zugeknallt. Ob die Viecher uns verstehen? Nein, auf keinen Fall. Dieses hatte bloß die Reste vom Wichtelbrutmansch an der Schaufel gerochen.

Wenn die Biester erst einmal spitzkriegen, dass man sie sehen kann, werden sie vorsichtig. Deshalb hat es auch ewig gedauert, bis ich den Wichtel, der hinter meiner Spüle hauste, mit der Kehrschaufel erwischt habe. Statt ihn in den Müll zu werfen, habe ich ihn dann neben der Tonne an die Mauer gelegt. Wissen Sie, ich wollte mal sehen, was passiert. Ob ihn vielleicht doch jemand außer mir bemerkt, was der Hund von der alten Heitzmann macht, ob ihn eine Katze frisst, oder was auch immer. Von meinem Küchenfenster aus hatte ich ja die Mülltonnen ganz gut im Blick. Und was passierte, war, dass zwei andere Wichtel ankamen und das Vieh wegschleppten. Bestimmt wollten die ihn auffressen, da kennen die ja nix. Ich hab noch aus dem Fenster meinen Handfeger, einen Kohlkopf und ein paar andere Sachen nach ihnen geschmissen, aber nicht getroffen. Nachher musste ich alles wieder hochholen. Möchte gar nicht wissen, was die Nachbarn dachten …

Tja, und meinen Unfall habe ich letztendlich auch diesen Dreckswichteln zu verdanken. Ich gehe mit meiner Einkaufstasche, dem Regenschirm und noch einer vollen Mülltüte die Treppe runter, da springt mir auf einmal so ein Biest auf den Kopf. Muss sich wohl von weiter oben im Treppenhaus runtergestürzt haben. Und als ich alles fallen lasse und versuche, ihn wegzumachen, läuft mir ein anderer von irgendwoher zwischen die Füße. Als ich wach wurde, war ich dann schon hier und konnte meine Beine nicht mehr spüren.

Aber jetzt wollen Sie bestimmt wissen, warum ich Ihnen das alles erzähle, Herr Doktor. Sehen Sie, es ist eben so, dass es auch in Ihrem modernen, sauberen Krankenhaus Wichtel gibt. Doch, doch, das bleibt nicht aus, da braucht man sich nicht für zu schämen. Und weil ich mich ja nicht bewegen kann, muss ich immer mit ansehen, wie sie mir ihre widerlichen Krallen in die Beine rammen und mich aussaugen. Ja, genau da, das sind nämlich gar keine Mückenstiche. Ich kann ja schlecht immer nach der Schwester klingeln; ich meine, was soll ich denn sagen, was los ist? Aber bei Ihnen hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Hilde, habe ich mir gesagt, dem Doktor kannst du dich anvertrauen, dem kannst du … Nein, im Moment sehe ich keinen. Aber sie hocken bestimmt irgendwo hier rum, das rieche ich. Wenn Sie mich vielleicht in ein anderes Zimmer … Ich halte das einfach nicht mehr aus, wissen Sie? Ja, sicher, das kann ich verstehen, aber ich bin ganz bestimmt nicht verrückt. Sie können doch nicht einfach … Herr Doktor! Kommen Sie zurück! Da ist schon einer. Noch einer! Das ist ein ganzes Rudel … Kommen Sie doch zurück! Hilfe!

 

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© 2017 by Heike Schrapper. Erschienen in: BASEMENT TALES Vol. 1 „Bodensatz“, The Dandy is Dead Publishing House 2018

 

Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Heike Schrapper

Heike Schrapper kümmert sich von Berufs wegen um die Unterweisung hoffnungsfroher junger Menschen in sprachlichen und künstlerischen Belangen. Da eine derart sinnvolle Tätigkeit zwingend eines Ausgleichs bedarf, schreibt sie außerdem Kurzgeschichten von pädagogisch eher zweifelhaftem Charakter. Für einen eigenen Roman wird sie wohl immer zu ungeduldig bleiben, darf aber zum Glück ab und an mal einen übersetzen.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 15. März, genau hier.

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