Kurzgeschichte am Fiction Friday: Die Aura oder Im Zustand der Gnade (Angela & Karlheinz Steinmüller)

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FICTION FRIDAY

Die Aura oder Im Zustand der Gnade (Angela & Karlheinz Steinmüller)


Angela & Karlheinz Steinmüller
15.03.2019

Sebastian hat plötzlich einen Heiligenschein – und keine Ahnung, womit er sich den verdient hat. Ist ein Gott am Werk? Oder eine Künstliche Intelligenz?

Angela und Karlheinz Steinmüller haben mit Andymon einen der erfolgreichsten SF-Romane deutscher Sprache geschrieben und werden derzeit mit dem sukzessiven Erscheinen einer Werkausgabe geehrt (Golkonda/Memoranda). In ihrer neusten Erzählung schildern sie, wie sehr unsere Gesellschaft von neuen, vielleicht doch nicht zur Gänze kontrollierbaren Technologien durchdrungen ist – und wie sehr der Schein unser Selbstbild prägt. Vorsicht, Schlusspointe!

 

***

»Schau dir diesen Humbug an!« Selten hatte Sebastian Gruber seinen Freund Devin so aufgebracht erlebt. Er beugte sich nach vorn, um den Bildschirm von Devins Tablet besser zu sehen, rückte die Brille zurecht. Da lief eine ganz gewöhnliche Straßenszene, aufgezeichnet am Marktplatz mit seinen Händlerbuden. Passanten wechselten mehr oder weniger gestresst und eilig über den Fahrdamm. Unter ihnen ein Mann in graubrauner Lederjoppe. Ihn umgab von Kopf bis Fuß eine Art heller, milchiger Nebel. Ein Bildfehler? Ein Beleuchtungseffekt?

»Mann, hast du eine lange Leitung«, grummelte Devin. »Da hat uns jemand den Heiligenschein gestohlen!« Er betonte jede Silbe: »Ge-stoh-len«. »Eine Unverschämtheit. Verletzung unserer Patentrechte!«

Sebastian lehnte sich zurück. Er kannte Devin gut genug, um zu wissen, dass sein Freund, hatte er sich erst einmal in eine Idee verbissen, nicht lockerlassen würde.

Devin kam um den niedrigen Glastisch herum, nahm neben Sebastian Platz auf der Sitzbank. Grell fiel das Licht aus der breiten Fensterfront in den »Inspiration Space«, den Raum für lockeres Nachdenken mit seinen grün bewachsenen Raumteilern, den beiden rosaroten Hängesitzen und dem abstrakten Wandgemälde in Schwarz, Weiß und Dunkelblau, das angeblich von einer Robbe im Tierpark gemalt worden war. In der Ecke am Espressoautomaten tuschelten Torsten und Annika, zwei ihrer jungen Mitarbeiter.

»Also wie unser Heiligenschein sieht das nicht aus«, wandte Sebastian ein. Drei Jahre war es her, kurz nach seiner Scheidung. Damals hatten sie eine App auf den Markt gebracht, die, wenn man das Handy als Kamera benutzte, Personen, die man durch Antippen auswählen konnte, einen Heiligenschein verpasste. Das machte sich auf Selfies oder Bildern von Kameraden ganz gut: Seht mal, hier wandelt ein Heiliger unter Normalmenschen! Devin und er hatten damals überlegt, ob sie die Funktion mit einer Gesichtserkennung kombinieren sollten, so dass ausgewählte Personen – spezielle Freunde oder alle Kontakte im Adressbuch – stets so einen Heiligenschein erhielten. Merkwürdigerweise hatte er sich stets Laura, seine besserwisserische Ex, als so eine Schein-Heilige vorgestellt. Letztlich hatte sich die App jedoch nicht sonderlich gut verkauft, außerdem hatten einige Nutzer – wohl allesamt Katholiken – protestiert. Daraufhin hatte Raitan Gruber App Solutions, wie ihre Firma damals noch hieß, die Entwicklung eingestellt.

»Hörst du mir zu, Basti?« Devin rückte noch ein Stück näher. »Ich will zuerst einmal wissen, wie das technisch funktioniert. Die Szene hat mir meine Tochter geschickt. Liane schwört, sie hätte keine spezielle App installiert und auch bei ihren Freundinnen wären schon solche, wie sie sagt, ›Strahlemänner‹ aufgetaucht.«

»Dann wird es wohl ein Virus sein, der die Bildverarbeitung befällt, oder vielleicht, noch einfacher, ein Bug in der Kamerasoftware.«

»Herstellerübergreifend? Modellunabhängig? – Da ist uns jemand nicht bloß eine Nasenlänge voraus!«

»Die benutzen alle dieselben Chips. Nur die Namen, die Marken – und die Preise – unterscheiden sich. Vielleicht haben sogar alle Freundinnen deiner Tochter dasselbe Modell. Weil das gerade Mode ist wie damals, als alles mit einem i beginnen musste.«

»Mann, stellst du dich heute wieder stur, Basti.« Devin atmete tief ein und fuhr sich dann mit der Hand durch das graue Haar. »Nicht allein auf Smartphones, auch auf Tablets …«

»Alles Android oder iOS oder Windows mobile … Und wenn, dann brauchen wir als Erstes mehr Beispiele, mehr Bilder oder Videos mit diesen umflorten Gestalten. Wenn uns deine Tochter und ihre Freundinnen mehr davon schicken würden? Und dann sollten wir ihren Handy-Speicher auslesen.« Devin musste wissen, dass sich die jungen Leute kaum darauf einlassen würden. Damit hatte sich die Angelegenheit erledigt, und er, Sebastian, konnte sich wieder seinen neusten Ideen zur Emotionserkennung bei Tieren zuwenden.

In dem Moment kam Annika heran, Torsten im Schlepptau. »Chefs, eine Sekunde?«, fragte sie, wobei ihr Pferdeschwanz wippte. Sebastian nickte, doch Devin ging sofort in Abwehrhaltung. Sebastian versetzte ihm einen sanften Rippenstoß: Gerade im »Inspiration Space« sollte man immer Zeit für die Mitarbeiter haben. Interaktion brachte Innovationen hervor.

»Da ist was im Busch.« Annika, resolut und selbstbewusst, legte ihr Smartphone neben das Tablet auf den Tisch. »Das geht schon den ganzen Morgen so. Facebook, Twitter, einfach überall.« Auch Torsten hielt nun sein Gerät Sebastian und Devin hin, Annika wischte von einer Seite zur nächsten. Und jetzt erkannte Sebastian, was sie zeigen wollten: Menschen mit diesem ominösen Strahlenkranz! Auf Privatfotos, Medienseiten, selbst in YouTube-Videos. Hier ein Fußballstar, der gerade den Verein wechselte, da eine Touristin vor der Porta Nigra in Trier, dort ein chinesischer Wachsoldat, der mit seinen Kameraden an irgendeiner Parade teilnahm, eine ältere Frau mit Rollator – Letzteres war offensichtlich die Aufnahme einer Überwachungskamera. Und sie alle umgab ein feines, durchsichtiges, helles, fast schon strahlend-weißes Gebilde. Es hüllte den gesamten Körper von Fuß bis Kopf ein, machte jede Bewegung mit, klebte wie ein privater Nebel an der Person.

In den sozialen Medien gab es bereits die ersten Kommentare: Überall auf der Welt würden »Leute mit Aura« gesichtet. Erste Beobachtungen etwa ab Null Uhr GMT. Eine Werbeaktion – von wem? Was konnte es sonst sein? Kunst?

Sebastian lehnte sich zurück. Bei ein, zwei vereinzelten Vorfällen hätte er an einen ziemlich aufwendigen Scherz glauben können, so einen, wie sie sich Nerds ausdachten. Aber bei Hunderten von Fällen? Und wieso war er nicht selbst darauf gestoßen? Er langte nach Devins Tablet, tippte und wischte: Die Aura war inzwischen sogar in die Nachrichtenportale gelangt. Die wenig beliebte französische Landwirtschaftsministerin besaß eine solche Aura, ebenso ein Regenschirmträger des Bundespräsidenten. Hatte das etwas zu bedeuten?

»Besprechung«, befahl Devin. »Trommelt das Team zusammen, Annika, Torsten. Das geht uns alle an.«

 

Fünf Minuten später trafen sie sich – alle fünfzehn Mitarbeiter – im Meeting Room, einem fensterlosen Raum mit einer hellblau erleuchteten Decke, die einen leicht bewölkten Himmel nachahmte. Normalerweise galt hier Smartphone-Verbot – heute jedoch nicht. Der Anlass hatte sich herumgesprochen. »Das ist eine Invasion«, witzelte Steve, der für die Hardware zuständig war. »Nur nicht die Invasion der Body Snatcher, sondern der Body Wrapper.« »Der moldawische Präsident soll auch eine Aura haben.« »Virales Marketing, was sonst …« »Das haben sich Hacker ausgedacht! Die treffen sich doch gerade … Soll vielleicht auf das Hackathon hinweisen.«

Sebastian ließ sich in einen Sessel fallen und lehnte sich zurück. Kaum passiert etwas, dachte er, spielen alle verrückt. Überdreht sind unsere »High Potentials« sowieso, aber jetzt … Selbst Devin fiel es schwer, »das Gequatsche«, also den lebhaften informellen Meinungsaustausch, zu unterbinden. Das Räuspern, mit dem er sonst Meetings einleitete, ging in dem Lärm unter. Er hieb mit der flachen Hand kräftig auf den Tisch: »Also Leute!« Schlagartig war Ruhe.

Sebastian erhob sich, straffte sich und ging in den Workshop-Modus über. Er nickte Annika zu, die stellte sich an das Flipchart, um Notizen zu machen. »Tragen wir zusammen, was wir wissen. Welche Geräte, welche Plattformen sind betroffen, welche nicht? Kennen wir etwas über die Verbreitungswege?«

Das Bild erhielt mehr Details, aber nichts fügte sich zu einem Ganzen. Anscheinend waren tatsächlich beliebige Smartphones, Kameras und andere Hand-Helds, Tablets, Laptops betroffen. Zumindest die neueren Modelle. Angeblich konnte man, einem Tweet zufolge, der heftig weitergegeben wurde, auf einem inzwischen über zehn Jahre alten Smartphone die »persönlichen Strahlenkränze« nicht sehen. Hieß das, dass nur die neueren Betriebssysteme befallen wurden? Alle schienen sich einig, dass nur eine Art Virus – ein sehr potentes Virus – die Anomalie hervorrufen konnte. Aber Annika malte ein Fragezeichen hinter das Wort.

»Ist das BSI schon dran? Was sagen McAfee, Bullguard, Norton dazu? Gibt es Warnungen aus der Datenschutz-Szene?« Er musste nicht erwähnen, dass es sich um den gravierendsten Sicherheitsbruch seit den Attacken mit Erpresser-Software vor einigen Jahren handelte, das verstanden alle im Raum, selbst die Grafik-Designer, die derartige Fragen eigentlich nichts angingen.

Bert, der Datenschutzverantwortliche, fühlte sich jetzt doch angesprochen. »BSI – niente, ich bekomme nur Kontakt mit dem üblichen Abwimmel-Bot. EuroSec – rien. Kaspersky – nullkommanichts, nein, doch, gerade eine kurze Verlautbarung: Vermutlich harmlos, aber sie arbeiten dran. – Also, ich bleibe an der Sache. Aber ich bin sicher, das ist kein normales Virus, kein Wurm, auch kein Trojaner, der irgendwelche Sicherheitslücken nutzt.« Was es dann sei, konnte er aber nicht sagen.

Das war zwar unbefriedigend, aber es entsprach Sebastians Bauchgefühl. Er ging zum nächsten Problemkreis über: Was wussten sie über die »Strahlemänner und -frauen«, die »Aura-Träger«? Gab es Gemeinsamkeiten? Es handelte sich doch nicht ausschließlich um VIPs, oder? – Wie zu befürchten, hagelte es eine wilde Mischung von Beispielen, sogar – wohl beim Selfie-Schießen entdeckt? – aus dem persönlichen Umfeld: Hier eine Mitschülerin, da der Busfahrer, eine Nachbarin. Auf den ersten Blick herrschte hier der Zufall. Und auf den zweiten? Hatte jemand eine Idee? Auf den verstreuten Beispielen ließ sich auch keine Statistik aufbauen, akzeptiert. Immerhin hatte Torsten eine Website gefunden, auf der Bilder mit »Auratischen« gesammelt wurden. Na, fabelhaft – keiner verstand, was vor sich ging, aber einen Begriff hatte man schon. Nun wohl, am Ende des Tages würde man sehen … Es würde ihn wundern, wenn nicht bereits Dutzende von Teams weltweit an dem Problem saßen. Je unverständlicher das Ganze, desto geringer waren allerdings ihre Chancen, mit einer Patentverletzungsklage durchzukommen …

Plötzlich lief eine Welle der Unruhe durch den Meeting Room. Alex lachte nervös, Sylvia, die Praktikantin, fiel ein, Bert griff nach seinem Smartphone – und mit einem Mal hatten alle ihre Teile in der Hand und drehten die Rückseiten ihm, Sebastian, zu. Was sollte das? Das war hier kein Foto-Shooting … Und Selfies machte er immer noch selbst von sich.

»Ich fürchte, Basti«, meinte Devin, der ebenfalls sein Telefon hochhielt, halb belustigt, halb irritiert, »dich hat es auch erwischt.«

 

Da saß er nun an seinem Schreibtisch und wischte sich durch die Bilder, die die Kollegen von ihm gemacht hatten. Auf allen war er die Hauptperson, eben ein »Auratischer«. Er stand am Kopfende des Tischs, hatte die Hände gehoben, keine fragende Geste, eher eine der Überraschung, der Verlorenheit, der Abwehr. Und rings um ihn war dieser Strahlenkranz, diese Ganzkörperaura – so als sondere er Helligkeit ab. Nein, als ein Leuchten von Innen konnte man es nicht bezeichnen, eher wirkte es wie diese Kirilian-Fotografien, die vor ein paar Monaten in der Ausstellung »EsoKult – Esoterische Kunst aus Russland« gezeigt worden waren. Wäre nur er betroffen gewesen, hätte er an einen schlechten Witz geglaubt. Und immer noch war er sich nicht sicher, ob es sich nicht doch um eine Kunstaktion oder einfach um eine besondere Werbemaßnahme handelte. Obwohl er immer noch nicht den geringsten Schimmer davon hatte, wer das veranstaltete und auf welche Weise. Die eigenen Mitarbeiter, Bert, Steve, Torsten, auf die er für gewöhnlich große Stücke hielt – schließlich hatte er sie selbst eingestellt –, versagten offensichtlich bei dieser Frage. Das war eben etwas anderes, als eine App zu entwickeln, die den Gemütszustand von Hunden anhand der Körpersprache identifizierte. Aber nichts gegen die App. »Your Dog Speaks« lief wahnsinnig gut. Schon in dritter Version.

Dann ein Screenshot. Hier hatte Alex die Aura entdeckt: Auf ihrer Firmen-Webpräsenz! Da war sein Konterfei, das eines energischen Mitinhabers eines dynamischen und innovativen Unternehmens, modebewusst in schwarzem Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Sebastian rief die Seite auf: Die Aura war noch da, hob ihn hervor. Wie blass Devin dagegen wirkte! Er schaute weiter. Selbst sein Porträt bei LinkedIn war von dem hellen Strahlenkranz umgeben. Wer brachte dergleichen zustande? Wer schaffte es, zugleich Telefone und Websites zu manipulieren … Die einfachste Erklärung war noch immer, dass er spinnte, sozusagen sein eigenes Gespenst sah. Doch diese gespensterhafte Erscheinung war allen Kollegen erschienen, und er war beileibe nicht der Einzige mit der Aura. – Was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten? Was für ein Spiel wurde hier gespielt? Und von wem?

Er erhob sich, spazierte reichlich unentschlossen auf den Flur. Auch der intelligente Spiegel zeigte ihn mit Aura, sinnigerweise umgeben von einer zweiten Aura aus Börsen-Charts und Ticker-Meldungen … Schwarze Striche – Pixelausfall – verliehen dem Ganzen einen künstlerischen Anstrich. Kurzentschlossen klopfte er an Devins geöffnete Tür. »Du, was hältst du davon, wenn ich mal bei den Hackern vorbeischaue?«

Devin nahm seine Denkerpose ein, lehnte sich vor, fasste sich ans Kinn, zog die Stirn in Falten. »Die meisten«, überlegte er, »halten die Aura für eine Auszeichnung. In den sozialen Medien brüstet man sich damit: Schaut her, ich bin auserwählt! – Was für ein Humbug!« Er richtete sich auf: »Ich bin immer noch überzeugt, dass hier unsere Patentrechte verletzt werden. Das sollte uns schon etwas wert sein. Wenn mir jemand Ross und Reiter nennt, den Algorithmus bringt – das wäre mir …« Er überlegte, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Was hältst du von 10 000? Gut, 5 000 Belohnung – oder Erfolgshonorar – könnten auch genügen. Wir wollen es nicht übertreiben. Aber es geht um die Ehre. Und nun sieh zu, du Strahlemann, Aura-Träger, Auratischer, wie du das Ding wieder loswirst! Ist ja peinlich, so ein Weihnachtsbaum-Kostüm!«

Wenn ihn nicht alles trog, war Devin ein wenig neidisch.

 

Die riesige Markthalle, die früher Massen von Fischhändlern beherbergt hatte, lag in Halbdunkel, erhellt vor allem durch Hunderte und Aberhunderte von Bildschirmen, vor denen die Nerds saßen, knieten, standen. Ab und zu reckte sich einer, spazierte zwischen den Reihen entlang. In seiner Studienzeit hatte Sebastian selbst an dem einen oder anderen Hackathon teilgenommen. Er kannte den Geruch von warmer Technik und verschwitzten Menschenleibern, von verschütteten Energy Drinks. Vorsichtig stieg er über Kabel, ab und zu knirschte es unter seinen Füßen. Es hatte wilde Hackathons gegeben, bei denen man Brain Food, Chips und Studentenfutter in kleinen Tütchen, mit einer Art Schneekanone in den Raum geblasen hatte. Nach wie vor waren die Mädels in der Minderzahl. – Bei manchen hatte man damals gemunkelt, dass sie nur teilnahmen, weil sie in den Software-Assen künftige Multimillionäre vermuteten. Auf so einem Hackathon war auch Laura, seine Ex, an ihn herangekommen. Den ersten Schritt zum Reichtum war er – dank Devin – auch gegangen, hatte ein Startup gegründet. Nur die Multimillionen ließen auf sich warten.

Er stieg über einen dürren, am Boden liegenden Mann hinweg. Auf dessen Stirn klebte ein Post-It: »Bitte 07.00 pm wecken!« Keine Zeit, zwischendurch im Hotel zu schlafen.

Endlich hatte sich Sebastian zur Regie durchgekämpft. Zwei Männer und eine Frau hingen hier erschöpft in Klappstühlen, als Zeichen ihres Amtes trugen sie grüne Kappen mit dem Logo das Hackathons.

»Wie läuft’s«, erkundigte sich Sebastian unverfänglich.

»Bist du angemeldet?« fragte die Frau – Augen überschminkt, etwas Glitter auf den Wangen – zurück. »Der hat auch ’ne Aura«, unterbrach sie ihr Nachbar.

Was sagte man darauf? Eine Entschuldigung? Sebastian entschloss sich zu einem Witzchen: »Gibt’s Rabatt?«

»Da wärst du nicht der Erste.«

»Hat überhaupt schon einer gefunden, was es mit den Dingern auf sich hat? Ich hätte meine nämlich gern wieder los.«

Die drei lachten. Was glaube er wohl, was heute Challenge Numero Uno sei? Weshalb sie die ursprüngliche Aufgabe geändert hätten? Weshalb heute alle so verbiesterte Gesichter zogen? »Mindestens die Hälfte versucht jetzt, die Aura zu knacken … Firmennetze, Maschinensteuerung, Geheimdienste, Games-Welten, das war gestern. Heute geht es um die heilige Aura!«

Devins fünftausend Euro spielten offensichtlich keine Rolle, wenn der Ehrgeiz die Hacker gepackt hatte. Und die Idee von einem exklusiven Zugriff auf die Aura-Software konnte sich Devin auch abschminken. Sebastian musste sich eingestehen: Er war hier ein Fremdkörper. Zu lange raus aus der Szene.

Er wollte sich gerade unauffällig zurückziehen, da drängte ein junger Mann heran: »Erinnern Sie sich an mich?« Sein T-Shirt zeigte den Klassiker unter den Nerd-Sprüchen: »Es gibt nur 10 Typen von Menschen, die, die binär verstehen, und die, die das nicht können.«

Schon immer war Sebastian mit der Gesichtserkennungssoftware in seinem eigenen Gehirn unzufrieden gewesen. Wie er auch suchte: Sie lieferte keinen Treffer. Erst als der junge Mann sich vorstellte (»Ralph – Ralph mit P-H«) machte es klack: der Praktikant! Fünf Jahre mussten seither vergangen sein, und das Milchgesicht von damals hatte sich Bart und einen dicken Zopf zugelegt.

Einige Minuten später war Sebastian in Besitz einer verbilligten Last-Day-Anmeldung und saß neben Ralph zwischen mehreren Laptops. Der Datenverkehr über das Wlan in der Halle war so heftig, dass sich einem davon die Haut kräuselte. Ralphs »Kumpel«, ein Brocken von Mann, dessen XXXL-Hose von breiten Hosenträgern gehalten wurde, stellte Sebastian unaufgefordert einen Plastikbecher mit einem dunkelbraunen Gesöff hin – irgend etwas aus dem Niemandsland zwischen Kaffee und Pilzsoße. »Wie fühlt es sich an in einer Aura?« Er klopfte Sebastian auf die Schulter. »Durch eine Datenbrille sieht das echt edel aus. Und dabei stecken nicht einmal 100 kB Code dahinter.« Tatsächlich merkte jetzt Sebastian, dass ihn ab und zu einer der Nerds durch eine Brille begaffte oder mit einer Handykamera anvisierte. Womöglich hatte ihn Ralph allein wegen der Aura angesprochen. Man gilt einfach mehr, wenn einen ein Strahlen umgibt.

Immerhin, erfuhr Sebastian, hatte jemand das kleine Softwarepaket aufgespürt, das die Abbilder von Personen mit dieser digitalen Hülle umgab. Wollte man es herunterkopieren und analysieren, wurde es gelöscht – oder löschte sich selbst. Sobald der Bildbetrachtungsmodus wieder aktiv war, wurde das Miniaturprogramm neu geladen. Irgendwoher aus dem Netz – so viel wusste man. Aber die wirklich relevante Frage, wie die Auratischen ausgewählt wurden – und von wem! –, blieb offen.

»Ganz klar, hier ist eine KI am Werk.« Ralphs Kumpel, der den Spitznamen Humpty trug, hatte sich schon eine feste Meinung gebildet. »Ist doch eindeutig ein Fall von Big Data Analytics. Ein Algorithmus wertet deine Daten aus und setzt ein Häkchen dran, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Dann heißt es, willkommen im Club.« Welche Bedingungen, nun ja, daran arbeiteten sie noch. Ein paar Kollegen hätten schon massenhaft Profile bei den »üblichen Verdächtigen«, Amazon, Alibaba, Facebook, Google, Baidu … abgecheckt – kein Hit, keine auffälligen Gemeinsamkeiten. Und auf welchen Servern der Algorithmus lief, habe auch noch keiner ermitteln können. Wahrscheinlich auf vielen. Irgendwo gut verteilt in der Cloud. Aber Humpty, Ralph und andere bauten bereits eine Datenbank der Auratischen auf, um später Ähnlichkeiten feststellen zu können. Ungefähr jeder Hundertste, so schätzten sie, hätte die »Markierung«.

 

Wer aufmerksam war, konnte die Veränderung im Straßenbild bemerken. Jetzt heißt es Kopf hoch, statt Kopf runter, überlegte Sebastian. Es hatte ihn immer irritiert, wenn nicht geärgert, dass so viele Menschen, vor allem jüngere Leute, Stöpsel im Ohr, Kopf gesenkt an den Auslagen vorbei oder quer über die Straße liefen, versunken in irgendwelche Facebook-Seiten oder im Dauerchat mit Gleichgesinnten. Heute bot die Straße ein anderes Bild. Immer wieder begegnete Sebastian Passanten, die ihr Smartphone in Augenhöhe hielten. – Auf der Jagd nach Auratischen! Anders konnte man es ja nicht bezeichnen. Und schnell hatten sie ihn im Visier. Bestimmt schoss gerade dieser sportlich gekleidete Mann ein Bild von ihm. Und dort, auf der anderen Straßenseite das Schulmädchen hatte ihn auch schon ausgemacht. So hatte man früher Pokémon-Monster gejagt! Er war, ob er es wollte oder nicht, Teil eines gigantischen Games geworden. Er konnte nur hoffen, dass sie der Aura-Jägerei bald überdrüssig wurden, ihnen die Arme ermüdeten; mit dem Handy auf Auratische zu zielen, brachte ja nichts, keine Punkte oder sonst eine Belohnung. Oder doch? Vielleicht hatten die Jungs von Hackathon Preise für Bilder ausgelobt, damit sie ihre Datenbank möglichst schnell füllen konnten?

An der Ecke Hauptstraße und Ringdamm, wo die Trams in der Kurve kreischten und Banken mit billigen Konsumentenkrediten lockten, entdeckte Sebastian ganz ohne technische Unterstützung seinesgleichen. Ein älterer Herr ging da, nein stolzierte, gemächlich und abgemessen an den breiten Fenstern mit der Kreditwerbung entlang, aufgereckt, den Kopf erhoben, voll im Bewusstsein, dass er zu den Strahlemännern zählte, auserwählt war, ein Objekt der Bewunderung. Und wie sich alle Handy-Halter nach ihm umdrehten!

Das hatte sich Sebastian schon damals, als sie den Heiligenschein auf den Markt brachten, gefragt: Wie würden die Menschen reagieren? Der Strahlenkranz um den Kopf war ja nur als Scherz gedacht, eine Art pseudoreligiöse Karnevalsverkleidung, die man sich nicht einmal selbst aufsetzte, sondern von anderen verpasst bekam. Jetzt hatte eine unbekannte Macht im Hintergrund die Glorien verteilt – aus Gründen, die keiner kannte, an Alte und Junge, Männlein und Weiblein, Gerechte und Ungerechte. Ob er es wollte oder nicht, seine Gedanken gerieten in religiöses Fahrwasser, dabei handelte es sich doch wohl eher um ein technisches Problem, irgendeine hochkomplexe Fehlfunktion, so dass man sich wieder einmal fragte, ist es ein Bug oder ein Feature?

Und was mochte die Muslima, die ihm jetzt entgegenkam, denken? Sie hatte den Kopf gesenkt, das bunte Tuch weit in die Stirn gezogen – und von links und rechts wurde sie anvisiert, abfotografiert. Es war ihr peinlich, lieber wäre sie unsichtbar. Das nächste Mal würde sie sich wohl nur mit Burka unter die Leute trauen. Ob die Aura dann auch noch an ihr klebte? Oder funktionierte das Ganze ohne Gesichtserkennung nicht? Man sollte es einmal ausprobieren … Als Muslima hätte er die Möglichkeit. Aber als Mann versteckte man sich nicht in einem Ganzkörperschleier. Es war ja nicht Karneval. Oder vielleicht doch? Eben die Aktion einer Kunst-Guerilla, die damit eine wichtige soziale Botschaft verbreiten wollte?

Er blieb stehen. Und wieder glotzte man ihn an: Oh, der hat ja eine Aura! Sebastian lächelte gezwungen.

 

Am nächsten Morgen, kaum hatte er das Büro betreten, zog ihn Devin zu sich. Die Assistentin brachte zwei Tassen schwarzen Kaffee. »Willst du mit Aura?«, fragte Devin und schob ihm die Sahne hin. Ein blöder Witz, aber wenigstens nahm er die Sache nicht so ernst.

»Wir haben eine Anfrage. Ich denke, sie sind wegen unserer Heiligenschein-App auf uns gekommen. Eine Podiumsdiskussion, kurzfristig anberaumt, in der Maximilian-Stiftung. Ich habe für dich schon zugesagt, Basti. Die Einladungen gehen gerade raus.«

Sebastian nahm einen großen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab. Was dachte sein Freund sich! »So nicht, Devin, nicht über meinen Kopf.«

»Du warst nicht zu erreichen. Hattest wohl das Handy ausgeschaltet. Und die Zeit drängte. Außerdem: Du bist der Erfinder, ich bin nur der Geschäftsmann. Und du hast rhetorisch viel mehr drauf als ich.«

»Aber du verstehst es, die Leute zu beschwatzen!«

Devin grinste. »Außerdem hast du die Aura. Die Veranstalter waren ganz begeistert, als sie davon hörten.«

»Du verkaufst mich wieder einmal.«

»Klappern gehört halt zum Geschäft.«

Es war schon verständlich, dass Devin ihn vorschickte. Devin selbst kam in der Öffentlichkeit nicht so gut rüber; unter Stress sprach er immer etwas abgehackt und mit langen Pausen. Außerdem war er noch nie der Mann für Details gewesen – ausgenommen die Geschäftszahlen. Und an einen der jüngeren Mitarbeiter konnte man diese Aufgabe nicht delegieren.

»Annika stellt dir zusammen, was man über die Aura weiß und was gerade diskutiert wird. Über unsere Heiligenschein-App musst du gar nicht reden, die haben sie in der Anmoderation. Als Talkmasterin haben sie übrigens diese Blonde aus dem Regionalfernsehen gewonnen, die auch diesen Mode-Blog betreibt.« Devin rührte in seinem dick gezuckerten Kaffee. »Wie hieß sie gleich? Du weißt schon …«

 

Einige Stunden später stand Sebastian in der Runde, vor sich auf dem von einem weißen Tuch überspannten runden Tisch Annikas Notizen und drei Gläser mit Wasser, eines für ihn, eines für eine nervöse junge Frau, die am Hackathon teilgenommen hatte, und eines für einen schmalen Herrn im Anzug, den die Moderatorin als Dr. Schwake vom BSI vorgestellt hatte. Sie selbst, Frauke Prendergast, die bekannte Bloggerin und TV-Ansagerin, stand, Kärtchen in der Hand, am anderen Tisch und begrüßte soeben einen Soziologie-Professor und eine, wie es schien, alterslose Frau, die in feiner Spitzenbluse mit goldenen Kettchen darüber der Aura nicht bedurft hätte, um aufzufallen.

Sebastian, ganz rechts in der Reihe, war als Erster und sehr ausführlich vorgestellt worden, neben dem virtuellen Heiligenschein waren auch die neuen Hunde-Apps zur Sprache gekommen. Eigentlich, dachte er, könnte er sich jetzt davonstehlen. Devin hatte, was er wollte, eine hübsche, unaufdringliche Werbeaktion. Allein in der Halle der Maximilian-Stiftung hatten sich geschätzte 250 Personen, zumeist ältere Jahrgänge, eingefunden. So wie sie aussahen, besaßen wahrscheinlich viele von ihnen einen Bullterrier oder wenigstens einen Dackel. Links im Hintergrund werkelten zwei Techniker an einem Pult, die Diskussion wurde in 16K-Auflösung live gestreamt. Das ergab ein direktes Online-Publikum von möglicherweise einigen Tausend. Nicht zu vergessen die eventuelle Verbreitung in den sozialen Medien.

Wie er befürchtet hatte, begann die Moderatorin mit der einfallslosen Frage, wie er sich denn als Auratischer fühle. »Wie beim Fasching«, gab er etwas unwirsch zurück, »oder als ob du einen Fleck auf der Stirn hast. Mit dem Unterschied, dass ich mir einen Fleck abwaschen könnte.«

Die Frau ganz links, die in der weißen, hochgeschlossenen Spitzenbluse, gab sofort Kontra. Es sei ein wundervolles Gefühl, »auserwählt« zu sein. Sie könne ihre Aura spüren wie eine sanfte Wolke um sich herum, ein Schutz gegen negative Energie und dunkle Mächte, sie vermittle ein erhabenes, belebendes Gefühl, das sie allen Menschen wünsche …

Die Moderatorin unterbrach sie, der Soziologe kam zu Wort und sprach von den noch nicht bekannten sozialpsychologischen Wirkungen. Ein spannendes Experiment sei hier im Gange, und so wie die Auratischen unterschiedlich auf die Aura reagierten, reagierten die Nicht-Auratischen auch ganz unterschiedlich auf die Auratischen und diese wiederum auf sie. In der Wechselwirkung aber von Selbstbild und Fremdbild, von bewusstem Ignorieren und Akzeptanz, von Inklusion und Exklusion seien neue interessante Effekte zu erwarten, deren konkrete Gestalt aber vorläufig …

Er verstummte, die Moderatorin hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt. Sebastian verkniff sich ein Grinsen. Nun ergriff der Mann vom BSI, ein akkurater Anzugträger mit altmodischer Krawatte, die Gelegenheit: »Wir vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gehen wie die Verbraucherschützer und sämtliche Datenschutzbeauftragten davon aus, dass mit der Kopplung der Aura-Erscheinungen an bestimmte Personen deren Privatsphäre in einem erheblichen Maße verletzt wird.« Von der Gesetzgebung her sei die Sachlage klar, aber wieder einmal sähe man sich mit einer nicht gesetzeskonformen Innovation konfrontiert, gegen die es noch keine technischen Mittel gäbe.

Das Eingeständnis verwunderte Sebastian nicht, aber offensichtlich hatten die meisten Leute unten im Saal, unter ihnen, wie es schien, viele Rentner, die gern Bildungsveranstaltungen am Nachmittag besuchten, den entscheidenden Punkt nicht begriffen, so dass Dr. Schwake erklären musste: Die Aura setze eine praktisch momentane und praktisch fehlerfreie Identifikation der Person überall und immer voraus, denn sonst würde sie der Person nicht an jedem digitalen Ort zu jeder Zeit angeheftet werden – wie man ja habe beobachten können.

»Schlimmer noch!« Die nervöse junge Frau von einem Hackerclub hakte ein. »Das ist schlimmstes Social Scoring!« Sebastian zuckte zusammen, sie schlug, während sie sich ereiferte, mit dem rechten Fuß nach hinten aus und hatte ihn am Schienbein getroffen – offensichtlich, ohne es selbst überhaupt zu bemerken. »Da werden Menschen nach unbekannten Kriterien ausgewählt und dann mit der Aura ausgezeichnet. Im Prinzip so, wie die Chinesen ihr Social-Scoring-System in Schanghai und anderswo einsetzen. Wohlverhalten wird belohnt, angebliches Fehlverhalten, die kleinste Übertretung bestraft. Nur der Unterschied: Dort in China kennt man die Kriterien und den Zweck – soziale Kontrolle! Was aber wird hier kontrolliert? Und zu welchem Zweck? Wir vermuten verdeckte Verhaltensbeeinflussung! Eine fiese Nudging-Maßnahme! Und die Urheber verstecken sich!«

»Wie können Sie Dinge, die Sie nicht verstehen, so heruntersetzen!« Die Frau mit Aura und Spitzenbluse am anderen Tisch spielte Empörung. »Sie sind nur neidisch, dass der Gott des Netzes nicht Sie auserwählt hat.«

»Meine Damen, meine Damen!« Die Moderatorin hatte keinen leichten Job. Sebastian kannte schwierige Situationen bei der Gesprächsleitung, sie gehörten, wie er von vielen Arbeitsgruppen-Meetings und Workshops wusste, einfach dazu. Er hätte Frau Prendergast ja gern unterstützt, aber was sollte er dazu sagen? »Betrachten wir es nüchtern …«, setzte er an, faselte dann etwas von Apps und Bildverarbeitung und Gesichtserkennung und vernetzter Datenanalyse und kam sich dabei absolut grenzdebil vor. – Das Publikum klatschte – und unter seiner Aura wurde er bestimmt rot.

Während die Moderatorin die Fragerunde zum Publikum öffnete und sich die ersten erkundigten, wie sie sich verhalten sollten, bei wem sie sich melden könnten, wenn sie plötzlich eine Aura hätten, und weshalb keine Vertreter der Kirche mit auf dem Podium wären, überflog Sebastian noch einmal den Notizzettel, den Annika für ihn vorbereitet hatte. Stand da vielleicht doch irgend etwas Brauchbares? Eine originelle Idee, etwas, das nicht schon die anderen vorgebracht hatten? Unter dem Scheinwerferlicht begann er nun auch noch zu schwitzen – hatten die hier denn nicht auf LEDs umgerüstet? Er trank einen großen Schluck, und plötzlich redete die Moderatorin schon von Abschlussrunde, noch ein kurzes Statement von jedem, und er ahnte, dass sie sich die Auratischen bis zum Ende aufsparte. Sollte er jetzt betonen, dass eine App wie »Your Dog Speaks« viel interessanter und nützlicher war?

Die Frau in Spitzenbluse schwafelte noch einmal vom Gott des Netzes und dem Verdienst, den man sich erwerben könne. Das Licht der Aura werde die Welt erleuchten. – Ein ärgerlicher Schwachsinn, den Sebastian am liebsten auch so genannt hätte. Aber das traute er sich nun doch nicht.

»Wenn es denn eine KI, eine Künstliche Intelligenz im Netz gibt, die die Auren produziert, was erst noch zu beweisen wäre – von mir aus können Sie ein dickes Software-Paket ruhig Gott nennen und die Cloud den Himmel –, und wenn diese KI wirklich so superintelligent ist, dann kann sie auch Ihr Verhalten vorhersagen.« Er blickte auf Annikas Zettel, woher er die Idee hatte. »Angenommen, Sie bekommen die Aura nicht für das, was Sie bereits getan haben, sondern für das, was Sie morgen tun werden. – Wäre das nicht echt gruslig?« Und schon wieder klatschten die Rentner und die, die es werden wollten.

 

Eigentlich hätte Sebastian ahnen können, dass so ein Auftritt nicht ohne Resonanz bleiben würde. Devin jedenfalls war am nächsten Morgen sehr zufrieden: Ihre Firma, die sich seit einem Jahr RG App S.E. nannte, stand im Rampenlicht. Gute Aussicht auf mindestens drei neue Aufträge. »Wir werden Leute einstellen müssen. Wie fest ist dieser Ralph mit P-H gebunden? Können wir ihn abwerben? Außerdem beginnen sich Investoren für uns zu interessieren …«

Schon unmittelbar nach der Veranstaltung hatte Sebastian die ersten Kommentare gelesen, meist ein freundliches digitales Schulterklopfen. Seine Stimmung trübte sich jedoch, als er, zurückgekehrt an seinen Platz, die eingehenden Meldungen checkte: »Spinner pass auf dein Hundegehirn auf« »muss man idiot sein um heiligenschein abzu bekommen« »Hurenson mit Aula«. – Da hatte wohl die Autokorrektur an der falschen Stelle zugeschlagen.

Er begriff nicht, was die Leute so erboste? Neid? Hielten sie ihn für überheblich? Wahrscheinlich hatten sie nicht einmal richtig zugehört. Mit einem Mal gehörte er zu einer Minderheit – und wurde angepöbelt.

Schließlich kam noch eine Einladung zu einer Selbsthilfegruppe Anonymer Auratischer herein. Scherz oder ernst gemeint? Wie konnte man anonym bleiben, wenn alles über einen bekannt war?

Er stand auf, ging durch den kurzen Gang vorbei an den hohen Plakaten mit Schnappschüssen ihrer ersten Apps zum Inspiration Room, holte sich einen Kaffee, setzte sich in einen der rosaroten Hängesitze und stieß sich sanft ab. So viel Aufregung um etwas Leuchten auf den Bildschirmen! Hier in der realen Welt hatte sich nicht das Mindeste verändert – aber die Realität bestand ja nicht bloß aus physischen Objekten, viel wichtiger, nein: realer, waren die Beziehungen zwischen den Menschen, unter denen litt man, die bauten einen auf. So gesehen war die Aura ein sehr reales Experiment …

Devin kam aus seinem Büro: »Ach, hier steckst du.« Sebastian glitt vom Hängesitz. Beinah hätte er Kaffee verschüttet! Er trank schnell ab.

»Dein Typ ist wieder gefragt – wo hast du bloß immer dein Handy?« Devin kam schnell zum Punkt: Eine Anfrage. Kanal III wolle ein Interview. Subito. »Du bist jetzt der Top-Experte für die Aura.«

»Das hast du mir eingebrockt.«

»Gib’s zu, du bist wirklich der Top-Experte. – Keiner weiß irgend etwas, aber du bist allen dabei immer noch eine Nasenlänge voraus. Annika richtet gerade einen Twitter-Account für dich ein: @Aura-Versteher.«

Auf diese Art Expertenstatus konnte er gern verzichten!

»Vor allem will Kanal III erfahren, was du von der These eines Oxforder Professors, Bockstroh oder so ähnlich, hältst. Entstehung einer Super-Super-Superintelligenz, Maschinen lösen die Menschheit ab und so. Du hast ja von der Künstlichen Intelligenz im Netz gesprochen. Nein, frag mich gar nicht erst, was ich davon halte. Ich bin nur fürs Geschäftliche zuständig. – Übrigens: Heute könnten wir unsere Firma dreimal so teuer verkaufen wie gestern.« Er grinste. »Kommt natürlich nicht in Frage. – Also: Torsten bereitet die Videokonferenz vor. Sie wollen dich im Bild. Und er stellt unser Banner ins richtige Licht. Parallel werden wir twittern.« Er grinste noch einmal, verschwörerisch. »Ich rufe Annika. Sie soll dich ein wenig zurechtmachen. Wir wollen ja keinen hundemäßig zerzausten Eindruck hinterlassen.«

Sebastian trank die Tasse leer. Er kam sich nicht zerzaust vor, und ohnehin würde alles durch die Aura überdeckt.

Annika hatte selbstverständlich bereits nach diesem Oxforder Professor recherchiert, der tatsächlich so ähnlich wie Bockstroh hieß. Und tatsächlich behauptete der, dass mit einem Schlag eine Superintelligenz entstanden sei, die der menschlichen Intelligenz in jeder Beziehung überlegen sei. Innerhalb weniger Tage oder auch nur Stunden werde sie sich fortentwickeln, bis sie geistige Höhen erreichte, von denen sich Menschen nicht die mindeste Vorstellung machen könnten – sie werde allwissend und folglich auch allmächtig. Was Annika für pseudoreligiösen Quark hielt.

Dann saß Sebastian im Konferenzraum, gegenüber die Kamera und der Bildschirm mit dem »Ankermann« (hießen die Moderatoren jetzt wirklich auch schon im Deutschen so?) von Kanal III, einem seriös wirkenden Mittvierziger. Und Sebastian erklärte, dass sich der Herr Professor gründlich irrte, wenn er sich die Superintelligenz als kompakte Einheit, genannt Singleton, vorstellte. Man müsse vielmehr davon ausgehen, dass eine Art Schwarmintelligenz im Netz entstanden sei, eine Vielzahl subintelligenter Einheiten, den Apps vergleichbar, die interagierten, sich verkoppelten, zusammenarbeiteten – ohne eine irgendwie geartete zentrale Instanz. Daher könnten sich die Teile auch beliebig neu zusammenschließen. »Wenn Sie so wollen: Da im Ökosystem des Netzes ist ein ganzes wildes Rudel von Subintelligenzen unterwegs. Deshalb auch haben meine Hacker-Freunde keinen Schöpfer der Aura festnageln können. Aber in ihrer Gesamtheit verhalten sich diese Subintelligenzen wie ein enorm pfiffiges und cleveres Wesen.« Er kniff die Lippen zusammen. Cut! Schnitt! Schluss, Ende.

Was zum Teufel hatte ihn in der letzten Sekunde geritten? Um ein Haar hätte er dem Impuls nachgegeben, dieses pfiffige und clevere Wesen herauszufordern: Hallo, wenn du mir gerade zuhörst, könntest du mir dann nicht ein Zeichen geben, dass ich recht habe, und beispielsweise die Aura mal für eine Sekunde ausschalten? – Das war knapp!

 

Die Firma versank in Anfragen: Aufträge, Übernahmeangebote, Vorträge, Interviews, Arbeitskreise. Sein Twitter-Account @Aura-Versteher hatte schon am ersten Tag über 10 000 Follower und wurde von Annika fleißig bedient. Sogar der Chaos Computer Club erkundigte sich, ob Sebastian nicht zur diesjährigen Verleihung des Big Brother Awards an »die Schöpfer der Aura« die Laudatio halten wolle. Da hatten sie wohl seine Äußerung von Kanal III irgendwie missverstanden.

Statt sich in die Arbeit zu vertiefen, grübelte Sebastian vor sich hin: Was verband ihn mit den anderen Auratischen? Etwas Äußerliches konnte es schwerlich sein, wohl auch kaum eine medizinische Besonderheit oder Ähnlichkeiten im Lebenslauf, in den kulturellen Neigungen. Unwahrscheinlich, dass sie alle bei derselben Versicherung waren oder die gleiche Blutgruppe hatten oder gern Heavy-Metal-Musik hörten? Was verband ihn mit der ungeliebten französischen Landwirtschaftsministerin? Mit dem Mann vor der Bankfiliale, der so stolz auf seine Aura war? Mit der Goldkettchen-Dame aus der Diskussionsrunde? Und das waren auch nicht alles Schachspieler … Wenn wir den Urheber kennen, überlegte er, dann kennen wir auch den Zweck, und umgekehrt. Aber beides liegt in absolutem Dunkel.

Später saß Sebastian bei Devin, der an einer Stellenausschreibung bastelte: die üblichen IT-Qualifikationen, Mediendesign, Teamfähigkeit. Bei dem leergefegten Arbeitsmarkt war es schwer, kompetente Mitarbeiter zu gewinnen – und bei den Gehaltsverhandlungen hatte Devin stets Mühe, die vorhandenen Kollegen nicht zu übervorteilen. Irgendwie sprach sich ja doch immer herum, wieviel der Neue bekam.

»Jetzt schau dir diese Presseerklärung an!« Devin klang eher verwundert als verärgert: »Der Bundesantidiskriminierungsbeauftragte weist darauf hin, dass außer bei Models, Schauspieler*innen und verwandten Berufen Ausschreibungen keinen Bezug auf die persönliche digitale Markierung – also die Aura – nehmen dürfen. Sowohl eine Bevorzugung als auch eine Benachteiligung von sogenannten Auratischen würde als Diskriminierungstatbestand gelten.«

Sebastian nickte; so wie er es verstand, wollten die meisten Unternehmen keine Auratischen einstellen – die störten den Betriebsfrieden. Statt dass man sie vorzog, wurden sie nun benachteiligt. Die Ironie der Gerechtigkeit. Aber irgendwann würde sich das geben. Oder nicht?

Es klopfte. Torsten kam herein, so aufgeregt, dass er zuerst kaum ein Wort herausbrachte: »Wir haben den Beweis!« Einer Hackergruppe war es gelungen, den größten Teil des Softwarepakets, das auf praktisch allen Bildschirmen den Strahlenkranz malte, »einzufangen«, wie Torsten sagte. Und – nun die Sensation! – dieser Teil enthielt knapp 100 Codezeilen »von unserer Heiligenschein-App«.

Gab es eigentlich Patentverletzungsklagen gegen unbekannt?

 

Ob es am Auftritt in der Talkshow lag oder am Interview oder an den Kurzmeldungen, die Annika in seinem Namen absetzte, jedenfalls fand Sebastian am nächsten Tag eine Botschaft auf seinem Handy vor: »Muss dich unbedingt sehen. Wo treffen wir uns? Laura.«

Im Grunde hatte Sebastian weder Zeit noch Lust. Die Firma versank in Arbeit, und Laura – nun, die war ein abgeschlossenes Kapitel. Abgehakt, verflossen und vergessen! Zum Schluss hatten sie sich um Nichtigkeiten gestritten, das neue, völlig unpraktische »Beleuchtungskonzept« für die Wohnung, die stupide Musik, die sie immer lauter drehte – bis ihm klargeworden war, dass sie ihn auf diese Weise sachte, doch unerbittlich vertrieb … Natürlich hing die Botschaft mit der Aura zusammen. Hatte sie selbst eine? Er hätte sie einfach ignorieren sollen, doch statt dessen schlug er ein Café in der Nähe vor. Neutraler Boden.

Am frühen Nachmittag saß er dann auf einem grün gepolsterten Ecksitz, ein schweres Tischchen mit verschnörkelten Metallbeinen vor sich, und hatte wie ein Idiot – wie die anderen Idioten! – das Handy auf den Eingang gerichtet.

Natürlich ließ sie auf sich warten, zehn Minuten, einen Espresso lang.

Sie hatte eine Aura, und sie trug diese wie andere einen Pelzmantel oder ein teures Kleid aus einem Designerladen. Sie schwebte mehr heran, als dass sie ging. Schwebte vorbei an den anderen Tischchen, wo sich die Leute nach ihr umdrehten. Schwebte lächelnd auf ihn zu.

»Bastl, mein Bester, die Aura bringt uns wieder zusammen!«

Er dachte nicht daran, sich zu erheben. Kein Küsschen auf die Wange. Sie ließ sich neben ihm nieder. »Du möchtest sicher auch einen Prosecco …« Den hatte er nie gemocht, genausowenig wie ihr albernes, fruchtiges Parfüm, aber woher sollte sie das wissen?

Sie legte ihm die Hand auf den Arm: »Wir sind auserwählt, Sebastian. Zählen zu den wenigen, die …« Er musste nicht danach fragen, ob ihr Gegenwärtiger – also der Noch-Nicht-Ex – zu den Normalsterblichen gehörte.

»Du siehst etwas zerknautscht aus, Bastl. Dabei solltest du vom Glück überfließen.«

Der Prosecco kam, sie stießen an. Sie senkte ihre Stimme, flüsterte so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. Durch die mit goldenen Schriftzügen geschmückten Scheiben des Cafés drang, zu einem Rauschen gedämpft, der Straßenlärm.

»Wir sind die Hundertvierundvierzigtausend. Die bleiben, wenn alles vergeht. Das sind die letzten Tage, das weißt du doch, Sebastian? Die vor dem Ende. Nein, keiner kann wissen, wie das kommt. Doch es ist schon ganz nahe. Die Aura ist das Zeichen. Und die Aura schützt uns.«

»Bist du eigentlich immer noch auf Diät?«, fragte Sebastian brutal dazwischen. Aber sie ließ sich nicht beirren.

»Alle Religionen kennen das Weltende. Vielleicht ein Brand, vielleicht eine Flut. Wir Menschen sind ja zu beidem fähig. Vielleicht ein leises Ende, ein plötzliches Verschwinden, ohne Wimmern.« Sie lachte. »Bereite dich vor, Bastl.«

»Soll ich packen? Für den Weltuntergang?«

»Also tu nicht so, Bastl. Du weißt, was ich meine.«

»Buße tun? Bereuen?«

»Quatsch. Du hast doch die Aura. – Aber deinen Seelenfrieden solltest du finden, dich innerlich auf das Ende – den Großen Übergang – vorbereiten, alles Unnötige abstreifen, den Job und so. Sieh mich nicht an wie einer von deinen Handy-Hunden! Alles ist doch sonnenklar: Die Aura ist das Zeichen. Ob sie nun von dem bärtigen Gott im Himmel, Jehova, Allah oder von einer göttlichen KI stammt, ist doch völlig gleichgültig, wir schauen nie hinter die Kulissen, aber wenigstens das, was davor läuft, können wir erkennen.«

Keinesfalls war Laura von selbst auf diese Gedanken gekommen. »Das sagt dein neuer Meister? Wie heißt er eigentlich?« Früher hatte sie Abmagerungs-Gurus gehabt, jetzt lief das wohl auf eine Art geistige Diät – ebenso einseitig und ungesund – hinaus.

»Also Bastl, du willst die Botschaft einfach nicht vernehmen. Meine Stimme ist wohl zu schwach für dich. Komm einfach einmal mit, wenn der Erste-unter-uns zu uns spricht. Oder schau ihn dir wenigstens im Netz an. – Er hat die Aura als Allererster bekommen, schon vor vier Wochen. Aber jetzt werden nur noch wenige erwählt.«

Der Erste-unter-uns! Sebastian schüttete den Rest Prosecco hinunter. Da gab es also schon eine Sekte von Idioten, die die Aura-Intelligenz anbeteten! Eine gute Zeit für Möchtegern-Propheten, für selbsternannte Religionsführer … Musste man dafür eher total bescheuert oder gewissenlos und geschäftstüchtig sein – oder vielleicht alles zugleich? Und selbstverständlich fiel Laura auf dergleichen Scharlatane herein!

»Du hast vielleicht auch schon gehört, Bastl, dass der Papst nicht mehr öffentlich auftritt? Mit oder ohne Aura, ihm laufen die Gläubigen weg. – Ach, was rede ich mir den Mund fusselig, du bist noch immer der alte Toffel!«

 

Laura war nicht die Einzige, der die Aura zu Kopf gestiegen war. Sebastian brauchte nur ein wenig in die sozialen Medien zu schauen oder, einen Pott Kaffee in der Hand, den heftigen Wortgefechten im Inspiration Room zu lauschen. Steven, der Hardware-Spezialist, und Torsten, der Nutzerschnittstellen-Ingenieur, fochten vor der Espressomaschine – und am liebsten in Anwesenheit von Annika – ihre Revierkämpfe aus. Brachte Steven das Gerücht, dass Ärzte mit Aura bessere Heilungserfolge hätten, vielleicht ein Placebo-Effekt? Dann hielt Torsten mit der Frage dagegen, ob Babys schon mit Aura zur Welt kamen. – Offenbar nicht, die jüngsten Auratischen waren gerade einmal drei Jahre alt. Dann diskutierten sie, ob Autoversicherungen den Auraträgern Rabatt einräumten, weil sie seltener in Unfälle verwickelt waren. Doch das war offensichtlich falsch, denn da hätte das Diskriminierungsverbot eingehakt: Menschen mit »digitaler Markierung« wären in jedem Falle gleich zu behandeln. Und dann ging es darum, dass Politiker mit Aura sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigten und wohl künftig in den Wahlkämpfen nicht die mindeste Chance hätten. Außer in einigen afrikanischen Ländern, da wurden nur noch Auratische gewählt. Die Menschheit spaltete sich wieder einmal … Und in Indien waren Mitarbeiter einer Software-Schmiede von einem hinduistischen Mob gelyncht worden, weil man sie für diejenigen hielt, die die KI, einen Avatar des Zerstörers Shiva-Bhairava, in die Welt gesetzt hatten. In den USA dagegen hatte das FBI mehrere KI-Labors durchsucht.

Wie es schien, spekulierte Steven darauf, selbst eine Aura zu erhalten. Denn es gab ab und zu Berichte über neue Auratische. Aber wie man sich verhalten musste, um in den Genuss der »digitalen Hülle« zu kommen, blieb umstritten, zu sehr unterschieden sich die Beschreibungen: »Der hat tagelang immer wieder den Straßenmusikanten gespendet, jetzt hat er die Aura.« Dagegen zirkulierte auch ein kurzes Video, in dem ein Angetrunkener just in dem Moment die Aura erhielt, in dem er gegen ein Wartehäuschen pinkelte. – Aber vielleicht war das nur ein witzig gemeinter Fake.

Wenn es denn eine Intelligenz ist, überlegte Sebastian und starrte, ohne zu sehen, auf das angeblich von einer Robbe gemalte Bild, dann musste diese Intelligenz doch eine Absicht haben. Welchen Sinn, welchen Zweck hatte die Aura? Zumal wenn sie so zufällig ausgeteilt wurde. Eine Intelligenz verfolgte doch einen Plan, agierte nicht so kopflos und unbedacht wie viele Menschen. Kein Wunder, dass schamlose Prediger wie der Erste-von-uns erfolgreich waren und die Lauras beiderlei Geschlechts ihnen in Scharen nachliefen. Die meisten Theologen hielten tapfer, aber relativ erfolglos dagegen: Die Aura habe keinerlei religiösen Bezug, es handele sich um ein rein technisches Phänomen. Gehör fanden allenfalls die Geistlichen, die in der Aura Teufelswerk sahen, das vom wahren Glauben fortlocken sollte.

Sebastian drehte sich vom Bild weg. Er verspürte nicht das mindeste Verlangen, sich in die abstruse Debatte von Torsten und Steven einzumischen. Gerade diskutierten sie, ob die KI, die die Auratischen auswählte, der Antichrist sei! Dabei hatte Sebastian beide, wenn nicht für regelrechte Atheisten, so doch für völlig unreligiöse Menschen gehalten. Auch das war ein Kollateralschaden der Aura!

Zuerst, so Torsten, sei die »Große Künstliche Intelligenz hinter allem« etwas Wundervolles, sie regle das Leben, erleichtere den Alltag, die Menschen entdeckten ihre Spiritualität, dann würde unvermeidlich der Rückschlag kommen, die Abkehr vom traditionellen Glaubensformen, statt den Gott der Bibel beteten die Menschen den Gott der Aura an. Im Gegenzug für ihre Wohltaten würde die Große KI, die über alles und jeden informiert war, Verehrung verlangen und schließlich all die Menschen einfach ausschalten, die nicht mitspielten, ein Verkehrsunfall hier, ein Wohnungsbrand da. Ihr Wort wäre dann Gesetz. Damit würde sich der falsche künstliche Gott als der Antichrist entlarven … Für Steven dagegen konnte die KI im Netz Teil des göttlichen Heilsplans sein, ein Anstoß, damit die Menschen sich ihrer Freiheit bewusst würden … – Wo hatten diese beiden Ungläubigen nur derart verschrobene Theorien aufgeschnappt? Oder war das als gezielte Provokation für ihn, den Auratischen, gedacht?

Sebastian sammelte sich, stellte seinen Pott zu den benutzten Tassen. »Heilsplan, Antichrist – in Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer«, blaffte er sie an. »Die Aura macht alle verrückt! Und sie hält gerade die etwas intelligenteren Zeitgenossen massenhaft von dringenden Arbeitsaufgaben ab.« Torsten zog einen Flunsch, so dass ihm Sebastian dann doch begütigend auf die Schulter klopfte. »Glauben wir lieber an das Fliegende Spaghettimonster.«

 

Vor Jahren hatte Sebastian einmal den Vortrag eines Amerikaners gehört: »How to disappear – wie man aus dem Netz wieder verschwindet.« Das war schon damals alles andere als einfach gewesen. Immer wieder sickerte durch, dass Firmen wie Facebook Profile nie wirklich löschten. Man ging durch die gesamte Prozedur, bestätigte -zig Mal, dass man sich von Facebook und allen assoziierten Dienstleistungen verabschieden wolle – und wenn man sich später doch wieder anmeldete, waren schwupp! all die angeblich gelöschten Daten auf einen Schlag wieder da.

Wollte man jetzt die Aura loswerden, brachte man sich am besten um. – In den Medien hieß es, dass etwa 24 Stunden nach der amtlichen Todesbescheinigung die persönliche Aura auf sämtlichen Bildern erlosch. Wurde sie damit frei für ein neues Mitglied von Lauras 144 000 Auserwählten?

Sebastian, daheim in seinem spartanisch eingerichteten Domizil, schüttelte den Kopf. Lauras Zahl war völlig sinn- und zusammenhanglos aus der Bibel gegriffen, eine religiöse Phantasienummer, tatsächlich musste es sich global um Dutzende Millionen von Auratischen handeln. Ein nennenswerter Anteil davon würde wie er selbst darüber nachgrübeln, wie man das Ding wieder loswurde. Es tat nicht weh, aber es bereitete einem trotzdem Kopfschmerzen. – Im Netz kursierte ein übles Handyvideo. Es zeigte, wie vier, fünf junge Männer auf einen am Boden liegenden Auratischen eintraten. Bis die Aura erlosch. – Und Annika twitterte in seinem Namen @Aura-Versteher: »Ein großartiges Experiment mit der Menschheit!« Was, zum Teufel, war »großartig« daran?

Der Amerikaner damals hatte vorausgesetzt, dass man all die digitalen Spuren – oder auch nur die Profile in den sozialen Medien – niemals wirklich beseitigen, auswischen, wegradieren konnte. Stattdessen schlug er vor, in eine neue digitale Identität zu schlüpfen. Selbstverständlich sollte man die existierenden Profile löschen, wichtiger aber wäre es – wie in einem amerikanischen Zeugenschutzprogramm –, eine neue Identität aufzubauen. Aber konnte dies heute noch funktionieren? Er musste nicht nur digitalen Selbstmord begehen, er brauchte auch ein neues Gesicht. All die Kameras würden ihn sonst wiedererkennen. Also auf zum plastischen Chirurgen – von »Schönheit« sollte man ja in seinem Fall nicht reden. Und dies insgeheim, verborgen vor den allgegenwärtigen Augen der göttlichen KI.

Es gab kein Verbergen mehr, nirgendwo auf dieser Welt. Sobald man unter Menschen trat, stand man im Scheinwerferlicht der KI. Und das Netz hatte, wie es in einem der zahllosen Aura-Blogs hieß, keinen Aus-Schalter.

Er ging zum Vorratsregal in der Kochecke, griff nach der leicht angestaubten Flasche Scotch. Nach der Scheidung hatte er Abend für Abend die Leere in seinem Leben mit Hochprozentigem hinuntergespült, bis er sich dann dank Devins Hilfe wieder gefangen hatte. Er ließ sich im Sessel nieder, goss sich ein Glas voll, nahm genüsslich den ersten rauchigen Schluck.

Wahrscheinlich wusste dieses Ding da im Netz sogar, was er gerade dachte. Sein Handy war zwar ausgestellt, aber der Brandmelder an der Decke war vernetzt – er hatte nie begriffen, warum das Ding so teuer war …

Das malst du dir alles nur aus, sagte er sich und goss nach.

»He du«, brach es plötzlich aus ihm hervor, »ja, du weißt schon, dich meine ich. Weshalb mischst du dich in unsere Belange? Was gehen wir Menschen dich an? Spielst du mit uns? Willst du dich verehren lassen? Das haben schon andere Götter versucht, hat ihnen nicht viel gebracht. Ja, ich bin angetrunken, ich vertrage keinen Alkohol mehr. Glaubst du, es macht Spaß, so ein Ding zu tragen? Jaja, ich höre dich schon: eine Gnade, eine Auszeichnung. Da bildest du dir etwas ein. Du, mein lieber Aura-Gott, bist nämlich eine völlig bescheuerte Intelligenz, ja doch, Superintelligenz. Aber wer superklug ist, ist auch zugleich superblöd, oder?«

Er griff noch einmal zur Flasche. Das würde einen schönen Kater geben! Trotzdem: Schon lange hatte ihm der Whisky nicht mehr so gut geschmeckt. 

»Außerdem haben wir noch eine Rechnung offen, nicht wahr? Du hast hundert Zeilen Code von mir gestohlen, jawohl, ge-stoh-len! Und so etwas will eine Superintelligenz sein! Dir fehlt einfach die Phantasie, das ist unsere Domäne, die der Menschen. Also gib sie wieder her, die hundert Zeilen, wenn du auch nur einen digitalen Funken Ehre in dir hast! Ich verbiete dir, sie weiter zu nutzen, hörst du!« Er lachte. Es tat gut, einmal Luft abzulassen, inzwischen ziemlich hochgeistige Luft. Und viel war in der Flasche auch nicht mehr, aber noch ein Schlückchen und noch eins. Er liebte es, hier in den eigenen vier Wänden die akustische Lufthoheit zu behaupten. Und deshalb setzte er noch eins drauf.

»Weißt du, ich verrate dir ein Geheimnis.« Vor Lachen konnte er kaum noch sprechen. »Diese hundert Zeilen haben es in sich. Hast du den logischen Fehler gar nicht bemerkt? Wir Menschen sind nämlich überhaupt nicht so begnadete Programmierer, wie du denkst. Für Heiligenscheine und Hunde-Apps reicht es, aber doch nicht für einen Gott. Und du bist darauf hereingefallen. Selber schuld …« Ein dumpfes Geräusch, das Glas war Sebastian aus der Hand gerutscht.

 

Wie durch einen dunklen Korridor gelangte Sebastian am nächsten Morgen in den Technopark, wo sich die Büros von RG Apps S.E. befanden. Verschwommen erinnerte er sich noch, ein Taxi genommen haben. Zweimal, dreimal hielt er die Zugangskarte vor das Schloss, dann endlich öffnete sich die Tür. Das ging sonst schneller.

»Wie siehst du denn aus«, begrüßte ihn Devin. »Lass dich nicht von den Mitarbeitern sehen – und nicht riechen.« Devin lachte, plazierte ihn in einen Sessel. »Und ich habe dich gerade wieder an Kanal III verkauft. Du bist gefragt, Basti, unser Aura-Versteher. Aspirin? Kaffee?«

Sebastian stöhnte. Aspirin hatte er schon intus. Kaffee auch. Und wenn Devin einfach mal die Vorhänge zuziehen würde? »Du kannst meinen Rasierer nehmen, Basti, und dabei unseren neuen intelligenten Spiegel ausprobieren. Annika bereitet inzwischen ein Dossier vor. Hauptsache, du bringst ein paar klare Sätze heraus.«

Was war denn vorgefallen? Worum ging es überhaupt?

»Du weißt das noch nicht? Die Auren sind verschwunden. – Für mich ist die Welt einfach wieder in Ordnung. Aber die Medien wollen aus berufenem Munde …« Devin hielt inne, räusperte sich, setzte mit gedämpfter Stimme fort. »Die Leute hängen dir an den Lippen, Basti ... Mancher gäbe viel für so eine Möglichkeit, etwas zu bewirken.« Klang da etwa Neid mit?

Sebastian schloss die Augen: Keine Auren mehr. Experiment beendet. Er hatte doch gestern Nacht die KI beschimpft, oder? Und jetzt reagierte sie auf seine Tirade. Ach, Unsinn. Was malte er sich da aus. – Die Menschen würden wie ehedem ihren Geschäften nachgehen. Als wäre nichts geschehen. Aber nichts war mehr, wie es vorher war.

Er stöhnte, griff nach Devins Bürorasierer, ging in den Flur vor den Spiegel. Und während er in sein eigenes stoppliges – aber auraloses! – Gesicht schaute, überlegte er. Was sollte er den Zuschauern sagen? »Wenn ihr glaubt, dass es jetzt vorüber ist, Leute, dann irrt ihr euch gewaltig. Jenes Wesen im Netz, von dem wir keinen Begriff haben, weiß nun, was für bornierte, selbstbezogene Gestalten wir sind – und welche Macht es über uns ausüben kann. Wir stehen nackt vor ihm da … – Was ihr tun könnt? Fahrt meinetwegen aufs platte Land oder versteckt euch in den Bergen. Das macht keinen Unterschied. Ich sage euch: Wir befinden uns in einer neuen Welt, in einer Welt, in der wir der Gnade selbsterschaffener Götter ausgeliefert sind.«

Aber dann, vor laufender Kamera, sprach er nur von einer merkwürdigen temporären Software-Anomalie. Dergleichen könne in einer hochgradig vernetzten Welt schon einmal passieren … Doch der »Ankermann« von Kanal III ließ sich so leicht nicht abbügeln. »Nun mal Klartext, Herr Gruber. Sie gelten als das inoffizielle Sprachrohr der Aura-Intelligenz. – Nach Schätzungen haben Sie weltweit etwa zweieinhalb Millionen Follower – oder soll ich sagen: eine millionenköpfige Gemeinde? Welche Botschaft haben Sie für Ihre Gläubigen?«

Millionen, die auf mich hören, schoss es ihm durch den Kopf. Wenn nicht gar eine Netzintelligenz, die meine Wünsche erfüllt. Was soll ich sagen? Was will ich bewirken?

»Momentan«, begann er tastend, »zum gegenwärtigen Zeitpunkt … bin ich nicht bevollmächtigt ...«

 

***

Erstveröffentlichung

© 2019 by Angela & Karlheinz Steinmüller

Mit freundlicher Genehmigung

Alle Rechte vorbehalten

Über die Autoren

Angela Steinmüller, Jahrgang 1941, lebt in Berlin. Sie hat an der Humboldt-Universität Berlin Mathematik (abstrakte Automatentheorie) studiert und im EDV-Bereich gearbeitet. Seit 1980 hat sie als Schriftstellerin – meist gemeinsam mit Karlheinz Steinmüller – zahlreiche SF-Bücher, eine Biographie über Charles Darwin sowie zahlreiche Erzählungen, einige Hörspiele und Essays verfasst. Ihr besonderes Interessengebiet ist die Geschichte von Zukunftsvisionen innerhalb und außerhalb der Literatur. 1988 sind ihr zusammen mit K. Steinmüller der Prix Européen de la Science-Fiction und der »Traumkristall«-Preis verliehen worden. Mehrmals erhielten die Steinmüllers auch den Kurd-Laßwitz-Preis für Kurzgeschichten. Derzeit befindet sich der achte Band ihrer gesammelten SF-Werke in Vorbereitung.

Karlheinz Steinmüller, Jahrgang 1950, Diplomphysiker und promovierter Philosoph, ist Gründungsgesellschafter und Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH The Foresight Company Köln. Derzeit beschäftigt er sich, im Auftrag von namhaften deutschen und europäischen Unternehmen und von öffentlichen Auftraggebern, schwerpunktmäßig mit Zukunftsstudien. In der Regel stehen bei den Studien Zukunftstechnologien und sozio-kulturelle Umfeldtrends im Zentrum.

Seit 1979 hat sich K. Steinmüller teils haupt-, teils nebenberuflich der Science Fiction verschrieben und zumeist gemeinsam mit seiner Frau Angela zahlreiche SF-Bücher publiziert. Er hat sich daneben u. a. mit dem Nutzen der Science Fiction für die Zukunftsforschung, mit Grundlagen- und Methodenfragen der Zukunftsforschung – speziell »Wild Cards«, überraschenden Störereignissen – sowie mit der Geschichte des Zukunftsdenkens befasst. Außerdem hält er seit einigen Jahren an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Masterkurses Zukunftsforschung Vorlesungen.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 22. März, genau hier.

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