Kurzgeschichte am Fiction Friday: Tongtongs Sommer von Xia Jia

© Marius Wenker

FICTION FRIDAY

Tongtongs Sommer (Xia Jia)


Tongtong hat einen neuen Mitbewohner: ihren Opa. Seit er ohne seinen neuen Pflegeroboter nicht mehr aus dem Haus kann, ist er unausstehlich geworden. Lässt sich auch im hohen Alter noch eine Revolution anzetteln?

In Kapsel, dem neuen Magazin für chinesische Science Fiction, wird die preisgekrönte SF-Autorin Xia Jia erstmals auf Deutsch präsentiert. Exklusiv auf TOR ONLINE ist nun mit „Tongtongs Sommer“ eine weitere Geschichte von ihr zu lesen.

***

1

Mama sagte zu Tongtong: „Bald zieht Opa bei uns ein.“

Nach dem Tod von Oma lebte Opa allein. Mama erklärte Tongtong, dass Opa sein ganzes Leben der Revolution gewidmet hatte. Er kam nie zur Ruhe. Auch im hohen Alter bestand er noch immer darauf, in die Klinik zu seinen Patienten zu gehen. Vor ein paar Tagen jedoch war er auf dem Weg nach Hause auf der regennassen Straße ausgerutscht und hatte sich den Fuß gebrochen.

Zum Glück konnte er schnell genug ins Krankenhaus gebracht werden, wo er einen Gips bekam. Nach ein paar Tagen Ruhe konnte er entlassen werden.

Mit Nachdruck mahnte Mama: „Tongtong, dein Großvater ist alt und nicht immer bei bester Laune. Du bist alt genug, halt dich etwas zurück und geh Opa nicht auf die Nerven.“

Tongtong nickte und dachte: „Ich pass doch immer auf.“

2

Opas Rollstuhl sah aus wie ein kleines Elektroauto. An der Lehne befand sich der Steuerknüppel. Opa musste ihn nur leicht berühren, und schon setzte sich der Rollstuhl in Bewegung. Wirklich lustig.

Tongtong hatte schon immer ein bisschen Angst vor Opa. Er hatte ein eckiges Gesicht mit langen, weißen Augenbrauen, die aufrecht standen wie harte Kiefernnadeln. Noch nie hatte sie jemanden mit so langen Augenbrauen gesehen.

Auch hatte sie Mühe, ihn zu verstehen. Opa sprach mit starkem Dialekt. Als Mama ihm beim Essen erklärte, dass sie einen Pfleger für ihn brauchten, schüttelte Opa nur den Kopf und sagte immer wieder: „Ach, kein Problem!“ Dies verstand Tongtong dann aber doch.

Als Oma krank wurde, hatte auch sie eine Pflegerin gehabt. Eine Frau vom Land, die zierlich und trotzdem sehr kräftig gewesen war. Ganz allein konnte sie Oma aus dem Bett heben, sie baden, auf die Toilette setzen und ihr beim Anziehen helfen. Tongtong hatte dies mit eigenen Augen beobachtet. Später, nachdem Oma gestorben war, kam die Frau nicht mehr.

Nach dem Essen schaltete Tongtong die Videowand ein, um ein paar Spiele zu spielen. Die Welt in ihren Spielen war ganz anders als die um sie herum. In dem Spiel starben die Leute immer auf der Stelle. Sie konnten nicht krank werden oder mussten im Rollstuhl sitzen. Hinter ihr stritten Mama und Opa immer noch über die Pflegerin.

Papa kam zu ihr und sagte: „Tongtong, genug für heute. Das ist schlecht für die Augen.“

Ihren Großvater nachahmend, schüttelte Tongtong den Kopf und sagte: „Ach, kein Problem!“

Mama und Papa konnten ihr Lachen kaum unterdrücken. Nur Opa lachte nicht und saß da mit finsterer Miene.

3

Ein paar Tage später kam Papa mit einem menschenähnlichen Roboter nach Hause, dessen Äußeres Tongtong sehr komisch fand. Er hatte einen runden Kopf, lange Arme und zwei weiße Hände. Statt Füßen besaß er zwei Räder, mit denen er vorwärts- und rückwärtsrollen und sich umdrehen konnte.

Papa drückte auf eine Stelle am Hinterkopf des Roboters. In dem eiförmigen Kopf blinkten blaue Lämpchen dreimal auf, und das Gesicht eines jungen Mannes erschien auf der Oberfläche. Die Auflösung war so gut, dass er fast aussah wie ein richtiger Mensch.

„Bist du ein Roboter?“, fragte Tongtong verwundert.

Das Gesicht lachte. „Hallo! Ich heiße Ah Fu.“

„Darf ich dich anfassen?“, fragte Tongtong wieder.

„Na klar!“, antwortete Ah Fu.

Tongtong legte ihre Hand auf das Gesicht, bevor sie vorsichtig die Arme und Hände des Roboters betastete. Der Körper von Ah Fu war mit einer Silikonschicht überzogen, die so warm war wie echte Haut.

Papa erzählte Tongtong, dass Ah Fu von der Firma Gookk Technologies hergestellt worden war und dass sich seine Entwicklung noch in der Testphase befand. Sein größter Vorteil war, dass er so schlau und einfallsreich war wie ein Mensch: Er konnte Äpfel schälen, Tee kochen, Wasser eingießen, Essen machen, abwaschen, sticken, schreiben, Klavier spielen … Kurz gesagt: Ah Fu im Haus zu haben bedeutete, dass gut auf Opa aufgepasst werden würde.

Opa saß nur mürrisch da und schwieg.

4

Nach dem Mittag las Opa Zeitung auf dem Balkon. Er las und las, bis er nach einer Weile einschlief. Ah Fu rollte lautlos herbei, hob Opa aus seinem Stuhl und trug ihn ins Schlafzimmer. Dort legte er ihn ins Bett, deckte ihn zu und machte die Vorhänge zu, bevor er behutsam die Tür schloss.

Tongtong folgte Ah Fu und beobachtet alles ganz genau.

Ah Fu tätschelte ihr sanft ihren Kopf. „Warum machst du nicht auch ein kleines Mittagsschläfchen?“

Tongtong legte ihren Kopf fragend zur Seite: „Bist du wirklich ein Roboter?“

Ah Fu lachte. „Warum? Seh ich etwa nicht so aus?“

Tongtong betrachtete Ah Fu eine Weile aufmerksam. Und sagte dann sehr ernst: „Du bist bestimmt keiner!“

„Warum?“

„Ein Roboter würde niemals so lachen.“

„Du hast noch nie einen lachenden Roboter gesehen?“

„Wenn ein Roboter lacht, sieht das normalerweise echt gruselig aus. Dein Lachen ist gar nicht gruselig. Also bist du ganz sicher kein Roboter.“

Da lachte Ah Fu erneut, dieses Mal noch lauter. „Willst du wissen, wie ich wirklich aussehe?“

Tongtong nickte. Ihr Herz pochte.

Ah Fu rollte zur Videowand. Ein Lichtstrahl aus der Oberseite seines Kopfes projizierte ein Bild auf die Wand. Dort konnte Tongtong einen Mann erkennen, der in einem unordentlichen Raum saß.

Der Mann in dem Bild winkte Tongtong, woraufhin Ah Fu in gleicher Weise zu winken begann. Tongtong sah das Männchen in dem Bild genau an: Es trug einen dünnen, grauen, langärmligen Overall und graue Handschuhe. Auf den Handschuhen leuchteten viele kleine Lichter. Auch trug es eine riesige Brille. Das Gesicht hinter der Brille war blass und dünn und sah genauso aus wie das von Ah Fu.

Tongtong war verblüfft. „Oh, also bist du der echte Ah Fu!“

Das Männchen in dem Bild kratzte sich am Kopf und sagte dann leicht verlegen: „Ah Fu ist der Name, den wir dem Roboter gegeben haben. Ich heiße eigentlich Wang. Warum nennst du mich nicht einfach Onkel Wang?“

Onkel Wang erzählte Tongtong, dass er studierte und ein Praktikum in der Forschungsabteilung von Gookk Technologies machte. Seine Gruppe war für die Entwicklung von Ah Fu zuständig.

Er erklärte ihr, dass die Überalterung in der Gesellschaft zu einem bedrohlichen Problem wurde: Viele ältere Menschen konnten nicht für sich selbst sorgen, und ihre Kinder hatten auch keine Zeit, sich um sie zu kümmern. In Altersheimen fühlten sie sich allein. Es bestand große Nachfrage nach professionellen Pflegerinnen und Pflegern.

Dank Ah Fu konnte sich die Situation verbessern. Wurde er nicht gebraucht, schaltete er in den Wartemodus. Wurde seine Hilfe benötigt, konnten die User eine Anfrage schicken und wurden umgehend mit dem Pflegepersonal verbunden. Dies sparte Zeit und Kosten und verbesserte gleichzeitig die Effizienz.

Dieser Ah Fu hier war ein Prototyp. Etwa 3000 von ihnen wurden bei Familien überall im Land getestet.

Onkel Wang erzählte Tongtong, dass seine Großmutter vor einigen Jahren krank geworden war und lange Zeit im Krankenhaus gelegen hatte, weshalb er sich mit der Pflege älterer Menschen auskannte. Darum hatte er sich auch freiwillig gemeldet, sich um Tongtongs Großvater zu kümmern. Und wie es der Zufall so wollte, kam Onkel Wang auch noch aus derselben Region wie ihr Großvater, weshalb er seinen Dialekt gut verstand. Ein normaler Roboter wäre dazu wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen.

Für seine Erklärungen benutzte Onkel Wang viele technische Begriffe, und Tongtong war sich nicht sicher, ob sie wirklich alle verstand. Trotzdem fand sie die Idee hinter Ah Fu echt cool – ein bisschen wie Science Fiction.

„Weiß Opa, wer du wirklich bist?“

„Deine Mama und dein Papa wissen es, dein Großvater noch nicht. Lass es fürs Erste unser Geheimnis bleiben, ok? Wir werden es ihm in ein paar Tagen erzählen, wenn er sich an Ah Fu gewöhnt hat.“

Tongtong versprach hoch und heilig: „Ach, kein Problem!”

Sie lachten.

5

Opa konnte nicht einfach nur zu Hause faulenzen und ließ sich von Ah Fu spazieren fahren. Aber schon nach dem ersten Mal beklagte er sich darüber, dass es zu heiß war, und wollte danach das Haus nicht mehr verlassen.

Ah Fu erzählte Tongtong heimlich, dass ihr Opa nicht daran gewöhnt war, im Rollstuhl geschoben zu werden. Er hatte das Gefühl, dass alle Leute ihn anstarrten.

Aber Tongtong dachte, vielleicht haben sie in Wirklichkeit alle Ah Fu angestarrt.

Weil Opa nun nicht mehr bereit war, das Haus zu verlassen, wurde seine Laune immer schlechter. Er wirkte deprimiert und bekam heftige Wutanfälle. Einige Male schrie er Mama und Papa an, wobei er wütend mit dem Zeigefinger gestikulierte. Die beiden ließen seine Flüche über sich ergehen, standen mit gesenktem Kopf da und schwiegen. Als Tongtong nach einem dieser Wutausbrüche einmal in die Küche kam, fand sie ihre Mutter weinend hinter der Tür.

Opa hatte sich verändert und war nicht mehr, wie er früher einmal gewesen war. Wäre er doch bloß niemals hingefallen. Tongtong hatte keine Lust zu Hause zu sein. Sie fühlte sich, als würde der ganze Ärger sie ersticken. Jeden Morgen bei Tagesanbruch rannte sie zum Spielen nach draußen und kam erst zum Essen zurück.

Eines Abends brachte Papa ein weiteres Gerät von Gookk Technologies mit nach Hause: eine Brille. Er bat Tongtong, sie aufzusetzen und mit ihr durchs Haus zu laufen. Was auch immer sie sah und hörte, wurde auf die Videowand übertragen.

„Tongtong, würdest du Opas Auge sein?“, fragte Papa.

Tongtong sagte natürlich Ja. Schließlich war sie sehr neugierig.

6

Tongtong liebte den Sommer. Sie konnte Röcke tragen, Wassermelone und Eis am Stiel essen, Schwimmen gehen, Zikaden-Panzer im Gras suchen, in Sandalen durch Pfützen rennen, nach Gewittern Regenbogen jagen, danach völlig verschwitzt eine kalte Dusche nehmen, kalten Pflaumensaft trinken, Kaulquappen im Teich fangen, Trauben und Feigen pflücken, am Abend im Hof sitzen, sich im Schatten abkühlen und in die Sterne schauen, Grillen im Licht der Taschenlampe fangen … Ja, im Sommer war alles toll.

Tongtong setzte ihre neue Brille auf und ging raus zum Spielen. Die Brille war schwer und rutschte ihr die ganze Zeit von der Nase. Tongtong hatte Angst, sie könnte runterfallen.

Seit Beginn der Sommerferien hatte sie Tag für Tag mit ihren Freundinnen und Freunden gemeinsam wie wild gespielt. Meistens waren sie zu zehnt oder mehr. Vereint schien ihre Phantasie keine Grenzen zu kennen. War ein Spiel langweilig, dachten sie sich ein neues aus. Waren sie müde oder war es zu heiß, fuhren sie zum Fluss und plumpsten hinein wie Jiaozi in einen Topf. Über ihnen brannte die Sone, aber das Wasser des Flusses war erfrischend und kalt. Es war himmlisch!

 

Als Nächstes sollte geklettert werden. Am Ufer stand ein Schnurbaum, der so groß war, als wollte er den blauen Himmel durchstechen. War er vielleicht ein Drache?

Da hörte Tongtong plötzlich die hastige Stimme ihres Großvaters in ihrem Ohr: „Tongtong, kletter dort nicht rauf! Das ist zu gefährlich!“

Wie sich herausstellte, konnte mit der Brille auch telefoniert werden! Freudig rief sie zurück: „Ach, kein Problem, Opa!“ Tongtong war eine ausgezeichnete Kletterin. Ihr Papa sagte immer, dass sie in einem früheren Leben ein Affe gewesen sein musste.

Aber Opa ließ nicht locker und brummte weiter in ihr Ohr. Tongtong konnte nicht das Geringste verstehen. Alles, was sie hörte, war Krach. Entnervt warf sie die Brille ins Gras vor dem Baum und zog die Sandalen aus. Sie kletterte los und fühlte sich dabei frei wie eine Wolke im Wind.

Der Baum stellte keine besondere Herausforderung für sie dar. Die dickten Äste trugen sie wie Hände. Höher und höher stieg sie hinauf und hatte schon bald ihre Freundinnen und Freunde weit hinter sich gelassen. Gleich war sie ganz oben. Der Wind pfiff, und um sie herum glitzerte das Sonnenlicht durch die Blätter. Die Welt war still geworden.

Als sie gerade eine Verschnaufpause einlegte, hörte sie die in der Ferne die Stimme ihres Papas hinauf rufen: „Tongtong, komm … da … runter! Sofort!“

Sie steckte den Kopf heraus und schaute herunter. Die schwarzen Umrisse eines Menschen, kaum größer als eine Ameise, erschienen unter ihr. Es war tatsächlich ihr Papa.

Den gesamten Weg nach Hause wurde sie ausgeschimpft.  

„Das ist viel zu gefährlich! Alleine so weit nach oben zu klettern! Wie konntest du nur so dumm sein?”

Sie wusste, dass ihr Opa sie verraten hatte. Wer sonst hatte davon gewusst?

Nur weil er nicht auf Bäume klettern konnte, durfte das wohl keiner mehr. Opa war echt öde! Wegen Papa lachten jetzt alle über sie.

Am nächsten Morgen streifte Tongtong wieder ganz früh los. Die Brille aber wollte sie nicht noch einmal mitnehmen und ließ sie zu Hause.

7

„Opa hat sich Sorgen um dich gemacht“, sagte Ah Fu. „Überleg doch mal, was passiert wäre, wenn du runtergefallen wärst und dir das Bein gebrochen hättest. Dann würdest du jetzt auch im Rollstuhl sitzen.“

Aber Tongtong schmollte weiter vor sich hin.

Ah Fu erzählte ihr, dass der Baum durch die Brille sehr hoch ausgesehen hatte. Opa hatte hilflos mit ansehen müssen, wie sie immer höher auf den Baum geklettert war. Er war so beunruhigt, dass er sich heiser geschrien hatte und fast aus dem Rollstuhl gefallen wäre.

Aber Tongtong war weiter sauer auf Opa. Es gab keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Schließlich war sie schon auf viel höhere Bäume geklettert und war kein einziges Mal gestürzt.

Da die Brille nun keine Verwendung mehr fand, schickte Papa sie zurück an Gookk Technologies. Wieder saß Opa zu Hause fest und wusste nichts mit sich anzufangen. Bis er eines Tages völlig unerwartet ein altes chinesisches Schachspiel hervorwühlte und Ah Fu herbeizerrte, um mit ihm zu spielen.

Tongtong kannte die Regeln nicht, weshalb sie sich einen Stuhl holte und sich dazusetzte, um das Spektakel genau verfolgen zu können. Sie mochte es, Ah Fu dabei zuzuschauen, wie er die verblichenen Holzstücke mit seinen schlanken, weißen Fingern verschob. Oder wie er leicht mit den Fingern auf den Tisch tippte, während er seinen nächsten Zug plante. Die Hand war so hübsch, als wäre sie aus Elfenbein geschnitzt.

Aber schon nach ein paar Spielzügen war klar, dass Ah Fu sich nicht mit Opa messen konnte. Nach wenigen weiteren Zügen konnte Opa die erste Figur mit lautem Klappern schlagen.

„Grober Fehler“, murmelte Opa.

Und Tongtong pflichtete ihm bei: „Grober Fehler!“

„Ein echter Roboter hätte sich besser gemacht“, fügte Opa hinzu. Er wusste also bereits, dass Ah Fu von einem Menschen gesteuert wurde.

Opas Siegessträhne war ungebrochen, und wenige Spiele später ging es ihm sichtlich besser. Nicht nur glühte sein Gesicht, auch wackelte er eifrig mit dem Kopf und summte alte Lieder. Die gute Laune war ansteckend. Auch Tongtong freute sich, und ihr Groll gegenüber Opa schien wie verflogen.

Nur Ah Fu sah nicht so glücklich aus. „Ich muss einen besseren Gegner für Sie finden“, sagte er.

8

Als Tongtong zurück nach Hause kam, machte sie eine schreckliche Entdeckung: Opa hatte sich in ein Monster verwandelt!

Er hatte einen dünnen, grauen Anzug mit langen Ärmeln an und trug passend dazu ein Paar graue Handschuhe. Viele kleine Dioden leuchteten auf den Handschuhen. Er hatte eine riesige Brille auf der Nase und machte mit seinen Händen winkende Bewegungen in der Luft.

Auf der Videowand tauchte ein Mann auf. Allerdings nicht Onkel Wang. Dieser fremde Mann war so alt wie Opa und hatte silbern glänzende Haare. Er trug keine Brille, dafür stand vor ihm ein Schachbrett.

„Tongtong, sag Hallo zu Großvater Zhao“, sagte Opa.

Großvater Zhao und Opa kannten sich aus der Armee. Er hatte gerade erst einen Stent eingesetzt bekommen. So wie Opa langweilte auch er sich sehr und hatte einen Ah Fu, der sich um ihn kümmerte.

Und so wie Opa war auch er ein großer Schach-Enthusiast und hatte sich über die Unfähigkeit seines Ah Fu beschwert. Onkel Wang hatte einen brillanten Einfall gehabt und Opa ein Telepräsenz-Equipment zur Steuerung eines Ah Fu zugeschickt. Er zeigte ihm, wie er sie richtig benutzte. Schon nach ein paar Tagen beherrschte Opa die Bedienung so gut, dass er Großvater Zhao zum Schach herausfordern konnte.

Nicht nur konnten sie jetzt Schach spielen, sondern sich in ihrem Dialekt unterhalten. Opa wurde so fröhlich und aufgeregt, dass er Tongtong an ein kleines Kind erinnerte.

„Tongtong, schau gut zu!“, sagte Opa.

Er wedelte leicht mit der Hand, und auf der anderen Seite der Leinwand hob Großvater Zhaos Ah Fu mit seinen weißen Händen das Schachbrett hoch und kreiselte es vorsichtig über dem Tisch, bevor er es wieder zurückstellte.

Tongtong riss die Augen auf und starrte verblüfft auf den Bildschirm. Waren das wirklich dieselben zittrigen Hände, die Opa das Leben so schwer gemacht hatten? Das war wirklich noch phantastischer als Zauberei.

„Kann ich mal?“, fragte sie.

Opa streifte die Handschuhe ab und half Tongtong sie anzuziehen. Die Handschuhe waren elastisch und passten sich an Tongtongs kleine Hände an. Tongtong wackelte mit den Fingern, und der Ah Fu auf dem Bildschirm machte es ihr nach. Die eingebauten Widerstände federten die Bewegungen Tongtongs ab, bevor sie an Ah Fu weitergegeben wurden.

Opa sagte: „Versuch doch mal, Großvater Zhao die Hand zu geben.“

Auf dem Bildschirm konnte sie sehen, wie Großvater Zhao lächelnd die Hand ausstreckte. Tongtong bewegte ihre Hand nach vorne und schüttelte vorsichtig die seine. Sie konnte spüren, wie sich der Druck in dem Handschuh veränderte, so als würde sie wirklich jemandem die Hand geben. Sie konnte sogar seine Wärme spüren! Phantastisch!

Mithilfe der Handschuhe ließ Tongtong Ah Fu zuerst das Schachbrett und die Figuren und schließlich eine dampfende Teetasse daneben berühren. Ihre Fingerspitzen spürten die plötzliche Hitze der Tasse. Erschreckt zog sie die Finger zurück, wodurch die Tasse zu Boden fiel und zerbrach. Das Schachbrett überschlug sich, und die Figuren rollten überall herum.

„Aiya! Tongtong, sei vorsichtig!“

„Nichts passiert, nichts passiert!“ Großvater Zhao winkte hastig ab. Er versuchte aufzustehen, um Besen und Kehrschaufel zu holen, aber Opa bat ihn, sitzen zu bleiben. „Pass auf deine Hände auf“, sagte Opa. „Ich mach das schon.“ Er zog sich die Handschuhe an und ließ Ah Fu die Figuren aufsammeln und den Boden fegen.

Opa war Tongtong nicht böse. Er versprach ihr, ihrem Vater nichts von dem kleinen Malheur zu erzählen.

„Sie ist noch ein Kind“, sagte Großvater Zhao, worauf die beiden alten Männer lachten.

Tongtong fühlte sich etwas missverstanden.

9

Mama und Papa stritten wieder mit Opa.

Diesmal ging es um etwas anderes. Opa sagte zwar wieder und wieder: „Ach, kein Problem!“, doch die Stimme von Mama wurde immer ernster.

Je länger Tongtong zuhörte, desto weniger verstand sie. Nur so viel, dass es um den Stent von Großvater Zhao ging.

Schließlich sagte Mama: „Du und dein ,Ach, kein Problem!‘. Und was, wenn etwas passiert wäre? Wir haben doch schon genug Ärger!“

Opa wurde so wütend, dass er sich in seinem Zimmer einschloss und nicht mal zum Essen herauskam.

Mama und Papa riefen Onkel Wang an. Tongtong begann langsam zu verstehen, was passiert war.

Großvater Zhao hatte das Schachspiel mit Opa so sehr aufgeregt, dass er einen Herzanfall bekommen hatte – der Stent war nicht richtig eingesetzt worden. Da niemand anderes zu Hause gewesen war, hatte Opa durch den Einsatz von Ah Fu Erste Hilfe geleistet und schließlich einen Krankenwagen gerufen.

Der Notarzt war rechtzeitig zur Stelle gewesen, um Großvater Zhao das Leben zu retten.

Opa überraschte alle mit dem Vorschlag, ins Krankenhaus zu gehen, um nach Großvater Zhao zu sehen. Nicht er selbst, versteht sich, sondern Ah Fu, den Opa von zu Hause aus steuern würde.

Doch auch Opa benötigte Hilfe. Wer sollte den Pfleger pflegen?

Nachdem Großvater Zhao wieder gesund war und das Krankenhaus verlassen konnte, wollte Opa ihm zeigen, wie das Telepräsenz-Equipment funktionierte. So konnten die beiden Alten sich gegenseitig pflegen und brauchten niemand anderes, der ihnen half.

Großvater Zhao mochte die Idee sehr. Doch ihre Familien fanden den Plan absurd. Sogar Onkel Wang war sich unsicher. „Da müsste ich erst mal mit meinen Vorgesetzten sprechen.“

Auch Tongtong grübelte. Mit der Hilfe von Ah Fu Schach zu spielen leuchtete ihr ein. Aber sich gegenseitig wieder gesund zu machen? Je länger sie darüber nachdachte, umso schwieriger wirkte die Sache auf sie. Wie Onkel Wang war auch sie verwirrt.

Opa war wie ein kleines Kind, seufzte Tongtong. Er hörte ganz und gar nicht auf Mama und Papa.

10

Opa verließ sein Zimmer nun gar nicht mehr. Zuerst dachte Tongtong, er sei immer noch sauer auf ihre Eltern. Doch dann fand sie heraus, dass die Situation sich komplett geändert hatte.

Opa war nun sehr beschäftigt. Er hatte wieder begonnen, sich um Patienten zu kümmern. Allerdings ging er nicht in die Klinik. In seinem Telepräsenz-Equipment steuerte er Ah Fus im ganzen Land, um Besuche bei alten Menschen zu machen. Er nahm ihre Beschwerden auf, fühlte ihren Puls und schrieb Rezepte. Auch wollte er Massagen und Akupunktur an ihnen durchführen. Als Training steckte er sich mithilfe von Ah Fu Nadeln in die eigene Haut.

Onkel Wang erzählte Tongtong, dass Opa mit seinem Engagement das Gesundheitssystem auf den Kopf stellen könnte. In Zukunft mussten Patienten vielleicht nicht mehr stundenlang in irgendwelchen Wartezimmern verbringen. Ärztinnen und Ärzte könnten Hausbesuche anbieten. Jede Nachbarschaft könnte einen eigenen Ah Fu bekommen. Arztbesuche würden viel einfacher werden.

Onkel Wang sagte, dass die Forschungsabteilung von Gookk Technologies ein Sonderteam eingesetzt hatte, um einen neuen Ah Fu zu entwickeln, mit dem diese Aufgaben noch besser bewältigt werden konnten. Ihr Opa stand ihnen als Berater zur Seite, was bedeutete, dass er nun noch mehr zu tun hatte!

Da Opas Beine immer noch nicht geheilt waren, musste Onkel Wang ihm immer noch helfen. Allerdings arbeiteten sie gleichzeitig an einem Online-System für freiwillige Helferinnen und Helfer. Diese konnten Ah Fus auch in den entlegensten Regionen steuern, um Alte, Kinder, Patienten und Haustiere zu pflegen und andere nützliche Aufgaben zum Wohle der Gesellschaft zu übernehmen.

Würde ihr Plan aufgehen, wäre dies der Anfang des goldenen Zeitalters, das Konfuzius vor Tausenden von Jahren vorausgesagt hatte: „Und dann würden sich die Menschen um alle Alten kümmern, als wären sie ihre eigenen Eltern, alle Kinder lieben, als wären sie ihre eigenen Kinder. Die Alten würden lange leben und in Sicherheit sterben; die Jungen hätten die Möglichkeit, ihren Beitrag zu leisten und zu gedeihen; und die Kinder würden unter der Aufsicht und dem Schutz aller anderen aufwachsen. Witwen, Waisen, Behinderte und Kranke – jeder würde Zuneigung und Liebe erfahren.“

Natürlich war der Plan nicht frei von Risiken: Privatsphäre und Sicherheit, Missbrauch durch Kriminelle, Störungen und Unfälle mussten bedacht werden. Da die Technologie aber bereits existierte, war es das Beste, sich mit derartigen Problemen auseinanderzusetzen.

Es gab aber auch Entwicklungen, mit denen keiner gerechnet hatte.

Onkel Wang zeigte Tongtong einige Videos, in denen Ah Fus zu sehen waren, die verschiedene interessante Dinge taten: Kochen, Babysitting, Sanitär- und Elektroarbeiten, Gärtnern, Autofahren und Tennisspielen. Den Kindern brachten sie Schach, Kalligrafie, Erhuspielen und Siegelschnitzerei bei.

All diese Ah Fus wurden von alten Menschen gesteuert, die ebenfalls selbst Pflege benötigten. Manche von ihnen konnten sich nicht mehr so leicht bewegen, hatten aber noch immer scharfe Augen, Ohren und Verstand; andere wiederum konnten sich zwar nicht mehr so gut Sachen merken, waren aber immer noch äußerst geschickt; die meisten jedoch hatten nur kleinere Probleme, fühlten sich aber traurig und allein. Dank Ah Fu waren sie jetzt in der Lage, die tollsten Sachen zu vollbringen.

Niemand hätte sich jemals träumen lassen, wozu Ah Fu alles fähig war. Genauso hatte wahrscheinlich niemand damit gerechnet, dass Männer und Frauen in ihren Siebzigern und Achtzigern so kreativ und einfallsreich sein konnten.

Am meisten war Tongtong aber von dem Ah-Fu-Orchester beeindruckt, das traditionelle Musik spielte. Sie versammelten sich um einen Teich in einem Park und spielten mit vollem Elan, so laut sie konnten. Onkel Wang erzählte ihr, dass das Orchester im Internet sehr beliebt war. Die Alten hinter den Ah Fus hatten allesamt ihr Augenlicht verloren, weshalb sie sich die „Alten Blinden“ nannten.

„Tongtong“, sagte Onkel Wang schließlich ganz gerührt zu ihr, „dein Opa hat eine Revolution gestartet.“

Tongtong erinnerte sich daran, dass ihre Mama oft gesagt hatte, dass ihr Opa ein alter Revolutionär sei. „Sein ganzes Leben hat er der Revolution gewidmet; es wird Zeit, dass er zur Ruhe kommt.“ Aber war Opa nicht eigentlich Arzt? Wann hatte er in der „Revolution“ mitgemacht? Was sollte „Revolutionär“ überhaupt für ein Beruf sein? Und warum musste er das sein ganzes Leben lang machen?

Tongtong konnte sich keinen Reim darauf machen, fand aber, dass eine „Revolution“ tatsächlich nichts Schlechtes war. Endlich war Opa wieder ganz der Alte.

11

Jeden Tag sprudelte Opa vor Energie und Tatendrang. In seinen freien Momenten stimmte er ein Lied aus einer alten Oper an:

„Draußen vor dem Tor die Kanonen,
sie lassen die Erde beben wie Donner
Und aus dem Tianbo-Palais tritt die Frau, die ihr Land verteidigt.
Der goldene Helm auf dem silberweißen Haar,
die eiserne Rüstung um ihre Schultern.
Auf ihrem Banner stolz ihr Name:
Mu Guiying, mit 53 ziehst du wieder in den Kampf!“

 

Tongtong musste lachen. „Aber Opa, du bist doch 83!“

Er kicherte nur und imitierte einen edlen General hoch zu Ross. Sein Gesicht glühte rot vor Freude.

In ein paar Tagen war sein 84. Geburtstag.

12

Tongtong spielte allein zu Hause.

Im Kühlschrank warteten Teller mit gekochtem Essen auf sie. Am Abend machte sie es sich warm und aß allein. Die Abendluft war schwer und feucht. Und die Zikaden zirpten laut.

Der Wetterbericht hatte Gewitter angesagt.

In einer Ecke des Raums blinkte ein blaues Licht dreimal auf. Und eine Gestalt kam zum Vorschein: Ah Fu.

„Mama und Papa haben Opa ins Krankenhaus gebracht. Sie sind noch nicht zurück“, sagte Tongtong.

Ah Fu nickte. „Deine Mama schickt mich, um dich daran zu erinnern, die Fenster zu schließen, bevor es regnet.“

Zusammen machten sie alle Fenster im Haus zu. Als der Sturm kam, trommelten die Tropfen gegen die Scheiben. Weiße und purpurne Blitze zerrissen die schwarzen Wolken und der markerschütternde Donner, der darauf folgte, ließ Tongtongs Ohren vibrieren.

„Hast du gar keine Angst?“, fragte Ah Fu.

„Nein, du?“

„Als ich klein war.“

Da kam Tongtong eine wichtige Frage: „Ah Fu, müssen wir alle erwachsen werden?“

„Ja, das müssen wir.“

„Und dann?“

„Dann werden wir alt.“

„Was kommt dann?“

Doch Ah Fu antwortete nicht.

Sie schalteten die Videowand ein und schauten Cartoons. Gerade lief Tongtongs Lieblingssendung: „Das Dorf der bunten Bärchen.“ Wie sehr es draußen auch regnete, die kleinen Bären lebten immer glücklich zusammen in ihrem Dorf. Vielleicht war alles andere in der Welt erfunden und nur die Welt der Bären echt.

Tongtongs Augen wurden immer schwerer. Das Tippen der Regentropfen wiegte sie langsam in den Schlaf. Sie lehnte sich gegen Ah Fu. Dieser nahm sie auf den Arm, brachte sie in ihr Zimmer, wo er sie sanft aufs Bett legte, sie zudeckte und die Vorhänge zuzog. Seine Hände waren wie echte Hände, warm und weich.

Tongtong murmelte im Schlaf: „Wo bleibt Opa?“

„Schlaf jetzt. Morgen ist er bestimmt wieder da“, flüsterte eine Stimme.

13

Aber Opa kam nicht zurück.

Dafür Mama und Papa, die traurig und müde aussahen.

Ausruhen konnten sie sich nicht. Jeden Tag gingen sie früh los und kamen spät zurück. Tongtong blieb allein zu Hause. Mal spielte sie, mal schaute sie Cartoons. Manchmal kam Ah Fu vorbei und brachte ihr etwas zu Essen.

Ein paar Tage später rief ihre Mama sie zu sich.

Opa hatte einen Knoten im Kopf. Der Tumor hatte auch Opas Sturz ausgelöst. Nach der Untersuchung wollte der Arzt sofort operieren.

Aber in Opas Alter waren Operationen sehr riskant. Ihn nicht zu operieren wäre jedoch noch gefährlicher gewesen. Mama und Papa waren mit Opa in mehreren Krankenhäusern gewesen, um sich verschiedene Meinungen einzuholen. Und nach nächtelangen Beratungen hatten sie sich entschieden, die Operation durchzuführen. Heimlich gaben sie im Krankenhaus Bescheid und sagten Opa, dass es sich lediglich um eine kleine Gefäßerkrankung handelte.

Die Behandlung dauerte einen ganzen Tag. Der Tumor hatte die Größe eines Eis.

Nach der OP lag Opa im Koma.

Plötzlich umarmte Mama Tongtong, wobei sie weinte und vor Wut mit den Zähnen knirschte. Sie zitterte wie ein Fisch.

Tongtong drückte ihre Mama fest. Sie sah die weißen Haare, die sich vereinzelt unter die schwarzen Haare ihrer Mama gemischt hatten. Alles erschien so unwirklich.

14

Tongtong fuhr mit Mama ins Krankenhaus.

Es war sehr heiß und gleißend hell. Tongtong und ihre Mama teilten sich einen Sonnenschirm. In der anderen Hand trug ihre Mama eine Thermoskanne mit rotem Fruchtsaft, den sie frisch aus dem Kühlschrank genommen hatte.

Auf der Straße waren noch ein paar andere Leute. Die Zikaden zirpten noch immer. Der Sommer war nun endlich fast vorbei.

Im Krankenhaus war es sehr kühl. Sie warteten auf dem Flur, bis eine Schwester zu ihnen kam und ihnen sagte, dass Opa jetzt wach sei. Mama ließ Tongtong zuerst reingehen.

Opa sah aus wie ein Fremder. Die Haare waren abrasiert und das Gesicht geschwollen. Ein Auge war von Bandagen bedeckt, das andere war geschlossen. Tongtong nahm die Hand ihres Opas. Sie hatte Angst und dachte an Oma. Wie bei ihr waren überall Schläuche und piepsende Geräte.

Die Schwester sagte Opas Namen. „Ihre Enkelin ist hier, um Sie zu sehen.“

Opa öffnete das Auge und starrte sie an. Als Tongtong sich bewegte, folgte es ihr. Aber Opa konnte sich nicht bewegen oder sprechen.

Die Schwester flüsterte: „Du kannst mit ihm reden. Er kann dich hören.“

Tongtong wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie drückte Opas Hand und konnte fühlen, dass er ebenfalls zudrückte.

Opa, rief sie in sich hinein. Erkennst du mich?

Sein Auge folgte Tongtong.

Endlich fand sie ihre Stimme. „Opa!“

Tränen tropften auf das weiße Laken. Die Schwester versuchte sie zu trösten. „Weine nicht! Das macht deinen Opa auch traurig.“

Tongtong wurde aus dem Raum gebracht, und sie weinte bitterlich im Flur.

15

Der Tag für Ah Fus Abreise war gekommen. Papa packte ihn zusammen, um ihn zurück zu Gookk Technologies zu schicken.

Onkel Wang sagte, dass er sich gerne persönlich von Tongtong und ihrer Familie verabschiedet hätte. Aber die Stadt, in der er lebte, war sehr weit entfernt. Wenigstens war es inzwischen einfach geworden, sich über weite Entfernungen zu verständigen, und sie könnten sich in Zukunft über Video oder Telefon austauschen.

Tongtong saß in ihrem Zimmer und malte, als Ah Fu leise heranrollte. Sie hatte viele bunte Bären gemalt. Ah Fu schaute sich ihre Zeichnung an. Der größte Bär trug alle Regenbogenfarben und dazu eine schwarze Augenklappe, so dass nur noch ein Auge zu sehen war.

„Wer ist das?“, fragte Ah Fu.

Tongtong gab keine Antwort. Sie malte ihn nur immer weiter aus, wobei sie versuchte, ihm jede Farbe in dieser Welt zu geben.

Ah Fu umarmte Tongtong von hinten. Sein Körper vibrierte. Tongtong wusste, dass er weinte.

16

Onkel Wang schickte Tongtong eine Videobotschaft:

„Tongtong, hast du das Päckchen erhalten, das ich dir geschickt habe?“

In dem Päckchen war ein wuscheliger Teddybär. Er trug die Farben des Regenbogens und eine Augenklappe, sodass nur ein Auge zu sehen war. Genau wie der Bär aus ihrer Zeichnung.

„Der Bär hat ein Telepräsenz-Equipment und ist mit den Instrumenten im Krankenhaus verbunden: Herzschlag, Atem, Puls und Körpertemperatur. Wenn das Auge des Bären geschlossen ist, bedeutet das, dass dein Opa schläft. Ist dein Opa wach, öffnet der Bär die Augen. Alles, was der Bär sieht und hört wird an die Decke des Krankenzimmers projiziert. Du kannst mit ihm sprechen, ihm Geschichten erzählen, ihm etwas vorsingen. Und dein Opa wird es sehen und hören. Er kann auf jeden Fall sehen und hören. Auch wenn er seinen Körper nicht mehr bewegen kann, ist er in seinem tiefsten Inneren doch wach. Also musst du mit deinem Bären sprechen, mit ihm spielen und ihn dein Lachen hören lassen. Und dein Opa wird nicht alleine sein.“

Tongtong legte ihr Ohr auf die Brust des Bären: Bumm-bumm, bumm-bumm. Das Herz schlug langsam und leise. Die Brust war warm und hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Er schlief tief.

Tongtong wollte auch schlafen. Sie nahm den Bären mit zu sich ins Bett und deckte ihn zu. Wenn Opa morgen wach ist, dachte sie, nehme ich ihn mit nach draußen in die Sonne. Wir klettern auf Bäume oder gehen in den Park, um den Opas und Omas zuzuhören, wie sie ihre Lieder singen. Der Sommer ist noch nicht vorbei. Es gibt noch viele tolle Dinge zu tun.

„Ach, kein Problem, Opa!“, flüsterte sie. Wenn du aufwachst, wird alles gut.

 

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Anmerkung der Autorin:

Ich möchte diese Geschichte meinem Opa widmen. Ich habe sie im August geschrieben, in dem Monat, in dem er gestorben ist. Ich werde unsere gemeinsame Zeit für immer in meinem Herzen tragen.

Die Geschichte ist allen Großvätern und Großmüttern gewidmet, die jeden Morgen im Park Taiji üben, ihre Schwertkünste perfektionieren, Opern singen, ihre Ziervögel zur Schau stellen, malen, kalligrafieren und Akkordeon spielen. Ihr habt mir gezeigt, dass das Leben so nah am Tod nichts ist, vor dem ich mich fürchten muss.

Obwohl die Geschichte aus der Perspektive eines kleinen Kindes erzählt wird, handelt sie von einer „Revolution“. Für mich ist eine Revolution keine große Schale Wein, kein großes Stück Fleisch oder Gold. Eine Revolution ist auch nicht, wie Lu Xun einmal sagte, ein Einzelner, der den Arm hebt, zum Kampf aufruft und dem zahlreiche Anhänger folgen. Eine Revolution entspringt dem Mut der Schwachen und Verzweifelten mit dem Wunsch nach Veränderung des Status Quo. Eine Revolution ist für die unzähligen einfachen Männer und Frauen, die Alten, Schwachen, Kranken, Verwitweten und Einsamen, damit sie wissen, dass das Leben besser sein sollte und besser sein kann. Es benötigt nur Phantasie, Mut, Bereitschaft, Gemeinschaft, Liebe und Hoffnung und etwas Verständnis und Sympathie für uns Nahestehende und Fremde. Dies ist die Fähigkeit, mit der wir geboren werden. Es ist auch etwas, was uns die Science-Fiction bringen kann.

 

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Aus dem Chinesischen von Felix Meyer zu Venne und Lukas Dubro

 

© 2014 by Xia Jia. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Alle Rechte vorbehalten.

Erstveröffentlichung der chinesischen Fassung unter dem Titel 童童的夏天 in Zui Novel, März 2014.

Über die Autorin

Autorin: Xia Jia

Geboren 1984 in Xi’an. Hinter dem Pseudonym Xia Jia verbirgt sich Dr. Wang Yao, die in Xi’an lebende und arbeitende Schriftstellerin und Professorin für chinesische Literatur. Für sieben ihrer Erzählungen gewann sie den Galaxy-Award, die bedeutendste Auszeichnung für Science-Fiction-Literatur Chinas. Ihr neuester Erzählband „Xi’an City Is Falling Down“ erschien 2018. Zur Zeit lehrt sie an der Xi’an Jiaotong University. Sie ist die erste promovierte Wissenschaftlerin Chinas mit einer Spezialisierung auf Science Fiction. Auf Deutsch erschien bisher: „In den Wolken“ (Kapsel – Fantastische Geschichten aus China Nr. 2, Fruehwerk Verlag 2018). Mehr auf kapsel-magazin.de

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 22. Februar, genau hier.

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