Kurzgeschichte am Fiction Friday: Seelenwandler - Melanie Vogltanz

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FICTION FRIDAY

Seelenwandler (Melanie Vogltanz)


Der Gestaltwandler Trajan muss hilflos mitansehen, wie seine Brüder und Schwestern von riesigen, schwarzen Wölfen gerissen werden. Kann er einen Krieg zwischen seinem Volk und den unheimlichen Eindringlingen verhindern? Unsere PAN-Story des Monats von Melanie Vogltanz ist eine phantastische Variante der klassischen Frage nach Liebe und Tod, Konflikt und Versöhnung.

Und wenn du wissen möchtest, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Trajan saß in der üppigen Baumkrone einer Kiefer und blickte auf das in Eis gekleidete Land hinab. Wie so oft, wenn er sich außerhalb des Berges aufhielt, hatte er sich den Körper eines Raben übergestreift. Solange die Seelen sich innerhalb ihres Mutterberges aufhielten, waren sie ewig, unverwundbar, stofflos. Doch verließen sie den schützenden Leib des steinernen Riesen, so mussten sie sich wie jede andere Kreatur in eine fleischliche Hülle zwängen und waren darin allen sterblichen Leiden ausgeliefert: dem Hunger. Der Kälte. Dem Tod.

Trajan schloss seine Krallen fester um den tragenden Ast und öffnete seine Schwingen ein wenig, als könnte er nicht entscheiden, ob er sich in die Lüfte erheben sollte. Schon oft hatte er mit dem Wunsch gerungen, sich einfach in den Himmel zu schrauben und weit fort zu fliegen, Richtung Süden, wo die Sonne nicht hinter Berggipfeln und schweren Schneewolken verborgen war. Fernweh schlug schmerzhaft in seiner Brust, wollte sie zum Bersten bringen.

Natürlich wusste Trajan, dass er dem Drang nicht nachgeben durfte, niemals. Bergseelen war es nur an vier Tagen des Jahres gestattet, den steinernen Leib ihrer Mutter zu verlassen: zu Imbolc, Beltane, Lughnasadh und Samhain. In der restlichen Zeit des Zyklus war ihnen der Weg in beide Richtungen versperrt. Jene, die sich zu weit von ihrer Heimat entfernten, um rechtzeitig vor Ablauf des Tages zurückzukehren, waren in ihrem irdischen Leib gefangen, bis sich die Pforten erneut öffneten. Die meisten kamen nicht wieder: Sie verhungerten, wurden getötet oder starben an Krankheit. Ein hoher Preis, nur um die süße Luft der Fremde zu schmecken.

Trajan beugte sich ein Stück vor und klapperte überrascht mit dem Schnabel. Seine scharfen Vogelaugen hatten etwas in dem ewigen, alles erstickenden Weiß ausgemacht, das nicht dorthin gehörte. Im Schnee saß ein kleines, verletzlich aussehendes Wesen, die Beine dicht an den Leib gezogen, den Kopf gesenkt. Ein Menschenmädchen.

Obwohl Trajan wusste, dass es ihm verboten war, seinen Posten zu verlassen, entfaltete er seine Schwingen und ließ sich herabgleiten. Als seine Füße auf der Schneedecke aufsetzten, wandelte er seine Gestalt in die eines Menschen. Er näherte sich dem Mädchen und ließ sich vor ihm in die Knie sinken, sodass sich ihre Gesichter auf gleicher Höhe befanden.

Das Mädchen hob wie in Trance den Kopf. Obwohl es keine Kleidung trug, schien es nicht zu frieren.

»Was tust du hier, Mädchen?«, fragte Trajan aus der so engen menschlichen Kehle. »Dies ist ein gefährlicher Ort für kleine Menschen. Möchtest du hier erfrieren?«

Wortlos erwiderte das Kind seinen Blick. Es hatte herrliche blaue Augen, in denen Trajan sich zu verlieren fürchtete.

»Wie das Meer«, flüsterte er. Da entdeckte er eine lange, tiefe Wunde im Oberarm des Kindes. Hätten die Temperaturen nicht weit unter dem Gefrierpunkt gelegen, hätte sie stark geblutet. »Du bist verletzt.«

Mit einem Ruck schoss das Mädchen in die Höhe und wirbelte herum. So rasend schnell, dass Trajans menschliche Augen nicht zu folgen vermochten, stürmte es davon, in das ewige Eis hinein.

»Warte!« Trajan lief ihm nach, konnte in seiner augenblicklichen Gestalt jedoch nicht zu ihm aufschließen. Nach einigen Hundert Metern blieb er schließlich stehen und wischte sich den dampfenden Schweiß von der Stirn. Seine Augen suchten die Fährte des Kindes.

Doch statt menschlicher Fußspuren sah er nur die Abdrücke von zierlichen Wolfspfoten im Schnee.

 

Zahlreiche Jahrzehnte zogen an Trajan vorüber, und er vergaß die Begegnung mit dem seltsamen Mädchen und seiner noch seltsameren Fährte. Wann immer der Mutterberg seine schützenden Arme öffnete, hielt Trajan an jener Kiefer Wache, wie er es schon seit Jahrhunderten getan hatte. Und so war er es, der das schreckliche Unglück mit eigenen Augen sah, welches die Ruhe der Bergseelen für immer zerstören sollte.

Da kein Wesen, auch nicht jene, die ewig waren, den ständigen Stillstand auf Dauer ertrug, schlossen sich die Bergseelen zu Lughnasadh traditionell zu Gruppen zusammen, um in der Gestalt von Gämsen durch das Gebirge zu streifen und so ein Stück vom Leben und dessen Vergänglichkeit zu kosten. In jenem schicksalhaften Sommer sollten viele von ihnen die Grenze der Sterblichkeit nicht nur berühren, sondern überschreiten …

Bevor Trajan irgendetwas sah, hörte er sie kommen. Er hörte ihre panisch über den Erdboden trommelnden Hufe und das Hecheln und Geifern ihrer Verfolger. Er hörte das schaurige Heulen, das von den Bergkämmen zurückgeworfen wurde, und die Schmerzensschreie seiner gerissenen Kameraden. Aus geweiteten Vogelaugen musste er mit ansehen, wie eine Meute bärengroßer, tiefschwarzer Wölfe seine Brüder und Schwestern in den Tod hetzte. Schnappende Kiefer schlossen sich um schlanke Fesseln, und ach so sterbliches Fleisch wurde von scharfen Zähnen zerrissen.

Wären sie nicht so weit vom Mutterberg entfernt gewesen, hätten seine Geschwister eine andere Gestalt annehmen und sich gegen die Angreifer zur Wehr setzen können. Doch der Abstand zwischen ihnen und ihrer Heimat war zu groß, und so hatten sie keinen Zugriff auf die Kräfte des Steinriesen.

»Lauft!«, krähte Trajan und flatterte hektisch mit den Flügeln. »Zum Berg! Rasch!«

Doch die Gämsen strebten in blinder Panik auseinander, versuchten, in alle Richtungen zu entwischen. Die Wölfe hatten leichtes Spiel und rissen eine nach der anderen zu Boden.

Trajan konnte das Schlachten nicht mehr länger mitansehen und kniff die Augen zu. Er öffnete sie erst wieder, als das Reißen und Kreischen um ihn herum verstummt war und sich wieder das wohlvertraute Schweigen des Eises auf ihn herabsenkte.

In der Ferne sah er, wie die Wölfe von dannen zogen. Ihr Fell, das dieselbe Farbe wie Trajans Gefieder hatte, war von trocknendem Blut befleckt; das Blut seines Volkes, das nun den ehemals reinweißen Boden beschmutzte und darin zu rubinfarbenen Eiskristallen erstarrte. Eine Träne versickerte in Trajans Federkleid.

Dann schwang er sich in die Lüfte und suchte den Berg auf. Ihm graute vor dem, was er dort zu Gesicht bekommen würde.

 

»Wie viele?«

Noch nie hatte Trajan Lapilu anders als fröhlich und guter Dinge erlebt. Nun hatte sich seine Aura von einem hellen Leuchten in ein stumpfes Grau gewandelt. Wie sie alle war er verstört vom Angriff der wilden Wesen, und so musste Trajan seine Frage noch zweimal wiederholen, ehe er eine Antwort erhielt.

»Sieben. Wir sind nur noch sieben.«

Durch Trajan lief ein Schauer. Sieben. Einst waren sie fünfundzwanzig gewesen. Und nur sieben waren übrig?

»Wie konnte das passieren? Wie um alles in der Welt konnte das passieren?«

Lapilus Aura verblasste noch weiter, als die Last der Erinnerung sein Licht zu ersticken suchte. »Diese Kreaturen haben ihr Lager hier ganz in der Nähe aufgeschlagen. Wir hatten das Pech, darauf zu stoßen, als wir uns gerade auf den Heimweg machten. Es sieht ganz so aus, als hätten diese Wesen vor, sich hier einzunisten. Du weißt, was das bedeutet?«

Trajan schwieg verstockt. Nein, das wusste er nicht. Das wollte er nicht wissen.

»Nie wieder gemeinsame Wanderungen zu Lughnasadh«, sprach Lapilu das Undenkbare aus. »Unsere heilige Tradition … tot. Nach Tausenden und Abertausenden von Jahren … vorbei. Selbst uns einzeln aus dem Mutterberg herauszuwagen, ist von nun an ein lebensgefährliches Unterfangen. Diese Geschöpfe machen uns zu Gefangenen in unserem eigenen Reich!«

»Irgendwann werden sie sterben. Alles stirbt.«

»Sie nicht«, behauptete Lapilu. »Ich habe den Geruch der Ewigkeit an ihnen gewittert, Trajan.«

»Nein, das ist unmöglich«, widersprach Trajan heftig. »Nichts ist unsterblich, auch wir nicht. Die Natur lässt es nicht zu.«

»Diese Wesen sind keine Kinder der Natur«, erwiderte Lapilu ernst. »Es sind Missgeburten. Ungeheuer, die den allumfassenden Gesetzen nicht untergeordnet scheinen. Einige unter ihnen waren von einer Aura umgeben, die bereits Jahrhunderte kommen und gehen sah. Die Last der Jahre scheint sie eher stärker denn schwächer zu machen. Genauso wie wir sind sie dazu in der Lage, ihre Gestalt zu verändern, doch beziehen sie diese Magie nicht aus einer Quelle wie wir, sondern aus sich selbst. Es sind Mischwesen, Trajan, halb Mensch und halb Tier. In ihrem Lager habe ich einige unter ihnen gesehen, die ihre Form wandelten: Aus schwachen, haarlosen Männerkörpern erwuchsen Klauen und Zähne. Dass eine Hälfte ihrer Seele menschlich ist, macht sie unvorstellbar gefährlich. Denn Menschen sind nicht nur intelligent, sie sind auch unvorstellbar grausam und grundlos böse.«

Das wusste Trajan nur zu gut. Lerchen, die auf ihrem Weg zu ihren Nistplätzen von weit her gekommen waren, hatten ihm von anderen Bergseelen in weniger lebensfeindlichen Gebieten berichtet, die ihr Heiligstes immer wieder mit aller Kraft gegen die willkürliche Zerstörungswut der Menschen verteidigen mussten. Menschen, die Berge in Stücke sprengten. Die das goldene Blut aus ihren steinernen Adern saugten.

»Nein. Wir dürfen das nicht zulassen«, presste Trajan hervor. »Wir müssen uns gegen diese Bestien zur Wehr setzen.«

»Aber wie?« Eine weitere der Bergseelen war zu ihnen gestoßen und zwängte sich in eine schmale Gletscherspalte. Das Flackern ihrer Aura bewies Trajan, wie knapp sie dem Tod entronnen war.

»Sie müssen eine Schwachstelle haben!«, beharrte Trajan. »Trotz allem sind sie aus Fleisch und Blut!«

Lapilu kämpfte sichtlich darum, seine Gedanken zu ordnen. »Nun ... Eines der Wolfswesen stürzte während der Jagd einen Abgrund hinab. Sein Körper wurde vollständig zerschmettert, und sein Geist erlosch. Offenbar können selbst diese widernatürlichen Geschöpfe nicht überleben, wenn ihre stoffliche Hülle vernichtet wird.«

»Dann werden wir kämpfen!«, bestimmte Trajan. »Am Morgen des ersten Tages, an dem der Mutterberg uns wieder freigibt, brechen wir auf und bereiten ihrem Treiben ein Ende. Für immer.«

 

In der ersten Stunde des Samhain, kurz vor Sonnenaufgang, nahm Trajan wieder seinen angestammten Platz in der alten Kiefer ein. Um besser sehen zu können, hatte er sich in den Körper einer Schneeeule gehüllt. Nervös ließ er seine Augen über die in Dunkelheit daliegende Eiswüste gleiten.

Da! Um ein Haar hätte Trajan seinen Halt auf dem Ast verloren, als er den Schemen eines gigantischen, pechschwarzen Wolfes im Schnee gewahrte. Den gedrungenen Schädel schnuppernd über den vereisten Boden gesenkt, irrte er in Kreisen über die Ebene. Er schien etwas zu suchen – vielleicht weitere Beutetiere, die er in den Tod reißen konnte.

Wut wallte in Trajan auf und verbrannte jeden klaren Gedanken. Beinahe ohne seinen Willen fielen die schneeweißen Federn aus seiner Haut, machten dichtem Pelz Platz. Sein Schnabel verformte sich zu einer breiten Schnauze, rasiermesserscharfe Zähne schlugen durch das Zahnfleisch seines Kiefers. Als er in einem Wirbel von Schnee auf dem Boden aufschlug, hatte er bereits vollständig die Gestalt eines Eisbären angenommen, jene Form, auf die er sich mit seinen verbliebenen Brüdern und Schwestern für die bevorstehende Schlacht geeinigt hatte.

Der Kopf des Wolfes zuckte hoch, und mit einem überraschten Jaulen fuhr er herum und wollte die Flucht ergreifen. Trajan dachte nicht daran, diesen Mörder entkommen zu lassen. Mit wenigen weit ausgreifenden Sätzen holte er die Bestie ein und warf sie mit der bloßen Masse seines Körpers zu Boden.

Seine Pranken pressten den Leib des Gegners in den Schnee, geifernd schnappte er nach dessen Kehle. Der Wolf zog seine Lefzen hoch, doch in seinen Augen war keine Angriffslust, nur Todesangst.

Gewiss hätte Trajan das Wesen in der nächsten Sekunde getötet, wäre sein Blick nicht auf diese von Furcht geweiteten Augen getroffen. Mitten in der Bewegung erstarrte er.

So blau, schoss es ihm durch den Kopf. Wie das Meer.

Verwirrt wich er einen Schritt zurück und ließ sich rücklings in den Schnee fallen. Vor seinen Augen verschoben sich die Glieder des Wolfes, das Fleisch schien förmlich von seinen Knochen zu schmelzen. Nach nicht einmal einem halben Atemzug war die Verwandlung vollbracht, und Trajan sah sich einer blasshäutigen Frau gegenüber.

Mit einiger Verspätung reagierte auch Trajan und nahm menschliche Gestalt an. Auf den schwarzen Lippen der Frau, das einzige Überbleibsel ihrer zweiten Hälfte, erblühte ein schwaches Lächeln, das den furchterfüllten Ausdruck aus ihrem Gesicht nur allmählich vertrieb. »Ich wusste doch, dass es in dieser Gegend keine Eisbären gibt.«

»Du bist das Mädchen, das ich damals im Schnee gefunden habe«, stellte Trajan fest.

»Und du bist der Mann, der sich einst um mich sorgte.«

»Dann gehörst du also auch zu diesen Bestien?«

Die Fremde strich sich das schwarze Haar aus der Stirn. »Wir bevorzugen es, Hemykinen genannt zu werden«, antwortete sie und zeigte eine Reihe sehr weißer, sehr scharfer Zähne.

»Hemykinen.« Trajan wog das Wort prüfend auf der Zunge ab. Es fühlte sich an wie ein Fremdkörper.

»Und mich kannst du Celine nennen. Wie darf ich dich nennen, Gestaltwandler?«

»Trajan«, sagte er knapp.

Die Wolfsfrau ließ sich neben ihn in den Schnee sinken. »Nun sag, Trajan: Woher kennst du unser Volk? Und warum bezeichnest du uns als Bestien?«

Diese Frage weckte in Trajan wieder den alten Zorn. Mit einem Satz war er auf den Beinen. »Woher ich euer Volk kenne? Ihr habt fast zwanzig meiner Geschwister in Fetzen gerissen, und du fragst mich, woher ich euch kenne? Oh, ich hätte dich längst töten sollen. Verschwinde von hier und lass dich niemals wieder in der Nähe unseres Berges blicken! Und wenn du klug bist, dann gibst du diese Warnung auch an dein Rudel weiter. Wir werden es nicht länger dulden, dass ihr uns abschlachtet wie Vieh!«

Celine runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe kein Wort.«

»Ach nein? Dann erinnerst du dich nicht einmal mehr an das grausige Festmahl, bei dem du und deine Meute euch im Sommer den Bauch vollgeschlagen habt?«, fragte er, heftiger werdend.

Ihre Augen weiteten sich, als sie zu begreifen begann. »Du meinst doch nicht etwa … die Gämsen?«

Trajan schnaubte. »Ihr seid in unser Heiligstes eingedrungen und habt Wunden in unser uraltes Volk gerissen, die niemals wieder verheilen werden. Glaub nicht, dass euch die bloße Unwissenheit vor eurer rechtmäßigen Strafe schützt. Wir werden euch vernichten.«

Nun war es Celines Gesicht, das sich vor Zorn verdunkelte, und auch sie stemmte sich wieder auf die Beine. »Du klagst uns an, weil wir getan haben, was unsere Natur ist? Ihr wart es doch, die in unser Lager eingedrungen seid! In der Gestalt von Beutetieren seid ihr geradewegs in unsere Mäuler spaziert! Und wir waren hungrig, Trajan, schrecklich hungrig. Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist, in dieser lebensverneinenden Eiswelt Nahrung aufzutreiben?«

»Warum seid ihr dann hierhergekommen?!«, brauste Trajan auf.

»Weil wir von überall sonst vertrieben wurden!«

Schweigen legte sich wie eine erstickende Decke über sie. Für lange Zeit wagte niemand, dem anderen in die Augen zu sehen.

Schließlich war es Celine, die erneut das Wort ergriff. »Die Menschen hassen uns für das, was wir sind. Sie haben uns mit Feuer und Schwert aus ihren Siedlungen vertrieben und viele von uns auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es gibt keinen Ort, an dem wir sonst sicher vor ihnen wären.«

»Warst du deshalb als kleines Mädchen im Gebirge?«, fragte Trajan leise. Er dachte an die Wunde, die er am Arm des Kindes gesehen hatte. »Weil du vor deinen Verfolgern fliehen musstest?«

Celine nickte stumm. »Als sie die wahre Natur von meinen Eltern und mir erkannten, wollten sie uns töten. Ich konnte nur knapp entkommen. Meine Eltern hingegen ...«

Ohne darüber nachzudenken, schloss Trajan die so zerbrechlich wirkende Frau in die Arme. Ihre Haut war nicht kalt, wie er es aufgrund des Schnees und des beißenden Windes erwartet hätte, doch sie zitterte sacht. Vor Kälte? Trajan bezweifelte es.

»Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn ich nicht auf das Rudel getroffen wäre – Ausgestoßene, Verlorene, wie ich. Ich war es, die ihnen riet, in diesen Bergen Schutz vor den Menschen zu suchen. Ich führte sie hierher.«

»Celine ...«, setzte er schwach an.

»Es tut mir leid, dass wir eurem Volk Schmerzen bereitet haben«, flüsterte sie nahe seinem Ohr. »Das ist die Wahrheit. Wir hatten keine Ahnung, dass ihr … dass ihr …«

»So sind wie ihr?«, half Trajan. Und das waren sie tatsächlich. Sie beide waren Gestaltwandler. Sie beide hatten bereits am Elixier der Ewigkeit geleckt. Und sie beide fanden Zuflucht in der unwirklichen Welt des Hochgebirges.

Behutsam strich Trajan über das schwarze, glatte Haar. »Ich werde ihnen sagen, dass sie den Angriff abbrechen sollen. Wir wollen keinen Krieg mit euch. Ich will keinen Krieg …«

Da blickte Celine ihm tief in die Augen, und ihre schwarzen Lippen berührten die seinen – flüchtig nur, wie eine kühle Brise. Schon im nächsten Moment wandte sie rasch den Kopf ab. »Verzeih«, flüsterte sie.

»Es ist in Ordnung, Celine.« Er berührte ihre weiße Wange. »Alles wird gut, du wirst sehen. Wir werden eine Lösung finden.«

Und damit erhob er sich, sprang in die Lüfte und schwang sich als Schneeeule in den vor Kälte starrenden Nachthimmel empor.

 

Trajans Bemühungen, die bevorstehende Schlacht zu vereiteln, scheiterten. Seine Brüder und Schwestern waren zornig, und was noch schlimmer war: Sie waren beinahe krank vor Kummer. Er konnte reden, so viel er wollte, sie weigerten sich, ihm zuzuhören.

Als die ersten blassen Sonnenstrahlen sich an der wie Glas schimmernden Oberfläche des Mutterberges brachen, versammelten sich sechs gewaltige Eisbären auf der schneebedeckten Ebene. Trajan selbst hatte sich wieder in seine Rabengestalt gekleidet und beobachtete das Spektakel besorgt aus der Luft. Ein starker Wind war aufgekommen, der die ersten Schneeflocken vor sich hertrieb. In nicht einmal einer halben Stunde würde seine Kraft sich verdreifacht haben – eine Witterung, die bereits so manche leichtsinnige Bergseele das Leben gekostet hatte. Das Schicksal schien gegen Trajan zu arbeiten.

Als die Bären aufbrachen, flog Trajan voraus, um Celine zu warnen. In seinem Rücken glaubte er, das leise Wimmern des Berges zu vernehmen, der zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahrtausenden unbewacht war.

Als er spürte, dass seine Kräfte bald nicht mehr für einen Gestaltwechsel ausreichen würden, nahm er die Form eines Wolfes an. In diesem Körper erreichte er das Lager der Hemykinen vor seinen Geschwistern, aber Celine konnte er nicht entdecken. Unter all den schwarzen Wölfen war nicht einer, in dessen Augen das Meer schwamm.

Je näher er den Raubtieren kam, desto unruhiger wurden sie. Trajans Fell war weiß, sein Körper klein und wendig, und so erregte er augenblicklich das Misstrauen der Mischwesen. Zahlreiche Augenpaare bohrten sich wie Messerspitzen in seinen Körper, dennoch wagte Trajan sich in ihre Mitte. Mehr als einmal schnappten kräftige Kiefer nach seinem Schwanz oder seinen Läufen, und ein dunkles Grollen wie von einem nahenden Gewitter breitete sich unter den Tieren aus. Wenn er auch nur das geringste Anzeichen von Furcht zeigte, würden ihn die Wölfe in der Luft zerreißen.

»Ihr müsst fort von hier!«, rief Trajan. »Flieht, ehe es zu spät ist!«

»Celine hat die Wahrheit gesagt«, knurrte ein besonders groß gewachsener, breitschultriger Rüde. »Es sind tatsächlich Gestaltwandler, und sie wollen Rache.«

»Tötet den Eindringling!«, forderte ein anderer. »Er will uns bloß in die Irre führen, um uns dann in den Rücken zu fallen!«

»Niemand krümmt Trajan auch nur ein Haar!«

Erleichtert sah Trajan, wie Celine sich aus der Menge der Wölfe löste.

»Kein weiteres Blutvergießen mehr«, rief sie an ihr Rudel gewandt. »Wir ziehen weiter!«

Ein Murmeln und Raunen lief durch die versammelte Meute. Sie sollten nicht mehr dazu kommen, eine Entscheidung zu fällen, denn da tauchten die ersten Schemen am Horizont auf – massige Bären, in deren Augen pure Mordlust glühte.

»Da sind sie!«

Trajan vermochte nicht zu sagen, welche der beiden Parteien diesen gellenden Schrei ausstieß, und ihm blieb auch keine Zeit, es herauszufinden. Denn schon in der nächsten Sekunde brach die Hölle los.

Als die Bergseelen das Lager der Hemykinen erreichten, war die Schlacht bereits in vollem Gange. Schwarze und weiße Körper prallten aufeinander, und riesige Pranken schlugen nach dem Fleisch des anderen. Knochen splitterten, Sehnen rissen, Leben erloschen. Es war ein grässlicher Kampf, denn beide Seiten waren gleich stark. Wie zwei lodernde Brände würden sie sich gegenseitig aufzehren, bis nichts mehr auf dieser Hügelkette atmete.

»Hört auf, ihr Narren!«, rief Trajan verzweifelt.

Als hätte die Natur nur auf dieses Schauspiel gewartet, brach nun ein ohrenbetäubender Sturm los, der Trajan beinahe von den Pfoten riss und die Schmerzensschreie der Kämpfenden verschluckte. Ein Wirbel aus Schnee raubte Trajan die Sicht, ließ seine Schnurrhaare zu Eis erstarren.

Panisch blickte er sich um. Celine war nicht mehr an seiner Seite.

»Celine!« Der Schrei brach als langgezogenes Heulen aus seiner Wolfskehle.

Da entdeckte er sie nur wenige Schritte entfernt. Gleich zwei bullige Bären hatten die Wolfsfrau an den Rand eines Gletschers gedrängt. Sie wollte noch weiter zurückweichen, doch ihr Hinterbein stieß bereits ins Leere. Gierig riss der Wind an ihren Läufen, wollte sie in die Tiefe ziehen. Ihre Ohren legten sich in einer demütigen Unterwerfungsgeste an, sie senkte den Kopf.

Sie wird nicht gegen euch kämpfen, ihr Narren!, dachte Trajan verzweifelt.

Die Eisbären entblößten ihr mächtiges Gebiss. Langsam rückten sie näher, spannten die muskelbepackten Leiber zum Sprung.

»Nein!« Mit einem gewaltigen Satz hatte Trajan sich zwischen Celine und seine Geschwister geworfen. Einer der Eisbären erkannte den Bruder im letzten Moment und brach den Angriff ab. Der andere jedoch stürzte unbeirrt weiter voran, und seine dolchlangen Zähne fuhren in Trajans Kehle.

Ein schrilles Quietschen entfuhr Trajan. Wie vom Blitz getroffen brach er zusammen. Blut färbte sein weißes Fell rot, und Schwäche pulsierte durch seine Adern. Entsetzt wichen die beiden Eisbären zurück.

»Ich wusste nicht, dass … ich konnte doch nicht …«, stammelte Trajans Bruder. Und dann schrie er, so laut, dass er selbst das Tosen des Sturmes übertönte: »Warum hast du das getan?!«

Abrupt erstarb der Kampfeslärm, und selbst das Kreischen des Windes schien in Trajans Ohren gedämpft, als würde er sich weiter und weiter von der Wirklichkeit entfernen. Er spürte eine warme, feuchte Berührung im Gesicht. Es war Celine, die ihm verzweifelt über die Schnauze leckte.

Trajan atmete tief ein. Blut füllte seine Lungen. Es war endgültig still geworden – nicht nur um, sondern auch tief in ihm. Das sterbliche Herz in seiner Brust pochte nur noch langsam, als es begriff, dass es das wertvolle Blut bloß durch die Wunde in den dampfenden Schnee pumpte.

»Es ist nicht notwendig, zu kämpfen«, brachte Trajan hervor. »Sind wir nicht alle Geschöpfe dieser Erde? Wollen wir nicht alle nur leben?«

Celine war nun kein Wolf mehr. Sie umschloss Trajans Haupt mit beiden Armen und bettete es behutsam in ihrem Schoß. In ihren Augen war mehr Wasser denn je zuvor, als sie ihre rot besudelten Hände zurückzog. »Stirb nicht«, hauchte sie.

Es fühlte sich seltsam an, in einem Wolfskörper eine Menschenfrau zu küssen – und doch war es das Schönste, was Trajan in seinem unendlich langen Leben jemals erfahren hatte.

Schwer sackte sein Kopf herab. Jedes Glied an seinem Leib wog Tonnen.

»Ich habe so schrecklich lange gelebt«, sagte er. »Länger, als du dir auch nur vorstellen kannst.«

»Aber du …«, setzte Celine an.

Trajan ließ sie nicht zu Wort kommen. »Vielleicht werde ich das Meer sehen«, flüsterte er mit schwindender Stimme, und ein verträumtes Lächeln eroberte seine wölfischen Züge. »Schon solange ich denken kann, wollte ich den Ozean sehen.« Und damit schloss er zum letzten Mal die Augen. Die Welt um ihn herum verglühte in einem leuchtenden Farbenmeer, und sein Herz schwieg.

 

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© 2014 by Melanie Vogltanz. Mit freundlicher Genehmigung.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Erschienen in: Ingrid Pointecker (Hrsg.): Liebe zwischen Welten. ohneohren 2014.

Über die Autorin

Autorin Melanie Vogltanz

Melanie Vogltanz hat Deutsche Philologie, Anglistik und LehrerInnenbildung an der Universität Wien studiert. Sie wurde 1992 in Wien geboren und hat den berühmt-berüchtigten Wiener Galgenhumor praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Dem klassischen Happy End sagt sie im Großteil ihrer Geschichten den Kampf an, denn auch das Leben endet selten gut.

2007 veröffentlichte sie ihr Romandebüt; weitere Veröffentlichungen im Bereich der Dunklen Phantastik folgten. 2016 wurde sie mit dem »Encouragement Award« der European Science Fiction Society ausgezeichnet.

Wenn sie nicht gerade eigene Geschichten zusammenspinnt, korrigiert, lektoriert und übersetzt sie für Verlage und Kollegen oder hält ihre Frettchenmusen bei Laune.

Mehr Informationen auf: www.melanie-vogltanz.net und auf ihrer Facebook-Seite www.facebook.com/vogltanz

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 8. März, genau hier.

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