Kurzgeschichte am Fiction Friday: Neophyt auf Eden (Alessandra Reß)

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FICTION FRIDAY

Neophyt auf Eden (Alessandra Reß)


Aria ist tot. Aber sie darf als Engel in den paradiesischen Wolkenstädten von Eden weiterleben. Ein seltenes Privileg – oder etwa doch nicht?

Unsere PAN-Story des Monats von Alessandra Reß führt in die Nebel menschlicher Hoffnungsträume … und darüber hinaus.

Und wenn du dich fragst, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Arias Lippen zitterten, als das Raumschiff durch die grauen Nebel flog, die bisher alles waren, was sie von ihrer neuen Heimat sehen konnte.

So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Es hieß, Eden sei das Paradies. Ein Paradies aus Wolken und Türmen, dessen Städte sich so hoch über dem Planeten erstreckten, dass die Sterne heller zu leuchten schienen als an anderen Orten und die Thermosphäre glitzerte wie ein Meer aus Diamanten.

Doch bisher hatte Aria nichts dergleichen entdeckt. Seit Stunden flog das Raumschiff nur durch diesen dichten Nebel, dabei befanden sie sich noch nicht einmal in Bodennähe. Es war, als bestehe der ganze Planet aus nichts anderem. Aria fühlte sich, als gleite sie durch einen Ozean und die Nebel waren die Wellen, die um sie herum zusammenbrachen.

Es war mehr als Enttäuschung, die sie über diesen Anblick empfand – es war Angst, die sie befiel. Sie erinnerte sich an die Diskussionen, die immer aufgekommen waren, sobald von Eden die Rede war. Manche sagten, die Wolkenstädte würden gar nicht existieren. Sie und ihre Bewohner seien eine Idee, eine Erfindung, geschaffen von der Regierung, um den Menschen den Glauben daran zu lassen, Altruismus werde belohnt.

Diese Theorie zu vertreten war nicht schwer, schließlich hatte kein Bewohner der anderen Planeten je eine der sagenhaften Wolkenstädte von Eden selbst zu Gesicht bekommen. Die Einzigen, die diese Orte betreten durften, waren die Engel und die zum Engeldasein Auserwählten. Und wann hatte schon mal jemand einen leibhaftigen Engel zu Gesicht bekommen? Das geschah so selten, dass selbst diese Wesen zuweilen nur als Mythos abgetan wurden.

Und nun sollte Aria selbst zu so einem Mythos werden. Sie war eine der wenigen Auserkorenen, die die Engel auf ihren fernen Planeten gerufen hatten, um sie in die Gemeinschaft der wiedergeborenen Unsterblichen aufzunehmen.

Um zu einer solchen Auserkorenen zu werden, hatten drei Unwahrscheinlichkeiten geschehen müssen.

Die erste Unwahrscheinlichkeit war, dass Aria jemandem hatte das Leben retten müssen.

Das hatte sie getan, indem sie dem kleinen Jungen hinterhergesprungen war, als er in ihrer stürmischen Heimat Adad von einer heftigen Sturmbö erfasst und ins Meer geschleudert worden war. Glücklicherweise war sie nicht die Einzige gewesen, die das Unglück miterlebt hatte, und so hatten sich genügend helfende Hände gefunden, als sie es geschafft hatte, den panischen Jungen bis zum Steg zu bringen.

Die zweite und wahrscheinlichste Unwahrscheinlichkeit bestand darin, dass Aria bei diesem Versuch selbst ihr Leben lassen musste.

Das war ihr ebenfalls passiert, da die helfenden Hände es zwar geschafft hatten, den Jungen auf den Steg zu ziehen, sie jedoch Aria nicht mehr erreichen konnten, nachdem sie von aller Kraft verlassen unter Wasser gezogen worden war.

Die dritte und unwahrscheinlichste Unwahrscheinlichkeit war, dass Aria zwar starb, sie jedoch lange genug auf der Schwelle zwischen Leben und Tod verharrte, um in den Neophyt-Status versetzt werden zu können. In diesem Zustand sollte sie nach Eden gebracht und dort in die postmortale Form eines Engels transformiert werden.

Nun, Aria hatte Glück gehabt. Gerade, als ihr auffiel, dass sie starb und nichts daran würde etwas ändern können, hatte sie jemand aus dem Wasser gefischt, und kurze Zeit später war ihr eine volle Ladung des Neophyt-Serums verabreicht worden. Das konnte den Tod zwar nicht dauerhaft aufhalten, das Sterben aber doch um einige Stunden oder gar Tage verlangsamen – lange genug, um Aria bis nach Eden zu bringen.

So schnell wie alles gegangen war, kam es ihr völlig surreal vor, und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie vielleicht nur träumte, während sie noch immer durch das Meer glitt und sich dem Tod näherte.

Während Aria den tosenden Nebeln dabei zusah, wie sie um das Schiff waberten, begann sie Wut darüber zu erfüllen, dass man sie gar nicht gefragt hatte, ob sie eigentlich damit einverstanden sei, ein Engel zu werden. Irgendetwas in ihr hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen, als sie in die Halbexistenz zurückgezogen worden war. Sie hatte sich nicht bewegen, nicht einmal reden können, als ihre Eltern sich von ihr unter Tränen verabschiedet hatten, direkt nachdem man ihr das Serum verabreicht hatte. Sie waren es gewesen, die Aria erzählt hatten, dass die Engel sie unter sich aufnahmen und wie stolz sie darüber waren, dass ihre einzige Tochter die Ehre bekam, diesen Weg zu beschreiten, der nur so wenigen offen stand. Und dann war Aria verladen worden und ihre Eltern aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Sie spürte Trauer angesichts der Trennung und hoffte, dass es keine für immer sein würde. Zwar hatte Aria mal einen Bericht gelesen, demzufolge Engel manchmal ihre einstigen Verwandten besuchten. Aber die Transformation veränderte das Aussehen der Auserkorenen, weshalb es immer Stimmen gegeben hatte, die behaupteten, diese Engel seien gar nicht die Verstorbenen, ja, es seien vielleicht nicht einmal Engel, sondern nur sehr lebensecht wirkende Hologramme, Teil einer riesigen Verschwörung. Während Aria die Nebel beobachtete, begann sie, auch diesen Erzählungen Glauben zu schenken. Diese Reise kam ihr mehr und mehr vor wie eine in den Tod.

„Wir erreichen gleich die Plattform“, sagte eine weibliche Stimme, und Aria drehte ihre Augen – neben dem Zittern ihrer Lippen und dem Atmen die einzige Bewegung, zu der sie noch fähig war –, worauf sie eine menschliche Frau mit kurzen braunen Haaren erkannte, die sie freundlich anlächelte. Aria versuchte, zurückzulächeln, doch dafür reichte ihre Bewegungsfähigkeit nicht aus.

„Vorher müssen wir dir allerdings noch einmal das Serum verabreichen“, fügte die Frau hinzu und hielt eine Spritze hoch, in der eine gelblich-weiße Flüssigkeit zu sehen war.

Aria konnte den Einstich nicht spüren.

„Keine Sorge, kleine Aria“, hörte sie die Frau sagen, obwohl sie aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. „Bald kannst du wieder reden, gehen – und sogar fliegen.“

Fliegen … Äußerlich konnte sie nicht lächeln, doch innerlich durchflutete Aria bei diesem Gedanken eine freudige Erwartung, die die Nebelfelder etwas lichter erscheinen ließ als zuvor.

Einige Minuten später hörte sie, wie das Schiff zur Landung ansetzte und kurz danach andockte. Was das wohl für eine Plattform war? Aria hoffte, dass der Nebel da draußen noch keine Wolkenstadt war.

Kurz nach der Landung erschienen ein paar Männer in Arias Sichtfeld. Sie lächelten ihr zu, sagten aber nichts, als sie die Liege hochhoben, auf der sie lag.

Aria musste unwillkürlich die Luft anhalten, als sie spürte, wie sie aus dem Schiff rausgetragen und auf dem abgelegt wurde, was vermutlich die Plattform darstellte. Ein seltsames Kribbeln erfasste sie und als sie wieder atmete, fühlte es sich irgendwie eigenartig an. Schwer, aber auch seltsam frisch. Es erinnerte Aria daran, wie sich ihr Mund angefühlt hatte, nachdem sie einmal Pfefferminzschokolade gegessen hatte.

„Und das muss Aria sein“, hörte sie jemanden sagen, den sie nicht sehen konnte. Sie sah lediglich einen ihrer Träger, der halb kniend neben ihr kauerte, den Kopf gesenkt.

„Ja, Herr“, sagte eine andere Stimme, die Aria als die der Frau identifizierte, die eben mit ihr gesprochen hatte.

„Hat sie das Serum noch einmal erhalten?“, fragte die erste Stimme, die Aria trotz der Bezeichnung „Herr“ als geschlechtsneutral empfand.

Sie vermutete, dass die Frau nickte, doch was sie hörte, war nur: „Es sollte lange genug reichen.“

„Gut. Dann geht jetzt“, befahl die geschlechtsneutrale Stimme, und Aria konnte sehen, wie der Träger neben ihr aufstand, den Kopf noch immer gesenkt, und rückwärts zurückwich, ehe er aus ihrem Sichtfeld verschwand. Es vergingen wenige Minuten, dann spürte Aria einen Luftzug, und sie konnte hören, wie das Schiff abhob und dröhnend verschwand. Einen Moment lang verspürte Aria Panik; hatte man sie hier einfach zum Sterben zurückgelassen? War das das Eden, das man ihr versprochen hatte? Eine stählerne Plattform in einem Meer von Nebeln?

Doch dann trat jemand in ihr Gesichtsfeld, und Aria stockte der Atem, als sie das erste Mal in ihrem Leben leibhaftig einen Engel sah.

Er – oder es? – hatte keine Haare, weder auf dem Kopf noch im Gesicht, das wie aus Alabaster geschnitzt schien. Ein helles Gewand aus einem gleißenden Stoff verhüllte seinen hochgewachsenen, androgynen Körper, und die Fremdheit seines Aussehens, obgleich wunderschön, ließ Aria innerlich erschauern. Erneut dachte sie an die Geschichten, nach denen die Engel gar nicht real waren, und während sie dieses Wesen betrachtete, das aus unerfindlichen Gründen reglos auf eine Taschenuhr blickte, war sie sich nicht sicher, ob sie eine Statue oder ein lebendes Wesen vor sich hatte. Doch da steckte der Engel die Uhr ein und lächelte ihr aus weißgrauen Pupillen entgegen.

„Ich grüße dich, Aria, meine Schwester. Bitte steh auf. Ich möchte dir deine neue Heimat zeigen.“

Aria starrte den Engel noch immer fassungslos an. „Ich kann mich nicht bewegen“, flüsterte sie, und da erst wurde ihr bewusst, dass sie wieder sprechen konnte. Verwundert richtete sie sich auf. Ein leichter Schwindel erfasste sie, doch er verging nach einem Moment, und Aria machte probeweise ein paar Schritte. Es gelang ihr zwar, doch fühlte sich ihr Körper seltsam fremd an. Offenbar eine Nebenwirkung des Serums. Verwundert drehte sie sich nach dem Engel um, um zu fragen, weshalb sie sich wieder bewegen konnte, doch ihr verschlug es die Sprache, als sie sah, was bisher von der Vorderseite des Engels verdeckt worden war. Für einen Moment hatte sie tatsächlich vergessen, dass Engel Flügel hatten. Doch nun blickte sie auf die beiden filigranen, metallisch glänzenden Schwingen, die so eng am Rücken des Engels anlagen, dass Aria sie bisher nicht gesehen hatte.

Der Engel lächelte erneut, als er ihren Blick bemerkte. „Gefallen sie dir?“, fragte er sie. „Du wirst bald auch welche haben.“

„Sie sind wunderschön“, flüsterte Aria. „Aber … sie sind anders, als ich sie mir vorgestellt habe.“

„Inwiefern?“

Aria zögerte. „Nun … sie sehen aus, als seien sie aus… aus Metall“, sagte sie vorsichtig, in der Befürchtung, den Engel mit dieser Aussage vielleicht zu verletzen.

Doch der lächelte nur umso breiter. „Das sind sie auch.“ Als er Arias verdutzten Gesichtsausdruck sah, lachte er. „Hast du geglaubt, die Flügel würden einfach wachsen?“

Genau das hatte Aria geglaubt, aber sie zuckte nur mit den Schultern. Der Engel lachte wieder auf, dann deutete er zum Ende der Plattform. „Komm, lass uns diese unwirtlichen Nebel verlassen. Die Wolkenstädte warten auf dich.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er los. Aria folgte ihm mit unsicheren Schritten zu dem offenen schwarzen Shuttle, auf das der Engel gewiesen und das Aria erst jetzt bemerkt hatte. Vorsichtig kletterte sie in das Transportmittel und warf dabei dem noch immer belustigt wirkenden Engel schüchterne Blicke zu. Langsam wurde Aria sauer auf ihn. Sicher hatte auch er bei seiner Ankunft auf Eden noch nicht gewusst, dass die Flügel der Engel aus Metall waren!

Doch kurz darauf vergaß Aria ihren Groll auf den Engel, als sie durch den wabernden Nebel flogen, der kalt über ihre Haut strich. Erneut sah sie nichts außer den grauen, wolkenartigen Gebilden. Es war alles so still, selbst das Shuttle gab keinerlei Motorengeräusche von sich. Das hatte Aria noch nie erlebt – auf ihrem zugegebenermaßen nicht als sehr fortschrittlich bekannten Heimatplaneten machten die wenigen fliegenden Transportmittel einen unglaublichen Lärm. Die Stille bereitete ihr Unbehagen, und wieder überkamen sie Zweifel.

Gerade als sie den schweigenden Engel neben sich danach fragen wollte, wie lange es zu den Wolkenstädten noch dauerte, flogen sie aus der Nebelbank heraus, und vor Arias staunenden Augen erstreckte sich endlich das Paradies, das sie sich erhofft hatte.

Noch immer wurde ein Großteil ihres Gesichtsfeldes von Nebel und Wolken erfüllt, doch nun reichten sie nicht mehr bis zum Himmel. Es kam Aria wie eine verkehrte Welt vor – die Wolken lagen unter ihr, rosa erleuchtet von einer Sonne, die im abendlichen Wolkenmeer zu verschwinden schien. Und über den Wolken thronten die Alabastertürme von Eden, auf die Aria und der Engel zuflogen.

So filigran waren sie erbaut, dass es Aria erschien, als müssten sie beim leisesten Windhauch zerbrechen. Und sogar noch zerbrechlicher wirkten die Stege, auf die die Türme erbaut worden waren und die unter den Wolken im Nichts verschwanden.

Als sie näher kamen, sah Aria, dass die ganze Stadt talförmig angelegt war, die äußeren Türme also höher gebaut waren als die in der Mitte. Außerdem waren die vielen kleinen und großen Türme über Hängebrücken verbunden, die ebenso glänzten wie die Flügel des Engels neben ihr. Vielleicht waren sie aus demselben Metall.

Einen zusammenhängenden Boden gab es nicht, aber Aria konnte Plattformen erkennen, auf denen sich Gestalten tummelten, die aus der Ferne betrachtet zu leuchten schienen.

Erst als sie darüber hinwegflogen, erkannte Aria, dass es sich bei den Gestalten um Engel handelte und es deren Gewänder waren, die so leuchteten. Aria wandte den Kopf nach oben, in der Hoffnung, einen fliegenden Engel zu sehen, doch stattdessen erblickte sie den Himmel, der von seltsam glitzernden Bahnen durchzogen wurde. Staunend verrenkte sie sich fast den Hals auf der Suche nach dem Ursprung für dieses Glitzern, doch sie konnte keinen ausmachen.

„Wie kommt es, dass der Himmel so funkelt?“, fragte sie ihren Begleiter, der eben das Shuttle auf einer der aus einem hellen Gestein erbauten Plattformen landete.

„Das liegt am Micalium“, erklärte der Engel ihr. „Ein Metall, das meines Wissens nur hier auf Eden vorkommt. 60 % der Oberfläche des Planeten bestehen daraus, und es ist sogar in der Luft zu finden. Wenn die Elektronen, Protonen und Ionen auf die Thermosphäre treffen, beginnen die vom Micalium erfüllten Luftmoleküle in solchen Bahnen zu glitzern.“

„Ah ja“, machte Aria. Sie hatte kein Wort verstanden, aber die Schönheit des Anblicks entschädigte dafür.

„Du hast Glück, das heute zu sehen“, fügte der Engel noch hinzu, „es ist nicht immer so schön sichtbar. Ah, da kommt Iliael.“

Aria wandte den Kopf und sah, dass ein Engel auf sie zugeschritten kam. Der etwas tailliertere Körperbau und die feineren Gesichtszüge ließen sie vermuten, dass es sich bei Iliael um einen weiblichen Engel handelte, aber viel Unterschied bestand nicht zwischen ihr und Arias bisherigem Begleiter.

„Hallo Aria, meine Schwester“, begrüßte Iliael sie mit einem Lächeln, und auch ihre Stimme klang, obgleich sanfter, nur unwesentlich weiblicher als die des anderen Engels. „Mein Name ist Iliael. Ich führe dich zu deiner Transformation.“

„Okay“, entgegnete Aria unsicher und blickte die Engelsfrau an.

„Komm mit“, wies die sie an und wandte sich zum Gehen. Aria folgte ihr, drehte sich aber noch einmal nach dem anderen Engel um.

„Danke“, sagte sie.

Der Engel lächelte. „Es besteht kein Grund, mir zu danken“, sagte er mit weicher Stimme, „schließlich ist es dein eigenes uneigennütziges Handeln, das dich hergeführt hat. Nun geh. Wir sehen uns wieder, wenn du den Namen Ariael trägst.“

Damit wandte er den Blick ab und schritt in die entgegengesetzte Richtung. Das dunkle Shuttle wirkte seltsam fremd in der hellen Umgebung, ebenso wie die grauen Nebelfelder, die in einiger Entfernung noch zu sehen waren.

Aria versuchte das zu ignorieren und folgte Iliael über eine der Hängebrücken. Als sie heruntersah, konnte Aria unter sich noch mehr Hängebrücken ausmachen, über die Engel wanderten. Einen Fliegenden konnte Aria weiterhin nicht entdecken.

Dafür sah sie, dass zwischen den Türmen auch Girlanden aus hellen, efeuartigen Pflanzen hingen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Und auf einem der kleineren Türme, an denen sie vorbeischritten, thronte ein Springbrunnen, dessen schimmerndes Wasser über die Wände des Turms hinablief und irgendwo in den Wolken unter der Stadt verschwand.

Aria schüttelte den Kopf. „Ist das alles wirklich echt?“, fragte sie, mehr zu sich selbst gewandt, doch Iliael blieb stehen, drehte sich zu ihr um und antwortete: „Du kannst es sehen, oder?“ Als Aria nickte, sagte der Engel: „Dann ist es auch echt.“

Diese Antwort verwirrte Aria, ohne dass sie genau hätte sagen können, warum. Plötzlich war da wieder ein gewisses Misstrauen.

„Warum fliegt keiner der Engel?“, wollte sie wissen.

„Warum sollten sie? Durch die Wolken zu fliegen ist gefährlich; wenn die Flügel nass werden, droht man abzustürzen. Und hier in der Stadt ist es einfacher, am Boden zu bleiben.“

Aria fand, dass es dennoch genug Platz zum Fliegen gab und sie, wenn sie erst einmal ein Engel war, bestimmt nicht mehr aufhören könnte, ihre Flügel zu gebrauchen, doch sie behielt diesen Gedanken für sich. Schweigend ging sie neben Iliael weiter über die Hängebrücken, bis sie an einen großen Turm kamen, der so hoch reichte, dass Aria nur mit Mühe seine Spitze ausmachen konnte.

„Das ist der Ort deiner Transformation“, erklärte Iliael ihr feierlich. „Du wirst gleich-“

Ehe der Engel seinen Satz vollenden konnte, stolperte Aria und stürzte mit einem überraschten Schrei zu Boden. Sie blinzelte, und als sie versuchte, wieder aufzustehen, bemerkte sie, dass sie kein Gefühl mehr in den Beinen hatte.

„Ich kann nicht mehr aufstehen“, rief sie panisch. Sie hörte Stimmengewirr und sah, wie sich ihr einige Engel neugierig, aber zugleich seltsam steif näherten. Sie verharrten einige Schritte vor ihr, sahen mit unbewegten Gesichtern zu ihr herab.

„Keine Sorge“, beschwichtigte Iliael sie, „das Neophyt-Serum hört auf zu wirken, du wirst wieder schwächer. Aber das macht nichts. Wenn du erst transformiert bist, brauchst du ohnehin kein Serum mehr.“

Aria spürte, wie sie hochgehoben wurde, doch es war kein Engel, der sie trug, sondern ein kräftiger, bärtiger Mensch. Verwundert blickte sie erst ihn an, dann Iliael.

„Ein Diener“, erklärte die auf Arias fragenden Blick, dann verschwand sie aus ihrem Gesichtsfeld. Aria wurde von dem Menschen eine Treppe hochgetragen und dann in ein Zimmer, dessen Inneneinrichtung überhaupt nicht zum märchenhaften Äußeren dieser Wolkenstadt passte. In der Mitte stand eine weiße Liege, darum standen technische Gerätschaften, deren Sinn Aria nicht erfassen konnte. Hier wirkte auf einmal alles so klinisch, selbst der Boden war nicht aus Alabaster oder dem hellen Gestein der Plattformen, sondern wirkte eher wie weißes Plastik.

Aria wurde auf die Liege gelegt. Inzwischen konnte sie auch ihre Arme nicht mehr bewegen. Unruhig wandte sie den Blick zu dem Menschen, der sie hergebracht hatte.

Der blickte sie auf schwer deutbare Weise an. Er schien ihr etwas sagen zu wollen, doch da erschien wieder Iliael in ihrem Blickfeld, und der Mensch zog sich zurück.

„Wo bin ich jetzt?“, fragte Aria mit kraftloser Stimme. Nicht mehr lang, und sie würde nicht mehr sprechen können.

„Im Transformationssaal“, antwortete ihr die Engelsfrau. „Wir werden dich gleich in ein Koma versetzen müssen, aber hab keine Angst. In wenigen Stunden wirst du von dieser Liege aufstehen können und ein so strahlendes Wesen sein wie wir. Und du wirst deine Schwingen bekommen.“

Der Engel lächelte Aria aus einem Gesicht entgegen, das ihr plötzlich wie eine leblose Maske erschien. Mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass auch sie bald so aussehen würde. Bald würde sie keine Haare mehr haben und ihre dunkle Haut würde alabasterweiß sein wie die Iliaels und – es würde nicht mehr Aria sein, die von dieser Liege aufstand. Die Aria, die es geliebt hatte, über den Strand zu laufen und Muscheln zu sammeln, würde es dann nicht mehr geben, nur noch eine maskenhafte Ariael, die über metallene Hängebrücken lief und nicht durch Wolken fliegen konnte.

Im selben Moment, da Aria dieser Gedanke kam, nickte Iliael jemandem zu und verschwand aus ihrem Gesichtsfeld. Aria meinte zu hören, wie sie sich aus dem Raum entfernte. Stattdessen erschien nun wieder der Mensch vor ihrer Liege. Er hielt den Kopf gesenkt, während er begann, seltsame Schläuche in Arias Arm zu stecken.

„Ich weiß nicht, ob ich ein Engel sein will“, flüsterte Aria, in Gedanken noch immer beim maskenhaften Lächeln der Engelsfrau.

Der Mann gab es gequältes Lachen von sich. „Oh, keine Sorge“, antwortete er mit heiserer Stimme, den Blick weiter gesenkt. „Du wirst kein Engel sein.“

Arias Augen weiteten sich vor Entsetzen bei diesen Worten. Sie wollte den Mann fragen, was er damit meinte, stellte jedoch fest, dass sie nicht mehr sprechen konnte.

Nun sah der Mann sie doch an, ein trauriges Lächeln stand in seinem Gesicht. „Es gibt sie schon, weißt du“, sagte er, „aber echt sind sie eigentlich nicht. Nicht im menschlichen Sinne.“ Er seufzte, während er mehr Schläuche an Arias kraftlosen Körper hängte. „Menschliche Synapsen, die auf das Neophyt-Serum reagieren, Alabaster, Micalium und ein paar richtig zusammengebaute Kabel. Mehr braucht es nicht, um einen Engel zu bauen. Nach den Menschen, die hier früher gelebt und die ersten Engel erschaffen hatten, haben das auch die Engel selbst herausgefunden. Und was haben sie getan? Die Menschen getötet oder versklavt und dann mit der Regierung eurer Planeten verhandelt. Serum und eine hübsche Ethik gegen serumsinfizierte Tote. Ein guter Deal. Und so produzieren sie jetzt immer weiter ihresgleichen … Dich brauchen sie dafür nicht. Nur ein paar Teile hier drin.“ Er wies auf Arias schlaffen Körper und lachte auf. Es klang schrill, das Lachen eines Wahnsinnigen, und Aria war versucht, ihm nicht zu glauben. Wenn er die Wahrheit sagte, warum hätten sich die Engel dann überhaupt so eine Mühe mit ihr geben sollen? Es wäre doch einfacher für sie gewesen, Aria geradewegs herzubringen, sobald die Menschen mit dem Raumschiff verschwunden waren. Andererseits gab auf einmal so vieles anderes Sinn: Die Metallflügel, die maskenhaften Gesichter, das veränderte Aussehen der Toten …

Panik erfasste sie endgültig, als Aria bewusst wurde, dass ihr Tod womöglich unmittelbar bevorstand. Sie wollte schreien, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Bedauernd schüttelte der Mann den Kopf, und dann spürte Aria, wie sie zum zweiten Mal in ihrem Leben starb.

 

Einige Stunden später erreichte eine Familie auf dem stürmischen Planeten Adad die Nachricht, auf Eden sei ein neuer Engel auferstanden. Sein Name laute Ariael und er sei so strahlend schön wie Eden selbst.

Mit Tränen in den Augen blickten die Eltern das mitgeschickte Mini-Hologramm des Engels an, in dessen alabasterweißen Gesichtszügen sie Aria zu erkennen glaubten.

 

 

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© 2018 by Alessandra Reß. Mit freundlicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten.

 

Erschienen in: Ingrid Pointecker (Hrsg.): Intergalaktisches Seemannsgarn. ohneohren 2018

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 8. Februar, genau hier.

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