Kurzgeschichte am Fiction Friday: Mitten im kalten Winter (Philip Reeve)

FICTION FRIDAY

Mitten im kalten Winter (Philip Reeve)


Philip Reeve
21.12.2018

Shrike, der gefürchtetste Kopfgeldjäger aller Zeiten, will in der fahrenden Stadt Twyne einen Auftrag zu Ende zu führen … Eine Wintergeschichte von Philip Reeve aus dem Fantasy-Universum von „Mortal Engines“.

 

***

Shrike war tot, so viel stand fest. Tot wie ein Stein. Das hatte das Mädchen gleich gewusst, als sein starres, weißes, gepanzertes Gesicht zum ersten Mal auf sie herabstierte. Aber dank der Maschinen und Wunderkästen, mit denen die Leute der damaligen Zeit seine Leiche ausgestopft hatten, kam er trotzdem schneller vorwärts als sie. An dem steilen Westhang des Felsens musste sie bergauf immer wieder in Laufschritt fallen, um sein Tempo zu halten. Alles lag unter einer dicken Schneedecke, die unter ihren Stiefelabsätzen knirschte und knarrte, während sie in den Spuren des alten Stalkers vorwärtsstapfte. Solange sie ihre Füße in die tiefen Abdrücke setzte, die er hinterlassen hatte, ging es einigermaßen, aber jedes Mal, wenn sie von seinem Weg abkam, versank sie bis über die Knie in Schneeverwehungen.

 

Sie waren lang unterwegs gewesen, Shrike und das Mädchen. Sie hatten einen flüchtigen Dieb namens Lardy Ampersand gejagt, der an Bord der Traktionsstadt Twyne eine Bank ausgeraubt hatte. Ampersand war in die Außenlande geflohen, und der Bürgermeister von Twyne hatte keine eigenen Leute zu seiner Verfolgung abstellen wollen. Stattdessen hatte er Shrike kommen lassen, den besten und gefürchtetsten aller Kopfgeldjäger, und Shrike, mit dem Mädchen im Schlepptau, hatte den Räuber auf halbem Weg zur Westsee eingeholt. Jetzt waren sie auf dem Rückweg nach Twyne, und Lardys Kopf baumelte in einem Beutel von Shrikes Gürtel. Auf den ersten Meilen ihrer Wanderung hatte sich der Beutel langsam vollgesogen, zu tropfen begonnen und rote Kleckse im Schnee hinterlassen, die wie Mohnblumen leuchteten. Doch nun war das Blut schon lange getrocknet oder gefroren. Twyne war weitergezogen, und Shrike und das Mädchen folgten seit einer Woche seinen Reifenspuren.

 

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Ein blassblaues Dämmerlicht lag über den Schneefeldern, und die Luft war schneidend kalt. Über dem Felskamm glänzte ein großer Planet, oder vielleicht war es auch eine jener Weltraumburgen, die noch aus grauer Vorzeit stammten. Ihre Füße spürte das Mädchen schon lange nicht mehr, doch ihre tief in die Taschen gegrabenen Fäuste brannten vor Kälte. Auch das Gesicht tat ihr weh, aber das schmerzte sowieso immer. Es war eigentlich gar kein richtiges Gesicht mehr. Ein fürchterlicher Hieb – an die Umstände erinnerte sie sich nicht mehr – hatte ihr nur ein Auge, einen Nasenstumpf und einen schiefen Mund gelassen, der ganz neu lernen musste, zu essen, zu trinken und Wörter zu bilden.

 

Das Mädchen hieß Hester. Im vergangenen Sommer hatte Shrike sie an einem Strand der Westsee zwischen Algen und Treibholz angeschwemmt gefunden. Niemand wusste, warum er sie bei sich aufgenommen hatte, am wenigsten Shrike selbst, ein eiskalter Killer mit wundersam surrenden und blinkenden Old-Tech-Bauteilen an Stelle seines Herzens. Irgendetwas an dem verstümmelten, verstoßenen Kind hatte ihn gerührt. Er hatte sie aus dem Seegras befreit, und seither war sie immer an seiner Seite.

 

Er erreichte den Grat des Felsens und blieb dort stehen. Hester schloss zu ihm auf. Sie stellte sich neben ihn und erblickte im Osten Twyne, das über die gefrorenen Marschen weiter von ihnen fortrumpelte. Längliche schwarze Abgaswolken wehten seitwärts aus seinen Schornsteinen wie zerfledderte Wimpel. Die Stadt fuhr langsam, aber nicht so langsam, dass Hester sie einholen konnte, ohne zu rennen. Bei dem Gedanken, rennen zu müssen, wären ihr beinahe die Knie eingeknickt, so schwer lastete die Erschöpfung nach dem langen Marsch plötzlich auf ihr.

Das spürte Shrike. Er drehte sich um, und die grünen Lichtstrahlen aus seinen Scheinwerferaugen erleuchteten ihr Gesicht. Er war es nicht gewohnt, an irgendjemand anderen außer sich selbst zu denken. Manchmal vergaß er, dass das Mädchen Muskeln in den Beinen hatte und keine Kolben. Er griff mit seinen metallenen Händen nach ihr und hob sie auf seine breiten Eisenschultern. Hester hielt sich an den Röhren und Kabeln auf seinem gepanzerten Schädel fest, als er in einem schwindelerregenden Tempo, bei dem ihm Ampersands gefrorener Kopf dong, dong, dong gegen die Hüfte klapperte, wieder losmarschierte. Der mit Schornsteinen gespickte Fleck am Horizont begann sich allmählich in Häuser und Fabriken zu gliedern; zwei Decks auf großen, genagelten, tonnenförmigen Rädern. Bald konnte Hester einzelne Fenster ausmachen, und in jedem Fenster glänzte warmer Lampenschein und funkelten nadelspitze Lichter. Der Glanz und die Lichter lösten etwas Unbestimmtes in ihr aus. Die meisten ihrer Erinnerungen waren verloren gegangen, als ihr Gesicht zerschmettert worden war, aber als sie die fernen Lichter betrachtete, spürte sie die Erinnerungen vorüberstreifen wie große kreisende Fische, die in den Tiefen des Meeres nur zu erahnen sind.

 

Shrike holte die Stadt ein und stapfte in die lärmende Dunkelheit zwischen den rumpelnden Rädern. Abgesehen von vereinzelten Strahlen, die der Feuerschein aus den Heizkesseln durch Ritzen in den Deckplatten warf, gab es hier unten keine Lichter. Doch der alte Stalker konnte im Dunkeln sehen und war mit der Unterseite von Städten vertraut. Er fand eine Zugangsleiter, und Hester klammerte sich an ihn, während er emporkletterte, eine verschlossene Luke mit den Fäusten aufschlug und in die Straßen von Twyne hinaufstieg.

 

Oben war alles still. Nur einige wenige Passanten starrten dem Stalker und seinem Schatten nach, als sie Richtung Heck gingen, wo das Rathaus lag. Aus Schenken und dem Tempel der Peripatetia ertönte Gesang. In allen Fenstern brannten Kerzen und hingen Flittersterne. Auf dem verschneiten Platz vor dem Rathaus stand eine echte, frisch gefällte Kiefer, die von vier knarzenden Abspannseilen halbwegs aufrecht gehalten wurde und bei jeder Bewegung der Stadt schwankte. Zwischen ihren Zweigen leuchteten lauter kleine elektrische Lämpchen, und sie war rundherum mit Glitzergirlanden geschmückt.

„Das Winterfest“, sagte Hester.

Shrike schaute auf sie hinab. Sie sprach meistens nicht viel, und er hörte meistens kaum zu, aber irgendetwas hatte auch seine Erinnerungen geweckt. Er war schon in den Dörfern und Städten der Welt umhergestreift, bevor die Dörfer und Städte mobil geworden waren, und es war ihm nicht entgangen, dass manche sich alljährlich mit Lichtern und immergrünen Bäumen schmückten. Er hatte nur nie darüber nachgedacht, warum.

Hester wischte Raureif von einer Fensterscheibe und spähte hinein. Sie sah Stechpalmenzweige, Papierketten, brennende Kerzen auf einem den Hausgöttern geweihten Schrein. Sie sagte: „Ich erinnere mich, als ich klein war … Jedes Jahr … Röstkastanien und Geschichten am Kaminfeuer. Und Geschenke. Der alte Vater Winter in seinem roten Mantel hat den braven Kindern einen Sack voller Geschenke gebracht …“

Dunkel erinnerte sich nun auch Shrike. Erinnerungsfetzen aus lang vergangener Zeit – Kerzen und Geschichten, aufgeregte Kinder.

Jetzt stand er vor dem Twyner Rathaus im Schnee, sein alter schwarzer Mantel flatterte, der besudelte Beutel hing schwer in seiner stählernen Hand.

 

Da öffnete sich laut knallend eine Tür, als hätte jemand sie aufgetreten. Lampenschein brandete an Shrikes Zehen. In der Tür stand der Bürgermeister von Twyne. Zwei mit Schutzbrillen und Rüstungen bewehrte Männer flankierten ihn. Sie hielten glänzende Gewehre umklammert.

Shrike kippte seinen Sack aus. Das Räuberhaupt plumpste in den Schnee wie ein Kohlkopf. Der Bürgermeister von Twyne musterte es und nickte.

„Bravo“, sagte er.

„Er braucht sein Geld jetzt“, sagte Hester. Sie hatte bemerkt, dass Shrike nach Ausführung eines Auftrags nicht immer abwartete, bis man ihm das Kopfgeld auszahlte. Zugegeben, er hatte auch kaum Verwendung dafür: Kleidung oder eine Unterkunft interessierten ihn nicht, und essen hatte Hester ihn auch noch nie gesehen. Sie aber war hungrig, sie brauchte etwas anzuziehen und ein Dach über dem Kopf, und deswegen achtete sie immer darauf, dass er sein Geld bekam. „Zehn Goldmünzen“, sagte sie und zog ihren Schal hoch, um ihr Gesicht zu verbergen. „Die haben Sie ihm für Ampersands Kopf versprochen.“

„Ähm …“, sagte der Bürgermeister. Pilbeam hieß er, und er hatte zumindest den Anstand, beschämt dreinzuschauen. „Es hat sich was Neues ergeben, seit ich Sie auf Ampersand angesetzt habe. Diese Herren hier …“ (Er zeigte auf die Männer, die neben ihm standen. Die Baumbeleuchtung spiegelte sich in ihren Brillengläsern wie funkelnde Sterne.) „Sie arbeiten für die Shkin Corporation, ein großes Sklavenhandelsunternehmen aus dem Süden. Anscheinend beschaffen sie Kämpfer für die Zirkusarenen in Nuevo Maya und sind auf der Suche nach neuen Attraktionen. Weil sie liebend gern einen Stalker hätten, haben sie angefragt, ob sie sich mit Ihnen unterhalten dürften, wenn Sie zurückkommen, Mr Shrike, und ich habe gesagt …“

„ICH BIN KEINE ATTRAKTION“, sagte Shrike mit einer Stimme wie die verrostete Gangschaltung einer Stadt. Seine Hände hingen weiter locker herab, aber aus allen Fingern wuchsen scharfe, helle Klingen hervor, wie Eiszapfen. Er sagte: „SHKINS MÄNNER HABEN MICH SCHON EINMAL GEFRAGT, OB ICH IN DIESEN ZIRKUSSEN AUFTRETEN WILL. ICH HABE ABGELEHNT.“

„Tja, dieses Mal fragen wir gar nicht erst“, sagte einer der Sklavenfänger, und beide hoben gleichzeitig ihre silbrigen Gewehre und drückten ab.

Blitze sausten über den Platz und trafen knisternd auf Shrikes Panzer. Funkenbekränzt und mit flackernden Augen taumelte er zurück. „Jetzt!“, schrie Bürgermeister Pilbeam. Hester schaute hoch und stellte fest, dass an der Fassade des Rathauses noch mehr Männer aufgetaucht waren. Sie hockten wie angehende Wasserspeier auf Simsen und Regenrinnen. Ein mit Gewichten beschwertes Netz breitete sich im Fallen aus und deckte den von zischelndem Strom umhüllten Stalker zu.

Hester hatte sich so sehr an die Vorstellung gewöhnt, dass Shrike unbesiegbar war, dass sie nie auf die Idee gekommen wäre, er könnte einmal ihre Hilfe gebrauchen. Sie rannte durch das zuckende blaue Licht und die flackernden Schatten, zog ihr Messer und hackte eins der Seile durch, die die Kiefer hielten. Die Männer, die sich Shrike näherten und ihn mit dem blauen Feuer aus ihren sonderbaren Waffen beschossen, schenkten ihr keine Beachtung. Sie durchtrennte ein zweites Seil. Das reichte aus. Der Baum wankte. Sie drückte mit ihrem kleinen Körper gegen die äußeren Äste und seine kratzigen Nadelbüschel; schob mit aller Kraft.

Im Umfallen fegte der Baum einige Männer von der Rathausfassade. Er krachte schwer auf Bürgermeister Pilbeam und die Männer mit den elektrischen Gewehren; Flüche und das Knacken splitternder Äste waren zu hören, als sie der mächtige Baumstamm zerquetschte. Ein Gewehr explodierte und schleuderte dabei einen Speer aus blauem Licht in die Luft.

Shrike erholte sich langsam. Schüttelte sich wie ein nasser Hund, der aus dem Wasser steigt. Zerfetzte das Netz. Eins seiner Augen flimmerte und summte wie eine kaputte Neonröhre, bis er sich gegen den Schädel schlug und es wieder richtig ansprang. Kurz lauschte er auf das erstickte Stöhnen, das unter dem Baum hervordrang. Er zog das verbliebene Gewehr heraus und zertrat es. Dann ging er ohne ein Wort des Dankes an Hester in das Rathaus hinein, und sie hinterher.

Durch das Gebäude hallten Schreie und hastiges Getrappel. Niemand hatte genau mitbekommen, was auf dem Vorplatz passiert war, aber alle wussten, dass der Stalker trotz dieser neumodischen elektrischen Waffen gesiegt hatte, und niemand wollte bleiben und ihm die Stirn bieten. Während Shrike und Hester von Zimmer zu Zimmer gingen, sahen sie hie und da Leute zu den Ausgängen stürzen oder aus Fenstern klettern. Sie fanden einen großen, schummrigen Raum, in dem ein Feuer brannte und reich gefüllte Teller auf einem langen Tisch bereitstanden. Hester probierte verschiedene Kuchen. Shrike spießte je eine Kastanie auf seine Fingerklingen und stellte sich ans Feuer. „ES WAR EINMAL“, begann er, „VOR LANGER ZEIT … DA GAB ES … DA LEBTE EINMAL EIN MÄDCHEN MIT EINEM HUND, UND DER HUND HIESS NUDELPUDEL. UND DA … DA TRUG SIE … ES TRUG SICH ZU …“

 

Er versuchte eine Wintergeschichte zu erzählen, begriff Hester, aber er tat sich schwer damit. Unbeholfen stopfte sie sich ein Stück Kuchen in ihren unbeholfenen Mund und sagte: „Wie wäre es mit: ‚Es waren einmal zwei Menschen, die lebten in einer kalten, harten Welt, also taten sie sich zusammen, um Gesellschaft zu haben. Und eines Nachts, mitten im kalten Winter, fanden sie ein schönes, behagliches Plätzchen, wo es genug zu essen gab, und dort hatten sie es eine Weile schön warm. Und sie waren froh.‘“

Shrike blickte sie an, und die Lämpchen in seinen Augen flackerten fast unmerklich, und von seinen ausgestreckten Händen stieg der Duft von Röstkastanien auf.

 

 

ENDE …

… und uns allen ein fröhliches Winterfest!

 

***

 

Deutsch von Gesine Schröder

 

© 2011 by Philip Reeve. Mit freundlicher Genehmigung.

Alle Rechte vorbehalten

 

Erschienen unter dem Titel „In the Bleak Midwinter“ am 20. Dezember 2011 auf www.philip-reeve.com

 

Die nächste Story erwartete Dich am Freitag, den 11. Januar, genau hier.

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