Kurzgeschichte Fiction Friday: Wie der Herbst entstand (Isa Theobald)

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FICTION FRIDAY

Wie der Herbst entstand (Isa Theobald)


Unsere poetische PAN-Story des Monats „Wie der Herbst entstand“ von Isa Theobald stammt aus der frisch erschienene Anthologie Geschichten aus den Herbstlanden (Verlag Torsten Low): Über die Herbstlande gibt es mehr Geschichten, als es Blätter an den Bäumen gibt – und eine davon erzählt die uralte Legende von dem Winterkrieger und der Sommerbraut … 

 

***

„Großmutter, erzähl uns eine Geschichte!“

„Ja, bitte! Eine Geschichte! Dann wollen wir auch ganz artig sein.“

„Welche Geschichte möchtet ihr denn hören, Kinder?“

„Erzähl uns von Scarlett und Nathan!“

„Nein, erzähl uns von den Mitternachtsraben!“

„Das ist zu gruselig. Dann lieber von den Laubdrachen.“

„Och nee, nicht schon wieder. Erzähl von der Mitternachtsmenagerie …“

Die alte Dame lächelte, während die Kinder einander immer schneller ins Wort fielen. Schließlich hob sie beide Hände, und in die augenblicklich eintretende Stille begann sie zu erzählen:

Wie der Herbst entstand

Vor langer, langer, langer Zeit, als die Welt noch jung und der Ahorn der Unendlichkeit noch ein Sämling war, gab es keinen Herbst. Auch keinen Frühling, und auch Sommer und Winter waren ganz und gar nicht das, was wir heute darunter verstehen. Zu jener Zeit gab es die Tage des Wachsens und die Tage des Vergehens, Licht und Dunkelheit waren Seiten der gleichen Münze. Tag und Nacht waren noch keine Geschwister, die sich im immerwährenden Tanze drehen, stattdessen herrschte das Licht über das Wachsen, die Dunkelheit über das Vergehen, und der Zauber der Dämmerung war noch nicht geboren.

Über die Tage des Lichts herrschte damals wie heute die Sommerbraut, und unter ihrem sanften Strahlen wuchs und gedieh das Land von den ewigen Wassern bis zur Wand der Welt. Grün und fruchtbar war die Erde, artenreich das Wild und gesegnet die Menschen. Der Tod hatte noch keinen Fuß in den Sommer gesetzt.

Doch hinter den himmelhohen Bergen, in den Tiefen von Dunkelheit und Einsamkeit, herrschte der Winterkrieger, der furchtlose Bezwinger des Eisdrachen Jormungand, aus dessen Knochen die Wand der Welt entstanden war. Nur Legenden kannte man in den Reichen des Sommers von der Macht und der Grausamkeit des Winterkriegers, nur Geschichten von der Legion seiner Diener, die das Licht niemals gesehen hatten.

Eines Tages – und kein Mensch, kein Laubdrache und kein Mitternachtsrabe erinnert sich noch, warum es wohl geschah – beschloss der Winterkrieger, dass sein Reich ihm nicht mehr genügte. Er wollte mehr als nur Dunkelheit und Kälte, er wollte das Licht sehen und die Wärme spüren, und so sandte er seine Armee über die Wand der Welt in das Reich des Sommers. Unvorstellbar schien es, dass das Gebirge überquert werden könne, doch die Furcht vor dem Zorn ihres Herrn ließ die Diener des Winterkriegers auch die schlimmsten Strapazen ertragen. Langsam, Schritt für Schritt, Meter um Meter, erklommen sie die Gipfel in den Wolken, langsam, Schritt für Schritt, Meter um Meter, stiegen sie hinab ins Tal, wo das Licht ihrer harrte. Wie eine Decke aus Dunkelheit legte sich die Armee des Winterkriegers über das grüne Land und unter ihren Stiefeln verdorrte das Gras. Man sagt, als die Axt eines Wintersoldaten den ersten Schlag in den Stamm eines Baumes tat, hörte man den ganzen Sommer schreien. Ich weiß nicht, ob das wahr ist oder Legende, aber ich weiß, dass die Armee des Winters den Tod in das Reich des Lichtes brachte. Sie gingen vorwärts, ohne Furcht oder schlechtes Gewissen, und es traf sie keine Gegenwehr. Die Bewohner der lichten Lande waren keine Krieger, sie hatten keine Waffen. Sie starben, und so drang die Dunkelheit immer weiter vor. Doch als die Soldaten des Winterkönigs sich dem Herz des Sommers näherten, begann auch unter ihnen das Sterben. Geblendet vom Licht und geschmolzen von der Wärme fielen sie wie die Schneeflocken.

Es heißt, der Zug der Dunkelheit ins Licht dauerte lange. Eine kleine Ewigkeit später verstand der Winterkrieger, dass ihm auf diesem Wege die Eroberung des Lichts nicht gelingen würde.

„Und dann ist er selbst losgeritten, nicht wahr? Auf seinem Schlachtross mit roten Augen und Hufen so groß wie Wagenräder, und mit einem Schwert, geschmiedet aus Angst und Dunkelheit!“

Die Kinder kicherten nervös, die Großmutter strich dem rothaarigen Buben, der gesprochen hatte, über den Kopf.

Nein, Jaspe, kein Schlachtross mit roten Augen trug den Winterkrieger ins Licht. Wie hätte es denn auch die steilen Berge erklimmen sollen, mit Hufen groß wie Wagenräder? Im Sommer wartete man aber genau darauf. Man rechnete damit, dass der Herrscher der Dunkelheit in finsterer Pracht seine Heerscharen durch die verwüsteten Lande führen würde, doch er kam nicht. Stattdessen endete der Strom der Soldaten von einem Tag auf den anderen. Die Bewohner der lichten Lande dankten der Sommerbraut, und die schenkte ihnen, so sie doch gar nichts mit dem Ende des Schreckens zu tun hatte, trotzdem ein Wunder: Dank ihres Segens konnten die Menschen nun Kinder bekommen, um die Reihen aufzufüllen, die der Tod ausgedünnt hatte.

„Die konnten vorher keine Kinder bekommen?“

„Natürlich nicht, du Wurzelgnom – wenn doch keiner stirbt und die Leute Babys machen, wird’s irgendwann ganz schön voll, oder? Denk doch mal nach.“

„Selber Wurzelgnom.“

Kinderlachen ließ schon bald das Licht des Sommers wieder hell erstrahlen, Gras und Bäume erblühten erneut und die Bewohner des lichten Landes begannen, die Bedrohung hinter der Wand der Welt zu vergessen. Doch bald, viel zu bald, erklang erneut Lärm aus den himmelhohen Bergen, und diejenigen, die nahe dem Gebirge wohnten, flohen ins Landesinnere. Allerorten hörte man Gerüchte und Warnungen. „Der Winter naht“, flüsterte man und packte seine Siebensachen. Und tatsächlich kam der Winter mit seinen Äxten und seinen Schwertern und machte die Kinder des Sommers zu Waisen. Anstatt aber bis ins Herz des Sommers vorzudringen, hielt die Armee diesmal nicht weit vom Fuße des Gebirges inne, denn der Winterkrieger hatte aus seinen Fehlern gelernt.

In den lichten Landen streiften derweil die elternlosen Kinder durch die Felder, immer dem Herzen des Sommers entgegen, denn sie wussten, dass die Sommerbraut sich ihrer annehmen würde. Ein ganzer Zug hatte sich zusammengefunden, der über die Wiesen ging, Große und Kleine und Dicke und Dünne, und ein jeder half dem anderen, so gut er es vermochte. Da waren große Jungen mit starken Armen, die die Kleinsten huckepack trugen, und kleine Mädchen mit flinken Beinen, die Beeren und Äpfel und Nüsse sammelten, damit keiner Hunger leiden musste auf dem langen Weg. Und mitten unter ihnen war ein dürrer Junge von vielleicht zehn Jahren, klein für sein Alter, mit weißblondem Haar und hellblauen Augen, in denen fast immer Tränen standen. Je näher der Zug dem Herzen des Sommers kam, desto häufiger weinte der Junge, doch da er nicht der Einzige war, fiel das niemandem auf. Es wurde immer wärmer und bunter, und schon bald sahen sie in der Ferne die bunten Wipfel des Sommerpalastes. Sie beschleunigten ihre Schritte, als ob sie gerufen würden. Eine Esche, eine Ulme, eine Eiche und eine Birke bildeten die vier Ecken und ihre ineinander verwachsenen Äste das Dach des Palastes. Die Wände bestanden aus überbordend blühenden Kletterrosen, deren Duft die Luft erfüllte, der Teppich war ganz aus Mohn- und Kornblumen, und der Thron der Sommerbraut war aus blühenden Sonnenblumen geformt. Direkt darüber hing von den Ästen der Bäume herab ein goldener Bienenkorb, der helle Strahlen durch den Raum warf und dessen Bewohner eifrig um die Besucher herumschwirrten. Die Sommerbraut erhob sich von ihrem Thron und trat auf die Kinder zu. Sie war groß und hell und schön, mit Haaren von der Farbe reifen Weizens und Augen so blau wie die Kornblumen zu ihren nackten Füßen. Ihr Kleid war lang und weit und weiß, und als sie nun die Arme ausbreitete, um die Kinder willkommen zu heißen, fiel der Stoff in weichem Bogen bis zum Boden.

Der Strom der Waisen ergoss sich ins Innere des Palastes, die Großen schoben die Kleinen nach vorn, damit alle alles sehen konnten, und als die Sommerbraut die Arme erhob, verstummte das Getuschel und Gewisper. Noch bevor sie etwas sagen konnte, stürmte der kleine Junge mit dem weißblonden Haar und den hellblauen Augen auf sie zu. Tränen strömten über sein Gesicht, als er sich in ihre Arme warf, die sich reflexartig um ihn schlossen und dann krampfartig zuckten. Der Junge sprang zurück, als die Sommerbraut mit weit aufgerissenen Augen auf die Knie fiel und dann zu Boden sank, sodass ein jeder die rote Rose sehen konnte, die auf ihrem weißen Kleid erblühte, dort, wo der Dolch des Jungen sie durchbohrt hatte. Er warf einen letzten Blick auf sie, noch immer weinend, und ging dann ohne ein Wort hinaus. Dass die Rosen verdorrten und die Blätter des Daches sich verfärbten, bemerkte er nicht. Schnellen Schrittes entfernte er sich vom Palast und ging in Richtung des endlosen Wassers.

Worte fliegen schneller als jeder Schritt, und so kam es, dass die Bewohner der lichten Lande flohen, sobald der Junge mit dem weißblonden Haar erschien. Niemand stellte sich ihm in den Weg, man sagte, er sei das Kind des Winterkriegers. So ging er durch das Reich des Sommers, ohne Eile, Schritt um Schritt, und seine Tränen tränkten die Erde, entzogen ihr alle Fruchtbarkeit. Der Sommer starb einen langsamen Tod.

Eines Tages, in der Luft lag schon ein ferner Hauch von Salz, trat dem Jungen mit dem weißblonden Haar, der mitnichten ein Kind, sondern der Winterkrieger selbst war, der einst mit seiner Schleuder den Eisdrachen Jormungand erschlagen hatte, doch jemand entgegen. Ein Mädchen war es, vielleicht zehn Jahre alt, in einem weißen Kleid, das Haar so golden wie erntereifer Weizen und die Augen blau wie der Himmel im Sommerreich. Sie trat auf ihn zu, ohne jede Furcht, und ihre sanften Finger, die nach Erde und Gras rochen, wischten ihm vorsichtig die Tränen von den Wangen. Er stand ganz still, wagte kaum zu atmen, und sah sie an, wie sie im Licht stand, so schön, so strahlend. Sie beugte sich zu ihm, und als ihre Lippen seine Wange trafen, rollte eine einzelne Träne über ihr Gesicht und fiel herab. Er fing sie auf, führte sie zu seinen Lippen, und als das Salz des Sommers seine Haut benetzte, schmolz auch der Rest des Eises in ihm. Der Winterkrieger war tot.

„Aber Großmutter! Wenn sowohl die Sommerbraut als auch der Winterkrieger tot sind, warum gibt es denn dann heute immer noch Sommer und Winter? Das ergibt doch gar keinen Sinn.“

„Vielleicht hältst du einfach mal die Kauleiste zusammen und hörst zu, du Wildwichtel? Großmutters Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende.“

Das kleine Mädchen, das traurig auf die geschmolzenen Überreste des weißblonden Jungen herabblickte, machte sich auf, die Wand der Welt zu erreichen. Auf dem langen, langen Weg, den sie zu gehen hatte, wuchs sie zur Sommerbraut heran, und jedes Mal, wenn ihr Fuß den Boden berührte, grünte und blühte etwas darauf. Als sie das Gebirge endlich erreichte, machte sie sich daran, es zu erklimmen, Schritt um Schritt, Meter um Meter. Auf dem Gipfel angekommen, formte sie aus Eis und Schnee einen kleinen Jungen von vielleicht zehn Jahren. Sie beugte sich vor, um der Skulptur einen Kuss auf die Wange zu hauchen, und als eine einzelne Träne über ihre Wange floss und zu Boden fiel, fing er sie auf. In seiner schneeweißen Hand war die Träne zu einer perfekten Perle gefroren. Er schluckte sie, und seine Augen verloren das milchige Weiß, als sich das Blau des Gletschers davorschob. Sein Haar begann im Wind zu wehen und seine Glieder verloren die Steife, als das Leben in ihn zurückkehrte. Hand in Hand gingen die Kinder durch die Berge und verschwanden im Nebel.

„Groß-mut-ter!“

Geduld, Kind.

Man sagt, dass viele Jahre später der Winterkrieger als erwachsener Mann in sein Reich zurückkehrte, und die Sommerbraut in ihrem Palast zwei Kinder gebar – ein Mädchen mit weißblondem Haar und Augen von Gletschereis und einen Jungen mit Haaren von der Farbe reifen Weizens und Augen wie Kornblumen. Man sagt, der Winterkrieger und die Sommerbraut hätten nicht mehr ohne einander leben können, daher beschlossen sie, gemeinsam über ihre Reiche zu herrschen, sie am Tage und er in der Nacht. Man sagt, dort, wo die Soldaten des Winterkriegers auf dem Weg zum Herzen des Sommers gefallen waren –

„Wie die Schneeflocken!“

– wie die Schneeflocken, ja, dort entstanden die großen Wälder des Herbstes. Man sagt, dort, wo die Tränen der kindlichen Sommerbraut das Herz des Winterkriegers schmolzen, blühen immer Krokusse. Man sagt, wenn man in der Dämmerung ganz genau hinhört, kann man hören, wie die Sommerbraut ihrem Winterkrieger ein Lied singt, davon, dass alles vergehen muss, damit Neues geboren werden kann. Man sagt, es war der Sohn von Sommer und Winter, der der Kürbiskönigin das Herz gebrochen hat. Man sagt, es gäbe mehr Geschichten über die Herbstlande, als es Blätter an den Bäumen gibt …

 

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© 2018 Verlag Torsten Low. Mit freundlicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten

Erschienen in: Fabienne Siegmund, Stephanie Kempin u. a. (Hrsg.): Geschichten aus den Herbstlanden. Verlag Torsten Low 2018.

Hier erfährst du mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

Über den Autor

Autorin: Isa Theobald


Isa Theobald
lebt und arbeitet im Saarland, dem Auenland der Republik, wo sie schreibt, lektoriert, übersetzt, feuertanzt, Seifen siedet, Kinder großzieht, Veranstaltungen moderiert, KrimiDinner spielt und sich ob dieses bunten Lebens ziemlich freut.

 

Die nächste Story erwartete Dich am Freitag, den 26. Oktober, genau hier.

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