Kurzgeschichte am Fiction Friday: Der Harvester von Chris Schlicht

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FICTION FRIDAY

Der Harvester (Chris Schlicht)


Im Auftrag des Königs dokumentiert Severin den Vormarsch des Harvesters, der eine Schneise der Verwüstung im Belgisch-Kongo hinterlässt. Lebenden Menschen begegnet er immer seltener – bis plötzlich ein alter schwarzer Mann vor ihm steht … „Der Harvester“ von Chris Schlicht entstammt der Steampunk-Anthologie Kolonien. Welt unter Dampf (Amrûn).

 

***

Juli 1899, Shasha am Kivu-See, Belgisch-Kongo. Mein Name ist Severin Emeric van de Velde, und ich beginne jetzt damit, ein Tagebuch zu führen. Für was auch immer. Bisher konnte ich meine Berichte über die von König Leopold angeordnete Reise in der nächstbesten Ansiedlung via Ätherfunk übermitteln, aber die Station von Shasha ist verlassen und die Anlage außer Betrieb. Wie schon die Station in Minova am Südende des Kivu. Und auch die Station in dem namenlosen Ort, durch den ich zuvor auf meiner Route gekommen bin. So verlassen wie die Ortschaften selbst. Damit ich nichts vergesse, schreibe ich es eben auf. Vielleicht gibt es im nächsten Ort ja noch eine funktionierende Anlage. Bestimmt in Goma, denn dorthin wird mich mein Weg führen, wenn ich die Route der Maschine richtig deute. Goma, und von dort aus vermutlich zu den Hängen der Virunga-Vulkane. Mein Dampfturbinen-Zweirad hatte einen Schaden, deshalb hänge ich dem Harvester um ein gutes Stück hinterher. Zum Glück habe ich in der verlassenen Werkstatt in Minova noch Ersatzteile gefunden.

 

Severin sah von den Seiten des großen Kontorbuches auf, das er ebenfalls in der Werkstatt gefunden hatte, und auf den See hinaus, der still und friedlich unter einem düsteren Himmel lag. Zwei Angelschnüre spannten sich über das Wasser, doch mittlerweile war er sich sicher, dass es keine Fische mehr im Kivu gab. Ohnehin hatte der See eine seltsame Farbe, und er wollte sich keine Gedanken darüber machen, welche Chemikalien einen derart unheimlichen, leuchtend orangenen Ton ergaben. Kein Fisch zum Abendessen, wieder nur Konserven. Ein bisher nie gekanntes Gefühl stieg in ihm auf.

Einsamkeit.

Wie lange war es nun schon her, dass er einem lebendigen Menschen begegnet war? Ganz automatisch griff er in eine seiner Gerätetaschen und zog einen Umschlag mit Fotografien heraus. Er hatte sie noch nicht zusammen mit den Negativplatten verschickt, weil auch kein Postamt mehr besetzt war, bei dem er ein Paket hätte aufgeben können. Auf das Bild einer jungen Frau, der die rechte Hand fehlte, hatte er ein Datum geschrieben. Vor vier Wochen. Er hatte dieses Foto auf der Farm eines pensionierten Regierungsbeamten gemacht und die Ruhe dort genutzt, ein paar der Platten zu entwickeln. Nachdem er die Farm verlassen hatte, um weiter seinem Auftrag nachzukommen, war ihm niemand mehr über den Weg gelaufen. Weder Einheimische noch Belgier.

Er sichtete die Abzüge. Zehn Bilder von Mitgliedern irgendwelcher Bantu-Stämme, die für die Kolonialherren aus Belgien arbeiteten. Keiner war mehr unversehrt, allen fehlte eine Hand oder sie waren von Narben übersät, welche Nilpferdpeitschen bei der Züchtigung hinterließen. Wenn sie nicht schnell genug arbeiteten und ihr Soll an Kautschuk erbrachten, wurde ihnen meistens zur Strafe eine Hand abgeschlagen. Insbesondere dann, wenn sie, um schneller an den begehrten Rohstoff zu kommen, die ganze Pflanze abschlugen. Es gab genügend Menschenmaterial, um die Arbeitsunfähigen zu ersetzen.

Am Anfang hatte es Severin verstört, die verstümmelten Menschen zu sehen. Doch mit der Zeit war er abgestumpft. Trotzdem hatte er es begrüßt zu hören, dass die belgische Regierung bald keine Arbeiter mehr für diese Tätigkeit brauchte, weil es dafür nun eine Maschine gab. Was mit den Menschen stattdessen geschehen sollte, erfuhr er nie.

Eben jene Maschine, der er nun folgte, seit sie im Hafen von Boma angekommen war, ersetzte inzwischen Heerscharen von Arbeitern. Severin hatte den Auftrag bekommen, ihre Arbeit zu dokumentieren. Wozu das gut sein sollte, war ihm von Anfang an verborgen geblieben, dennoch hatte er die Aufgabe getreu seinem von König Leopold persönlich ausgegebenen Befehl ausgeführt.

Wieder sah er die Fotografie der jungen Frau an, und mit einem Mal wollte er weinen. Er konnte nicht anders und gab dem seltsamen Drang nach, ohne sagen zu können, was denn nun eigentlich so traurig war. Dass der Plantagenbesitzer diese Frau so schwer verletzt und sie sich vermutlich – wie so viele andere – das Leben genommen hatte? Oder war sie nur stellvertretend für all das Elend, das er schon gesehen hatte und das er nun auf seinem Weg durch verlassene Dörfer erahnen konnte?

Oder weil er sich mit einem Mal so entsetzlich alleingelassen fühlte? Obwohl das für ihn nie ein Problem gewesen war, seit er seiner Heimat Belgien den Rücken gekehrt hatte?

 

Die Maschine hat jetzt zwei Tage Vorsprung. Ich hoffe, dass sie in Goma Treibstoffe und Baumaterial aufnehmen muss, damit ich sie wieder einholen kann. Der Regen der letzten Tage hat ihre Schneisen, die mir sonst immer als Straße dienen konnten, zu einem einzigen großen Sumpf gemacht. Es scheint, dass ihr Baumaterial schon vor langer Zeit zur Neige ging. Vielleicht soll sie auch keine Straßen mehr anlegen. Im Moment scheint der einzige Zweck des Harvesters der zu sein, die Wälder zu roden und alles mitzunehmen, was dabei abfällt. Die Baumstämme säumen ihren Weg wie ein Grenzwall. Eine Art makaberer Limes.

 

Severin war müde und schlug das Buch zu. Eine der Angelschnüre zuckte, und er holte sie schnell ein. Doch das Geschöpf, das sich in seinen Haken verbissen hatte, warf er angeekelt zurück. Einen Fisch mit zwei Schwanzflossen, riesigen, grün schillernden Glubschaugen und ölig schimmernden schwarzen Schuppen wollte er nicht essen. Das war ihm zu riskant.

 

*

 

Goma.

Hatte Severin noch gehofft, dass wenigstens diese bisher angeblich so quirlige und überbevölkerte Stadt am Nordufer des Kivu-Sees nicht so ausgestorben sein würde wie die kleinen Dörfer, so wurde er eines Besseren belehrt. Die Stadt war tot. Anders konnte Severin es nicht beschreiben.

Von einer Anhöhe aus betrachtete er mit einem Fernglas jeden Winkel, jede Straße, doch er konnte nicht einmal einen räudigen Hund entdecken. Ihm war mehr als nur mulmig zumute, als er sein Dampfturbinenrad mit dem ausladenden Beiwagen über die menschenleere Hauptstraße lenkte, doch sein erster Gedanke, die Einwohner könnten einer Seuche zum Opfer gefallen sein, bestätigte sich nicht. Denn dann hätte er Leichen finden müssen oder frisch ausgehobene Gräber. Es war einfach nur niemand mehr da.

Dennoch war die Stadt nicht gänzlich totenstill. Die Maschine war da, und er konnte sie schon aus der Ferne hören und riechen. Severin lenkte sein Reisegefährt in die Richtung, in der er einen Bahnhof oder einen Hafen vermutete. Tatsächlich gab es eine größere Anlage direkt am See, wo auch ein paar Fabrikgebäude standen. Doch auch deren Schornsteine waren tot. Nur die Schlote des Harvesters stießen die typischen grünlich schillernden Wölkchen der Ätherverbrennung aus.

Die gigantische Maschine stand zwischen einer Fabrik, die gegen den Koloss aus Stahl, der sich auf einer Vielzahl von breiten Kettenantrieben fortbewegte, geradezu winzig ausnahm, und einem Tank, dessen Kennzeichnung nur für diesen einen Inhalt stand. Flüssigen Äther. Neuer Treibstoff.

Eines jedoch vermisste Severin, als er einen weiten Bogen um den Standort der rollenden Fabrik schlug. Neues Material. Bisher standen an allen Tankstationen Züge mit neuen Schienen oder Schotter und Flüssigbitumen bereit, seit Techniker in Lomela das Monstrum erneut nachgerüstet und erweitert hatten. Bis dahin war seine einzige Funktion gewesen, Holz zu ernten und Kautschuk zu sammeln. Dass dabei alle Pflanzen abgetötet wurden, war nicht mehr wichtig, denn mittlerweile hatten Chemiker in Europa Ersatzstoff für Kautschuk entwickelt. Das natürliche Material wurde nur noch für Luxusgüter verwendet, bei denen es unerheblich war, wie teuer das Endprodukt wurde, und bei denen Käufer die Ausdünstungen des künstlichen Kautschuks nicht schätzten.

Wo der Harvester entlangfuhr, blieb nichts weiter zurück als Wüste. Zu Anfang hatte Severin das nicht gestört. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Maschine in Banningville zum ersten Mal erweitert wurde. Wie ein Zug, an den man weitere Waggons hängte, wurde sie zunächst um ein Abteil auf drei zusätzlichen Raupenketten ergänzt, was dafür sorgte, dass hinter dem Ernter auf bestimmten Strecken sofort eine Straße gebaut wurde. Wenn der Harvester den Urwald gerodet, die Stämme verarbeitet und sauber am Rand gestapelt hatte, dann wurde Schotter auf seine Fahrspur geschüttet. Die Raupen verdichteten diesen sofort, und im Inneren der Maschine kochte Bitumen für eine Makadam-Decke, die in gleichmäßigen Bahnen auf dem Schotter ausgebracht und mit einer Rolle glatt gewalzt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt gab es auf der Maschine noch einen lebenden Menschen, der alles steuerte. Wie ein Kapitän auf der Brücke eines Schiffes. Besser gesagt, drei Menschen, die sich in dieser verantwortungsvollen Aufgabe abwechselten. Dennoch wich Severins Faszination für diese Maschine mit ihrer Fähigkeit zum Straßenbau. Zwar war es deutlich leichter, ihr zur folgen, wenn sie eine neue Straße gezogen hatte. Das Fahren war angenehm geworden auf den geteerten Strecken. Doch nun war ihm etwas anderes auf dem Fuße gefolgt.

Truppen.

Wenn die Menschen, deren Lebensraum die Maschine vernichtet hatte, nicht schon bei dem Versuch, sie aufzuhalten, überrollt worden waren, dann fielen sie den Soldaten zum Opfer, die immer tiefer ins Land hatten vordringen können. Die Einwohner der Wälder waren entweder versklavt oder ermordet worden. Viele schienen Letzteres vorgezogen zu haben. Die Sklaven hatten die „Ernte“ eines neuen Maschinenteils sichern und fortbringen müssen: Bodenschätze. Das neue Abteil konnte Bodenproben nehmen und an besonderen Stellen graben. Das, was dabei abgebaut wurde, hatten die Soldaten auf große Transportfahrzeuge verladen lassen. Kupfer, Blei, Zinn.

Wissenschaftler vermuteten sogar Diamanten im Boden des Kongo, doch noch hatte man sie nicht gefunden.

Die Soldaten waren eines schönen Tages auch nicht mehr gebraucht worden. Ebenso wenig die Steuerleute der Maschine, die gegen einen großen Kasten undefinierbaren Inhalts ausgetauscht wurden. In Kanda-Kanda, wohin das Militär noch mit Hilfe von Sklaven und Strafarbeitern eine Eisenbahn gebaut hatte, erhielt die Maschine einen weiteren Anbau. Wieder wurde ihre Fahrspur geschottert, doch dieses Mal verlegte sie auf das verdichtete Gestein vorgefertigte Schienen, die mit speziellen Zügen auf den neuen Strecken regelmäßig nachgeliefert wurden. Diese Züge wurden nicht von Menschen gefahren. Große Antennen ließen Severin wissen, dass sie ebenso wie die Maschine selbst nur noch über Ätherfunk gesteuert wurden. Von irgendwo.

Seitdem war er allein mit dem Monstrum. Egal wann oder wo er seine Berichte abgeliefert hatte, niemals widerrief jemand seinen Auftrag, die Arbeit der Maschine zu dokumentieren. Im Gegenteil, als er zum letzten Mal mit einem lebenden Menschen kommuniziert hatte, wurde er sogar noch hoch gelobt für seine detaillierten Ausführungen. Der König selbst ließ ihm seinen Dank ausrichten, er habe großen Gefallen an seinen Berichten. Also machte Severin weiter. Folgte dem Zerstörungswerk des Harvesters, der eigentlich schon lange mehr als eine reine Erntemaschine war.

Verblüfft erkannte Severin, dass ein weiterer Anbau auf den Ernter wartete. Ein Raupenfahrzeug stand bereit und dockte sich vollautomatisch und unter dem Ausstoß einer gewaltigen Masse Ruß an den Harvester an. Severin beeilte sich, seine Kamera aufzustellen, um das Manöver zu fotografieren. Fasziniert betrachtete er das neue Bauteil und versuchte, seine Funktion zu ergründen. Es sah aus wie ein monströser Zahnarztbohrer, bereit, die Zähne eines Riesen zu malträtieren. Über Hebel und komplizierte Zahnradkonstruktionen konnte der Harvester es senkrecht über dem Boden positionieren und damit tiefe Löcher graben.

 

Ich bin mit nicht sicher, aber ich meine, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Bei Bohrmaßnahmen für Erdöl, das die chemische Industrie für künstliche Stoffe schätzt. Aber gibt es davon Vorkommen hier? Da fällt mir ein, in der Diamantenmine, die ich vor langer Zeit in Tanganjika besuchte, hatte die Bergbau-Company ähnliches Gerät, nur kleiner.

 

Als er von seinen Notizen aufsah, war der Anbau abgeschlossen. Mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen wurden die Dampfkessel des Harvesters wieder mit dem Kettenantrieb verbunden, und der Koloss aus Stahl setzte sich in Bewegung. Die Erde zitterte unter der Last, und Severin musste seine Kamera festhalten, da sie umzustürzen drohte.

Er packte seine Sachen wieder zusammen, was nicht einfach war, hatte er doch noch eine Menge Konserven gefunden. Der Beiwagen seines Dampfturbinenzweirads war vollgepackt mit neuem Material, das in der verlassenen Poststation nur auf ihn gewartet zu haben schien. Gerade als er sich wieder rittlings auf seinen Sitz schwingen wollte, bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er fuhr herum. Seine Augen wurden groß, als er den alten Mann sah, der in einiger Entfernung stand, anscheinend ohne Severin zu bemerken.

Unbeweglich blickte der Eingeborene – nichts anderes konnte er mit seinem Äußeren und der seltsamen Kleidung sein – dem lärmenden Ernter hinterher. Severin versuchte, in seinen Erinnerungen etwas über die Völker dieser Gegend zu finden, das ihm bei der Identifizierung helfen konnte. Doch schienen diese Dinge schon lange gelöscht zu sein. Wie ein Handbuch, dessen Inhalt keinerlei Bedeutung mehr hatte. Denn das, was es beschrieb, existierte nicht mehr. Er hatte die Informationen über die Stämme dieser Region weggeworfen. Gelöscht, ausradiert, verbrannt. Dementsprechend machte sich Unruhe in ihm breit, denn er war sich sicher, dass es wichtig sein würde, diese Erinnerungen wieder parat zu haben. Waren es nicht besonders kriegerische Völker, die hier gelebt hatten?

Musste er sich vor diesem Mann fürchten, alleineund einsam wie er war? Zwar besaß er eine Waffe, aber da es im Gefolge des Ernters keine wilden Tiere mehr gab, hatte er sie nie benutzt und auch nicht gepflegt. Es war fraglich, ob er sie noch abfeuern konnte, sollte er ihrer noch rechtzeitig habhaft werden. Und er wusste nicht einmal genau, wo sie sich in seinem Beiwagen befand.

Widerstreitende Gefühle tobten in Severins Geist. Einerseits wirkte der Fremde klein, zerbrechlich und ausgehungert. Ein Greis, ergraut und verwittert, halbnackt und nur nachlässig in ein zerfressenes Fell über einem fadenscheinigen, einstmals wohl roten Tuch gehüllt. Der Schädel des Tieres, zu dem das Fell einst gehörte, ruhte auf dem Kopf des Mannes, so dass Severin seine Züge nicht erkennen konnte. Doch der Mann besaß etwas, das Severin nach einigem Suchen nach einer passenden Bezeichnung als Aura definierte, die ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

Der Fremde, der auch deswegen eine derart unheimliche Wirkung hatte, weil seine Haut nahezu pechschwarz zu sein schien, war nicht bewaffnet. Er trug lediglich einen knorrigen Stock bei sich, auf den er sich zudem schwer stützen musste. Am oberen Ende des Stocks hingen ein paar Federn, die einstmals sicherlich sehr farbenprächtig gewesen waren, doch nun so grau wie die ganze Umgebung wirkten. Lückenhaft und zerfleddert. Lediglich ein Stein am Ende einer Kette aus Knochenperlen brachte etwas Glanz in die fahle Umgebung. Severin ahnte, dass es ein Rohdiamant war, der da im milchigen Licht der Sonne helle Blitze aussandte. Ein Symbol dafür, was die Auftraggeber zu finden hofften, als man den Harvester mit dem großen Bohrer ausstattete.

Severin überlegte, was dieser Stein für ihn bedeuten würde, könnte er seiner habhaft werden, denn er schien recht groß zu sein. Reichtum, gewiss, aber nicht hier. Sicherlich konnte ein Juwelier daraus einen wunderbaren Brillanten schneiden. Doch wofür? In seinem Leben hatte es nur eine einzige Frau gegeben, die sich mit einem solchen Stein hätte schmücken können. Doch ausgerechnet diese Frau hatte ihn betrogen, weshalb er nur zu gern die Reise in den Kongo angetreten hatte.

Nein, ein solcher Stein besaß für ihn keinerlei Bedeutung. Es war einfach nur ein Produkt von Mutter Erde, aus dem Künstler besonders hübschen Tand herstellen konnten. Und natürlich hervorragendes Schneidewerkzeug für die Industrie, aber auch das benötigte Severin nicht in seiner Situation. Sollte der alte Mann doch mit diesem Stein glücklich werden, was auch immer er darin für eine Bedeutung sah.

Der Harvester verschwand in einer Wolke aus Ruß und Staub und endlich kehrte Bewegung in die beiden einsamen Beobachter zurück. Severin erinnerte sich an seinen Auftrag und ahnte, dass er sich würde beeilen müssen, wenn er den Harvester noch einholen wollte. Doch genau in diesem Moment regte sich auch der Eingeborene.

Er drehte sich direkt zu ihm um und starrte ihn aus kalt funkelnden Augen an. Diese Augen waren das einzige, was Severin sicher von dem Gesicht des alten Mannes erkennen konnte, das im Schatten des Tierschädels verborgen war. Es dauerte eine Weile, bis Severin das Tier erkannte, dessen Kopf und Fell den Alten zierten. Eine große Hyäne. Kein stolzer Löwe oder eleganter afrikanischer Wildhund.

In dem Moment, als er das erkannte, spürte er auch deutlich, dass die kalte Wut in den Augen des Mannes nicht ihm galt, sondern der Maschine. Vor allem hatte Severin das Gefühl, dass diese Augen tief in seine Seele blicken und alles über ihn darin finden konnten.

Wie lange diese Musterung durch den Eingeborenen erfolgte, wusste Severin am Ende nicht mehr zu sagen. Schließlich wurde er dadurch erlöst, dass der alte Mann den Schädel der Hyäne ein Stück zurückschob und dessen Züge so besser zu erkennen waren. Es überraschte Severin über alle Maßen, als der Mann ihn plötzlich sogar anlächelte und dabei ein erstaunlich gutes Gebiss enthüllte. Dann hob der Alte seine Hände zum Himmel und beschrieb mit dem Stock einen großen Kreis in der Luft. Es kam Severin vor, als würde glitzernder Staub um den Mann herumfliegen, doch wahrscheinlich war es nur der Rohdiamant, der diesen Effekt erzeugte. Er traute seinen Ohren kaum, als der Mann anfing, in hypnotisch gleichförmiger Tonlage zu singen. Severin verstand kein Wort und beobachtete staunend den seltsamen Tanz, den der Mann vollführte. Geistesgegenwärtig griff er nach seiner Kamera und schob eine Platte hinein. Solange der Mann in Bewegung war, würde es kein gutes Bild werden, doch dann blieb er plötzlich stehen und schien zu lauschen. Severin drückte auf den Auslöser und lauschte ebenfalls, während er fasziniert die Staubwolken anstarrte, die durch die tanzenden Füße des alten Mannes verursacht worden war. Zusammen mit dem Glitzern des Diamanten schien er sich in einer Art Regen aufzulösen.

Als der Staub sich wieder legte, spürte Severin deutlich, wie unter ihm die Erde zu beben begann. Panisch sah er sich um, ob etwas auf ihn fallen konnte, doch er befand sich weit genug von jedem Gebäude entfernt. Seine Sorge war nicht unbegründet, denn als das Beben endete, kam ein weiteres Dröhnen an seine Ohren. Eines der Lagerhäuser, die man aus Ziegelsteinen gebaut hatte, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Severin sah sich hektisch zu dem alten Mann um, der ihm ein mildes Lächeln schenkte. Noch einmal drehte er sich wie wild um die eigene Achse, so dass das Fell und das Tuch um seinen dürren Leib fast waagerecht flogen. Wieder wirbelte Staub auf und hüllte ihn ein.

Und dann war er plötzlich verschwunden.

Mit einem Laut der Verblüffung sprang Severin von seinem Zweirad und lief an die Stelle, an der er den Alten zuletzt gesehen hatte. Deutlich konnte er die Abdrücke blanker Füße im Staub erkennen, und eine der räudigen Federn lag dort herum. Er hatte also keine Halluzination gehabt. Doch der Alte war verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 

*

 

Ich habe den Harvester wieder eingeholt, was nicht so schwierig war, da er viele Probebohrungen durchgeführt hat, die Zeit in Anspruch nahmen. Es scheint, als wäre er im Grabenbruch zwischen dem Nyiragongo und dem Nyamuragira fündig geworden, denn er fing sofort an, sein gesamtes Equipment zum Graben in Bewegung zu setzen, nachdem er eine riesige Fläche Dschungel gerodet hatte. Viele Tiere flohen von dort, von denen ich schon angenommen hatte, dass sie nicht mehr existierten. Sogar eine Herde Waldelefanten habe ich gesehen. Dieses Mal ließ der Harvester sie gehen, er scheint keinen Auftrag mehr zum Elfenbeinsammeln zu haben. Die armen Tiere werden wahrscheinlich bald verrecken, weil der Harvester ihren Lebensraum vollständig zerstört.

 

Severin legte den Stift beiseite und betrachtete erneut die entwickelte Platte. Die Fotografie von dem alten Mann in Goma. Es war nichts darauf zu erkennen. Als hätte er einen Geist fotografiert. Mittlerweile fürchtete er, dass die Einsamkeit ihm einen Streich gespielt hatte und vor dem Erdbeben vielleicht Gase mit halluzinogener Wirkung aus dem Boden gekommen waren.

Er trat aus seinem Zelt und betrachtete in der Abenddämmerung den Harvester, der inmitten einer toten Fläche niedergewalzten Dschungels Bodenschätze ausgrub. Ganz in seiner Nähe befand sich ein Haufen Aushub aus einer Probebohrung, und im rötlichen Sonnenlicht begann der Haufen verheißungsvoll zu glitzern. Severin drückte seine Hand hinein und ließ sich das Geröll durch die Finger rieseln. Kleine Rohdiamanten waren darunter, doch mehr als nur Faszination für das vielfach gebrochene Sonnenlicht und die schillernden Farben bewirkten sie nicht in ihm. Warum zerstörten die Kolonialherren alles, nur um an diese Steine zu kommen? Man konnte sie nicht essen und sie waren nur für einige wenige Menschen erschwinglich. Die Arbeiter und Angehörigen der ärmsten Schichten brauchten die Herrschaften ja auch nicht mehr.

Der Harvester war der beste Beweis dafür.

Wütend warf Severin die Handvoll Geröll wieder zurück. Warum machte er sich Gedanken darüber? Eines schönen Tages würde es eben nur noch die Herrscher und ihre Entourage geben. Auf einem öden, leeren Planeten. Sollte das wirklich alles sein?

Überrascht bemerkte Severin, dass am Abhang des Nyamuragira unweit seines eigenen Lagers jemand stand. Er erkannte den Alten wieder, den sein überspannter Geist schon in das Reich der Wahnvorstellungen verbannen wollte. Zu seinen Füßen arbeitete der Ernter ungerührt seine Befehle ab. Zerstörte alles, was ihm unter die Ketten kam und bohrte Loch an Loch. Zog mit riesigen Baggerschaufeln Gräben in den Boden.

Severin glaubte, neben den Vibrationen, die durch den Antrieb der Maschine verursacht wurden, noch andere Bewegungen in der Erde zu verspüren. Unterschwellig nur, doch bedrohlich und beängstigend. Sein Blick kreuzte sich mit dem des weit entfernt stehenden alten Mannes, und dieser machte ihm ein Zeichen, das er nicht missverstehen konnte.

Er sollte fotografieren?

Hektisch machte sich Severin daran, seine beiden Fotoapparate aufzubauen, und überprüfte dieses Mal mehrfach gewissenhaft alle Einstellungen, bevor er das Plattenmagazin auffüllte, welches ihm ermöglichte, eine Vielzahl an Bildern kurz hintereinander zu schießen. Als er damit fertig war, sah er wieder zu dem alten Mann, der seine Arme zum Himmel gereckt hatte.

Es schien, als hätte er den Himmel dazu aufgefordert, Wolken zu schicken. Der verdüsterte sich schnell, und Blitze zuckten durch die unheimlichen Wolken auf den Harvester hinunter. Das beeindruckte die Maschine wenig, das wusste Severin. Er hatte schon oft die Launen der Natur gegen den Harvester ankämpfen sehen, ohne dass dieser auch nur kurz in seiner Arbeit stockte.

Doch dann schlug ein besonders heftiger Blitz neben dem Alten in die Hänge des Nyamuragira ein, und der Donnerschlag, der ihm folgte, ließ Severin um seine Ohren fürchten. Geistesgegenwärtig löste er beide Kameras aus und begann zu zählen, um in immer gleichen Abständen weitere Aufnahmen zu machen. Eine Dokumentation des Infernos, das nun kam.

Zwischen den ausgestreckten Armen des alten Mannes, der mit Donnerstimme in seiner Sprache in den Wind brüllte, schienen sich weitere Blitze zu sammeln, die eine Sturmböe gegen den Harvester trieb. Die Erde begann zu beben, erst leicht, dann gab es einen harten Schlag. Severin musste blitzschnell reagieren, um seine Kameras zu retten. Dann grollte der Berg, und Geröll regnete an seinen Hängen herab. Eine Spalte öffnete sich zu Füßen des alten Mannes, und Lava ergoss sich in die Ebene zwischen den beiden Vulkanen Nyiragongo und Nyamuragira, während sich der Spalt bis zur Maschine fortsetzte und immer mehr Risse entstanden.

Severin stand nur staunend hinter seinen Kameras, während seine Hände ein Eigenleben entwickelten und in regelmäßigen Abständen die Auslöser betätigten. Ihm schoss durch den Kopf, dass das ganz gewiss kein normaler Vulkanausbruch war. Nicht so gezielt und lokal begrenzt. Doch seine Vorstellungskraft reichte nicht aus, dafür eine Erklärung zu finden.

Die Raupenketten des Harvesters blieben in den Spalten stecken, und Lava umspülte den gewaltigen stählernen Leib, bis nur noch die Aufbauten in der roten Masse sichtbar waren. Der Ernter konnte nicht mehr weiterfahren und sein Stahl begann ebenfalls zu glühen. Der Spuk war so schnell vorüber, wie er begonnen hatte. Der Himmel riss auf und die Sonne schickte letzte, heimelige Strahlen über den grotesken Anblick des halb in der Lava versunkenen Harvesters zu Severins Füßen.

Ein letztes Mal drückte er auf den Auslöser, bevor er die eine Kamera hin zu dem alten Mann drehte und hoffnungsvoll die letzte Platte belichtete.

Mit dem Bild eines Mannes, der grinste wie ein kleines Kind, dem ein besonders guter Streich gelungen war, und sogar ein paar fröhliche Tanzschritte vollführte. Doch wie schon bei ihrer ersten Begegnung verschwand der Alte spurlos in dem Staub, den er aufwirbelte.

Doch dieses Mal blieb noch etwas anderes zurück.

Als Severin zu dem Standort des Alten am Berghang hastete, leuchtete etwas im sanften Licht des Mondes am sternenklaren Himmel.

Der Rohdiamant, der am Stab des Alten gehangen hatte.

 

*

 

15. September 1899

Es scheint noch niemand bemerkt zu haben, dass der Harvester nicht mehr arbeitet. Vielleicht gibt es schon lange niemanden mehr, der sich für die Arbeit des Monstrums interessiert. Der neue Anbau und das Material haben möglicherweise schon seit ewigen Zeiten in Goma herumgelegen und ein Automatismus wurde in Gang gesetzt, als das Monstrum auftauchte. Wie auch immer, ich habe alles, was geschehen ist, getreulich dokumentiert. Die Fotografien zeigen deutlich, wie der Harvester von den Naturgewalten gestoppt wurde. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Natur wieder erholen kann. Nach dem Drama kam Regen, und mittlerweile ist über die Wunden, die der Harvester gerissen hat, im wahrsten Sinne des Wortes Gras gewachsen.

Eine Fotografie ist leider wieder nicht gelungen. Die des alten Mannes, der das ganze Drama verursacht hat. Jedenfalls glaube ich, dass es so ist. Nein, ich bin davon überzeugt.

Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, der Natur auf die Sprünge zu helfen, hoffe ich zumindest. Getreu meiner Aufgabe habe ich überall die auf der Straße liegenden restlichen Samen der Bäume gesammelt, die der Ernter vernichtet hat. Jetzt habe ich die Samen alle ausgebracht und hoffe, sie keimen auf. Ich glaube nicht, dass irgendjemand es als Verlust empfinden wird, dass ich keine Samen beschaffe.

Seit gestern höre ich seltsame Gesänge in der Nähe und kann ein Feuer in der Ferne sehen. Ich denke, es sind Menschen. Eingeborene, vielleicht der Stamm des Alten.

Ich will nicht mehr allein sein und werde jetzt aufbrechen, um zu ihnen zu gehen. Vielleicht kann ich bei ihnen bleiben. Vielleicht bringen sie mich um. Alles ist besser, als hier in der Einsamkeit vor mich hin zu vegetieren.

Dies wird mein letzter Eintrag sein. Die Fotoplatten sind sicher verpackt für denjenigen, der sie vielleicht wann auch immer finden wird.

Meinen Auftrag betrachte ich als erfüllt.

Meine untertänigsten Grüße an König Leopold. Möge er doch noch erkennen, dass er Fehler gemacht hat. Möglichst, bevor die ganze Welt nur noch ein Aschehaufen ist.

 

***

© by Chris Schlicht. Mit freundlicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten.
Erschienen in: André Skora & Marco Ansing: Kolonien. Welt unter Dampf. Amrûn 2018.

Über die Autorin

Autorin Christine Schlicht

 

Gebürtig im Moloch des großen Geldes Frankfurt, hat Christine Schlicht durch die Ehe mit einem Hamburger Luftschiffingenieur eine besondere Beziehung zur Hansestadt im hohen Norden und zu fliegenden Maschinen. Sie selbst ist eher geerdet und sorgt dafür, dass auch in den von Technik geprägten großen Städten ein Hauch Natur verbleibt, der den Menschen Erholung bietet: als Gartenarchitektin. Ansonsten ist sie eher durch die Verwendung der unterschiedlichsten Materialien zur Schaffung von verschönernden Bildwerken auffällig. Das Verfassen von Prosa ist mittlerweile auch eine gern verwendete Art, der eigenen Kreativität Ausdruck zu verleihen, und Ausgleich zur Erziehung der beiden Töchter.

 

Die nächste Story erwartete Dich am Freitag, den 9. November, genau hier.

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