Kurzgeschichte vom Fiction Friday: Der silberne Schlüssel (H. P. Lovecraft)

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FICTION FRIDAY

Der silberne Schlüssel (H. P. Lovecraft)


Randolph Carter gerät in eine Lebenskrise: Er hat aufgehört zu träumen. Lovecraft schickt seinen Helden auf die Suche nach den eigentlich bedeutungsvollen Dingen des Lebens – und nach einer geheimnisvollen Schatulle auf dem Dachboden …

Parallel zur kommentierten Prachtausgabe H.P. Lovecraft. Das Werk veröffentlichen wir auf TOR ONLINE zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. »Der silberne Schlüssel« erinnert an eine frühe Twilight Zone-Episode mit dem Titel »Kinderspiele« und bietet einen Rundumblick über die Traumlandschaften, die Lovecraft in den Jahren zuvor schuf.

***

Als Randolph Carter dreißig Jahre alt war, verlor er den Schlüssel zum Tor der Träume. Zuvor hatte er sich für die Eintönigkeit des Daseins dadurch entschädigt, dass er Nacht für Nacht Expeditionen zu merkwürdigen und uralten Städten außerhalb des Raums und zu lieblichen, unglaublichen Gartenländern jenseits körperloser Meere unternahm. Doch als er sich der Lebensmitte mit ihren Verhärtungen näherte, merkte er, wie diese Fluchtmöglichkeiten ihm nach und nach entglitten, bis er schließlich ganz von ihnen abgeschnitten war. Nicht länger konnten seine Galeeren den Fluss Oukranos hinaufsegeln, vorbei an den vergoldeten Turmspitzen von Thran, noch seine Elefantenkarawanen sich ihren Weg durch die duftenden Dschungel von Kled bahnen, wo vergessene Paläste mit geäderten Elfenbeinsäulen lieblich und ungestört im Mondlicht schlafen.

Er hatte viel darüber gelesen, wie die Dinge wirklich sind, und mit zu vielen Menschen gesprochen. Wohlmeinende Philosophen hatten ihn gelehrt, die logischen Beziehungen zwischen den Dingen zu untersuchen und die Vorgänge zu analysieren, die seinen Gedanken und Phantasien ihre Form verliehen. Er hatte das Staunen verlernt und vergessen, dass das ganze Leben nur eine Abfolge von Bildern im Gehirn ist, unter denen es keinen Unterschied zwischen solchen gibt, die aus wirklichen Dingen entstehen, und solchen, die aus inneren Träumereien geboren werden, und dass es keinen Grund gibt, den einen mehr Bedeutung beizumessen als den anderen. Die Gewohnheit hatte ihm eine abergläubische Ehrfurcht vor dem eingegeben, was greifbar und körperlich ist, und heimlich hatte er begonnen, sich seiner Schwelgerei in Visionen zu schämen. Weise Männer ermahnten ihn, dass seine schlichten Träumereien töricht und kindisch seien, und er glaubte ihnen, weil er sah, dass man sie leicht dafür halten konnte. Woran er sich zu erinnern versäumte, war, dass die Taten, die in der Wirklichkeit vollbracht werden, genauso töricht und kindisch sind, ja, vielleicht sogar noch absurder, weil diejenigen, die sie vollbringen, glauben, dass sie eine Bedeutung und einen Zweck haben, während der blinde Kosmos sich ziellos vom Nichts zum Etwas und vom Etwas wieder zurück zum Nichts wälzt, ohne auch nur das Geringste von den Wünschen oder der Existenz jener menschlichen Gehirne zu wissen, die hier und da für eine Sekunde in der Dunkelheit aufflackern.

Sie hatten ihn an die materiellen Dinge gekettet und ihm erklärt, wie diese Dinge funktionieren, bis der Welt ihr Geheimnis ausgetrieben war. Als er sich beklagte und sich danach sehnte, in jene dämmrigen Gefilde zu entfliehen, wo die Magie all die winzigen lebendigen Bruchstücke und teuren Vorstellungen seines Geistes in Panoramen atemloser Erwartung und unauslöschlichen Entzückens verwandelte, lenkten sie seinen Blick stattdessen auf die neuentdeckten Wunder der Wissenschaft und geboten ihm, das Wunderbare im Wirbel der Atome und das Geheimnis in der Ausdehnung des Himmels zu sehen. Und als es ihm nicht gelang, diese Freuden in Dingen zu finden, deren Gesetze bekannt und messbar sind, warfen sie ihm vor, dass es ihm an Vorstellungskraft fehle und dass er unreif sei, weil er die Illusionen der Träume den Illusionen unserer physischen Welt vorzog.

Also hatte Carter versucht, es den anderen gleichzutun, und vorgegeben, dass die alltäglichen Erlebnisse und Gefühle irdischer Geister wichtiger seien als die Phantasien erlesener und empfindsamer Seelen. Er widersprach nicht, als sie ihn belehrten, dass der kreatürliche Schmerz eines abgestochenen Schweins oder eines magenkranken Bauern im wirklichen Leben wichtiger wären als die unvergleichliche Schönheit von Narath mit seinen hundert reliefgeschmückten Toren und Domen aus Mondstein, an die er sich dunkel aus seinen Träumen erinnern konnte. Und unter ihrer Anleitung kultivierte er mühevoll sein Mitgefühl und sein Empfinden für die menschliche Tragödie.

Von Zeit zu Zeit konnte er jedoch nicht umhin zu bemerken, wie hohl, unbeständig und bedeutungslos alles menschliche Streben ist und wie sehr unsere echten Triebkräfte sich von jenen hochtrabenden Idealen unterscheiden, denen wir zu folgen vorgeben. Dann flüchtete er sich in jenes höfliche Lachen, das sie ihn gelehrt hatten, um sich gegen die Überspanntheit und Künstlichkeit der Träume zu wehren, denn er wusste, dass jeder Zoll unseres alltäglichen irdischen Lebens genauso überspannt und künstlich ist – nur weit weniger respektgebietend, weil es arm an Schönheit ist und es sich töricht weigert einzugestehen, dass es ihm an Vernunft und Ziel mangelt. Auf diese Weise wurde aus ihm eine Art Humorist, denn er begriff nicht, dass in einem geistlosen Universum, dem jeder echte Maßstab für das Wahre und Falsche fehlt, selbst der Humor eine leere Angelegenheit ist.

In den ersten Tagen seiner Gefangenschaft hatte er sich dem sanften kirchlichen Glauben zugewandt, der ihm durch das naive Gottvertrauen seiner Vorväter lieb war, denn in diese Richtung erstreckten sich mystische Wege, die ein Entkommen aus seinem neuen Leben zu versprechen schienen. Erst bei näherem Hinsehen bemerkte er die Dürre ihrer Visionen, die schale und nüchterne Banalität, den lächerlichen Ernst und die groteske Wahrheitsgewissheit, die öde und unumschränkt unter den Bekennern herrschten. Erst jetzt spürte er, wie unbeholfen ihr Versuch war, die überwundenen Ängste und Spekulationen, mit denen sich ein vergangenes Geschlecht gegen das Unbekannte gewappnet hatte, als buchstäbliche Tatsachen am Leben zu erhalten. Es ermüdete Carter mit anzusehen, mit welchem Ernst diese Menschen versuchten, irdische Realität aus alten Mythen zu machen, die von jedem neuen Schritt jener Wissenschaft, auf die sie zugleich so stolz waren, widerlegt wurden. Und diese deplatzierte Ernsthaftigkeit ließ die Zuneigung ersterben, die er sich sonst vielleicht für die alten Glaubenslehren bewahrt hätte, wenn sie sich damit zufriedengegeben hätten, ihre klangvollen Riten und ihren seelischen Trost in ihrer wahren Gestalt anzubieten: als luftige Phantasien.

Doch als er begann, sich denjenigen zuzuwenden, die die alten Mythen von sich geworfen hatten, erschienen sie ihm noch abstoßender als diejenigen, die ihnen treu geblieben waren. Sie wussten nichts von der Schönheit, die in der Harmonie liegt, und davon, dass es für die Anmut des Lebens in einem sinnlosen Kosmos nur einen Maßstab gibt, nämlich, dass es mit den Träumen und Empfindungen in Einklang steht, die vor ihm da waren und deren blindes Wirken unsere beschränkten Gefilde aus dem allumfassenden Chaos entstehen ließ. Sie begriffen nicht, dass Gut und Böse, Schön und Hässlich nur eine Frage der Perspektive sind, ein schmückendes Beiwerk, dessen einziger Wert darin liegt, dass sie uns mit dem verbinden, was unsere Ahnen zufällig gedacht und empfunden haben und was in seinen feineren Verästelungen für jede Rasse und Kultur verschieden ist. Stattdessen leugneten sie diese Dinge entweder oder verbannten sie ins Reich der rohen und vagen Instinkte, die sie mit den wilden Tieren und den Bauern teilten, so dass sich ihr Leben unförmig in Schmerz, Hässlichkeit und Maßlosigkeit dahinschleppte, während sie zugleich lächerlich stolz darauf waren, etwas entronnen zu sein, das keineswegs unvernünftiger war als ihre jetzigen Überzeugungen. Sie hatten bloß die falschen Götter der Furcht und der blinden Frömmigkeit gegen die der Ausschweifung und der Anarchie eingetauscht.

Carter kostete kaum von diesen neuen Freiheiten, denn ihre Armseligkeit und Schmutzigkeit war einem Geist, der allein die Schönheit liebte, zuwider, und sein Verstand lehnte sich gegen die fadenscheinige Logik auf, mit der ihre Vertreter versuchten, rohe Triebe mit einem Firnis der Heiligkeit zu überziehen, den sie von den gerade ausrangierten Götterbildern abgeschlagen hatten. Er begriff, dass die meisten von ihnen, nicht anders als die Priesterkaste, deren sie sich soeben entledigt hatten, sich nicht von dem Wahn freimachen konnten, dass das Leben eine Bedeutung hat, die über das, was der Mensch in es hineinträumt, hinausgeht. Und ebenso wenig konnten sie sich von ihren primitiven Begriffen von Moral und Verpflichtungen gegenüber etwas anderem als der Schönheit lösen, auch wenn die gesamte Natur im Licht ihrer wissenschaftlichen Entdeckungen ihre Bewusstlosigkeit und gleichgültige Amoral herausschrie. Engstirnig und stur an ihren vorgefassten Illusionen über Gerechtigkeit, Freiheit und Wahrheit festhaltend, entledigten sie sich der alten Überlieferungen und Sitten zusammen mit dem alten Glauben, ohne zu bedenken, dass diese Überlieferungen und Sitten das Einzige waren, worauf ihre jetzigen Gedanken und Ansichten ruhten, und die einzige Richtschnur und der einzige Maßstab in einem sinnlosen Universum ohne bestimmte Zwecke oder stabile Bezugspunkte. Nachdem sie aus dieser künstlichen Kulisse herausgetreten waren, verlor ihr Leben jede Richtung und jeden dramatischen Reiz, bis sie schließlich darauf verfielen, ihre Langweile in Geschäftigkeit und vorgeblicher Nützlichkeit, Lärm und Trubel, barbarischem Treiben und animalischer Sinnlichkeit zu ertränken. Wenn sie sich an diesen Dingen übersättigt hatten, von ihnen enttäuscht waren oder sie ihnen in einem plötzlichen Umschwung ekelhaft geworden waren, dann kultivierten sie Ironie und Bitterkeit und machten für alles die gesellschaftliche Ordnung verantwortlich. Sie begriffen nicht, dass die rohen Fundamente ihres Weltbildes genauso unsicher und widersprüchlich waren wie die Götter ihrer Vorfahren und dass die Befriedigung des gegenwärtigen Augenblicks der Fluch des nächsten ist. Ruhige, beständige Schönheit findet sich nur im Traum, und diesen Trost hatte die Welt weggeworfen, als sie in ihrer Anbetung der Wirklichkeit die Geheimnisse der Kindheit und der Unschuld verschmäht hatte.

Inmitten dieses Chaos der Leere und der Unruhe versuchte Carter zu leben, wie es sich für einen Mann von scharfem Verstand und guter Herkunft ziemte. Nachdem seine Träume unter dem Spott seiner Zeitgenossen verblasst waren, war es ihm unmöglich, an irgendetwas zu glauben, doch die Liebe zur Harmonie ließ ihn sich eng an die Sitten und Gebräuche seiner Rasse und seines Standes halten. Er durchwanderte teilnahmslos die Städte der Menschen und seufzte, weil keiner der Ausblicke, die sich ihm boten, ganz und gar real schien; weil jedes Aufflammen gelben Sonnenlichts auf hohen Dächern und jeder flüchtige Blick auf geländerbewehrte Plätze im Schein der ersten Laternen des Abends ihn nur an die Träume erinnerten, die er einst geträumt hatte, und in ihm das Heimweh nach den flüchtigen Ländern weckte, von denen er nicht mehr wusste, wie er sie wiederfinden sollte. Reisen waren nur ein lächerlicher Ersatz, und selbst der Große Krieg erschütterte ihn kaum, obwohl er von Anfang an in den Rängen der französischen Fremdenlegion an ihm teilnahm. Eine Zeitlang suchte er Freunde, doch schon bald wurde er der Rohheit ihrer Gefühle und der Gleichförmigkeit und Erdverbundenheit ihrer Phantasie überdrüssig. Er war vage erleichtert, dass er nur noch entfernte Verwandte hatte, die keinen Kontakt mehr mit ihm pflegten, denn sie wären nicht imstande gewesen, sein geistiges Leben zu begreifen. Das heißt niemand von ihnen außer seinem Großvater und seinem Großonkel Christopher, aber diese beiden waren schon lange tot.

Dann begann er wieder Bücher zu schreiben, eine Tätigkeit, die er aufgegeben hatte, als seine Träume ihn zum ersten Mal verließen. Aber auch hier fand er keine Zufriedenheit oder Erfüllung, den das Gewicht des Irdischen lastete auf seinem Geist, und er konnte nicht mehr an schöne Dinge denken wie vor Zeiten. Ein ironischer Humor brachte all die Minarette, die er in der Dämmerung aufrichtete, wieder zum Einsturz, und die irdische Furcht davor, unglaubwürdig zu erscheinen, ließ all die zarten und wunderbaren Blumen in seinen Feengärten verwelken. Die Konventionen eines unechten Mitgefühls ließen seine Figuren rührselig werden, während die mythische Vorstellung, dass die Wirklichkeit Gewicht und die Erlebnisse und Gefühle der Menschen Bedeutung haben, all seine hochfliegenden Phantasien zu dünn verschleierten Allegorien und billigen Gesellschaftssatiren herabwürdigte. Seine neuen Romane waren erfolgreicher, als seine alten es je gewesen waren, und weil er wusste, wie leer sie sein mussten, um den leeren Köpfen zu gefallen, verbrannte er sie und gab das Schreiben auf. Es waren elegante Romane, in denen er sich weltgewandt über die Träume lustig machte, die er mit leichter Hand aufs Papier warf. Doch erkannte er, dass ihre Perfektion ihnen das Leben ausgesaugt hatte.

Nach diesem Zwischenspiel begann er absichtsvolle Illusionen zu kultivieren und trieb sich in den geistigen Gefilden des Bizarren und Exzentrischen herum, in denen er hoffte, auf ein Gegengift gegen das Gewöhnliche zu stoßen. Das meiste, was er dort fand, offenbarte jedoch rasch seine Armut und Unfruchtbarkeit, und er erkannte, dass die populären Lehren des Okkultismus genauso trocken und starr waren wie die der Wissenschaft und dabei nicht einmal den schwachen mildernden Umstand für sich geltend machen konnten, wahr zu sein. Groteske Dummheit, Betrug und Geistesverwirrung sind nicht dasselbe wie Träume und bieten einem höherstehenden Verstand keine Ausflucht. Also kaufte Carter seltsamere Bücher und suchte tiefgründigere und schrecklichere Männer von phantastischer Gelehrsamkeit auf. Er tauchte in geheime Sphären des Bewusstseins ein, in die sich nur wenige vorgewagt hatten, und erfuhr Dinge über die geheimen Höllenschlünde des Lebens, der Legende und des unvordenklichen Altertums, die ihn für immer verstörten. Er entschloss sich, in höheren Sphären zu leben, und richtete seine Bostoner Wohnung entsprechend seinen wechselnden Stimmungen ein. Er widmete jeder Stimmung ein Zimmer, mit Wandbehängen in den passenden Farben, mit entsprechenden Büchern und Kunstgegenständen versehen und mit Vorkehrungen ausgerüstet, die für die entsprechenden Sinneseindrücke in Form von Licht, Wärme, Klängen, Geschmäckern und Gerüchen sorgten.

Einmal hörte er von einem Mann im Süden, den man mied und fürchtete, weil er in vorgeschichtlichen Büchern und auf Tontafeln, die aus Indien und Arabien geschmuggelt worden waren, gotteslästerliche Dinge las. Diesen Mann suchte er auf und stand ihm sieben Jahre lang bei seinen Studien zur Seite, bis ihn in einer mitternächtlichen Stunde auf einem vergessenen uralten Friedhof das Grauen überkam und nur einer wiederkehrte, wo zwei ausgezogen waren. Dann ging er zurück nach Arkham, in die schreckliche hexengeplagte alte Stadt seiner Vorväter in Neuengland, wo er in der Dunkelheit unter uralten Weiden und altersschwachen Mansarddächern Erlebnisse hatte, die dazu führten, dass er für immer gewisse Seiten in dem Tagebuch eines Vorfahren von allzu irrwitziger Vorstellungskraft versiegelte. Doch diese Schrecken führten ihn nur bis an den Rand der Wirklichkeit und waren noch nicht das wahre Traumland, das er in seiner Jugend kennengelernt hatte. Und im Alter von fünfzig Jahren verzweifelte er schließlich daran, in einer Welt, die zu geschäftig für die Schönheit und zu klug zum Träumen geworden war, jemals Ruhe oder Zufriedenheit zu finden.

Nachdem er die Hohlheit und Vergeblichkeit der wirklichen Dinge bis zur Neige ausgekostet hatte, verbrachte Carter seine Tage zurückgezogen und in wehmütigen zusammenhanglosen Erinnerungen an seine traumerfüllte Jugend. Er fand es recht töricht, dass er sich damit plagte weiterzuleben, und verschaffte sich von einem südamerikanischen Bekannten eine äußerst merkwürdige Flüssigkeit, die ihm ewiges Vergessen schenken würde, ohne ihn leiden zu lassen. Die Trägheit und die Macht der Gewohnheit ließen ihn jedoch den entscheidenden Schritt hinausschieben, und er lebte zwischen den Gedanken an alte Zeiten unentschlossen weiter. Er entfernte die seltsamen Wandbehänge aus seinen Zimmern und richtete das Haus wieder so ein, wie er es aus seiner frühen Kindheit in Erinnerung hatte: mit purpurnen Scheiben, viktorianischen Möbeln und allem, was dazugehörte.

Mit der Zeit war er beinahe froh über sein Zögern, denn die Erinnerungen an seine Jugend und die Abgeschiedenheit seines Daseins ließen das Leben und die Weltklugheit sehr weit entfernt und unwirklich erscheinen. So sehr, dass sich wieder ein Anflug von Magie und Erwartung in seinen nächtlichen Schlummer stahl. Jahrelang hatte dieser Schlummer nur jene verzerrten Reflexionen alltäglicher Dinge gesehen, wie sie dem gewöhnlichen Schlaf eigen sind, doch jetzt war ein Aufflackern von etwas Seltsamerem und Unberechenbarerem zurückgekehrt, etwas von ehrfurchtgebietender Dringlichkeit, das die Form atemberaubend klarer Bilder aus seinen Kindertagen annahm und ihn an kleine, unbedeutende Dinge denken ließ, die er seit langem vergessen hatte. Oft wachte er davon auf, dass er nach seiner Mutter und seinem Großvater rief, die beide seit einem Vierteljahrhundert in ihren Gräbern lagen.

Dann, eines Nachts, erinnerte ihn sein Großvater an einen Schlüssel. Der grauhaarige alte Gelehrte, der ihm so deutlich wie zu Lebzeiten vor Augen stand, redete lange und ernsthaft mit ihm, über ihr uraltes Geschlecht und über die seltsamen Gesichte seiner feinfühligen und empfänglichen Vorfahren. Er sprach von dem flammenäugigen Kreuzfahrer, der in Gefangenschaft bei den Sarazenen unerhörte Geheimnisse erfahren hatte, und über den ersten Sir Randolph Carter, der Magie studiert hatte, als Elizabeth Königin war. Und er sprach von jenem Edmund Carter, der während des Salemer Hexenwahns nur knapp dem Galgen entronnen war und der in einem uralten Kästchen einen großen, von seinen Vorfahren geerbten Silberschlüssel verwahrt hatte. Kurz bevor Carter erwachte, hatte der freundliche Besucher ihm gesagt, wo das Kästchen zu finden sei, jenes mit Schnitzereien verzierte Kästchen aus Eichenholz, das von uralten Wundern kündete und dessen grotesk geschmückten Deckel seit zwei Jahrhunderten niemand mehr geöffnet hatte.

Im Staub und Schatten des großen Dachbodens fand er es, vergessen in einer mächtigen Truhe, die ganz hinten in einem Schrank in einer entfernten Ecke stand. Es maß etwa einen Fuß, und die gotischen Schnitzereien auf seinem Holz waren so furchterregend, dass es ihn nicht verwunderte, dass seit den Tagen Edmund Carters niemand mehr gewagt hatte, es zu öffnen. Als er es schüttelte, machte es kein Geräusch, doch entströmte ihm ein mystischer Duft von ungekannten Gewürzen. Dass es einen Schlüssel enthielt, war in der Tat nur eine vage Legende, und Randolph Carters Vater hatte nie geahnt, dass ein solches Kästchen existierte. Es war mit rostigen Eisenbeschlägen versehen, und nirgendwo fand sich ein Hinweis darauf, wie sich sein respekteinflößendes Schloss öffnen ließ. Carter hegte die unbestimmte Vermutung, dass er darin einen Schlüssel zum vergessenen Tor der Träume finden würde, doch wo und wie er diesen Schlüssel gebrauchen sollte, davon hatte ihm sein Großvater nichts gesagt.

Ein alter Diener brach den geschnitzten Deckel auf und zitterte dabei, als er die grässlichen Fratzen sah, die ihm aus dem geschwärzten Holz entgegengrinsten und die ihm auf eine unbeschreibliche Art vertraut vorkamen. In dem Kästchen lag, eingeschlagen in ein verblichenes Pergament, ein gewaltiger Schlüssel aus angelaufenem Silber, der mit rätselhaften Ornamenten bedeckt war, doch fand sich nichts darin, was weiteren Aufschluss gegeben hätte. Das Pergament war groß, doch die merkwürdigen Hieroglyphen, die mit einem antiken Schilfrohr daraufgeschrieben worden waren, entstammten einer unbekannten Sprache. Carter erkannte die Schriftzeichen als diejenigen, die er auf einer gewissen Papyrusrolle gesehen hatte, die jenem schrecklichen Gelehrten aus dem Süden gehört hatte, der eines Mitternachts auf einem vergessenen Friedhof verschwunden war. Dieser Mann hatte die Schriftrolle stets nur mit einem Schaudern gelesen, und jetzt war es an Carter zu erschaudern.

Doch er polierte den Schlüssel und behielt ihn Nacht für Nacht in seinem duftenden Kästchen aus uraltem Eichenholz bei sich. Seine Träume nahmen an Lebhaftigkeit zu, und obwohl sie ihm keine der seltsamen Städte und staunenswürdigen Gärten früherer Tage zeigten, gewannen sie eine deutliche Gestalt, an deren Sinn kein Zweifel möglich war. Sie riefen ihn zurück durch die Jahre und zogen ihn mit den vereinten geistigen Kräften all seiner Vorväter hin zu irgendeinem verborgenen Punkt in der Vorzeit seines Geschlechts. Da wusste er, dass er zurück in die Vergangenheit gehen und wieder eins mit den alten Dingen werden musste, und Tag für Tag dachte er an die Hügel im Norden, wo das heimgesuchte Arkham und der dahineilende Miskatonic River und das einsame ländliche Gehöft seiner Familie lagen.

Im grüblerischen Feuer des Herbstes nahm Carter den alten, erinnerungsschweren Weg, vorbei an sanft geschwungenen Hügelketten und von Steinmauern begrenzten Wiesen, abgelegenen Tälern und bewaldeten Hängen, kurvenreichen Straßen, sich behaglich in die Landschaft schmiegenden Bauernhöfen und den kristallenen Windungen des Miskatonic, der hier und da von schlichten Holz- oder Steinbrücken überspannt wurde. An einer Flussbiegung sah er jene Gruppe riesiger Ulmen stehen, unter der einer seiner Ahnen vor eineinhalb Jahrhunderten unter merkwürdigen Umständen verschwunden war, und er erschauderte, als der Wind bedeutungsvoll durch ihre Äste strich. Dann war da das verfallene Bauernhaus der alten Hexe Goody Fowler, mit seinen kleinen boshaften Fenstern und dem tief herabgezogenen Dach, das auf der Nordseite fast den Boden berührte. Er beschleunigte sein Automobil, als er daran vorbeifuhr, und drosselte die Geschwindigkeit erst, als er oben auf dem Hügel war, wo seine Mutter und ihre Vorfahren geboren waren und wo das alte, weiße Haus noch immer stolz über die Straße auf das atemberaubend schöne Panorama von felsigen Abhängen und grünen Tälern blickte, an dessen Horizont sich die fernen Kirchtürme von Kingsport abzeichneten, während ganz weit im Hintergrund das uralte traumschwangere Meer zu erahnen war.

Dann folgte eine steilere Anhöhe, auf deren Kuppe das alte Carter-Haus stand, das er seit mehr als vierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Als er den Fuß der Steigung erreichte, war der Nachmittag bereits weit fortgeschritten, und an der Biegung, welche die Straße auf halbem Weg nach oben machte, hielt er sein Automobil an, um seinen Blick über die vor ihm hingebreitete Landschaft schweifen zu lassen, die in goldener Herrlichkeit unter den magischen Lichtfluten dalag, welche die im Westen untergehende Sonne verströmte. All die Merkwürdigkeit und Erwartungsschwere seiner Träume der letzten Zeit schien sich in dieser schweigenden, unirdischen Landschaft zusammenzuballen, und er dachte an die unbekannten Einsamkeiten anderer Planeten, während seine Augen über die samtigen, verlassenen Wiesen dahinfuhren, die sich in schimmernden Wellen zwischen ihren verfallenen Begrenzungsmauern erstreckten, über die Flecken der Feenwälder, die mit den Silhouetten der sich in der Ferne verlierenden purpurnen Hügelketten kontrastierten, und über das schon im Schatten liegende, gespenstisch bewaldete Tal, das hinab zu feuchten Senken abfiel, wo rieselnde Bäche zwischen angeschwollenen und verrenkten Wurzeln murmelten und gurgelten.

Irgendetwas gab ihm das Gefühl, dass Automobile nicht in die Gefilde gehörten, in die er unterwegs war, und so ließ er seinen Wagen am Waldrand zurück und machte sich, nachdem er den großen Schlüssel in seiner Jackentasche verstaut hatte, an den Aufstieg. Bald war er vollständig vom Wald umgeben, doch er wusste, dass das Haus auf einer hohen Kuppe stand, die, außer an der Nordseite, die Baumwipfel überragte. Er fragte sich, wie es wohl aussehen mochte, denn da er sich nicht darum gekümmert hatte, war es, seit sein sonderbarer Großonkel Christopher vor dreißig Jahren gestorben war, unbewohnt und sich selbst überlassen geblieben. Während seiner Kinderjahre waren seine langen Besuche dort immer ein Fest für ihn gewesen, und er war in den Wäldern hinter dem Obstgarten sonderbaren Dingen begegnet.

Um ihn herum wurden die Schatten dichter, denn die Nacht war nicht mehr fern. Einmal öffnete sich zu seiner Rechten eine Lücke in den Bäumen, so dass sein Blick über Meilen dämmriger Wiesen schweifte und den alten Kirchturm der kongregationalistischen Kirche auf dem Stadtberg von Kingsport erspähte. Im letzten rosenfarbenen Licht des Tages flammten die kleinen runden Fenster im sich widerspiegelnden Abendrot auf. Dann, als er erneut durch tiefen Schatten schritt, fuhr er zusammen, denn ihm war eingefallen, dass jener flüchtige Blick nur eine Kindheitserinnerung gewesen sein konnte, denn die alte weiße Kirche war schon vor vielen Jahren abgerissen worden, um einem Krankenhaus Platz zu machen. Er hatte voller Interesse davon gelesen, denn die Zeitung berichtete zugleich von merkwürdigen Höhlen oder Gängen, die man im Fels des Stadtbergs gefunden hatte.

Mitten in seiner Verwirrung vernahm er eine dünne Stimme, und wieder fuhr er zusammen, so vertraut war sie ihm nach langen Jahren. Der alte Benijah Corey war Onkel Christophers Knecht gewesen und schon in jenen längst vergangenen Zeiten seiner Kindheitsbesuche ein betagter Mann. Mittlerweile musste er weit über hundert sein, doch diese dünne Stimme konnte niemand anderem gehören. Er konnte keine Worte verstehen, doch ihr Klang war unverwechselbar und unvergesslich. War es möglich, dass der alte »Benijy« noch am Leben war?

»Mister Randy! Mister Randy! Wo ham Sie sich nur rumgetrieben? Wolln ihre Tante Marthy wohl zu Tode erschrecken? Hat sie Ihnen nich gesagt, sich den Nachmittag nah beim Haus zu halten und im Hellen nach Hause zu kommen? Randy! Ran…dii! … Was muss der vermaledeite Junge auch ständig in den Wald laufen. Schnüffelt die ganze Zeit um das Schlangenloch oben am Holzschlag ’rum! … He da, Ran…dii!«

Randolph Carter blieb in der pechschwarzen Dunkelheit stehen und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Irgendetwas stimmte nicht. Er war an einem Ort gewesen, wo er nicht hätte hingehen dürfen. Er war weit vom Wege abgekommen und irgendwo herumgestreunt, wo er nicht hingehörte. Und nun war er viel zu spät dran. Er hatte nicht auf die Uhr am Kirchturm von Kingsport geachtet, obwohl er sie mit seinem Taschenfernrohr mühelos erkennen konnte. Doch er wusste, dass etwas Merkwürdiges geschehen war und er sich noch nie so verspätet hatte. Er war sich nicht sicher, ob er sein kleines Fernrohr dabeihatte, und schob die Hand in die Jackentasche, um danach zu tasten. Nein, es war nicht da, aber da war der große silberne Schlüssel, den er irgendwo in einem Kästchen gefunden hatte. Onkel Chris hatte ihm einmal eine merkwürdige Geschichte über ein altes, verschlossenes Kästchen mit einem Schlüssel darin erzählt, aber Tante Martha hatte die Erzählung abrupt unterbrochen und gesagt, dass das nichts wäre, was man einem Kind erzählt, dessen Kopf sowieso schon voll seltsamer Flausen ist. Er versuchte sich zu besinnen, wo er den Schlüssel gefunden hatte, aber er schien irgendetwas durcheinanderzubringen. Er vermutete, dass es auf dem Dachboden zu Hause in Boston gewesen war, und dunkel erinnerte er sich daran, Parks mit der Hälfte seines wöchentlichen Taschengeldes bestochen zu haben, damit er ihm dabei half, das Kästchen zu öffnen, und niemandem davon erzählte. Doch als er sich daran erinnerte, erschien ihm das Gesicht von Parks seltsam verändert, so als ob sich die Falten langer Jahre in die Züge des munteren kleinen Cockneys eingegraben hätten.

»Ran…dii! Ran…dii! He! He! Randy!«

Eine tanzende Laterne erschien an der schwarzen Wegbiegung vor ihm, und der alte Benijah stürzte sich auf die schweigende und verwirrte Gestalt des Ausreißers.

»Verdammt sollste sein, Junge, so wahr mir Gott helfe! Hast wohl keine Zunge im Mund, um ’nem alten Mann zu antworten? Schon ’ne volle halbe Stunde ruf ich nach dir. Musst mich doch längst gehört haben! Kannst dir wohl nicht vorstellen, dass deine Tante Marthy schon ganz verrückt vor Sorge ist, weil du noch draußen rumläufst, wo’s schon dunkel geworden ist? Wart’ nur, bis ich alles deinem Onkel Chris erzähl, wenn er nach Hause kommt! Solltest eigentlich wissen, dass die Wälder hier nicht der richtige Ort sind, um zu dieser Stunde noch drin rumzutappen! ’s sind Dinge unterwegs, die niemand nichts Gutes wollen, wie schon mein Großvater selig wusste. Kommen Sie schon, Mister Randy, Hannah wartet nicht mehr länger mit’m Abendessen!«

Und so wurde Randolph Carter den Weg hinaufgezerrt, wo die verwunderten Sterne durch hochgewachsene herbstliche Zweige blinkten. Hunde schlugen an, als an der nächsten Wegbiegung das gelbe Licht von Butzenscheiben erglänzte, und die Plejaden glitzerten über der kahlen Hügelkuppe, wo sich ein großes Mansarddach gegen die letzten Reste von Helligkeit im Westen abzeichnete. Tante Martha stand auf der Schwelle und schalt nicht allzu sehr, als Benijah den Missetäter zur Tür hineinschob. Sie kannte Onkel Chris gut genug, um nichts anderes von einem Jungen zu erwarten, in dessen Adern das Blut der Carters floss. Randolph zeigte niemandem seinen Schlüssel, sondern verzehrte schweigend sein Abendbrot und protestierte nur, als es Zeit wurde, zu Bett zu gehen. Manchmal träumte er besser, wenn er wach war, und er wollte endlich Gebrauch von seinem Schlüssel machen.

Am Morgen war Randolph früh auf den Beinen und wäre sogleich zum oberen Holzschlag ausgerissen, hätte Onkel Chris ihn nicht erwischt und dazu gezwungen, sich an den Frühstückstisch zu setzen. Er sah sich ungeduldig in dem niedrigen Raum mit dem Flickenteppich und den freiliegenden Decken- und Eckbalken um und lächelte nur, als einmal die Zweige der Obstbäume an der Bleiglasscheibe des hinteren Fensters kratzten. Die Bäume und die Hügel waren ihm schon ganz nah, und sie bildeten das Tor zu jenen zeitlosen Gefilden, die sein eigentliches Zuhause waren.

Dann, als er endlich gehen durfte, tastete er in seiner Jackentasche nach dem Schlüssel, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass er noch dort war, entschlüpfte er durch den Obstgarten und erklomm die Anhöhe dahinter, wo der bewaldete Hang sich in Höhen erhob, die selbst die baumlose Kuppe überragten, auf der das Haus stand. Moospolster bedeckten den Waldboden, und hier und da zeichneten sich geheimnisvolle große, flechtenüberzogene Felsen undeutlich im dämmrigen Licht ab, wie druidische Monolithen zwischen den geschwollenen und verrenkten Stämmen eines heiligen Hains. Einmal überquerte Randolph während seines Aufstiegs einen rasch dahinfließenden Wasserlauf, dessen Fälle ganz in der Nähe die im Unterholz verborgenen Faune, Ägipanen und Dryaden mit runischen Gesängen beschworen.

Dann kam er zu der merkwürdigen Höhle in dem bewaldeten Abhang, jenem gefürchteten »Schlangenloch«, das die Einheimischen mieden und vor dem ihn Benijah ein ums andere Mal gewarnt hatte. Es war tief, viel tiefer, als irgendjemand anders außer Randolph gedacht hätte, denn der Junge hatte einen Spalt in der hintersten und schwärzesten Ecke der Höhle gefunden, durch den man in eine dahinterliegende geräumigere Grotte gelangte – einen verwunschenen, gruftartigen Ort, dessen granitene Wände die merkwürdige Illusion hervorriefen, dass sie künstlich bearbeitet waren. Wie gewöhnlich kroch er durch den Spalt, indem er sich seinen Weg mit Streichhölzern leuchtete, die er aus der Schachtel im Wohnzimmer stibitzt hatte, doch durch die letzte Engstelle schob er sich mit einer Ungeduld, die er sich selbst nicht richtig erklären konnte. Er vermochte nicht zu sagen, warum er mit so schlafwandlerischer Sicherheit auf die gegenüberliegende Wand der Höhle zuging, noch warum er währenddessen den großen silbernen Schlüssel aus seiner Tasche zog. Er schritt einfach voran, und als er spät in jener Nacht mit tänzelnden Schritten zum Haus zurückkehrte, dachte er nicht daran, sich für seine Verspätung zu entschuldigen. Ebenso wenig achtete er auf den Tadel, den es ihm einbrachte, dass er das Horn, das zum Mittagessen rief, nicht beachtet hatte.

Alle entfernten Verwandten von Randolph Carter stimmen darin überein, dass in seinem zehnten Lebensjahr etwas geschah, das seine Vorstellungskraft auf ungewöhnliche Weise steigerte. Sein Cousin Ernest B. Aspinwall, Esq. aus Chicago, der volle zehn Jahre älter ist, erinnert sich genau, dass sich nach dem Herbst 1883 eine Wandlung in dem Jungen vollzog. Randolph war der Anblick phantastischer Szenerien zuteilgeworden, die nur wenige andere Menschen je gesehen haben können, und noch merkwürdiger waren einige der Fähigkeiten, die er in Bezug auf äußerst banale Dinge an den Tag legte. Er schien, genauer gesagt, eine merkwürdige prophetische Gabe erworben zu haben und zeigte außergewöhnliche Reaktionen auf Dinge, die, obwohl sie in dem Moment, in dem sie sich ereigneten, bedeutungslos schienen, im Nachhinein seine sonderbaren Reaktionen bestätigten. In den folgenden Jahrzehnten, als neue Erfindungen, neue Namen und neue Ereignisse das Buch der Geschichte füllten, erinnerten sich die Leute manchmal verwundert daran, wie Carter Jahre zuvor vielleicht einmal einen achtlosen Satz hatte fallenlassen, der – wie sich nun herausstellte – unzweifelhaft mit etwas in Verbindung stand, was damals noch in ferner Zukunft gelegen hatte. Auch er selbst begriff diese Worte nicht, noch wusste er, warum gewisse Dinge in ihm bestimmte Empfindungen auslösten, doch er vermutete, dass Träume, an die er sich nicht erinnerte, dafür verantwortlich waren. Schon im Jahre 1897 erbleichte er, als ein Reisender die französische Stadt Belloy-en-Santerre erwähnte, und Freunde erinnerten sich daran, als er 1916, während seines Dienstes als Fremdenlegionär im Großen Krieg, dort nur knapp dem Tod entrann.

Carters Verwandte sprechen viel von diesen Dingen, denn er ist kürzlich verschwunden. Sein kleiner, alter Diener Parks, der jahrelang geduldig seine Launen ertragen hatte, sah ihn zum letzten Mal an jenem Morgen, als er alleine in seinem Automobil davonfuhr, mit einem Schlüssel, den er kurz zuvor gefunden hatte. Parks hatte ihm geholfen, das alte Kästchen zu öffnen, in dem sich der Schlüssel befand, und war von den grotesken Schnitzereien auf dem Deckel des Kästchens seltsam berührt gewesen, ebenso wie von etwas anderem, das von dem Kästchen ausging und das er nicht benennen konnte. Als Carter aufbrach, hatte er gesagt, dass er die alte Heimat seiner Vorfahren um Arkham besuchen wollte.

Auf halbem Wege zum Gipfel des Elm Mountain, an der Abzweigung, die zu den Ruinen des alten Carter-Hauses führte, fand man sein Automobil, das gewissenhaft am Rande der Straße geparkt war. Die Einheimischen, die es entdeckten, erschraken vor einem Kästchen aus duftendem, mit Schnitzereien bedecktem Holz, das sich darin befand. Das Kästchen enthielt nur ein merkwürdiges Pergament, dessen Schriftzeichen bisher kein Linguist oder Paläograph entziffern konnte. Der Regen hatte längst alle eventuellen Fußspuren weggewaschen, obwohl die Polizeibeamten, die aus Boston kamen, einiges über gewisse Indizien zu sagen hätten, die darauf hindeuteten, dass sich jemand im zusammengestürzten Gebälk des alten Carter-Hauses zu schaffen gemacht hatte. Es schien, als ob irgendjemand vor nicht allzu langer Zeit die Ruinen durchstöbert hätte. Ein gewöhnliches weißes Taschentuch, das man zwischen den Felsen des bewaldeten Abhangs hinter dem Haus fand, kann nicht eindeutig dem Vermissten zugeordnet werden.

Jetzt will man Randolph Carters Besitz unter seinen Erben aufteilen, aber ich werde mich dem nach Kräften widersetzen, da ich nicht daran glaube, dass er tot ist. Es gibt gewisse Verzweigungen von Raum und Zeit, von Vision und Wirklichkeit, die nur dem Träumer zugänglich sind. Und aus dem, was ich über Carter weiß, schließe ich, dass er bloß einen Weg gefunden hat, diese Irrgärten zu durchqueren. Ob er jemals zurückkehren wird, vermag ich nicht zu sagen. Es verlangte ihn nach den Traumländern, die er verloren hatte, und er sehnte sich nach den Tagen seiner Kindheit. Dann fand er einen Schlüssel, und ich glaube, dass es ihm irgendwie gelungen ist, sich mit diesem Schlüssel Zugang zu etwas Sonderbarem zu verschaffen.

Wenn ich ihn wiedersehe, werde ich ihn fragen, denn ich rechne fest damit, ihn bald in einer gewissen Traumstadt zu treffen, in der wir beide uns einst herumzutreiben pflegten. In Ulthar, jenseits des Flusses Skai, geht das Gerücht, dass auf dem opalenen Thron von Ilek-Vad, jener legendenumwobenen Stadt der Türme, die oben auf den hohlen Glasklippen liegt, die das Meer der Dämmerung überblicken, und in der die bärtigen, fischartigen Gnorri ihre sonderbaren Labyrinthe erbauten, ein neuer König herrscht, und ich glaube, ich weiß, wie ich dieses Gerücht zu deuten habe. Ungeduldig sehe ich dem Anblick jenes großen silbernen Schlüssels entgegen, denn in seinen rätselhaften Arabesken verbirgt sich vielleicht ein Sinnbild für alle Zwecke und Geheimnisse eines blinden und seelenlosen Kosmos.

 

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Deutsch von Andreas Fliedner

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Silver Key« in Weird Tales 13 (Januar 1929).

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
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