Kurzgeschichte am Fictional Friday: Soldat und Krieger von Markus Heitkamp

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FICTION FRIDAY

Soldat und Krieger (Markus Heitkamp)


Wir befinden uns im Ersten Weltkrieg. Mit einer geheimen Legierung haben die Deutschen ein unzerstörbares Luftschiff gebaut – und drohen Tausende Menschen zu töten. Kann der Zwerg Luther das Kriegsgeschick noch wenden? Unsere PAN-Story des Monats „Soldat und Krieger“ stammt aus der Anthologie Krieger (Verlag Torsten Low). Viel Spaß mit diesem Historien-Steampunk-Fantasy-Mash-up von Markus Heitkamp!

Und wenn du dich fragst, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Auszug aus einem Feldpostbrief:

 

Liebe Keri.

In den letzten zehn Jahren ist nichts passiert. Nun allerdings hat man meine Erschießung für den morgigen Vormittag angesetzt, und ich dachte mir, das würde es rechtfertigen, Dir eine Nachricht zu schreiben. Ich will mich nicht mit unnötigen Floskeln über meine Liebe zu Dir und unseren elf Kindern aufhalten. Oder waren es zwölf? Wie Du vielleicht noch weißt, habe ich mich mit meinen Forschungsergebnissen direkt an den Großkönig gewandt. Ich hoffe, er hat Dir und unseren vierzehn Kindern regelmäßig meine Grüße ausgerichtet. Da die Wahrscheinlichkeit meines Ablebens in greifbare Nähe gerückt ist, bitte ich Dich der Obrigkeit mitzuteilen, dass Dein Mann, Dr. Ing. Luther Nottle Torpy der III., Schande über den Klan und die Gemeinschaft der Zwerge gebracht hat. Ich habe dem Feind nach langer Folter die Ergebnisse meiner Forschungen verraten und ihm auf dem Wege zum Sieg einen Vorteil verschafft. Auf die gemeinen Methoden der Goblins und ihrer preußischen Verbündeten möchte ich zu Gunsten Deines sanften Gemütes nicht weiter eingehen, aber nach drei Wochen ohne Bier und Räucherwerk hatten sie mich an der Grenze der Widerstandskraft. Ich hoffe, dem Großkönig wird die Streichung meines Namens aus dem Buch der Krieger genügen und er wird nicht auf der Verbannung meiner geliebten Familie bestehen. Nun möchte ich mich den wichtigen Dingen widmen. Du erinnerst Dich an meinen Vetter Paul Bumsdur, dem ich vor dreißig Jahren eine Axt geliehen hatte? Fordere ihn bitte nachdrücklich auf, dieses Lehen unverzüglich …

*

29.04.1916, in den Dolomiten

 

Beinahe unbemerkt waren die Alpini im Schutze der Nacht an den Stellungen der österreichischen Soldaten vorbeigeschlichen. Beinahe, weil sie eine von Goblins besetzte Dampf-MG-Stellung in einer wagemutigen Aktion niedermachen mussten, nachdem der Halbelf Luigilas mit seinem nach eigenen Worten „lautlos federnden Schritt“ eine Steinlawine hatte niedergehen lassen. Einzig der Umstand, dass die Goblins in dem für das dampfbetriebene Maschinengewehr gedachten Kessel eine Suppe aus Socken und Trockenfleisch kochten und die Steine in diesem Kessel landeten, rettete der Gruppe das Leben. Geblendet von dem heißen Sud in ihren Augen, ereilte der Tod die Söldner in Form zweier Bajonettstiche.

„Ich laufe, ohne dass die Füße den Boden berühren. Ich schwebe über den Steinen. Ich bin eins mit dem Felsen.“ Caporale Roberto Canone fluchte vor sich hin. „Der hat doch zu viel Moos geraucht, der Baumkuschler.“

Soldato Luigilas drehte sich zu dem Kameraden um. „Das habe ich gehört, du sizilianischer Cretino. Vaffanculo!“

„Das hättest du wohl gerne, mein Süßer? Leck dich selber …“

„Schnauze, ihr zwei Schwuchteln!“ Die Worte wurden unmissverständlich und mit Autorität ausgesprochen, woraufhin die beiden Streithähne verstummten. „Wenn wir hier heil rauskommen sollten, könnt ihr euch ein Zimmer nehmen, bis dahin gehören eure Ärsche mir. Capito?“ Tenente Capriciosa wartete nicht auf eine Antwort, sondern setzte seinen Weg in das Innere des Berges fort.

Die Gruppe passierte einen Durchgang im Gestein, und der Tenente sicherte diesen mit Blicken nach hinten ab. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, jedem vorbeihuschenden Mitglied seiner Einheit ein paar aufmunternde Worte oder einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter mitzugeben. Luigilas und Canone machten den Anfang. Im Schein seiner Gaslampe tauchte ein schnaufender Hüne auf. Hüskenius Svenson war ein wandelnder Muskelberg von echtem Ogerblut und der Mann für schwere Waffen. Capriciosa wies auf das übergroße Gewehr des Soldaten. Svenson nickte, legte die Waffe ab und zwängte sich durch den Durchlass. Dann nahm er die gasdruckbetriebene Trommelflinte von seinem Gruppenführer entgegen und gesellte sich zu seinen Kameraden.

Das letzte Mitglied der Truppe lehnte sich neben dem Tenente gegen die Felswand.

„Und, was halten Sie davon, Mr Capriciosa?“ Captain Cornelius Barrane war der eigentliche Grund für diesen Einsatz. Man hatte die Truppe auserkoren, einen Stützpunkt der k.u.k. – Königliche und Kaiserliche Armee Österreich und Ungarn – zu infiltrieren. Was genau sie erwartete, wusste niemand. Allerdings vermutete man, dass das Deutsche Reich in diesem Bergmassiv in Zusammenarbeit mit den Österreichern Waffenforschung betrieb. Die Briten hatten das italienische Oberkommando um Unterstützung ersucht, und Tenente Capriciosa bezweifelte mittlerweile, ob es eine gute Idee gewesen war, sich für diesen Einsatz als Freiwilliger zu melden.

„Was meinen Sie, Sir?“

„Ach, kommen Sie, Oberleutnant. Wir sind jetzt seit Stunden in diesen Höhlen unterwegs und blieben ohne Feindkontakt. Aufgeräumte Kavernen, in denen vor Kurzem noch Soldaten lagerten. Kaum Staub auf den Wegen, Wegweiser an den Wänden. Wir sind hier richtig, aber irgendetwas sagt mir, wir sind zu spät.“ Barrane schaute den Italiener fragend an.

Capriciosa teilte die Meinung des anderen und nickte knapp. „Hoffe, Sie haben recht. Ich habe keine Lust, in diesem Felsen zu verrecken.“

*

Luther kniete mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf dem steinigen Boden. Auf einem Felsblock vor ihm saß ein Grottenolm und schien ihn mitleidig anzuschauen. Kein Wunder, dachte er, denn hinter ihm hatte sich sein Erschießungskommando aufgebaut. Er wollte dem Reptil eine Warnung zurufen, was durch den Knebel in seinem Mund erheblich erschwert wurde. Des Weiteren zweifelte er an der Treffsicherheit der goblischen Soldaten in seinem Rücken. Also begnügte er sich damit, sein Leben an seinem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen, was bei annähernd sechshundert Jahren mehr Zeit benötigte, als der Volksmund gemeinhin behauptete.

„Durchladen!“ Der Befehl hallte durch das Gewölbe.

„Legt an!“

Luther schloss die Augen.

„FEUER!“

Ein Stakkato von Schüssen ertönte, und der Zwerg erwartete den Einschlag einer Kugel in seinem Körper. Er öffnete die Augen wieder, als der Felsen, auf dem eben noch der Olm gesessen hatte, explodierte und ihm Gestein um die Ohren flog. Die Wucht des Einschlages warf ihn nach hinten. Die Fähigkeit oder Unfähigkeit seiner Widersacher in allen Ehren, aber das schien doch ein wenig übertrieben. Erst dann nahm er die Stimme wahr.

„Ich sagte: Verwirrung stiften, Svenson. Nicht alles in Schutt und Asche legen.“

*

18.05.1916, London, Hauptquartier des MI6

 

„Sir Smith-Cumming erwartet Sie. Wenn Sie mir bitte folgen würden.“ Die Sekretärin, vor deren Schreibtisch der Zwerg und der Mensch warteten, stand auf, durchquerte einen Flur hinter dem Vorzimmer und öffnete eine Tür mit der Aufschrift Direktor Secret Intelligence Service. Beim Eintreten in das Büro nutzte der Zwerg die Gelegenheit, der Sekretärin kurz in den Hintern zu kneifen.

Die stieß ein erschrockenes Quietschen aus.

„Was haben wir denn heute Abend noch so vor, meine Süße?“

*

„Sie wollen mir erzählen, dass die Preußen in diesem Berg Erze geschürft haben?“ Sir Mansfield Smith-Cumming, kurz C., schaute den Zwerg verständnislos an.

„Nein, beim Barte des Großkönigs. Menschen sind so schwer von Begriff. Sie haben nicht Erze geschürft, sondern eine Legierung hergestellt, die es ihnen ermöglicht, unzerstörbare Luftschiffe zu bauen. Mithrilium ist hundert Mal leichter als Eisen und tausend Mal stärker als Stahl. Dabei ist es so einfach zu verarbeiten wie Holz. Das heißt, sie können die Hülle eines Zeppelins mit den Spänen der Legierung versetzen, und sie wird stabil wie Drachenhaut. U-N-Z-E-R-S-T-Ö-R-B-A-R!“ Luther sackte erschöpft von der Ansprache in seinem Sessel zusammen. „Habt ihr eigentlich kein Bier hier?“

„Wenn ich zusammenfassen darf, dann haben Sie dem Feind geholfen, unzerstörbare Zeppeline zu bauen?“ C. betrachtete den Zwerg forschend.

„Einen Zeppelin …“, unterbrach der Captain den Direktor. “Einen. Und zu seiner Entschuldigung … man hat ihn gefoltert.“

Der Zwerg nickte ihm dankend zu.

Der Captain sprach weiter, als er den fragenden Blick des Direktors sah.

„Das dort geschürfte Erz war die Grundlage zu der Legierung, und den Zwergen ist kein weiteres Vorkommen bekannt.“

Luther stimmte zu und fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Findet nicht noch einer, dass hier eine total trockene Luft ist? Ein Schlückchen …“

„Tja, meine Herren. Das ist alles gut und schön. Ich werde eine Einheit damit beauftragen, die Produktionsstätte ausfindig zu machen und zu zerstören, bevor dieses Luftschiff gebaut wird. Das war es fürs Erste, Sie können gehen.“ C. hatte sich abgewandt und griff zu einem klingelnden Telefon. Barrane öffnete die Tür und stieß den Zwerg in den Vorraum, als die Stimme des Direktors erklang: „Einen Moment noch, meine Herren.“

*

22.05.1916, Royal Navy Airfield, Manston

 

Das ungleiche Paar war von London in den Ort Manston in Kent gereist. Die Geheimdienstberichte der belgischen Untergrundkämpfer waren eindeutig. Der Zeppelin war bereits gebaut. Die Anlage im belgischen Gent war dermaßen geschützt, dass ein Bodenangriff unmöglich erschien. Das Königreich verfügte über keine geeigneten Langstreckenflugzeuge, die eine Bombardierung möglich gemacht hätten, und wenn, wäre eine Zerstörung des Luftschiffes eher fraglich gewesen. Ein Plan musste her. Captain Cornelius Barrane hatte einen solchen. Einen verrückten und selbstmörderischen Plan. Und ihn umzusetzen, blieb nicht viel Zeit. Jeden Moment konnte die Nachricht eintreffen, dass der Zeppelin gestartet und auf dem Weg nach England war.

„Er ist nicht unzerstörbar.“ Der Captain gestikulierte mit den Armen, und sein Gesicht war vor Zorn rot angelaufen. Seit Stunden diskutierte er mit dem Zwerg über die Möglichkeit, das Luftschiff zu zerstören, aber dieser hatte jeden Vorschlag lapidar abgetan. „Zwerge sind ein dickköpfiges und stures Volk. Verdammt, es ist Ihre Pflicht als Soldat, diesem Unterfangen Ihre Unterstützung zu widmen.“

„Meine Pflicht als Soldat?“ Luther stemmt trotzig die Arme in die Hüften. „Bürschchen, was weißt du von Pflichten? Ich bin ein Krieger und habe Schlachten geschlagen, von denen du nicht zu träumen wagst. Ich habe meinem Klan Ehre gemacht. Sich selbstmörderisch auf einen übermächtigen Feind zu stürzen, das ist nicht ehrenhaft. Das ist das Problem bei euch Soldaten.“ Er spuckte das Wort aus. „Sture Befehlsempfänger, die ohne Blick für das Ganze ihr Leben für nichts und wieder nichts lassen.“ Er winkte ab.

Barrane schüttelte fassungslos den Kopf. „Dieser Zeppelin wird Tausende von Leben zerstören. Nichts wird ihn aufhalten, und Sie sprechen von Ehre? Was ist das für ein Krieger, der nicht bereit ist, sein Dasein zu opfern, um andere zu retten?“

„Ein Krieger reicht seinem Freund im Kampf die rettende Hand. Er erschlägt seinen Feind von Angesicht zu Angesicht. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Tötet jemand meinen Freund, schlage ich ihm den Kopf ab. Du sprichst von Tausenden von Leben? Wie nennt ihr Menschen das so schön? Kollateralschaden? Kennst du jeden Einzelnen von ihnen? Ob du da hochfliegst oder nicht, sie werden sterben. Wenn nicht in diesem Krieg, dann in einem anderen. Aber du wirst dann tot sein. Wem ist damit geholfen?“

Cornelius resignierte vor dem Starrsinn des Zwerges. „Wenn das die Art der Zwerge, der Krieger ist … bleibe ich Soldat.“ Er ließ Luther stehen und machte sich in Richtung Flugzeughangar davon.

Luther griff nach einem Bier. Neben der Segeltuchtasche mit dem großzügigen Alkoholvorrat saß der Olm und beäugte den Zwerg. „Was glotzt du? Ich habe recht, und basta.“

*

Captain Barrane stand mit hängenden Schultern vor einer Harry Tate.

„Schöne Maschine.“ Luther hielt sich schon einige Zeit hinter dem Mann auf. Dieser drehte sich um.

„Eine Royal Aircraft Factory R.E.8, Harry Tate.”

„Wer war dieser Harry?“

Ist, nicht wahr. Er ist ein Komiker. Und zwar ein inkompetenter und amateurhafter.“

„Spricht nicht für diese Flugmaschine. Erinnert mich an die Unsinkbar.“

Der Zwerg sah den fragenden Blick und fuhr fort. „Ein Monitorpanzerschiff unserer Marine. Ist beim Stapellauf abgesoffen.“

Cornelius lächelte. „Was wollen Sie?“

Luther hielt dem Captain einen Stapel Papiere entgegen. „"Ist gerade reingekommen. Neue Aufklärungsergebnisse.“

Barrane begann sofort zu lesen. Ein Foto von zwei Uniformierten fiel aus dem Stapel und landete vor den Füßen des Zwerges. Luther stieß einen Schrei aus.

„Wer ist das?“ Er hielt dem Engländer das Bild hin.

„Der Große ist Hauptmann Karl-Friedrich von Blümel. Der Goblin daneben ist Leutnant Adolf Rotauge Turulm, der Kommandant des Luftschiffes …“

„… und mein Peiniger in der elendigen Höhle“, grunzte der Zwerg. Er baute sich vor dem Captain auf. „Ich bin dabei. Wann geht es los?“

„Ja aber, was ist mit dem Gerede von Kriegern und …“ Cornelius war verblüfft.

„Das ist eine Frage der Ehre. Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

*

26.05.1916, Luftschiffer-Abteilung 666 „Des Teufels Zigarren“, Gent

 

„Turulm, alles bereit?“ Hauptmann von Blümel betrat den Steuerraum des Zeppelins. Der Angesprochene schlug zackig die Hacken zusammen und salutierte.

„Jawoll, Herr Hauptmann. Luftschiff LZ 21, Preußens Hammer, ist einsatzbereit. Die Flak-Mannschaften haben die Kanzeln besetzt, die Bombenschächte sind bis zum Rand gefüllt. Wir warten auf unser Einsatzziel.“

Blümel zeigte aus dem Frontfenster der Kanzel. „Wenn sich dieses Tor öffnet, setzen wir Kurs gen London, und morgen Nachmittag werden die Briten die Macht des Deutschen Kaiserreiches spüren.“

„Sie ko… kommen mit?“ Der Goblin glotzte seinen Kommandeur verblüfft an.

„Mein lieber Turulm, dieses Prachtstück militärischer Baukunst ist doch unzerstörbar?“

„Jawoll!“ Der Goblin lachte und salutierte erneut. „Unzerstörbar!“

In diesem Moment öffneten sich die Hangartore. Im gesamten Luftschiff ertönte ein Alarmsignal, und LZ 21 wurde aus der Halle gezogen. Kurz vor Mitternacht stieg der Zeppelin auf und setzte Kurs auf den Ärmelkanal.

*

27.05.1916, über dem Ärmelkanal zwischen England und Belgien

 

Die Harry Tate flog in viertausend Meter Höhe über dem Kanal. Captain Barrane saß angespannt hinter seinem Steuerknüppel und ließ den Blick durch die Wolken schweifen. Hinter ihm kauerte Luther hinter dem doppelläufigen Dampf-MG und tat es dem Captain gleich.

Sie hatten nach dem Eingang der Meldung des Zeppelinstarts den Plan besprochen und sich in die Luft begeben. Das Luftschiff würde auf direktem Weg von Gent nach London fliegen und sich dabei auf gleichbleibender Höhe bewegen. Genau das war das Problem der beiden. Sie kannten zwar den Kurs, aber sie wussten nicht, in welcher Höhe der Zeppelin flog. Zusätzlich war der Himmel wolkenverhangen und es nieselte. Der Plan sah vor, dass der Captain einen Angriff auf den Feind flog und der Zwerg mit seiner Waffe eine der obenliegenden Flakkanzeln ausschaltete. Danach sollte Barrane aus einem toten Winkel an das Luftschiff heranfliegen und den Zwerg auf der Außenhaut absetzen. Dieser würde sich durch die Flakstellung ins Innere begeben, eine Sprengladung in der Nähe der geladenen Bomben anbringen und mit Hilfe eines Fallschirmes abspringen. Dem Zwerg blieb nicht viel Zeit für diese Aktion. Der Zünder seiner Sprengladung war auf fünf Minuten eingestellt. Zeit genug, um das Luftschiff zu verlassen, aber zu wenig, um die Sprengladung notfalls noch zu entschärfen. Die Explosionskraft des Sprengstoffs in Verbindung mit den Bomben sollte ausreichen, den Zeppelin von innen heraus zu zerreißen.

„Verdammt, irgendwo hier müssen sie sein! Ich kann sie förmlich riechen!“ Der Zwerg musste gegen den Motorenlärm anschreien.

Barrane nickte und machte mit der Hand ein Zeichen nach unten. Er versetzte die Maschine in einen Sinkflug und unterflog eine Wolkenwand. Luther spähte angestrengt nach oben, als ihm der Regen heiß entgegenprasselte und ein nasser Lappen in sein Gesicht platschte. Angewidert riss er den Fetzen vom Kopf und erstarrte. In seiner Hand hielt er eine gekochte Socke. Aus den Wolken über ihnen schob sich wie ein Wal das Luftschiff. Dem Zwerg stockte bei dem Anblick des fliegenden Ungetüms der Atem. Für Sekunden vergaß er, welcher monströsen und furchteinflößenden Vernichtungswaffe er gegenüberstand, und bestaunte mit offenem Mund die majestätische Erscheinung. An der Seite des Zeppelins konnte er einen gemalten Hammer erkennen. Dahinter prangten der Schriftzug LZ 21 und das eiserne Kreuz.

*

Barrane flog den Doppeldecker in einer langgezogenen Kurve über dem Zeppelin und startete seinen Angriff. Er zog nach unten und beschleunigte. Die Maschine hielt auf eine der oberen Flakkanzeln zu. Die Wolken huschten als graue Schemen vorbei. Jetzt konnte Barrane Bewegungen in der Kanzel ausmachen. Glücklicherweise reagierte die Besatzung des Abwehrgeschützes viel zu spät. Scharf zog er die Maschine nach rechts und reckte den Daumen in die Höhe. Der Zwerg bediente den Abzug des Zwillings-MGs. Mit einem Fluch auf den Lippen jagte Luther Leuchtspurgeschosse in die Kanzel. Blut auf dem zerborstenen Glas der Stellung zeugte von seiner Treffsicherheit.

Als die zweite Flakstellung endlich mitbekommen hatte, was vor sich ging, verschwand das Flugzeug in den Wolken.

Die Größe des Zeppelins machte diesen verwundbar gegen die Angriffe eines Jagdflugzeuges. Nicht dass dieses mit den bescheidenen Bordwaffen eine ernsthafte Beschädigung hätte herbeiführen können, aber es war mit den Abwehrgeschützen nur schwer zu treffen. Das nutzte Barrane bei seinem nächsten Anflug aus. Er tastete sich von hinten an das Leitwerk des fliegenden Leviathans heran, darauf bedacht, nicht in die Schussfelder der Flak- und MG-Schützen zu geraten. Er flog einen leichten Zickzackkurs und riss neben dem Leitwerk den Steuerknüppel an die Brust. Das Flugzeug machte einen Satz nach oben und touchierte mit dem Fahrwerk die Außenhaut des Luftschiffes. Das war der Moment, in dem der Zwerg von der Tragfläche sprang und sich mit einem Steigeisen in der Bespannung festhakte. Barrane drehte ab, und der Zwerg erkannte, wie das Querruder der Maschine von den Geschossen aus der zweiten Kanzel durchbohrt wurde. Dann verschwand das Flugzeug in einer Wolkenwand. Luther hatte keine Zeit, sich um das Schicksal seines Kameraden zu sorgen. Er hatte seine eigenen Probleme. Der Wind behinderte ihn, und er musste sich anstrengen, um sich an dem Haken festzuhalten. Stück für Stück arbeitete er sich zu der zerstörten Kanzel vor. Dort angelangt, überwand er das zerbrochene Glas und verharrte. Er zückte seinen Revolver, warf einen Blick in den Leinensack mit der Sprengladung und erstarrte. Aus dem Sack schaute ihm ein Reptil entgegen. „Na, da hast du dir eine schöne Suppe eingebrockt. Glaub nicht, dass ich auf dich aufpasse.“ Er griff den Olm und schob ihn in eine Brusttasche. Dann öffnete Luther die Verriegelung zur Bodenluke und riss diese mit vorgehaltener Pistole auf. Als er keine feindliche Aktivität entdeckte, begann er mit dem Abstieg in das Innere des Zeppelins.

*

Der gesamte Bereich zwischen der Kanzel und dem Zwischendeck bestand ausschließlich aus einem Mithriliumgerüst, über das die Außenhaut gespannt war. Es wäre ein Leichtes gewesen, durch die Sprengladung das Traggas zu entzünden, aber der Zwerg hatte eigene Pläne. Er wollte Rache. Sein Peiniger, der ihn der wochenlangen Marter ausgesetzt hatte und wegen dem der Zwerg seine Ehre eingebüßt hatte, sollte durch seine Hand sterben. Kaum hatte er die Tür zum Zwischendeck geöffnet und war in den anschließenden Gang getreten, ergab sich unverhofft diese Gelegenheit. Auf der anderen Seite betraten zwei Lange in Begleitung von Leutnant Turulm den Korridor und eröffneten sofort das Feuer. Geistesgegenwärtig ließ der Zwerg sich auf den Boden fallen und gab zwei Schüsse ab. Die beiden Soldaten brachen zusammen. Turulm machte kehrt und suchte das Weite. Luther vernahm einen Schrei und lief dem Flüchtenden nach. Am Ende des Ganges stockte er und betrachtete die Szene zu seinen Füßen. Der Leutnant lag in einer Blutlache am Fuße einer Treppe, und neben ihm stand … ein Zwerg.

„Paul Bumsdur. Was machst du hier?“ Luther schaute seinen Vetter verwundert an.

„Ach, als die Deutschen vor ein paar Jahren Mineningenieure suchten, habe ich mich beworben. Geld stinkt nicht.“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Dass die mit dem Ding nichts Gutes im Schilde führen, wurde mir zu spät klar. Und du?“

„Lange Geschichte. Wieso ist hier so wenig Besatzung, wo sind die Bomben und vor allem … wo ist meine Axt?“

Bumsdur deutete auf den Goblin, der sich in seinem eigenen Blut wand wie ein Wurm. In seiner Brust steckte ein Beil. Luther trat zu dem am Boden Liegenden, riss ihm mit einem Ruck die Axt aus dem Leib und wischte sie an seiner Hose ab. Dann hob er den Revolver und schoss Turulm in den Kopf.

„Scheint kein Freund von dir gewesen zu sein.“ Paul grinste seinen Cousin an.

Paul lotste Luther zu den Abwurfanlagen und erklärte ihm auf dem Weg, dass der Zeppelin von einer minimalen Mannschaft besetzt war. Die Bombenschächte wurden vollautomatisch aus der Steuerkanzel bedient, und ansonsten waren nur noch die Geschützbesatzungen an Bord. Da diese ihre Posten nicht verlassen würden, war der Weg frei. Bei den Abwurfschächten angelangt, platzierte Luther die Sprengladung und machte sie scharf.

„Fünf Minuten. Wie kommen wir raus?“ Luther warf einen gehetzten Blick auf seinen Vetter.

„Die Steuerkanzel ist da vorne. Was meinst du mit raus?“

Luther ging nicht auf die Frage ein, sondern rannte zu der bezeichneten Stelle und riss Paul mit. Er öffnete die Tür zum Steuerraum und blieb abrupt stehen.

Hauptmann van Blümel raunzte die beiden Zwerge verblüfft an. „Was machen Sie hier?“

„Was macht der hier?“, fragte Paul.

“Mir im Weg stehen.“ Luther pumpte seine verbliebenen drei Kugeln in den Hauptmann. Die Wucht der Einschläge ließ von Blümel nach hinten torkeln. Das Fenster in seinem Rücken gab nach, und er stürzte aus der Kanzel. Der Wind wehte herein, und Luther stemmte sich dagegen. Er griff nach seinem Cousin, streifte seinen Rucksack ab und schob ihn seinem Verwandten über.

„Was jetzt?“, fragte dieser.

„Springen und Leine ziehen.“ Dann stieß er Paul aus dem Fenster. Er lehnte sich hinaus und atmete erleichtert auf, als er das pilzförmige Konstrukt eines geöffneten Fallschirms sehen konnte. Ein Blick auf seine Taschenuhr sagte ihm, dass er noch dreißig Sekunden hatte, bevor alles in Flammen aufgehen würde. Zielstrebig ging Luther zu dem Sitz vor dem Steuerrad. Er hatte es gewusst. Darunter befand sich ein weiterer Fallschirm. Luther legte das Gurtzeug um und nahm den Olm aus seiner Hemdtasche.

„Kannst du schwimmen? Wenn ja, dann hast du mir etwas voraus.“

Er trat an das zerstörte Fenster, holte Luft und sprang. Er riss an der Leine und blickte nach oben. Der Schirm öffnete sich und bremste seinen Fall. Mit einem Donnerschlag detonierte die Sprengladung und entzündete die Bomben. Die freigesetzte Energie zerriss das Luftschiff in seine Einzelteile, und von einem Ende zum anderen in Flammen gehüllt kam es herab. Tonnen von sterbendem Metall hüllten den Zwerg in einen Regen aus brennenden Trümmerstücken. Dann ließ die Druckwelle den Fallschirm in sich zusammenfallen.

*

Luther konnte nicht schwimmen. Er war in den Bergen aufgewachsen, und nun würde ihm das Letzte widerfahren, mit dem er jemals gerechnet hatte. Er würde ertrinken. Die Leiche eines deutschen Soldaten versank neben ihm, den Mund geöffnet, aus dem eine Kette von Luftblasen drang, die Augen glasig. Luthers Lungen brannten, und ihn verließ jede Kraft, den Luftblasen des toten Soldaten folgend nach oben zu strampeln. Das Letzte, was er wahrnahm, war ein harter Ruck an seinem Gurtzeug. Dann ergab er sich der Dunkelheit.

*

29.05.1916, in der Nähe von Gent

 

Als er die Augen aufschlug, musste er sich zunächst orientieren. Er drehte den Kopf nach links. Neben ihm in einem Feldbett und mit einer Decke verhüllt lag Paul und schnarchte. Auf dem sich hebenden und senkenden Bauch seines Vetters lag ein Grottenolm und schien ihn erleichtert anzugrinsen.

Luther blickte nach rechts und schaute in das Gesicht einer Elfin. Sie trug eine Schwesternrobe.

“Oh, Sie sind wach.“

„Wo bin ich?“

Die Schwester lächelte ihn an. „Sie sind in einer Sanitätseinrichtung des belgischen Untergrunds. Keine Angst, Sie sind in Sicherheit. Übrigens ist da jemand, der Sie sprechen will.“

Sie stand auf, doch der Zwerg hielt sie am Ärmel fest. „Eines noch, Schwester …“, er starrte ihr unverhohlen auf die Brust. „Haben Sie heute Abend etwas vor?“

Die Schwester riss sich entrüstet los und gab den Blick auf den hinter ihr stehenden Captain Barrane frei. Er hatte einen Verband um den Kopf und lachte den Zwerg an.

„Mir scheint, es geht Ihnen besser?“

„"Ich fühle mich wie neugeboren. Wie sind Sie, wie sind wir …… ich meine ……“ Der Zwerg hatte Probleme, seine Gedanken zu ordnen.

„Die zweite Flak hat mich erwischt. Ich konnte eine Wasserung hinlegen, und als Sie da neben mir ins Meer plumpsten, habe ich mich an Ihre Worte erinnert.“

“Meine Worte?“

„Sie sagten zu mir, ein Krieger reicht seinem Freund im Kampf die rettende Hand.“ Cornelius schaute dem Zwerg in die Augen. „Gut gekämpft, Krieger.“

Der Zwerg ergriff die Hand des Menschen.

„Gut gekämpft, Soldat.“

 

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© 2012 by Markus Heitkamp

Erschienen in: Ann-Kathrin Kerschnick und Torsten Exter (Hrsg.): Krieger. Verlag Torsten Low 2013.

Alle Rechte vorbehalten

Über den Autor

Der Autor Markus Heitkamp, von Freunden liebevoll „Grummel“ genannt, ist Jahrgang 1969 und wuchs in Datteln am Rande des Ruhrgebietes auf. Das Lesen von Büchern und das Schreiben und Erfinden von eigenen Geschichten wurde, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, bereits im frühen Kindesalter sein stetiger Wegbegleiter. Wenn er nicht in seinem Brotjob als IT-Consultant arbeitet oder schreibt, verbringt er viel Zeit mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in einem kleinen Haus in Mitten von Nirgendwo in Niedersachsen. Mit seinem schriftstellerischen Schaffen trat er im Jahr 2012 erstmalig an das Licht der Öffentlichkeit. Mittlerweile ist er nicht nur als Autor von Horror-, Sci-Fi- und Fantasy-Kurzgeschichten tätig, sondern auch als Herausgeber und Lektor. Zu guter Letzt verfasst er unter einem Pseudonym erotische und homoerotische Erzählungen. Mehr unter: terrorisnuss.de

 

Die nächste Story erwartete Dich am Freitag, den 24. August, genau hier.

 

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