Kurzgeschichte am Fiction Friday: In den Wäldern so still (Christian Günther)

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FICTION FRIDAY

In den Wäldern so still (Christian Günther)


Farne wuchern in die Höhe, Hütten werden von mächtigen Wurzeln zerquetscht, und unzählige Spinnen überziehen alles mit dichten Netzen. Der Herr des Waldes ist erzürnt. Warum genau, weiß Gor nicht – er weiß nur, dass er mit seiner Axt um sein Leben kämpfen muss …

»In den Wäldern so still« von Christian Günther ist gerade in der Sword-&-Sorcery-Anthologie Blutroter Stahl (Mantikore) erschienen.

 

***

Dem ersten der Spektren, deren dunkle Schemen sich aus dem Nebel schälten, rammte Gor den Schaft seiner Axt vor den Kehlkopf. Ein unirdisches Kreischen ertönte, bevor Gor die Waffe in einem großen Bogen schwang und mit dem rot glühenden Blatt den Schädel der Kreatur zerteilte. Mit einem schauerlichen Stöhnen verwehte ihr Leib zu glitzerndem Staub. Einen Wimpernschlag lang herrschte Stille, die gleich darauf vom anschwellenden Wehklagen der übrigen Spektren vertrieben wurde.

Wirbelnd entstiegen diese der weißen Wand, die Gor mittlerweile vollständig eingeschlossen hatte. Mal silbrig schimmernd und weiße Funken sprühend, mal von entsetzlicher, geradezu alles verzehrender Dunkelheit. Haut wie zerrissenes Papier, Münder, aus denen schwarzer Rauch wich. Hände griffen aus dem Weiß, entstellt, verstümmelt, tasteten sich vorwärts.

Zorn mischte sich in den Trauergesang, das Gekreische wurde ohrenbetäubend. Die Stämme der umliegenden Bäume erzitterten, Laub fiel. Der Tümpel, an dessen Ufer Gor stand, vibrierte, das Wasser aufgewühlt. Der Hüne machte sich bereit für die nächste Attacke, prüfte seinen Stand auf dem moosigen Boden, griff die Axt fester. Wenn sie gleichzeitig angriffen, wäre es nicht mehr so leicht wie beim ersten Mal. Nicht, dass er den Geistern eine Chance zubilligte, trotzdem würde es mehr Mühe kosten. Gor spie auf den Boden und verfluchte den Händler, der ihm die Abkürzung durch diesen verdammten Wald empfohlen hatte.

Dann griffen sie an.

*  *  *

Die Luft in der Gaststube war stickig, es roch nach gekochtem Fleisch und schalem Bier. Dazu mischten sich die Ausdünstungen der Menschen, die hier Schutz gesucht hatten. Die angsterfüllte Stimmung hing so schwer zwischen ihnen wie die Gerüche aus der Küche in ihren Kleidern. Dunst waberte unter dem geschwärzten Deckengebälk, feuchte Wärme, Stimmengewirr. Heldengeschichten wurden lautstark feilgeboten, Erzählungen von Mut und Entschlossenheit sollten die trübe Stimmung vertreiben. Doch mit jedem schrillen Schrei, der aus dem umgebenden Wald drang, wuchs die Furcht in ihren Herzen. Ein Händler mit mächtigem Bauch versuchte sich am Gesang. Einige Gäste stimmten ein, doch schon beim nächsten Gekreisch zwischen den Ästen erstarb die Melodie auf den Lippen der Singenden.

Per, der Wirt, hatte drei Händler gezählt, die hier nacheinander kurz vor Einbruch der Dunkelheit eingekehrt waren. Zwei von ihnen kannte er flüchtig, sie waren schon öfter bei ihm zu Gast gewesen. Nur die Zahl ihrer Wachen war gewachsen. Der dritte Händler schien mit seiner ganzen Familie unterwegs zu sein, vielleicht waren sie auch auf der Flucht. Dieser Wald trieb die Menschen vor sich her wie eine Herde Vieh, während er sich unaufhaltsam über das Land ausbreitete und Feld für Feld verschlang. Niemand hatte ihm bislang Einhalt gebieten können –  wie sollte man auch einen Wald bekämpfen? Feuer versiegte rasch in seinem feuchten Schoß, und aus der Asche wuchsen neue Bäume, noch schneller als zuvor. Bald würde auch der Gasthof von Per vom Wald verschlungen werden, schon jetzt drückten schwere Äste sein Dach ein, Moos bedeckte die Außenwände, und die Straße war gesprengt von mächtigen Wurzeln.

Als Letztes war ein junges Paar eingetroffen, das jetzt eng aneinandergeschmiegt direkt neben der Feuerstelle saß. Die Wärme konnte jedoch das Zittern des Mädchens nicht vertreiben.

Per waren die bemerkenswert guten Pferde aufgefallen, auf denen sie eingetroffen waren. Er war neugierig –  vielleicht die Sprösslinge wohlhabender Eltern, denen ihre Liebschaft nicht recht war? Die sich jetzt zur Flucht entschlossen hatten, fort aus dem Schoß ihrer Familien? Per seufzte innerlich –  er mochte solch romantische Geschichten, lieber noch als die ewigen Berichte von Schlachten und Gemetzel seiner üblichen Gäste, die sich im Nachhinein meist als Schilderungen gewöhnlicher Wirtshausprügeleien entpuppten. Wer wirklich einmal das Grauen der Schlachtfelder erlebt hatte und ihm lebend entronnen war, sprach für gewöhnlich nicht gern darüber.

Per rann der Schweiß von der kahlen Stirn, während er sein würziges Bier in große Krüge zapfte. Er verzichtete heute darauf, es mit Wasser zu verdünnen. Stattdessen hatte er Holsen, seinen Küchenjungen, der inzwischen auch als Koch und Stallbursche fungierte, angewiesen, eine Extraportion Salz ins Essen zu geben, um den Durst der Gäste zu befeuern.

Einer der Wachleute, die mit dem ersten der Händlerwagen eingetroffen waren, lehnte am Tresen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Voller Bart, dunkle Augen, wettergegerbtes Gesicht.

»Was führt Euch hierher?«, fragte der Wirt ihn. »Die meisten Händler fahren inzwischen weiter westlich, die neue Straße entlang. Hier treibt sich eigentlich nur noch allerhand Gesindel herum.«

Der Wachmann brummte, zuckte die Schultern und nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug. Schaum blieb im Bart zurück, als er das Bier wieder absetzte. »Wir fürchten keine Straßenräuber.« Wieder erklang ein Schrei aus dem Wald.

Per zuckte zusammen. »Und das –  fürchtet Ihr das? Oder könnt Ihr zumindest sagen, was es ist?«

»Nein«, sagte der Mann nur, Per wusste nicht, auf welche seiner Fragen sich diese Antwort bezog. Er stellte einen vollen Krug auf dem Tresen bereit und nahm einen leeren zur Hand.

Der Wachmann trank aus und schob dem Wirt seinen Krug hinüber. »Euer salziges Essen macht durstig.« Per meinte, ein breites Grinsen unter dem Bart zu erkennen, und lächelte schmallippig zurück. Schnell füllte er den Krug des Mannes und reichte ihn zurück über den Tresen. »Geht aufs Haus.«

Das Grinsen des Mannes wurde eine Spur breiter, verschwand jedoch augenblicklich, als weiteres Geschrei von ferne erklang. Er prostete dem Wirt zu und ging dann wieder an seinen Tisch zurück. Per zapfte einen weiteren Krug, dann ging er nach hinten und gab seinem Küchenjungen Bescheid, es mit dem Salz nicht zu übertreiben.

Es war Pers Glück, dass Holsen sich so geschickt in der Küche anstellte. Er hatte seine Köchin entlassen müssen, ebenso wie die Schankmädchen und den grimmigen Kerl, der seinen Stall betreut hatte. Holsen hatte seine Finger zuletzt ohnehin mehr unter dem Rock der Köchin gehabt als bei der Arbeit –  aber offenbar hatte er neben Liebeskünsten auch etwas Sinnvolles von ihr gelernt.

Doch was nutzte es –  sehr bald musste sich Per auch von ihm trennen und konnte nur noch zusehen, wie die Bäume sein altes Haus zerdrücken und das Unterholz die Trümmer überwuchern würde.

Per betrachtete das junge Paar, als er an seinem Tisch das Geschirr einsammelte. Sie trugen verschmutzte Kleider, unter dem Staub glitzerte die goldene Stickerei eines Wappens hervor. Eine Brokatbordüre baumelte zerfasert herab. Das Mädchen umklammerte ein Amulett. Vielleicht hatte Per recht mit seiner Vermutung. Doch er wagte nicht, sie zu fragen.

Die Hände des Jungen zitterten nicht weniger als die seiner Geliebten. Sicher fürchtete er sich, doch darin unterschied er sich nicht viel von den sonstigen Gästen. Auch erfahrene Haudegen waren von den durchdringenden Schreien verunsichert. Die Wachen der Händler sangen lauter als sonst, bekämpften ihre Nervosität mit Lärm und Alkohol. Ihr Lachen wurde wilder, die Geschichten, die sie erzählten, wurden konfuser und immer übertriebener.

Ein Schauer erfasste Per, als erneut ein Schrei durch die Äste drang, gefolgt vom fernen Echo vieler weiterer. Ein schrecklicher Klang, der sich direkt durch die Wände des Hauses in die furchtsamen Herzen der Menschen fraß. Einige hatten von Geisterlichtern erzählt, von Schemen, die jenseits der Straße zwischen den Bäumen umherhuschten. Stimmen, Kreischen. Die Händler hatten schon blass ausgesehen, als sie hier angekommen waren. Per konnte sich nur auf die Erzählungen der Gäste verlassen, er hatte keine Zeit gehabt, selbst nachzusehen. Doch das Geschrei war nicht zu überhören.

»Es hat aufgehört«, sagte jemand erleichtert.

Per drehte sich um, sah einen der Händler, der nun einen tiefen Zug von seinem Bier nahm. »Endlich.« Nervöses Lachen, einige versuchten, nach draußen zu lauschen. Alle Geschichten und Erzählungen waren für den Moment beendet.

Tatsächlich –  das Flüstern, Klagen und Schreien war verebbt. Stille herrschte im Wald.

Stille, die nun von Schritten unterbrochen wurde, die sich dem Gasthaus näherten. Schwere Stiefel.

Der große Hund eines Händlers, der bisher träge vor dem Feuer geschlafen hatte, erhob sich mit eingeklemmtem Schwanz und begann zu winseln. Die Wachleute wechselten nervöse Blicke. Der Bärtige erhob sich, lockerte das Schwert in der Scheide auf seinem Rücken.

Per schluckte.

Donnernde Schläge ließen die Tür erzittern. Einige der Gäste blickten zu Per, als wollten sie ihm die Entscheidung überlassen, ob geöffnet werden sollte oder nicht.

Seine Hände wrangen nervös die Schürze. »Wer ist da?«, rief er.

Ein knurrender Laut erklang von jenseits der Tür.

Ein untersetzter, feister Mann, der trotz der Wärme im Raum noch immer seine Wolljacke trug, klagte mit dünner Stimme: »Öffnet bloß nicht –  wir werden alle sterben!« Er konnte nicht länger verhehlen, wie sehr er sich fürchtete. Ärgerliche Blicke wurden ihm zugeworfen.

»Halt dein Maul!«, rief einer.

»Buchhalterschwächling!«, ein anderer.

Der Mann, der sich bei seinem Ausbruch erhoben hatte, sank wieder auf den Schemel zurück. Sein Nebenmann klopfte ihm beschwichtigend auf die Schulter und schob ihm einen Krug zu. Der Protestierer fügte sich, ertränkte seinen Widerstand mit einem tiefen Schluck.

Nach kurzem Zögern schritt Per auf die Eingangstür zu und machte sich daran, den schweren Riegel zur Seite zu schieben. Geister klopfen nicht an Türen, sagte er sich.

Kurz entschlossen ließ er den Riegel zu Boden poltern, zog die Tür auf und trat einen Schritt zurück.

Alle Anwesenden starrten nun zur Tür, außer dem jungen Mädchen, sie hatte ihr hübsches Gesicht abgewandt und presste es gegen die Schulter ihres Begleiters. Der strich ihr unbeholfen über das Haar und führte mit der anderen einen Schnaps zum Mund.

Der Hund bellte einige Male aufgeregt, gab sich dann jedoch wieder dem kläglichen Winseln hin und verkroch sich unter einem Tisch zwischen den Beinen seines Besitzers.

Einige Blätter wehten herein, und mit ihnen trat eine hünenhafte Gestalt durch den Türrahmen. Der Koloss musste sich bücken, seine Schultern waren so breit, dass sie die geschwärzten Bohlen des Rahmens auf beiden Seiten streiften, als er eintrat. Drinnen richtete er sich auf und stieß fast mit dem Kopf gegen die Deckenbalken. In seiner rechten Hand ruhte eine schwere Axt, die er direkt unter dem Blatt gefasst hatte. Ihr Stiel war so lang wie der eines Besens und so dick wie der Unterarm eines kräftigen Mannes. Über seinen Schultern trug er einen schweren Umhang aus dunklem Fell. Sein Kopf war kahl, sehr kantig und blass, die Haut überzogen von bläulich schimmernden Tätowierungen, winzige Zeichen, die Muster, Strudel und Spiralen bildeten, ein Irrgarten aus Schrift. Er war im Schein der Lampen, die in der Gaststube verteilt hingen, nur schwer zu erkennen, doch auf seiner Kleidung, seiner Waffe und auch seinem Gesicht glitzerte silbriger Staub, der unter ihm zu Boden rieselte.

Niemand sprach ein Wort, die gesamte Gaststube war in Furcht erstarrt. Da erhob der Neuankömmling seine tief dröhnende Stimme.

»Zwölf erledigt, die anderen sind fort. In den Wald. Weiß nicht, wie lange.« Er deutete mit dem Finger auf Per, der ihm am nächsten stand. »Durst.«

Per nickte und machte sich eilig daran, ihm einen Krug mit Bier zu besorgen. Auf seinem Weg zum Tresen hielt ein Händler ihn unwirsch an der Schürze zurück. Flüsternd redete er auf den Wirt ein. »Seid Ihr verrückt geworden? Ihr könnt doch so jemanden hier nicht einfach reinlassen. Wer weiß, was das für ein Wahnsinniger ist? Vielleicht einer, der mit den Geistern da draußen lebt. Im Wald. Und  …« Der Mann wagte es nicht, in die Richtung des Neuankömmlings zu blicken.

Ärgerlich riss Per sich los. »Wer hier reinkommt und wer nicht, entscheide immer noch ich«, sagte er laut.

»Aber Ihr wisst doch gar nicht, wer  …«, setzte der Händler an, lauter als zuvor.

»Mein Name ist Gor!«, dröhnte es von der Tür herüber. »Ich bin kein Geist. Ich bin nur durstig.« Beiläufig wischte er sich glitzernden Staub von der Schulter.

Der Händler zuckte zusammen, als Gor sich direkt an ihn wandte: »Keine Angst. Keine Angst.« Doch der Mann war nicht im Mindesten beruhigt, im Gegenteil, die Aufregung machte ihn mutig.

»Komm nicht näher. Du kommst von dort draußen. Wo die Geister sind. Wir haben sie schreien gehört. Jetzt sind sie verstummt. Und Ihr taucht auf.« Er blickte sich Hilfe suchend um. Einige der Männer um ihn herum nickten aufmunternd und zustimmend.

Der Händler redete sich jetzt in Rage. »Niemand kann dort draußen einfach zwischen den Geistern umhermarschieren und ungeschoren davonkommen. Niemand! Ihr müsst etwas mit ihnen zu tun haben!«

Gor seufzte, trat an den Tisch des Händlers und klopfte Geisterstaub von seinem Handschuh auf das feuchte Holz zwischen den Krügen. »Ich habe zwölf von ihnen getötet. Deshalb bin ich jetzt hier. Das ist alles, was ich mit ihnen zu tun habe. Und jetzt schweigt, ich habe keine Lust auf Streitereien. Ich bin müde und durstig. Kann ich hier nun etwas zu trinken bekommen oder nicht?« Er wandte sich an Per.

Der Wirt zögerte.

»Nein!«, rief eine Stimme aus dem Dunkel der Schankstube, gefolgt von Gelächter und zustimmendem Gemurmel. Der Branntwein hatte den Männern inzwischen ihren Mut wiedergebracht.

Der Händler fühlte sich bestätigt. Er stand auf und stellte sich vor Gor. Er reichte ihm bis knapp unterhalb der Schulter. »Siehst du? Einer wie Ihr ist hier nicht erwünscht!«, presste er hervor. Sein Blick war unstet, die Stimme vom Alkohol geschliffen.

Gor starrte ihn vollkommen bewegungslos an. »Ich habe mit dem Wirt gesprochen, nicht mit Euch. Ich kenne nicht einmal Euren Namen.«

Der Händler drehte sich zu seinen Begleitern um. »Meinen Namen! Er will meinen Namen wissen! Habt ihr das gehört?« Nervöses Lachen entrang sich den Kehlen der Männer. Niemand von ihnen wagte es, ihren Anführer zurückzuhalten, selbst die Wachen rührten sich nicht. Pers Blick schweifte zu dem bärtigen Wächter, mit dem er sich vorhin unterhalten hatte. Auch der griff nicht ein, musterte den Neuankömmling jedoch intensiv.

Per musste etwas tun, damit die Situation nicht eskalierte. Er ließ den Krug, den er gerade füllen wollte, stehen und ging zum Tisch des Händlers. »Lasst es gut sein, Vestray. Lasst es gut sein.« Der Händler schaute ihn verunsichert an, wollte offenbar sein Gesicht nicht verlieren.

»Er soll bleiben«, erklang eine helle Stimme aus Richtung der Feuerstelle. Der junge Bursche, der noch immer seine Geliebte fest im Arm hielt, hatte sich zu Wort gemeldet. Sowohl Gor als auch der Händler wandten sich zu ihm um.

»Was weißt du denn schon, Bürschchen?«, ereiferte sich der Händler. »Ich erkenne eine Gefahr, wenn ich sie sehe. Du kannst das nicht, du solltest lieber sehen, dass du nach Hause kommst.«

»Vestray! Es reicht«, ging Per mit scharfer Stimme dazwischen.

Gor hob die Hand. »Schluss damit! Gebt mir einen Krug Bier. Dann werde ich gehen. Ich will keinen sinnlosen Streit in Eurem Haus hervorrufen.«

Per nickte dankbar und brachte ihm den Krug. Alle Blicke ruhten unverhohlen auf dem Neuankömmling.

Der mächtige Krieger leerte sein Bier gleich an Ort und Stelle, holte ein paar kupferne Münzen hervor und drückte sie Per in die Hand. »Danke.« Dann wandte er sich um und verließ den Schankraum.

Per atmete auf, als die Tür hinter dem seltsamen Besucher zuschlug. Schnell brachte er den Riegel in Position. Langsam hoben die Gespräche wieder an, die Spannung ließ nach. Es war an der Zeit, mehr Bier unter die Leute zu bringen.

*  *  *

Gor atmete tief die kalte Nachtluft ein. Das Bier hatte gutgetan, doch hungrig war er immer noch. Aus einem Gasthaus geworfen zu werden war für ihn keine neue Erfahrung. Doch diese Gäste hatten einen Fehler gemacht. Sie ahnten nicht, dass die Spektren im umliegenden Wald auf sie aufmerksam geworden waren. Diese Geisterwesen irrten nicht planlos umher. Irgendetwas leitete sie, lenkte ihre Wege. Sie bewachten den Wald und waren normalerweise nur tief in seinem Inneren zu finden. Irgendetwas hatte sie hierhergeführt.

Er ging um das Haus herum und warf einen Blick in den angrenzenden Stall. Das leise Schnarchen eines Wächters war zu hören, dazu nervöses Schnauben und Scharren von Hufen. Dunkel zeichneten sich die Konturen der Händlerwagen ab, die man hier abgestellt hatte. Gor schlich sich zu einem der Wagen, hob die Plane an, die die Ladung bedeckte. Er konnte kaum etwas sehen, lediglich die schwache Öllampe des schlafenden Wächters warf zuckende Schatten in den Stall. Trotzdem tastete er unter die Plane.

Er hatte es geahnt. Diese Narren hatten Schwarzholz aus dem wachsenden Wald gewildert. Wahrscheinlich wollten sie es an unwissende Bauern oder gierige Zimmerleute verkaufen. Das Holz war stark und widerstandsfähig, ließ sich wunderbar verarbeiten. Das Problem war, dass es schon nach wenigen Monaten verrottete, zu Staub und Fasern zerfiel wie ein altes Vogelnest. Wenn die Händler dieses Holz aus dem wachsenden Wald geholt hatten, hatten sie damit wahrscheinlich auch den Zorn der Spektren auf sich gezogen.

Gor verließ den Stall –  dort würde er ohnehin nicht bleiben können, weil die Tiere vor ihm scheuen würden. Sie waren unruhig genug.

Doch er war entschlossen, das Gasthaus nicht seinem Schicksal zu überlassen. Seufzend suchte er sich eine geeignete Stelle am Waldrand, von der er die Schänke im Auge behalten konnte. Er bettete sich auf Moos und Farn. Diese Nacht würde er mit wenig Schlaf auskommen müssen.

*  *  *

Ein Rumpeln ließ ihn auffahren. Gor rieb sich die Augen und richtete sich auf. Die Nacht war sternenklar. Doch was tat sich am Gasthaus? Gor sah, dass die Tür offen stand und mehrere Gestalten mit Laternen herausstolperten. Diese Narren!

Er knirschte mit den Zähnen.  Bleibt doch in eurer verfluchten Kneipe. Wenn ihr euch im Wald verteilt und angegriffen werdet, kann ich euch nicht helfen.

Doch er verhielt sich ruhig, um seine Anwesenheit nicht preiszugeben. Was hatten die Männer vor? Er konnte den großmäuligen Händler Vestray unter den Gestalten entdecken.

Die Gruppe folgte der leuchtenden Spur, die Gor bei seiner Ankunft hinterlassen hatte. Der glitzernde Staub würde sie zu dem Tümpel führen, an dessen Ufer er die Spektren besiegte. Direkt in die Arme der heranziehenden Geister, die nur von einem Wunsch beseelt waren –  diejenigen zu finden und zu richten, die es gewagt hatten, am mächtigen Leib des Herrn der Wälder zu sägen, ihn zu verwunden und zu verstümmeln.

Gor erhob sich und folgte den Männern.

Was hatten sie nur vor? Wollten sie überprüfen, ob seine Geschichte stimmte? Wahrscheinlich. Langsam und behände bewegte er sich zwischen den tief hängenden Zweigen hindurch. Er sollte sie warnen. Glücklicherweise gaben sich die Männer vor ihm keine große Mühe, leise zu sein. Zumindest gelang es ihnen nicht. Sie hatten eindeutig bereits zu viel getrunken, waren erfüllt von falschem Mut.

Sie stolperten zwischen den Bäumen hindurch, schwenkten ihre Laternen umher und waren sich der Gefahr nicht bewusst, in der sie schwebten. Gor spürte bereits, wie die ersten Ausläufer des eisigen Geisternebels seine Füße berührten. Ein weißes Leuchten lag jetzt zwischen den Bäumen, Nebel wallten eilig heran und trugen das unheilvolle Glitzern der Spektren mit sich.

Er hörte Flüche von der Menschengruppe, die nun auch den aufziehenden Nebel bemerkte.

Sie hatten inzwischen das Ufer des Tümpels erreicht. Doch außer großzügig verstreutem, silbernem Staub, der auch von den umliegenden Ästen glänzte und in der Luft schwebte, fanden sie nicht viel. Die Überreste der Spektren, die wie verkohltes schwarzes Papier am Boden lagen, traten sie unwissend ins Laub.

Die Männer fluchten, jemand grunzte etwas über Gor und seine Mutter.  Wenn du wüsstest, dachte der Hüne.  Wenn du wüsstest.

Die Männer entschieden sich endlich zur Umkehr, doch da war es bereits zu spät. Wie eine Wand war das dichte Weiß inzwischen herangezogen, Schemen bewegten sich darin. Eine Hand schoss aus dem Nebel hervor, bleich und knochig, und griff nach dem ersten Menschen, den sie erwischen konnte.

»Los, zurück, ihr Narren!«, brüllte Gor den Männern zu, sprang ihnen zur Seite und schlug die Knochenhand mit einem Axthieb ab. Sie fiel zu Boden und begann sofort, sich in einer Staubwolke aufzulösen.

Verwirrt wichen die Männer zurück. Gor sah, wie einer von ihnen kopflos direkt in den Nebel hineinlief. Ein Kreischen erklang, der Mann schrie. Die anderen mühten sich, von dem Nebel fortzukommen, doch der war nun überall, umgab sie und nahm ihnen die Orientierung.

»Zusammenbleiben!«, rief Gor wieder, doch die Männer waren in heillose Panik ausgebrochen. Ein weiterer verschwand im Nebel, an einer anderen Stelle traten schemenhafte Gestalten aus dem weißen Nichts hervor, dunkel, sie rochen wie verbrannt und verwehten wie Asche. Ein kleiner, dicklicher Mann, der noch immer seine Laterne fest umklammert hielt, stand wie gelähmt vor ihnen und sah bewegungslos zu, wie die grausigen Erscheinungen ihn umkreisten und sich in seinen Körper fraßen. Blut sprühte hervor, das Innere trat nach außen und klatschte zu Boden. Er gab keinen Laut von sich, als er zusammenbrach. Gor sprang herbei und richtete die zwei Untoten, die gerade ansetzen wollten, sich an ihrem Opfer zu laben. Seine Axt erblühte in einem gelben, flammenden Schein und traf die verwehenden Geister, als seien sie fassbar. Sie verwandelte die Asche in geschwärzte Leichen und schickte sie zu Boden.

Weitere Schemen lösten sich aus dem Nebel. Nur Gor und Vestray waren noch übrig.

»Wohin? Wohin? Wohin denn nur?«, murmelte der großmäulige Händler vor sich hin, während er sich die Unterlippe blutig biss und Tränen über sein Gesicht rannen.

Gor griff ihn am Arm und zerrte ihn fort, doch mehrere Spektren flogen heran und stellten sich ihm in den Weg. Sie stießen Drohungen und Verwünschungen in einer unverständlichen Sprache aus. Gor musste den Mann wieder loslassen und sich auf den Kampf konzentrieren. Eine eisige Hand fuhr über seinen Oberarm, eine weitere griff nach seiner Wade. Er sprang vorwärts, drehte sich seitlich und trat durch den Körper eines der Spektren hindurch. So konnte er die Geistwesen zwar nicht verwunden, sich aber zumindest etwas Zeit verschaffen. Asche und glitzernder Staub wirbelten auseinander.

Dazwischen der Flammenschein der Axt. Kurze, effiziente Hiebe. Um Gor herum flogen die Spektren, kreischend und singend. Das Feuer seiner Waffe stemmte sich ihrer unirdischen Kälte entgegen. Äste vereisten und brachen, andere glommen auf und sandten glühende Funken in den Nachthimmel.

Gor keuchte, wirbelte, schlug und blockte.

Keuchend ließ er Klinge erst nach Dutzenden Schlägen sinken, die Spektren zerschlagen oder vertrieben. Er sah sich nach dem Händler um, der inzwischen zu Boden gesackt war. Ungeformte Hände griffen nach ihm, schienen seinen Körper fortzuziehen in ihr Nebelreich. Gor sprang voran, ließ seine Axt niedersausen, schlug die Hände ab. Er zerrte den leblosen Mann zu sich, richtete sich dann wieder auf. Ließ abermals die Axt ihr Werk verrichten. Geister verwehten zu Asche, Kälte und Hitze brannten gleichermaßen in Gors Augen. Er warf sich Vestray über die Schulter. Schwerer als gedacht. Arme und Beine schlenkerten herum wie die Glieder einer Puppe. Kaum möglich, mit dieser Last auf der Schulter zu kämpfen. Gor entschied sich dafür, zunächst einmal den Händler in Sicherheit zu bringen. Er schlug eine weitere eisige Hand zur Seite und lief los. Im Vertrauen auf seinen Instinkt wählte er eine Richtung und hoffte, dass ihn der Weg zurück zum Gasthaus führen würde. Die Geister umwirbelten ihn, doch sie vermochten nicht, sich aus dem Nebel zu lösen und ihm zu folgen.

Schnaufend brach Gor durch die Bäume, einen Schweif von Feuer hinter sich herziehend. Seine Axt stand jetzt lichterloh in Flammen.

Nach einem schweißtreibenden Lauf erreichte er die alte Handelsstraße, ein Stück weiter ragten die schwarzen Giebel des Gasthauses zwischen den Bäumen auf. Husten schüttelte ihn, sein Hals schmerzte, als sei er gerade einer brennenden Ruine entkommen. Der Nebel blieb ihm auf den Fersen.

Zum zweiten Mal erreichte er die Tür. Diesmal trat er ein, ohne anzuklopfen. Der Riegel war nicht vorgeschoben. Man hatte mit der Rückkehr der Händler gerechnet –  doch nicht mit ihm.

*  *  *

Er legte den verletzten Händler auf einem der Tische ab. Zunächst wichen einige der Gäste angeekelt zurück, doch dann besannen sie sich eines Besseren. Wasser wurde geholt, Verbandsmaterial und Schnaps. Einer der Männer erwies sich als erfahren im Versorgen von Wunden und kümmerte sich um die Verbände.

Gor übernahm das Kommando. »Ihr müsst die Fensterläden schließen. Wer eine Waffe besitzt, sollte sie jetzt bei sich tragen. Scharfe Klingen, alles andere ist unnütz.« Der junge Mann stand auf und ging zu einem der Fenster hinüber. Gor hörte, wie er erschrocken die Luft einsog, als er hinausblickte. Draußen war nichts mehr zu erkennen, das Haus war in einem Meer von weißem Nebel eingeschlossen. Aus dem Nichts drang Kreischen hervor, das in den Ohren schmerzte.

»Los jetzt! Die Riegel vor, alle!« Endlich kam Bewegung in die Leute. Per machte sich daran, die Hintertür zu verriegeln.

»Was ist mit den Ställen?«, fragte er den Riesen.

»Verdammt!«, grunzte Gor. »Wartet –  ich erledige das.« Er nahm die lange Axt zur Hand, deren Blatt nun beständig glühte, und eilte durch die Küche hinaus zu den Stallungen. Er konnte bereits das unruhige Scharren darin hören. Ängstlich wieherten die Pferde. Der Wachmann schlief noch immer, neben ihm ein leerer Schlauch Wein. Gor trat ihn unsanft von den Heuballen und eilte an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten. Er öffnete sämtliche Tore, kappte Seile und Zügel, die die Tiere hielten, und scheuchte sie hinaus. Sollten sie doch ihr Heil in der Flucht suchen, hier würde sie der sichere Tod erwarten.

Gor sah den Tieren hinterher, die voller Angst davonstoben, den Nebel verwirbelten und zwischen den Bäumen verschwanden. Dann kehrte er in das Gasthaus zurück.

Das Leuchten des Nebels fraß sich inzwischen durch jede Ritze, in dem Gastraum war es unwirklich hell.

»Sind alle Riegel vor? Und alle Fenster verschlossen? Oben ebenfalls?« Zustimmende Laute erklangen. Der Bärtige hatte Posten an der Tür bezogen, sein Schwert in der Hand. Innerlich seufzte Gor. Wahrscheinlich ein guter Krieger, doch leider würde er gegen die Geister mit blankem Stahl und starken Armen nichts ausrichten können.

War die Entscheidung richtig gewesen hierzubleiben? War dies nicht eine Todesfalle? Gor zweifelte. Wahrscheinlich wäre es schlauer gewesen, die Menschen ebenso wie die Tiere fortzujagen, solange noch Zeit gewesen war. Doch dafür war es nun zu spät.

»Hört mir zu, wenn ihr überleben wollt. Diese Geister da draußen –  sie haben es anscheinend auf irgendetwas oder irgendjemanden hier drinnen abgesehen. Wer oder was das ist, weiß ich nicht. Sie sind geschwächt, sie sind weit weg von ihrer Heimat. Sie können uns nicht gefährlich werden, wenn wir uns an ein paar einfache Regeln halten.« Das stimmte zwar nicht so ganz, doch er brauchte jetzt ganz dringend etwas Positives, um die Leute bei der Stange zu halten. Die Unruhe wuchs, als draußen Schritte und Scharren am Holz zu vernehmen waren. Er würde sich kürzer fassen müssen. »Niemand geht raus! Niemand öffnet ein Fenster oder eine Tür! Am besten bleiben alle hier unten zusammen. Sauft nicht zu viel!« Er ließ seinen Blick über die blassen Gesichter wandern. Der Bärtige schien ihm brauchbar, vielleicht auch der Wirt. Besser als nichts. Die übrigen Wachen? Einfache Söldner aus Alaris, überbezahlt und kaum in der Lage, einen Speer zu halten. Die konnten höchstens ein paar Strauchdiebe mit Knüppeln in die Flucht schlagen.

Gor warf einen Blick auf Vestray. Der Händler wimmerte leise vor sich hin. Den schweren Verletzungen zufolge, die seinen ganzen Körper entstellten, würde er diese Nacht nicht überstehen. Die Hände der Spektren hatten ihn förmlich zerfleddert. Kurz überlegte er, ihn hinauszuwerfen, um die Geister zu besänftigen –  vielleicht war er derjenige, der für die Holzwilderei verantwortlich war.

Der Wirt meldete sich zu Wort. »Ich habe einen Keller. Wäre es sinnvoll  …«

»Nein, dort säßen wir in der Falle.«  Als würde es einen Unterschied machen.  »Wir bleiben hier. Es gilt nur, bis zum Morgen durchzuhalten, das kann nicht mehr allzu lange dauern.«

»Nein!«, gellte plötzlich die Stimme des jungen Burschen durch den Raum, der sich wieder zu seiner Gefährtin gesellt hatte. Nun war er aufgesprungen und starrte sie entsetzt an.

Langsam erhob sie sich, immer noch die Hand an ihrem Medaillon. Der Bursche versuchte, sie festzuhalten, doch sie schüttelte ihn entschlossen ab. Alles starrte sie an. Sie raffte ihr Kleid und ging langsam auf die Tür zu. Der Bärtige stellte sich ihr in den Weg. Gor trat ebenfalls zu ihr. »Was habt Ihr vor?«, fragte er sie.

Mit leiser Stimme antwortete sie ihm. »Ich bin es.« Sie starrte ins Leere. »Mich wollen sie. Mich.«

Gor verstand nicht, blickte sie fragend an.

Langsam löste sie die Hand von dem Amulett um ihren Hals. Eine Blüte kam zum Vorschein. Sie hing, nein, sie wuchs an einem langen Band um ihren Hals, und Gor erkannte jetzt, dass es eine Wurzel war, die aus ihrem Schlüsselbein entsprang. Sie schob ihren Ärmel hoch, Moos kam zum Vorschein, das direkt aus ihrer Haut spross. Dann öffnete sie ihre Finger, die Handfläche nach oben gerichtet. Eine weitere Blüte öffnete sich in ihrer Hand, orangefarbene Blätter leuchteten auf. Tränen liefen über ihre Wangen, die sie trotzig fortwischte. »Wir haben uns verirrt im Wald. Er hat mich zu sich genommen. Ich gehöre zu ihm.« Ihre Stimme nur noch ein Flüstern. »Der Herr der Wälder. Er lässt mich nicht gehen. Er will mich schützen.« Sie schluckte, warf einen Blick zurück zu ihrem Geliebten, der jetzt den Kopf in den Händen hielt und sie aus entsetzten Augen anstarrte. »Wenn ihr leben wollt, dann lasst mich gehen. Seine Saat ist in mir.«

Gor überlegte noch, sah ihr in die Augen, als sich darin der Wald spiegelte. Grün floss unter ihren Lidern hervor, füllte ihren Blick. Grün schlich sich auch auf ihre Wangen, winzige Halme durchstießen ihre Haut. Schmerzerfüllt krümmte sie sich zusammen. »Lasst mich!«

Ihr Begleiter schüttelte seine Erstarrung ab, stürmte zu ihr, schlang seine Arme um sie. Er wollte sie halten, nur ein letztes Mal noch. Der Stoff ihres Kleides riss, als weitere Wurzeln hervorschossen, sich um den Rücken des Burschen wanden. Gor zerrte an der Schulter des jungen Kerls –  in seiner Naivität käme er noch auf die Idee, mit ihr zusammen sterben zu wollen. Seine schweren Stiefel brachen durch den Holzboden. Rund um das Kleid des unglückseligen Mädchens waren die Bohlen in Windeseile verrottet, Spinnen, Käfer und Ameisen wimmelten dort jetzt. Weiße Maden lagen in Spalten und Bruchstellen, wuchsen unmöglich schnell, zerplatzten und gaben weitere Insekten frei. Gor scherte sich nicht um das Gekrabbel auf dem Boden, er kletterte aus den Trümmern des Bodens hervor, weitere Bohlen zerfielen zu Staub. Prüfend zog er an den Wurzeln, die den Burschen an den Körper seiner Geliebten fesselten. Sie wurden dicker und fester. Gor zerrte daran. Endlich kam ihm der Bärtige zu Hilfe, setzte über einen Tisch hinweg, schnitt mit seiner Klinge geschickt den Jungen frei und zerrte ihn fort. Eine Blutspur schmierte über den Boden, ganz unverletzt war der Bursche nicht davongekommen.

Schon griffen die Wurzeln nach Gor, woben Spinnen ihre Netze an seinen Stiefeln, wanden sich Ranken um seine Beine. Mit aller Kraft riss er sich los und zog sich zur Tür zurück. Die übrigen Anwesenden pressten sich an die Wände der Schankstube, Vestray lag bewegungslos auf seinem Tisch. Gor war nicht sicher, ob der Mann noch lebte. »Raus hier!«, brüllte er die anderen an, doch außer dem Wirt rührte sich niemand. Den sah er hinten durch die Küche verschwinden. Kluger Mann. Der Bärtige hatte inzwischen den Riegel fortgeschleudert, die Tür aufgerissen und den Jungen hinaus ins Freie gezerrt. Der wimmerte und schrie unartikuliert, rief nach seiner Geliebten. Doch die verwandelte sich immer weiter; von dem hübschen Mädchen, das sie einst gewesen war, blieb nichts mehr übrig. Äste sprossen ihr aus dem Schädel, Haut verwandelte sich in harte Rinde, ein Farn wucherte ihr aus dem Bauch. Um sie herum verfaulte alles, nur um kurz darauf zu erblühen, zu vergehen und wieder neu zu wachsen. Deckenbalken krachten nieder, das Feuer des Kamins stob auseinander und entzündete das Haus. Die Menschen, die sich noch in den Schatten der Wände verbargen, schienen verloren.

Das Wuchern hörte nicht auf, als die Äste durch das Dach brachen.

Gor schrie die verbliebenen Menschen an, doch sie hörten ihn offenbar nicht oder waren einfach gelähmt vor Angst. Wurzelfäden schossen durch den Raum; aus dem Körper des Mädchens, der inzwischen eher wie ein verwachsener Baum aussah, quollen Spinnen hervor, die sogleich begannen, alles einzuweben.

Gor sprang auf das Mädchen zu. Äste schossen auf ihn zu wie Pfeile, kratzen aber nur an seiner runenübersäten Haut oder verfingen sich in seinem Fellumhang. Mit wenigen Sätzen war er bis zu ihr vorgedrungen und hieb auf ihre hölzerne Haut ein. Wieder glühte das stählerne Blatt der Waffe auf, Flammenschweife und Funken begleiteten jeden Hieb. Ranken griffen Gors Beine, unzählige Insekten umschwirrten ihn und krabbelten an ihm empor. Doch er war fokussiert. Schlag auf Schlag ließ er auf das Monstrum niedergehen, das aus dem einst so hübschen Mädchen geworden war. Er schlug dort, wo einmal ihr Knie gewesen war, eine tiefe Scharte in die wuchernde Borke. Späne flogen, Harz quoll aus der Wunde, sprühte umher und legte sich klebrig auf alles. Die Spektren und der Nebel drangen nun ebenfalls in die zertrümmerte Gaststube ein, umringten Gor und zerrten mit ihren Knochenfingern an ihm. Doch er drosch weiter auf den Stamm ein, wieder und wieder versenkte er die Klinge tief in das Holz. Blut mischte sich mit dem Harz, Fleisch verbarg sich unter dem Holz. Gor schlug und schlug, bis der Baum, viele Sommer später, die er in Augenblicken durchwandert hatte, endlich fiel. Das Kreischen der Spektren hob noch einmal zu einem mächtigen Lärm an, dann verließ sie ihre Kraft und sie verblassten, huschten raschelnd fort in den Schutz des Waldes.

Gor ließ die Axt sinken, ihre Flamme erlosch, nur ein Glimmen blieb zurück. Er war über und über mit Harz und Blut besudelt, sein Umhang hing in Fetzen, knietief stand er in Laub und toten Ästen.

Vor ihm lag der Leichnam des Mädchens, verwoben mit den Resten des Baumes, den er gefällt hatte. Ein grässlicher Anblick. Einige der Menschen, die sich in den Schatten verborgen hatten, waren noch am Leben und krochen nun hinaus aus ihren Verstecken.

Der Herr des Waldes war fürs Erste besiegt, doch er würde wiederkehren. Keine Axt der Welt konnte ihn lange aufhalten.

Gor schulterte seine Waffe und verließ den Gasthof.

Der Wald lag schweigend vor ihm.

 

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© 2018 by Christian Günther. Mit freundlicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten

 

Erschienen in: André Skora, Michael Quay und Ingo Schulze (Hrsg.): Blutroter Stahl. Mantikore-Verlag 2018.

Über den Autor

Autor Christian Günther

© Katharina Bodmann

Christian Günther, Jahrgang 1974, lebt in der Nähe von Hamburg und arbeitet dort als selbständiger Grafiker und Web-Entwickler.

In seinen beiden ersten Romanen under the black rainbow und Rost sowie in zahlreichen Kurzgeschichten zeichnete er das Bild eines düster-futuristischen Norddeutschlands.

Derzeit hat er sich der Fantasy zugewandt und entwickelt dort seine eigene Welt »Faar«. Drei Bücher dazu sind bereits erschienen, der erste Roman Die Aschestadt erschien 2016 und wurde für die Longlist des Seraph 2017 nominiert.

 

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