Fiction: Mauerschatten (Laura Dümpelfeld)

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FICTION FRIDAY

Mauerschatten (Laura Dümpelfeld)


Kaum wird Elena wider Willen Herrin von Burg Trenje, muss sie die Heimat verlassen – und sich und die Ihren vor den mörderischen Shirdai in Sicherheit bringen. Mut und Können sind gefragt … Unsere PAN-Story des Monats von Laura Dümpelfeld stammt aus der Anthologie Heimchen am Schwert – Femtasy mit starken Frauen.

Und wenn du dich fragst, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Obwohl sie das wohl gewaltigste Bauwerk in ganz Athalant war, sah Elena die Große Mauer erst, als sie sie fast erreicht hatten. Auf den ersten Blick wirkte es, als habe ein Riese mit einem gigantischen Pflug eine Schneise durch die Berge getrieben; bei genauerem Hinsehen wurde jedoch klar, dass diese Schneise ein über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, von Zwergenhand ausgehobener Graben war, dessen Inhalt auf seiner nördlichen Seite zu einer fast fünfzig Meter hohen Mauer aufgetürmt worden war.

Elena hatte Erzählungen über die Große Mauer der Zwerge gehört, und in der Bibliothek ihres Vaters hatte es Zeichnungen und Kupferstiche des Bauwerks gegeben. Sie nun zu sehen war allerdings etwas völlig anderes, und sie konnte nicht anders, als Ehrfurcht bei ihrem Anblick zu empfinden. Kein Heer der Welt würde dieses steinerne Bollwerk einnehmen können. An Cormorans Grenze würden sich selbst die Shirdai die Zähne ausbeißen. Hier waren sie in Sicherheit.

„Finn!“ Mit strahlenden Augen drehte sie sich zu ihrem Bruder um, der mit ihrer Schwester Lelia auf dem Karren hinter ihr saß. „Sieh nur! Wir haben es geschafft!“

Der Junge wandte den Kopf und seine Augen weiteten sich. „Sie ist so groß“, staunte er. „Viel größer als in den Büchern.“

„Ich weiß.“ Elena richtete ihren Blick nach vorne und reihte sich wieder in den kleinen Treck ein, der seinen Weg über den Gebirgspass fortsetzte. „Mit etwas Glück sind wir noch vor Einbruch der Dunkelheit dort. Dann können wir die Nacht wieder in richtigen Betten verbringen.“

 

Seit zwei Wochen waren sie nun auf der Flucht, in der verzweifelten Hoffnung, die Grenzen Cormorans zu erreichen, ehe die Shirdai sie einholten. Sie hatten alles aufgegeben, alles zurückgelassen, und nur beladen mit dem Nötigsten die lange Reise gen Norden angetreten.

Fast unbewusst wanderte Elenas linke Hand zu dem Knauf des Schwertes, das seit zwei Wochen an ihrer Seite hing. Eigentlich war es eine dumme und sentimentale Entscheidung gewesen, es mitzunehmen, denn das zusätzliche Gewicht belastete sie nur und Elena konnte ohnehin nicht wirklich damit umgehen. Doch sie hatte sich nicht davon trennen können. Es hatte ihrem Vater gehört.

 

Nie wieder würde sie den Tag vergessen, an dem Pavel, ihres Vaters Knappe, vor den Toren von Burg Trenje stand, auf einen Stock gestützt und einen Verband um den Kopf. Als Elena den Burghof betrat, sank er vor ihr auf die Knie und überreichte ihr mit zitternden Händen das Schwert. Wie betäubt hatte Elena es ergriffen und die Hände haltsuchend darumgekrallt.

„Fürst Jerek von Trenje ist tot“, verkündete Pavel mit brüchiger Stimme. „Er fiel als Held an den Flussufern des Kaltwasser, wo er Seite an Seite mit König Marik kämpfte. Herrin, ich bringe Euch sein Schwert, mit dem er zahllose Feinde niederstreckte, ehe die Namenlose ihn zu sich rief.“

„Herrin“ hatte Pavel sie genannt, und mit Schrecken hatte Elena begriffen, dass er recht hatte. Ihr Vater war tot, ihre Stiefmutter vor wenigen Wochen bei einer Fehlgeburt gestorben. Elena war das älteste Kind des Fürsten von Trenje, und ihr oblag nun die Herrschaft über das kleine Fürstentum im Nordwesten Arinths.

Doch Pavel brachte nicht nur die Botschaft vom Tode ihres Vaters. Mit blassem Gesicht, das Schwert noch immer umklammert wie einen rettenden Anker, lauschte Elena wenig später im Studierzimmer dem Bericht des Knappen.

Der Krieg war verloren. König Marik war tot. Die Heere der Menschen, Elben und Zwerge waren vernichtend geschlagen worden. Die Überlebenden waren auf der Flucht, zerstreut in alle Winde. Überall in Arinth fielen die Shirdai über Dörfer und Städte her. Es wurde gebrandschatzt, gemordet und geplündert, Burgen wurden geschleift, und über den Zinnen der Hauptstadt wehten die blutroten Banner der Shirdai.

Und so traf Elena die schwerste Entscheidung ihres Lebens: Sie gab Burg Trenje auf.

Ein Teil der Knechte und Mägde brach auf, um ihre Familien in weiter entfernten Siedlungen aufzusuchen, andere schlossen sich wie Elena und ihre Geschwister einem der zahllosen Flüchtlingstrecks nach Norden an. Und obgleich Elena sicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, fühlte sie sich so elend wie noch nie, als sie die vertrauten Mauern von Burg Trenje für immer hinter sich ließ.

 

Sie kamen gut voran und erreichten den Graben, noch ehe die Sonne hinter den Gipfeln des Westlichen Walls verschwand. Graben war streng genommen nicht die richtige Bezeichnung; viel eher war es eine gigantische Schlucht, die sich von Horizont zu Horizont am Fuß der Großen Mauer entlangschlängelte, das hohle Spiegelbild des gewaltigen Bauwerkes. Die Schlucht war so breit, dass Burg Trenje im Ganzen hineingepasst hätte. An ihrem Rand verschmälerte der Pfad sich so weit, dass die Karren und Pferde nur hintereinander Platz fanden; in engen Serpentinen ging es die steil abfallende Felswand hinab.

Elena runzelte die Stirn. Das Licht des späten Tages drang nur spärlich auf den Grund der Schlucht, doch sie glaubte, Zelte im Schatten der Mauer zu erkennen, Unmengen an Zelten, die wie unförmige Riesenpilze aus dem Boden sprossen. Je tiefer sie vordrangen, desto mehr Details konnte Elena ausmachen. Dies war kein Heerlager. Die Zelte waren unterschiedlich groß – provisorisch und in Eile errichtet, glich keines dem anderen. Unbearbeitete dicke Äste bildeten die Gerüste, und die Stoffe waren bunt zusammengewürfelt. Menschen kauerten in den halb geöffneten Eingängen, Menschen mit müden Augen und misstrauischen Blicken.

Nirgends sah Elena Zwerge.

Als der Treck die Straße am Grund der Schlucht erreichte, hatten sich die Menschen in dem riesigen Zeltlager an den Rändern gesammelt.

„Warum starren sie uns so an?“ Finn war an den vorderen Rand des Karrens gekrochen, und Elena hörte die Unsicherheit in seiner Stimme. Doch sie wusste keine Antwort. Sie konnte es selbst nicht erklären. Was taten diese Leute hier draußen? Wer waren sie?

Je mehr sie sich jedoch der gewaltigen Mauer näherten, die von der Abendsonne in purpurnes Licht getaucht wurde, desto deutlicher wurde die Antwort. Diese Menschen stammten aus Arinth, genau wie sie. Sie waren vor dem Krieg geflüchtet, waren mit derselben Hoffnung hergekommen wie Elena und ihre Geschwister. Doch aus irgendeinem Grund waren sie nicht auf die andere Seite gelangt. Aber warum? War dieses Tor unbemannt? Hatten die Zwerge in der Schlacht zu hohe Verluste erlitten, um ihre Grenzen ausreichend zu sichern? Das konnte Elena sich nicht vorstellen. Ihr Vater hatte noch darüber geschimpft, dass der König der Zwerge eine in seinen Augen lächerlich geringe Streitmacht zur Unterstützung der arinthischen Truppen geschickt hatte. Das war am Tag vor seiner Abreise gewesen; an diesem Tag hatte Elena ihn zum letzten Mal gesehen.

„Du wirst das schaffen, kleine Prinzessin“, hatte er mit einem müden Lächeln gemeint. „Es ist ja nicht für lange. Bis zum ersten Schnee bin ich zurück, du wirst sehen.“

Doch ihr Vater war nicht zurückgekehrt. Stattdessen trug sie nun sein Schwert am Gürtel. Und mit ihm die Verantwortung für ein ganzes Fürstentum, das doch ohnehin verloren war.

 

Als die Dunkelheit hereinbrach, hatte sich der Flüchtlingstreck an den Rändern des Zeltlagers zerstreut. Elena hatte zugesehen, wie ein paar der Männer zum Tor marschiert waren. Sie konnte nicht verstehen, welche Worte gesprochen wurden, doch offensichtlich zeigte keines von ihnen Wirkung. Das Tor blieb verschlossen, und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als eine weitere Nacht im Freien zu verbringen.

„Warum lassen sie uns nicht rein?“, fragte Finn leise, als er sich unter der Wolldecke an sie schmiegte. Lelia wimmerte leise im Schlaf. Elena schwieg. Sie erinnerte sich daran, was die Männer erzählt hatten. Wir haben keinen Platz für Bettler und Schmarotzer, hatte es von der anderen Seite des Tores geheißen. Es ist nicht unsere Schuld, dass ihr den Krieg verloren habt.

„Wir finden einen Weg“, flüsterte Elena und strich ihrem Bruder über das Haar. „Versprochen.“

Aber wie sollte sie dieses Versprechen halten? Was konnte sie tun, das all diese Menschen nicht bereits versucht hatten? Während Finn und Lelia in ihren Armen schliefen, lag Elena noch lange wach und starrte in die Nacht hinaus. Der Winter war nicht mehr weit; schon jetzt wurde es in den Nächten so kalt, dass sie ihre Beine kaum noch spüren konnte.

Sie würde Finn und Lelia nicht hier draußen vor den Grenzen Cormorans erfrieren lassen. Sie waren nicht den Horden der Shirdai entkommen, um nun im Schatten der Großen Mauer jämmerlich zu krepieren.

Es musste einen Weg geben.

Und sie würde ihn finden.

 

In den nächsten Tagen hörte Elena überall in der kleinen Zeltstadt das Gleiche: Die Zwerge hatten sich abgeschottet, sie ließen niemanden ein, und dass sie alle hier draußen sterben würden – ob durch den drohenden Winter oder durch die Klingen der Shirdai –, war ihnen offensichtlich egal.

Doch Elena weigerte sich, so schnell aufzugeben.

Sie stellte Fragen und bohrte nach; irgendjemand musste es doch geschafft haben, die Mauer zu überqueren, oder? Sicher gab es Leute, die wussten, wie man auf die andere Seite kam?

Und schließlich fand sie, wonach sie gesucht hatte. Man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand von einer Gruppe zwergischer Schmuggler im angrenzenden Wald. Angeblich, so flüsterte man, kannten sie Wege auf die andere Seite der Mauer, und wer genug Geld hatte, den brachten sie hinüber – zumindest sah man die Personen nicht wieder. Ob sie jemals in Cormoran ankamen, wusste niemand.

Doch Elena war das egal; sie musste das Risiko eingehen. Wenn sie nichts tat, würden sie und ihre Geschwister erfrieren oder verhungern. Noch reichten ihre Vorräte, und zur Not könnte sie den Jägern in der Zeltstadt vielleicht etwas Fleisch abkaufen, doch den Menschen war Nahrung mittlerweile wertvoller als Gold. Hätte sie eine Armbrust oder einen ihrer Jagdfalken bei sich gehabt, hätte sie selbst für etwas Wild sorgen können. So aber bestand ihre einzige Chance darin, diese zwergischen Schmuggler zu finden.

 

Die Lichter der Zeltstadt waren lange hinter ihr verblasst, und um sie herum wurde der Wald dichter. Elena musste nun langsamer gehen, denn die Bäume warfen tiefe Schatten. Sie umklammerte den Schwertgriff und lauschte in die Nacht. Im Dunkeln schienen die Geräusche lauter als tagsüber, und jedes Rascheln im Unterholz beschleunigte ihren Herzschlag. Sie bemühte sich, nicht die Nerven zu verlieren – doch als die Gestalt hinter dem nächsten Baum hervortrat, stieß sie doch einen leisen Schrei aus.

„Ich hab dich im Visier, meine Hübsche, also nimm schön langsam die Hand vom Schwertgriff“, knurrte eine tiefe Stimme.

Elenas Pulsschlag hämmerte an ihrem Hals, als sie den Anweisungen des Fremden Folge leistete. Sie konnte kaum mehr erkennen, als dass es sich bei ihrem Gegenüber um einen Zwerg handelte.

„Sehr schön“, fuhr der Schatten zufrieden fort. „Und jetzt erklärst du mir, was du mitten in der Nacht hier zu suchen hast, Mensch.“

„Ich suche Grem Einauge“, erwiderte Elena mit zitternder Stimme.

„Soso, den suchst du also.“ Der Schatten kam ein wenig näher. „Und was willst du von ihm?“

„Es heißt, er kennt einen Weg über die Mauer. Ich … ich habe Geld. Ich kann bezahlen.“

Stille trat ein. Kurz darauf flackerte die kleine gelbe Flamme eines Zündholzes auf und erleuchtete ein zerfurchtes Gesicht mit rostrotem Bart. Dort, wo das linke Auge hätte sein sollen, klaffte eine dunkle Höhle, und quer darüber hinweg zog sich eine dicke, wulstige Narbe.

„Also gut“, brummte der Zwerg und entzündete die Pfeife in seinem Mundwinkel. „Den Grem, den hast du gefunden. Aber Grem entscheidet nicht, wer über die Mauer geht. Das macht der Boss.“

Obwohl der Zwerg Elena nicht einmal bis zur Brust reichte, jagte er ihr Angst ein.

„Kann ich mit diesem … Boss sprechen?“, fragte sie dennoch.

Ein abschätziges Grunzen war die Antwort. „Kannst es versuchen“, knurrte Grem. „Du gehst vor. Ich hab dich im Visier, meine Hübsche.“

 

Der Boss, wie Grem ihn genannt hatte, war ein kahlköpfiger Zwerg mit schwarzem Bart und eisblauen Augen. Er empfing Elena in einer schäbigen kleinen Hütte am Rand der Schlucht, deren Decke so niedrig war, dass Elena sie ohne Probleme mit der Hand hätte berühren können.

„So.“ Der Boss musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und strich sich bedächtig über den schwarzen Bart. „Du willst also über die Mauer, ja?“

Elena nickte. „Ich und meine Geschwister.“

Die buschigen Augenbrauen hoben sich ein wenig mehr.

„Geschwister, soso.“ Der Boss lächelte schmallippig. „Von wie vielen Geschwistern reden wir denn da?“

„Zwei. Ein Junge und ein Mädchen, zwölf und fünf Jahre alt.“

„Das wird nicht billig, das ist dir hoffentlich klar.“ Er musterte sie scharf.

„Ich habe Geld“, beeilte Elena sich zu sagen. Sie nestelte an ihrer Gürteltasche herum und leerte den Inhalt auf dem niedrigen Tisch in der Mitte des Raumes aus. Laut klimpernd kullerte ein gutes Dutzend Goldmünzen heraus.

Der Boss verzog keine Miene. Er griff mit seiner wulstigen Pranke nach einer Münze, hielt sie prüfend ins Licht und biss probehalber darauf. Dann ließ er sie achtlos wieder zu den anderen fallen. „Das reicht nicht“, sagte er, und Elenas Mut schwand. „Nicht für alle drei.“

„Das ist alles, was wir haben“, antwortete sie schwach.

„Leg das Schwert obendrauf, und der Junge kommt mit“, erwiderte der Boss.

„Das geht nicht.“ Elena schüttelte den Kopf und griff instinktiv nach dem Schwertgriff. „Ich kann es nicht hergeben.“

„Dann wirst du deine Geschwister wohl zurücklassen müssen.“

„Ich könnte die Schulden abbezahlen.“ Vergeblich bemühte sie sich darum, die Verzweiflung in ihrer Stimme zu unterdrücken. „Ich … Wenn wir erst in Cormoran sind, werde ich Arbeit finden, ganz sicher …“

„Und wenn nicht?“ Der Boss verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gehe für dich ein Risiko ein. Wenn wir erwischt werden, wie ich euch über die Grenze schmuggle, kostet mich das meinen Kopf. Auf leere Versprechungen lasse ich mich nicht ein.“

Elena schluckte. „Ich könnte in Naturalien bezahlen“, startete sie einen weiteren Versuch.

Grem Einauge ließ ein heiseres Lachen hören. „Sieh an, das edle Fräulein aus Arinth ist frivoler, als man meinen sollte. Unter ihren Röcken sind die Weiber doch alle gleich.“

Elena schoss die Röte ins Gesicht, als ihr klarwurde, wie der Einäugige ihre Worte aufgefasst hatte. Zorn und Scham stiegen in ihr auf. „Das meinte ich nicht!“, stieß sie hervor. „So etwas würde ich nie … Wie könnt Ihr es wagen, so etwas zu denken?“

„Wie war es dann gemeint?“, fragte der Boss ungerührt.

„Ich kann jagen“, antwortete Elena und reckte das Kinn.

Neben ihr prustete Grem Einauge erneut los.

„Hm, jagen, ja?“ Kritisch hob der Boss eine Augenbraue. „Mit Pfeil und Bogen?“

„Mit Armbrust oder Falke“, erwiderte Elena.

Grem schnaubte.

Der Boss strich sich über den Bart. „Zeig es mir“, forderte er.

Elena blickte ihn verdutzt an. „Jetzt?“

„Jetzt. Grem, deine Armbrust.“

Nun war es an dem Einäugigen, verdutzt zu schauen. „Aber Boss …“

„Keine Widerrede. Gib sie dem Mädchen.“ Die eisblauen Augen ruhten forschend auf Elena. „Ich will sehen, wie viel an ihrer Behauptung dran ist.“

 

Der Boss führte sie und Grem zu einer Lichtung nahe der Hütte.

„Siehst du die Eiche dort drüben?“ Er nickte hinüber zu einem großen Baum auf der anderen Seite. „Versuch den untersten Ast zu treffen.“

Elena nickte beklommen. Langsam hob sie die Armbrust und zielte. Die Waffe fühlte sich ungewohnt an; sie war von anderer Machart als die, mit der sie schießen gelernt hatte. Doch es half nichts; sie musste nehmen, was sie bekam. Elena visierte den unteren Ast der Eiche an, atmete aus und schoss. Mit einem kaum hörbaren Zischen flog der Bolzen davon.

„Grem, geh nachsehen, ob sie getroffen hat“, wies der Boss den Einäugigen an. Dieser knurrte missmutig und stapfte davon. Nervös kaute Elena auf ihrer Lippe und sah dem Zwerg nach.

Als Grem außer Hörweite war, sagte der Boss unvermittelt: „Schieß auf ihn.“

„Was?“ Sie musste sich verhört haben.

„Ich sagte: Schieß auf ihn.“ Elena glaubte, trotz der Dunkelheit ein ungeduldiges Funkeln in den eisblauen Augen zu sehen.

Das konnte er unmöglich ernst meinen!

„Ich sage es dir ein letztes Mal.“ Die Stimme des schwarzbärtigen Zwerges war nun gefährlich leise. „Schieß auf ihn – oder du und deine Geschwister bleiben hier. Dann könnt ihr meinetwegen Shirdaifutter werden.“

Elenas Hände zitterten, als sie einen zweiten Bolzen auflegte und die Armbrust spannte. Stell dir vor, er wäre irgendein Tier, redete sie sich ein. Ein Reh oder ein Wildschwein. Das hier ist nichts anderes. Und was ist schon irgendein fremder Zwerg gegen das Leben deiner Geschwister? Sie biss die Zähne zusammen. Grem war nun fast am anderen Ende der Lichtung angekommen. Elena atmete tief durch, zielte – und drückte ab. Der Bolzen zischte davon, und beinahe im selben Moment stürzte Grem mit einem Schrei zu Boden.

Die Armbrust entglitt Elenas Händen, und sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Nur undeutlich nahm sie wahr, wie auf den Schrei des Zwerges ein lautes Fluchen folgte und der Boss ihr auf den Rücken klopfte. Die dunkle Silhouette am Ende der Lichtung regte sich wieder und kam auf die Beine.

Er lebt, ging es Elena verwirrt durch den Kopf. Ich habe ihn nicht getötet.

„Hast du im Ernst geglaubt, ich würde dich einen meiner besten Männer erschießen lassen?“ Beinahe glaubte sie, Belustigung in der Stimme des Bosses zu hören. „Zwerge sind ziemlich zäh. Außerdem trägt Grem den dicksten Lederharnisch, der mir je untergekommen ist.“

„Es tut dennoch verdammt weh!“, wehte Grems zornige Stimme zu

ihnen herüber.

„Hier ist mein Angebot.“ Der Boss lächelte schmal. „Ich bringe dich und deine Geschwister nach Cormoran. Du arbeitest für mich, bis deine Schulden beglichen sind. Und damit das klar ist: Wenn ich dir das nächste Mal befehle, auf jemanden zu schießen, wirst du nicht zögern. Sind wir im Geschäft?“

Elena rang einen Moment mit sich. Dann nickte sie. „Das sind wir.“

Der Boss warf einen prüfenden Blick auf das Schwert an ihrem Gürtel. „Kannst du damit umgehen?“

„Nicht wirklich“, gestand Elena.

Der Zwerg schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Dann wirst du es lernen müssen“, erwiderte er. „Und bis dahin reicht es hoffentlich, wenn andere glauben, du könntest es. Hol deine Geschwister; wir brechen noch vor dem Morgengrauen auf.“

 

Finn und Lelia schliefen noch, als Elena zum Rand der Zeltstadt zurückkehrte. Einen Moment lang musterte sie die beiden, wie sie eng aneinandergeschmiegt unter den Wolldecken lagen. Wie friedlich sie aussahen. Wie unwissend. Elena ging in die Hocke und strich ihnen übers Haar.

„Wacht auf“, flüsterte sie. „Wir müssen los.“

Blinzelnd regten die beiden sich.

„Was ist los?“, murmelte Finn, während Lelia herzhaft gähnte. „Wohin gehen wir?“

Und endlich spürte Elena, wie die Anspannung der letzten Tage einer unglaublichen Erleichterung wich.

Burg Trenje und ihr Fürstentum waren verloren. Wahrscheinlich war ganz Arinth verloren, und all die anderen Flüchtlinge, die hier im Schatten der Großen Mauer vergeblich darauf warteten, dass man sie einließ. Elena glaubte nicht, dass die Menschen hier den Winter überleben würden. Doch sie und ihre Geschwister waren in Sicherheit. Sie würden sich in Cormoran ein neues Leben aufbauen, und wenn das bedeutete, dass sie die nächsten Monate oder Jahre die Drecksarbeit für einen skrupellosen Schmuggler erledigen musste, dann würde sie das tun. Solange ihre Geschwister in Sicherheit waren, war alles gut.

„Über die Mauer“, antwortete Elena lächelnd. „Wir gehen über die Mauer.“

 

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© 2017 by Laura Dümpelfeld

Zuerst erschienen in: Ingrid Pointecker (Hrsg.): Heimchen am Schwert: Femtasy mit starken Frauen. OHNEOHREN 2017

Alle Rechte vorbehalten

Über die Autorin

Autorin: Laura Dümpelfeld

 

Laura Dümpelfeld wurde 1989 in Köln geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin studiert sie nun Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz. Bisher ist sie in ihrem Leben neunmal umgezogen und hat in fünf verschiedenen Städten gelebt – ihre Liebe gilt aber eindeutig dem Rheinland. Neben dem Schreiben, das ihre große Leidenschaft ist, hat sie noch mindestens ein Dutzend anderer Freizeitbeschäftigungen – darunter Lesen, Filme gucken, Theater spielen, Liverollenspiel, Nähen, Basteln, Gitarre spielen, Pen&Paper und Computerspiele – denen sie, sooft es ihre Zeit erlaubt (was selten genug ist), nachgeht. Sie mag Nudeln, verrückte Ideen und alles, was bunt ist.

 

 


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 27. Juli 2018, genau hier.

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