Fiction Friday: Leckere Zähne (Guillermo del Toro & Matthew Robbins)

© Mike Mignola

FICTION FRIDAY

Leckere Zähne (Guillermo del Toro & Matthew Robbins)


Guillermo del Toro & Matthew Robbins
27.07.2018

Hellboy meets Guillermo del Toro: Zusammen mit Matthew Robbins schickt der bekannte Drehbuchautor den roten Dämon in ein neues abgefahrenes Abenteuer! »Leckere Zähne« ist ein besonderes Highlight aus der frisch erschienenen Hellboy-Anthologie Eine offene Rechnung (Golkonda Verlag) und, genau wie alle anderen Storys, illustriert von Mike Mignola.

 

***

Dunkel hier drinnen. Wie immer.

Hellboy fragte sich, ob er jemals darüber hinwegkommen würde, über diese vertraute Mischung aus Angst und Freude. Irgendetwas, das mit der guten alten Finsternis und seinem eigenen stygischen Ursprung zu tun hatte …

Er schlurfte über einen nassen Boden, seine Hufe schabten an glattem Gestein.

Was sollte er an diesem gottverlassenen Ort finden? Er war müde und hungrig, gerade genug, um seine berühmte Reizbarkeit zu provozieren. Mist, das sah nach einem weiteren falschen Alarm aus. Vermisste Kinder; aus Bukarest. Eine Polizeiangelegenheit, etwas für die transsilvanischen Milchkartons …

Er spürte einen kalten Wind im Gesicht, der von irgendwo unter ihm aufkam. Es war Zeit, einen weiteren Leuchtstab anzuzünden.

Mit einem Zischen leuchtete das chemische Licht auf, und er kniff seine goldenen Dämonenaugen zusammen. Vor ihm lag eine schmale Treppe, die spiralförmig in den Felsen hinunterführte. Es handelte sich um eine uralte, feuchte Gruft, gut dreißig Meter unter den Ruinen einer Festung. Er wünschte, Abe wäre hier, aber der glückliche Fischmann räkelte sich im warmen mediterranen Wasser und barg ein von Geistern heimgesuchtes Altarbild aus dem Bauch eines Galeerenschiffs. Abe hasste Rumänien ohnehin. Besonders die rumänischen Krypten mit ihrem abgedroschenen Ruf.

Er blieb stehen, um die modrige Luft zu schnüffeln. Kein Fledermauskot, kein Blutgeruch. Nur nasskalter Moder, nicht die Art Atmosphäre, die Vampire bevorzugen würden. Er seufzte, da er wusste, dass er zumindest so tun musste, als ob. Also, vorwärts durch einen weiteren widerlichen Tunnel. Seine Lebensgeschichte. Er warf einen Blick auf seinen massigen Schatten und lächelte über dessen sich abzeichnende Bedrohung. Wie in einem Film, dachte er. Zu schade, dass niemand hier war, um die Vorstellung zu genießen.

Oder doch? Seine rote Haut kribbelte, die seltsame, unerklärliche Warnung, die er an Orten wie diesem erfahren hatte. Jetzt auf der Hut, holte er seine verdammt große Knarre heraus. Sein eigenes, stählernes Sicherheitspolster, die ganzen zehn Pfund. Hellboy liebte ihr Gewicht, als Schusswaffe und stumpfes Instrument.

B.U.A.P.s Kate Corrigan und Captain Mihaileanu, ihr Kontakt vor Ort, warteten oben irgendwo, saßen in dem Land Rover, glotzten auf Grabsteine und schlürften Sliwowitz.

»Hellboy? Willst du dich mal melden, großer Kerl? Ein wenig Info?«

Am Funkgerät klang Kate besonders mädchenhaft, ultra-amerikanisch. Hellboy sprach leise, seine Lippen nahe am Mikrofon. »Noch nicht. Ich friere hier unten …«

Moment. Hörte er etwas?

»Komm schon, Hellboy, du hast dich gerade beschwert …?«

»Schhhh …«

Stimmen. Definitiv. Schrill, wimmernd, irgendwo weiter vorn. Und Kettenrasseln. Unheimlich. Hellboy klappte die Waffe auf und überprüfte die Kugeln. Hmm. Vielleicht doch nicht so eine gute Idee, dieser ganze Knoblauchsaft und Buchsbaum, keine Spur von Blutsaugern oder Fledermäusen.

Mehr Schreie und Flüstern. Menschlich, vermutete er. Erneut sprach er in sein Mikrofon.

»Hier unten ist jemand.«

Er rupfte einige Kugeln von seinem Patronengurt und tauschte welche aus. Er hatte die Nacht zuvor im B.U.A.P.-Flugzeug damit verbracht, sein eigenes Sortiment an Gift herzustellen, da er nicht wusste, was ihn erwartete. Jetzt beschloss er, auf ptolemäischen Silberstaub zu wechseln, der in Weihwasser schwebte – ein universaler, Monster betäubender Wirkstoff.

»H. B., hier spricht Mihaileanu.« Ja, Radu der Zauberer; der Kerl klang wie ein Imitator von Bela Lugosi, aber er hatte ein Herz aus Gold. Er war es gewesen, der Alarm geschlagen und die B.U.A.P. mit hineingezogen hatte. »Wenn es die Kinder sind, werden sie schreien, sobald sie dich sehen. Wie viel Rumänisch sprichst du?«

»Keine Ahnung, ähm – La plume de ma tante, dos equis por favor, Sieg Heil …«

»Das reicht. Wenn sie bei Bewusstsein sind … lächle einfach, okay? Sie werden ausgehungert sein. Gib ihnen zwei Schokoriegel.«

»Auf keinen Fall. Ich hab nur noch zwei. Da ist bei mir absolut die Grenze …«

Irgendetwas an seinen Füßen. Ein Kinderschädel, mit lebendigen Spinnen verziert. Das grünlichgelbe Licht beleuchtete eine Auswahl von Nischen, die in die Steinmauern gemeißelt waren. Er fasste in die nächstgelegene und zog eine Handvoll kleiner Knochen heraus.

»Ratet mal, Leute! Ich bin von Babyknochen umgeben.«

In seinem Ohrknopf – das Rauschen wurde lauter – hörte er ein gemurmeltes Fluchen. Dann das Geräusch von Papier, das zerrissen wurde, als Kate ihren Angriffsplan aufriss. Radu sprach hastig: »H. B., schau genau hin! Gibt es Zahnabdrücke? Frische?«

Hellboy schaute mit zusammengekniffenen Augen auf das Schlüsselbein eines Kindes. Angeritzt, zerkratzt und zerkaut. Alte Knochen, neue Abdrücke.

»Das Mark – hat irgendetwas daran geknabbert?« Er konnte hören, wie Seiten schnell umgeblättert wurden. Kate las das Handbuch.

Rauschen dröhnte in seinem Ohrknopf. Und genau dann – perfektes Timing – ging sein Leuchtstab aus. Maulend zündete er einen weiteren an und schaute sich um. Mini-Brustkörbe und staubiges Holzspielzeug waren überall am Boden verteilt. Er gluckste, als er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Ja, wieder das alte Gefühl: aufgeregt und ängstlich. Instinktiv beugte er seine Fingerknöchel.

»Radu? Ja. Die Knochen – knabber, knabber, knirsch, knirsch.« Mehr böses Murmeln. »Was ist los, Kate? Macht dich das hungrig?«

»Halt die Klappe und pass auf! Es handelt sich um Zahnfeen.«

Hellboy lächelte. Genau das liebte er an B.U.A.P.s Außendienst-Direktorin: Sie nahm alles so ernst, sogar wenn die B.U.A.P.-Analytiker aus der Haut fuhren, wie jetzt.

Für seine Größe war die Decke kaum hoch genug, und jetzt, wo er sich in einem weiteren grob gemeißelten Kellergewölbe befand, schlossen ihn die Mauern immer mehr ein. Er hatte alle Zahnfee-Geschichten gehört, jeden einzelnen grotesken Witz, und letzten Endes wertvolle Zeit verschwendet. Irgendeine perverse Faszination, das musste er zugeben, wenn man eine heißgeliebte Kindheitsphantasie in den Sumpf dämonischer Sagen der Behörde zog. Womit würden sie als Nächstes kommen? Mit einem Säbelzahn-Osterhasen?

Kate las: »Okay, wir haben das Übereinkommen von zwölfhundertsechsundzwanzig, eine Übereinkunft zwischen Papst Honorius und Pauxtis Salgudis, dem Elfenkönig …« Hellboy lachte erneut. Elfenkönig: Entschuldigung, er konnte einfach nicht anders.

Dann bemerkte er Eisenringe, die in die Decke gehämmert waren; in dem seltsamen, sauren Licht.

Die Geschichtsstunde ging weiter: »Die endlosen Plünderungen der Feen, ihr Streben nach dem süßen, leckeren Kalzium, das man nur in den Knochen von kleinen Kindern fand. Sie machten das Leben im späten mittelalterlichen Konstantinopel unmöglich. Kinder wurden aus ihren Betten gestohlen, ermordet, ihre Knochen gegessen … Honorius setzte einen Vertrag auf, in dem die hungrigen Feen eine Silbermünze, die man unter das Kissen jedes Kindes gelegt hat, im Tausch gegen einen frischen Milchzahn als Bezahlung annehmen würden. Hellboy, hast du das verstanden?«

Kurzgeschichte: Leckere Zähne

© Mike Mignola

Er hatte genug gehört. Er schaltete den Ohrknopf aus und legte seine Tasche mit der Ausrüstung ab; jetzt war ihm das flache Atmen von irgendwo in der Nähe bewusst. Langsam und bewusst arbeitend, zerbrach er zwei weitere Leuchtstäbe und warf sie in die finstere Kammer. Dann erblickte er die Zellen.

In regelmäßigen Abständen waren Eisenstäbe entlang der Wände angebracht, wie ein unterirdischer Zwinger. Hinter ihnen, in jedem kleinen Käfig, lag ein erbärmlicher Knochenhaufen, an manchen von ihnen hingen noch verrottete Pyjamas. Er ging näher heran und wusste jetzt, was er finden würde.

Direkt über seinem Kopf, in einer der Zellen, bewegte sich etwas. Augen starrten heraus – zwei bleiche Kinder, jedes ungefähr sechs Jahre alt. Ein Junge und ein Mädchen lagen in Ketten, winselten und schauten ihn entsetzt an. Er trat näher heran, und die Kinder schreckten zurück, schwach pressten sie sich an die hintere Wand, bereit zu sterben.

»Ganz ruhig, Onkel Rot wird euch nicht wehtun. Schaut, ich habe etwas Süßes mitgebracht.« Er holte die Schokoriegel aus seinem Mantel, hielt sie ihnen hin und wartete. Aber die Kinder glotzten nur mit gläsernem Blick.

»Was ist los? Habt ihr Angst, dass sie eure Zähne verderben?«

Er lächelte breit und deutete auf seinen Mund. »Zähne, wisst ihr? Äh, ähm – brusha brusha?« Die Kinder zitterten; der Junge deutete auf etwas hinter Hellboy.

Hellboy folgte noch rechtzeitig dem Blick der Kinder, um eine Gestalt zu sehen, die wie eine Hochgeschwindigkeitsratte am Boden entlangflitzte. Kurze Zeit später hastete eine weitere dunkle Gestalt vorbei. Als er leises Gelächter hörte, ging er zu einem Abfluss hinüber und schaute hinunter.

Irgendetwas bewegte sich da unten, und er nahm Flüstern war, wie das Rascheln von Seidenpapier. Er hielt einen Leuchtstab hin und ließ ihn hineinfallen. Keine fünf Sekunden später ging das Licht aus, aber in dieser kurzen Zeit wusste er, dass er in Schwierigkeiten steckte.

Ein glitzerndes Aufgebot an Flügeln und blassen, auf und ab wippenden Köpfen kletterte von unten herauf, zu irgendeiner namenlosen Mission entschlossen.

Er trat zurück, packte einen der Käfigstäbe und zog. Aber nichts geschah. Es handelte sich um altes Eisen, robust und dick. Mit beiden Händen versuchte er es erneut, als piepsende Stimmen in der Grube hinter ihm widerhallten. Sie kamen näher. Angestrengt und stöhnend stellte er fest, dass ihm nicht mehr kalt war. Eigentlich fing er an zu schwitzen.

In einer plötzlichen Explosion von Felsstaub schaffte er es, den Eisenstab zu entfernen; genug, um ihn umzubiegen und damit in den Käfig zu fassen. Nach einem kurzen Handgemenge zog er den kleinen Jungen heraus, indem er seine Kette zerriss. Aber er spürte eine Berührung an seinem Bein, als irgendetwas vorsichtig bis zu seiner Hüfte hinaufkroch. Ohne das Kind fallenzulassen, streifte er das, was immer es auch war, auf den Boden und zielte mit seiner Waffe darauf.

Unter einer Wuschelfrisur aus zotteligen, weißen Haaren starrte ihn ein fröhliches, niederträchtiges kleines Gesicht an. Das Ding hatte winzige Finger und einen Lichtfleck auf seinem Rücken, wo hauchdünne Flügel mit der Geschwindigkeit eines Kolibris schlugen. Und sofort schlossen sich der Fee ein halbes Dutzend weitere an, die aus dem Abfluss hinaufgeschossen kamen und sich wie frisch geschlüpfte Eintagsfliegen in die Lüfte schwangen.

Unter ihrer blassen, membranartigen Haut pulsierten aufgeregt dünne bläuliche Venen. Ihre kleinen Kiefer öffneten sich und brachten Reihen von dünnen, eng aneinandergedrängten Zähnen zum Vorschein, die von jahrhundertealtem Blut orange gefärbt waren.

Empört drückte Hellboy ab, und die Pistole dröhnte gegen die Felswände. Durch das Mündungsfeuer konnte er sehen, dass der Boden mit weiteren rennenden, surrenden Kreaturen lebendig war, viel zu viele für eine magische Kugel, egal was sie beinhaltete. Als sich der Rauch verzog, erkannte er, dass er ein paar ausgelöscht hatte, aber die anderen landeten bereits auf seinem Rücken, rannten auf seinen Schultern herum und huschten die Ärmel seines schweren Lederkittels hinauf.

Er fasste in die Zelle, packte das kleine Mädchen am Kragen und zog es heraus. Mittlerweile stand er knöcheltief in den kleinen Biestern. Er spürte, wie sie gierig an der Haut an seinem Hals, an seinen Beinen und Armen herumknabberten. Sein Blut vermischte sich mit Schweiß und durchnässte ihn. »Verdammt, ihr tut mir weh!«, brüllte er. Wutentbrannt feuerte er ein paar Schüsse ab.

Die Pistole klickte bei einem leeren Patronenlager – jetzt schon?! Keine Zeit zum Nachladen. Hellboy rannte auf die Stufen zu, beide Kinder unter einem gewaltigen Arm und seine Tasche mit der Ausrüstung in der anderen Hand. Hinter ihm flog eine Wolke kleiner Kreaturen auf wie Heuschrecken aus einem Weizenfeld.

Er war immer schnell gewesen, aber es gab keine Möglichkeit, den schnappenden, flitzenden Kreaturen, die hinter ihm schwirrten, zu entkommen. Er schlug sie tot und wusste durch ihre Soprano-Schreie und dem plötzlich rutschigen Boden, dass er einige mit seinen Füßen zermatschte. Aber es waren zu viele.

Eine der Kreaturen versenkte einen schmutzigen Schneidezahn in Hellboys Unterarm. Einen Augenblick später zermahlte die rechte Hand des Schicksals die unglückliche Fee zu Brei. Hellboy untersuchte die frische, zackige Wunde: Dieses Ding hatte durch Fleisch, Muskeln und Sehnen gekaut. »Ah. Das wird keine schöne Narbe geben«, dachte Hellboy. »Eine Trophäen-Wunde.«

Er spürte, wie er langsamer wurde, als sie an seinem Mantel zerrten und versuchten, ihn zurückzuziehen. Während sich Hellboy wie Gulliver inmitten der Liliputaner vorkam, kämpfte er sich weiter nach vorn und ging dabei an Marmorfriesen mit römischen Grabinschriften vorbei. Irgendwann, dachte er, wäre es interessant, hierher zurückzukommen und etwas über das alte Dakien zu erfahren …

Mist. Er kam nicht weiter. Die Feen waren überall; sie tanzten auf seinem Kopf, schwangen sich von seinen Unterarmen und krochen seinen Kragen hinunter. Als er hinunterblickte, konnte er sehen, dass sie die tränenüberströmten Gesichter der Kinder anleuchteten. Der Mund des kleinen Jungen stand albtraumhaft offen, er heulte vor Angst. Hellboy erblickte ein paar funkelnde, weiße Zähne, die lose an seinem Zahnfleisch hingen.

Er erkannte seine Chance und schob seine großen, klobigen Finger in den Mund des Kindes; er tastete herum, bis er einen lockeren Backenzahn zu fassen bekam. Er zog ihn heraus, schnell genug, dass der würgende Junge kaum wusste, was passiert war. Für den Bruchteil einer Sekunde hielt Hellboy ihn hoch und hoffte, dass er wie ein Goldklumpen glänzen würde.

Plötzlich Stille. Die Myriade von Feen schien zu erstarren, als wären sie von dem Anblick von etwas so Exquisitem, so Leckerem, hypnotisiert worden. Hellboy musste lächeln.

»Ihr wollt also etwas, auf dem ihr herumkauen könnt?«

Er warf ihn in die Dunkelheit.

Der winzige Zahn klapperte wie ein weißer Kieselstein auf dem Steinboden, nur um unter einem aufgewühlten Haufen wilder, surrender Körper zu verschwinden. Das aufgeregte Feen-Geplapper war nicht zu entziffern, aber irgendwie erzählte es eine Geschichte von uralter Lust und, für die Glücklichen, von köstlicher Befriedigung. Hellboy quetschte sich in die nächstgelegene Ecke und stopfte die Kinder unter seinen Mantel. Er fasste in die Tasche mit der Ausrüstung, holte eine doppelte Vulcan-64-Granate heraus, zog den Stift und rollte sie über den Boden.

Jetzt schrien beide Kinder ängstlicher als jemals zuvor. Sie hatten wahrscheinlich kurz seinen Schwanz zu sehen bekommen. Schade, dass Abe nicht hier war – er hatte diese sanfte, beruhigende Stimme …

Mit einem ohrenbetäubenden Getöse ging die Granate los. Die glühende Hitze rollte über Hellboys Körper, als das Grabgewölbe in orangenen Flammen aufging. Ah, Verbrennung, sein alter Freund, so praktisch in Zeiten wie diesen. Er blieb gebückt, hielt die Kinder unten und ließ seinen feuerfesten Körper sie vor Verletzungen bewahren. Als die Flammen sich zu senken anfingen, blickte er auf.

Die Luft war voller sterbender Feen.

Sie schlugen überall um ihn herum am Boden auf, ihre Flügel sprühten Funken und Rauchfahnen. Der Boden war mit ihren verkohlten Körpern übersät, einige zuckten wie Riesenschaben.

Etwas schimmerte unter ihren Leichen. Hellboy trat einen kleinen Lederbeutel beiseite und hörte das vertraute Klimpern von Münzen. Er bückte sich und sammelte ein paar funkelnde Silberstücke ein, während er über ihren Neuzustand staunte. Obwohl er kein Experte war, konnte er das berühmte Profil des Kaisers Konstantin erkennen. Souvenirs – er liebte sie.

Irgendjemand zog am Saum seines Mantels. Natürlich, die Kinder. Er blickte hinunter und sah, wie sie zu ihm aufschauten und nach seiner großen Hand tasteten. Er kniete sich hin und musterte sie. Gar nicht so übel, trotz ihrer Blässe und ihres jüngsten Traumas.

»Immer mit der Ruhe … Onkel Hellboy hat es nicht vergessen. Zeigt mir mal euer Lächeln und mal schauen, was euch die Zahnfee gelassen hat, okay?« Er reichte ihnen seine beiden letzten Schokoriegel. Eine nie zuvor gesehene Geste, über die man in den Fluren der B.U.A.P. noch jahrelang debattieren und tuscheln würde.

Draußen ging die Sonne auf. Ein paar Nebelschwaden stiegen zwischen den Grabsteinen auf, als die Vögel zu zwitschern anfingen. Kate, die vorn im Range Rover saß, starrte über den Friedhof eine schwarze Rauchfahne an, die aus dem halb ruinierten Mausoleum aufstieg. Und plötzlich erblickte sie Hellboy, der auf sie zukam, ein Kind auf jeder Schulter. Und beide Kinder grinsten mit Zahnlücken und kauten an der weichen Nougat-Schokolade herum. Hellboy war voller Zuversicht und lächelte: Professor Bruttenholm hatte ihm früher von Morgendämmerungen wie dieser erzählt, wenn ein neuer Tag der Welt Zauber verleihen konnte.

Er war bereit, einen großartigen Morgen zu erleben.

 

Deutsch von Verena Hacker

---

Originaltitel: Tasty Teeth
Text and illustrations © 2004,  2018 by Mike Mignola, Guillermo del Toro and Matthew Robbins
HellboyTM, Lobster JohnsonTM, B.P.R.D. TM, Abe SapienTM, Liz ShermanTM, and all related characters are trademarks of Mike Mignola. Dark Horse Books® and the Dark Horse logo are trademarks of Dark Horse Comics, LLC, registered in various categories and countries All rights reserved.

Copyright © 2018 der deutschen Ausgabe: Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Erschienen in: Christopher Golden (Hrsg.): Hellboy – Eine offene Rechnung. Golkonda 2018.

Über die Autoren

Guillermo del Toro, 1964 in Guadalajara, Mexiko geboren, ist ergebener Fan von Mario Bava, Luis Buñuel, James Whale, Alfred Hitchcock und Terence Fisher. Seine Faszination für klassisches Horrorkino kam bereits in seinem ersten Film Cronos (1992) zur Geltung, der den Großen Preis bei der Kritikerwoche des Filmfestivals in Cannes sowie neun mexikanische Oscars gewann. Der Film ist vollgestopft mit Insektenbiologie, verrückten Monstern und katholischer Symbolik, die auch weiterhin in seinen Filmen auftaucht: Mimic (1997), The Devil’s Backbone (2001), Blade 2 (2002) und die beiden Hellboy-Filme (2004, 2008). Große Erfolge feierte er auch mit The Shape of Water (2017, prämiert mit 4 Oscars, 2 Golden Globes und dem Goldenen Löwen). Derzeit arbeitet er an einem Reboot des ersten Hellboy-Films, der 2019 in die Kinos kommt. Der bekennende Horror-Süchtige del Toro hat für so unterschiedliche Magazine wie Fangoria und Sight and Sound Artikel und Filmkommentare geschrieben. Zurzeit adaptiert er XXX (zusammen mit Matthew Robbins).

Matthew Robbins wurde in New York City geboren und ging auf die Johns Hopkins University, die er mit einem Bachelor in romanischen Sprachen abschloss. Nachdem er von der USC School of Cinema seinen Master of Fine Arts erhielt, fing er an, Drehbücher zu schreiben. The Sugarland Express war das erste, das produziert wurde; mit Goldie Hawn in der Hauptrolle handelte es sich um Steven Spielbergs ersten Kinofilm, der beim Cannes Film Festival in der Kategorie Bestes Drehbuch gewann. Es folgten weitere Drehbücher für Universal Studios, MGM und Paramount. Zu Robbins Filmen als Drehbuchautor/Regisseur gehören Dragonslayer und Batteries Not Included. Zusammen mit Guillermo del Toro schrieb er für Dimension Pictures Mimic. Matthew Robbins lebt mit seiner Frau in San Francisco. Sie haben zwei Kinder.


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 10. August 2018, genau hier.

Share:   Facebook