FICTION FRIDAY Herzen aus Blech (Oliver Borchers)

© jplenio, kalhh - pixabay

FICTION FRIDAY

Herzen aus Blech (Oliver Borchers)


Die Erde in einer fernen Zukunft. Astur erforscht das Verhalten einer seltsamen Spezies: Sogenannte Menschen brechen ständig ihre eigenen Regeln, legen schon als Fünfjährige territoriales Verhalten an den Tag und lassen sich von heftigen Gefühlen leiten. Ihre größte Angst gilt ihren eigenen Kreaturen …

»Herzen aus Blech« ist die Sieger-Story des PAN-Kurzgeschichtenwettbewerbs, für den unter dem Titel "Der Mensch – Die vergessene Spezies" eine Zukunftsvision gesucht war.

 

***

„Ich bewundere es, wie Sie bei all dem Chaos so ruhig bleiben. Ich bin da anders.“ Frau Sanders lächelte und zuckte mit den Schultern. „Für mich stehen Kindergeburtstage nur knapp unterhalb eines Strahlensturms der Stufe acht!“

Ich bemerkte die Größe ihrer Pupillen, die leichte Rötung ihrer Haut und die mir zugewandten Fußspitzen.

Sie wollte offensichtlich die Beziehung zu mir weiter ausbauen, unabhängig davon, dass sie verheiratet war.

Ich wusste, dass Menschen nach monogamen Regeln lebten, obwohl sie diese ständig brachen. Ich zügelte meine Neugier, ging durch meine interne Datenbank und suchte nach Informationen über die richtige Verhaltensweise in solch einer Situation.

„Das sagt meine Frau auch immer. Dabei ist sie es, die dieses Chaos letztlich bewältigt. Ich glaube, wenn sie nicht wäre, würde ich tausend Strahlentode sterben.“

Die Antwort, verbunden mit einem diskreten Schritt fort von ihr, sorgte dafür, dass Frau Sanders verstand. Sie lächelte, zuckte die Achseln und ließ sich von ihrer Tochter ablenken, die gerade ein kleines Mädchen an den Haaren zog.

Ihre Reaktion war so vorhersehbar, so sehr in Übereinstimmung mit den Daten über die Menschen, die ich zusammen mit den anderen Missionsparametern erhalten hatte, dass ich den Kopf schütteln musste. Die Menschen hatten sich in Hunderten Jahren nicht geändert, trotz der Katastrophen, die sie überlebt hatten.

Jemand zupfte an meiner Hose. Blaugrüne Augen blickten mich an.

„Onkel Astur, hast du mal ein Taschentuch?“

Johann schniefte geräuschvoll und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Weißt du, der Marco hat der Ana die Fünf von der Torte geklaut und gegessen. Das darf der nicht, weil, jetzt hat sie gar keine richtige Geburtstagstorte mehr. Und wir feiern doch zusammen! O Mann, wenn der das auch bei meiner Geburtstagstorte tut! Das soll der nicht, das ist meine!“

Bevor ich ein Taschentuch auspacken konnte, drehte sich der kleine Junge um und drängte sich durch das Gewimmel von Kindern und Erwachsenen.

Ein wenig verblüfft beobachtete ich, wie Johann seine Torte vor seinem Widersacher verteidigte.

Ich gab Befehle an meine internen Programme, die das chaotische Verhalten des Jungen analysierten und mit meinen Missionszielen verglichen. Die Resultate entsprachen wie immer dem erwarteten Muster.

Ich seufzte und ignorierte Frau Sanders’ hoffnungsvolle Blicke. Hatten diejenigen, die behaupteten, die Menschheit habe nur rein zufällig überlebt, doch recht?

Wieder schüttelte ich den Kopf.

Nein, das konnte ich nicht glauben, meine Theorie musste richtig sein. Irgendetwas im chaotischen Wesen der Menschen hatte ihnen während der letzten Jahrhunderte einen Vorteil verschafft, der ihre Auslöschung verhindert hatte.

Mittlerweile hatten sich die jeweiligen besten Freunde um Johann und Marco geschart und zeigten das typisch egoistisch-emotionale Territorialverhalten, das die Menschheit vor hunderten Jahren zu Kriegen und Zerstörung geführt hatte.

Ich seufzte wieder. Irgendwann würde ich das Geheimnis der letzten Menschen entdecken.

Ich musste Geduld haben.

 

Wir verließen die Gemeindehalle, die nichts anderes war als ein uralter Betonklotz mit meterdicken Wänden. Johanns kleine Hand suchte nach meiner. Sie war schweißnass und warm.

Während der Junge mir stolz von seiner erfolgreichen Verteidigungsstrategie erzählte, scannten meine Augen und all meine anderen Sensoren die Umgebung.

Der Bunker, in dem wir lebten, lag am Rand der Siedlung, die sich an den mächtigen Vulkan schmiegte. Dort war die Konzentration der Dämpfe zwar höher, aber gerade noch ungefährlich. Wir liefen an Gewächshäusern und Pumpstationen vorbei und passierten Dekontaminierungsanlagen. Menschen, überzogen mit Asche und Schweiß, machten Feierabend und ignorierten uns, während sie erschöpft nach Hause schlurften.

„Onkel Astur, hast du Angst vor den bösen Robotermännern?“

Johanns Frage ließ mich innehalten.

„Welche Robotermänner meinst du?“, fragte ich, bemüht, meine Stimme normal klingen zu lassen. Johann deutete auf den wolkenverhangenen Himmel.

„Na, die bösen Robotermänner, die von da oben auf uns Menschen geschossen haben. Hast du Angst vor denen?“

Meine Analyseprogramme sprangen wieder an.

„Warum sollte ich Angst haben? Das war doch vor sehr langer Zeit. Wie kommst du gerade jetzt darauf?“

Johann zuckte mit den Schultern. „Weiß nich. Du schaust manchmal so ängstlich, als würden gleich tausend hundert Robotermänner aus dem Weltraum runterfallen.“

Während ich meine Verhaltensprotokolle analysierte und Optimierungsprogramme startete, fuhr Johann fort:

„Weißt du, du musst keine Angst haben. Ich bin doch da. Weil ich keinen Papa und keine Mama mehr habe, seid ihr ja jetzt meine Familie, Tante Mala und du. Und Familie schützt sich!“

Ich kannte die Verhaltensregeln der Menschen und streichelte daher über den Kopf des Jungen.

„Danke. Aber ich habe keine Angst vor den Robotern. Ich glaube sogar, die Roboter haben sich weiterentwickelt und sind heute gar nicht mehr kriegerisch. Vielleicht sind sie nur noch Forscher.“

Doch der Junge sprang auf und tat so, als habe er ein Lasergewehr in der Hand. Er gab Laute von sich, die Waffenlärm imitieren sollten, und rief: „Nimm das, du Maschine! Und das, du DOG!“

DOG. Ding ohne Gefühl. Meine Datenbank enthielt auch die Schimpfwörter der Menschen für ihre einstigen Feinde.

Feinde, die sie selbst entwickelt hatten.

In diesem Moment registrierte einer meiner Sensoren einen Lichtblitz in der dunklen Wolkendecke. Der Wind drehte und trug erhöhte Radioaktivität heran.

„Johann, komm. Wir müssen nach Hause. Ein Gewitter zieht auf.“

Der Junge folgte sofort, gab aber weiterhin seine kriegerischen Töne von sich.

Als ich die rostige Riegelvorrichtung des heimatlichen Bunkers betätigte, glühte der elektrostatische Schild bereits, der die Siedlung umgab, und reagierte damit auf den immer stärkeren Beschuss von radioaktiven Isotopen. Jenseits des Schildes zuckten Blitze aus den Wolken und erhellten windschiefe Wachtürme, die einst die Grenze eines Luftwaffenstützpunktes geschützt hatten.

Warmes Licht begrüßte uns drinnen. Mala deckte den Tisch. Ich gab ihr einen Kuss.

„Wie war die Geburtstagsfeier?“ Mala erwiderte den Kuss und übertrug mir währenddessen den Status ihrer Arbeit in einem komprimierten Datenstrom. Auch ihre Forschungen hatten nichts ergeben. Mala arbeitete hauptsächlich mit erwachsenen Menschen, daher waren ihre Aussichten geringer, etwas wirklich Neues und Verwendbares zu finden.

„Spitze!“, rief Johann und lief aufgeregt hin und her. Seine Augen blitzten. „Der Marco hat versucht, meine Fünf zu essen, wie er das bei der Ana gemacht hat. Die hat geheult, aber nicht so sehr wie die Lena, bei der hat die Isabel ein paar Haare rausgezogen! Und weißt du, was dann passiert ist, Mala? Dann hat der Fabi sich mit der Isabel geprügelt, weil, die Lena ist seine Schwester, und nur er selbst darf der an den Haaren ziehen!“

Während Mala und ich die emotional geladenen Ausführungen Johanns aufzeichneten, aßen wir gemeinsam unser Abendessen. Plötzlich schlug sich der Junge vor die Stirn und lächelte breit. „Ach ja, ich hab hier was für euch!“

Er kramte zwei Blech-Herzen mit Anstecknadel hervor. „Eins für Tante Mala, eins für Onkel Astur.“ Angestrengt presste er die Zunge gegen die Oberlippe, während er versuchte, ein Herz an Malas Overall zu befestigen.

Sie half ihm. „Danke, Schatz. Hast du das vorhin geschenkt bekommen?“

„Sag ich nicht. Ist ein Geheimnis!“

Mala blickte mich an. Ich verstand sie auch ohne direkte Verbindung.

Emotionen.

Diese Herzen waren ein typischer Ausdruck der Gefühle der Menschen füreinander. Emotionen, die in ihrer schlimmsten Ausprägung vor Jahrhunderten Auslöser von Kriegen und Vernichtung gewesen waren.

Mala gehörte zu denjenigen, die meinten, dass sich die Menschen nicht geändert hatten und ihr Überleben nur Zufall war.

Johann nestelte mit der Sicherheitsnadel an meiner Jacke herum und stach sich dabei in den Finger. Er war müde und unkoordiniert, daher nahm ich seine Hand und sagte: „Jetzt nicht, Johann. Vielleicht morgen. Lass uns jetzt schlafen gehen.“

 

Die Schläge des Donners ließen den Boden vibrieren, als Mala mich aus meinem Standby-Modus riss.

„Es wurde ein Störfall bei dem Schild-Perimeter gemeldet. Ich muss los“, sagte sie. Meine Sensoren registrierten keinen Vorfall, doch das bedeutete bei dem Wetter nichts.

„Ich bin bald wieder da.“ Als sie die Tür aufmachte, wurde Johann wach. Torkelnd kam er in mein Bett. Er fing an, sich hin und her zu wälzen. Ich streichelte sein wirres Haar, ein Reflex meiner Motorikprogramme.

„Warum hast du Mala und mir diese Herzen geschenkt?“

Johann räusperte sich und sagte: „Weil ihr die Besten seid. Ich hab euch doch lieb.“

Ich begann seine Antwort zu analysieren, da fuhr Johann fort:

„Außerdem hat Frau Sanders mir die gegeben. Sie hat gesagt, das ist eine super Idee, wenn ich sie euch schenke.“

Bevor ich diese Information verarbeiten konnte, empfing ich Malas Hilferuf auf der Notfrequenz. Er war kurz und verstummte abrupt.

In mir dröhnte Alarm. Statusberichte von Malas letztem Aufenthaltsort flimmerten auf meinen inneren Displays, taktische Auswertungsprogramme starteten.

Äußerlich war mir nichts anzumerken, und trotzdem drehte sich Johann zu mir um.

„Ist alles in Ordnung, Onkel?“

„Mein Lieber, ich werde mal nach Tante Mala schauen. Du bleibst hier im Bett, bis ich wiederkomme, in Ordnung?“ Er klammerte sich an mich und schaute mich groß an. Er wollte mich nicht gehen lassen. Ich war fasziniert von dem Instinkt des Jungen. War das das Verhalten, nach dem ich forschte?

Meine Taktikprogramme drängten darauf, mich zu beeilen.

Das Herzblech, das er mir hatte schenken wollen, lag auf meinem Nachttisch. Ich nahm es und befestigte es an seinem Pyjama.

„So. Während ich fort bin, passt du darauf auf, OK?“

Er zögerte, dann lächelte er und ließ mich los.

„In Ordnung. Damit sehe ich aus wie die Soldaten im Museum!“ Er machte kriegerische Geräusche.

Ich würde seine Aussage später analysieren; jetzt lenkte ich meine ganze Energie darauf, so schnell wie möglich zu Mala zu gelangen. Als sich die Tür hinter mir schloss, befand sich Johann in einem heftigen Lasergefecht mit imaginären Feinden.

 

Ich sprintete durch die Nacht. Ab und an zuckte noch ein Blitz auf und erhellte meinen Weg. Donner grollte. Ich passierte die Stromemitter des Schutzschildes und kletterte über Lavagestein, auf dem sich trotz der Strahlung grüne Flechten ausbreiteten.

Ich fokussierte all meine Sensoren auf Mala, die ich irgendwo in der Nähe des alten Luftwaffenstützpunktes ortete.

Einer der alten Türme war umgekippt, seine sowieso schon korrodierten Stahlträger waren zerfetzt und lagen überall herum. Es musste eine Explosion gegeben haben, die mir wahrscheinlich aufgrund des Donners nicht aufgefallen war.

Ich fand die Überreste von Mala, ein Haufen verknoteter Gliedmaßen und zerfetztes Synth-Fleisch.

Ich zögerte, dann tastete ich sie vorsichtig ab.

Was war passiert?

Ihr Hauptprozessor funktionierte noch teilweise und spielte in einer Endlosschleife die letzten Sequenzen vor der Explosion ab.

 

Ihre Sensoren durchdringen die Dunkelheit, tasten Betonpfeiler und Trümmer ab. Da empfängt sie ein Signal, einen alten Militärcode der Menschen. Ihre Programme entschlüsseln ihn. Drei Buchstaben werden immer wieder gesendet.

D O G

Das Signal wird langsam immer stärker, als würde sich der Sender nach einem Suchmuster auf sie zu bewegen.

Im selben Moment, in dem sie den Schatten einer Drohne über sich registriert, erwacht das Blechherz an ihrer Brust zum Leben und sendet ein Bestätigungssignal.

Die Drohne reagiert und startet eine Rakete.

 

Die Aufzeichnung begann erneut.

Das Blechherz war ein Transponder für alte militärische Drohnen, ein Zielerfassungsgerät aus der Vergangenheit, aktiviert durch Berührung einer Künstlichen Intelligenz. Die Blechherzen, ein Zeichen menschlicher Emotionen, schienen für meine Vorgänger damals so unwichtig gewesen zu sein, dass sie sie in keiner Datenbank vermerkt hatten.

Meine Logikroutinen stockten.

Johann!

Ich aktivierte alle Energiereserven in meinen Systemen und sprintete zurück zur Siedlung.

Noch bevor ich die Emitter erreichte, grollte Donner.

Ich wusste genau, dass es kein Donner war.

 

Als ich die Trümmer des alten Bunkers erreichte, war die Drohne schon weitergeflogen. Alle Systeme in mir warnten mich, doch ich ignorierte sie und riss die zerfetzten Stahlbetonteile zur Seite.

Ich fand seinen zerschmetterten kleinen Körper, die Hände fest um das Blechherz geschlossen.

In mir erlosch ein System nach dem anderen. Ich sank auf die Knie, meine Hände streichelten ihn sanft.

Dann hörte ich Frau Sanders’ kalte Stimme hinter mir.

„Mein Gefühl hat mich also nicht getrogen“, sagte sie. „Ein verdammtes DOG, das uns infiltriert hat. Genauso pseudo-sentimental wie seine Vorfahren. Und jetzt genauso ausgelöscht und vergessen.“

Der Schuss machte ein ähnliches Geräusch wie Johanns Spiele.

 

---

 

 

© 2018 by Oliver Borchers. Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

Über den Autor

Autor Oliver Bochers

Oliver Borchers wurde 1971 in Wiesbaden geboren. Er ist in der zweitgrößten Stadt Portugals, Porto, aufgewachsen und hat sich schon früh für spannende und humorvolle Geschichten interessiert. Sein Faible für die IT–Branche führte ihn über Umwege nach Paderborn, wo er heute arbeitet.

2015 wurde sein Debütroman „Ein Orbit voller Hacker“ veröffentlicht und fand viel Anklang in den Reihen des Zielpublikums. Seit 2015 hat er an mehreren Kurzgeschichtenausschreibungen teilgenommen. Vier Geschichten sind in Anthologien aufgenommen worden.

Er ist Mitbegründer des offenen Autorentreffs Paderborn.

 

 

 


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 13. Juli 2018, genau hier.

Share:   Facebook