Kurzgeschichte am Fictional Friday: Das Unsagbare – H. P. Lovecraft

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FICTION FRIDAY

Das Unsagbare (H. P. Lovecraft)


Gibt es Phänomene, die so schauerlich sind, dass kein vernunftbegabtes Wesen dafür Worte findet? Und lauern solch unaussprechliche Erscheinungen nicht gerade dort, wo der menschliche Geist mit eiserner Hand gegängelt wird?

Parallel zur kommentierten Prachtausgabe H. P. Lovecraft. Das Werk veröffentlichen wir auf TOR ONLINE zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. »Das Unsagbare« liest sich wie ein Streitgespräch über das Übernatürliche und seine literarische Darstellung und ist dabei fest in Neuengland und seiner puritanischen Vergangenheit verortet.

***

Am Spätnachmittag eines Herbsttages saßen wir auf einem verfallenen Grab aus dem siebzehnten Jahrhundert auf dem alten Friedhof von Arkham und diskutierten über das Unsagbare. Während wir die riesige Weide betrachteten, deren Wurzelwerk eine uralte, unleserliche Grabplatte fast zur Gänze umschlungen hielt, hatte ich eine versonnene Bemerkung über die gespenstische und unaussprechliche Nahrung fallenlassen, welche die kolossalen Wurzeln wohl aus der altehrwürdigen Grabeserde saugten. Mein Freund schalt mich für solche Flausen und belehrte mich, dass auf dem Friedhof seit über hundert Jahren keine Beerdigungen mehr stattgefunden hatten und seine Erde somit keine Rückstände mehr enthalten könne, die den Baum auf eine irgendwie ungewöhnliche Weise nährten. Außerdem, so fügte er hinzu, wäre mein ständiges Gerede von »unsagbaren« und »unbeschreiblichen« Dingen eine ziemlich kindische Marotte, die gut zu meinem niederen Rang als Schriftsteller passe. Seiner Ansicht nach ließ ich meine Geschichten nur allzu gern mit Sichtungen oder Geräuschen enden, die meine Helden lähmten und sie mutlos, sprachlos oder ohne die passenden Assoziationen zurückließen, so dass sie nicht mehr berichten konnten, was sie eigentlich erlebt hatten. Wir erfassen die Dinge, so fuhr er fort, nur durch unsere fünf Sinne oder durch unsere religiösen Eingebungen, weshalb es schlicht unmöglich sei, über irgendeine Sache oder ein Ereignis zu sprechen, die nicht anhand der zuverlässigen Richtschnur der Tatsachen oder mit Hilfe der korrekten theologischen Lehrsätze beschrieben werden könnten – vorzugsweise mit denen der Kongregationalisten, wobei mein Freund auch die Modifikationen gelten ließ, welche man der Tradition oder Sir Arthur Conan Doyle entnehmen konnte.

Mit diesem Freund, Joel Manton, hatte ich schon oft müßige Diskussionen geführt. Er war Rektor der East High School, stammte aus Boston und besaß die selbstzufriedene Taubheit des Neuengländers für die feineren Zwischentöne des Lebens. Er war der Ansicht, dass in der Kunst nur unsere gewöhnlichen, objektiven Erfahrungen zählen und es nicht so sehr Aufgabe des Künstlers sei, durch Handlung, Ekstase und Erstaunen starke Emotionen zu erzeugen, sondern durch die sorgfältige und genaue Schilderung alltäglicher Ereignisse beschauliches Interesse und gelassenes Verständnis zu wecken. Besonderen Anstoß nahm er an meiner Beschäftigung mit dem Mystischen und Unerklärlichen. Denn obwohl er in einem viel umfassenderen Sinne an das Übernatürliche glaubte als ich, erschien es ihm zu weit von unserer alltäglichen Erfahrung entfernt, um literarisch dargestellt werden zu können. Dass der menschliche Geist sein größtes Vergnügen darin finden könne, der täglichen Tretmühle zu entfliehen und jene Bilder, die durch Gewohnheit und Ermüdung in die abgedroschenen Muster unserer alltäglichen Existenz gepresst werden, auf originelle und dramatische Art neu zu kombinieren, war etwas, das buchstäblich über seinen klaren, praktischen und logischen Verstand ging. Für ihn hatten alle Dinge und Gefühle feststehende Dimensionen, Eigenschaften, Ursachen und Wirkungen, und obwohl er undeutlich ahnte, dass der menschliche Geist manchmal Visionen und Empfindungen von weit weniger geometrischer, klassifizierbarer und praktischer Natur in sich trägt, glaubte er sich doch im Recht, wenn er eine willkürliche Grenze zog und alles als unzulässig verwarf, was über die Erfahrungen und Begriffe des Durchschnittsbürgers hinausging. Nebenbei bemerkt, war er sich fast sicher, dass es nichts wirklich »Unsagbares« gab. So etwas klang in seinen Ohren einfach nicht vernünftig.

Obwohl ich nur allzu gut wusste, dass es verlorene Liebesmühe war, die Selbstgefälligkeit eines Menschen, der nur die Tagseite unserer Existenz anerkannte, mit Appellen an seine Vorstellungskraft oder metaphysischen Argumenten erschüttern zu wollen, brachte mich etwas in der Szenerie unseres nachmittäglichen Zwiegesprächs dazu, nachdrücklicher als sonst auf meinem Standpunkt zu beharren. Die bröckelnden Schiefergrabplatten, die betagten Bäume und die mit dem Moos von Jahrhunderten überzogenen Mansarddächer der hexengeplagten alten Stadt um uns herum: All das verbündete sich, um mich zur Verteidigung meiner schriftstellerischen Arbeit zu ermuntern. Und schon bald stieß ich dabei mit meinen Attacken in Feindesland vor. Es war in der Tat nicht schwer, einen Gegenangriff zu starten, denn ich wusste, dass Joel Manton in der Tiefe seines Herzens noch halb an manch abergläubischem Altweibergeschwätz hing, das aufgeklärte Menschen längst hinter sich gelassen haben. So glaubte er zum Beispiel, dass Sterbende an entfernten Orten erscheinen können oder dass die Gesichter alter Menschen auf den Fenstern, durch die sie ihr Leben lang geschaut haben, einen Abdruck hinterlassen. Derartiges Gemunkel hinterwäldlerischer Großmütter ernst zu nehmen, so hielt ich ihm nun vor, zeugte von einem Glauben an das Vorhandensein geistiger Substanzen auf der Erde, die getrennt von ihren materiellen Entsprechungen existierten und von diesen irgendwie beeinflusst wurden. Und es zeugte von einer Bereitschaft, an Phänomene jenseits aller normalen Wahrnehmung zu glauben, denn wenn ein Toter sein sicht- und fühlbares Abbild um die halbe Welt oder durch einen Zeitraum von Jahrhunderten reisen lassen kann, wie soll es dann absurd sein anzunehmen, dass verlassene Häuser von merkwürdigen empfindungsfähigen Dingen bewohnt werden oder dass alte Friedhöfe von dem schrecklichen, körperlosen Bewusstsein von Generationen erfüllt sind? Und da der Geist, wenn er tatsächlich all die Wirkungen verursacht, die ihm zugeschrieben werden, offensichtlich nicht an die Gesetze der Materie gebunden ist, warum ist es dann ein Zeichen von Verstiegenheit, sich psychisch lebendige tote Wesen leibhaftig – oder körperlos – vorzustellen, die für den menschlichen Betrachter ganz und gar und auf entsetzliche Weise »unsagbar« sind? Solche Fragen mit »gesundem Menschenverstand« anzugehen, so versicherte ich meinem Freund mit einiger Heftigkeit, zeugte nur von einem törichten Mangel an Vorstellungskraft und geistiger Beweglichkeit.

Mittlerweile rückte die Dämmerung näher, aber keiner von uns hatte die geringste Lust, unseren Disput zu unterbrechen. Manton schien unbeeindruckt von meinen Argumenten und nur allzu erpicht darauf, sie zu widerlegen. Er besaß jenes Vertrauen in die eigenen Ansichten, das ihn zweifellos zu einem so erfolgreichen Lehrer gemacht hatte, während ich mir meiner Sache zu sicher war, um eine Niederlage zu fürchten. Die Dunkelheit brach herein, und schwache Lichter glommen in der Ferne in einigen Fenstern auf, doch wir rührten uns nicht vom Fleck. Wir saßen auf dem Grab überaus bequem, und ich wusste, dass mein prosaischer Freund an dem tiefen Spalt, der direkt hinter uns in dem alten, von Wurzeln zermürbten Mauerwerk klaffte, keinen Anstoß nahm, ebenso wie an der völligen Finsternis, die mittlerweile um uns herum herrschte, da sich zwischen unserem Sitzplatz und der nächsten beleuchteten Straße ein baufälliges, verlassenes Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert erhob. Dort in der Dunkelheit, auf der zersprungenen Grabplatte neben dem verlassenen Haus, sprachen wir über das »Unsagbare«, und nachdem mein Freund mit seinen spöttischen Bemerkungen fertig war, erzählte ich ihm von den grauenerregenden Tatsachen, die sich hinter der Geschichte verbargen, über die er am lautesten gespottet hatte.

Meine Erzählung war unter dem Titel »Das Dachbodenfenster« in der Zeitschrift Whispers vom Januar 1922 erschienen. In einigen Landesteilen, insbesondere im Süden und an der Westküste, hatte man die Zeitschrift nach den Beschwerden einiger alberner Milchgesichter aus den Regalen genommen, doch Neuengland hatte sich als dickfelliger erwiesen und angesichts meiner Überspanntheit nur die Schultern gezuckt. Die Sache, so machte man geltend, sei zunächst einmal schlicht biologisch unmöglich – bloßes Hinterwäldlergemunkel, das Cotton Mather leichtgläubig genug gewesen war, in seinen chaotischen Magnalia Christi Americana nachzuplappern, und so schlecht dokumentiert, dass selbst Mather darauf verzichtet hatte, den Ort zu nennen, an dem sich das Grauen angeblich zugetragen hatte. Und wie ich die hingeworfenen Sätze des alten Mystikers ausgeschmückt hätte – das sei wirklich unsäglich und typisch für einen oberflächlichen und mit einer überschießenden Phantasie ausgestatteten Schreiberling! Bei Mather werde in der Tat die Geburt des Wesens erwähnt, aber niemand außer einem nach billigen Sensationseffekten schielenden Zeilenschinder wäre auf den Gedanken gekommen zu schildern, wie es heranwächst, nachts vor den Fenstern anderer Leute erscheint und schließlich leibhaftig auf dem Dachboden eines Hauses versteckt wird, bis jemand es Jahrhunderte später am Fenster sieht und nicht erklären kann, warum sein Haar plötzlich grau geworden ist. All das sei ganz offenkundig minderwertige Prosa, und mein Freund Manton ließ es sich nicht nehmen, diesen Umstand nachdrücklich zu betonen. Dann berichtete ich ihm, was ich in einem zwischen 1706 und 1723 geführten Tagebuch gelesen hatte, das ich keine Meile von dem Platz entfernt, an dem wir jetzt saßen, zwischen alten Familienunterlagen ausgegraben hatte – und ich sagte ihm, dass ich keinen Zweifel an der Realität der Narben auf Brust und Rücken meines Vorfahren hegte, die in dem Tagebuch beschrieben wurden. Ich erzählte ihm auch von den Ängsten der Leute in jener Gegend, die im Flüsterton von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden, und wie der mythische Wahnsinn jenen Knaben ergriff, der 1793 ein verlassenes Haus betrat, um gewissen Spuren nachzugehen, die dort vermutet wurden.

Es war eine gespenstische Angelegenheit gewesen – kein Wunder, dass sensible Gemüter ein Schauder überkommt, wenn sie sich mit dem puritanischen Zeitalter in Massachusetts beschäftigen. Wir wissen so wenig über das, was sich unter der Oberfläche zutrug, doch dieses Wenige gleicht einer eitrigen Wunde, die in gelegentlichen grausigen Andeutungen faulig aufbricht. Das Grauen der Hexenverfolgung wirft einen schrecklichen Lichtstrahl auf das, was sich im gegängelten Geist der Menschen zusammenbraute, doch selbst das sind Bagatellen. Es gab keine Schönheit, keine Freiheit – das zeigen die Architektur und die Alltagsgegenstände dieser Zeit ebenso wie die giftigen, verkrampften Predigten der Geistlichen. Und im Inneren dieser rostigen eisernen Zwangsjacke lauerten brabbelnde Boshaftigkeit, Perversion und Diabolik. Wenn irgendwo, dann fand sich hier die Apotheose des Unsagbaren.

In jenem dämonischen sechsten Buch, das man nicht nach Anbruch der Dunkelheit lesen sollte, nimmt Cotton Mather kein Blatt vor den Mund, wenn er seine Bannflüche schleudert. Unerbittlich wie ein jüdischer Prophet und mit einer kaltblütigen Lakonie, wie sie kein Nachgeborener mehr erreichte, berichtet er von dem Tier, das etwas gebar, was mehr als ein Tier, aber weniger als ein Mensch war – das Wesen mit dem verwachsenen Auge –, und dem kreischenden betrunkenen Unglücksraben, den sie aufhängten, weil er ein ebensolches Auge hatte. Das alles beschreibt er unverblümt, doch sagt er kein Wort darüber, was danach geschah. Vielleicht wusste er es nicht, oder vielleicht wusste er es und wagte nicht, es niederzuschreiben. Andere wussten es, doch sie wagten nicht, davon zu sprechen: In den öffentlich zugänglichen Quellen findet sich keine Antwort auf die Frage, warum man sich flüsternd über das Schloss an der Dachbodentür im Haus eines kinderlosen, gebrochenen, verbitterten alten Mannes unterhielt, eines alten Mannes, der auf einem gemiedenen Grab eine Schieferplatte ohne Inschrift angebracht hatte. Doch auch wenn sich in den offiziellen Dokumenten keine Antwort findet, so kann man doch den lokalen Überlieferungen genügend Andeutungen entnehmen, um selbst das dünnste Blut gerinnen zu lassen.

Es steht alles in jenem alten Tagebuch, das ich gefunden habe. All die verstohlenen Anspielungen und halblauten Geschichten über Wesen mit einem verwachsenen Auge, die man nachts am Fenster oder auf einsamen Wiesen am Waldrand sah. Etwas hatte meinem Vorfahren auf seinem Weg durch ein dunkles Tal aufgelauert und ließ ihn mit den Abdrücken von Hörnern auf seiner Brust und von affenartigen Klauen auf dem Rücken zurück. Und als man in der zertrampelten Erde nach Fußabdrücken suchte, fand man sowohl Spuren von gespaltenen Hufen als auch von entfernt an menschliche Hände erinnernden Pranken. Einmal berichtete ein Postreiter davon, wie er in den nur von schwächlichem Mondlicht erhellten Stunden vor Tagesanbruch am Meadow Hill einen alten Mann gesehen habe, der einem entsetzlichen hüpfenden, unbeschreiblichen Ding nachgejagt sei und es gerufen habe. Ganz bestimmt gab es in jener Nacht im Jahre 1710 merkwürdiges Gerede, als der kinderlose, gebrochene alte Mann in der Gruft hinter seinem eigenen Haus in Sichtweite der Schieferplatte ohne Inschrift begraben wurde. Man hatte die Tür zum Dachboden nie geöffnet, sondern das ganze Haus unverändert sich selbst überlassen, gefürchtet und menschenleer. Wenn Geräusche herausdrangen, dann flüsterten die Leute miteinander und erschauderten und hofften, dass das Schloss an der Dachbodentür standhalten würde. Doch dann, als das Grauen über das Pfarrhaus kam und niemanden lebendig oder in einem Stück zurückließ, hörten sie auf zu hoffen. Mit den Jahren nehmen die Legenden einen immer gespenstischeren Charakter an: Ich vermute, das Wesen – wenn es ein lebendiges Wesen war – muss gestorben sein. Die Erinnerung hatte ein entsetzliches Eigenleben entwickelt – umso entsetzlicher, je mehr man sie vertuschen wollte.

Während meiner Erzählung war mein Freund Manton sehr still geworden, und ich sah, dass meine Worte ihn beeindruckt hatten. Er lachte nicht, als ich innehielt, sondern fragte sehr ernsthaft nach dem Jungen, der 1793 verrückt geworden war und der wohl die Hauptfigur meiner Erzählung sei. Ich erzählte ihm, warum der Junge zu jenem gemiedenen, verlassenen Haus gegangen war, und fügte hinzu, dass der Fall ihn eigentlich interessieren müsse, da er ja glaube, dass in Fenstern die Abbilder derjenigen schlummerten, die an ihnen gesessen hatten. Der Junge war losgezogen, um sich die Fenster jenes grauenhaften Dachbodens anzuschauen, weil er von Dingen gehört hatte, die man dahinter gesehen hatte, und war irrsinnig kreischend zurückgekommen.

Manton hörte mir nachdenklich zu, doch nach und nach kehrte seine Neigung zur Skepsis wieder zurück. Er war bereit, hypothetisch anzunehmen, dass tatsächlich irgendein Monstrum existiert hatte, hielt mir jedoch entgegen, dass selbst die abscheulichste Entartung der Natur nicht notwendig unsagbar oder wissenschaftlich nicht zu beschreiben sein müsse. Ich bewunderte seinen klaren Verstand und seine Hartnäckigkeit und fügte einige weitere Einzelheiten hinzu, die ich von den alten Leuten der Gegend erfahren hatte. Jene späteren gespenstischen Legenden, so führte ich aus, handelten von monströsen Erscheinungen, die furchterregender waren, als es irgendein organisches Lebewesen sein konnte; Erscheinungen von riesenhafter tierähnlicher Gestalt, die mal sichtbar und mal nur fühlbar waren und in mondlosen Nächten das alte Haus, die Gruft dahinter und das Grab heimsuchten, aus dem neben einem unleserlichen Grabstein ein junger Baum entsprossen war. Ob solche Erscheinungen jemals Menschen zerfleischt oder erwürgt hatten, wie es unbestätigte Überlieferungen besagten, war ungewiss. Gewiss war jedoch, dass sie einen starken und übereinstimmenden Eindruck hinterlassen hatten und von sehr alten Einheimischen noch immer dunkel gefürchtet wurden, obwohl die letzten beiden Generationen sie zum größten Teil vergessen hatten. Vielleicht waren sie gestorben, weil man nicht genug an sie gedacht hatte. Was nun die wahrnehmungstheoretische Seite der Angelegenheit betraf: Wenn schon die geistigen Emanationen menschlicher Wesen grotesk verzerrt sind, was für eine Art von kohärentem Ausdruck oder Abbild könnte dann ein so schändliches und nebulöses gehörntes Etwas finden wie jenes Gespenst einer bösartigen chaotischen Perversion, die selbst eine krankhafte Blasphemie gegen die Natur gewesen war? Dem toten Geist eines halb menschlichen, halb tierischen Albtraums entsprungen, würde ein solches körperloses Grauen nicht auf entsetzlichste Weise den grellen Gipfel, die erlesene Perfektion des Unsagbaren darstellen?

Es musste mittlerweile sehr spät geworden sein. Eine Fledermaus streifte seltsam geräuschlos an mir vorbei, und ich glaube, dass sie auch Manton berührte, denn obwohl ich ihn nicht sehen konnte, spürte ich, wie er den Arm hob. Dann ergriff er das Wort.

»Und, steht das Haus mit dem Dachbodenfenster noch, und ist es immer noch unbewohnt?«

»Ja«, antwortete ich. »Ich war selbst dort.«

»Haben Sie dort irgendetwas gefunden – auf dem Dachboden oder irgendwo anders?«

»Da waren ein paar Knochen oben unter der Dachtraufe. Vielleicht waren sie es, was jener Junge gesehen hat – wenn er ein empfindsames Gemüt hatte, dann brauchte er nichts mehr in der Fensterscheibe zu sehen, um den Verstand zu verlieren. Wenn die Knochen alle von demselben Wesen stammten, dann muss es eine hysterische, dem Delirium entsprungene Monstrosität gewesen sein. Es wäre eine Blasphemie gewesen, solche Knochen auf der Welt zu lassen, also bin ich mit einem Sack zurückgekehrt und habe sie zu dem Grab hinter dem Haus gebracht. Da war eine Öffnung, in die ich sie geworfen habe. Halten Sie mich nicht für einen Narren – Sie hätten diesen Schädel sehen sollen. Er hatte vier Zoll lange Hörner, aber das Gesicht und der Kiefer waren ganz ähnlich wie Ihrer oder meiner.«

Jetzt endlich konnte ich spüren, dass Manton, der sehr nahe an mich herangerückt war, wirklich erschauderte. In seiner Neugier ließ er sich jedoch nicht beirren.

»Und was war mit den Fensterscheiben?«

»Es gab keine mehr. Aus einem Fenster war der ganze Rahmen herausgebrochen, und bei den anderen war kein einziger Glassplitter mehr in den Rautengittern. Solcherart waren die Fenster – alte Bleiglasfenster, wie sie schon vor 1700 außer Gebrauch kamen. Ich glaube, dass schon seit hundert Jahren oder länger kein Glas mehr in ihnen war – vielleicht hat der Junge sie zerschlagen, falls er so weit kam. Die Legende sagt darüber nichts.«

Manton verfiel wieder in Nachdenken.

»Ich würde das Haus gern sehen, Carter. Wo steht es? Fensterscheiben hin oder her, ich muss einen Blick darauf werfen. Und das Grab, in das Sie die Knochen geworfen haben, und das andere Grab ohne Inschrift – das alles muss ziemlich gruselig sein.«

»Sie haben es gesehen. Bis es dunkel wurde.«

Die Nerven meines Freundes waren überreizter, als ich vermutet hatte, denn angesichts dieses kleinen, harmlosen Bühnentricks fuhr er neurotisch vor mir zurück und stieß eine Art glucksendes Keuchen aus, in dem sich seine zuvor unterdrückte Anspannung entlud. Es war ein seltsamer und schrecklicher Laut und umso schrecklicher, als er beantwortet wurde. Denn während er noch durch die Nacht klang, hörte ich in der pechschwarzen Dunkelheit ein knarrendes Geräusch, und ich wusste, dass sich in dem verfluchten alten Haus vor uns ein Fenster geöffnet hatte. Und weil alle anderen Fensterrahmen schon vor langer Zeit ausgefallen waren, wusste ich, dass es der grässliche glaslose Rahmen jenes dämonischen Dachbodenfensters war.

Dann kam ein widerlicher Schwall übelriechender, kalter Luft aus derselben entsetzlichen Richtung, gefolgt von einem durchdringenden Schrei neben mir auf jenem schrecklichen gespaltenen Grab von Mensch und Monster. Im nächsten Moment wurde ich von einem unsichtbaren Etwas von gewaltiger Größe, aber unbestimmter Natur, dessen Gliedmaßen sich wie Dreschflegel bewegten, von meinem grässlichen Sitz gerissen. Ich fand mich lang hingestreckt auf der wurzeldurchzogenen Erde jenes abscheulichen Friedhofs wieder, während aus Richtung des Grabes ein solcher Aufruhr keuchender und schwirrender Laute erklang, dass meine Phantasie die undurchdringliche Düsternis mit Milton’schen Legionen missgestalteter Verdammter bevölkerte. Ein Wirbel schneidenden, eiskalten Winds erhob sich, und dann vernahm ich das Geräusch von losbrechendem Mauerwerk und aufspringendem Verputz, doch eine gnädige Ohnmacht überwältigte mich, bevor ich herausfinden konnte, was es damit auf sich hatte.

Manton ist zwar kleiner als ich, aber zäher. Daher öffneten wir praktisch im selben Moment die Augen, obwohl er schwerere Verletzungen davongetragen hatte. Unsere Betten standen nebeneinander, und innerhalb weniger Sekunden wurde uns klar, dass wir uns im St. Mary’s Hospital befanden. Ärzte und Krankenschwestern umringten uns mit gespannten Gesichtern und konnten es kaum erwarten, unserer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, indem sie uns berichteten, wie wir hergekommen waren. Rasch erfuhren wir, dass uns ein Bauer gegen Mittag auf einem einsamen Feld hinter dem Meadow Hill gefunden hatte, eine Meile von dem alten Friedhof entfernt, an einer Stelle, wo früher angeblich ein Schlachthaus gewesen war. Manton hatte zwei böse Verletzungen auf der Brust und einige weniger ernste Schnittwunden oder Schrammen auf dem Rücken. Ich hatte keine so schlimmen Verletzungen, allerdings war mein Körper mit Striemen und Prellungen der seltsamsten Art bedeckt, darunter auch der Abdruck eines gespaltenen Hufs. Offensichtlich wusste Manton mehr als ich, aber er sagte den verblüfften und neugierigen Ärzten nichts, bevor er herausbekommen hatte, welcher Art unsere Verletzungen waren. Dann behauptete er, dass wir von einem bösartigen Stier angegriffen worden wären, obwohl es ihm offensichtlich schwerfiel, anzugeben, woher das Tier gekommen und wohin es verschwunden war.

Nachdem die Ärzte und Krankenschwestern uns allein gelassen hatten, flüsterte ich ihm schaudernd eine einzige Frage zu:

»Um Himmels willen, Manton, was ist es gewesen? Ihre Verletzungen – entsprach es den Wunden, die es hinterlassen hat?«

Doch ich war noch zu schwach, um meinen Triumph auszukosten, als ich jene geflüsterte Antwort erhielt, die ich halb erwartet hatte:

»Nein – es war ganz anders. Es war überall – ein Gallert – ein Schleim, aber zugleich hatte es Gestalten, tausend Gestalten des Grauens, jenseits aller Vorstellung. Da waren Augen – und eins davon war verwachsen. Es war die Grube – der Malstrom – der Gipfel der Abscheulichkeit. Carter, es war unsagbar!«

***

Deutsch von Andreas Fliedner

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Unnamable« in Weird Tales 6 (Juli 1925).

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 22. Juni, genau hier.

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