PAN-Story des Monats - Kurzgeschichte: Kira von Diana Menschig

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Kira: wunderschön, hochintelligent – und tödlich rational … Unsere aktuelle PAN-Story des Monats stammt von Diana Menschig, deren Kurzgeschichte „Kira“ präzise und pointiert die moralischen Implikationen von künstlicher Intelligenz ergründet.

Und wenn du dich fragst, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Ich sehe meiner Tochter in die Augen und weiß, dass sie mich gleich töten wird.

Seltsamerweise bleibe ich trotz dieser Aussicht völlig gelassen, auf eine sehr ungewohnte Weise erleichtert, beinahe heiter.

Die Welt hält für einen Augenblick den Atem an, und das Leben erstarrt zu diesem kleinen Moment, in dem wir beide uns auf der Brücke gegenüberstehen.

Kira, eine kleine resolute Person, die ich siebzehn Jahre, elf Monate und neunundzwanzig Tage meines Lebens begleitet habe. Morgen ist ihr Geburtstag, und sie wird volljährig. Ich werde diesen Tag nicht erleben. Und gut, dass Stefan das wiederum nicht mehr erleben wird. Mein Mann, ihr Vater – wäre ich gläubig, würde ich in Gedanken vielleicht ein „Gott hab ihn selig“ hinterherschieben.

Ich glaube nicht. Dieses Monster hat kein Gott erschaffen, sondern wir selbst.

Kira, ein Meter fünfundvierzig groß und achtundvierzig Kilogramm schwer, sportlich schlanker Körperbau, straffe Muskeln, geschmeidige Bewegungen.  

Kira, kurze blonde Haare, ein wunderschönes ebenmäßiges Gesicht mit hohen Wangenknochen und zinnfarbenen Augen, das zu perfekt wäre, um wahr zu sein, wären da nicht die feinen Narben der Hauttransplantationen am Haaransatz und an den  Nasenflügeln.

Kira, die ihr gesamtes Leben vorgegeben hat zu empfinden, zu fühlen, und doch habe ich von Beginn an gewusst, dass in ihr ein kaltes Herz schlägt, immun gegenüber den Bedürfnissen anderer, unfähig zu Empathie oder Perspektivenübernahme.

Kira, die Hochintelligente, mit einem ausgezeichneten Gedächtnis, die mit Bestnoten nur so durch die Schule gerauscht ist, dass es mir als Mutter heimlich stolze Tränen in die Augen treiben konnte – wobei es natürlich nicht mein Verdienst ist, sondern allein ihrer.

Kira, die von klein auf gelernt hat, in der Gesellschaft zu funktionieren. Gefühlskalt, ja, das ist sie, und doch sozial vollkommen angepasst, immer freundlich, gerecht und mit einem guten Auge für ihre Mitmenschen. Sie hat anderen viel Gutes getan, jedoch nie aus eigenem Antrieb, tiefen inneren Gefühlen heraus, sondern weil sie gelernt hat, zwischen richtig und falsch, moralisch gut und schlecht zu unterscheiden. Die extremen Positionen kann sie mühelos einnehmen. Die Grautöne bereiten ihr dagegen Mühe.

Du sollst nicht töten.

Aber darfst du auch nicht töten, um Menschenleben zu retten?

Diese Frage ist so alt wie die Menschheit selbst.

Kira wägt ab. Ich sehe es ihr an, kenne sie zu gut, um mich von ihrer scheinbar ausdruckslosen Miene täuschen zu lassen. Ihre Augenlieder flattern ein wenig, die Pupillen huschen in Sekundenbruchteilen auf der Suche nach einem Ausweg hin und her, ihre Finger zucken ruhelos, als wollten sie nach etwas greifen, und finden doch nur Luft.

Darfst du deine Mutter töten, um mehrere Menschenleben zu retten?

Musst du deine Mutter töten, um mehrere Menschenleben zu retten?

Ich will nicht sterben. Meine Finger klammern sich um das Brückengeländer, der Stahl sonnenwarm an meiner Haut. Es ist Sommer, ein strahlend schöner Tag mit einem leichten Wind, der bereits das ferne Surren des herannahenden Zuges mit sich trägt. Kein guter Tag zu sterben. Mir bleiben nur noch Sekunden.

Es gäbe noch eine andere Möglichkeit: Kira könnte springen, statt mich von der Brücke zu stoßen. Wie konnte es eigentlich zu dieser absurden Situation kommen? Hätte ich es verhindern, mich einfach weigern können, sie zu diesem Ort zu begleiten?

Ich weiß es nicht. Und es ist vollkommen überflüssig, darüber jetzt noch nachzudenken.

Kira macht zwei Schritte auf mich zu, sie wirkt unentschlossen, dabei ist ihre Entscheidung längst gefallen. Ich weiche zurück, stoße gegen die metallenen Streben. Ich weiß, dass ich ihrer Körperkraft, die in keinem Verhältnis zu ihrer Größe steht, nichts entgegensetzen kann.

Ich werde sterben. Die Ruhe verlässt mich, ich mache einen nervösen Schritt zur Seite. Ich sollte mich mit dem unausweichlichen abfinden, doch da ist ein Instinkt, ein Überlebenswille, der ungefragt das Kommando übernimmt. Ich drehe mich um, will davonlaufen, doch da packt Kira mich, umarmt mich mit einem Klammergriff von hinten, der mir wie ein überdimensionaler Schraubstock die Luft aus den Lungen presst.

Schon hat meine Tochter mich über das Geländer gewuchtet, und ich baumele über dem Abgrund.

Ich drehe den Kopf, weil sich beim Anblick der Tiefe meine Eingeweide verkrampfen. Unsere Blicke treffen sich ein letztes Mal.

Kira hat den Mund zu einem traurigen Lächeln verzogen.

Ich höre auf zu zappeln und wünsche mir nur noch, dass es jetzt schnell vorbei ist. Und ich hoffe, dass sie nicht sagen wird, dass es ihr leid tut. Weil das gelogen wäre. Es tut ihr nicht leid, das kann es nicht. Sie hat im Rahmen ihrer moralischen Möglichkeiten abgewogen und die nach ihrem Ermessen beste Entscheidung getroffen. So ist Kira.

„Es tut mir leid, Mama. Du bist der wichtigste Mensch auf dieser Welt für mich. Ich liebe dich.“

Ich falle. Wind rauscht in meinen Ohren, ich spüre das Gewicht meines Körpers. Gleich werde ich auf den Bahngleisen aufschlagen. Wenn ich Glück habe, bin ich dann schon tot.

Ich warte darauf, dass mein Leben in Sekundenbruchteilen an mir vorbeizieht, wie das angeblich in solchen Situationen immer in Romanen passiert. Aber da kommt nichts. Mein Verstand ist vollkommen leer, meine Empfindungen auf den Augenblick reduziert, auf den Fall, den kommenden Aufprall.

Ich schließe die Augen. Mein Körper streift etwas, es fühlt sich an wie eine feste Plane, dann höre ich laute Geräusche, ein Krachen, das ich nicht einordnen kann. Ich reiße die Augen auf, doch da ist nur Dunkelheit.

Bin ich tot?

 

*

 

Zögernd tritt Kira an das Geländer und starrt nach unten. Der Anblick verwirrt sie: Von Silke, die sie siebzehn Jahre, elf Monate und neunundzwanzig Tage ihre Mutter genannt hat, ist nichts zu sehen. Stattdessen sind da unten die Bahngleise, rechts und links davon grasbewachsener Bahndamm, wie zuvor, unverändert. Nur das mitten in den Gleisen ein schwarzes Loch von etwa drei Metern Durchmesser gähnt. Als hätte jemand aus einer Leinwand ein Stück herausgeschnitten und dem Betrachter durch dieses Loch einen Blick ins reine Nichts gewährt. Ob das Loch den Zug entgleisen lassen würde?

Aber es kommt kein Zug. Das ferne Summen ist nicht mehr zu hören, die Landschaft liegt in sommerlicher Stille, nur ein einsamer Vogel zwitschert.

Kira hat das wirklich nicht gewollt, aber das würde ihr niemand glauben. Außer ihr Vater vielleicht. Stefan, ihr … Erzeuger? Erschaffer? Sie hat ihn bis zu seinem Tod vor sechs Jahren, drei Monaten und elf Tagen einfach Papa genannt, und er hat sich jede freie Minute darum gekümmert, dass es ihr an nichts fehlte.

Liebe ist ihr fremd, jedes Gefühl ist ihr fremd. Und doch sind Silke und Stefan besondere Menschen in ihrem kleinen persönlichen Universum, diese beiden und vielleicht noch ihr Halbbruder Moritz, Stefans älterer Sohn. Ihre Mutter umzubringen, das sollte sich falsch anfühlen. Kira fühlt nichts, wie immer.

Sie legt die Hände auf das Brückengeländer und versucht zu verstehen, warum ihre Mutter nicht unten auf den Gleisen liegt und dort stattdessen ein Loch gähnt. Ihr Mundwinkel zuckt, die Schultern sacken ein Stück nach vorne. Wer sie jetzt erblickt, würde glauben, sie wäre betroffen, traurig, ratlos.

Und da kommt sie wieder, die Frage, die sich von Beginn ihrer Existenz an in ihrem Verstand bewegt. Besser gesagt, seitdem man ihr erklärt hat, was andere Menschen fühlen, dass diese Gefühle ihre Handlungen bestimmen, sie motivieren. Kira handelt immer rational, zu einhundert Prozent. Sie geht nicht davon aus, dass das besser oder schlechter ist, als sich von Gefühlen leiten zu lassen, denn genau solche Bewertungen sind ihr fremd. Sie könnte höchstens einen Quotienten berechnen, nach denen eine von Gefühlen getriebene Entscheidung einer von Vernunft geleiteten über- oder unterlegen wäre. Für sie sind Gefühle ein neurologisches Konglomerat im Limbischen Systems des Gehirns. Etwas, das in ihrem Kopf nicht stattfindet.

Die Frage lautet daher: Warum sind Menschen davon überzeugt, dass andere etwas fühlen? Mienenspiel, Körperhaltung, Worte, all das sind nur Spiegel dieser angeblichen Gefühle. Wer selbst fühlt, glaubt, die Gefühle anderer ermessen zu können.

Kira ist der lebende Beweis dafür, dass das nicht stimmt. Sie hat – einige wenige – Freunde, Nachbarn, Mitschüler und Lehrer. Niemand von denen würde glauben, dass sie nichts empfindet. Sie gilt als merkwürdig, zurückhaltend, mag sein. Aber das Vorspielen von gefühlsrelevanter Gestik und Mimik beherrscht sie perfekt. Und sie weiß, dass es andere Menschen wie sie gibt. Werden sie ertappt, nennt man sie Heuchler, weil sie nicht in Wirklichkeit empfinden, was sie anderen vormachen.

Dass es eine Wirklichkeit, eine Wahrheit gibt, auch so eine Illusion, der sich Menschen gerne hingeben. Kira weiß, dass es weder Objektivität noch absolute Wahrheit gibt.

Wobei ein schwarzes Loch in der Landschaft definitiv keinem Konzept von Wirklichkeit entspricht. Wieder starrt sie auf die Eisenbahnschienen, mittendrin dieser Bruch in der Realität. Dann bemerkt sie einen Mann, der sich auf der Brücke nähert. Sie richtet sich auf und blickt ihn an. Sie kennt ihn. Paul, Stefans Mitarbeiter. Er hat sich um sie gekümmert, seit Stefan tot ist.

Er bleibt ungefähr einen Meter vor ihr stehen, blickt sie traurig an. Kira glotzt emotionslos zurück. Dabei fragt sie sich, ob er wirklich traurig ist. Und was ist sie?

„Du hast den Test nicht bestanden.“

Kira nickt.

Paul kratzt sich am Kinn, wirkt verwirrt und ratlos. „Du weißt auch, was das bedeutet? Du wirst sterben.“

Kira nickt wieder. Sterben ist ein unangemessener Ausdruck, aber sie korrigiert ihn nicht. Manchmal ist nicht der richtige Augenblick für Besserwisserei.

Leider ahnt Paul nicht, dass ab morgen alles anders wäre. Das hat Kiras Vater Stefan so geplant, doch er hat niemanden eingeweiht.

Kira weiß es, aber sie darf es nicht sagen. Und falls sie es täte, würde Paul ihr nicht glauben. Er würde vielmehr annehmen, sie wolle ihre Existenz sichern.

Morgen wäre sie volljährig. Stefans Geschenk an sie wäre ihr freier Wille: die Möglichkeit, eigenmächtig zu entscheiden, ohne Wahrscheinlichkeiten auszurechnen. Das, was manche Bauchgefühl oder Intuition nennen, zur Entscheidung heranzuziehen. Morgen hätte sie Silke nicht umgebracht. Rational wäre es immer noch richtig, einen Menschen umzubringen, um einen Zug entgleisen zu lassen, der eine ganze Stadt zerstört hätte.

Aber Kira hätte Silkes Leben mehr Bedeutung beigemessen. Sie hätte sie nicht von der Brücke gestoßen. Weil sie etwas Besonderes für sie ist, auch ganz ohne Gefühl.

Paul hebt schwerfällig die Hand und winkt. „Komm.“

Kira folgt ihm. Denn heute ist noch heute.

 

*

 

Eine Hand greift nach meinem Oberarm. Eine Lampe flammt auf und blendet mich.

Eine vertraute männliche Stimme sagt: „Alles wird gut.“

Vor mir steht Moritz und hilft mir auf. Wie immer jagt mir sein Anblick diese sehnsüchtige Wehmut in die Knochen, denn er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Bei unserer Heirat – Stefan ist zwanzig Jahre älter gewesen als ich - war sein Sohn Moritz aus erster Ehe bereits erwachsen, ihn und mich trennen wiederum nur zwölf Jahre. Wir haben uns immer großartig verstanden, er ist seit Stefans Tod der wichtigste Mensch in meinem Leben, ein Anker, wenn Kira mir über den Kopf wachsen will.

Moritz hat Biologie studiert, mit derselben Besessenheit und Forschungsbegeisterung, die seinen Vater zu diesem brillanten Informatiker und Ingenieur gemacht haben. Er hat Kiras Haut gezüchtet und verpflanzt, ist hauptsächlich für ihre äußere Erscheinung verantwortlich.

Ich stehe … ja, wo bin ich? In einer Werkstatt, die mit allerlei technischem Gerümpel überfüllt ist. Neben mir ein riesiges aufblasbares Kissen, auf dem ich gelandet bin. Über mir dringt Tageslicht durch eine … Art Membran, die sich nach meinem Sturz offenbar wieder geschlossen hat und über ein Loch spannt. An den Rändern ragen zerborstene Holzstreben hervor, dazwischen hängen Fetzen einer bläulich schimmernden zerrissenen Folie.

Moritz’ Blick folgt meinem nach oben. „Das war der einfachste Teil. Unter der Brücke ist eine mehrere quadratmetergroße Plane gespannt. Mit der Illusion einer Bahnstrecke. Da ist aber nichts, nur die Decke unseres Labors. Strenggenommen ist es nicht einmal eine richtige Brücke, lediglich ein drei Meter hoher Steg. Den Rest hat dir deine Wahrnehmung vorgegaukelt.“ 

„Ihr habt mich und Kira hierhergelotst.“ Meine Stimme klingt kratzig, ich räuspere mich.

„Ja, das ist richtig.“ Moritz tritt an einen mit Papieren und Hardwarekomponenten überquellenden Schreibtisch und hält eine Kladde hoch.

K.i.r.A. steht auf dem Umschlag.

Es bedeutet: Künstlich intelligenter realer Android, wobei das Wort real keine tiefere Bedeutung hat. Stefan hat damals behauptet, ihm sei nichts Besseres eingefallen. Dabei hat er mir zugezwinkert und gelacht. Für mich ist Kira ganz real meine Tochter.

„Paul und ich hielten es für notwendig, sie allerspätestens heute vor ein moralisches Dilemma zu stellen.“ Moritz schaut verlegen zur Seite.

Ich nicke. „Sie hat es mir vorhin erklärt. Sie müsste mich von der Brücke stoßen, um viele Menschenleben zu retten. Ein Leben gegen viele. In ihrem logischen System eine einfache Abwägung.“

Moritz zieht die Schultern hoch und schweigt. Kira hat den Test nicht bestanden.

Ich bin Moritz nicht böse, dass er mich in diese Situation hineinmanövriert hat. Irgendwie sind wir alle, Moritz, Kira, Paul und ich, Teil von Stefans größtem wissenschaftlichen Experiment. Wir haben uns darauf eingelassen, als mein Mann den Plan gefasst hat, uns ein Kind zu erschaffen, weil ich keines bekommen konnte. Damals, in den Jahren, als einige Quantensprünge in der Programmierung selbstlernender Systeme gemacht worden sind. Die mechanischen Anforderungen der Bewegungsmaschine sind für Stefan eine Fingerübung gewesen. Das Gehirn, der Geist war die Herausforderung. Sie hat funktioniert. Fast achtzehn Jahre lang haben die Menschen außerhalb unserer kleinen Familie geglaubt, wir hätten ein Pflegekind.

Wenn ich das recht bedenke, ist es eine grandiose Leistung. Und ein bisschen wahnsinnig.

Ich blicke Moritz an. „Und jetzt?“

„Paul holt Kira.“

„Müssen wir sie … zerstören?“

„Ich fürchte, ja. Papa hat einige kryptische Andeutungen hinterlassen, dass Kira morgen per automatischem Systemupdate in einen neuen Autonomiestatus überführt wird. Wir erwarten zwar nicht, dass sie sich in eine Killermaschine verwandelt, aber …“

„Ich verstehe schon. Es entzieht sich eurer Kontrolle.“

Moritz lächelt schief. „Wir stellen nur eine Maschine ab. Und dennoch fühle ich mich wie ein Mörder. Kira hätte keine solchen Skrupel.“

Ich trete an ihn heran und umarme ihn fest. „Für mich hatte sie ein Leben.“

Moritz lehnt den Kopf auf meine Schulter und nickt.

 

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© 2016 by Diana Menschig.

Alle Rechte vorbehalten.

 

 


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 25. Mai 2018, genau hier.

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