Kurzgeschichte am Fictional Friday: Der Hund von H. P. Lovecraft

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FICTION FRIDAY

Der Hund (H. P. Lovecraft)


Zerrissen und zerfleischt von den Klauen und Zähnen eines unaussprechlichen Untiers – dieses Schicksal, so erzählt man sich, ereilte einen berühmten holländischen Grabräuber. Doch als mehrere hundert Jahre später sein Grab wiederum geöffnet und ein geheimnisvollen Amulett entwendet wird, nimmt das Unheil erneut seinen Lauf …

Parallel zur kommentierten Prachtausgabe H. P. Lovecraft. Das Werk veröffentlichen wir auf TOR ONLINE zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. Die Geschichte »Der Hund« vereinigt viele Elemente klassischen Horrors und kann in ihrem parodistischen Adjektivrausch als augenzwinkernde Hommage an Poe und andere von Lovecraft bewunderte Autoren wie Ambrose Bierce und Joris-Karl Huysmans gelesen werden.

 

***

In meinen gemarterten Ohren klingt unaufhörlich ein albtraumhaftes Schwirren und Flattern und ein leises, fernes Gebell, wie von einem riesigen Hund. Es ist kein Traum – ich fürchte, es ist nicht einmal Wahnsinn –, denn zu viel ist bereits geschehen, um mir noch solch gnädige Zweifel zu lassen.

St. John ist ein zerfleischter Leichnam. Nur ich weiß, warum, und mein Wissen hat mich zu dem Entschluss geführt, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen, bevor ich auf dieselbe Art zerfleischt werde. Durch finstere und nicht enden wollende Korridore gespenstischer Phantasie streicht die schwarze, formlose Nemesis, die mich zur Selbstauslöschung treibt.

Möge der Himmel uns die morbiden Torheiten vergeben, die uns beiden ein so monströses Schicksal bescherten! Ermüdet von den Gemeinplätzen einer prosaischen Welt, in der selbst die Vergnügen der Romantik und des Abenteuers rasch schal werden, hatten St. John und ich uns begeistert jeder ästhetischen und intellektuellen Bewegung angeschlossen, die uns eine Atempause von unserer verheerenden Langeweile versprach. Wir hatten zu ihrer Zeit die Rätsel der Symbolisten und die Ekstasen der Präraffaeliten geteilt, doch allzu rasch erschöpften sich der Reiz und die Anziehungskraft jeder neuen Laune.

Nur die düstere Philosophie der Dekadenten vermochte uns dauerhaft zu fesseln, und auch sie konnte uns nur befriedigen, indem wir immer weiter und mit immer diabolischerer Neugier in ihre Tiefen vordrangen. Baudelaire und Huysmans vermochten uns schon bald keine Kitzel mehr zu verschaffen, und schließlich blieben uns nur noch die handfesteren Stimulanzien unnatürlicher persönlicher Erfahrungen und Abenteuer. Es war diese furchtbare emotionale Sucht, die uns am Ende auf jene verabscheuenswürdige Betätigung verfallen ließ, die ich selbst in meinem jetzigen Zustand der Angst nur schamhaft und zögernd erwähne – jenes abscheuliche Extrem menschlicher Verworfenheit, die widerwärtige Profession der Grabräuberei.

Ich kann weder die Einzelheiten unserer entsetzlichen Expeditionen enthüllen noch auch nur ausschnittsweise die schlimmsten jener Trophäen aufzählen, die das unbeschreibliche Museum schmückten, das wir in dem großen Steinhaus einrichteten, in dem wir allein und ohne Dienstboten wohnten. Unser Museum war ein gotteslästerlicher, unausdenkbarer Ort, wo wir mit dem satanischen Geschmack neurotischer Virtuosen eine Welt des Grauens und des Verfalls zusammengetragen hatten, um unseren abgestumpften Sinnen neue Reize zu verschaffen. Es war ein geheimes Gemach, weit, weit unter der Erde, wo die breit grinsenden Mäuler gewaltiger geflügelter Dämonen aus Basalt und Onyx gespenstisch grünes und orangefarbenes Licht ausspien und wo versteckte Druckluftrohre die Reihen von roten, aus Beinhäusern entwendeten Dingen, die Hand in Hand zwischen sich bauschenden schwarzen Vorhängen hervorlugten, in kaleidoskopischen Totentänzen herumwirbelten. Durch diese Rohre wurden nach Wunsch jene Gerüche in den Raum geleitet, nach denen unsere Stimmung gerade am meisten verlangte: mal der Duft von bleichen Grabeslilien, mal der narkotische Weihrauch phantasieentsprungener Schreine toter orientalischer Könige und mal – wie lässt mich die Erinnerung daran erschaudern! – die fürchterlichen, seelenzerrüttenden Ausdünstungen des offenen Grabes.

An den Wänden dieses abstoßenden Gemachs wechselten sich die Särge antiker Mumien ab mit wohlgestalten lebensechten Körpern, die von den kunstfertigen Händen des Präparators perfekt ausgestopft und konserviert worden waren, und mit Grabsteinen, die wir auf den ältesten Friedhöfen der Welt gestohlen hatten. In Nischen, die hier und da in die Mauern eingelassen waren, fanden sich Schädel jeglicher Form und Köpfe in den verschiedensten Stadien der Verwesung. Dort konnte man die verfaulenden, kahlen Schädel berühmter Adliger bewundern und die frischen, golden strahlenden Köpfe unlängst begrabener Kinder.

Es gab Skulpturen und Gemälde, die allesamt höllische Motive darstellten und von denen St. John und ich manche selbst angefertigt hatten. Eine verschlossene Mappe, die in gegerbte Menschenhaut gebunden war, enthielt gewisse unbekannte und unsagbare Zeichnungen, von denen das Gerücht ging, dass Goya sie geschaffen, es jedoch nicht gewagt hatte, sich zu ihnen zu bekennen. Es gab abscheuliche Saiten-, Blech- und Holzblasinstrumente, auf denen St. John und ich manchmal Dissonanzen von erlesener Morbidität und kakodämonischer Scheußlichkeit erzeugten, während eine Reihe von mit Einlegearbeiten besetzten Ebenholzschränken die unglaublichste und unvorstellbarste Sammlung von Grabesbeute enthielt, die jemals von menschlichem Wahnsinn und menschlicher Perversion zusammengetragen worden ist. Besonders von dieser Beute darf ich nicht sprechen – Gott sei Dank hatte ich den Mut, sie zu vernichten, lange bevor ich den Entschluss fasste, mich selbst zu vernichten.

Die Raubzüge, auf denen wir unsere unsäglichen Schätze zusammentrugen, waren stets künstlerisch denkwürdige Ereignisse. Wir waren keine gewöhnlichen Leichendiebe, sondern machten uns nur dann ans Werk, wenn bestimmte Anforderungen hinsichtlich Stimmung, Landschaft, Umgebung, Wetter, Jahreszeit und Mondphase erfüllt waren. Diese Unternehmungen waren für uns die erlesenste Form ästhetischen Ausdrucks, und wir verwandten auf ihre technischen Details eine akribische Sorgfalt. Ein unpassender Zeitpunkt, ein störender Lichteffekt oder ein ungeschickter Spatenstich in den feuchten Boden konnten für uns jenen ekstatischen Kitzel, den die Exhumierung irgendeines unheilvollen, grinsenden Geheimnisses der Erde uns verschaffte, fast gänzlich zunichtemachen. Fieberhaft und unersättlich suchten wir nach neuen Szenerien und aufreizenden Situationen, wobei St. John stets die Führung übernahm. Er war es auch, der uns zuletzt zu jenem hohnsprechenden, jenem verfluchten Ort führte, der unser entsetzliches und unvermeidliches Verhängnis wurde.

Von welchem boshaften Schicksal wurden wir auf jenen schrecklichen Friedhof in Holland gelockt? Ich glaube, es waren die dunklen Gerüchte und Legenden, die Sagen von einem, der dort seit fünf Jahrhunderten begraben lag, zu Lebzeiten selbst ein Leichendieb gewesen war und etwas Machtvolles aus einer bedeutenden Gruft gestohlen hatte. Noch jetzt, in diesen letzten Momenten, kann ich mich an die Szenerie erinnern: den bleichen herbstlichen Mond über den Gräbern, der lange, schreckliche Schatten warf; die grotesken Bäume, die sich düster über das verwilderte Gras und die bröckelnden Grabsteine neigten; die Legionen merkwürdig übergroßer Fledermäuse, die gegen den Mond aufflogen; die uralte efeuüberwucherte Kirche, die wie ein riesiger Gespensterfinger in den fahlen Himmel deutete; die phosphoreszierenden Insekten, die Irrlichtern gleich unter den Eiben in einer entfernten Ecke des Friedhofs tanzten; die Gerüche von Erde, Pflanzen und weniger eindeutig benennbaren Dingen, die sich schwach mit dem Nachtwind mischten, der von entfernten Sümpfen und vom Meer herüberwehte; und, was das Schlimmste von allem war, das leise, tieftönende Gebell eines riesigen Hundes. Als wir diese Andeutung eines Bellens hörten, dessen Urheber unsichtbar blieb und von dem wir nicht sagen konnten, aus welcher Richtung es kam, erschauderten wir und dachten an die Legenden, welche unter den Bauern kursierten; denn der, nach dem wir suchten, war vor Jahrhunderten an ebendiesem Ort gefunden worden, zerrissen und zerfleischt von den Klauen und Zähnen eines unaussprechlichen Untiers.

Ich erinnere mich, wie wir unsere Spaten in das Grab dieses Ghuls senkten und an unsere verzückte Erregung angesichts des Anblicks, den wir bieten mussten, mit dem Grab, dem bleichen Mond, der auf uns heruntersah, den grausigen Schatten, den grotesken Bäumen, den riesigen Fledermäusen, der uralten Kirche, den tanzenden Irrlichtern, den übelkeiterregenden Gerüchen, dem sanft seufzenden Nachtwind und dem seltsamen, kaum vernehmbaren, unverortbaren Gebell, von dem wir nicht einmal sicher sagen konnten, ob es existierte.

Dann stießen wir auf etwas, das härter war als die feuchte Erde, und erblickten eine modrige längliche Kiste, die mit den mineralischen Ablagerungen der seit Jahrhunderten unberührten Erde überzogen war. Das Holz war unglaublich hart und dick, aber so alt, dass es uns schließlich gelang, die Kiste aufzustemmen und uns an ihrem Inhalt zu ergötzen.

Trotz der fünfhundert Jahre, die vergangen waren, war viel – erstaunlich viel – von diesem Inhalt übrig geblieben. Obwohl es an manchen Stellen von den Kiefern des Dings, das es getötet hatte, zermalmt war, hielt das Skelett mit überraschender Festigkeit zusammen, und wir erfreuten uns an dem sauberen weißen Schädel mit seinen langen, festen Zähnen und seinen augenlosen Höhlen, die einst in einem grabräuberischen Fieber gleich dem unseren geglüht hatten. In dem Sarg lag ein Amulett von seltsamer und exotischer Beschaffenheit, das der Schläfer offenbar um den Hals getragen hatte. Es war die merkwürdig stilisierte Figur eines hockenden geflügelten Hundes oder einer Sphinx mit einem hundeartigen Gesicht, die nach uralter orientalischer Art mit unerhörter Kunstfertigkeit aus einem kleinen Stück grünem Jade geschnitten worden war. Der Ausdruck, der auf den Gesichtszügen des Wesens lag, war in höchstem Maße abstoßend und ließ den Betrachter unwillkürlich an Tod, Bestialität und Boshaftigkeit denken. Um den Sockel zog sich eine Inschrift in einem Alphabet, das weder St. John noch ich identifizieren konnten, und an der Unterseite war gleich einem Künstlersiegel ein grotesker und prachtvoller Totenkopf eingraviert.

Im selben Moment, in dem wir dieses Amulett sahen, wussten wir, dass wir es besitzen mussten; dass dieser Schatz und nur er unsere vorbestimmte Beute aus dem jahrhundertealten Grab war. Selbst wenn seine Umrisse uns vollkommen fremd gewesen wären, hätten wir es begehrt, doch als wir es näher betrachteten, sahen wir, dass sie uns nicht gänzlich unbekannt waren. Zwar wies das Amulett keine Ähnlichkeit mit irgendeiner Art von Kunst oder Literatur auf, wie sie dem geistig gesunden und ausgeglichenen Leser vertraut ist, doch wir erkannten in ihm das Ding, auf welches das verbotene Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred anspielt: das grässliche Seelensymbol des Kults der Leichenfresser aus dem unzugänglichen Leng in Zentralasien. Nur zu deutlich zeichneten sich die unheilverkündenden Umrisse ab, die der alte arabische Dämonologe beschreibt, Umrisse, die nach seinen Worten einer geheimnisvollen übernatürlichen Manifestation der Seelen derjenigen nachempfunden sind, welche die Totenruhe stören und die Leichen benagen.

Nachdem wir uns des grünen Jadeobjekts bemächtigt hatten, warfen wir einen letzten Blick auf das ausgebleichte Gesicht mit den klaffenden Augenhöhlen und verschlossen das Grab seines Besitzers so, wie wir es vorgefunden hatten. Als wir mit dem gestohlenen Amulett in St. Johns Tasche von dem abscheulichen Ort forteilten, vermeinten wir zu sehen, wie die Fledermäuse in einem Pulk an jener Stelle niedergingen, wo wir eben noch die Erde durchwühlt hatten, so als ob sie dort nach verfluchter und unheiliger Nahrung suchten. Doch der Herbstmond schien schwach und bleich, und wir waren uns nicht sicher. Und so war es auch, als wir am nächsten Tag von Holland heimwärts segelten und meinten, irgendwo hinter uns das leise, ferne Gebell eines riesigen Hundes zu hören. Doch der Herbstwind seufzte traurig und matt, und wir waren uns nicht sicher.

 

II.

Weniger als eine Woche nach unserer Rückkehr nach England begannen sich seltsame Dinge zu ereignen. Wir lebten wie Einsiedler, ohne Freunde, allein und ohne Dienstboten in einigen Räumen eines alten Herrenhauses auf einem öden und einsamen Moor, so dass selten ein Besucher an unsere Tür klopfte. Jetzt jedoch wurden wir nachts von etwas gestört, das wie ein ungeschicktes Tasten klang, nicht nur an den Türen, sondern auch an den Fenstern, sowohl im Erdgeschoss wie in den höherliegenden Stockwerken. Einmal kam es uns so vor, als ob ein großer, massiver Leib das Fenster der Bibliothek verdunkelte, während der Mond hindurchschien, und ein anderes Mal meinten wir, nahebei eine Art Schwirren und Flügelschlagen zu vernehmen. Beide Male blieben unsere Nachforschungen jedoch ergebnislos, und wir begannen, die Vorfälle ausschließlich unserer Phantasie zuzuschreiben – unserer merkwürdig aus dem Gleichgewicht geratenen Phantasie, die in unseren Ohren noch immer jenes leise ferne Gebell nachklingen ließ, das wir auf dem Friedhof in Holland zu hören vermeint hatten. Das Jadeamulett ruhte jetzt in einer Nische in unserem Museum, und manchmal verbrannten wir seltsam duftende Kerzen davor. Wir lasen in Alhazreds Necronomicon viel über seine Eigenschaften und über das Verhältnis der Seelen von Leichendieben zu den Dingen, die es symbolisierte, und unsere Lektüre verstörte uns sehr. Dann kam der Schrecken.

In der Nacht des 24. September 19–– hörte ich ein Klopfen an meiner Zimmertür. Da ich annahm, es sei St. John, bat ich den Besucher einzutreten, doch mir antwortete nur ein schrilles Gelächter. Der Korridor war leer. Als ich St. John weckte, bekannte er, nichts bemerkt zu haben, und zeigte sich genauso beunruhigt wie ich. Es war in jener Nacht, dass das leise ferne Gebell auf dem Moor für uns zu einer Gewissheit und furchtbaren Wirklichkeit wurde. Vier Tage später, während wir gerade in unserem verborgenen Museum waren, erklang ein leises, vorsichtiges Kratzen an der einzigen Tür, die zu der geheimen Treppe zur Bibliothek führte. Unsere Unruhe hatte nun zwei Ursachen, denn neben unserer Angst vor dem Unbekannten hatten wir stets befürchtet, dass unsere grässliche Sammlung entdeckt werden könnte. Nachdem wir alle Lichter gelöscht hatten, wandten wir uns zur Tür und stießen sie ruckartig auf, woraufhin wir einen unerklärlichen Luftzug verspürten und irgendwo weit weg eine merkwürdige Mischung aus Rascheln, Kichern und einer plappernden Stimme hörten, die sich zu entfernen schien. Ob wir träumten, verrückt oder bei Sinnen waren, versuchten wir gar nicht erst zu entscheiden. Woran jedoch kein Zweifel bestand und was uns mit den schwärzesten Ahnungen erfüllte, war, dass jene anscheinend körperlos plappernde Stimme ohne jeden Zweifel Holländisch gesprochen hatte.

Nach diesem Vorfall lebten wir in einem Zustand wachsender Angst und Faszination. Zumeist hielten wir uns an die Theorie, dass wir aufgrund unseres von unnatürlichen Reizen geprägten Lebenswandels gemeinsam wahnsinnig wurden, doch manchmal gefiel es uns besser, uns als Opfer eines kriechenden und entsetzlichen Verhängnisses in Szene zu setzen. Die bizarren Erscheinungen waren jetzt zu häufig, um sie noch zählen zu können. Es schien, als habe eine bösartige lebendige Präsenz, deren Wesen wir nicht erraten konnten, von unserem einsamen Haus Besitz ergriffen, und Nacht für Nacht erklang jenes dämonische Gebell auf dem windgepeitschten Moor, das immer lauter und lauter wurde. Am 29. Oktober fanden wir in der weichen Erde unter dem Fenster der Bibliothek eine Reihe von Fußabdrücken, die sich unmöglich beschreiben lassen. Sie waren so verstörend wie die Schwärme großer Fledermäuse, die das alte Herrenhaus in nie dagewesener und ständig wachsender Zahl umschwirrten.

Seinen Höhepunkt erreichte das Grauen am 18. November, als St. John, während er nach Einbruch der Dunkelheit von der in einiger Entfernung gelegenen Bahnstation nach Hause ging, von irgendeinem fürchterlichen, nach Fleisch gierenden Ding überfallen und in Fetzen gerissen wurde. Seine Schreie waren bis zum Haus gedrungen, und ich war gerade noch rechtzeitig zum Schauplatz des Schreckens geeilt, um das Schwirren von Flügeln zu vernehmen und die Silhouette eines schwarzen, wolkenartigen Etwas zu erblicken, die sich vor dem aufgehenden Mond abzeichnete.

Als ich meinen Freund ansprach, lag er bereits im Sterben und war nicht mehr in der Lage, zusammenhängend zu antworten. Er konnte nur noch flüstern: »Das Amulett – das verdammte Ding …« Dann brach er zusammen, eine reglose Masse zerfetzten Fleisches.

Ich begrub ihn zur nächsten Mitternacht in einem unserer verwilderten Gärten und murmelte über seinem Leichnam eines der teuflischen Rituale, die er in seinem Leben so geschätzt hatte. Und als ich den letzten dämonischen Satz aussprach, vernahm ich in der Ferne auf dem Moor das leise Gebell eines riesigen Hundes. Der Mond stand hoch am Himmel, doch ich wagte nicht, zu ihm aufzusehen. Und als ich über dem schwach erleuchteten Moor einen großen nebelhaften Schatten erblickte, der von Hügel zu Hügel glitt, schloss ich die Augen und warf mich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Ich weiß nicht, wie lange ich so lag, doch als ich mich irgendwann zitternd erhob, taumelte ich ins Haus und vollführte entsetzliche Huldigungen vor dem Schrein mit dem Amulett aus grünem Jade.

Ich fürchtete mich nun, alleine in dem alten Haus im Moor zu leben, und reiste am folgenden Tag nach London ab. Das Amulett nahm ich mit, nachdem ich den Rest der gotteslästerlichen Sammlung unseres Museums entweder verbrannt oder vergraben hatte. Drei Nächte später vernahm ich jedoch wiederum das Gebell, und noch bevor eine Woche verstrichen war, spürte ich immer, wenn es dunkel wurde, seltsame Blicke auf mir ruhen. Eines Abends, als ich auf dem Victoria Embankment spazieren ging, um mir etwas frische Luft zu verschaffen, bemerkte ich, wie eine der Spiegelungen der Laternen im Wasser von einem schwarzen Umriss verdunkelt wurde. Ein Wind, der stärker als der Nachtwind war, erhob sich, und ich wusste, dass das, was St. John ereilt hatte, bald auch mich ereilen würde.

Am nächsten Tag verpackte ich sorgfältig das grüne Jadeamulett und schiffte mich nach Holland ein. Was für eine Gnade ich mir zu verdienen erwartete, indem ich das Ding seinem stummen, schlafenden Besitzer zurückgab, wusste ich nicht, doch hatte ich das Gefühl, dass ich zumindest jeden logisch nachvollziehbaren Schritt versuchen musste. Was es mit dem Hund auf sich hatte und warum er mich verfolgte, war mir immer noch unklar, aber ich hatte das Gebell zum ersten Mal auf jenem alten Friedhof vernommen, und alle folgenden Ereignisse, nicht zuletzt die geflüsterten Worte St. Johns, bevor er starb, hatten auf eine Verbindung zwischen dem Fluch und dem Diebstahl des Amuletts hingedeutet. Daher versank ich in abgrundtiefer Verzweiflung, als ich in einem Gasthaus in Rotterdam entdeckte, dass Diebe mir dieses einzige Mittel zu meiner Rettung entwendet hatten.

Das Gebell war sehr laut an jenem Abend, und am Morgen las ich von einem unbeschreiblichen Verbrechen in einem der verrufensten Viertel der Stadt. Der Pöbel war in Angst und Schrecken, denn über ein übel beleumundetes Mietshaus war ein roter Tod gekommen, der die abscheulichsten Verbrechen übertraf, die je in dieser Gegend begangen worden waren. In einer verwahrlosten Diebeshöhle war eine ganze Familie von einem unbekannten Etwas, das keine Spuren hinterlassen hatte, in Stücke gerissen worden. Und die ganze Nacht hindurch hatten die Nachbarn über dem üblichen Lärm betrunkener Stimmen ein leises, tieftönendes, hartnäckiges Geräusch gehört, das wie das Gebell eines riesigen Hundes klang.

So stand ich zuletzt wieder auf jenem unheilvollen Friedhof, wo ein bleicher Wintermond grässliche Schatten warf und sich entlaubte Bäume düster über das welke, froststarre Gras und die bröckelnden Grabsteine beugten, die efeuüberwucherte Kirche einen höhnischen Finger in den feindseligen Himmel reckte und der Nachtwind wie wahnsinnig von den überfrorenen Mooren und dem eisigen Meer herüberwehte. Das Gebell war jetzt sehr schwach und erstarb völlig, als ich an das uralte Grab trat, das ich einst geschändet hatte, wobei ich eine Horde ungewöhnlich großer Fledermäuse aufscheuchte, die es merkwürdigerweise umflattert hatten.

Ich weiß nicht, was ich dort vorhatte, außer vielleicht zu beten oder das stille weiße Etwas, das in jenem Grab lag, mit irrsinnigen Bitten und Entschuldigungen zu überschütten, doch aus welchem Grund auch immer ich dort war, ich stieß meinen Spaten mit einer Verzweiflung in den halbgefrorenen Boden, die halb meinem eigenen Entschluss entsprang und halb einem gebieterischen Willen außerhalb meiner selbst. Das Graben ging viel leichter vonstatten, als ich erwartet hatte, obwohl ich einmal durch einen merkwürdigen Vorfall unterbrochen wurde, als ein magerer Geier aus dem kalten Himmel herabschoss und wie wahnsinnig in der Grabeserde pickte, bis ich ihn mit einem Spatenhieb tötete. Endlich stieß ich auf die modrige längliche Kiste und hob den feuchten, salpeterüberzogenen Deckel ab. Das war die letzte vernünftige Handlung meines Lebens.

Denn zusammengekauert in jenem jahrhundertalten Sarg, umgeben von einem dichtgedrängten albtraumentsprungenen Gefolge riesiger, sehniger schlafender Fledermäuse erblickte ich das knochige Etwas, das mein Freund und ich bestohlen hatten. Doch ruhte es dort nicht sauber und friedlich, wie wir es damals vorgefunden hatten, sondern grinste mir, blutverkrustet und bedeckt mit Fetzen fremden Fleisches und Haaren, aus phosphoreszierenden Augenhöhlen lebendig entgegen, während mich sein blutverschmierter, mit scharfen Zähnen bewehrter Fang verzerrt angähnte, voller Hohn angesichts meines unvermeidlichen Verderbens. Und als das Ding zwischen jenen grinsenden Kiefern ein tieftönendes, hämisches Gebell hervorstieß, wie von einem riesigen Hund, und ich bemerkte, dass es in seinen blutigen, schmutzigen Klauen das verschwundene schicksalhafte Amulett aus grünem Jade hielt, schrie ich nur noch wie ein Irrsinniger und rannte fort, wobei meine Schreie sich bald in ein krampfartiges hysterisches Lachen verwandelten.

Wahnsinn reitet den Sternenwind … Klauen und Zähne, die an Jahrhunderten von Leichen geschärft wurden … der tropfende Tod, der über einem Bacchanal von Fledermäusen aus den nachtschwarzen Ruinen der verschütteten Tempel des Belial thront … Jetzt, wo das Gebell jenes toten, fleischlosen Monstrums lauter und lauter wird und das verstohlene Schwirren und Flattern jener verfluchten ledrigen Schwingen mich dichter und dichter umkreist, werde ich mit meinem Revolver das Vergessen suchen, das meine einzige Zuflucht ist vor dem, das keinen Namen hat und für das es keinen Namen gibt.

*** 

Deutsch von Andreas Fliedner

 

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Hound« in Weird Tales 2 (Februar 1924).
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Alle Rechte vorbehalten

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 8. Juni, genau hier.

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