„Weißt du, wie das Meer in Portland riecht?“ (Christoph Marzi)

© skitterphoto - pixabay

FICTION FRIDAY

„Weißt du, wie das Meer in Portland riecht?“ (Christoph Marzi)


TOR ONLINE präsentiert: die PAN-Story des Monats! Wir freuen uns sehr, dass gleich unsere erste Perle von einem sehr erfolgreichen Autor stammt: Christoph Marzi, der bereits mehrfach mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet wurde, erzählt in „Weißt du, wie das Meer in Portland riecht?“ von einer ganz besonderen New Yorker Nachbarschaft, die genauso seltsam endet, wie sie beginnt …

Und wenn du dich fragst, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Meine erste New Yorker Wohnung lag an der Eastside, ganz in der Nähe des Tompkins Square Parks. Es war eine Bude direkt unter dem Dach eines der alten Backsteinhäuser, deren Rot diesen matten Schein besitzt, wenn die Sommersonne darauf herniederbrennt. Die Einrichtung bestand aus einer Ansammlung von Gerümpel, für die niemand mehr Verwendung zu haben schien. Miss Bedelia Lacey, die Wohnungseigentümerin, hatte mir die Möbel zur Verfügung gestellt. Bevor ich eingezogen war, hatte sie den Raum als Abstellkammer benutzt, und wenn ich ehrlich bin, dann sah es dort noch genauso aus, als ich darin wohnte.

Eine rote plüschige Couch stand unter dem Fenster, durch das ich bei schönem Wetter den East River sehen konnte. Nachts diente mir die Couch als Bett und tagsüber saß ich auf ihr und übte Riffs und Griffe auf der Gitarre, die ich bei einem Trödler drüben in Brooklyn erstanden hatte, damals, als ich in die Stadt gekommen war.

Überall auf dem Boden lagen Notenblätter herum, Zettel voller Textzeilen, die hoffnungsvolle Lieder werden sollten. Wenn es regnete, dann erfüllte ein sanftes Prasseln die Kammer, und die Regentropfen auf der Fensterscheibe ließen die Welt draußen zu einer einzigen Unwichtigkeit verschwimmen.

In dem Winter, in dem ich Selina kennenlernte, war mein Leben genauso geordnet wie die Kammer, in der ich lebte. Nachts klapperte die alte Heizung unruhig, und auf dem Fenster hatten sich am Morgen Eisblumen gebildet. Der Wind heulte ums Haus, und wenn die Heizung lief, dann lag ein Duft wie nach warmem altem Holz in der Luft, der einen wie eine dunkle schwere Farbe umgab. Ich schloss dann die Augen und atmete tief durch, und meine Finger suchten in den Saiten nach einer Melodie, die ich mit bloßen Händen und einem abgeschabten Plektron zu fangen versuchte, bevor sie vollends verschwunden war. Die Songs, die ich komponiert hatte, durfte ich in einigen Clubs spielen, aber keiner davon war das, was man als Hit bezeichnet hätte.

Dass ich in jenem Winter keine vernünftigen Noten zu Papier brachte, lag gewiss nicht zuletzt an Selina.

„Ich bin wie eine Katze.“ Das hatte sie mir gleich bei unserem ersten Treffen gesagt.

Ein wolkenverhangener Tag im Herbst war es gewesen, als sie an meiner Tür geklopft und sich vorgestellt hatte. „Die Milch ist mir ausgegangen.“

„Hallo“, sagte ich und stellte mich vor.

Sie lächelte. „Kaffee schmeckt ohne Milch wie die Nacht ohne Lichter.“

Das war Selina. Sätze wie diesen hörte man andauernd von ihr.

„Du bist die neue Mieterin von unten?“

Eine Hand wurde mir entgegengestreckt. „Ich bin Selina.“

So lernte ich sie kennen.

„Du bist Musiker?“ Geschmeidig hatte sie sich in meine Kammer gestohlen und in den alten Platten herumgekramt. Dylan. Springsteen. Wilco. Songwriter. Götter.

Ich deutete auf die Gitarre. „Reich bin ich damit noch nicht geworden.“

Sie lächelte. „Kommt noch.“

„Na, hoffentlich.“

Wir redeten. Unwichtiges Zeug, aber es war besser, als bei Regen auf der Gitarre zu spielen.

Als sie ging, hatte ich zumindest gelernt, dass Kaffee ohne Milch wie die Nacht ohne Lichter war. Außerdem hatte mich ihr Lächeln verzaubert. Und ihre Hände. Es gibt Momente, da passiert einem so was.

Dieser war so einer.

 

Selina wurde zu einem regelmäßigen Gast in meiner Kammer, weil es immer etwas gab, das ihr fehlte. Zucker, Kaffee, Batterien für den Wecker, eine Glühbirne, Stecknadeln, ein einzelner Schnürsenkel (braun, für einen Schuh mit zwölf Paar Ösen), Toast, Milch, Tomaten, Gesellschaft. Ja, so fing es an. Letzten Endes aber kam sie, glaube ich, einfach nur nach oben, weil sie nicht in ihrer Wohnung sein wollte.

„Es ist so leer da unten“, sagte sie mir.

Und meinte das genau so. Denn in ihrer Wohnung befand sich kaum etwas. Außer einer Matratze und einem alten, riesigen Koffer, der Kleidungsstücke und ein Telefon enthielt, fand man dort sehr wenig. Es sah aus, als sei sie auf der Durchreise und habe es bisher noch nicht geschafft, ihren Koffer auszupacken. So leer war die Wohnung, dass Stimmen ein kühles Echo darin warfen.

„Ich bin so selten in der Wohnung“, sagte sie, „da lohnt es kaum, eine Einrichtung anzuschaffen.“

Sie arbeite in einem indischen Hotel in den East Seventies, dem Si-Suwat.

„Es ist nur ein Job.“

Sie wollte Tänzerin werden. Das war der Traum, für den sie lebte.

„Weißt du“, fragte sie eines Abends, „wie das Meer in Portland riecht?“ Sie schaute aus dem Fenster, als könnten ihre Blicke durch die Dunkelheit zum East River fließen und dann mit ihm hinaus ins Meer. „In Portland, wo ich aufgewachsen bin, da konnten wir oft das Meer riechen. Als ich klein war, da hatte ich oft Angst, dass es eines Morgens einfach nicht mehr da sein würde. Aber es war natürlich nie verschwunden. Jeden Morgen roch es nach Meeresluft. Das war das Erste, was der Tag mir gab. Verstehst du das?“

Ich nickte nur. Und dachte an einen Song, der mir vielleicht einfallen würde, irgendwann oder später, wenn sie gegangen wäre.

„Als ich nach New York kam, konnte ich mich nur noch an den Geruch erinnern. Hier riecht es anders. Nicht so frei. Und all die Menschen, die noch in Portland leben, können das Meer Tag für Tag riechen. Wenn ich daran denke, was ich verlassen habe, dann denke ich an diesen Geruch, den ich jeden Morgen vermisse.“

Ich sah sie lange an.

„Spiel mir etwas vor“, bat sie mich.

Und ich stand auf und griff mir die Gitarre und spielte ganz leise den Song, an den ich gedacht hatte.

Selina hörte mir still zu.

„Weißt du, warum Katzen im Dunkeln sehen können?“, fragte sie mich.

„Ich weiß wenig über Katzen.“ Eigentlich fast nichts.

„Da gibt es nicht viel zu wissen.“

„Außer?“

„Katzen sind kleine Frauen in samtweichen Pelzmänteln.“

Ich musste lachen.

„Warum können Katzen im Dunkeln sehen?“, fragte sie. Mir war, als leuchteten ihre Augen. „Als die Erde erschaffen wurde, da waren es die Katzen, die als die ersten Lebewesen das Paradies bevölkerten. Und als die Nacht gemalt worden war und die Sterne in grellen Blitzen geboren wurden, da verfolgten die Katzen das Schauspiel, und das Licht, das sie sahen, brannte sich auf ewig in ihre Augen. Deshalb können die Katzen im Dunkeln sehen, und deshalb leuchten ihre Augen wie Edelsteine in der Schwärze der Nacht. Es ist das Licht der ersten Sterne, das noch immer in ihnen gefangen ist.“

„Eine schöne Geschichte.“

„Es gibt viele dieser Geschichten“, antwortete Selina. „Katzen erzählen sie sich, wenn sie zusammen sind.“

Ich betrachtete sie, ihre Hände, die immer unruhig waren, ihren Hals, ihr Haar.

„Deine Augen“, sagte sie plötzlich. „Sie sehen neugierig aus. Neugierig, mich nackt zu sehen.“ Sie streifte ab, was sie am Leib trug. „Gefällt deinen Augen, was sie sehen?“

„Warum tust du das?“

„Weil du es dir wünschst“, sagte sie. „Und weil ich dir vertraue.“

Ich dachte wieder an das Lied, das tief in mir ruhte und darauf wartete, gesungen zu werden.

„Zieh dich aus“, forderte sie mich auf, „ich möchte dich auch so sehen.“

Als ich es tat, beobachtete sie mich.

„Jemanden mit den Augen ausziehen“, hauchte sie, „ist fast so schön, wie jemanden mit Worten auszuziehen.“ Sie lächelte. „Lass uns ganz nackt sein“, schlug sie vor, „lass uns ehrlich zueinander sein.“ Sie kam näher und berührte mich. „Erzähl mir, was du niemals zuvor jemandem erzählt hast. Ich höre dir zu. Und ich betrachte dich dabei.“

Es war anders als sonst, nicht nur, weil wir uns zum ersten Mal nackt sahen, nicht nur, weil wir einander unablässig berührten. Es kam mir eine Geschichte nach der anderen über die Lippen, Erinnerungen, die ich längst vergessen hatte. Sie lauschte und ich redete und gemeinsam füllten wir die Worte in der Stille mit Berührungen.

Niemals zuvor im Leben hatte ich mich so nackt gefühlt, und niemals mehr danach.

„Ich könnte das mein ganzes Leben lang tun“, gestand ich ihr.

„Mich ansehen und mir zuhören?“

„Dich sehen und bei mir wissen.“

Sie küsste mich wie Minze im Sonnenschein. „Ich werde irgendwann fort sein.“

„Daran will ich nicht denken.“

„Das sollst du auch nicht, denn jetzt bin ich hier. Ganz und gar.“

„Ganz und gar“, flüsterte ich und lauschte den Geschichten, die sie mit Worten und Berührungen erzählte.

Als die Geschichten erzählt waren und wir beide erschöpft, küsste ich sie auf die Nasenspitze, die ganz kalt war.

Sie schnurrte.

„Du bist verrückt“, neckte ich sie.

„Katzen“, sagte sie, „sind immer auf der Wanderschaft.“

„Gestern noch in Portland, heute schon im Big Apple.“

Ihr Blick sagte mir, dass sie die Bemerkung nicht komisch fand.

„Kennst du die Geschichte von den Katzen und den Babys?“

„Nein.“

„Wenn ein Neugeborenes im Mutterleib zu leben beginnt“, erzählte sie mir, „wird irgendwo ganz in der Nähe ein Kätzchen geboren, dessen Aufgabe es ist, das Neugeborene zu finden und ihm auf Schritt und Tritt zu folgen. Die Katze muss das Kind vor allem Bösen bewahren, und weil die Menschen dazu neigen, ein unstetes Leben zu führen und von einem Ort zum anderen ziehen, müssen sich auch die Katzen auf ewige Wanderschaft begeben.“

„Du meinst, dass Katzen unsere Schutzengel sind?“

Sie nickte. „Was ist so seltsam daran?“

Ich schwieg.

„Weißt du, was mein Lieblingsbuch ist?“

„Sag’s mir.“

Frühstück bei Tiffany. Eine alte Taschenbuchausgabe liegt drüben im Koffer.“

„Warum gerade das?“

„Weil ich bin wie Holly Golightly“, antwortete Selina. „Truman Capote wusste, wie man eine Katze beschreibt. Er wusste, wie man beschreibt, was es bedeutet, nackt zu sein.“

Was sie mir damit sagen wollte, wusste ich nicht genau. Aber ich betrachtete sie, mit Augen und Händen, und sie antwortete auf jede Frage, die ich nicht aussprach, und bald schliefen wir ein. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht und hörte sie im Schlaf schnurren und es klang wirklich so, als sei sie eine Katze.

 

„Katzen“, sagte sie einmal, „haben ihre Geheimnisse.“

Oft war sie allein in der Stadt unterwegs. Und niemals sagte sie mir, wohin sie ging. Manchmal war sie nächtelang fort, und wenn sie wieder in ihrer Wohnung war, dann schlief sie ganz schnell auf der Matratze ein. Zusammengerollt wie ein Kätzchen fand ich sie dann am Morgen vor, eine Schlafmaske mit Blümchenmuster über die Augen gezogen.

„Wo hast du gesteckt?“, fragte ich dann.

Sie lächelte müde. Blinzelte ins Licht. „Ach, nirgendwo.“

Das war alles, was ich darüber von ihr erfuhr.

Sie gab mir immer einen Kuss auf den Mund.

Rieb sich die Augen.

Blinzelte.

„Du musst dir keine Gedanken machen. Es ist alles okay.“

Dann ging ich wieder nach oben in meine Wohnung und spielte Gitarre.

Und machte mir Gedanken.

 

Wir kannten uns länger als ein Jahr und waren nicht ganz ein Jahr das, was man ein Paar nennen mochte. Eines Abends dann ging ich hinüber zum Si-Suwat, wo sie gearbeitet hatte, und alles, woran ich bis dahin geglaubt hatte, veränderte sich in nur wenigen Augenblicken.

„Hey, Schwuchtel!“

Ich hatte keinen der Typen kommen hören, vermutlich hatten sie sich in einem der Hauseingänge versteckt gehabt. Was ich aber kommen sah, war der Schlag einer kräftigen Faust in die Magengegend. Ich schnappte nach Luft, und der nächste Schlag traf mich mitten ins Gesicht.

„Lasst mich in Ruhe“, keuchte ich und fügte ein halbherziges „bitte“ hinzu.

Nicht dass ich geglaubt hätte, sie würden mich laufen lassen.

Drei kräftige Kerle in Daunenjacken.

Das Si-Suwat war zum Greifen nah.

Zwei der Typen hielten Baseballschläger in den Händen. Die tumben Gesichter ließen die Vorfreude auf das erkennen, was mir noch bevorstand. Und noch während ich mich ängstlich fragte, wie ich den dreien würde entkommen können, hörte ich ein leises Fauchen.

Es kam von einer der Mülltonnen, die am Straßenrand standen.

Eine Katze hockte dort, und ihre schmalen Augen funkelten wütend im Halbdunkel der Nacht. Zwei weitere Katzen folgten ihr, und zu diesen gesellten sich weitere Tiere.

Die Schlägertypen hielten in dem, was sie mit mir vorhatten, inne, als sie die Tiere ebenfalls bemerkten. Etwas am Verhalten der Katzen schien die drei zu verunsichern.

Dann fasste sich einer der Schläger ein Herz, trat zwei Schritte vor und schlug mit dem Baseballschläger nach einer der Katzen, die sich mit einem flinken Sprung rettete.

Die anderen Katzen rückten daraufhin näher und zischten bedrohlich. Wie viele Katzen es waren, konnte ich nicht feststellen, doch kamen sie von überall her. Ein Meer aus Fell und Klauen, blitzenden Augen und spitzen Zähnen. Es war, als erwache die Nacht zum Leben, als würden aus der Dunkelheit Katzenleiber geboren, die sich meinen Peinigern näherten.

Etwas zerrte an meiner Hose.

Eine Katze mit Augen, so wunderschön und voller Leben, schnurrte mich an.

Hellbraunes Fell zierte ihren grazilen Körper.

Dann schlug einer der Jungs mit dem Baseballschläger zu, und das schöne Tier, das einen Moment nur unachtsam gewesen war, wurde gegen eine Hauswand geschleudert.

Schnell rappelte sich die Katze wieder auf.

Fauchte laut.

Und das Meer von Katzenleibern schlug über den drei Wegelagerern zusammen. Ich hörte die panischen Schreie der Jäger, die nun Beute waren. Es dauerte aber nicht lange, und es wurde wieder still in der Straße. Die Katzen verschwanden so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Zurück blieben die Leichname meiner Peiniger.

Mühsam erhob ich mich und ging zu der Katze mit dem hellen Fell und den wunderschönen Augen. Sie schnurrte leise und schien Schmerzen zu haben. Dann leckte sie mir mit einer rosa Zunge über die Hand und verschwand in der Nacht, die sie geboren hatte.

Nach einem letzten Blick auf die reglos auf dem Gehweg liegenden Körper lief ich zum Hotel.

„Selina ist nach Hause gegangen“, verkündete mir Miss Shoshti, die Inhaberin, „vor einer halben Stunde schon.“

Verwirrt und müde trat ich also den Heimweg an.

 

„Wo hast du gesteckt?“ Selina erwartete mich bereits.

Ich nahm sie in die Arme, küsste sie.

Ihr hübsches Gesicht verzog sich ein wenig.

„Was hast du?“

„Nichts“, sagte sie schnell.

Doch der Verdacht, den ich seit einer halben Stunde in mir trug, erblühte aufs Neue.

„Komm!“ Sie zog mich in die Wohnung hinein. Kaltes Mondlicht flutete den fast leeren Raum.

„Katzen“, sagte sie, „lügen immer ein wenig. Aber was macht das schon aus, wenn man die Wahrheit sehen kann, die in den Lügen steckt.“ Sie blinzelte. „Ich liebe dich und deshalb war ich da, als du mich gebrauchst hast.“ Dann schlüpfte sie aus ihren Sachen, und ich sah, was sie meinte. „Ich bin gerne nackt, wenn du da bist.“ Ganz blau war die Haut an der Stelle, wo der Baseballschläger sie getroffen hatte.

„Du ֺ…“

Sie legte mir einen Finger auf die Lippen. „Pst.“

Wir sahen einander an.

„Hör mir einfach zu“, bat sie mich.

Ganz brüchig klang meine Stimme. „Okay.“

„Du weißt nun, wer ich bin.“ Es war eine Feststellung. „Ich bin in Portland aufgewachsen, wie ich es dir gesagt habe.“ Mondlicht brach sich in den Katzenaugen. „Mein Vater fuhr oft mit mir zum Angeln. Und er machte sich keine Gedanken darüber, ob dies ein geeigneter Zeitvertreib für ein Mädchen war. An den Wochenenden fuhren wir hinauf zum Cape Cod. Er brauchte den Wind im Gesicht und den Geschmack des salzigen Meeres auf den Lippen. Er hat mir gesagt, dass dies sein Leben sei. Aber er hat niemals verstanden, dass mein Leben ein anderes war.“ Sie ergriff meine Hand, berührte sich damit, ohne sie loszulassen. Sah mich an. „Katzen sind rastlose Wanderer. Wer versucht, eine Katze festzuhalten, der wird sie vertreiben.“ Dann lächelte sie, traurig, vertraut. „Und wer sie nicht gerufen hat, der wird sie selten wieder los.“

„Dein Vater wollte dich nicht gehen lassen.“

„Er hat meinen Traum nie verstanden.“

„Aber du bist gegangen.“

„Wie es meine Mutter vor mir getan hat.“

„Wer war sie gewesen?“

„Meine Mutter?“

„Ja.“

„Sie war gerissen.“ Selina lachte mit einem Mal. „Dabei erinnere ich mich kaum an sie. Einmal nur hat sie mich mit in die Wälder nahe der Küste genommen. Wir sind umhergelaufen und haben uns frei gefühlt. Ja, sie war eine richtige wilde Katze gewesen.“

Und ich hatte gedacht, dass ich sie kannte. „Ist Selina dein richtiger Name?“

„Die anderen Katzen nennen mich nicht so.“

Ich berührte die Stelle, an der sie verletzt worden war. „Für mich wirst du immer Selina sein.“

„Ich weiß.“

„Du hast mir geholfen.“

„Das ist es, was wir Katzen tun. Wir beschützen die Menschen.“

„Tut es noch weh?“

„Überall.“ Ihr Körper fühlte sich fiebrig an. „Es geht vorüber.“

„Warum hast du das getan?“

„Miss Shoshti, der das Hotel gehört, war einmal eine Göttin in Indien. Sie ist nach New York gekommen und tut das, was ihre Aufgabe gewesen ist, jetzt in Amerika.“ Sie berührte die Stelle an meinem Kopf, an der man mich geschlagen hatte. „Das waren böse Menschen“, flüsterte sie. „Und es ist die Aufgabe der Katzen, die Dämonen zu vertreiben.“ Dann schenkte sie mir ein Lächeln, ganz zauberhaft, ganz ohne Tränen. „Davon abgesehen habe ich es getan, weil ich dich liebe.“

„Wirst du bei mir bleiben?“

Sie senkte den Blick. „Ich bin eine Katze.“

Das war alles, was sie sagte. Sie half mir dabei, mich auszuziehen, und dann sanken wir zu Boden und retteten einander ein letztes Mal.

 

Irgendwann war Selina in meinen Armen eingeschlafen und hatte träumend geschnurrt wie ein kleines Kätzchen.

Als ich erwachte, war es bereits heller Tag ohne Wolken, und die Eisblumen auf dem Fenster glitzerten anmutig.

Selina war verschwunden.

Ich sah mich in der Wohnung um. Der Koffer, der immer an der gleichen Stelle gestanden hatte, war ebenfalls verschwunden.

Langsam zog ich mich an und wankte zur Tür. Beinahe wäre ich über ein kleines Päckchen gestolpert, das jemand auf die Schwelle gelegt hatte. In braunes Paketpapier war es eingewickelt.

Ich hob es auf und wog es in meiner Hand.

Mein Name stand auf dem Papier. In Selinas Handschrift.

Leer und abweisend starrte mich das Zimmer an, das immer schon leer gewesen war, dafür aber mit einem Koffer darin.

Meine Hände zitterten, als ich das Papier zerriss.

Mir schwindelte.

Es war ein Buch.

Die alte zerfledderte Taschenbuchausgabe von Frühstück bei Tiffany.

Sonst nichts.

„Holly Golightly“, hörte ich Selina sagen, „war eine Katze.“

Ich ging zum Fenster und ließ mich neben der rasselnden Heizung auf dem Boden niedersinken.

„Katzen“, hatte Selina mir erklärt, „sind ruhelose Wanderer.“

Jetzt wusste ich, was sie gemeint hatte.

 

Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Ich ging durch die Straßen und schließlich endete mein Weg im East River Park. Der Fluss sah kalt und grau aus an diesem Morgen. Die Schiffe, die den Fluss kreuzten, stießen dicke Rauchwolken aus, und hinter der Wand aus Schneeflocken und Rauch erkannte man die Lagerhäuser und Docks von Brooklyn. Der Verkehr auf der Williamsburg Bridge schickte seine Abgase in den Himmel, und es sah aus, als dampfe die ganze Stadt.

Der East River roch faulig, und ich fragte mich, wie Selina sich in Cape Cod gefühlt hatte.

Ein Schlepper tuckerte den Fluss hinauf und verschwand hinter einer Biegung. Wie seltsam, dachte ich. Wird dieser Schlepper doch nie mehr von der Welt zu sehen bekommen als die beiden Flüsse, die Manhattan umarmten wie ein Matrose sein Mädchen.

Plötzlich gefiel mir der Anblick des Schiffes nicht mehr.

Selina, das wusste ich, würde nicht auf mich warten, wenn ich nach Hause kam.

Katzen sind ruhlose Wanderer.

„Weißt du, wie das Meer in Portland riecht?“ Das hatte sie mich gefragt. Ich hatte ihr nie darauf geantwortet.

Aber ich verstand, was sie gemeint hatte, als sie von der Wahrheit gesprochen hatte, jener Wahrheit, die sich in der Lüge verborgen hält und das Herz desjenigen, der sie entdeckt, so leicht zerbrechen kann.

 

***

© 2016 by Christoph Marzi

Alle Rechte vorbehalten.

Erstmals erschienen in: Theobald, Isa (Hrsg.): Auf fremden Pfaden. Edition Roter Drache, 2017.

Über den Autor

Christoph Marzi lebt mit seiner Familie im Saarland, wo er sich Dinge ausdenkt, von denen manche zu Romanen und andere zu Kurzgeschichten oder auch Listen werden.


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 27. April 2018, genau hier.

Share:   Facebook