Der Kanon mechanischer Seelen - Teil 2/2 (Michael Marrak)

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FICTION FRIDAY

Der Kanon mechanischer Seelen - Teil 2/2 (Michael Marrak)


Ninive ist über 1000 Jahre alt und besitzt die Gabe, Materie zu beseelen. Mit ihrem vergesslichen Rucksack, der fürsorglichen Standuhr und einem beleidigten Kollektor führt sie ein recht beschauliches Leben – bis ein Gesandter aus der letzten Stadt im Hochland mit einer besonderen Mission bei ihr auftaucht … Die Novelle »Der Kanon mechanischer Seelen« ist die Grundlage des frisch mit dem Seraph ausgezeichneten SF-Romans gleichen Namens von Michael Marrak, und hier lest ihr den zweiten Teil (Teil 1 findet sich hier). Viel Vergnügen!

Ausgezeichnet mit dem SERAPH 2018 sowie dem KURD LAẞWITZ PREIS 2018

***

7

Der Hügel, auf dem das Sammler-Kollektiv arbeitete, gehörte zu den auffälligsten Landmarken des Hochlands. Alle umliegenden Berge überragend und auf drei Seiten von steilen Felswänden umgeben, führte der einzige sichere Aufstieg über einen schmalen, steilen Grat an seiner Südflanke. Auf halber Höhe zum Gipfel legte Ninive eine Verschnaufpause ein. Seit Jahren spielte sie bereits mit dem Gedanken, eine von Makula-Tieren getriebene Seilbahn zu errichten und zwei der Kreaturen zu Gondeln umzubauen. Dass es möglich war, sie zu domestizieren, wusste sie, doch für die Umgestaltung der Makulas benötigte sie die Hilfe eines Ingenieurs.

Ein dumpfes Brummen und der Geruch von verbranntem Öl ließ sie aufhorchen. Als hätten sie ihre Gedanken gelesen, tauchte eine Herde von Makulas dampfend und schnaubend aus dem Nebel auf. Still beobachtete Ninive, wie Dutzende der Maschinen an ihr vorüberzogen. Sie kamen ihr dabei so nah, dass sie ihre Leiber hätte berühren können, sobald sie eine Hand ausgestreckt hätte. Ninive glaubte das Klicken ihrer Sonarmembranen zu hören, mit denen fast die gesamte Mechafauna – in Ermangelung biologischer Sinnesorgane – kommunizierte und sich orientierte. Manche der höher entwickelten Tiere erfassten ihre Umgebung sogar mit Echolot oder Radar. Ob sie ihre Umwelt allerdings so detailliert wahrnahmen wie sie die Tiere, wusste Ninive nicht. Tatsächlich hatte sie sich noch nie ernsthaft damit befasst, womit Luxa, Guss oder Clogger sie eigentlich ansahen, denn sie hatten weder Augen noch Objektive. Womöglich benutzten sie Ultraschall, um sie zu erkennen und sich im Haus zu orientieren.

Der Zug der Makula-Herde wurde begleitet vom steten Rasseln und Stampfen schwerer Ketten und Kolben, die im Unterleib der Tiere arbeiteten. Sie trieben das gewaltige Zahnrad an, das ihnen erlaubte, selbst die steilsten Hänge zu erklimmen.

Aus dem Nebel tauchte überraschend eine zweite Gruppe von Hochlandbewohnern auf, eine Rotte gedrungener, antennengespickter Bergscheller, die den Weg der Makulas kreuzten. Eine Herde schob sich durch die andere, ohne dass eines der Tiere abgedrängt wurde oder ins Straucheln geriet. Dutzende von Mechas zogen vor und hinter Ninive vorüber, die einen nach Osten, die anderen nach Norden strebend. Nachdem beide Herden im Dunst verschwunden waren, markierten Dutzende dunkler Furchen ihre Wege.

 

Als Ninive den Gipfel erreichte, war ihre Kleidung kalt und klamm von der Feuchtigkeit, die sie aus den Wolken aufgesogen hatte. Dafür war die Sicht nicht mehr ganz so schlecht wie noch zuvor am Hang. Die Szenerie um sie herum wirkte, als hätte ein Riese seinen Würfelbecher geleert. Über die gesamte Hügelkuppe verteilt standen in Abständen von wenigen Metern zueinander hüfthohe, quaderförmige Apparate. Jeder der Kollektoren besaß eine massive Luke, die nahezu seine gesamte Frontpartie einnahm und die Konglomerationskammer verschloss, darüber eine Schaltleiste zum Einstellen der Parameter. Gekrönt wurden die Apparate von jeweils zwei meterhohen Blitzleitern, die an riesige Geißelantennen erinnerten.

»Hallo, Ivi«, kam es von überallher, als sie durch die Reihen der Kollektoren schritt. »Wie geht’s dir, Ivi?« – »Dreh mich ein Stück nach links.« – »Dreh mich ein Stück nach rechts.« – »Stell mich näher zu Sissam.« – »Putz mir die Fußzimpeln«, und so weiter. Lediglich einer der Kollektoren schwieg beharrlich und tat so, als würde er Ninive gar nicht bemerken. Täuschen konnte er sie dadurch jedoch nicht. Sie fühlte, dass er keinen Defekt hatte und ihm ihre Anwesenheit durchaus bewusst war. Zwischen ihr und allem, was sich in ihrem Land bewegte, existierte eine empathische Bindung. Allerdings bestand sie nur zu Dingen, die Ninive eigenhändig belebt hatte. Elementargeister wie Flodd oder Seelenbastarde wie das seltsame Genetrix-Tier, die von anderen Wandlern erweckt worden waren, ließen diese Bande hingegen vermissen.

Ninive gestaltete ihre Kontrollrunde so, dass sie den schweigsamen Apparat als letzten erreichte. Früher hatte das Kollektiv aus fast dreißig Sammlern bestanden, doch sechs von ihnen waren im Laufe der Jahrzehnte während heftiger Gewitter irreparabel beschädigt worden oder sogar explodiert. Die Gewalt der Blitzschläge hatte ihre Fragmente über die gesamte Hügelkuppe verteilt. Drei Kollektoren hatten nach dem letzten verheerenden Unwetter das Weite gesucht, und vier waren vor Jahren dem Eisenwaldfräser zum Opfer gefallen, der aus dem Süden eingewandert war und unter den hiesigen Scheller- und Makula-Herden gewütet hatte. Bis damals hatte Ninive geglaubt, alle Waldfräser wären gegen Ende der letzten Magnetzeit mit den Altaeroen und den gigantischen Mole-Grippern ausgestorben, doch das Auftauchen der Urwelt-Maschine hatte sie eines Besseren belehrt. Nach ihrer Zerstörung, die einen zwölf Meter tiefen Krater in die Westflanke des Hügels gesprengt hatte, hatte Ninive ihre Kontrollgänge durch das Hochland verdoppelt, um zu vermeiden, dass jemand oder etwas noch einmal unbefugt ins Territorium um den Kollektorhügel eindrang. Dementsprechend elektrisiert war sie gewesen, als sie jüngst auf die Schleifspur des Metallungetüms gestoßen war. Ihre Entdeckung hatte ihren Jagd- und Verteidigungsinstinkt geweckt – wenngleich die Ursache sich letztlich als harmloser, tumber Eisenprotz entpuppt hatte. Was jedoch nicht gleichzeitig für die geheimnisvolle Signalquelle gelten musste, deren Ruf das seltsame Genetrix-Tier zurück ins Hochland gefolgt war. Heute waren von den ehemals dreißig Kollektoren noch siebzehn übrig, von denen fünfzehn zufriedenstellend arbeiteten.

Ninive kontrollierte sämtliche Konglomerat-Kammern, aber wie erwartet hatte keiner der Kollektoren nennenswerte Mengen von Brennstoff produziert. Der Ertrag würde Guss zwei, vielleicht drei Tage lang sättigen, dann würde sein Jammern und Klagen von Neuem beginnen – ein Umstand, der den Marsch ins Hochland und den Aufstieg auf den Berg kaum noch lohnenswert machte, vom ständigen Ärger mit Flodd einmal ganz zu schweigen. Am vernünftigsten wäre es, das gesamte Kollektorfeld abzubauen und auf einer Hügelkuppe weiter im Süden neu zu errichten, jenseits der Seen, wo sich mehr Gewitter zusammenbrauten. Die zweite Möglichkeit war, Guss für ein paar Monate zu entseelen, bis die Trockenzeit vorüber war.

8

»Einen wunderschönen guten Abend, Dibbid«, grüßte sie den schweigsamen Automaten schließlich, während sie die Ernte des Nachbarkollektors einsammelte.

Stille.

»Du bist doch wohl nicht immer noch beleidigt wegen der Sache mit dem Natterngelege?«

Weiterhin Schweigen. Schließlich knurrte der Kollektor: »Ich verlange eine aufrichtige Entschuldigung.« Er überlegte kurz, dann fügte er hinzu: »Und Schmerzensgeld!«

»Du sollst keine Radnattern ausbrüten, sondern Plasma konglomerieren«, maßregelte Ninive den renitenten Apparat.

»Als ob bei den mageren Blitzernten der vergangenen Jahre kein Platz mehr in der Kernkammer übrig gewesen wäre …«

»Dann ist es also wahr?«, fragte hinter ihr eine Stimme, die sie nie zuvor gehört hatte. »Du sammelst tatsächlich Blitze?«

Ninives Herz setzte einen Schlag aus. Reflexartig ging sie in die Knie, um dem vermeintlichen Angreifer möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Dabei vollführte sie eine Pirouette und säbelte den Besitzer der Stimme mit ihrem ausgestreckten Bein förmlich um. Aus den Augenwinkeln heraus registrierte sie, dass der Fremde in Geländestiefel und den Exkursionsrock der Freigeistkaste gekleidet war. Der große Tornister, den er eben noch lässig über seiner rechten Schulter hängen hatte, löste sich von ihm, als er die Arme ausbreitete, um den Aufprall zu dämpfen. Letzterer klang nicht scheppernd wie bei einer Mimikryode oder hohl wie der eines Wandelsimulators, sondern satt, dumpf und organisch. Nachdem der Fremde bäuchlings im Gras aufgeschlagen war, blieb ihm einen Augenblick lang die Luft weg, für Ninive ein weiteres Indiz dafür, dass sie tatsächlich ihresgleichen vor sich hatte. Ehe ihr Gegenüber sich aufrappeln konnte, war sie bei ihm und schlug ihre rechte Hand auf einen seiner Stiefel. Zwar war sie nicht in der Lage, den Eindringling zu entseelen, aber sie konnte dafür sorgen, dass er sich nicht mehr regte. Unter ihrer Berührung erstarrte seine gesamte Montur innerhalb eines Wimpernschlags zu einem steinharten Panzer, aus dem es ohne Ninives Willen kein Entkommen gab.

»Spinnst du?«, keuchte der Fremde.

»Falsche Frage«, erwiderte sie.

Vergeblich versuchte ihr ungebetener Besucher sich aufzubäumen und sein hautenges Gefängnis zu sprengen, bis sein Gesicht so rot war, als würde sein Kopf jeden Moment vor Anstrengung explodieren. »Was hab ich dir getan?«

»Halt den Mund!«

Nachdem Ninive sich vergewissert hatte, dass der Fremde sich nicht mehr rühren konnte, sprang sie auf und eilte dem immer schneller hangabwärts rollenden Tornister nach. Wenige Meter vor einer Klippe bekam sie schließlich einen seiner Tragriemen zu fassen und konnte im letzten Moment verhindern, dass er über die Felskante rutschte.

Der gut hüfthohe Behälter bestand fast vollständig aus einem wundersam leichten, aber dennoch robusten Metall. Lediglich sein Revers war weich und formbar, um sich bequem an den Rücken seines Trägers schmiegen zu können. In all den Jahrhunderten, in denen sie auf Artefakte aus der Alten Welt gestoßen war, hatte sie nie etwas Vergleichbares in den Händen gehalten.

»Haben dir die Scheller den Verstand ausgesaugt?«, presste sein Besitzer hervor, als sie mit dem Tornister in den Armen auf die Hügelkuppe zurückkehrte.

Sie betrachtete den Fremden. Er war schlank und sehnig und seine Haut so hell, als hätte er sich zeit seines Lebens in einem Verlies vor der Sonne versteckt. Kopf und Gesicht waren – von den dunklen Augenbrauen einmal abgesehen – völlig unbehaart.

»Du kommst aus der Stadt, habe ich recht?« Als er nicht antwortete, warf sie den Tornister vor ihm auf den Boden. »Ihr Tiefländer glaubt wohl, ihr könntet das Land durchstreifen, wie euch die Nase gewachsen ist.«

»Und ihr Hochländer bildet euch ein, ihr stündet hier oben über den Dingen …«

»Tja, da scheint tatsächlich etwas dran zu sein.« Ninive beugte sich ein Stück zu ihm herab. »Sonst würdest du hier schließlich nicht im Dreck liegen.« Sie sah sich nach im Nebel verborgenen Begleitern um, aber der ungebetene Besucher schien tatsächlich allein unterwegs zu sein. »Hast du einen Namen?« Sie stieß ihn mit der Fußspitze an. »Sag schon!«

»Aris«, antwortete er. Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Der Dynamo-Rat hat recht: Du bist nicht nur gemeingefährlich, sondern völlig verrückt!«

»Oh, man kennt mich dort unten. Welch eine Ehre.«

»Ehre?« Aris schnaubte abfällig. »Der Rat hat deinetwegen bereits in Erwägung gezogen, an der Grenze zum Hochland Warnschilder aufzustellen …«

»Das hier ist mein Territorium«, stellte Ninive klar. »Hier kann ich tun und lassen, was ich will, ob dir und deinem Rat das passt oder nicht.« Sie öffnete den Tornister und kippte seinen Inhalt ins Gras. Alle möglichen seltsamen Dinge purzelten heraus, aber nichts davon sah gefährlich oder beseelt aus.

»Was ist das?«, fragte sie und hielt einen Gegenstand mit einem kleinen rotierenden Metallzeiger in die Höhe.

Aris hob mühsam den Kopf. »Ein Kreiselkompass.«

»Und das?«

»Eine topografische Landkarte. Sie zeigt die große Mauer und die umliegenden Gebiete im Maßstab 1:50.000.«

»Du meinst, ich kann auf dieser Karte sehen, wie es auf der anderen Seite der Bannmauer aussieht?«

»Wie es dort wahrscheinlich einst ausgesehen hat«, erklärte Aris. »Vor eintausend Jahren oder sogar noch viel früher. Was du in den Händen hältst, ist nur ein Faksimile. Das Original ist längst verrottet.«

»Und wie liest man so eine topografische Karte?«

Aris wandte sein Gesicht ab und blickte zu den Kollektoren. »Ich sage kein Wort mehr, ehe du diesen entwürdigenden Hokuspokus nicht rückgängig gemacht und mich aus diesem Panzer befreit hast.«

»Vergiss es«, raunte Dibbid ihm zu. »Ich war früher ein Mikroklima-Inkubator, und mich hat sie bis heute nicht zurückverwandelt.«

»Sei still!«, herrschte Ninive den Apparat an. »Sonst kappe ich dein Erdungskabel, und du schmorst beim nächsten Blitzschlag im eigenen Saft.«

»Wär ja nicht das erste Mal …«, brummte Dibbid.

Ninive legte den Kopf in den Nacken und starrte in den vernebelten Himmel. »In weniger als zwei Stunden wird es dunkel«, sagte sie, als Aris sich weiterhin in trotziges Schweigen hüllte. »Und glaub mir, dann willst du hier oben wirklich nicht mehr das Gras wachsen hören …«

Der Fremde biss die Zähne zusammen und schloss die Augen. »Warum tust du das?«

»Weil du dich von hinten angeschlichen hast wie ein Quadwurm«, erklärte Ninive. »Das ist in meinen Augen Grund genug. Also noch mal: Wie liest man so eine Karte?«

Aris atmete tief durch. »Die vielen verschnörkelten Wellen sind Höhenlinien und kennzeichnen Berge und Täler«, sagte er schließlich. »Die blauen Bänder und Flächen sind Flüsse und Seen. Den Rest erkläre ich dir, nachdem du mich zurückverwandelt hast.«

Ninive musterte den Fremden. »Na schön«, entschied sie schließlich und beugte sich zu ihm herab. »Aber keine faulen Tricks, sonst verfüttere ich dich an die Kollektoren.«

»Pfui Deibel …«, kam es aus dem Nebel.

Ninive legte eine Hand auf Aris’ Bein, woraufhin dessen erstarrte Kleidung wieder geschmeidig wurde. Mit einem erleichterten Seufzen sank er ein Stück in sich zusammen. Animiert vom kühlen Wind auf seiner Haut, drehte er sich auf den Rücken und tastete seinen Körper ab. Dann setzte er sich vorsichtig auf, fast so als misstraute er der zurückgewonnenen Bewegungsfreiheit.

Ninive bedachte ihr Gegenüber mit einem mahnenden Blick. »Letzte Chance meines guten Willens«, sagte sie. »Was suchst du hier im Hochland?«

Aris seufzte schwer, dann sagte er: »Ich bin auf dem Weg zu den Seen.«

»Und was lungerst du dann hier oben herum?«

»In der Stadt grassiert das Gerücht, du könntest Blitze sammeln.«

»Das ist Blödsinn. Die Kollektoren speichern lediglich ihre Energie und transformieren ihr Plasma in Brennstoff.«

Aris begann seine Habseligkeiten aufzusammeln und wieder in seinem Tornister zu verstauen. »Ich benötige deinen Rat«, erklärte er, als er fertig gepackt hatte. »Oder besser gesagt: deine Erinnerungen. Von allen Wildwandlern bis du die einzige, die in unmittelbarer Nähe der Bannmauer lebt.«

»Wildwandlern?«

»So werden jene von uns bezeichnet, die außerhalb der Stadtgrenzen leben. Der Dynamo-Rat hat mich gesandt, um Beweise zu erbringen, dass die Barna-Chroniken nicht nur mit leeren Worten ohne Vergangenheit gefüllt sind.«

»Wer oder was ist ein Barna?«

»Der Gründervater«, erklärte Aris. »In den Annalen der Stadt wird er als Millennium-Reformator gefeiert. Die ältesten Stadtgelehrten verehren ihn als Harmonisierer von Religion und Wissenschaft und bezeugen, er hätte seinerzeit Brot in Briketts und Wein in Schmieröl verwandeln können. Einige Ratsmitglieder glauben sogar, er wäre der Ur-Wandler gewesen, aber dafür gibt es keine seriösen Quellen.

Leider ist sein Name nicht vollständig überliefert. ›A.T.E. Barna‹ ist alles, was uns von ihm bekannt ist. Es heißt, er wäre ein Überlebender der Alten Welt gewesen und hätte aus dem Land hinter der Mauer gestammt. Von dort aus wäre er vor eintausend Jahren mit einem Gefährt auf unsere Seite gelangt, das in den Chroniken Zeptakel genannt wird. Barna selbst bezeichnet die Mauer darin als Aeternitas’ Wall. Womöglich ist es der Name ihres Architekten oder eines hohen Würdenträgers, dem zu Ehren sie einst errichtet worden war.

Der Rat hofft, dass die Wiederentdeckung der sogenannten Aeternitas-Passage endlich Licht ins Dunkel um den Mythos bringt – und nebenbei vielleicht noch ein paar Wunder aus dem Goldenen Zeitalter zutage fördert.

In den Chroniken steht, Barna hätte in ihrem Inneren eine Urwelt-Maschine entdeckt, die er als fünfdimensionale Hypertrasse bezeichnete. Er wäre jedoch nicht in der Lage gewesen, sie zu bedienen, da eine elementare Komponente gefehlt hätte, eine Art bewegliches Gehäuse, das offenbar schon seit dem Kataklysmos verschollen ist.«

Ninive blies die Backen auf. »Du sprichst Schwirrschwei«, beurteilte sie das Gehörte. »Bis heute hat es kein Mensch vollbracht, auf die andere Seite zu gelangen, geschweige denn von dort wieder zurück, um von seinen Erfahrungen zu berichten.«

»Dann werde ich der erste sein.«

»Träum weiter …«

»Ich kenne einen Weg. Ich muss ihn nur noch finden.«

Ninive musterte Aris abschätzend. »Wie kannst du dir so sicher sein?«

»Weil ich etwas bei mir trage, das meine unglücklichen Vorgänger nicht besaßen.« Er zog eine schlanke Metallhülse aus seinem Tornister. »Eine fast tausend Jahre alte Originalseite der Barna-Chroniken«, erklärte er. »Sie ist vermutlich der Schlüssel des Rätsels, wie es möglich ist, auf die andere Seite zu gelangen.«

»Vermutlich?«

»Barna hat sie in einer Urwelt-Sprache verfasst. Scharen von Ratsdolmetschern konnten Fragmente davon übersetzen, aber mehr als einen vollständigen kurzen Satz haben sie in zwei Monaten nicht geschafft.« Er griff in seinen Mantel, zückte ein Notizheft, blätterte bis zu einer markierten Seite und las: »Durch die Erde führt der Pfad.«

Ninive zog verdutzt die Augenbrauen zusammen. »Das ist alles?« Aris machte eine entschuldigende Geste und ließ das Büchlein wieder in der Manteltasche verschwinden. »Und der Rest?«

»Unverständliches Kauderwelsch.«

»Lies vor«, forderte Ninive ihn auf.

»Das darf ich nicht.«

»Mein Territorium, meine Regeln«, erinnerte sie ihn. »Also?«

Ihr Gegenüber zog eine Grimasse, dann öffnete er die Hülse und zupfte vorsichtig ein vergilbtes, von Stockflecken übersätes Blatt Papier heraus. »Via in medion«, begann er zu lesen, nachdem er es aufgerollt hatte. »Nein, warte: Via in mediam murum aeo… ähm, aeonum …«

»Zeig mal her.« Ninive zog ihm die Seite aus den Händen und betrachtete den Text. »So ein Geschnörkel habe ich noch nie gesehen«, gestand sie.

»Es ist eine Sprache aus der Alten Welt.«

»Die heute garantiert niemand mehr lesen kann. Ich wüsste nicht einmal, wie man diese Wörter ausspricht – falls das überhaupt Wörter sind.« Ninive drehte das Blatt in alle Richtungen, dann strich sie mit der Hand darüber, als wischte sie ein lästiges Insekt ab. Das Papier zuckte erschrocken zusammen, dann lag es wieder schlaff in ihrer Hand.

»Trag dich vor«, forderte sie es auf.

Die Buchseite sah sich um, ohne Notiz von Ninive zu nehmen, schlüpfte jäh aus ihren Fingern und flatterte unbeholfen davon.

»Ach, verflucht!« Aris rannte ihr ein Stück weit hinterher, bis der Hang zu abschüssig wurde. »Paras levit!«, rief er, als sie im Nebel zu verschwinden drohte. Die Seite erstarrte mitten im Flug, dann begann sie herabzutrudeln. Ehe sie jedoch den Boden erreichte, wurde sie vom Wind erfasst und davongeweht. Aris stieß einen Fluch aus und stieg den Hang eilig wieder empor.

»Glückwunsch«, brummte er, als er Ninive erreicht hatte. »Wirklich fabelhaft!«

»Wie hast du das gemacht?«, staunte sie. »Ich bin noch nie einem Wandler begegnet, der etwas entseelen kann, ohne es zu berühren.«

»Ich habe sie auch nicht entseelt, sondern paralysiert. Auf die Idee, sie zu beleben, bin ich bereits bei den vorherigen Seiten gekommen – mit der gleichen Wirkung. Daher ist auch nur noch diese eine Seite übrig.«

»Soll das etwa heißen, das war ein Zauber?«

»Ein arithmetischer Bannspruch.« Aris zog seinen Tornister auf. »So etwas wie eine paraverbale Chiffre, die wie ein Phrasencode funktioniert. Sie wirkt nur bei den Seiten der Chroniken, nirgendwo sonst. Ein onomatopoetischer Massekalkulator hat sie mir beigebracht.«

»Ein was?«

»Eine Art Rechenmaschine. Er stammt aus der Urwelt und ist überzeugt, das Universum und alles, was wir um uns herum wahrnehmen, sei lediglich hochkomplexe Mathematik. Er sagte einmal, die Mathematik sei die Königin der Wissenschaften und die Arithmetik die Königin der Mathematik. Aber so, wie du gerade dreinschaust, hast du von Tuten und Blasen eh keine Ahnung.«

»Was soll das denn bitte schön heißen?«

»Vergiss es.« Aris zurrte die Sicherungsriemen des Tornisters fest. »Den Bannspruch habe ich mir beibringen lassen für den Fall, dass alle Stricke reißen – oder falls ich Wandlern wie dir begegnen sollte. Ein Glück, dass beseelte Dokumente anfangs nicht besonders flink sind, aber die Paralyse ist nicht von Dauer. Ich muss die Seite finden, ehe die Wirkung nachlässt. Viel Glück noch mit deinen Blitzschluckern. War zwar nicht besonders erfreulich, deine Bekanntschaft gemacht zu haben, aber zumindest interessant.«

Damit ließ er sie stehen und begann den Hügel hinabzuhetzen.

Ninive sah Aris nach, bis der Nebel ihn verschluckt hatte, dann wandte sie sich zu Dibbid um und begann, dessen Erdungsanker zu lösen.

»Was soll das?«, fragte Dibbid.

»Ich nehme dich aus dem Kollektiv«, erklärte Ninive. »Du hast eine schlechte Arbeitsmoral und keine Lust, deine Pflichten zu erfüllen, also desintegriere ich dich.«

»Das – kannst du nicht machen, Ivi …«

»Was hast du denn geglaubt? Dass ich Eisenwaldfräsern die Stirn biete, aber vor renitenten Blitzsammlern kusche? Ich versetze dich in den Innendienst.«

Grabesstille ringsum.

Innerlich triumphierend, genoss Ninive den neu gewonnenen Respekt. Ehe Dibbid den Schock verdaut hatte und zu einem Proteststurm ansetzen konnte, hatte sie ihn entseelt und zusammengeklappt, bis er kaum breiter war als Aris’ Tornister. Flink löste sie die Statikklammern, überprüfte die Transportsicherungen und hievte ihn sich schließlich auf die Schultern. Seine Last war kein Vergleich zu der des Rucksacks, denn ein Kollektor wog gut dreißig Kilogramm. Ein Drittel des Gewichts ging auf die Rechnung der Plasmatransformatoren.

9

Als Ninive den Talgrund erreichte, sah sie Aris auf der Suche nach der verlorenen Buchseite kreuz und quer durch die nahen Auen streifen.

»Was gibt’s da so blöd zu glotzen?«, rief er verärgert, als er sie am Fuß des Hügels stehen sah. »Deinetwegen war meine gesamte Reise umsonst.«

»Suchst du die hier?« Ninive hielt die zusammengerollte Seite in die Höhe. »Darfst dich bei meinem Rucksack bedanken«, sagte sie, als Aris sie erreicht hatte. »Pagg ist ein Meister darin, alles Mögliche und Unmögliche aufzuscheuchen und in sich hineinzustopfen. Ein wahrer Obskuritätendetektor.«

Trotz Aris’ Erleichterung über das wiedergefundene Schriftstück war sein Argwohn fast schon spürbar. »Hast du irgendetwas mit ihr angestellt?«, erkundigte er sich, während er die Seite auf ihre Unversehrtheit hin prüfte.

Ninive verzog die Mundwinkel. »Ich habe sie nur freundlich überredet zu kooperieren«, erklärte sie. »Unter Aufzählung einiger Begebenheiten, die sich ansonsten zu ihren Ungunsten ereignen könnten.«

»Dann ist sie noch beseelt?«

»Selbstverständlich.«

»Und jetzt?«

»Es ist dein Dokument. Du musst ihm sagen, was es zu tun oder zu lassen hat.«

Aris betrachtete den fremdartigen Text, dann sagte er: »Lies vor, was auf dir geschrieben steht.«

»Via in mediam murum aeonum semita est contraria, quantam esse sapiens solus cognoscit«, begann die Seite vorzutragen. »Ubi iacet tenebrae, ibi lux ei videndus, ubi animum gelu demittit, ibi calor sentiendus, ubi vorago deducit, ibi alae donandae altitudine. Non quae aperta videntur, sequi licet, sed obscura. Supra terram tolli sub terram eundo simile. Per tellurem semita in aquas obscuras deducit. Flumen via est ad fontem. Cursus ad caput ducit et fons genetrix est temporis.«

Während Aris’ Gesichtsausdruck Bände sprach, war Ninives Interesse an dem Text schlagartig erwacht.

»Genetrix est temporis«, wiederholte sie die fremdartigen Worte. »Was bedeutet das?«

»Übersetze, was auf dir geschrieben steht«, wies Aris das Schriftstück an. »In die Sprache jener, die dich erweckt hat.«

Die Seite schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Der Pfad ins Herz der Äonenmauer ist ein Pfad der Widersprüche, den in seiner Größe nur der Weise erkennt. Wo Dunkelheit herrscht, muss er Licht sehen, wo ihn Kälte verzagen lässt, muss er Wärme spüren, wo ihn Abgründe hinabzuziehen drohen, müssen ihn lichte Höhen beflügeln. Nicht dem Offensichtlichen darf er folgen, sondern dem Verborgenen. Sich über das Land zu erheben bedeutet, sich unter die Welt zu begeben. Durch die Erde führt der Pfad in dunkles Wasser. Der Fluss ist der Weg zum Brunnen. Sein Strom führt zur Quelle – und die Quelle ist die Mutter der Zeit.«

»Die Mutter der Zeit«, wiederholte Ninive gedankenversunken. »Das ist eine seltsame Bezeichnung. Wie alt sind diese Chroniken?«

»Laut meinen Analysen wurde dieses Papier vor fast eintausend Jahren beschriftet.«

»Aber die Sprache muss viel älter sein«, urteilte Ninive. Sie tippte die Seite an und fragte: »Die wievielte Abschrift bist du?«

»Die vierte«, antwortete das Papier.

Aris und Ninive tauschten einen vielsagenden Blick. »Wie alt waren deine Vorgängerinnen?«

»So alt wie ich.«

»Und?«

Die Seite sah irritiert vom einen zum anderen. »Was und?«

»Na, wie alt bist du?«

»Woher soll ich das wissen? Ihr habt mich doch zum Leben erweckt. Kann ich jetzt gehen?«

Ninive strich mit ihrem Handrücken über das Papier. Es gab ein leises Seufzen von sich und erschlaffte.

»Sie wird ziemlich sauer sein, wenn du sie das nächste Mal beseelst.«

»Habe ich keinesfalls …« Sie verstummte, denn in den Auwiesen hatte es angefangen zu funkeln und zu glitzern. Auch Aris bemerkte nun die lautlos heranschleichenden Wasserschlangen und sah sich um. Wohin beide auch blickten, krochen flüssige Tentakel auf sie zu.

»Was wollen diese Viecher?«

»Das weiß ich nicht«, gestand Ninive. »Dieses Verhalten ist mir neu.«

»Kannst du sie unschädlich machen?«

»Einige vielleicht, aber nicht alle.«

»Bist du eine Wandlerin oder nicht?«

»Natürlich!«, zischte Ninive. »Aber Flodd wurde nicht von mir beseelt!«

Aris sah sich um. »Wer ist Flo… Uh!« Er kippte vornüber und wurde von etwas Glitzerndem fortgerissen, das sich um seine Füße geschlungen hatte.

»Hilf mir!«, rief er, während der flüssige Tentakel ihn durchs Gras schleifte.

»Halt dich irgendwo fest!« Ninive streifte den Kollektor ab und rannte ihm nach. Dabei übersah sie eine zweite Wasserschlange, die sich vor ihren Füßen aufbäumte und sie zu Fall brachte. »Verdammt, Flodd, was soll das?«, rief sie und schlug erbost nach dem flüssigen Tentakel, der vergeblich auszuweichen versuchte. Als ihre Hand die Schlange traf, zerplatzte sie in tausend Tropfen.

Fluchend sprang Ninive auf und hetzte Aris hinterher. Mit einem Hechtsprung schaffte sie es, seine Hände zu ergreifen – mit dem Resultat, dass sie nun gemeinsam über den Boden gezogen wurden. Wenige Meter von Flodds Ufer entfernt fand ihre unfreiwillige Rutschpartie ein jähes Ende, als die Wasserschlange, die sie durchs Gras schleifte, plötzlich in zwei Hälften geschnitten wurde. Während die vordere sich in den Fluss retten konnte, prallte die hintere mit Aris und Ninive im Schlepptau gegen eine unsichtbare Wand, wobei ein Geräusch erklang, als kollidierten sie mit einer riesigen Glocke. Der Wasserstumpf an ihren Beinen bäumte sich auf wie in Agonie, sank kraftlos in sich zusammen und versickerte im Boden. In der Luft zwischen ihnen und dem Fluss bildete sich ein Flimmern und verdichtete sich langsam zu einem zylinderförmigen Körper, dann ragte das Genetrix-Tier vor ihnen auf.

Wie vom Donner gerührt blickten Aris und Ninive den unförmigen Koloss an. Etwas, das wie eine Antenne aussah, senkte sich auf Ninive herab und strich sanft über ihren Körper. Sie kroch rückwärts von dem riesigen Apparat fort, doch ihre Bewegung endete an zwei weiteren Wassertentakeln, die sich um ihre Arme schlangen.

»Wer weiß noch von deiner Reise zur Bannmauer?«, raunte sie Aris zu.

»Alle offiziellen Instanzen«, flüsterte dieser.

»Und du trägst diese Chronikseite legal bei dir?«

»Natürlich. Präsident Velocipedior selbst hat sie mir anvertraut, und außer mir wurde niemand für die Mission ausgebildet.«

Ein metallisches Schaben ließ ihn verstummen. Wie Ninive blickte er empor zu dem kaminartigen Aufbau, dessen Spitze begonnen hatte, in kurzen Intervallen zu rotieren. Nach mehreren Umdrehungen öffnete sie sich wie eine Luke, woraufhin eine absonderliche Kreatur sich daraus hervorzuzwängen begann. Sie hatte annähernd die Form eines Menschen, wirkte jedoch wie etwas, in das man hineinschlüpfen konnte, wie eine Rüstung oder ein Schutzanzug. Rumpf, Arme und Beine bestanden aus dickem, von Altersflecken übersätem Leder, wohingegen der riesige, kugelrunde Kopf aus Metall gefertigt war. An seiner Vorderseite klaffte ein großes, kreisrundes Loch und ließ erkennen, dass er hohl war. Das eigenartige Ding hatte keine Hände, dafür aber monströse Füße, die aussahen wie Bleihufe. Unbeholfen kletterte es an der Außenhülle des Ungetüms herab, wobei die schweren Schuhe es zu Boden zogen. Schwankend stand die Rüstung schließlich im Gras und war bemüht, das Gleichgewicht zu halten.

Ninive versuchte zurückzuweichen, doch Flodds Tentakel hielten sie und Aris fest umklammert. »Was bist du?«, fragte sie das Wesen.

»Das weiß ich nicht«, drang seine blecherne Stimme aus dem Inneren der Metallkugel. »Sag du es mir.«

»Hast du einen Namen?«

»Gib mir einen Namen, dann habe ich einen.«

Aris und Ninive tauschten einen Blick. Ihr bizarres Gegenüber sprach in Rätseln.

»Warst du es, der mir mit dem Genetrix-Tier durch das Hochland gefolgt ist?«

Die Rüstung schwieg, wobei ihr Kugelkopf sich drehte, als schaute sie sich suchend um. »Genetrix-Tier?«, wiederholte sie verwundert. Dann schien ihr bewusst zu werden, worauf sie anspielte, und sagte: »Das ist kein Tier, Wandlerin, sondern ein Aquaroid. Und es würde dir niemals etwas antun – denn du warst es, die es einst beseelt hatte!«

Ninives Blick pendelte zwischen der Rüstung und dem Metallkoloss, dann endlich erinnerte sie sich, wo sie den kaminartigen Aufbau und das riesige Frontbullauge vor langer Zeit schon einmal gesehen hatte: auf dem Grund des Sees, in den Flodd mündete.

Damals war sie oft tagelang am Ufer entlangspaziert und hatte all das Strandgut untersucht, das im Laufe der Zeit angeschwemmt worden war. Der gesamte See war ein Sammelbecken menschlicher Hinterlassenschaften aus dem Goldenen Zeitalter, als noch Städte existiert hatten. Viele ihrer Überreste hatte Ninive am Seeufer gefunden und beseelt, um zu sehen, was sie unternahmen und wie sie sich bewegten. Es hatte sie amüsiert, sie unbeholfen umherhopsen oder übers Ufer kriechen zu sehen.

Auf das Aquaroid war sie kaum zwanzig Meter vom Ufer entfernt am Seegrund gestoßen. Sie hatte es erweckt, um es an Land kriechen zu lassen und es sich anzuschauen, doch es hatte zu tief im Schlamm gesteckt und sich nicht daraus befreien können …

»Aber ich habe es doch wieder entseelt«, murmelte sie. »Das weiß ich ganz genau.«

»Du warst zu schlampig«, sagte die Gestalt mit dem Kugelkopf. »Du hast lediglich seine Hülle entseelt, aber nicht sein Inneres – und nicht sein Darunter … Nicht mich!«

Ninive starrte die Rüstung ungläubig an. »Du warst da drin?«

»All die Zeit, seit es gesunken war – und auch, nachdem du uns wieder verlassen hattest. Ich war gefangen in der Dunkelheit, in der Tiefe, Jahrzehnte, Jahrhunderte … Und ich wusste, ich würde darin gefangen bleiben, bis das Wasser mich oder das starre Gefängnis um mich herum zersetzt haben würde. Das Einzige, von dem ich lernen konnte, war das Wasser. Alle Erinnerungen von Flodd sammeln sich in diesem See, seine Weltkenntnis und seine Erfahrung. Doch auch er konnte mir nicht helfen. Bald trug ich das Wissen und die Weisheit des Wassers in mir und war damit gefangen in einem winzigen versunkenen Wrack. Meine einzige Chance, diesem Gefängnis zu entkommen, bestand darin, einen Teil von mir auf das Aquaroid zu übertragen – und es zu reanimieren.«

»Du?«, staunte Ninive. »Du hast es beseelt?«

»Überrascht dich das wirklich, Wandlerin? Ist es dir denn nicht schon bei den Makula-Tieren aufgefallen? Glaubst du wirklich, beseelte Maschinen seien Quantensprünge des Lebens? Die Quintessenz aus Jahrmillionen steter Evolution?«

»Aber warum verfolgst du mich?« Ninive sah sich um und erblickte Dutzende von flüssigen Tentakeln, die sich im Gras aufgerichtet hatten und ihre Oberkörper hin und her wiegten. »Was wollt ihr von uns?«

»Kannst du dir das nicht denken? Du und deinesgleichen, ihr habt die halbe Welt beseelt – und nun kommt diese Welt zu euch und fragt: Warum? Wundert dich das wirklich?« Die Rüstung hob einen Arm und rief: »Genug, Flodd!« Augenblicklich ließen die Wasserschlangen von Aris und Ninive ab, hielten die beiden jedoch weiterhin umzingelt. »Ihr besitzt eine großartige Gabe«, sprach sie, während sie langsam wieder an der Flanke des Metallungetüms emporkletterte. »Doch ihr geht so leichtfertig damit um, weil ihr nur an euch denkt. Ihr beseelt uns zu eurem Vergnügen oder aus Bequemlichkeit, und nachdem ihr uns benutzt habt, werft ihr uns fort und überlasst uns unserem Schicksal.

Lange bevor ihr Wandler aufgetaucht seid, gab es ein Zeitalter, in dem diese Welt von Myriaden von Insekten bevölkert wurde. Auf einen einzelnen Menschen kamen dereinst fünfzehn Millionen Ameisen, fünf Millionen Käfer, vier Millionen Wespen und zwei Millionen Spinnen – von all den Legionen weiterer Arten ganz zu schweigen. Hätten sie ein Bewusstsein oder eine Entität über sich gehabt, die sie gelenkt und geleitet hätte, wären sie in der Lage gewesen, die gesamte Menschheit innerhalb weniger Tage auszurotten, sieben, vielleicht sogar acht Milliarden Individuen innerhalb eines Wimpernschlags der Evolution. Doch dieses Kollektivbewusstsein hatte nicht existiert.

Heute, Jahrtausende später, blicken wir dennoch auf den kümmerlichen Rest eurer einst so großen Zivilisation hinab. Wie viele Wandler und Hüter existieren noch? Dreitausend? Viertausend? Diese Welt wird mittlerweile von so vielen Beseelten bevölkert, dass ihr sie gar nicht mehr zu zählen vermögt. Auf einen der Euren kommen Tausende der Unseren – und längst nicht alle von uns sind einfältig oder gar gutmütig. Ihr solltet allmählich dafür sorgen, dass sie sich nicht endgültig gegen euch erheben – und euch entseelen!«

Ninive und Aris sahen sich um. An den Hängen der Hügel hatten sich Herden von Schellern und Makula-Tieren versammelt. Es mussten Hunderte sein, die auf sie herabblickten.

»Wir denken darüber nach«, versprach Aris.

»Das hoffe ich, Wandler, denn sie werden euch beobachten.« Die Rüstung schickte sich an, zurück ins Innere des Metallkolosses zu klettern.

Wie auf ein geheimes Zeichen hin vereinigten sich die flüssigen Tentakel im Gras zu einer einzigen Wasserschlange, die sich meterhoch aufrichtete. Dann glitt sie über Ninive und Aris hinweg und ergoss sich durch die offene Luke rauschend ins Innere des Aquaroids.

»Genetrix?«, fragte das Metallungetüm mit seiner tiefen, rostigen Stimme.

Ninive runzelte die Stirn. »Wieso wiederholt es ständig dieses Wort?«

»Weil es das einzige ist, das es je von allein gesprochen hat«, erklärte die Rüstung, von der nur noch der Kopf aus dem Aquaroid ragte. »Es bedeutet ›Mutter‹.«

Mit diesen Worten schloss sie die Luke, dann wandte der Koloss sich um und robbte davon.

»Wir hätten es bitten sollen, uns auf die andere Flussseite zu tragen«, murmelte Ninive mehr zu sich selbst. »Flodd nachts zu überqueren ist genau so gesund wie ein Sprung in eine Säbelgrasgrube …«

Aris öffnete schweigend seinen ramponierten Tornister, kramte ein Kunststoffbündel heraus, legte es auf den Boden und sagte: »Aiolos!« Das Bündel begann augenblicklich zu wachsen und sich zu entfalten, wobei es Luft in sich hineinsaugte. Als der Vorgang Sekunden später beendet war, stand vor Ninive ein rundes, kuppelförmiges Allwetterzelt.

»Mikroklimatisch, selbstbelüftend und bodennivellierend«, erklärte Aris, während er sich daranmachte, es im Boden zu verankern. »Und falls du dich im Dunkeln fürchtest, singt es dir sogar Schlaflieder vor.« Er schob seinen Tornister hinein, zog seine Stiefel aus und schlüpfte hinterher. »Ich überlasse es dir, ob du die Nacht in deinem Territorium im Freien verbringen willst oder mein Heimrecht respektierst«, erklang seine Stimme gedämpft aus dem Inneren. »Aber ich finde, du bist mir die eine oder andere Erklärung schuldig.«

10

Ninive zog ihren Mantel und ihre Schuhe aus, hängte sich ihren Rucksack über die Schulter und entfernte sich ein paar Schritte, was Aris dazu bewog, den Kopf wieder herauszustrecken.

»Wohin willst du?«

»Baden.«

Aris sah hinab zu Flodd. »Doch nicht etwa in diesem Amok-Gewässer?«

»Das habe ich gehört!«, drang es aus dem Flussbett herauf.

»Nein.« Ninive deutete zu einem kleinen Katarakt am gegenüberliegenden Hang, an dessen Fuß das Wasser sich in einem kleinen Becken sammelte, ehe es über Kaskaden und durch Strudellöcher weiter hinab ins Tal strömte. »Dort oben. Ich bin schließlich nicht lebensmüde.«

»Das habe ich auch gehört!«, grummelte Flodd, wobei es klang, als würde seine Stimme sich vom Nachtlager der beiden Wandler entfernen.

Ninive sah hinab auf seine im Abendlicht schimmernden Mäander. Sie war sich nicht sicher, ob der Effekt daher rührte, dass sein Wasser in Richtung der Marschen strömte, oder ob es der Wind war, der seine Stimme mit sich wehte. Vielleicht hatte Flodd nach der Moralpredigt der Rüstung auch das Interesse an ihnen beiden verloren – oder er war einfach nur beleidigt und zog schmollend davon. Wobei Ninive nicht genau sagen konnte, was sich da eigentlich von ihnen entfernte. Sie hatte bisher nie bewusst wahrgenommen, das Flodd so etwas wie ein Sprach- oder Bewusstseinszentrum besaß, das sich im Flusslauf auf und ab zu bewegen vermochte. Bei all ihren vorherigen Begegnungen und mehr oder minder gelungenen Durchquerungen hatte er auf sie gewirkt, als wäre das, was ihn beseelte, auf seiner gesamten Länge omnipräsent. Sollte seine Flussseele jedoch nur eine örtlich begrenzte Entität seien, die sich willkürlich in seinem Medium umherzubewegen vermochte, aber ihn nicht von der Quelle bis zur Mündung gleichermaßen erfüllte, wie sie bisher geglaubt hatte, wäre das eine völlig neue Erkenntnis.

»Brauchst du vielleicht jemanden, der dir den Rücken einseift?«, riss Aris’ Stimme sie aus ihren Gedanken.

Ninive blickte den Wandler verdutzt an. Sie wandte sich ihm zu, ohne sich von der Stelle zu bewegen, neigte leicht den Kopf und begann ihr Hemd aufzuknöpfen. Dann schlug sie beide Hälften blitzschnell auseinander und wieder zusammen, sodass Aris für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick auf ihren bloßen Oberkörper werfen konnte, ehe sie die Hemdzipfel vor ihren Bauch verknotete.

»Wenn du es wagen solltest, mir zu folgen, und ich auch nur eine einzige Augenwimper von dir über den Uferrand ragen sehe, wirst du ein blaues Wunder erleben!«

Zufrieden mit sich und ihrer Antwort auf seine dreiste Frage, machte sie kehrt, durchquerte barfuß die Talsenke und marschierte hinauf in Richtung des Wasserfalls. Mit einem belustigten Lächeln auf den Lippen begann sie sich bereits auszuziehen, bevor sie den Pool unter dem Katarakt erreicht hatte, ahnend, dass Aris sie von der gegenüberliegenden Talseite aus weiter beobachtete. Auf Höhe der Kaskaden siegte schließlich doch ihre Neugier. Sie warf einen verstohlenen Blick über ihre Schulter hinüber zum Zelt – und hielt verdutzt inne. Von Aris war weit und breit nichts zu sehen. Ihre Verwunderung wandelte sich von Enttäuschung in Verdrossenheit, denn selbst nachdem sie minutenlang splitternackt am Fuß des kleinen Wasserfalls ausgeharrt hatte, ließ der Wandler sich nicht sehen, um sie eines Blickes zu würdigen. Beleidigt schmiss sie ihre unter dem Arm getragene Kleidung auf den Felsboden und entseelte ihren Rucksack.

»Arsch!«, zischte sie und stieg in das von Gewitterfluten ausgewaschene Bassin. Kleine Wellen schwappten über das Ufer, als sie sich abstieß und in Richtung des schmalen Wasserfalls treiben ließ, der vor ihr eine meterhohe, fast senkrechte, moosbewachsene Klippe herabsprudelte. Vor allem im Sommer, wenn die Hitze im Hochland fast unerträglich war, badete sie oft hier und genoss das kühle Nass und die kleine Extrabehandlung seiner winzigen Bewohner. Der kleine Teich war mit einem kräftigen Zug zu durchschwimmen und kaum mehr als zwei Meter tief. Sein kaltes, kristallklares Elixier sorgte dafür, dass ihr Ärger auf Aris rasch verflog.

Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen ließ sie sich auf den Grund des Pools sinken, woraufhin aus Ritzen und Spalten winzige Quellmaschinchen geschwärmt kamen. Mit ihren rotierenden Flossen umschwirrten sie ihren Körper und begannen mit ihren Saugmäulern an ihr herumzupicken. Ninive schloss die Augen, genoss das Kribbeln auf ihrer Haut …

Ist Aris womöglich auch nur eine beseelte Maschine mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die lediglich aussieht und sich verhält wie ein Wandler?, fragte eine innere Stimme in diesem Moment. Ein Gesandter des Dynamo-Rats, der dir deine Geheimnisse entlocken soll?

Sie öffnete die Augen wieder und blickte hinauf zur unter dem Katarakt sprudelnden Wasseroberfläche.

Lebten in der Stadt überhaupt noch Menschen?

Der Kanon mechanischer Seelen - Teil 2/2 (Michael Marrak)

© Michael Marrak

11

Wie schon die Abende zuvor tastete Aris die prall gefüllten Waben der Zelthülle ab und lauschte nach einem leisen, verräterischen Zischen, mit dem die Druckluft aus winzigen Löchern entwich. Alle Blister schienen die unfreiwillige Schlitterpartie und Ninives Untersuchung seines Tornisters jedoch unbeschadet überstanden zu haben. Im Hinblick auf das rabiate Vorgehen der Wandlerin im Kreise ihrer beseelten Kollektoren hatte er Schlimmeres befürchtet.

Mit ein wenig Abstand zu den Ereignissen am Flussufer und auf der Bergkuppe fragte er sich, welcher Teufel ihn eigentlich geritten hatte, ihr ein Nachtquartier anzubieten. In Anbetracht der Geschichten, die er über sie gehört und gelesen hatte, war es schon mehr als verwegen, das Zelt mit ihr teilen zu wollen. Zwar wusste er nicht, wo und in welcher Art von Behausung sie wohnte, aber er war sich sicher, dass sie auch ohne halbwegs komfortablen Unterschlupf gut zurechtgekommen wäre.

Es war mehr als nur ein Gefühl, dass der Wandlerin gar nicht bewusst war, wie oft in den Straßen der Stadt über sie gemunkelt wurde und welch haarsträubende Geschichten die Bibliothek über sie zu erzählen wusste. So berichtete der Pilger Uru Noma in der Bergchronik, der ›Wandler-Balg‹ könne Bäume ausreißen, Blitze schleudern und sogar Wasser zum Sprechen bringen. Das Liber Aeon spekulierte, sie durchstreife das Hochland auf riesigen, ölspeienden Mechanopoden und jage damit alles gnadenlos bis hinter den Horizont, was in ihr Territorium eindränge. In den Aufzeichnungen des legendären Naturforschers Arax Eizum war zu lesen, sie habe in den Marschen blutrünstige Urwelt-Tiere beseelt, die im seichten Wasser der Seeufer lauerten und achtlose Wanderer mit Haut und Haaren verschlängen. Dass sie, wie einige dubiose Quellen behaupten, fähig war, auf den von ihr gefangenen und gezähmten Blitzen zu reiten, erschien allerdings selbst Aris ein wenig zu weit hergeholt.

In einem Aspekt jedoch stimmten alle Chroniken überein: dem Gerücht, Ninive verkehre gelegentlich mit einem uralten, finsteren und furchterregenden Wesen, das ganze Welten zu fressen vermöge …

Sollte an den Geschichten der Pilger und Ratsreisenden, die in der Stadt Quartier bezogen hatten, ein Funken Wahrheit stecken, war Ninive Jahrhunderte älter als Aris. Es war also theoretisch möglich, dass sie Barna vor einem Äon sogar leibhaftig begegnet war, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein, wen sie vor sich gehabt hatte.

Wie auch immer, einige Hundert Jahre Altersunterschied waren ein enormer Zeitvorsprung, um ihre Gabe zu perfektionieren – zumal das Leben in dieser Einöde weitaus fordernder war als ein Leben in der Stadt. Wer wusste also schon zu sagen, welche Geschichten über sie wahr waren und welche nur literarischer Dunst und Windmacherei?

Wahrscheinlich war es also einfach eine Mischung aus Leichtsinn, Kühnheit und Neugier, die Aris dazu bewogen hatte, Ninive einen Schlafplatz anzubieten. Mit der Aussicht, einigen der Geschichten über sie nach seiner Rückkehr die eine oder andere Fußnote und Korrektur hinzufügen zu können.

 

Aris vernahm sich nähernde Schritte und gab sich geschäftig, als Ninive eine der Zelttüren aufklappte und geduckt ins Innere trat. Am Leib trug sie nur ihr Hemd, den Rest ihrer Kleidung hatte sie sich als Bündel unter den Arm geklemmt. Ihr Blick war ernst.

»Wolltest du nicht baden?«, wunderte er sich bei ihrem Anblick.

»Habe ich.«

»Deine Haare sind aber trocken.«

»Ich weiß mit Wasser umzugehen.« Sie ließ das Kleiderbündel fallen, woraufhin die Pistole zum Vorschein kam, die sie in ihrer rechten Hand darunter verborgen gehalten hatte. »Zieh dein Hemd aus!«, befahl sie Aris und zielte auf seinen Kopf.

Der Wandler schielte auf die Waffe. »Wo hast du die denn her?«, staunte er. »Ist die echt? Solche Dinger liegen bei uns im Urwelt-Museum …«

»Sei still!« Ninive hielt ihm die Pistolenmündung an die Stirn. »Ich sagte ausziehen!«

»Ruhig Blut, ruhig Blut …« Zögerlich begann der Wandler sich zu entkleiden. »Das könntest du auch mit weitaus weniger rabiaten Mitteln haben.«

»Ich muss sichergehen.«

»Dass ich mich ausziehe?«

»Dass du bist, was du zu sein vorgibst. Und jetzt leg dich auf den Rücken!«

»Hältst du das nicht für ein wenig über…«

Ninive hob ein Bein und stieß ihn mit dem Fuß nach hinten. Auf dem Boden liegend, hob Aris die Hände als Zeichen, dass er keinen Widerstand leisten würde.

»Wage es nicht, dich zu mucksen!«, sagte sie, als sie sich neben ihn kniete. Das leichte Zittern in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Durch den Stoff ihres Hemdes spürte Aris ihre Brustwarzen über seine Haut streichen. Ninive klopfte mit der freien Hand gegen seine Rippen und lauschte gebannt, als würde sie aus dem Inneren ein Echo erwarten. Dann legte sie ein Ohr auf seinen Brustkorb und klopfte noch einmal.

»Ist dir dort oben am Wasserfall irgendetwas auf den Kopf gefallen?«, fragte Aris, nachdem sie eine Weile reglos neben ihm gekauert und in ihn hineingehorcht hatte.

Ninive richtete sich auf. »Bist du ein Mensch?«

Aris zog die Augenbrauen zusammen. »Was?«

»Aus Fleisch und Blut?«

»Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?«

Ninive erhob sich wieder, hielt die Waffe jedoch weiterhin auf den Wandler gerichtet. »Tut mir leid«, murmelte sie.

»Na, das will ich auch schwer hoffen!«

Er setzte sich auf. Einige Sekunden lang sahen sie einander an, dann legte er seine Hände an ihre Hüften, schob ihr Hemd ein Stück hoch und zog sie zu sich heran.

Ninive sog scharf die Luft ein, als sie seine Wärme in ihrem Schoß spürte. Ihre Hand mit der Waffe begann zu zittern. Wie in einer Trotzreaktion richtete sie die Pistole auf seine Stirn, dann ließ sie ihren Arm sinken und starrte mit weit geöffneten Augen auf Aris hinab. Schließlich ließ sie die Waffe zu Boden fallen, ergriff seinen Kopf und presste ihn mit einem leisen Stöhnen fester an sich …

12

»Magnetische Gefühle?«, zweifelte Ninive, als der Schweiß auf ihrer Haut getrocknet und sie wieder zu Atem gekommen war. Die Skepsis in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »So etwas lehrt man euch in der Stadt?«

Aris schnaubte leise. »Dort gibt es keine Schule oder Akademie für Wandler«, erklärte er. »Unser Wissen müssen wir uns in Bibliotheken und freien Archiven selbst aneignen. Oder wir erarbeiten uns durch jahrzehntelange Frondienste für den Levitat-Adel einen enzyklopädischen Pylon.«

»Was ist das?«

»Eine Art technischer Lehrmeister.« Er wandte sich ihr zu und stütze seinen Kopf auf seine Handfläche. »Willst du mir etwa erzählen, du warst noch nie in der Stadt?«

»Ist lange her«, gestand Ninive. »War auch nur in den Außenbezirken, nicht im Zentrum.«

»Du hast noch nie die Kaskaden der Mitternachtssonne gesehen?«, staunte Aris. »Oder das Radiant-Pyrinostrium?«

»Nein.«

»Die Spektralarkaden? Die Orangerie der Stromkaiser? Das große Dynamo-Mausoleum? Die schwebenden Gärten von Parabol?«

Ninive schüttelte den Kopf.

»Du meine Güte …« Aris konnte seine Verwunderung nicht verbergen. »Woher hast du dann all dein Wissen und deine Talente?«

Ninive zuckte mit den Schultern. »Von hier und da …«

»Hier und da?«

»Die Hinterlassenschaften des Goldenen Zeitalters haben oft viel zu erzählen …«

»Verstehe. Dann waren die Vorwürfe dieser Urwelt-Rüstung also doch nicht von so weit hergeholt.« Er strich Ninive eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fuhr ihr mit dem Zeigefinger über die Stirn. »Den Barna-Chroniken zufolge wusste im Goldenen Zeitalter jedes Wandlerkind, dass Emotionen magnetisch sind. Auf der einen Gehirnseite liegt das positive Feld, auf der anderen das negative. Der menschliche Geist befindet sich in der Regel nie im Einklang mit sich selbst. Spätestens nach dem Einschlafen beginnt er willkürlich zwischen den Polen umherzuirren, unfähig, Einfluss auf die emotionalen Gewalten zu nehmen, die an ihm zerren.«

»Und was hat das alles mit diesem Kanoflux zu tun?«

»Den Chroniken und einigen älteren Gelehrten zufolge ist er so eine Art Genesis-Energie. Barna hat vor langer Zeit gelehrt, dass der Kanoflux die gesamte Welt prägt. Er macht Scheller, Makula-Tiere oder Elexen zu dem, was sie sind.«

»Tumbe, Gras fressende, rauchende, stinkende und scheppernde Ungetüme? Ich glaube nicht, das dafür irgendeine exotische Energie nötig ist.«

»Jede dieser Kreaturen an sich ist ein Unwesen«, stimmte Aris ihr zu. »Doch begegnet ein beseeltes Ding einem gleichartigen anderen, beginnt ein Balz- und Paarungsgebaren, das in Gestalt von Mechafaunen oder π‑Männchen manchmal seinesgleichen sucht. Unsereins steht dabei auf der Paradies-Skala wahrscheinlich ziemlich weit hinten …«

»Finger weg!«, fuhr Ninive ihn an, als er ihre entblößten Brüste zu streicheln begann, und schlug seine Hand fort.

»Das klang vorhin aber noch ganz anders …«, schmunzelte Aris.

»Vorhin war vorhin. Jetzt ist jetzt.« Ninive zog die Decke über ihren Körper, bis nur noch ihr Gesicht hervorlugte. »Erzähl mir mehr über den Kanoflux!«

Aris ließ sich auf den Rücken sinken und starrte auf das flirrende Licht der Triodenfalter, die über dem Zelt schwärmten und sein Inneres in einen schummrigen, blaugrünen Schein tauchten.

»Siehst du das?«, fragte er, ohne tatsächlich eine Antwort zu erwarten. »Es ist nicht unser Geruch, unser Atem oder unser Schweiß, der sie anlockt, sondern die Energie, die unsere Gabe uns verleiht. Auch wenn wir sie nicht nutzen und nicht an sie denken, strahlen wir sie aus. Wie unsere Körperwärme. Der Kanoflux erfüllt und umgibt uns, solange Leben in uns steckt.« Aris schwieg eine Weile, dann sagte er: »Doch er beseelt auch diese Triodenfalter und die Makula-Tiere und die Scheller – obwohl sie nicht leben. Wir nennen sie Tiere, aber das tun wir nur, weil wir uns an sie gewöhnt haben und es seit Jahrtausenden nicht anders kennen. Wir können uns inzwischen gar nicht mehr vorstellen, dass Tiere nicht quietschen, klappern, knattern und rauchen und sich in ihrem Inneren Walmwalzen, Gyroskope und Zahnräder drehen.«

»Hasst du die Tiere etwa?«

»Was?« Aris schaute Ninive überrascht an. »Nein, natürlich nicht. Aber ich versuche mich in Barna hineinzuversetzen und die Dinge so zu sehen, wie er sie vielleicht wahrgenommen hat. Die Natur hat nicht vorgesehen, dass irgendwelche Dinge, Apparate und Entitäten sich eigenwillig bewegen, zu fressen beginnen, sich zu Herden zusammenrotten, sich irgendwo dort draußen mit öl- und dampfgeschwängertem Maschinensex vergnügen und fröhlich vermehren – aber sie vollbringen es trotzdem. Kaum sind sie beseelt, hebeln sie eine ganze Reihe von Naturgesetzen aus und ersetzen sie durch neue.

Bis zu seinem Ableben hatte Barna offenbar zu ergründen versucht, ob die Mechafauna aus der Urwelt hervorgegangen war oder es die Beseelten selbst gewesen waren, welche aus dieser Welt das gemacht hätten, was sie heute ist. Nebenbei hatte er beim Sezieren einiger Makulas und Scheller sogar das Farmino-Paradoxon gelöst. Ihn trieb die Frage um, wie sie in ihren Heizkesseln ein Feuer am Brennen halten, indem sie es einzig mit Süßwasser und saftigem Gras schüren …«

»Wie?«

»Barna hat herausgefunden, dass die Pflanzen wesentlich mehr hoch entzündlichen Phosphor enthalten als Chlorophyll und dass das aufgenommene Wasser lediglich der Systemkühlung dient. Jemand, der nicht täglich eine halbe Tonne Grünzeug frisst und führerlose Fuhrwerke stemmt, kann das natürlich kaum nachvollziehen.«

»Machst du dich über mich lustig?«

»Nein«, versicherte Aris. »So lautet eine von Barnas handschriftlichen Anmerkungen in den Chroniken. Offenbar hatte er sich trotz seiner gesellschaftlichen Stellung mit zahlreichen Skeptikern und Wortwächtern konfrontiert gesehen.«

Ninive seufzte und schlüpfte wieder ein Stück unter der Decke hervor. »Wie geht es nun weiter?«

»Meine Verpflichtung gegenüber dem Rat verlangt, dass ich morgen früh meine Wanderung zu den Seen wieder aufnehme.« Aris blickte ihr eine Weile schweigend in die Augen, dann fragte er: »Warum begleitest du mich nicht?«

»Ins Verderben?«

»In die Marschen. Bei meiner Suche nach Barnas verlorener Passage wärst du mir eine große Hilfe. Vier Augen sehen mehr als zwei.«

»Nein, danke.«

Aris schien einen Moment in sich hineinzuhorchen, dann sagte er: »Hast du dich noch nie gefragt, wie eine vier Kilometer hohe Mauer jahrtausendelang bestehen kann, ohne unter ihrem eigenen Gewicht zusammenzubrechen oder im Boden zu versinken?« Aris sah sich um. »Was denkst du, wie schwer mag der Hügel sein, auf dem deine Witz-Kollektoren stehen?«

»Blitzkollektoren!«

»Na, was auch immer … Fakt ist: Niemand auf dieser Welt ist in der Lage, den Hügel auch nur einen Zentimeter anzuheben. Dabei ist dieser kaum fünfhundert Meter hoch. Die Bannmauer hat mehr als das Achtfache seiner Größe und über das Dreißigfache seiner Breite – und doch ragt sie ungebeugt und trotzig auf wie am ersten Tag, ohne auch nur einen Meter tief ins Marschland eingesunken zu sein. Ich frage mich: Wie ist das möglich? Wie kann etwas so Gigantisches bestehen, obwohl es aus unzähligen aneinandergereihten und übereinandergeschichteten Fragmenten zusammengesetzt wurde? Welche Macht steckt dahinter?«

»Vielleicht hat sie sich ja selbst erbaut«, murmelte Ninive. »Dann hätte jeder Stein der Mauer gewusst, wo sein statisch optimaler Platz im Gefüge ist.«

Aris wirkte für einen Moment perplex. »Unmöglich«, befand er schließlich. »Absolut unmöglich.«

Ninive konnte fast schon spüren, wie die Gedanken hinter seiner Stirn zu kreisen begannen und er das Für und Wider ihrer Worte abwog. Sie zog ihm die Decke vom Körper, was ihn vollends aus dem Konzept brachte, und betrachtete ihn im Zwielicht der Triodenfalter, die sich mittlerweile zu Dutzenden auf dem Zeltdach niedergelassen hatten. Aris hielt den Atem an, als sie – noch halb in ihre Decke gehüllt – über ihn glitt …

13

»Erzähl mir etwas über dich«, forderte Aris sie auf, nachdem ihr Liebesspiel alle Insekten von der Außenhülle verscheucht und Ninives Atem wieder ruhiger geworden war. »Woher kommst du?«

»Mein Haus steht im Nordosten, am Rand der Niederung«, murmelte sie schläfrig, ohne die Lippen von seinem Hals zu nehmen. »Wenn du den Hang am gegenüberliegenden Flussufer ein Stück hinaufsteigst und in Richtung des östlichen Bruchhains blickst, kannst du bei klarer Sicht seine Ecktürme über die Bäume ragen sehen.«

»Ich meinte eigentlich deine Herkunft«, sagte Aris. »Wo wurdest du geboren?«

Ninive hob den Kopf, strich sich das Haar aus dem Gesicht und stützte sich mit dem Kinn auf seiner Brust ab. »Das weiß ich nicht«, sagte sie leise.

Aris machte ein verdutztes Gesicht. »Ernsthaft?«

»Meine früheste Lebenserinnerung ist der Feuersturm, und zu dieser Zeit war ich schon kein Kind mehr. Ich erinnere mich an nichts, was davor war. Da gibt es nur unverständliche Stimmen und unscharfe, unzusammenhängende Bildfetzen, wie Tausende weit verstreute Scherben eines Spiegels. Ich habe früher oft zu ergründen versucht, was vor dem Feuersturm war, aber nie eine Antwort darauf gefunden. Da gibt es nur kurze Déjà-vus, das Gefühl, etwas vermeintlich Neues irgendwann irgendwo schon einmal gesehen, gehört oder erlebt zu haben.«

»Erinnerst du dich an deine Eltern?«

Ninive legte ihren Kopf zur Seite. »Schlechtes Thema«, befand sie nach langem Schweigen. »Neuralgischer Punkt.« Sie legte sich neben ihn, wobei sie begann, sich in seinen Schlafsack zu wickeln.

»Und was treibst du den lieben langen Tag – außer Blitze zu fangen und die Gegend unsicher zu machen?«

»Ich wandere durch das Hochland oder durchstreife die Tiefebene und die Wälder auf der Suche nach Relikten aus der Alten Welt. Sehen sie interessant und halbwegs zahm aus, erwecke ich sie zum Leben, um mir ihre Geschichten anzuhören und mich von ihnen unterhalten zu lassen.

Manche von ihnen ängstigt oder überfordert es, sich plötzlich ihrer und der Welt um sie herum bewusst zu sein. Andere können gar nicht genug davon kriegen und geraten in einen regelrechten Existenzrausch, sodass ich gezwungen bin, sie wieder zu entseelen, um mich vor ihnen und sie vor sich selbst zu schützen.

Sachen, die mir besonders gut gefallen, nehme ich mit nach Hause oder gebe ihrer Existenz anderweitig einen neuen Sinn, wie etwa den Blitzkollektoren oben auf dem Berg. Jene von ihnen, die sich ihrer ureigenen Form noch bewusst sind, vermögen sich in beseeltem Zustand sogar selbst zu regenerieren und ihre fast makellose Urform zurückzuerlangen.

Mein gesamter Hausrat besteht aus Urwelt-Relikten, die ich in den vergangenen Jahrhunderten im Land gefunden habe. Bei so vielen Beseelten und ihrem nicht besonders ausgeprägten Gedächtnis geht es im Haus wirklich drunter und drüber, besonders nachdem ich eine Weile auf Wanderschaft war. Manchmal erfordert das Verhalten der Bande eine Maßregelung, aber im Grunde harmoniert alles miteinander.« Ninive seufzte. »Na ja, das ist mein Leben. Ich bin eine Archivarin der Alten Welt und lebe in einem kleinen, beseelten Museum, in dem alles miteinander raunt und munkelt. Und wenn es mir zu viel wird und ich ein wenig Ruhe brauche, setzte ich mir Pagg auf und durchstreife wieder das Land.«

Aris hob den Kopf und sah sich im Zelt um. »Ich sehe ihn nirgends.«

»Wahrscheinlich kriecht er irgendwo draußen herum und sammelt wieder Kleingetier. So, genug von mir. Du bist an der Reihe.«

Aris blies die Backen auf. »Was willst du denn wissen?«

»Alles.«

»Ich bin der Protegé von Ratspräsident Velocipedior III.«

Ninive musste lachen.

»Was ist daran so lustig?«, fragte Aris. »Meine Eltern waren weder Wandler noch Regulatoren. Sie haben ein kurzes Menschenleben geführt und sind bereits vor Jahrhunderten gestorben, ohne sich jemals weiter als ein paar Kilometer aus der schützenden Stadt hinausgewagt zu haben.

Ich verbrachte Jahrzehnte auf Wanderschaft im Süden und entlang der Küsten, habe während der vergangenen Jahrhunderte in gut fünf Dutzend Menschen-, Wandler und Mecha-Gastfamilien gelebt, mindestens ebenso viele Berufe erlernt und die Hälfte aller erworbenen Fähigkeiten und vermeintlichen Wissensschätze inzwischen wieder vergessen. Wenn du also etwas über Tausendschwärmer, Technotektik, Permastrom, archimedische Schraubrosse, hyperische Angler, Lichtmalerei, die wundersame Wurmwindorakellehre und andere interessante oder todlangweilige Dinge wissen willst, darfst du mich gerne fragen. Vielleicht weiß ich noch etwas davon.

Als ich vor einigen Jahren schließlich kurz davor war, die Stadt endgültig zu verlassen und mein Glück im Süden zu suchen, hat mich Präsident Velo unter seine Fittiche genommen. Ich wurde von ihm geschult, ohne dass der Rat etwas davon erfuhr. Erst zur Millenniumfeier hat er mich den Mitgliedern schließlich vorgestellt, ein Tag irgendwo angesiedelt zwischen himmelhochjauchzend und zum Verkriechen fürchterlich. Maschinen können so unvorstellbar impertinent sein. Tja, dann wurde ich schließlich auf meine große Mission ins Hochland geschickt – und nun liege ich hier neben dir …«

»Das heißt also, du bist ebenfalls so eine Art Waise?«, überging Ninive die Anspielung.

Aris blickte hinauf zu den ersten sich wieder auf das Zeltdach trauenden Diodenfaltern. »Ist man eine Waise, wenn man seine an Altersschwäche verstorbenen Eltern bereits vor Jahrhunderten überlebt hat?«, murmelte er. »Komische Frage.« Er schaffte es, einen Teil des Schlafsacks unter ihr hervorzuziehen und sich ebenfalls zuzudecken. »Wir sollten schlafen«, sagte er. »Ich habe noch eine lange Wanderung vor mir, und dein Domizil liegt auch nicht gerade um die Ecke.« Er wartete eine Weile auf eine Antwort, dann fragte er: »Und ich kann dich wirklich nicht dazu überreden, mich zu den Seen zu begleiten?«

Ninive lag lange still und schweigend neben ihm, sodass er irgendwann davon überzeugt war, sie sei eingeschlafen.

»Komm mich besuchen, wenn du deine Bannmauer-Mission erfüllt hast«, flüsterte sie schließlich und schmiegte sich an ihn. »Ich habe eine alte Standuhr, die kocht für ihr Leben gerne Tee …«

14

»Guten Morgen, Ivi«, grüßte Clogger, als Ninive am nächsten Morgen zur Haustür hereinkam. »Willkommen zurück. Wir schreiben den 20. Mai im Jahr 23.911 des ewigen Kalenders. Es geht ein leichter Wind aus Nordost, die Temperatur beträgt 15,4 Grad Celsius und es sind noch elf Tage bis zum kalendarischen Sommeranfang. Guss hat sich schon Sorgen gemacht, weil du die gesamte Nacht über fort warst.«

»Was ist mit deinem Rucksack passiert?«, wunderte sich Luxa.

»Das ist nicht der Rucksack.« Ninive ließ den gefalteten Kollektor zu Boden gleiten, zog Pagg aus seiner Brennkammer und seufzte erleichtert, als sie von beider Last befreit war. »Ist Cutter noch hier?«

»Wer ist Cutter?«, fragte Clogger.

Ninive verdrehte die Augen. »Niemand, schon gut. Sag Guss, er soll sich auf eine Holzdiät einstellen.« Sie öffnete die Gewölbetür und begann den Kollektor die Treppe hinabzuschleppen. »Und bereitet etwas zu essen zu, ich bin am Verhungern.«

An seiner neuen Wirkungsstätte angekommen, klappte sie Dibbid wieder auseinander und platzierte ihn in der Mitte eines fensterlosen Tonnengewölbes. Sein reaktivierter Verstand bereitete ihr dabei keine Sorgen, denn im Gegensatz zum restlichen Inventar würde es sich erübrigen, ihn mit der neuen Situation vertraut zu machen. Als Kollektor verfügte er selbst nach langen Bewusstseinspausen weiterhin über den letzten Informationsstatus. Wahrscheinlich war es ein Resultat seines Sammel-Unterbewusstseins, das ihm erlaubte, seine alten Gedanken und Erinnerungen im Langzeitspeicher zu behalten. So sah Dibbid sich nur mit zunehmender Resignation um, nachdem Ninive ihn reanimiert hatte.

»Du steckst mich in den Kerker?«, fragte er um Fassung ringend.

»Das ist der Keller.«

»Ivi, ich flehe dich an, lass mich nicht hier unten verrotten.«

»Es ist nur für die ersten sechs Wochen«, sagte sie. »Die Brutzeit dauert zwar nur dreißig Tage, aber solange Brass-Nymphen nicht flügge sind und ihre Antennen eingerollt haben, benötigen sie Wärme, Dunkelheit und vor allem Schutz.«

Dibbid schwieg so lange, dass Ninive bereits befürchtete, er hätte vor Entsetzen einen Kurzschluss erlitten. Dann konnte sie jedoch hören, wie es zwischen seinen Kernrelais und Plasmakomprimierern summte und knisterte. »Brutzeit?«, fragte er schließlich. »Was meinst du damit?«

Ninive schloss die Tür, um zu vermeiden, dass das neugierige Inventar sie belauschte. »Ich habe ein Problem mit meinem Kammerjäger«, erklärte sie dem perplexen Kollektor. »Balthazaar leistet zwar gute Arbeit, kann Ungeziefer aber leider nicht von Nutzgetier unterscheiden und steckt hier unten alles ins Maul, was nicht bei drei in den Wänden ist. Um eine Tragödie zu vermeiden, müssen die Nymphengelege vor ihm geschützt werden.

Falls du also statt Plasma zu sammeln lieber als Inkubator arbeiten willst, gebe ich dir die Chance, dich zu bewähren. Solltest du dich gut machen und die Brut gedeihen, stelle ich dich hoch zu Guss ins Wohnzimmer, wo du die weitere Hege verantworten wirst. Arbeitest du vorbildlich, werde ich dich mit der Aufzucht von Windschellern betrauen und irgendwann vielleicht sogar mit Prismäen. Bedenke aber, dass dein Entschluss unumkehrbar sein wird. Solltest du dich für das Brutgeschäft entscheiden, wirst du nie wieder das Hochland sehen. Deine zukünftigen Wirkungsstätten werden das Haus, der Garten und der Ringwald sein. Wäre das in deinem Sinne?«

Dibbid öffnete seine Ladeklappe, doch kein Ton drang heraus.

»Du kannst ein paar Tage lang in Ruhe über mein Angebot nachdenken«, erklärte sie dem Kollektor. »Wenn ich wiederkomme, erwarte ich eine Entscheidung.« Damit verließ sie das Gewölbe, schloss die Tür hinter sich und ließ den konsternierten Apparat in der Dunkelheit zurück.

 

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© 2017 by Michael Marrak

Aus: Michael Marrak: »Der Kanon mechanischer Seelen«. Amrûn Verlag 2017.

Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Autor Michael Marrak

Michael Marrak (* 1965) Michael Marrak lebt und arbeitet als freier Schriftsteller und Illustrator in Schöningen am Elm. Er studierte Grafik-Design, Desktop-Publishing und Multimedia in Stuttgart und trat zwischen 1989 und 1996 als Autor, Illustrator, Herausgeber und Anthologist in Erscheinung. Nach mehreren Jahren als freier Illustrator widmet er sich seit 1997 vornehmlich dem Schreiben und wurde mehrfach mit dem European Science Fiction Award, dem Deutschen Phantastik Preis, dem Kurd Lasswitz Preis und dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet. Übersetzungen seiner Texte erschienen in Frankreich, Griechenland, Russland, China, Ungarn und den USA. Sein Roman »Der Kanon mechanischer Seelen« wurde mit dem Seraph als bester Roman 2017 ausgezeichnet.

www.michaelmarrak.de

 

Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 11. Mai, genau hier!

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