Fiction-Friday: Sprung ins Chronozän von Rico Gehrke

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FICTION FRIDAY

Sprung ins Chronozän (Rico Gehrke)


Ein Mitarbeiter des Instituts für Futuristische Wissenschaften verschwindet spurlos. Als er 25 Jahre später wieder auftaucht, liegt er in einem Zimmer, das es gar nicht geben darf – und was er erzählt, widerspricht allen bekannten Gesetzen der Physik … Rico Gehrkes paradoxe Erzählung ist die titelgebende Story der soeben im Verlag für Moderne Phantastik erschienenen Anthologie »Sprung ins Chronozän«.

 

***

Im Jahre 2011, vor fünfundzwanzig Jahren und einhundertneununddreißig Tagen also, war Akademiemitglied Oberst Josif Matwejewitsch Burtin, genannt Soscho, im Gebäude des Instituts für Futuristische Wissenschaften an der AdW der Neuen UdSSR spurlos verschwunden, nachdem er sich aus einer Sitzung des astronomischen Ausschusses der PaKom (Patriotische Kommission, ein Gremium der Sowjetrussischen Volkswissenschaft) kurzzeitig entschuldigt hatte und nie wieder gesehen ward. Man ging Jahre später davon aus, dass er die Tür zur Toilette mit einer anderen Tür – die weder vor dem Ereignis seines Verschwindens noch danach existierte – verwechselte. Einer Tür, die auf unheimliche Art offenbar ins Nichts führte.

 

Am Morgen des 17. Juli 2036 erschien um 9 Uhr 17 just diese bis dato unbekannte Tür, durch die der Oberst vor fünfundzwanzig Jahren getreten war, wie durch Zauberhand direkt an der Innenseite der Wand zum Parkplatz im 3. Stock des selben Gebäudes und jagte dabei der gerade vorbeikommenden Sekretärin I. Grades, Valentina Igorjewna Petromenko, einen derartigen Schrecken ein, dass sie das Tablett mit den fünf Tassen kochend heißem Tee zu Boden fallen ließ und mit gellenden Schreien die Wachmannschaft alarmierte.

Gegen 11 Uhr gab der Innenminister den Befehl, die Tür aufzubrechen. Die Spezialkräfte des OMON fanden im anschließenden Raum ein gemütlich eingerichtetes Schlafzimmer mit einem großen Bett in der Mitte, in welchem das besagte Akademiemitglied Soscho tief und fest schlief.

Als man ihn weckte, gab er – neben vielen anderen Dingen – folgenden seltsamen Traum zu Protokoll:

»Ich stand mit Wolodja auf einer Waldlichtung. Wir hatten einen unsäglich weiten Weg hinter uns gebracht, und wir waren sehr müde.

Das ist Zauberei, sagte Wolodja zu mir. Er hatte tiefdunkle Augenringe. Wir müssen uns ausruhen, fuhr er fort.

Da sagte ich: Wir sind hier in einer Zeit, die lange vor den ersten Menschen liegt.

Aber Wolodja schüttelte den Kopf. Wovon sprichst du überhaupt, Väterchen Soscho?

 Ich sah mich um. Alles Grünzeug sah irgendwie – paläozoisch aus, kein Gras, dafür dickes Moos und alles voller Farn.

Wie weit sind wir eigentlich gekommen?, fragte mich wieder Wolodja.

Meine Erinnerung spielte verrückt und wirbelte alles durcheinander. Wir sind in den frühen Jahren des Planeten, antwortete ich, im Silur, nehme ich an.

Er schüttelte die Müdigkeit ab und sagte: Die frühen Jahre des Planeten?

Biologisch gesehen, erwiderte ich.

Willst du damit sagen, wir sind hunderte Millionen Jahre durch die Zeit gereist, Väterchen?

Ich lächelte, trotz all der Ermüdung, gegen die ich ankämpfte. Nein, sagte ich, nicht direkt. Aber wir sind sehr, sehr weit gereist, durch all die Galaxien und die Cluster, und wieder zurück. Du weißt, dass Wegstrecke und Zeit dasselbe sind, Wowa.

Dann suchten wir uns ein trockenes Plätzchen unter einem der Farne, und ich schlief ein. Als ich aufwachte, hörte ich Stimmen, und da standen plötzlich Sie vor mir, Major …«

»Wer ist das, dieser Wolodja?«

»Er heißt Wladimir Iwanowitsch Grilb, lehrt oder studiert in Petersburg, aber ich weiß nicht … nein, ich kenne ihn nicht. Ich habe keine Ahnung, ob dieser Grilb tatsächlich existiert.«

gez. Major der PaKom, Alexander Andrejewitsch Krel

 

Die Stadt befremdete mich. Ich war von Sankt Petersburg anderes gewohnt, als ich hier, in einer mittelgroßen Stadt auf halbem Wege nach Moskau, zu sehen bekam. Schon bei der Einfahrt meines Zuges kam mir die Stadt so vor, wie sie eben typisch ist für unsere russischen Wissenschaftsstädtchen. Grau, farblos und voller Qualm. Eine monotone Geometrie des Straßennetzes kam dazu. Der Bezirk Kolmino, in welchem sich das Institut der Allgemeinen futurologischen Wissenschaften befand, lag links und rechts der industriell verseuchten Svetla, die sich unnatürlich grünschimmernd zwischen ockerfarbenen Backsteinbauten schlängelte, deren Dächer von rußspuckenden Essen überzogen waren.

Ich warf einen letzten Blick auf das seit ein paar Minuten sichtbare Institut, während der Zug in einer langen Kurve auf dem Gleisvorfeld des Zentralbahnhofes noch einmal kurz beschleunigte. Das Hauptgebäude zeigte sich jetzt im Profil, eine merkwürdig anmutig aussehende Anzahl rechteckiger Umrisse. An einem Ende des Gebäudes ragte ein viereckiger Turm in den grauen Himmel.

»Scheußlich, nicht wahr?«, beschwerte sich Pawel Awgustowitsch Kolypin.

»Was ist scheußlich?«, fragte ich vorsichtig zurück.

»Na, die Schornsteine. Spucken den reinsten Dreck! Merken Sie nicht, Wladimir Iwanowitsch, wie es stinkt?« Professor Kolypin stand auf und klappte das schmale Oberlicht zu.

Ich schnupperte und lehnte mich unwillkürlich in das verschlissene Rückenpolster des Abteils zurück, als ob der Professor die Ursache des üblen Geruchs sei. Ja, er hatte recht. Selbst bei uns in Petersburg war die Luft sauberer.

Kurz darauf hielt der Zug, und ich wuchtete meinen Koffer aus der Gepäckablage über mir, zerrte es durch den halben Waggon nach draußen auf den schmuddeligen Bahnsteig, wo uns bereits ein Mann mit Arbeitermütze, aber weißer Armbinde des Zivilschutzes erwartete. Er fuhr mich, meinen Koffer und den Professor mit übertriebener Eile ein paar Kilometer durch die Stadt, wobei ich bezweifelte, dass er uns auf direktem Wege zum Institut brachte. Alles, was ich sah, waren hässliche Wohnhäuser mit flachen Aluminiumdächern, viele Mauern und wenige Fenster. Tatsächlich hielten wir an einer trostlos wirkenden Gaststätte im Neubau-Gebiet, direkt gegenüber dem Wohnheim für Unverheiratete. Der Fahrer murmelte ein paar Entschuldigungen, die Kolypin mit hochgezogenen Augenbrauen und dann mit Kopfschütteln quittierte. Mir war schon klar, warum unser Fahrer diesen Abstecher machte, umgab ihn doch ein permanenter Alkoholdunst wie einen Mantel, den er einmal angezogen und nie wieder hatte ablegen können.

 »Wissen Sie, Wladimir Iwanowitsch, es ist ja alles gar nicht so schlimm. Wir vom selben Jahrgang, wir hatten ja schon immer damit gerechnet, dass er wieder auftaucht. Dass das nun ausgerechnet so spektakulär vonstattengehen würde, das konnte ja, weiß Gott, keiner ahnen.«

Während wir also auf den Chauffeur warteten, fummelte Kolypin in der linken Innentasche seines verschossenen Jacketts herum und zerrte eine zerknautschte Schachtel Papirossa der Marke Belomorkanal hervor, von welcher er mir eine anbot, die ich aber ablehnte; dafür streckte unser plötzlich wieder aufgetauchte Kutscher seine Hand nach hinten. Der Professor und der Fahrer qualmten, schlimmer als die zahlreichen Schornsteine der Stadt. Ich sah mich gezwungen, wollte ich nicht ersticken, die Kurbel des Seitenfensters zu bedienen. Das Rauchen war so ziemlich das Einzige, was ich an meiner neuen Bekanntschaft, dem Professor Kolypin, zu bemängeln hatte.

Verstörender fand ich da schon, wie wir überhaupt miteinander zu tun bekommen hatten. Jener Tag vor zwei Wochen (ich bin Doktorand am Physikalisch-Technischen Institut Joffe in Sankt Petersburg), als ich gegen Mittag zur Mensa schlenderte und mir die Stimme unseres außerordentlichen Akademiemitgliedes Professor Boris Schmolsin mit der Bitte in den Rücken fuhr, ihn doch dringend in seinem Direktionszimmer aufzusuchen. Der erste Schnee war wieder verschwunden, es war viel zu warm für die Jahreszeit geworden, kurzum, ein Tag, den man sich eigentlich nicht vermiesen lassen sollte.

Was wollte der allmächtige Direktor von mir? Ich war mir sicher, dass er bis dahin noch nicht einmal geahnt hatte, dass es mich überhaupt gab.

Ich ging hin.

»Wladimir Iwanowitsch Grilb?«

»Jawohl, der bin ich«, antwortete ich und musste zu meiner Schande gestehen, dass meine Hände leicht zitterten.

Der Direktor wies mir einen Stuhl zu. Selbstverständlich hatte ich während meiner bisherigen Studienzeit vom Verschwinden des ehrenwerten und angesehenen Akademiemitgliedes Josif Matwejewitsch Burtin gehört – wer denn nicht –, ein tragischer Fall, unlösbar.

Der Direktor erzählte mir in allen Einzelheiten von dem sonderbaren Wiederauftauchen des Gelehrten, und wie die PaKom seitdem erfolglos versucht hatte, aus ihm schlau zu werden.

Der Direktor sprach mit leiser, aber fester Stimme zu mir, als müsse er so den Ernst der Lage betonen. »Wir alle verehren und lieben Oberst Burtin, aber keiner von uns versteht, was er hier macht, was seine Absichten sind; weswegen wir ein schlechtes Gewissen haben und leichte Feindseligkeiten ihm gegenüber hegen. Seine unbekannte Abwesenheit liegt seit einem Vierteljahrhundert über dem Institut wie eine chronische Erkrankung.«

Ich begriff natürlich nichts. Wie war ich in den Traum dieses Obersts geraten, was hatte ich mit dieser ganzen Sache zu tun?

 

Wir stiegen aus. Kolja – wie der Fahrer sich mir kurz vorstellte – mit meinem Koffer in der Hand, der Professor vorneweg und ich dazwischen, so marschierten wir los, über den großen Asphaltplatz, der vor dem Komplex lag, vorbei an einem riesigen Beet spätherbstlich welker Blumen. In der Mitte ragte ein Monument auf, das einen Mann mit stolz erhobenem Haupt darstellte. Der Professor umrundete es einmal, zwinkerte mir verschwörerisch zu und ich begriff plötzlich, dass Kolypin den Mann kannte. Überrascht blieb ich stehen. Kein Zweifel, es war eben jener Josif Matwejewitsch Burtin, in einem ulkigen altmodischen Anzug, die Hand auf einen merkwürdigen Apparat gestützt, oder besser gesagt, die Abstraktion eines Apparates. Da stand das Akademiemitglied Burtin auf dem Platz vor dem betongrauen Gebäude der Fakultät für Zeitforschung und richtete die zusammengekniffenen Augen herausfordernd in die Unendlichkeit. Doch unklar blieb, auf was er sich da stützte.

»Eine Zeitmaschine natürlich, Wladimir Iwanowitsch«, erklärte mir Kolypin ein wenig verwundert.

»Wozu braucht man eine Zeitmaschine, wenn Zeitreisen nicht möglich sind? Hat nicht gerade diese Fakultät in diesem Institut«, ich zog mit dem rechten Arm einen weiten Bogen von einem Gebäudeende zum anderen, »bewiesen, dass Zeitreisen den Naturkonstanten unseres Kosmos widersprechen? Mir ist jedenfalls keine einzige gelungene Reise durch die Zeit mit Hilfe eines technischen Geräts bekannt, Professor«, sagte ich.

»Theoretisch vielleicht, mein lieber Wladimir Iwanowitsch. Aber praktisch – nun, Sie werden bald sehen.« Kolypin drehte sich leicht verlegen nach unserem Chauffeur um, der mit dem Koffer nicht so schnell hinterherkam. »Nun beeilen Sie sich doch, Nikolaj Jefremowitsch!«

Das verstand ich nun überhaupt nicht. Wenn etwas theoretisch von seiner Durchführbarkeit ausgeschlossen war, wie konnte es dann aber praktisch funktionieren?

»Möchten Sie das Areal sehen, Wladimir Iwanowitsch?«, sprach mich Kolypin nach ein paar Schritten an, geradezu erfreut, eine Ablenkung vom Thema gefunden zu haben.

»Sagen Sie ruhig Wolodja zu mir, das Förmliche liegt mir nicht so«, antwortete ich und nickte.

Kolypin hatte seinen Spaß daran, durch das sogenannte Kosmonautenareal zu spazieren und sich die vielen verschiedenen Parabolantennen auf dem Komplex und die Raketenskulpturen auf ihren Betonsockeln anzusehen. Aber am Ende interessierte er sich für den Kiosk, der unweit eines kläglich gepflegten Teiches den Entspannung suchenden Wissenschaftlern Coca-Cola, Kwas und duftende Barankas anbot.

Das Institut beherbergte eine astronomische Datenempfangsstation, die als Auswertungszentrale für Informationen fungierte, die von einigen hundert Observatorien hereinkamen, von Satelliten, von Forschungsschiffen, unbemannten Ballonen und Gott weiß woher sonst noch. In erster Linie war das Institut jedoch ein Schaukasten für die moderne russische Wissenschaft und Technik – ein Ort, zu dem die hiesigen Wissenschaftler gern ihre internationalen Gäste führten, um ihnen die Überlegenheit der sowjetrussischen Forschung zu demonstrieren, und bei der Gelegenheit einen draufmachen wollten.

Schließlich, nachdem der Professor eine weitere Papirossa geraucht hatte, eilte er mit großen Schritten, als könne er es plötzlich nicht erwarten oder hätte die Zeit verpasst, zum Eingang des Instituts für Futuristische Wissenschaften an der AdW der UdSSR: Stufe für Stufe, die steinerne Treppe hinauf. Er öffnete die Glastür – die seltsamerweise keine Automatik zu besitzen schien – und streckte der Wache, die halb verborgen in einer Nische lauerte, den rosa Passierschein hin. Im Foyer hielt uns eine große, mürrische Frau mit dem starren Blick einer Schaufensterpuppe auf, aber sie hatte gegen unsere Anwesenheit nichts einzuwenden. Ich sah mich staunend in der sich anschließenden Aula um und bildete mir ein, den Geruch nach künstlicher Intelligenz zu atmen.

Im Gebäude selbst war es stickig; man hatte nachts wohl wieder die Fenster geschlossen gehalten. Aber auch offene Fenster hätten wenig genützt – über der Stadt hing immer noch eine dicke gelbliche Dunstglocke.

Wir durchschritten mehrere Räume, in denen kleine und große altertümliche Apparaturen standen und fuhren dann mit einem scheppernden, ebenfalls altertümlichen Fahrstuhl nach oben in die fünfte Etage, ohne bis dahin einem weiteren Menschen zu begegnen, was mich verwunderte. Hatte ich doch mit einer Geschäftigkeit wie in einem Ameisenbau gerechnet.

Kolypin brachte mich also zunächst einmal in sein Reich, um mir dort eine Gelegenheit zum Atemholen zu geben, bevor wir jenen seltsamen Ereignisort besichtigen würden. Das Korniljowo-Laboratorium, Professor Kolypins Wirkungsbereich, war ein ruhiger Ort, ein wenig heruntergekommen, aber auf die vornehme Art. Der Anstrich von Wänden und Türen musste das letzte Mal vor der Jahrhundertwende erneuert worden sein, und die seither vergangenen Jahre zeigten sich in Flecken und Sprüngen an Wänden und Decken. Scherzbolde bezeichneten das berühmte Laboratorium als »Abteilung Theatertechnik«, denn ursprünglich – und das ist kein Scherz – war es in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Wissenschaftliches Institut für Bühnentechnik entstanden. Man erinnerte sich daran voller Andacht. Aber die Forschungsstätte hatte trotzdem immer noch ihren Stolz, wie Kolypin bemerkte. Schaukästen zeigten den historischen Rang des Korniljowo in der Geschichte der Weltraumfahrt, darin Bilder der Wostok- und Sojusraketen, außerdem Vitrinen-Modelle der Raumstation MIR sowie diverser Sputniks im Halbschnitt, Fotos von Gagarin selbstverständlich, Wandtafeln mit den Lebensläufen berühmter Kosmonautinnen, sogar Gemälde von Hunden, die man in den Orbit geschossen hatte, hingen an den Wänden; Sternenkarten als Plakate, einen sehr großen Globus vom Mond zum Drehen, Spektralaufnahmen von Sonnenflecken aus nächster Nähe und so weiter.

Ich konnte mich mit der Atmosphäre ein wenig vertraut machen, während Pawel Awgustowitsch ein paar kurze Telefonate erledigte und schriftliche Kurzmitteilungen überflog, die die Sekretärin in seiner Abwesenheit vom Institut auf dem Schreibtisch deponiert hatte. Ich ging herum, las die zum Teil vergilbten Bildunterschriften und dachte über die Geschichte nach, die dieses Institut gesehen hatte.

»Wolodja«, rief mich der Professor leise in die Wirklichkeit zurück und räusperte sich ausgiebig. »Wolodja, gleich wird man uns – Sie – abholen und zu unserem Oberst Josif Burtin bringen. Möglicherweise eilt die Zeit, der Oberst befindet sich, medizinisch gesehen, in einer angespannten Situation.«

Ich nickte stumm und ergeben, die Hände auf dem Rücken verschränkt, wie ein Diener, der einen geheimen Auftrag seines Herrn entgegennimmt.

»Die bisherigen … Untersuchungen hat ein Spezialist der PaKom, Major Alexander Andrejewitsch Krel, durchgeführt. Ich gebe Ihnen hier einen kurzen Abriss aus dem ersten Vernehmungsprotokoll zur Kenntnis, nur damit Sie sich ungefähr vorstellen können, warum man Sie erwartet.«

Er reichte mir ein Blatt DIN A 4, dessen Vorderseite in einer krakligen Schrift aus Blockbuchstaben beschrieben war. Offenbar hatte es auch einen Protokollanten gegeben. Ich las und stellte mir dabei die Szene bildlich vor.

»Woher sind Sie gekommen?«

»Wissen Sie, Major … ich muss Sie warnen. Wenn ich anfange, auf Fragen zu antworten, die meine Reise durch Zeit und Raum betreffen, wird Sie das Ergebnis enttäuschen.«

»Gut, das nehme ich zur Kenntnis«, [sagt der] Major [geduldig]. »Also, woher sind Sie gekommen?«

»Von nirgendwoher, ich war schon immer hier.«

»In diesem kleinen Zimmer?«

»Dieses Zimmer war nicht immer hier, insofern haben Sie recht. Aber nur, weil Sie und der Rest des Planeten nicht hier waren, ich dagegen schon.«

»Aha, das ist interessant. Aber ich verstehe es nicht. Demnach verfügen Sie über nichtmenschliche Fähigkeiten, Oberst … Sind Sie noch ein Mensch?«

»Und wieder schlussfolgern Sie falsch, Major. Menschsein ist eine meiner Eigenschaften, neben anderen, die Sie sich die Mühe zu verstehen sparen können. Bleiben wir bei diesem einen Merkmal.«

»Ich will nur sicher gehen, bitte verzeihen Sie, Oberst Burtin, dass wir es bei Ihnen als Person mit einem Menschen zu tun haben. Sollten Sie nämlich nicht der von uns so lang Vermisste sein, sondern …«

»Darum geht es nicht«, [unterbricht Oberst Burtin], »Sie begreifen nicht, wovon ich spreche.«

Ich hielt mit dem Lesen inne und stellte mir weiter vor, wie der Major so getan hatte, als höre er gar nicht zu. Wie er einfach in seinem Notizbuch weiterblätterte, der Protokollantin einen Blick aus rollenden Augen zuwarf und dabei dachte, der Oberst haben nur keine Lust, den Dingen den richtigen Namen zu geben, und flunkere ihn außerdem ganz gehörig an. Meine Gedanken wurden abrupt durch ein energisches Klopfen an der Tür unterbrochen. Kolypin riss den Kopf hoch und bellte ein fast militärisches »Herein!«

Die Tür öffnete sich, und ehe ich es mich versah, marschierte ich zwischen zwei Assistenten, die mir aufgrund ihres Gehabes wie verkleidete Angehörige der PaKom vorkamen, die Treppe nach unten, gefolgt von Professor Kolypin, der mir noch irgendetwas mitzuteilen versuchte. Was das war, ging im Knallen der Sohlen auf dem Beton unter.

Keine Minute nachdem wir den zur Schleuse umgebauten Korridor in der vierten Etage betreten hatten, eilte plötzlich von irgendwoher ein Uniformierter auf mich zu, verdrängte die Assistenten und stellte sich mit einem kurzen, harten Händedruck vor: »Major Alexander Andrejewitsch Krel. Ich bin nicht Ihr Vorgesetzter, Wladimir Iwanowitsch, aber dennoch sind meine Weisungen verbindlich. Folgen Sie mir!«

Aha, dachte ich, offensichtlich war ihm meine Person aus den Akten bereits geläufig, denn er hatte mich sofort erkannt.

Es ging durch mehrere Räume zu einer Art Hintertreppe. Ich hatte gerade noch Zeit, mich flüchtig umzusehen, einige belanglose Eindrücke aufzunehmen (die schwarzen Kacheln des Bodens, das riesige erloschene Maul des gusseisernen Kamins, den festen Griff des Professors am Arm), und ehe ich es mich versah oder irgendetwas sagen konnte, wie ein profanes Ach, hier geht es lang oder Ja, gehen wir, sah ich auf dem Weg nach unten auch schon den Rücken von Major Krel vor mir.

In der dritten Etage angekommen, blieb ebenfalls keine Zeit für Beobachtungen, außer dass der nächste Raum, den wir betraten, groß war, spärlich möbliert und an den Wänden sich die Schatten von Gemälden hervorhoben, die man wohl erst vor kurzem abgenommen hatte. In diesem Raum hatte die PaKom so etwas wie eine Abhöranlage installiert, und zwei Techniker folgten gerade mit Prüfgeräten einem Wirrwarr von Kabeln, um irgendeinen Fehler zu finden. Hier nahm mich Krel zur Seite und erteilte mir in strengem Ton Anweisungen, denen ich nicht nachkommen würde, da sich in diesem Moment alles um mich herum zu drehen begann. Es war einfach zu viel für mich. Die überstürzte Abreise aus Petersburg, die Zugfahrt, diese ganzen spekulativen Informationen, von deren Inhalt ich regelrecht besoffen wurde, zumal ich keinerlei Zusammenhang mit meiner Person konstruieren konnte. Wieso hatte dieser Oberst mich in seinen Aussagen erwähnt? Es konnte nur eine haarsträubende Verwechslung vorliegen.

Nachdem sich mein Kreislauf wieder beruhigt hatte, betrat ich den Gang und begab mich allein in das fragliche Zimmer.

Der Mensch, der mir öffnete, war so klein, dass ich ihn erst bemerkte, als er die Tür hinter mir schloss. Fast im selben Moment war er auch schon wieder verschwunden. Es kann so nicht gewesen sein, in meiner Erinnerung ist es aber so.

Das unmögliche Zimmer (es schwebte ja quasi über dem Innenhof, ohne von da aus in irgendeiner Weise sichtbar zu sein – da war nämlich nach wie vor nur die verwitterte Wand) war weder groß noch geräumig. Es gab natürlich das Bett, weiterhin einen kleinen, viereckigen Tisch mit einem Hocker davor, einen Schrank, ein Waschbecken mit einem halbblinden ovalen Spiegel darüber, eingefasst in einen dünnen brüchigen Rahmen, und ein von schweren Vorhängen gegen neugierige Blicke gesichertes Fenster.

Am meisten erstaunte mich wohl die Tatsache, dass da überhaupt ein Körper im Bett lag. Ehrlich gesagt, hatte ich an ihn nie so recht geglaubt, bis ich ihn dort unter der Decke liegen sah. Ich sah Hände, Ohren, Nase, Schultern. Augen blitzten mich an. Ganz real war dieser Mann, kein Geschöpf der Fantasie oder eine Illusion, so dass es mir unbegreiflich schien, dass er zugleich auch anderswo existieren könnte.

Seine Stimme klang leise und belegt, ein schwaches Gekrächze, von Seufzern unterbrochen, und ich hatte Mühe, ihn zu verstehen. Gerade weil er auf Russisch das R so rollte und die Zischlaute eher ein Pfeifen waren. Ich fragte mich, ob es für ihn nicht einfacher wäre, wenn wir uns auf Englisch unterhielten.

Ich knipste die Stehlampe am Kopfende des Bettes aus, da ihn das Licht der Glühbirne zu blenden schien, und erst jetzt sah ich ganz hinten im Zimmer, neben dem massiven Kleiderschrank, eine weitere Person sitzen, die mir bisher im Schattenkegel einer zweiten Stehlampe mit derbem Pergamentschirm nicht aufgefallen war. Als sie meinen Blick bemerkte, erhob sie sich, und ich fuhr unwillkürlich zusammen, nicht vor Schreck, sondern weil sie so winzig klein war, noch kleiner als die Gestalt, die mir die Tür geöffnet hatte. Sie maß höchstens einen Meter zwanzig. Ich glaubte hinter mir etwas lachen zu hören ... ein mattes Keuchen, ein geflüstertes Spucken. Die kleine Frau – ich erinnere mich, dass ich annahm, es wäre eine – nickte mir kurz zu und verschwand durch eine andere Tür neben dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte.

»Ich bin Wladimir ...«, machte ich den zaghaften Versuch einer Vorstellung.

»... Iwanowitsch Grilb. Ich weiß. Treten Sie näher«, kam es ein wenig gereizt aus dem Bettzeug.

»Wer war das?«, fragte ich.

»Kennen Sie nicht«, sagte Oberst Burtin. »Aber nur keine Aufregung, sie gehört zu mir.«

»Nein, nein, es ist alles in Ordnung, ich war nur überrascht …«

»Weil sie so klein ist?«

»Ähm, nein, ich hatte sie nur nicht gesehen, als ich reinkam. Deswegen war ich überrascht.«

»Ihr Bruder hat Sie hereingelassen, er wohnt auch hier. Es sind kleine Leute, nun ja, natürlich sind sie keine Menschen, das sehen Sie ja selber, das können Sie sich ja denken. Seltsame kleine Leute eben, die nicht in unserer Art und Weise sprechen können, sie kommen von weit her, ach, wo denken Sie hin, von sonst wie weit her, Sie haben ja keine Vorstellung, wie weit es bis zu ihrer Heimatsonne ist, im übertragenen Sinne. Zeitlich gesehen. Ich bin auf sie angewiesen. Sonst wäre ich gar nicht hier.«

»In gewisser Weise sind Sie ja auch nicht hier, Oberst Burtin. So habe ich das jedenfalls von Direktor Schmolsin gehört, aber natürlich kann ich mir so gar nichts darunter vorstellen. Hier und doch nicht hier …«

»Ach, und danke, dass Sie das Licht ausgemacht haben, es war wirklich ein bisschen grell für meine Augen. Was sagten Sie? Nein, direkt hier bin ich natürlich nicht, dafür wäre es zu weit.«

»Wie geht es Ihnen, Oberst? Fühlen Sie sich gut?«, stammelte ich nervös.

Er winkte ab und rieb sich die zerknitterten Lider.

Ich überlegte kurz mein Vorgehen, dann fielen mir Major Krels Worte ein, wie er auf mich eingeredet hatte, den Alten im Bett unbedingt dieses und jenes zu fragen. Dabei sollte ich aber aufpassen: Oberst Burtin reagiere zuweilen verstockt wie ein Greis. »Vielleicht ist es nicht das drängendste Problem, aber darf ich fragen: Wie weit wäre es denn … bis dorthin?«

»In Lichtjahren, meinen Sie? Unmöglich zu sagen, der Ort liegt außerhalb unseres Verstandes. Machen Sie sich also Ihre eigenen Gedanken. Wir reden hier nur miteinander, weil der Raum, in dem Sie und ich mich befinden, die Zeit um ein paar Milliarden Jahre gestaucht hat. Verstehen Sie? Entweder große Entfernungen o d e r lange Zeiträume. Kann man beides bereisen. Und die Kleinen verstehen nun mal ’ne Menge von der Zeit. Eine Menge! Großer Gott, was haben wir zu lernen.« Seine Hand tauchte flüchtig über dem Rand der Decke auf, es war eine hoffnungslose Geste.

»Aha«, sagte ich und zog ein möglichst intelligentes Gesicht, »dann sind Sie also schon Milliarden Jahre tot oder – in der Zukunft?«

 »Quatsch«, krächzte der Oberst. »Das kann ich Ihnen nicht erklären, aber nehmen Sie einfach an, ich bin außerhalb von Zeit und Raum, sozusagen in dem Kontinuum, was um das Universum drum herum ist.«

»Und wie nennt man das?«, platzte ich heraus.

»Chronozän«, sagte er, dann begann er zu husten, langsam und schmerzerfüllt. In seiner Lunge rasselte es wie im Sägewerk. »Mehr ein Zeitpunkt als ein Ort. Zeitpunkt – nicht Zeitraum, merken Sie es sich.«

Meine Augen suchten nach einem Glas Wasser, das ich ihm hätte reichen können, fanden aber nichts. Als er sich nach einer Minute beruhigt hatte, fragte ich weiter: »Dieses Chronozän, das muss riesig sein, das Multiversum …«

»Hören Sie auf«, klang es erbost aus dem Kopfkissen. »Sie haben ja keine Ahnung, was es ist. Genau wie dieser Major Krel.«

Wieder leichtes Husten. Ich merkte seine Anstrengung, sich im Zaum zu halten.

»Was verstehen Sie von der Unendlichkeit, nichts. Ich habe die Unendlichkeit gesehen, nein, gespürt oder ... egal, es ist die Unendlichkeit von allem. Man kann es mit nichts vergleichen, Wladimir Iwanowitsch, mit nichts! Denn alle endlichen Werte, größere wie kleinere, sind im Verhältnis zur Unendlichkeit gleich groß. Und ob es ein Multiversum ist, hängt ganz davon ab, ob diese Unendlichkeit des Raumes und die Ewigkeit, die es in der Zeit darstellt, eine Primzahl ist oder eben nicht. Ist es eine Primzahl, also nur durch eins oder sich selbst teilbar – dann ist es kein Multiversum, dann gibt es alles nur einmal. Ist es allerdings keine Primzahl, dann können Sie sich so viele verschiedene oder gleiche Universen vorstellen, wie Sie wollen, deren Anzahl wäre dann ebenfalls unendlich.«

Er hatte sich richtig in Rage geredet, sein nahezu haarloser Kopf, greisenhaft klein, leuchtete wie eine Apfelsine über dem weißen Kopfkissenbezug. Dann verlor sein Gesicht binnen Sekunden alle Farbe, ich bekam es mit der Angst zu tun. Sein Kreislauf, dachte ich, sein Herz.

Ich zog mir den Stuhl, auf dem die kleine Frau gesessen hatte, ans Bett heran, damit er leiser sprechen konnte. Das Licht der hinteren Stehlampe war kaum heller als das einer Kerze, aber hell genug, dass ich sein Gesicht nun gut erkennen konnte. Ein bleicher Schein lag auf dem makellosen Bettzeug, gelbliche Flecken mischten sich in die Schatten seiner scharf geschnittenen Gesichtszüge.

Ermattet ließ er den Kopf nach hinten sinken, noch über das dicke Kissen hinaus, und rollte die Augäpfel Richtung Decke.

»Langsam, langsam«, sagte ich und strich mit der flachen Hand beruhigend über das Bettzeug. »Wir müssen nichts diskutieren, keine Aufregung, bitte.«

»Selbst wenn man Freunde hat, die die Zeit beherrschen, ist es immer zu früh«, hauchte er und hob den Kopf ein Stück, um mir in die Augen zu sehen.

Ich stand auf und stopfte ihm das Kissen wie eine verdrehte Wurst in den Nacken. Dann setzte ich mich wieder hin und wartete.

»Darf ich dich Wowa nennen? Das fällt mir leichter, weißt du …«

»Selbstverständlich, Oberst«, stimmte ich einigermaßen überrascht zu.

»Es ist immer zu früh«, wiederholte er, »selbst wenn man wie ich die Unendlichkeit gesehen hat. Aber ich habe keine Angst. Schließlich wird auch das All eines Tages zerschmettert werden, ja, höre nur, ich weiß es schon.« Lächelnd sah er mich an. »Auf jeden Fall ist es wunderbar, dass du gekommen bist … Ich danke dir. Wer hätte damit denn gerechnet, ich nicht, nie im Leben. Danke sehr.« Oberst Burtin machte einen erschöpften Eindruck.

Das gab mir nun endlich Gelegenheit, da einzuhaken, wo es mich wirklich juckte.

»Warum ausgerechnet ich? Warum haben Sie mich, Wladimir Iwanowitsch Grilb, gebürtig aus St. Petersburg, einen völlig unbedeutenden und unbekannten jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter vom Institut Joffe, der ohne Namen, Rang und Einfluss ist, der arme Eltern und keine besonderen Zeugnisse vorzuweisen hat, warum haben Sie also mich hierher geholt und erzählen mir eine völlig verhakelte und verwurstelte Geschichte? Was habe ich hierbei zu suchen?« Nun war es endlich raus. Ich war entschlossen, mich nicht abwimmeln zu lassen.

Der Oberst senkte leicht den Kopf und starrte für einen Moment auf seiner Bettwäsche herum, als suche er etwas. Er überlegte natürlich. Monoton sagte er dann schließlich: »Das kann ich dir nicht sagen. Wohl deshalb du, weil es schon immer dich betroffen hat. Weißt du, die Sache hat keinen Anfang, nur ein Ende. Wir sind zwei Reisende, die sich immer wieder aufs Neue treffen.«

Ich erwiderte nichts, denn ich begriff nichts.

»Stell dir vor, Wowa«, fuhr der Oberst fort. »Wir reiten auf einem Zahlenstrahl – aus der Unendlichkeit kommend – rückwärts auf den Ausgangspunkt zu. Unabänderlich ist dann dort Schluss. Aber wo wir herkommen, wann das begonnen hat, diese Frage ist obsolet, es gibt keinen Anfang. Ein Ende ja, aber keinen Beginn.«

Er hob seine Augen, sah mir prüfend direkt in meine. Sein Mund schien zu lächeln. »Mach dir nichts draus, Wowa, das versteht auf diesem Planeten kein Mensch, selbst Einstein wäre damit überfordert. Mich natürlich ausgenommen.«

Seine Hand tastete nach etwas herum, ich sah nicht wonach, ich war zu perplex von seinen Worten. Ein Schneegestöber von halbgaren Theorien geisterte durch meinen Kopf. Verlegen hustete ich ein paar Mal, sagte aber nichts.

»Lass uns über etwas anderes reden. Ich merke ja, das hat sonst keinen Sinn«, meinte er dann. »Das Fenster da«, der Oberst deutete mit dem Daumen darauf. »Zieh den Vorhang beiseite. Und dann schau mal raus. Was siehst du?«

Auf wackligen Füßen stolperte ich zum Fenster, hob sacht den Vorhang und spähte hinaus. Da traf mich der nächste Schlag. Gegenüber, auf der anderen Seite eines grauen, tristen Innenhofes, schaute gleichfalls ein junger Mann aus dem Fenster. Als er mich entdeckte, hob er zögerlich den Arm und winkte zaghaft. Dieser andere junge Mann war zweifelsohne ich.

Wie der Blitz fuhr ich ins Zimmer zurück, schaute irritiert zum Oberst hin – der mich interessiert musterte –, dann schüttelte ich resignierend den Kopf und trabte zu meinem Stuhl zurück. Ohne ein Wort zu verlieren, nahm ich Platz.

»Und wo genau liegt dieser ferne Stern, der Heimat-Planet der Kleinen, meine ich?«, stellte ich die im Grunde plumpe Frage, um wieder ins Gespräch zu finden. Beginne ich eben die Unterhaltung von vorn.

»Wie soll ich es erklären? Wenn du immer weiter fliegen würdest, immer, immer weiter, würdest du irgendwann an deinen Ausgangspunkt zurückkommen. Dann hättest du nicht nur das Universum in seiner ganzen Pracht durchquert, nein, du hättest es auch in allen denkbaren Zeiten durchmessen! Sozusagen vom Big Bang zum Big Crunch. Da kommt was zusammen, Wowa, glaub mir.«

»Kann ich mir zwar kaum vorstellen, Josif Matwejewitsch, aber wenn Sie das sagen …«

»Du bist Rechtshänder, Wowa?«

»Ja. Und?«

»Wenn du von der Reise wieder kämst, wärst du Linkshänder.«

»Nun, das verstehe ich erst recht nicht, Josif Matwejewitsch.«

»Möglicherweise wärst du dann auch noch eine Frau.«

»Bei Gott, Josif Matwejewitsch!«

»Das war nun ein Scherz. Hoffe ich. Nenn mich doch Väterchen Soscho, Wowa, das klingt in meinen Ohren besser.«

»Ich kann es mir nicht vorstellen, Väterchen Soscho.«

»Das liegt daran, dass du, dass wir das Wesen der Zeit nicht begreifen. Die Zeit ist ein Strom ...«

»Ja, ja, ein Strom, das weiß jeder Schüler«, warf ich ungeduldig ein. »Ich bin vom Joffe.«

»Aber ein Kreisel, Wowa, ein geschlossenes isoliertes System innerhalb einer Eierschale, die unser Kosmos ist. Wenn du da einmal drum herum bist, bist du nicht mehr derselbe wie am Anfang der Reise. Dir mag das als Reisender nicht auffallen, dass du dich vollkommen verändert hast, weil auch alles andere um dich herum dieser Veränderung unterworfen wurde, aber für die Kleinen aus dem Chronozän wärst du dann eine linkshändige Frau.«

Zuerst dachte ich, Soscho kicherte, aber es war nur ein schnelles Luftholen, um nicht husten zu müssen.

»Aha«, sagte ich, ohne wirklich eine Erleuchtung zu haben. »Dann sind diese Kleinen nur sehr, sehr alt und haben diese Reise sozusagen bereits hinter sich.«

»Anders. Die Kleinen, weißt du, haben schon alle Zeiten gesehen, sie sind weder alt noch jung.« Der Oberst holte tief Luft, als sammle er Atem für einen langen Monolog.  »Der Mensch ist es gewohnt, die kosmischen Zeitalter in geologische zu unterteilen, weil wir unsere Weltensicht nicht vom Boden unserer Geburtsstätte, der Erde, erheben können. Wir können uns nur vorstellen, was dem Gestein der Erde in den letzten fünf Milliarden Jahren widerfahren ist. So einfach ist es aber nicht. Denn schon lange vorher versanken irgendwo anders Schachtelhalmwälder unter den Ozeanen, Saurier lernten fliegen und Wale schwimmen, und es war für Jahrmillionen auf den Planeten abwechselnd sehr heiß oder sehr kalt. Welten kamen und gingen. Den opponierenden Daumen halten wir für den letzten und besten Stand der Dinge. Aber andernorts gibt es ihn schon viel länger! Eines fernen Tages verstehen wir uns selber als eine kurze Episode in der langen Geschichte der Eiweiße und Aminosäuren: als eine weitere Anekdote, in der es der entstandenen Vernunft nicht gelingt, die einfache Tatsache der eigenen Existenz und der der Welt an sich aus den gegebenen Naturkonstanten herzuleiten, ohne eine Schöpfung von außen ins Spiel zu bringen. Deshalb suchen wir, Wowa. Zum Glück haben die Kleinen uns gefunden. Sie sind gleichzeitig jünger und älter als wir. Wenn man es genau betrachtet, überwachen sie unsere Geschichte, diese kümmerlich kurze.«

»Und warum wurden Sie dann entführt, Väterchen, wenn diese Anderen so allmächtig sind?«

»Ach, was, entführt. Sie überzeugen sich nur regelmäßig vom Stand der Dinge. Das ist alles.«

 

Ich hatte keine Ahnung, wie und wann ich das seltsame Zimmer von Oberst Soscho verließ, noch erinnerte ich mich, was zwischen uns geredet worden war. Mein Zustand, der einer Bewusstlosigkeit nahe kam, ließ mich keinen klaren Gedanken fassen, und ich hatte auch jegliches Zeitgefühl verloren. Als hätten mich Außerirdische entführt, furchterregende Dinge mit mir angestellt, das Gedächtnis gelöscht und mich dann hier abgesetzt. Möglicherweise hatte mich auch dieser Major Krel aus dem Zimmer geholt, oder Kolypin oder sonst irgendwer.

Zunächst vernahm ich wie durch einen Nebel nur Gesprächsfetzen, die von irgendwoher zu wabern schienen.

»Ja, ich verstehe Sie«, sagte eine tiefe Stimme. »Und wie ich Sie verstehe. Immerhin sind Sie Astro… äh, Futurologe ... «

Dann erkannte ich, dass ich auf dem Fensterbrett im Gang vor Oberst Soschos Zimmer saß, und drei, vier Schritte vor mir standen Professor Kolypin und Major Krel und unterhielten sich in einem aufgeregten Ton.

Kolypin starrte den Major einen Moment lang an, als habe sich der Mann an den Falschen gewandt. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie glauben, es ...?«

»... es gebe eine moralische Verpflichtung, ihn nicht am Leben zu erhalten? Ja, Genosse  Pawel Awgustowitsch, die gibt es tatsächlich.«

Brüskiert drehte sich Kolypin um, schnaufte heftig. Plötzlich entdeckte er mich, als hätte er mich lange nicht mehr gesehen, und zog mich mit zitternder Hand vom Fenster weg.

»Gehen wir kurz an die frische Luft«, sagte er.

Draußen schlenderten wir verdrossen über den Parkplatz, entlang der Rosenrabatten.

»Ich glaube, es ist an der Zeit, die ganze Sache abzuschreiben«, sagte er.

An den Bäumen hingen noch Reste farbigen Laubs, aber außer den immergrünen Blättern waren die meisten schon abgefallen, und man sah den metallischen Himmel durch die leeren Äste. Das Unterholz war dick mit Herbstlaub bedeckt und von irgendwoher roch man sogar Holzfeuer

»Sie werden Josif Matwejewitsch aus dem Zimmer holen und in eine geheime Anstalt sperren«, erklärte Kolypin. »Notfalls mit Gewalt. Er ist für sie potentiell eine Gefahr. Ein Irrsinn ist das, diese Chance kaputt zu machen.«

»Wen meinen Sie mit sie

»Wie? Die PaKom natürlich. Oder die Regierung. Das ist dasselbe.«

»Diese kleinen Menschen könnten das mit Leichtigkeit verhindern, Pawel Awgustowitsch. Glauben Sie mir, Oberst Burtin hat mir einiges über sie erzählt. Schon allein das Auftauchen dieses ominösen Zimmers sollte doch Warnung genug sein, oder nicht?«

Kolypin nickte, sah sich dann konspirativ um. Sein Blick streifte die allgegenwärtigen Antennen auf den Dächern. »Wissen Sie, Wolodja, es geht nicht um die Erforschung naturwissenschaftlicher Dinge, um Aufklärung, Durst nach neuen Erkenntnissen oder so. Die Menschen, munkelt euer hochverehrter Schmolsin hinter vorgehaltener Hand, sie hätten das Zeug dazu, die Artefakte außerirdischer Hochkulturen, die sie nicht begriffen, zu zerstören, nur um zu zeigen, dass sie absichtlich keinen Wert auf das darin enthaltene Wissen legen. Man ist jedoch auf dem Holzpfad, wenn man die Zerstörungswut mit Unverständnis oder grundsätzlicher Ablehnung für alles Fremde erklärt, denn in Wahrheit sind diese Menschen nur zutiefst beleidigt, nachdem sie die wissenschaftlichen Leistungen anderer mit ihren eigenen verglichen. So. Und jetzt denken Sie mal an die Regierung, an die PaKom, an all die mächtigen Organisationen, die Milliarden und Abermilliarden des Geldes der Bürger dieses Landes verbraucht haben, um dann wie blamiert dazustehen, weil man das Erscheinen von Oberst Josif Matwejewitsch Burtin nicht erklären kann. Ein schnödes Zimmer mit Bett dockt mir nichts, dir nichts an unserem Institut an, und ein paar galaktische Zwerge lassen unseren Oberst schöne Grüße an die Genossen ausrichten. Man kann als Neue Sowjetunion, oder reden wir gleich von der Menschheit, weder nach außen noch nach innen zugeben, unwillentlich zwar, aber dennoch von einem interstellaren Kontakt derart blamiert worden zu sein.« Er drehte sich zu mir hin und sah mir mit seinen wachen hellen Augen ins Gesicht. »Verstehen Sie, Wolodja? Der Vorfall muss vertuscht werden. Oberst Burtin alias Soscho ist nie wieder aufgetaucht – wozu auch, wir haben ein wunderschönes Denkmal! –, und erst recht gibt es kein fliegendes, zeitreisendes Zimmerchen mit niedlichen Hotelpagen. Alles, was damit zusammenhängt, muss verschwinden. So etwas existiert einfach nicht.«

Ich verstand.

Illustration zur Kurzgeschichte "Sprung ins Chronozän"

© Jacqueline Montemurri

Am nächsten Tag, auf dem Weg nach oben in die Theater-Abteilung, kamen wir an Oberst Soschos Zimmer vorbei, und als ich hineinsah, zogen die kleinen Leute gerade das Bett ab. Das Zimmer machte den Eindruck, als sei es völlig umgeräumt worden. Die Becher, Medizinfläschchen, Brillen und Zellstofftaschentücher, die auf dem Nachttisch herumgelegen hatten, waren verschwunden; Kissen und Decken lagen auf dem Boden neben dem Bett. Es sah aus, als versuchte man, sämtliche Spuren von ihm zu beseitigen.

Die Kleinen standen gerade im Begriff, das Laken abzuziehen. Einander gegenüberstehend, streckten sie synchron die Hände vor, fassten die Zipfel am Kopfende, und das Laken bauschte sich für einen kurzen Moment wie ein Segel zwischen ihnen auf. Sie wirkten noch kleiner als gestern, kaum dass sie die Matratze überschauen konnten. Gleich darauf lag das Laken wieder flach, und die taubstummen Außerirdischen schlugen es, indem jeder auf seiner Seite am Bett hinunterschritt, übereinander und ließen es achtlos zu Boden fallen. Ich war fassungslos.

Als ich mich an Kolypin wandte, der am Fenster im Gang stand und seine unvermeidliche Papirossa rauchte, und meine Stimme im Zorn erhob, bedeutete mir der Professor mit vor die Lippen gelegtem Finger, die Ruhe zu bewahren. Wir konnten nichts tun.

In der vierten Etage fand sogleich nach unserem Eintreffen ein Essen mit Gelage statt, bei dem wohl der Stand der Dinge erörtert werden sollte. Professor Kolypin und ich ahnten jedoch gleich, dass hier die Erledigung der Angelegenheit Soscho gefeiert wurde. Zu meinem Erstaunen sah ich nun, dass Professor Boris Schmolsin vom Joffe und andere hochrangige Wissenschaftler aus Petersburg ebenfalls im Raum waren. Der Professor grüßte mich mit einem eher kühlen Nicken, die meisten Anwesenden aber nahmen keine Notiz von mir. Gläser mit Wodka machten die Runde, es ging beinahe fröhlich her. Professor Kolypin und ich setzten uns unauffällig ans Ende der Tafel, in der Nähe der Tür, durch die wir gerade hereingekommen waren. Gegenüber, am anderen Tafelende, saß Major Krel und gab hochroten Gesichts der Delegation aus St. Petersburg eine Einschätzung von seiner Sicht der Dinge. Ich war sogar froh darüber, dass der allgemeine Lärmpegel mich nicht jedes Wort verstehen ließ.

Das Essen bestand aus einer wahllosen Ansammlung kalter und warmer Gerichte: hauptsächlich Aufschnitte von gebratenem Fleisch und Suppen, die nicht mehr dampften, eine Karaffe Leitungswasser und einer Anzahl Flaschen Präsidentenwodka. Zu meiner großen Überraschung wurde es von den seltsamen kleinen Leuten serviert, die stumm die Tabletts hinstellten und uns mit Gebärden zum Essen ermunterten.

»Lassen Sie sich von denen nicht aus der Fassung bringen«, sagte Kolypin, während er auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Seine Stimme klang zittrig, es strengte ihn an.

»Dass die Außerirdischen hier Speisen auftragen ... Kommt Ihnen das nicht seltsam vor, Pawel Awgustowitsch?«

Er reagierte nicht. Ich sah mich um. Alle bei Tisch taten so, als ob nichts wäre.

»Meinen Sie nicht?«, wiederholte ich noch einmal und stieß ihn dabei mit dem Ellbogen leicht in die Seite. Aber des Professors Aufmerksamkeit wurde ganz gefangen genommen von dem dröhnenden Gespräch zwischen Major Krel und unserer Koryphäe Schmolsin vom anderen Tischende her. Offensichtlich berichtete Krel etwas über die Vernehmungen des Oberst Soscho und dessen geflunkerten Erkenntnissen aus den Untersuchungsberichten der PaKom.

»Die Kleinen können mit dem Begriff Tier nichts anfangen, sie verstehen nicht, was wir darunter verstehen«, erklärte Krel gerade, triefäugig und mit der Gabel, auf der ein Stück rosa Lachs aufgespießt war, auf die Brust des Direktors zeigend. »Die Biologie auf ihrem Heimatplaneten ist vor Millionen Jahren erloschen, und sie haben schlicht vergessen, was ein Tier oder eine Pflanze ist. Was heißt vergessen, nun ja, sie haben dieses Wissen einfach ausgesondert, zum evolutionären Müll gelegt, etwas, das eine Hochzivilisation nicht mehr braucht. In einer gewissen Entwicklungsphase ihrer Rasse haben sie sämtliche Biostruktur ihrer Welt aufgezehrt, von den Urwäldern und der Großfauna bis zum Plankton und den Wirbellosen der Meere, kein Grashalm blieb übrig, kein Insekt, nicht einmal Bakterien oder Schimmel. Alles Lebendige verschwand.«

»Und was sagen sie dazu? Wie kam das?«, fragte Schmolsin mit vollem Mund.

Der Major brachte seine Gabel in Stellung. »Burtin hat uns letzte Nacht alles gestanden«, sagte er triumphierend, als sei damit irgendetwas oder gar alles bewiesen. »Er erklärt es damit, dass dies ein gesetzmäßiger Vorgang innerhalb der Entwicklung zu einer Superzivilisation ist, unumgänglich, trotz aller Anstrengungen und Bemühungen über Umweltschutz und Arterhaltungsprogrammen. Es führt einfach kein Weg vorbei, dass die intelligente Spezies eines Planeten dessen sämtliche Ressourcen verbrauchen wird, vom Wasser über Bodenschätze, über die Biologie bis hin zur Atmosphäre. Jedes Gramm wird gebraucht. Bis nur noch eine Kugel aus Schlacke im Raum schwebt. Wenn es so weit ist, brauchen sie technisch gesehen keine feste Heimat mehr, keinen fixen Standort im Raum. Wozu Planeten oder Monde? Sie existieren in der Zeit. Keine Angst«, der Bissen verschwand in seinem Mund. »Das steht auch uns noch bevor, glauben Sie mir.«

»Das klingt aber nicht sehr intelligent«, warf eine suppeschlürfende Frau ein, die augenscheinlich nicht zum Institut gehörte, aber möglicherweise eine Hospitantin aus einem hiesigen Kombinat war.

»O doch«, ergriff Schmolsin sofort das Wort. »Doch, doch, das genau ist es ja. Nur das intelligente Wesen ist in der Lage, Dinge zu tun, die auf den ersten Blick zu seinem eigenen Schaden sind. Nutzlose Dinge, unlogische. Der Affe zum Beispiel käme nie auf die Idee, seinen Wald abzuholzen. Die Fische würden nicht ihr Meer vergiften, die Rindviecher nicht ihre Weiden betonieren. Das machen nur wir. Kurz gesagt, wir müssen im All nur nach kaputten, dreckigen Planeten Ausschau halten und – bingo! – da haben wir die Verstandeskollegen. Genial, oder?«  Schmolsin sah sich nach Beifall um, aber niemand kümmerte sich um ihn.

Ein Hauptmann, den man mit Oberingenieur Droschenko ansprach, nutzte das Kauen des Majors aus und ergriff die Gelegenheit, ebenfalls dem Direktor aus Petersburg berichten zu können. »Der Motor des ganzen Mechanismus, wie Major Krel schon andeutete, den man Evolution nennt, das ist der Tod. Manchmal schreiben die Kleinen Verse darüber auf …«

»Wohin? In ein Buch?«, unterbrach ihn plötzlich Kolypin aufgeregt wie ein Schulbub.

»Nein, wo denken Sie hin, auf eine zufällig herumliegende Serviette, ein Fitzelchen Zeitungsrand, und wenn es gar nicht anders geht, sogar auf Burtins Bettlaken. Sie schreiben also, dass ihr Schöpfer tot ist, oder er ist der Tod, es gibt da immer wieder Variationen einer unterschiedlichen Art und Weise, und dass sie die Sterblichkeit überwunden haben, oder selber auch tot sind. Kann ich noch einen Schluck Wein haben, Alexander Andrejewitsch?« Er intonierte das Wort Wein melodisch und sprach es aus, als hätte es zwei Silben. »Im Großen und Ganzen liest sich das wie philosophische Lyrik oder lyrische Philosophie, obgleich wir eigentlich nichts davon verstehen, uns fehlen fast sämtliche Begriffe. Vielleicht ist es interstellare Prosa. Wer weiß. Meiner Ansicht nach sind es irgendwelche Kommentare, eher abstrakter Natur, und kein Mensch weiß, auf was die sich beziehen. Zum Wohl!« Er hob sein Glas, das auf Krels Zeichen hin bis zum Rand gefüllt worden war, und stürzte es hinunter, als gebe es kein Morgen mehr.

»Wir wissen de facto nichts, ja? Wollen Sie das damit sagen, Hauptmann?«, erkundigte sich ein anderer am Tisch.

»Ach, wissen Sie, lieber Kollege Gromanow, ich bilde mir ein, die Kleinen sind an Wissenschaft und Technik nicht interessiert. Das habe ich alles schon durch. Ich für meinen Teil denke, sie schreiben mit einem breiten Pinsel in groben Zügen an einem grundsätzlichen Aufsatz über das Leben an sich, die Güte in allem, was lebt und die schönen Seiten der Existenz. Keine Ahnung«, mischte sich Major Krel erneut ein.

»Sie scherzen«, kommentierte Schmolsin und tupfte mit einer Papierserviette an seinen Mund herum.

»Nein, keineswegs. Wenn man die Zwerge ausquetschen würde, dann erführe man vielleicht, was die Sterne im Innersten zusammenhältwarum Wasser bei hundert Grad kondensiert oder aus wie vielen Sandkörnern die Sahara besteht und ähnlich Beiläufiges, nur Trivialitäten.«

»Das passt irgendwie nicht zu dem, was man im Allgemeinen von einer hochentwickelten Spezies erwarten kann, oder?«, rief Professor Kolypin neben mir.

»Wenn Sie meine Meinung hören wollen, Pawel Awgustowitsch, dann ist das – nach einer zivilisatorischen Entwicklung von Millionen Jahren – das, was sie von dem ganzen möglichen Wissen für bedeutsam erachten und behalten haben. So einfach ist das.« Schmolsin rülpste leise hinter seiner Faust.

»Gleichwohl sind sie im Besitz technischer Dinge, die keine Energiequelle zu benötigen scheinen. Wenn ich es einigermaßen richtig verstanden habe, funktionieren diese, weil sie keinerlei Zeitverlauf unterliegen. Das ist für uns unter dem militärischen Aspekt höchst interessant, zu höchst, Genossen.« Major Krel rieb sich den Nacken und schnitt eine Grimasse, als ob er Schmerzen dabei empfände.

Ich schob meinen Teller unauffällig ein Stück von mir weg und stand in gebückter Haltung auf. Von mir aus konnte diese nicht mehr ganz nüchterne Runde weiterhin ihren Sermon von sich geben, mich interessierte lediglich der Verbleib von Oberst Soscho. Die Kleinen waren ebenfalls seit ein paar Minuten nicht mehr aufgetaucht.

Ich beschloss, es zunächst mit diesem aus dem Jenseits gekommenen Zimmer zu versuchen. Tatsächlich diskutierten die Anwesenden so intensiv, dass mein Fortgang unbemerkt blieb.

Ohne Zwischenfälle oder dass mir jemand begegnet wäre, erreichte ich das Zimmer. Zu meiner Freude stellte ich fest, dass die Tür nicht verschlossen war, und so zog ich diese einen Spalt weit auf, gerade so, dass ich hindurchschlüpfen konnte.

Die Kleinen waren im Zimmer und hatten ein frisch bezogenes Bett aufgeschlagen. Einer der beiden, der Bruder glaube ich, schloss die Tür, während seine Schwester mich mit freundlichen Gesten dazu brachte, auf der Bettkante Platz zu nehmen. Eine gewisse Schläfrigkeit umfing mich augenblicklich, und ich dachte, während ich mir die Schuhe von den Füßen streifte, dass ein kleines Nickerchen nach dem Essen noch niemanden geschadet hatte. Hoffentlich würde ich nicht zu lange schlafen.

 

Die echte Dämmerung kam erst später, ein frostiges Pink sickerte durch die Baumkronen. Ich erwachte und setzte mich auf. Jetzt konnte ich tiefer in den Wald hineinsehen und erkannte, dass er unfassbar alt sein musste. Die Stämme der Bäume waren unglaublich massiv und ragten ungeheuer weit hoch und dabei standen sie absolut regungslos, als wären sie aus Stein gemeißelt. Selbst der hellrote Himmel schien uralt, soweit man íhn durch den schmalen Spalt zwischen den Baumkronen sehen konnte. Ich weckte Väterchen Soscho, denn ich vernahm eindeutige Geräusche von schnüffelnden Kreaturen, die zwischen den Bäumen unerkannt umhertappten. Es musste eine ganze Anzahl sein.

Was sind das für welche?, fragte ich Soscho, der nun ebenfalls in den Wald hineinlauschte.

Die animalischen Besitzer des Planeten Erde, vermute ich, sagte Soscho.

Sind sie intelligent?, fragte ich nach einer Weile, da ich die Ungewissheit nicht mehr aushielt.

Nach einer langen Pause antwortete Soscho: Noch nicht ganz; ich möchte es eigentlich nicht herausfinden. Gefährlich werden können sie uns jedenfalls nicht.

Der zeitlose düstere Wald wurde von einem fiebrigen Glühen erfüllt. Mir fiel auf, dass es keine Insekten gab. Auch von Vögeln war weit und breit kein Flügelschlag zu hören.

Wir gingen los. Am Waldrand machten wir eine Pause. Es war einige Zeit vergangen. Von dort aus starrten wir auf eine dürre Ebene hinaus, die vom Licht einer monströsen Sonne feurig erleuchtet wurde. Die Ebene war vollkommen flach, mit Ausnahme einer Felsnadel, die sich wie eine startbereite Rakete dem blutigen Himmel entgegenreckte. Es herrschte eine erschütternde Einsamkeit, in der sich nichts bewegte, als der flackernde Rand der Sonne, die rechts von der Felsnadel allmählich höher stieg.

Sogar die Sonne stirbt, sagte ich.

Ja, sie ist jetzt uralt, doppelt so alt wie zu der Zeit, als Menschen lebten, sagte Väterchen Soscho. Trotzdem wird sie noch zig Millionen Jahre weiter so scheinen, bevor sie erlischt.

Seine Worte schlugen einen unerfreulichen Akkord in mir an. Die Menschheit war also schon lange tot. Was taten wir noch hier? Immerhin gab es noch Pflanzen und Tiere, auch Sauerstoff und Kohlendioxid waren noch genügend in der Luft. Wir streiften am Waldrand entlang, bis die Sonne sich ihrem Zenit näherte und uns zurück in die schreckliche Schönheit des roten Waldes trieb. Es wurde schnell Nacht, und der Himmel verfärbte sich zuerst in Purpur, das sich zu Samtschwarz verwandelte. Sterne in unbekannten Konstellationen wurden sichtbar.

Plötzlich bemerkte ich das Flackern eines hellen Lichtes. Wir gingen näher heran und erkannten, dass es ein Lagerfeuer war, knisternd und glühend wie eh und je.

Deswegen sind wir hier, sagte Väterchen Soscho, begleitet von einer Geste, die mich in der Dunkelheit zurückhielt. Es hat andere Besitzer, die es schützt und ihnen Wärme spendet.

Wo sind sie?, fragte ich und starrte ängstlich in die Finsternis.

Es sind kleine Menschen, und doch mit dem Homo sapiens weniger verwandt als Marsgestein. Ich bin mir sicher, die Evolution hat in den Milliarden Jahren seit unserem Verschwinden Leben hervorgebracht, das für uns unvorstellbar ist, magische Wesen, wenn du so willst, Wowa.

 Eine sehr lange Zeit, seit unsere Art sich zur Ruhe gelegt hat, sagte ich.

Ja, stimmte Soscho mir zu. Stell dir vor, inzwischen waren die Dinosaurier schon zwei Mal wieder hier, gab es eine Epoche, in der die Oktopoden die Welt beherrschten und vier Einschläge von großen Asteroiden erfolgten; der Mond hat sich in zwei Hälften gespalten und ... und ... und.

Und diese kleinen Menschen? Ich deutete mit dem Kopf in Richtung des Feuers. Was wird aus ihnen?

Sie werden die Welt beherrschen, eines Tages, das ist das Schicksal aller späten Kinder einer blauen oder grünen Mutterwelt. Komm her, Wowa, ich verrate dir was!

Und was, Väterchen Soscho?

In fünfzig Millionen Jahren – ab hier gerechnet – brichst du mit ihnen zu den Galaxien auf. Na, was sagst du?

Zu den Galaxien?

Na, du weißt schon, erst die Galaxien, dann das Chronozän.

Und was mache ich bis dahin, Väterchen Soscho? Hier im Wald sitzen und warten? Ich musste lachen.

Dummkopf!, schalt er mich. Du wartest natürlich im Zimmer, legst dich eine Runde ins Bett oder spielst Schach. Oder schau aus dem Fenster. Vielleicht siehst du auf der anderen Seite dich selbst ebenfalls aus dem Fenster schauen, weißt du noch? Als ich im Bett lag nach der langen Reise? Du hast dir gewunken.

Alles wiederholt sich, meinst du das, Soscho?

Das wiederholt sich viele Male – wie viele, weiß ich nicht. Möglicherweise hat sich die Geschichte schon hunderttausendmal zugetragen. Vielleicht hat das Universum in seinem letzten Zyklus längst keine Hinweise mehr darauf, wann es zum ersten Mal erwachte. Vielleicht hat es dieses erste Mal aber auch gar nicht gegeben.

Er streckte seine Hand nach mir aus, und wir kehrten heim.

***

Über den Autor

Autor Rico Erhart Gehrke

© Frank Gerigk

Rico Erhart Gehrke (* 1966 in Großenhain) ist ein deutscher Autor und Verleger. Nach Schule und Abitur studierte er in Freiberg und Dresden Betriebswirtschaftslehre. Er lebt in der Nähe von Dresden. Seit 1983 schreibt er Romane und Kurzgeschichten; den Verlag Modernphantastik gründete er im Jahr 2014. Seitdem veröffentlichte der Verlag erfolgreich mehrere Anthologien und Romane im Genre der Science Fiction.


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 23. März 2018, genau hier.

 

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Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

© by Rico Gehrke. Erstmals erschienen in: Peggy Weber-Gehrke (Hrsg.): »Sprung ins Chronozän: 2017 Collection of Science Fiction Novellas«. Verlag für Modernde Phantastik 2018


 

 

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