Fiction Friday: Ganz woanders. (Cornelius Zimmermann)

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FICTION FRIDAY

Ganz woanders. (Cornelius Zimmermann)


Schon mal davon geträumt, ganz woanders zu sein? Oder gleich ganz WER anders? Unser Autor Cornelius Zimmermann, dessen Funny-Fantasy-Roman Rocking the Forest gerade bei uns erschienen ist, nimmt Euch mit auf eine kurze, aber radikale Reise. Viel Vergnügen!

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„Fuuuuuuck.“ Mit einem langen, leisen Seufzer lehnt er sich erschöpft gegen die Mauer, legt den Hinterkopf vorsichtig auf den rauen, sonnendurchwärmten Putz. Er tastet nach der Zigarettenschachtel in der linken Jackentasche, fummelt, ohne hinzusehen, eine Zigarette heraus, zündet sie sich an. Er zieht den Rauch in die Lunge und stößt ihn erst nach langem Innehalten wieder aus.

„Dann bin ich also ein Freak“, denkt er, „ein Artikel in einer Medizinzeitschrift. Und, was hast du im Leben so erreicht? Ich war der erste Mensch mit Morbus Fogg. Alter, was für ein bekloppter Name. Und ich hab das Drecks-‚In 80 Tagen um die Welt‘ noch nicht einmal gelesen. Aber wenn’s ihnen Spaß macht.“

Er zielt und schnippt die Zigarettenasche wütend gegen das Schild neben sich an der Wand: „CHARITÉ – Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie“.

„Wir können es nicht erklären. Ihre periodisch auftretenden Zustände stehen in keinerlei Zusammenhang mit tatsächlich Erlebtem oder unterbewusst Arbeitendem. Ihre Erfahrungen, Ihr beruflicher, sozialer und privater Hintergrund können die scheinbare Echtheit des Erlebten nicht rechtfertigen. Und wir können auch nicht sagen, was passieren wird, wenn die Frequenz der erlebten Episoden immer höher werden wird.“

„Was für ein dummes Gequatsche. Das ist doch hier keine Landklinik in Brandenburg. Es kann doch nicht …“

„Sir, Sie können hier nicht stehenbleiben! Kein Herumlungern, gehen Sie weiter, na los!“ Ein halbherzig geführter Schlag mit einem Gummiknüppel trifft ihn doch schmerzhaft am Oberarm. Er dreht sich um, tritt ins Leere, stolpert, taumelt. Ein lautes Wiehern gellt in sein Ohr, dann trifft ihn etwas hart an der Schulter, er geht zu Boden und kann sich gerade noch zur Seite rollen, als die Vorderhufe des Pferdes neben ihm auf dem Boden aufschlagen.

„Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst, du Trottel?“, schreit der Bierkutscher, der sein Gespann mit Mühe bändigt. Harte Fäuste packen ihn am Kragen, unter den Armen und zerren ihn zurück an den Straßenrand. Das ärgerliche Gesicht des Polizisten schiebt sich in sein Blickfeld: „Haben Sie getrunken, Sir? Gehen Sie nach Hause, Sie gefährden sich und andere!“

Er rollt sich zur Seite, rappelt sich ächzend auf. Die Hose ist verschmiert von Schlamm und Pferdemist, an der Weste fehlt ein Knopf, das Hemd – auf dem Ärmel steht in strahlend weißen Buchstaben „G-Star RAW“.

Er blickt auf seine Zigarette. Er muss noch nicht einmal neu abaschen, und der weiße Rauputz wärmt noch immer seinen Hinterkopf.

Er bleibt noch ein paar Minuten stehen, bis die Benommenheit vollständig gewichen ist. Dann drückt er den kalten Zigarettenstummel überflüssigerweise noch einmal an der Wand aus und setzt sich in Bewegung.

Er hat seine Urlaube meistens mit Kumpels oder Freundinnen am Strand oder auf Zeltplätzen verbracht, hat nie gern gelesen, sich im Fernsehen fast nie Dokumentationen angesehen und ist seit seiner Schulzeit nicht mehr in einem Museum gewesen. Aber in den letzten zwei Monaten hat er mit einem steifen Bein auf einem etruskischen Bauernhof geschuftet, hat auf seinem Rücken Schwarzwälder Uhren über die Alpen bis nach Italien getragen, hat in einem öden Vorort von Nizza in einem kleinen, schmucklosen Büro mit kaputtem Ventilator für eine zweitklassige Versicherungsgesellschaft gearbeitet und hat seinem Kameraden Geoffrey vor Sewastopol eine russische Kugel aus dem Oberschenkel gegraben. Bis vor zwei Monaten wusste er nicht einmal, wo Sewastopol liegt, wusste nicht, wie man ein Enfield-Gewehr abfeuert, und hätte einen Soldaten des Zaren nicht von einem Straßenbahnschaffner unterscheiden können.

Er muss Peggy dafür bewundern, dass sie nur anfangs über ihn gelacht hat. Nach kurzer Zeit aber hat sie sich jede Episode seiner „Zustände“, wie sie sie nennt, erzählen lassen, bis ins letzte Detail. Er hat dabei Namen und Begriffe gebraucht, die weder er noch sie kannte. Irgendwann hat sie angefangen sich Notizen zu machen, hat im Internet recherchiert und ihm geholfen einzuordnen, was er (irgendwie) gesehen und erlebt hat. Oft hat er danach noch lange, nachdem sie schon ins Bett gegangen war, vor dem Rechner gesessen und sich mit langsamen Bewegungen durch Texte und Bilder geklickt.

In den letzten zwei Wochen sind die Zustände in immer kürzeren Abständen aufgetreten.

Er überquert nun jede Straße eilig und ohne zu zögern, fährt nicht mehr Auto. Er braucht nun immer länger, um die Benommenheit abzuschütteln, die ihn nach den „Zeitreisen“, wie er die Zustände nun auch manchmal nennt, überkommt. Meistens muss er sich danach kurz hinsetzen oder irgendwo festhalten, denn es fällt ihm immer schwerer, Vision von Wirklichkeit zu unterscheiden.

Eines Tages hat Peggy ihn in die Charité gefahren. Anfangs haben die Ärzte über diesen jungen, muskulösen Mann mit dem Bürstenhaarschnitt, den Handwerkerhänden und den auffälligen Tattoos geschmunzelt, der da stockend und mit gesenktem Blick über Orte und Ereignisse berichtete, die er nicht selbst erlebt haben konnte. Aber nach kurzer Zeit wurden es immer mehr Ärzte, die ihm zuhören wollten. Sie fingen an, länger zuzuhören und mehr Fragen zu stellen.

Seit einer Woche ist er krankgeschrieben. Er kümmert sich um den Haushalt, kauft ein, spielt mit seiner kleinen Tochter. Manchmal, wenn die kleine Gina an ihrem Papa wieder diesen leeren Blick bemerkt, dann legt sie ihr Spielzeug zur Seite, läuft zu ihm hin und legt ihm ihre kleine Hand auf das Knie. Sie sieht ihn dann lange und ernst an, wie es ein kleines Mädchen von vier Jahren eigentlich nicht tun sollte.

Mit langsamen Schritten geht er die Straßen entlang. Er hat sich angewöhnt, den Weg vor sich nach Räumen und Wegstrecken abzusuchen, in denen eine plötzlich auftretende Vision für ihn gefährlich werden könnte: unübersichtliche Straßenübergänge, Hindernisse, Schlaglöcher. Er achtet immer darauf, solche Gefahrenzonen möglichst schnell zu durchqueren, damit ihn die Visionen nur dort überkommen können, wo er für ihre Dauer gefahrlos ein paar Schritte tun oder stehenbleiben kann, ohne sich und andere zu gefährden.

Er biegt in einen Park ein und setzt sich auf eine Bank. Er wendet das Gesicht zur Sonne und schließt die Augen. Die warme Frühlingssonne lässt helle Punkte durch das orangeschwarze Blickfeld tanzen.

Er hat es heute Morgen nicht lange in der Yeshiva ausgehalten. Schon mit den ersten Sonnenstrahlen ist er dort gewesen, wie jeden Morgen, und hat die Schrift studiert. Aber er fühlt sich heute auf unbestimmte Art und Weise unwohl, und es hat ihn nach draußen gezogen, an G'ttes Sonne. Nach zwei Stunden, in denen er sich nur schwer auf das Studium konzentrieren konnte, ist er aufgestanden, hat nach seinem Mantel gegriffen, ihn sich ächzend übergestreift, sich die Kippa auf dem Hinterkopf geradegerückt und sich den schweren Shtreimel aufgesetzt. Auf der Gasse hat ihn das emsige Treiben des Shtetls empfangen: Gleich wehte ihm ein appetitlicher Duft aus der Bäckerei entgegen, vor dem eine lange Schlange um die besten Kringel im Ort ansteht, stolz dreinblickende Frauen mit schwarzen Kopftüchern, um ihre Beine hektisch wogende Wolken rufender, spielender, schnatternder Kinder, schwarzäugig und dunkellockig, oder rothaarig und sommersprossig, mit feinen, ausdrucksstarken Gesichtern, aus denen aber nie eine leichte Hungermelancholie schwindet. Er hat Schimon ben Ari gegrüßt, den Schneider auf der anderen Straßenseite, mit dem er normalerweise ein Schwätzchen zu halten pflegt, aber heute hat es ihn weitergezogen. Er ist weitergegangen bis zu dem kleinen Platz mit dem Brunnen in der Mitte, an dem immer einige Frauen Wasser schöpfen, und hat sich dort auf eine kleine Bank gesetzt.

Die tanzenden Sonnenflecken vor seinem inneren Auge verschmelzen mit seinen wandernden Gedanken, und auf einmal sind es seine Kinder, Enkel und Urenkel, die dort vor ihm in der Sonne tanzen und spielen. Manche von ihnen sind schon vor ihrer Zeit zum HERRN gegangen, aber viele andere hat er auf seinen Knien geschaukelt. Er muss lächeln, und die Freude, die ihn durchströmt, macht die Schmerzen in der Brust etwas erträglicher.

Der kleine Platz mit dem Brunnen liegt schon in kühlem Schatten, als die zwei Jungen sich endlich trauen, sich ihm respektvoll zu nähern, aber da ist der alte Jaakov schon ein wenig steif.

 

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© 2016 by Cornelius Zimmermann

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 13. April, genau hier.

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