Kurzgeschichte: Noahs Bienen (Sabine Frambach)

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FICTION FRIDAY

Noahs Bienen (Sabine Frambach)


Nach Ananke, dem großen Sturm: Das Wetter auf der Erde ist unberechenbar geworden, Flora und Fauna sind aus dem Gleichgewicht geraten. Wie die Zukunft aussehen wird, hängt vom Wohl und Wehe eines winziges Tierchens ab … Sabine Frambachs mit beeindruckender Sorgfalt erzählte Kurzgeschichte »Noahs Bienen« ist in der gerade erschienenen Anthologie Der Schnee von morgen enthalten, die die besten Beiträge aus unserem Climate-Fiction-Wettbewerb versammelt.

 

***

15.12.2046

Es schneit, tatsächlich; Lissas erster Schnee auf Green Delta. Das Jahr vollendet den Klang. Tanzende Flocken auf dem Schirm, so schön, dass Lissa vergisst, ihr Duftwasser zu nutzen. Sie stürmt in die Kälte, reckt die Finger hinauf und fängt einzelne Flocken ein, die auf der Hand zergehen. Kein schneidender Wind, kein prasselnder Regen, keine Nebelwand, nur weiße Flocken, die durch die Luft treiben. Lauthals lacht Lissa dem Himmel entgegen. Sie hat keine Angst, sie kann hier draußen sein wie damals vor Ananke.

 

Wenige Monate zuvor, am 14.02.2046, stand Lissa am Center und betrachtete wie jeden Morgen die Aufnahmen der Oberfläche; die Großplantage Green Delta umfasste knapp dreihundert Hektar. Felder, seitlich vor der Witterung geschützt, von unten genährt, von oben angestrahlt, vom Center überwacht. Lissa prüfte an ihrem Arbeitstag für jede Subfläche die relevanten Daten. An diesem Tag war es anders. Ungeduldig blickte Lissa über die Schirme, achtete nicht auf Abweichungen oder das Frühwarnsystem. Heute sollte es geschehen. Wenn sie sich verrechnet hatte, konnte es nicht funktionieren. 14.02.2046; der Stichtag für das Erwachen.

 

2017 hatte ein Investor Green Delta angelegt, um Pflanzen auf ihre Kultivierung unter den geänderten klimatischen Bedingungen zu testen. 2025, nach den Verwüstungen durch Ananke, waren die Pflanzen die einzigen Lieferanten für intaktes Saatgut geworden. Lissa wusste, dass damals Teile der Bevölkerung ausschließlich durch den Non-Profit-Einsatz von Green Delta überlebt hatten. Die Population war geschrumpft, einerseits durch den Sturm und die Folgeschäden, andererseits weil weniger Kinder geboren wurden. Angesichts der knappen Ressourcen war der Wunsch, Nachwuchs in die Welt zu setzen, deutlich gesunken. Eingewickelt in eine Decke hatte Lissa selber den Sturm als Vierjährige erlebt. Sie hatte gesehen, wie der Himmel sich verdunkelt hatte, tosendes Wasser hatte die Straßen verschluckt, hatte die Bäume seitlich umgeknickt. Als ob eine Riesin namens Ananke mit unsichtbarer Hand diese gepackt und zur Seite gebogen hatte. Ananke, dieser Sturm, der so harmlos begonnen hatte. Niemand hatte geahnt, welche Kraft er in sich trug. Bis das Einkaufszentrum zur Seite gekippt war, einfach so, baumelnde Fleischspieße zwischen schreienden Menschen, trudelnde Autos in der Luft und ein Flugzeug, das durch die Glasfront gesaust war.

Lissa hatte schweigend vor dem Schirm gesessen, dem hechelnden Atem der Welt und dem Weinen ihrer Eltern gelauscht. Als Kind hatte sie nicht ahnen können, welche Folgen Ananke hatte. Die Riesin hatte verwüstet, was ihr zu groß erschienen war, hatte das Meer über das Land ergossen, hatte einige Kraftwerke von der Oberfläche gewischt. Die folgenden Explosionen hatten den Himmel erleuchtet.

Danach war es für lange Zeit dunkel geworden.

 

Einundzwanzig Jahre später stand Lissa auf dem Plateau über Green Delta; was sie nun im Center sah, war längst nicht mehr ausschließlich für die Forschung bestimmt. Lissa blickte auf die Ackerfläche für die Population. Hier konnte sie mithelfen, die Ernährung der Menschen dauerhaft zu sichern.

Lissas Berechnungen für die ersten Blüten trafen zu. Sie konnte ihnen beinahe beim Wachsen zusehen. Krokusse schossen über Nacht hervor, Märzenbecher, Winterlinge, ein Duft nach Erneuerung. Die Sonne erschien, milde Strahlen, die wärmten, statt zu verbrennen. Dieser Frühling sollte wenige Wochen andauern. Lissa blickte auf die Subfläche NI3. Ihr eigener Teil war gelungen; das Frühjahr hatte begonnen. Nun kam es auf Noah an. Es war der Stichtag für das Erwachen.

 

Die Veränderung der Jahreszeiten hatten Forscher bereits seit langer Zeit messen können. Auf der Nordhalbkugel begann der Frühling alle zehn Jahre um zweieinhalb Tage früher. Nach Ananke hatte sich diese Entwicklung nochmals beschleunigt. Lissa hatte in ihrer Abschlussarbeit auch Prognosen aufgestellt. Sie hatte sich darauf beschränkt zu untersuchen, wie Pflanzen das mildere Klima, gepaart mit steigendem Niederschlag, vertragen. Ein Großteil der Frühblüher reagierte auf Sonne und angemessene Temperatur. Pflanzen, die spezialisiert auf Kälte waren, wichen den feuchtigkeitsliebenden Alleskönnern. Kein Bayerischer Enzian, Gletscher-Hahnenfuß oder Moos-Steinbrech mehr, stattdessen Ambrosia artemisiifolia. Auf Green Delta hatten sie die Ambrosiaplage erfolgreich zurückgedrängt. Im Elsass überwucherte Ambrosia bereits die Felder. Auf Lissas Subflächen wuchsen die richtigen Frühblüher. Nur Noahs Wecker musste funktionieren.

 

Kaum hatte Lissa ihre Daten zu den Frühblühern auf den Center geladen, hatte Noah sich gemeldet.

Die Kollegen bei Green Delta nannten Noah den Zeidler, in Erinnerung an die ersten Honigschneider im Mittelalter, die noch auf Bäume geklettert waren, um an den süßen Stoff zu kommen. Noah selber erinnerte Lissa gelegentlich an eine Biene. Sein Körper war rundlich, die Haare blond und mit einem schwarzen Band ungekämmt zusammengeknotet. Er nutzte keinerlei Geruchsblocker, kein Duftwasser und keine Aura. Noah blieb er selbst, wohin er auch ging. Keine einzige Biene hatte ihn je gestochen; Noah war überzeugt, dass sie durch Geruchsveränderungen oder eine täuschende Aura gestört werden und angreifen. Auf Green Delta war Noah die einzige Person mit Eigengeruch. Tatsächlich ließen ihn auch die anderen Insekten in Ruhe. Während die Kollegen von Ameisen gebissen, von Mücken geplagt, von Hummeln gestochen wurden, Noah blieb verschont. Lissa überlegte immer wieder, es ihm gleich zu tun, um schließlich doch nach dem Duftwasser zu greifen. Nun hat sie darauf verzichtet. Sie kann sich selber riechen, mitten im Schnee, unangenehm säuerlich wie Kohlsuppe.

 

Lissa verwunderte Noahs Interesse an ihrer Arbeit. Er stellte hundert Fragen, während er ständig in Bewegung blieb, von einem Bein auf das andere trat, lächelte, die Haare zurück stopfte und sich über die knollige Nase strich. Ganz genau wollte er die Namen der Blumen und den Beginn der Frühlingsblüte wissen. Noch erstaunter war Lissa, als sie erfuhr, dass Noah seine letzten Völker der apis mellifera verloren hatte. Als sie dies bedauerte, wischte er seine Hände an dem Kittel ab und lachte. »Ich habe damit gerechnet. Es ist traurig, ein Honigbrot ist plötzlich ein kostbarer Leckerbissen. Aber der Verlust ist zu verschmerzen. Ich kümmere mich um die Wildbienen. Tolle Bestäuber.«

Lissa runzelte die Stirn. »Hat Einstein nicht gesagt, wenn die Biene verschwindet, verschwindet nach vier Jahren auch der Mensch?«

»Lissa, es gibt viele Bienen. Die wilden Arten sind wichtiger als die hochgezüchtete Honigbiene. Wilder und schöner. Apis mellifera gilt bereits seit fünf Jahren als nahezu ausgelöscht, uns gibt es immer noch. Menschen sind Ungeziefer, und Ungeziefer überlebt. Außerdem hat Einstein diesen Satz nie gesagt.«

Noah zeigte Lissa kurz darauf die wilden Bienen. Staunend lauschte Lissa Noahs Worten, während sie ihm am Insektenrand folgte. An den Wänden unter einer Kuppel hingen vielfache Häuschen, wie für Vögel im Winter, doch mit winzigen Löchern, außerdem Behälter mit Erdgemisch, Sand, Lehm, Stroh, Steine. »Jede Biene sucht sich ihren Platz«, erklärte Noah. Am erhöht angelegten Blühstreifen krabbelten, surrten, saugten sie: Noahs Bienen. Lissa sah winzige Exemplare der Wollbienen, riesige Hummeln, blau schimmernde Sandbienen, eine fast schwarze Düsterbiene, rostrote Bienen. Noahs Lieblinge darunter waren die Mauerbienen: einsam lebende Bienen, solitäre Arten, die keinen Honig produzieren, aber wesentlich effektiver als die apis mellifera bestäuben.

 

Kurz danach berief Noah einen Diskurs ein. Er meldete an, dass ein gravierendes Problem auf Delta Green zukam.

Am Diskurs wirkte er ernst, sein weiches Gesicht härter als gewohnt.

Ohne Umschweife setzte er an. »Die Pflanzen haben sich auf den früher einsetzenden Frühling eingestellt. Ihre Anpassungsfähigkeit ist erstaunlich. Wen wundert es, selbst in der Wüste wachsen Pflanzen. Im letzten Frühjahr kamen Krokusse, Märzenbecher, Winterlinge. Sie blühten kurz, aber sie blühten. Nur die Bienen verschliefen diesen Frühling.«

Lissa schmunzelte, als Noah dies sagte; sie stellte sich vor, wie eine Biene im Bett liegt und friedlich schläft, sie überhört den Wecker und dreht sich auf die andere Seite. Das Lachen verging Lissa schnell, während sie Noahs weiteren Erklärungen lauschte.

»Dieses Verschlafen hat gravierende Folgen. Sie verpassen die ersten Blüten; vom Winter geschwächt sind sie dringend auf Nahrung angewiesen. Sie verhungern, selbst wenn sie wenige Tage zu spät sind.

Ich habe die Auswirkungen dokumentiert. Einige Bienen haben offenbar als Reaktion auf den Mangel die Population umgestellt. Weniger Nachkommen oder mehr männliche Nachkommen, die weniger verbrauchen. Auf Dauer bedeuten mehr Männer das Ende der Spezies. Ich weiß, wovon ich spreche, ich bin selber ein Mann.«

Gelächter erklang, doch nur kurz; Noah selber lachte nicht. Er wartete kurz, ehe er fortfuhr.

»Die Bienen, die überlebt haben, sind durch den Mangel weniger widerstandsfähig und schwächer. Ich habe einige durch Krankheit verloren.

Eine weitere interessante Strategie der Bienen ist, dass sie ihre Population auf viele Nester verteilen; vermutlich, weil der Verlust eines Nestes verschmerzbar ist, wenn es drei weitere Nester gibt. Durch diese Vorgehensweise setzen sie die einzelnen Nester jedoch vermehrt Schädlingen aus. Ich habe Schwierigkeiten, alle aufzuspüren und zu behandeln. Durch den milden Winter sind ohnehin die Milben auf dem Vormarsch.«

»Warum werden die Bienen nicht wach?«, fragte Ekim. »Apis mellifera ist früher erwacht.«

Noah nickte. »Apis mellifera überwinterte als Traube eng aneinandergedrückt im Stock. Sie spürten, wenn die Außentemperatur stieg. Teilweise flogen auch sie zu früh aus und kamen mit dem erneuten Frost nicht zurecht. Aber sie waren viele; es war nicht schlimm, wenn ein Teil den Winter nicht überlebte. Die Solitärbienen reagieren vorsichtiger auf die Temperatur. Sie haben kein Kollektiv, um sich zu schützen. Offenbar besitzen sie eine innere Uhr, nach der sie den Frühling beginnen. Ich gehe davon aus, dass sie auf verschiedene Faktoren wie Wärme, Temperatur, vielleicht auch Geruch, reagieren. Möglicherweise funktioniert ihre innere Uhr ganz anders. Sicher bin ich mir nicht. In Versuchen hat die innere Uhr auch auf bestimmte Düngestoffe reagiert und die Bienen aus dem Tritt gebracht.«

»Müsste die innere Uhr sich nicht im Laufe der Evolution an den Klimawandel anpassen?«

Noah sah aus, als ob er einer anderen Stimme lauschte; es dauerte, bis er antwortete. »Wenn wir von einem natürlichen Wandel ausgehen, ist das richtig. Das Leben bleibt nicht gleich. Temperaturschwankungen gab es immer, und die Natur kam mit ihnen zurecht. Aber die hausgemachte viel zu schnelle Veränderung vertragen meine Bienen nicht. Sie sind offenbar Gewohnheitstiere.«

Eine Weile schwiegen alle; sie wussten, was ein erneuter Verlust bedeutete. Diese wilden Bienen sicherten bei Delta Green die Bestäubung. Ohne diese wäre der Ertrag bis zu achtzig Prozent geringer. Ein Ausbleiben der Bestäubung verschlechterte die Erde auf Dauer. Kein Fallobst, kein Vergehen, keine Nährstoffe. Jana und ihrem Team war es gelungen, einen künstlichen Nährboden zu entwickeln. Kartoffeln und Bohnen wuchsen bereits. Doch selbst Jana mochte den Geschmack dieser Produkte nicht. Sie erinnerten an grüne Bananen, die Konsistenz an Quark. Eingekocht als Suppe war es erträglich. Die Menschheit hungerte noch nicht. Bald sollte sie hungern. Lissa wusste, Menschen, die hungern, werden krank, grimmig, aggressiv. Nach Ananke hatten in den Städten Banden gewütet, die Läden geplündert und sich um Konserven geschlagen. Green Delta sollte verhindern, dass die Population erneut Hunger litt.

Lissa glaubte, ein Summen zu hören, eine Biene, die weit entfernt durch die Luft trudelte. Sie wollte nichts Dummes sagen. Mit Bienen kannte sie sich nicht aus, sie war die jüngste Mitarbeiterin im Team. Nur um die Stille zu unterbrechen, murmelte sie: »Ohne Wecker würde ich auch verschlafen.«

In der folgenden Stunde wurden verschiedene Ideen besprochen: Die Bienen mit künstlichem Futter versorgen, das Blumenwachstum so steuern, dass es zum Rhythmus der Bienen passte. Nieves, die älteste Bioingenieurin, schlug nach einem Blick auf Lissa vor: »Was haltet ihr von einem Wecker für die Bienen? Das würde eine dauerhafte Lösung bieten, weil wir den Wecker passend zu den aktuellen Gegebenheiten anstellen können.«

»Ein Wecker?« Noah dachte darüber nach. »Bevor wir versuchen, die Pflanzen in großem Maß künstlich verzögert blühen zu lassen, ist es einfacher, die Bienen künstlich aufzuwecken. Leider weiß ich nicht, was genau sie aufweckt. Wir können sie gezielter in einen Kälteschlaf versetzen, um den Winter vorzutäuschen, und es zum richtigen Zeitpunkt mit einem Gemisch aus Wärme, Aromen und Licht versuchen. Und hoffen, dass dies ihren Schlaf beendet.«

Lissa bekam die Aufgabe, diesen richtigen Zeitpunkt zu errechnen. Ihre erste Schätzung für den Frühlingsanfang belief sich auf den 20.02.2046.

Noah hatte gesagt, dass wenige Tage ohne Nahrung die Bienen deutlich schwächen konnten. Je genauer Lissas Vorhersage, desto sicherer. Mitten im Winter speiste sie Temperatur, Windstärke, Luftdruck und Feuchtigkeit in das Programm ein. Lissas Prognose hatte bislang nahezu bei hundert Prozent gelegen. Allerdings wich ihre Endprognose von der des Programms leicht ab. Nieves hatte sie gefragt, wie sie diese Abweichung errechnete. Lissa hatte nur zögerlich geantwortet. »Bitte lach mich nicht aus, aber ein Computer rechnet mit Zahlen, Daten, Fakten. Das Wetter ist chaotisch. Ich habe Ananke zugeschaut, wie sie den halben Kontinent verwüstet hat. Es genügt nicht, die Daten zu kennen. Der chaotische Faktor gehört dazu. Aus diesem Grund sind rein technische Voraussagen stets falsch. Sie nähern sich höchstens an.«

»Und wie kommt deine Prognose zustande?«

Die Frage war unangenehm, ihre Antwort noch unangenehmer, aber Nieves war bislang sehr freundlich gewesen; lügen wollte Lissa nicht. Sie fasste in ihren Brustsack, holte einen kleinen Gegenstand hervor und hielt ihn Nieves unter die Nase.

»Ein Würfel? Du würfelst das Ergebnis?«

»Ich gehe hinaus, atme die Luft und fühle das Wetter, den Sturm, den Wind, die Feuchtigkeit. Nach Gefühl entscheide ich, in welche Richtung ich die Prognose des Programms korrigiere. Nach oben oder nach unten. Danach würfle ich und addiere oder subtrahiere die Zahl. Das mache ich seit drei Jahren und erreiche fast hundert Prozent.«

Nieves lachte. »Wunderbar; du errechnest das Chaos mit einem chaotischen System.«

Lissa war nicht nach Lachen zumute. »Bisher hat es funktioniert. Aber jetzt habe ich Angst, falsch zu liegen. Noah sagte, dass wenige Tage entscheidend sein können. Es ist wie der Kuss des Prinzen. Schneewittchen schlief, bis der Prinz sie küsste. Wenn er sie nicht geküsst hätte, hätte sie ewig in diesem Sarg gelegen.«

»Noahs Bienen warten nur darauf, dass dein Würfel und du sie aufwecken«, meinte Nieves und klopfte Lissa auf die Schulter. »Keine Angst; wir haben, wenn etwas schief läuft, immer noch Kunstfutter parat.«

Und Lissa würfelte.

 

14.02.2046; wie von Zauberhand schossen Krokusse hervor, Märzenbecher durchdrangen den Erdboden, Winterlinge trotzten der Kälte. Frühling. Die Sonne war zu sehen, milde Strahlen wärmten die Erde. Noah hatte die Population der Mauerbienen in spezielle Winterquartiere umgesiedelt. Dafür hatte er Röhren mit einem Gemisch aus Lehm und Sand gefüllt. Rechtzeitig vor dem Winter hatte er die Deckel geöffnet, die Kokons vorsichtig aus dem Sand hervorgeholt und gewaschen, auf Milben untersucht und sortiert. Die gesunden Kokons waren getrocknet und in einen künstlichen Kälteschlaf gelegt worden. Im Einklang zu Lissas Berechnung hatte er mit dem Erwecken begonnen. Strahler für die Sonne, Ofen für die Temperatur und Luft, angereichert mit Blumenduft.

 

Lissa hielt nichts im Center; sie eilte über die Plantage, betrat den Insektenrand und fand Noah dort. Es war das erste Mal, dass Noah einfach nur stand, kein Trippeln auf der Stelle, keine hektischen Bewegungen. Lissa trat neben ihn und berührte seine Schulter. So nah war sie ihm, dass sie seinen Geruch in der Nase spürte, süß und salzig zugleich. Sie hätte gerne etwas gesagt, aber ihr fielen keine Worte ein außer leere Phrasen. So blieb sie still und starrte auf die Röhren, die Noah kontrolliert beduftet, gewärmt und belichtet hatte. Fast ertrug sie es nicht, das Warten, wippte mit den Füßen, knetete die Finger. Sie konnte eine Bewegung erkennen, oberhalb der Röhren: ein Kriechen, ein Krabbeln. Plötzlich ertönte es, das Schwirren, Surren, Singen. Einzelne Bienen krochen aus den Röhren, eroberten die Luft, bildeten einen Schwarm. Wie eine Wolke kamen die Bienen auf sie zu. Lissa wagte keine Bewegung, während die Bienen über ihr, neben ihr, bei ihr summten. »Es ist gelungen, Noah, sie sind wach!«, flüsterte sie. Seine Finger berührten ihre Hand, ein leichter Händedruck, nicht mehr als ein Flattern, während die Bienen auf den Blüten landeten. Sie flogen, krochen, krabbelten, lebten.

 

Am 20. Oktober verließ Noah Green Delta. In vergangener Zeit war dies der Stichtag für den Laubfall der Bäume. In diesem Jahr hatten die Bäume ihr Laub bereits Ende September verloren. In den letzten Jahren war das Datum nach vorne oder hinten geschnellt, sodass Lissa manchmal glaubte, nicht nur sie habe einen Würfel in der Hand. Noah sollte für den nächsten Winter nach Eschweiler gehen, um dort auf der Forschungsstation die Bestäubung zu sichern. In Eschweiler arbeiteten weniger als hundert Personen; seit Anankes Verwüstung und dem heißen Sommer waren die Städte nahezu verlassen. Die Menschen lebten in kleineren Gruppen, um das Risiko einer Epidemie zu minimieren. In den Großstädten war die Hitze ohnehin nicht mehr zu ertragen. Lissa war vor nicht allzu langer Zeit durch Kassel gefahren. Kochender Asphalt, zersplitterte Scheiben, geborstene Häuser, die sich demütig zur Erde geneigt hatten. Vereinzelte Gestalten vegetierten dort, versteckten sich im Untergrund vor der Sonne und aßen die Reste der Zivilisation. Sie hatten entschieden, in der sterbenden Stadt zu bleiben. Jeder sucht sich seinen Platz, dachte Lissa. Die Stadt zerfloss mitsamt den Menschen in grauen Tönen. Hier auf Green Delta leuchteten die Blätter; der Herbst stürmte über die Felder.

Noah fuhr mit einer Ladung Kokons, die sie zurückgehalten hatten. Eine Kühlbox hielt die Bienen in ihrem ewigen Winterschlaf. Lissa war genau instruiert, wie sie im Winter mit den Kokons verfahren sollte.

»Glaubst du, es gelingt mir, Noah? Es sind deine Bienen.« Er berührte sie, flüchtig und zart, strich mit der Hand über ihren Kopf und stupste ihre Nase. »Lissa, du hast geholfen, sie aufzuwecken. Nun sind es auch deine.«

 

Es schneit. Lissa kennt nur milde Winter, in denen es feuchtkalt wurde. Doch an diesem Tag ist die Luft trocken, die Temperatur sinkt, und es fällt ein wenig Schnee. Lissa hat vergessen, wie schön es war, die weiße Kälte, die alles bedeckt. Zitternd und strahlend zugleich läuft sie an den Feldern vorüber, wirbelt mit den Schuhen den dünnen Schnee auf, spreizt die Hände, um die Flocken direkt auf der Haut zu spüren. Fast glaubt sie, wieder vier zu sein, auf einem Schlitten zu sitzen und durch den Wald zu sausen. Einige Flocken hängen in ihren Wimpern; Lissa wischt sie fort. Blinzelnd betrachtet sie die weiße Fläche. Da liegt etwas im Schnee; langsam kniet Lissa nieder, streckt die Hand aus, einen Finger, schon ahnt sie es: eine einzelne Biene. Vorsichtig hebt Lissa sie auf. Ganz steif wirkt die Biene, kalt ruht der Körper in Lissas Hand. Schwarzer Kopf und Thorax, orangerotes Abdomen einschließlich Bauchbürste, etwa zwölf Millimeter; Osmia cornuta, weiblich. Hinter Lissa, erst leise, dann zwingender, ertönt ein lautes Summen. Ganz langsam steht Lissa auf und dreht sich um. Sie tanzen, schwirren, summen, fallen; Noahs Bienen sind wieder erwacht.

 

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© 2018 by Sabine Frambach. Erschienen in: Weber-Gehrke, Peggy (Hrsg.): Der Schnee von morgen. Verlag für Moderne Phantastik 2018

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Autorin Sabine Frambach

 

Sabine Frambach, geboren 1975 in Neuss. Studien der Sozialpädagogik in Nijmegen und der Erwachsenenbildung in Kaiserslautern. Die Autorin lebt in Mönchengladbach und pendelt zur Arbeit nach Wuppertal. Auf der Fahrt entstehen ihre Kurzgeschichten und Texte, von denen einige bereits prämiert wurden. Privat engagiert sie sich für den Schutz der Wildbienen.

www.kein-weg.de

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