H. P . Lovecraft - Die namenlose Stadt

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FICTION FRIDAY

Die namenlose Stadt (H. P. Lovecraft)


Als ich in der grässlichen Stille endlosen Schlafes auf sie stieß, sah sie mich an, fröstelnd unter den Strahlen eines kalten Mondes inmitten der Wüstenhitze. Doch welch fremdartiges Volk wohnte in der Tiefe unter jenen zyklopischen Ruinen?

Parallel zur kommentierten Prachtausgabe »H. P. Lovecraft. Das Werk« veröffentlichen wir auf TOR ONLINE zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. In »Die namenlose Stadt« skizziert Lovecraft erstmals Teile jener Mythologie um eine ältere Rasse, die er später detaillierter ausarbeitet, und auch das verbotene Buch »Necronomicon« gehört – ohne dass sein Titel genannt würde – zu den zentralen Elementen dieser wahrhaft schaurigen Geschichte.

 

***

Als ich mich der namenlosen Stadt näherte, wusste ich, dass sie verflucht war. Ich durchquerte im Mondlicht ein ausgedörrtes und schauderhaftes Tal, und in der Ferne sah ich sie unheimlich aus dem Sand aufragen, so wie die Glieder eines Leichnams aus einem schlecht angelegten Grab aufragen mögen. Furcht sprach aus den von der Zeit gezeichneten Steinen dieser altersgrauen Überlebenden der Sintflut, dieser Urgroßmutter der ältesten Pyramide, und eine ungreifbare Aura stieß mich zurück und gebot mir, mich von uralten und dunklen Geheimnissen fernzuhalten, die kein Mensch erblicken durfte und die bislang kein Mensch zu erblicken gewagt hatte.

Tief in der Wüste Arabiens liegt die namenlose Stadt in schweigendem Zerfall, ihre niedrigen Mauern nahezu verschüttet unter dem Sand ungezählter Jahre. Schon bevor die Fundamente von Memphis gelegt wurden und als die Ziegel von Babylon noch nicht gebrannt waren, muss sie so dagelegen haben. Keine Legende ist alt genug, ihr einen Namen zu geben oder sich daran zu erinnern, dass sie je lebendig gewesen wäre, doch an den Lagerfeuern erzählt man sich flüsternd von ihr, und die alten Frauen in den Zelten der Scheichs munkeln über sie, so dass alle Stämme sie meiden, ohne genau zu wissen, warum. Von ihr träumte der verrückte Dichter Abdul Alhazred in jener Nacht, als er die unerklärlichen Verse sang:

 

Das ist nicht tot, was durch Äonen liegt,

Und einst wird selbst der Tod vom Tod besiegt

 

Ich hätte wissen müssen, dass die Araber gute Gründe hatten, die namenlose Stadt zu meiden, jene Stadt, von der in merkwürdigen Legenden berichtet wird, ohne dass je ein lebendiger Mensch sie gesehen hätte. Doch ich hörte nicht auf sie und zog mit meinem Kamel hinaus in die Ödnis, die vor mir kein Fuß betreten hatte. Ich allein habe sie gesehen, und das ist der Grund, warum kein anderes menschliches Gesicht von so entsetzlicher Angst zerfurcht ist wie das meine, warum niemand anders von so furchtbaren Schaudern erfasst wird, wenn der Nachtwind an den Fenstern rüttelt. Als ich in der grässlichen Stille endlosen Schlafes auf sie stieß, sah sie mich an, fröstelnd unter den Strahlen eines kalten Mondes inmitten der Wüstenhitze. Und als ich ihren Blick erwiderte, vergaß ich meinen Triumph darüber, dass ich sie gefunden hatte, und ließ mein Kamel anhalten, um auf die Morgendämmerung zu warten.

Stunde um Stunde wartete ich, bis sich im Osten ein grauer Streifen zeigte und die Sterne verblassten und das Grau sich in ein rosenfarbenes Licht verwandelte, das mit Gold gesäumt war. Ich vernahm ein Stöhnen und sah, wie zwischen den uralten Steinen eine Windhose den Sand aufwirbelte, obwohl der Himmel klar war und die Weiten der Wüste reglos dalagen. Dann ging mit einem Mal über dem äußersten Horizont der Wüste der gleißende Rand der Sonne auf, den ich durch den winzigen Sandsturm hindurch erblickte, der allmählich abflaute, und in meinem fiebrigen Zustand vermeinte ich, aus einer weit entfernten Tiefe das musikalische Aufeinanderschlagen von Metall zu vernehmen, das die feurige Scheibe begrüßte, so wie Memnon sie an den Ufern des Nils begrüßt. Meine Ohren klangen und meine Phantasie brodelte, während ich mein Kamel langsam über den Sand zu jenem stimmlosen Ort aus Stein führte, jenem Ort, der so alt war, dass selbst Ägypten und Meroë sich nicht an ihn erinnerten, jenem Ort, den unter den Lebenden allein ich gesehen habe.

Kreuz und quer streifte ich zwischen den unförmigen Fundamenten von Häusern und Palästen dahin, ohne irgendwo eine Bildhauerarbeit oder Inschrift zu finden, die von jenen Menschen zeugte – wenn es denn Menschen gewesen waren –, welche die Stadt erbaut und so lange bewohnt hatten. Das Alter des Ortes wirkte unheilvoll, und ich sehnte mich danach, auf irgendeinen Hinweis oder einen Gegenstand zu stoßen, die bewiesen hätten, dass die Stadt tatsächlich von Menschenhand erbaut worden war.Die Ruinen hatten gewisse Proportionen und Maße, die mir nicht gefielen. Ich hatte viel Werkzeug mitgebracht und grub ausgiebig in den Mauern der verschwundenen Gebäude, aber ich kam nur langsam voran und stieß auf nichts, was mir bedeutsam erschienen wäre. Als die Nacht und der Mond wiederkehrten, verspürte ich einen kühlen Wind, der neue Angst mit sich brachte, und ich wagte nicht, in der Stadt zu bleiben. Während ich die uralten Mauern verließ, um zu schlafen, sammelte sich hinter mir seufzend ein kleiner Sandsturm und fegte über die grauen Steine, obwohl der Mond klar am Himmel stand und der größte Teil der Wüste ruhig dalag. Ich erwachte genau bei Morgengrauen aus einer Folge entsetzlicher Träume, und meine Ohren klangen wie von einem metallischen Dröhnen. Ich sah, wie die Sonne rötlich hinter den letzten Böen eines kleinen Sandsturms aufging, der über der namenlosen Stadt in der Luft stand und die Stille der übrigen Landschaft noch stärker hervortreten ließ. Und ein weiteres Mal wagte ich mich zwischen die brütenden Ruinen, die sich unter dem Sand erhoben wie ein monströser Riese unter seinen Laken, und ein weiteres Mal grub ich vergeblich nach Überresten des vergessenen Volkes. Gegen Mittag ruhte ich aus, und am Nachmittag verbrachte ich viel Zeit damit, die Mauern und Straßen und die Umrisse der fast verschwundenen Gebäude zu vermessen. Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat gewaltig gewesen war, und fragte mich, wie sie zu dieser Größe hatte gelangen können. All die Herrlichkeiten eines Zeitalters stellte ich mir vor, das so weit zurücklag, dass Chaldäa davon nichts mehr wusste, und dachte an Sarnath die Verdammte, die im Lande Mnar stand, als die Menschheit jung war, und an Ib, das aus grauem Stein gehauen wurde, bevor es die Menschheit gab.

Unvermutet stieß ich auf eine Stelle, wo das Grundgestein nackt aus dem Sand aufragte und eine niedrige Felswand bildete, und bemerkte freudig, dass die Felswand weitere Spuren des vorzeitlichen Volkes verhieß. In dem Stein zeichneten sich unverkennbar die roh behauenen Fassaden mehrerer kleiner, gedrungener Häuser oder Tempel ab, deren Inneres vielleicht die Geheimnisse von Epochen bewahrte, die zu weit zurücklagen, um von irgendeiner Zeitrechnung erfasst zu werden, wenn auch die Sandstürme schon vor langer Zeit alle Spuren menschlicher Bildwerke ausradiert hatten, die vielleicht einst die Fassaden schmückten.

Die Zugänge in meiner Nähe waren alle sehr niedrig und vom Sand verweht, doch legte ich einen davon mit meinem Spaten frei und kroch hindurch, wobei ich eine Fackel trug, um die Geheimnisse zu enthüllen, die sich dahinter verbergen mochten. Im Inneren bestätigte sich, dass die Höhle in der Tat ein Tempel war und deutliche Spuren des Volkes aufwies, das hier gelebt und seine Götter angebetet hatte, bevor die Wüste eine Wüste gewesen war. Ich stieß auf primitive Altäre, Säulen und Nischen, die alle merkwürdig niedrig waren, und obwohl ich keine Skulpturen oder Wandmalereien entdeckte, gab es zahlreiche auffällige Steine, denen man offenbar künstlich symbolische Formen verliehen hatte. Befremdlicherweise war der aus dem Stein gehauene Raum so niedrig, dass ich gerade aufrecht darin knien konnte. Allerdings war er zugleich so weitläufig, dass meine Fackel immer nur einen Teil auf einmal erhellte. In einigen der hinteren Ecken ergriff mich ein seltsamer Schauder, denn gewisse Altäre und Steine deuteten auf vergessene Riten schrecklicher, abscheulicher und unerklärlicher Art hin, und ich fragte mich, was für Menschen einen solchen Tempel erbaut und besucht haben mochten. Nachdem ich mir alles angesehen hatte, was der Raum enthielt, kroch ich wieder hinaus ins Freie, begierig herauszufinden, was die anderen Tempel hergeben würden.

Der Tag neigte sich seinem Ende zu, doch was ich gesehen hatte ließ die Neugier meine Furcht überwinden, so dass ich nicht vor den langen Schatten floh, die der Mond warf und die mich hatten zurückweichen lassen, als ich zum ersten Mal die namenlose Stadt erblickte. In der Abenddämmerung legte ich eine weitere Öffnung frei und kroch mit einer frischen Fackel hinein, wobei ich auf weitere Steine und Symbole stieß, die ihre Bedeutung jedoch ebenso wenig preisgaben wie die, die ich in dem anderen Tempel entdeckt hatte. Der Raum war genauso niedrig, jedoch deutlich weniger weitläufig und endete in einem äußerst schmalen Durchgang, in dem dichtgedrängt eine Menge rätselhafter Schreine standen. Ich war gerade dabei, diese Schreine näher in Augenschein zu nehmen, als das Rauschen des Winds und das Schnauben meines Kamels draußen die Stille durchbrachen und mich wegriefen, um nachzusehen, wovor sich das Tier erschreckt haben mochte.

Der Mond glitzerte hell über den urzeitlichen Ruinen, und sein Licht fiel auf eine dichte Sandwolke, die von einem starken, aber abnehmenden Wind vor sich hergetrieben wurde, der offenbar von irgendeinem Punkt in der Felswand ausging, vor der ich stand. Ich wusste, dass es dieser frostige, sandige Wind gewesen war, der das Kamel aufgeschreckt hatte, und wollte es gerade zu einem besser geschützten Platz führen, als ich zufällig nach oben blickte und bemerkte, dass es oben auf dem Kamm der Felswand vollkommen windstill war. Das erstaunte mich und weckte erneut die Angst in mir, doch sogleich erinnerte ich mich an die plötzlichen, örtlich begrenzten Windhosen, die ich bei Sonnenauf- und -untergang gesehen und gehört hatte, und kam zu dem Schluss, dass es sich um ein natürliches Phänomen handelte. Ich vermutete, dass der Wind aus irgendeiner Felsspalte kam, die zu einer Höhle führte, und beobachtete den aufgewirbelten Sand, um ihn zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. Rasch erkannte ich, dass er aus dem schwarzen Schlund eines Tempels hervorbrach, der sich in einiger Entfernung südlich von mir, gerade noch in Sichtweite erhob. Durch die erstickende Sandwolke stapfte ich auf den Tempel zu, der, als ich mich ihm näherte, höher als die anderen vor mir aufragte und dessen Eingang weit weniger von verbackenem Sand blockiert war als die Zugänge der anderen Gebäude. Ich wollte eintreten, doch die enorme Kraft des eisigen Windes löschte beinahe meine Fackel. Er wehte wie irrsinnig aus dem dunklen Eingang hervor und seufzte gespenstisch, wenn er den Sand aufwirbelte und um die unheimlichen Ruinen fuhr. Bald jedoch wurde er schwächer, und die Bewegung des Sandes verebbte, bis schließlich alles still dalag. Aber irgendetwas Ungreifbares schien noch immer zwischen den geisterhaften Steinen der Stadt zu lauern, und als ich zum Mond aufblickte, zitterte er so, als ob er sich in unruhigem Wasser spiegeln würde. Eine unerklärliche Furcht hielt mich gepackt, doch war sie nicht stark genug, um meinen Durst nach dem Wunderbaren zum Erlöschen zu bringen, und sobald der Wind sich gelegt hatte, betrat ich das dunkle Gemach, aus dem er gekommen war.

Wie ich schon von außen vermutet hatte, war der Tempel größer als die, die ich zuvor besucht hatte. Vermutlich handelte es sich um eine natürliche Höhle, da die Winde, die aus seinem Eingang hervorbrachen, aus einer tiefer gelegenen Region stammen mussten. Hier konnte ich einigermaßen aufrecht stehen, doch bemerkte ich, dass die Steine und Altäre genauso niedrig waren wie in den anderen Tempeln. An Wänden und Decke gewahrte ich zum ersten Mal Spuren der Bildkunst des uralten Volkes, merkwürdige wellenförmige farbige Streifen, die jedoch fast vollständig verblasst oder verwittert waren. Und an zweien der Altäre bemerkte ich mit wachsender Erregung ein Gewirr von sorgfältig gearbeiteten kurvenförmigen Einritzungen. Als ich meine Fackel nach oben hielt, schien es mir, als wäre die Decke zu regelmäßig geformt, um natürlichen Ursprungs zu sein, und ich fragte mich, woran die vorgeschichtlichen Steinmetze zuerst gearbeitet hatten. Ihre technischen Fähigkeiten mussten enorm gewesen sein.

Dann enthüllte mir ein helleres Aufflackern der unwirklichen Flamme das, wonach ich gesucht hatte: den Zugang zu jenen tieferen Regionen, aus denen der plötzliche Wind heraufgeweht war, und mir wurde bang ums Herz, als ich sah, dass es sich um eine kleine und offensichtlich künstlich angelegte Öffnung handelte, die man in den massiven Fels geschlagen hatte. Ich leuchtete mit meiner Fackel hinein und gewahrte einen schwarzen Tunnel, dessen Decke sich niedrig über einer roh aus dem Stein gehauenen Treppe mit zahlreichen sehr kleinen und steil abfallenden Stufen wölbte. Ich werde diese Stufen für immer in meinen Träumen sehen, denn heute weiß ich, warum sie so sonderbar beschaffen waren. In jenem Moment schwankte ich jedoch, ob ich sie tatsächlich als Stufen oder als bloße Tritte in einem jähen Abstieg bezeichnen sollte. In meinem Kopf wirbelten verrückte Gedanken umher, und die Worte und Warnungen der arabischen Propheten schienen durch die Wüste zu mir zu dringen, aus den Ländern, die den Menschen bekannt sind, in die namenlose Stadt, die niemand zu kennen wagt. Doch zögerte ich nur einen Augenblick lang, bevor ich durch das Portal trat und vorsichtig begann, in den steilen Tunnel hinunterzuklettern, mit den Füßen voran wie auf einer Leiter.

Nur in den schrecklichen Wahngebilden des Drogenrauschs oder des Deliriums hat jemals irgendjemand einen Abstieg wie den meinen erlebt. Der niedrige Tunnel führte unendlich lange abwärts, wie ein abscheulicher verwunschener Brunnenschacht, und die Fackel, die ich über meinen Kopf hielt, vermochte nicht die unbekannten Tiefen zu erhellen, in die ich kriechend vordrang. Ich verlor jedes Zeitgefühl und vergaß, auf meine Uhr zu sehen, obwohl Furcht in mir aufstieg, wenn ich an die Entfernung dachte, die ich bereits zurückgelegt haben musste. Richtung und Gefälle des Abstiegs änderten sich mehrfach, und irgendwann stieß ich auf einen langen, niedrigen und ebenen Abschnitt des Tunnels, auf dem ich mich mit den Füßen voran im Liegen über den felsigen Boden winden musste, wobei ich die Fackel um Armeslänge über meinem Kopf hielt. Die Wände waren hier nicht einmal hoch genug, um sich auf Knien fortzubewegen. Danach folgten mehr von den steilen Stufen, und ich bewegte mich immer noch nach unten, ohne dass ein Ende abzusehen war, als meine Fackel schwächer wurde und schließlich ganz erlosch. Ich bemerkte es in jenem Moment wohl gar nicht, denn als ich darauf aufmerksam wurde, hielt ich sie immer noch hoch über meinem Kopf ausgestreckt, so als ob sie noch brannte. Jener Instinkt für das Seltsame und Unbekannte, der mich zu einem Wanderer auf Erden und einem Sucher nach entfernten, uralten und verbotenen Orten gemacht hat, hatte von mir Besitz ergriffen.

In der Finsternis zogen vor meinem geistigen Auge Bruchstücke jener dämonischen Legenden vorbei, die ich in so hohen Ehren halte, Sätze von Alhazred, dem verrückten Araber, Abschnitte aus den apokryphen Albträumen des Damaskios und berüchtigte Zeilen aus dem irrwitzigen Image du Monde des Gauthier de Metz. Ich wiederholte mir merkwürdige Stellen aus diesen Schriften und murmelte etwas von Afrasiab und den Dämonen, die mit ihm den Oxus hinabtrieben. Später skandierte ich wieder und wieder einen Satz aus einer der Geschichten Lord Dunsanys: »die lichtlose Schwärze des Abgrunds«. An einer Stelle, an welcher der Abstieg atemberaubend steil wurde, sagte ich mir in einer Art Singsang etwas aus einem Gedicht von Thomas Moore vor, bis ich Angst vor dem bekam, was ich mir da vorsagte:

 

Ein schwarzer Quell der Dunkelheit,

Ein Hexenkessel angefüllt

Mit Trank bei Neumond destilliert

Lag unter mir, so weit das Auge reicht,

Als ich erforschte, ob ein Fuß

Durch diese Kluft passieren kann.

Pechschwarz die Seiten, glatt wie Glas,

Als sei’n versiegelt sie mit jenem Teer,

Welchen das Tote Meer an seine Ufer spült.

 

Die Zeit hatte beinahe aufgehört zu existieren, als meine Füße wieder auf ebenen Boden stießen, und ich fand mich an einem Ort wieder, dessen Decke ein wenig höher war als die der Räume in den beiden kleineren Tempeln, die nun so unermesslich weit über mir lagen. Ich konnte zwar nicht ganz aufrecht stehen, doch mich zumindest auf die Knie erheben, und so rutschte und kroch ich in der Dunkelheit aufs Geratewohl hin und her. Mir wurde rasch klar, dass ich mich in einem niedrigen Korridor befand, an dessen Wänden hölzerne Kisten mit Vorderseiten aus Glas aufgereiht standen. Als ich an diesem paläozoischen Ort im tiefsten Erdinneren poliertes Holz und Glas ertastete, erschauderte ich angesichts dessen, was sich damit andeutete. Die Kisten waren offenbar in regelmäßigen Abständen waagerecht an den Seiten des Korridors aufgestellt. Sie waren rechteckig und erinnerten von ihrer Form und Größe her abscheulich an Särge. Als ich zwei oder drei zu bewegen versuchte, um sie näher zu untersuchen, bemerkte ich, dass sie fest im Gestein verankert waren.

Der niedrige Korridor war von beträchtlicher Länge, also stolperte ich halb kriechend, halb laufend vorwärts, wobei ich, hätte mich irgendjemand in der Schwärze beobachtet, einen furchterregenden Anblick geboten haben muss. Ich bewegte mich im Zickzack voran und tastete dabei immer wieder nach rechts und links, um mich zu vergewissern, dass sich dort noch die Wände und die Reihe der Kisten befanden. Der Mensch ist so sehr daran gewöhnt, bildlich zu denken, dass ich die Dunkelheit beinahe vergaß und mir den endlosen Korridor aus Holz und Glas in seiner bedrückenden Monotonie vorstellte, als ob ich ihn wirklich sehen würde. Und dann, in einem Moment unbeschreiblicher Überwältigung, erblickte ich ihn tatsächlich.

Wann genau meine Phantasie in echte Wahrnehmung überging, vermag ich nicht zu sagen. Aber vor mir zeichnete sich nach und nach ein Lichtschimmer ab, und plötzlich wusste ich, dass ich die schwachen Umrisse des Gangs und der Kisten im Licht einer unbekannten unterirdischen Phosphoreszenz sah. Zunächst entsprach das, was ich in dem anfänglich noch sehr schwachen Schimmer wahrnahm, meinen Vorstellungen. Doch während ich mechanisch weiter in die stärker werdende Helligkeit hineinstolperte, wurde mir klar, dass die Wirklichkeit mein Vorstellungsvermögen bei weitem überstieg. Der Raum, in dem ich mich befand, war kein Überbleibsel einer rudimentären Kultur wie die Tempel in der Stadt über mir, sondern ein Werk großartigster und exotischster Kunst. Prachtvolle und lebendige Zeichnungen und Bilder von gewagter Phantasie bildeten ein fortlaufendes Wandgemälde, dessen Linien und Farben sich jeder Beschreibung entzogen. Die Kisten, die aus einem seltsamen goldenen Holz gefertigt waren und deren Vorderseiten aus feinstem Glas bestanden, enthielten die mumifizierten Gestalten von Wesen, deren Äußeres grotesker war, als es sich je ein Mensch in seinen chaotischsten Träumen hätte ausmalen können.

Irgendeine Vorstellung von diesen Monstrositäten zu vermitteln ist unmöglich. Sie gehörten zu einer reptilischen Spezies, und ihre Körperumrisse erinnerten manchmal an Krokodile und manchmal an Robben, öfter jedoch an nichts, wovon Naturforscher oder Paläontologen jemals Kenntnis erlangt haben. Ihre Größe entsprach in etwa der eines kleinen Menschen, und ihre vorderen Extremitäten endeten in zarten und offenbar sehr beweglichen Füßen, die merkwürdig an menschliche Hände und Finger erinnerten. Am seltsamsten jedoch waren ihre Köpfe, deren Form allen bekannten biologischen Prinzipien zuwiderlief. Es gab nichts, womit sich diese Wesen sinnvoll vergleichen ließen – blitzartig schossen mir so unterschiedliche Analogien wie eine Katze, eine Bulldogge, ein mythischer Satyr und ein Mensch durch den Sinn. Jupiter selbst hatte keine so mächtig vorspringende Stirn, doch die Hörner, die fehlende Nase und das alligatorengleiche Maul stellten die Wesen außerhalb aller bekannten zoologischen Kategorien. Zuerst zweifelte ich an der Echtheit der Mumien und hegte den vagen Verdacht, dass es sich vielleicht um künstlich hergestellte Götzenbilder handelte. Doch bald kam ich zu dem Schluss, dass es sich bei ihnen tatsächlich um irgendeine paläogene Spezies handelte, die gelebt hatte, als die namenlose Stadt bewohnt war. Um der Absurdität die Krone aufzusetzen, waren die meisten der Wesen in prächtige Kleider aus den kostbarsten Stoffen gehüllt und über und über mit Gold, Juwelen und unbekannten glänzenden Metallen geschmückt.

Die Bewohner der namenlosen Stadt mussten diesen kriechenden Kreaturen eine enorme Bedeutung beigemessen haben, denn sie waren das Hauptmotiv der wilden Freskomalereien, mit denen die Wände und die Decke geschmückt waren. Mit unvergleichlichem Geschick hatte der Künstler sie in einer eigenen Welt abgebildet, in der sie Städte und Gärten bewohnten, die ihrer Körpergröße entsprachen. Mir drängte sich der Gedanke auf, dass ihre in den Malereien dargestellte Geschichte eine Allegorie auf die Geschichte jenes Volkes war, dessen Götter sie gewesen waren. Diese Kreaturen, so sagte ich mir, hatten für die Menschen der namenlosen Stadt dasselbe bedeutet wie die Wölfin für Rom oder wie das Totemtier für irgendeinen Indianerstamm.

Nachdem ich zu dieser Überzeugung gelangt war, vermeinte ich, in den Wandbildern in groben Zügen das wunderbare Epos der namenlosen Stadt erkennen zu können, die Geschichte einer mächtigen Küstenmetropole, welche die Welt beherrschte, noch bevor Afrika sich aus den Wellen erhob, und ihres Überlebenskampfes, als das Meer zurückwich und die Wüste schleichend in das fruchtbare Tal eindrang, das sie umschloss. Ich sah ihre Kriege und Triumphe, ihre Rückschläge und Niederlagen und danach ihren schrecklichen Kampf gegen die Wüste, als sich Tausende ihrer Bewohner – allegorisch durch die grotesken Reptilien dargestellt – gezwungen sahen, auf wundersame Weise einen Weg durch den Fels zu meißeln, in eine andere Welt, von der ihnen ihre Propheten berichtet hatten. Alles war auf verstörende Weise lebendig und realistisch, und daran, dass die Darstellungen mit dem fürchterlichen Abstieg, den ich hinter mir hatte, in Zusammenhang standen, konnte es keinen Zweifel geben. Ich erkannte sogar die Tunnel wieder, die ich durchquert hatte.

Während ich durch den Korridor dem helleren Licht entgegenkroch, passierte ich die letzten Kapitel des gemalten Epos – den Abschied des Volkes, das die namenlose Stadt und das umliegende Tal zehn Millionen Jahre lang bewohnt hatte, jenes Volkes, dessen Seele sich nicht überwinden konnte, eine Landschaft zu verlassen, die so lange seine Heimat gewesen war, wo seine nomadischen Vorfahren sesshaft geworden waren, als die Erde noch jung war, und in den jungfräulichen Fels jene ersten Altäre gehauen hatten, an denen es bis zuletzt seine Götter verehrt hatte. Jetzt, wo das Licht besser geworden war, betrachtete ich die Bilder genauer, und von meiner Hypothese ausgehend, dass die seltsamen Reptilien die unbekannten Menschen darstellten, welche einst die namenlose Stadt bewohnt hatten, grübelte ich über ihre Sitten und Gebräuche nach. Vieles, was ich sah, war merkwürdig und unerklärlich. Die Zivilisation, die über ein geschriebenes Alphabet verfügte, hatte sich anscheinend auf eine höhere Stufe erhoben als die weitaus jüngeren Zivilisationen von Ägypten und Chaldäa, doch wies die Darstellung merkwürdige Lücken auf. So konnte ich keine Abbildungen entdecken, die Sterbe- oder Begräbnisriten darstellten – abgesehen von solchen, die mit Kriegen, Gewalt und Seuchen zusammenhingen –, und ich rätselte über diese Scheu vor dem natürlichen Tod. Fast schien es, als hätte sich jenes Volk der tröstlichen Illusion einer irdischen Unsterblichkeit hingegeben.

Noch weiter den Korridor hinunter fanden sich Szenen, die ebenso malerisch wie extravagant waren: Ansichten der verlassenen und dem Verfall überantworteten namenlosen Stadt waren Bildern jener merkwürdigen paradiesischen Gefilde gegenübergestellt, zu denen sich das Volk seinen Weg durch den Felsen gebahnt hatte. In diesen Malereien waren die Stadt und die Wüste stets bei Mondlicht abgebildet, wobei ein goldener Nimbus die eingestürzten Mauern umfloss und vage die Pracht und Perfektion früherer Zeiten erkennen ließ, die der Künstler geisterhaft und flüchtig angedeutet hatte. Die paradiesischen Szenen waren beinahe zu übertrieben, um glaubhaft zu wirken: Sie zeigten eine verborgene Welt ewigen Tages, voller prächtiger Städte und träumerischer Hügel und Täler. Ganz am Schluss vermeinte ich Anzeichen eines künstlerischen Verfalls zu erkennen. Die Malereien waren handwerklich minderwertiger und weitaus bizarrer als selbst die abseitigsten der vorangegangenen Szenen. Sie schienen zu zeigen, wie das alte Volk einer langsamen Dekadenz anheimfiel, die mit einer zunehmenden Feindseligkeit gegen jene äußere Welt einherging, aus der es von der Wüste vertrieben worden war. Die Gestalten der Menschen – die stets in Form der heiligen Reptilien dargestellt waren – schienen mehr und mehr zu verblassen, während ihr Geist, der als eine die Ruinen umschwebende Aura abgebildet war, im Verhältnis dazu an Kraft gewann. Ausgemergelte Priester, dargestellt als Reptilien in reichbestickten Roben, verfluchten die Luft der Erdoberfläche und alle, die sie atmeten, und in einer schrecklichen letzten Szene war ein primitiver Mensch dargestellt, vielleicht ein Entdeckungsreisender aus dem vorzeitlichen Irem, der Stadt der Säulen, der von den Angehörigen des alten Volkes in Stücke gerissen wurde. Ich erinnerte mich an die Furcht der Araber vor der namenlosen Stadt und war froh, dass nach diesem Bild die grauen Wände und die Decke unbemalt geblieben waren.

Während dieses historische Wandgemälde an mir vorüberzog, hatte ich mich dem Ende des niedrigen Korridors genähert und erblickte ein mächtiges Tor, aus dem jenes Leuchten quoll, das den Gang erhellte. Als ich es kriechend erreicht hatte, schrie ich angesichts dessen, was dahinterlag, in alles übersteigendem Erstaunen auf: Denn statt anderer, hellerer Gemächer war dort nur eine grenzenlose, gleichmäßig leuchtende Leere, so wie man sich den Blick vom Gipfel des Mount Everest auf ein von der Sonne beschienenes Nebelmeer vorstellen mag. Hinter mir befand sich ein Gang, der so eng war, dass ich nicht aufrecht darin stehen konnte, vor mir erstreckte sich eine unermessliche Weite unterirdischen Glanzes.

Aus dem Gang führte eine steile Treppe in den Abgrund. Sie bestand aus unzähligen kleinen Stufen, wie in jenen schwarzen Tunneln, die ich durchquert hatte, doch nach wenigen Metern wurde sie von den leuchtenden Dämpfen verschluckt. Eine gewaltige, mit phantastischen Basreliefs geschmückte Messingtür von unglaublicher Dicke war gegen die linke Wand des Ganges hin geöffnet. Hätte man sie geschlossen, wäre die gesamte innere Welt des Lichts, die vor mir lag, von den in den Fels geschlagenen Gewölben und Gängen abgetrennt gewesen. Ich betrachtete die Stufen, wagte es aber zunächst noch nicht hinunterzusteigen. Ich berührte die geöffnete Messingtür, war jedoch nicht in der Lage, sie zu bewegen. Dann sank ich bäuchlings auf den steinernen Boden, während mein Geist von ungeheuren Vorstellungen entflammt war, die nicht einmal eine todesähnliche Erschöpfung bannen konnte.

Während ich mit geschlossenen Augen regungslos dalag und meinen Gedanken freien Lauf ließ, kamen mir viele der Einzelheiten wieder in den Sinn, die ich flüchtig in den Wandmalereien bemerkt hatte und die jetzt eine neue und schreckliche Bedeutung annahmen: Szenen, die die namenlose Stadt in ihrer Blüte zeigten, und Abbildungen der Vegetation des umliegenden Tals und der fernen Länder, mit denen ihre Kaufleute Handel trieben. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, warum die allegorische Darstellung der kriechenden Kreaturen überall eine so große Rolle spielte, und wunderte mich, dass sie in einer bildlichen Geschichtsdarstellung von solcher Wichtigkeit so streng durchgehalten wurde. Auf den Wandmalereien war die namenlose Stadt in Proportionen dargestellt, die denen der Reptilien entsprachen. Ich fragte mich, wie groß und gewaltig sie in Wirklichkeit gewesen sein mochte, und grübelte kurz über gewisse Merkwürdigkeiten nach, die mir in den Ruinen aufgefallen waren. Verwundert dachte ich an die niedrigen Decken der urzeitlichen Tempel und des unterirdischen Korridors, die zweifellos zu Ehren der Reptiliengötter, die die Bewohner der namenlosen Stadt verehrt hatten, in diesen Dimensionen aus dem Fels gehauen worden waren, auch wenn das bedeutete, dass ihre Verehrer gezwungen gewesen waren zu kriechen. Vielleicht hatten ihre religiösen Riten ihnen vorgeschrieben, sich kriechend fortzubewegen und so die von ihnen angebeteten Kreaturen nachzuahmen. Keine religionswissenschaftliche Theorie konnte jedoch schlüssig erklären, warum der ebene Korridor, der jenen entsetzlichen Abstieg unterbrach, genauso niedrig wie die Tempel war – ja sogar niedriger, da man dort noch nicht einmal knien konnte. Als ich an die kriechenden Kreaturen dachte, deren mumifizierte Gestalten mir so nahe waren, regte sich die Furcht erneut in mir. Unser Assoziationsvermögen stellt manchmal merkwürdige Verbindungen her, und ich erschrak bei der Vorstellung, dass ich, abgesehen von dem mitleiderregenden Primitiven, der auf dem letzten Bild in Stücke gerissen wurde, zwischen all den mannigfaltigen Überresten und Symbolen vorzeitlichen Lebens das einzige Wesen mit menschlicher Gestalt war.

Doch wie immer in meinem seltsamen und unsteten Leben verdrängte die Neugier bald die Furcht, denn der leuchtende Abgrund und das, was sich in ihm verbergen mochte, stellten eine Herausforderung dar, die des größten Entdeckers würdig war. Dass am Fuße dieser Treppe mit ihren merkwürdig kleinen Stufen eine phantastische und geheimnisvolle Welt auf mich wartete, daran zweifelte ich nicht, und ich hoffte, dort jene Spuren menschlicher Geschichte zu finden, die ich auf den Wandbildern des Korridors vergeblich gesucht hatte. Auf den Fresken waren unglaubliche Städte, Berge und Täler dargestellt gewesen, und vor meinem geistigen Auge sah ich bereits jene prächtigen und gewaltigen Ruinen vor mir, die mich erwarteten.

Meine Ängste betrafen in der Tat eher die Vergangenheit als die Zukunft. Nicht einmal der physische Schrecken meiner Lage in jenem engen Korridor voller toter Reptilien und vorzeitlicher Fresken, viele Meilen unter der Welt, die ich kannte, und konfrontiert mit einer anderen Welt aus gespenstischem Licht und Nebel, kam der tödlichen Furcht gleich, die ich angesichts des unvorstellbaren Alters der mich umgebenden Szenerie empfand. Ein Alter, das so unermesslich war, dass jeder Versuch, es in Zahlen zu fassen, scheitern musste, schien mich aus den urzeitlichen Quadern und den aus dem Felsen geschlagenen Tempeln der namenlosen Stadt anzugrinsen, während noch die jüngsten der erstaunlichen Landkarten auf den Fresken Ozeane und Kontinente zeigte, die der Mensch längst vergessen hat und zwischen denen ich nur hier und da einen vage vertrauten Umriss entdeckt hatte. Was in den Erdzeitaltern geschehen war, die verflossen waren, seit die unbekannten Künstler ihren letzten Pinselstrich getan und das den Tod verabscheuende Volk sich widerwillig in seinen Untergang gefügt hatte, vermochte kein Mensch zu sagen. Einst waren diese Höhlen und die leuchtenden Gefilde darunter von Leben erfüllt gewesen. Jetzt war ich allein mit den seltsam lebendigen Überresten dieses Lebens, und ich zitterte, wenn ich an die ungezählten Äonen dachte, durch die hindurch diese Überreste schweigend und einsam Wache gehalten hatten.

Plötzlich durchzuckte mich erneut jene intensive Furcht, die mich in Abständen immer wieder ergriffen hatte, seitdem ich zum ersten Mal das schauderhafte Tal und die namenlose Stadt unter einem kalten Mond gesehen hatte, und trotz meiner Erschöpfung richtete ich mich in einem Anflug von Panik in eine sitzende Stellung auf, wandte mich um zu dem schwarzen Korridor und blickte in Richtung auf die Tunnel, die in die Außenwelt führten. Meine Empfindungen ähnelten sehr stark denen, die mich die namenlose Stadt bei Nacht hatten meiden lassen, und waren ebenso unerklärlich wie heftig. Ein noch größerer Schock durchfuhr mich, als ich deutlich ein Geräusch vernahm – das erste, das die vollständige Stille dieser Grabestiefen durchbrach. Es war ein tiefes, dumpfes Stöhnen, wie von einer weit entfernten Schar verdammter Seelen, und kam aus der Richtung, in die ich blickte. Das Stöhnen nahm schnell an Lautstärke zu, bis es furchterregend durch den niedrigen Korridor hallte, und gleichzeitig bemerkte ich einen stärker werdenden kalten Luftzug, der ebenfalls aus Richtung der Tunnel und der Stadt über ihnen kam. Die Berührung mit dieser Luft ließ meine Geistesgegenwart zurückkehren, denn sogleich erinnerte ich mich an die plötzlichen Böen, die sich stets bei Sonnenuntergang und Sonnenaufgang um den Eingang dieser Unterwelt herum erhoben hatten und von denen eine mir ja erst die versteckten Tunnel offenbart hatte. Als ich auf meine Uhr sah, stellte ich fest, dass es kurz vor Sonnenaufgang war, und ich wappnete mich, dem Sturm zu widerstehen, der in seine unterirdische Heimat zurückkehrte, die er am Abend verlassen hatte.

Immer irrsinniger pfiff der kreischende und stöhnende Nachtwind durch jene Kluft im Erdinneren. Ich ließ mich wieder bäuchlings auf den Boden fallen und versuchte vergeblich, mich an dem felsigen Untergrund festzuhalten, da ich fürchtete, durch das geöffnete Tor in den leuchtenden Abgrund gerissen zu werden. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Wind so heftig werden würde, und als ich gewahr wurde, dass mein Körper tatsächlich auf den Abgrund zurutschte, suchten mich tausend neue grauenhafte Ängste und Ahnungen heim. Die bösartige Heftigkeit des Sturms erweckte unglaubliche Vorstellungen in mir. Erneut musste ich an die einzige andere menschliche Gestalt in jenem fürchterlichen Korridor denken, den Mann, der von dem namenlosen Volk in Stücke gerissen wurde, denn in der dämonischen Art, wie die wirbelnden Luftströme nach mir griffen, schien eine ebenso rachsüchtige wie ohnmächtige Wut zu liegen. Ich glaube, am Ende schrie ich in heller Panik – ich war nahezu wahnsinnig –, doch wenn ich geschrien habe, dann verloren sich meine Schreie in dem der Hölle entsprungenen Babel der heulenden Windgespenster. Ich versuchte, gegen den mörderischen unsichtbaren Schwall anzukämpfen, doch gelang es mir nicht einmal, mich an einer Stelle festzuhalten, und langsam, aber unaufhaltsam wurde ich in Richtung auf jene unbekannte Welt geschoben. Schließlich muss mich mein Verstand völlig verlassen haben, denn ich begann wieder und wieder die unerklärlichen Verse des verrückten Arabers Alhazred vor mich hin zu plappern, der von der namenlosen Stadt geträumt hat:

 

Das ist nicht tot, was durch Äonen liegt

Und einst wird selbst der Tod vom Tod besiegt.

 

Nur die düster brütenden Wüstengötter wissen, was wirklich geschah – was für unbeschreibliche Kämpfe ich während meines Aufstiegs durch die Dunkelheit bestand oder welcher apokalyptische Engel mich zurück ins Leben führte, in ein von Erinnerungen heimgesuchtes Leben, in dem der Nachtwind mich erzittern lässt, bis das Nichts – oder etwas Schlimmeres – mich zu sich ruft. Monströs, widernatürlich, kolossal war es – zu fern jeder menschlichen Vorstellung, um geglaubt zu werden, außer in der Stille der fluchwürdigen Stunden nach Mitternacht, wenn man keinen Schlaf findet.

Ich sagte, dass die Gewalt des über mich hinwegfegenden Sturms infernalisch – kakodämonisch – war und dass in seinen grässlichen Stimmen die aufgestaute Bosheit von Ewigkeiten der Verzweiflung lag. Dann aber schienen in meinem hämmernden Schädel diese Stimmen, obwohl sie im Tunnel, der vor mir lag, immer noch chaotisch waren, hinter mir die Form artikulierter Laute anzunehmen. Und dort unten, in diesem Grab ungezählter, seit Jahrmillionen toter Altertümer, Meilen unter der von der Morgendämmerung erhellten Welt der Menschen, vernahm ich das grässliche Fluchen und Fauchen von Teufeln, die in seltsamen Zungen sprachen. Als ich hinter mich blickte, sah ich, wie sich vor dem leuchtenden Äther des Abgrunds abzeichnete, was im Halbdunkel des Korridors nicht erkennbar gewesen war: die Umrisse einer Albtraumhorde rasender Teufel, hassverzerrter, mit groteskem Schmuck behängter, halbdurchsichtiger Teufel einer Rasse, deren Gestalt mir inzwischen nur allzu vertraut war – der kriechenden Reptilien der namenlosen Stadt.

Und als der Wind erstarb, fand ich mich eingehüllt in die von Ghulen bevölkerte Schwärze der Eingeweide der Erde wieder, denn hinter der letzten der Kreaturen war die Messingtür mit einem ohrenbetäubenden metallisch-melodischen Dröhnen zugefallen, dessen Widerhall immer weiter anschwoll bis in die weit entfernte Welt, um die aufgehende Sonne zu begrüßen, so wie Memnon sie am Ufer des Nils begrüßt.

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Deutsch von Andreas Fliedner

 

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Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Nameless City« in der Zeitschrift Wolverine (November 1921).
Für die deutschsprachige Ausgabe:
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