Fiction Friday: Das Bild im Haus (H. P. Lovecraft)

FICTION FRIDAY

Das Bild im Haus (H. P. Lovecraft)


Manchmal wartet das schlimmste Grauen in der einfachsten Hütte …

Parallel zur kommentierten Prachtausgabe »H. P. Lovecraft – Das Werk« veröffentlichen wir auf TOR ONLINE zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. Diese Geschichte, die in ihrer Beschwörung des Entsetzlichen an Edgar Allan Poe erinnert, erforscht, wie eine Vorliebe für Grauenvolles bis zum Äußersten führen kann: zu einer Prüfung des Charakters und ob man als »Gourmet des Grauens« ebenso beängstigend und bedauernswert ist wie das grausige Schauspiel, an dem man sich ergötzt. Sie ist auch wichtig als erste Erzählung, die in Lovecrafts fiktiver Geografie, im Tal des Miskatonic River und der Umgebung der Stadt Arkham, angesiedelt ist.

 

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Jene, die dem Grauen nachjagen, besuchen oft seltsame, entlegene Orte. Die Katakomben des Ptolemäus und die gemeißelten Mausoleen der Albtraumländer sind nach ihrem Geschmack. Sie klettern hinauf zu den vom Mond beschienenen Türmen von Burgruinen am Rhein und taumeln in Asien unter den verstreuten Steinen vergessener Städte schwarze Treppen voller Spinnweben hinab. Der Geisterwald und der unwirtliche Berg sind ihre Schreine, und sie verweilen bei unheimlichen Monolithen auf unbewohnten Inseln. Doch der echte Gourmet des Grauens, für den ein neuer Schauder unaussprechlichen Entsetzens das höchste Ziel und die Rechtfertigung seines Daseins darstellt, schätzt die uralten, einsamen Bauernhäuser der abgelegenen Wälder Neuenglands am allermeisten; den hier vereinen sich die dunklen Elemente der Willenskraft, Verlassenheit, Abartigkeit und des Unwissens zur Vollkommenheit des Abscheulichen.

Am allergrausigsten sind die kleinen ungestrichenen Holzhäuser, die fernab von benutzten Wegen für gewöhnlich auf einem feuchten, grasbewachsenen Hang kauern oder gegen einen riesigen, aus der Erde ragenden Felsen lehnen. Seit zweihundert Jahren oder mehr lehnen oder kauern sie dort, während die Kletterpflanzen wucherten und die Bäume wuchsen und ihre Wipfel ausbreiteten. Heute sind sie fast gänzlich im ungehörig üppigen Grün verborgen und in wachthaltende Schatten gehüllt; doch die schmalen Fenster starren immer noch furchtbar, als blinzelten sie durch eine tödliche Betäubung, die den Wahnsinn abwehrt, indem sie die Erinnerung an Unsagbares dämpft.

In solchen Häusern haben Generationen merkwürdiger Leute gewohnt, deresgleichen die Welt noch nicht gesehen hat. Im Banne eines düsteren und fanatischen Glaubens, der sie ihrem Volk entfremdete, suchten ihre Ahnen die Wildnis, um frei zu sein. Dort gediehen die Nachfahren einer Rasse von Eroberern frei von den Einschränkungen ihrer Mitmenschen, duckten sich jedoch in abstoßender Knechtschaft vor ihren eigenen trostlosen Hirngespinsten. Abgeschnitten von zivilisierter Aufklärung, wurde die Willenskraft jener Puritaner in eigenartige Bahnen gelenkt, und in ihrer Isolation, ihrer morbiden Askese und im Überlebenskampf gegen eine unbarmherzige Natur traten bei ihnen dunkle, heimliche Merkmale aus den vorgeschichtlichen Tiefen ihres nordländischen Erbes hervor. Aus Notwendigkeit praktisch gesinnt und Anhänger einer strengen Philosophie, gingen diese Leute unschön mit ihrer Sündhaftigkeit um. Machten sie Fehler, wie dies alle Sterblichen tun, wurden sie von ihren strengen Regeln vor allem anderen gezwungen, diese zu verheimlichen; so gingen sie bei dem, was sie verheimlichten, immer geschmackloser vor. Nur die stillen, schläfrigen, starrenden Häuser in der tiefsten Provinz können von all dem berichten, was seit den frühen Tagen verborgen wurde; und sie sind nicht gesprächig und hassen es, jene Mattigkeit abzuschütteln, die ihnen hilft zu vergessen. Manchmal spürt man, dass es ein Gnadenakt wäre, diese Häuser abzureißen, denn sie träumen wohl häufig.

An einem Nachmittag im November 1896 wurde ich von einem Regen, der so kalt und heftig war, dass jeder Schutz dem Nasswerden vorzuziehen war, in eines dieser verwitterten Gebäude getrieben. Ich war seit einer Weile bei den Bewohnern des Miskatonic Valley unterwegs, um bestimmte genealogische Daten zu sammeln; und da mein Pfad so abgelegen, gewunden und unwegsam war, hatte ich es trotz der späten Jahreszeit für angemessen befunden, mit einem Fahrrad loszuziehen. Nun befand ich mich auf einer offenkundig aufgegebenen Straße, die ich als schnellste Abkürzung nach Arkham gewählt hatte. Dort, an einer Stelle, die weit von jeder Stadt entfernt lag, wurde ich von dem Unwetter eingeholt und sah keinen anderen Unterschlupf als das uralte und abstoßende Holzhaus, das mit trüben Fensterscheiben zwischen zwei großen blattlosen Ulmen in der Nähe des Fußes eines felsigen Hügels hervorblinzelte. Obwohl es von der kaum noch als solche erkennbaren Straße entfernt stand, machte das Haus, gleich als ich es zum ersten Mal erblickte, einen ungünstigen Eindruck auf mich. Ehrliche, gesunde Bauwerke starren Reisende nicht derart verschlagen und gespenstisch an, und in meinen genealogischen Forschungen war ich auf Legenden aus dem vorigen Jahrhundert gestoßen, die mich gegenüber solchen Orten voreingenommen machten. Es schüttete allerdings dermaßen heftig, dass ich meine Bedenken überwand und nicht zögerte, mein Rad die unkrautüberwucherte Anhöhe hinauf bis zu der geschlossenen Tür zu schieben, die mich mit einem Geheimnis zu locken schien, das sie zugleich hüten wollte.

Ich hatte es irgendwie für selbstverständlich gehalten, dass das Haus unbewohnt war, doch als ich mich näherte, kamen mir Zweifel; denn obwohl die Wege von Unkraut bedeckt waren, schien dieses seine natürlichen Triebe doch zu sehr im Zaum zu halten, um auf vollständige Verlassenheit hinzudeuten. Deswegen versuchte ich nicht, die Tür zu öffnen, sondern klopfte an, wobei ich ein Zittern verspürte, das ich kaum erklären konnte. Als ich auf dem groben, moosbewachsenen Stein wartete, der als Schwelle diente, warf ich einen Blick auf die Fenster direkt daneben und auf die Glasscheiben des Oberlichts über der Tür und stellte fest, dass sie zwar alt, klapprig und vor Schmutz fast undurchsichtig, aber nicht zerbrochen waren. Das Gebäude musste also, trotz seiner Abgelegenheit und allgemeinen Vernachlässigung, noch bewohnt sein. Mein Klopfen blieb allerdings unbeantwortet, deshalb ergriff ich nach einer zweiten Bitte um Einlass die rostige Türklinke und fand das Schloss unverriegelt. Dahinter lag ein kleines Vorzimmer, von dessen Wänden der Verputz abbröckelte, und durch den Eingang strömte mir ein schwacher, aber merkwürdig widerlicher Geruch entgegen. Ich trat, mein Fahrrad tragend, ein und schloss die Tür hinter mir. Vor mir erhob sich eine schmale Stiege, daneben eine kleine Tür, die wohl in den Keller führte, während links und rechts geschlossene Türen zu den Zimmern des Erdgeschosses führten.

Ich lehnte mein Fahrrad gegen die Wand, öffnete die linke Tür und betrat eine kleine, niedrige Kammer, in die durch zwei staubige Fenster kaum Licht fiel und die äußerst sparsam und primitiv eingerichtet war. Es schien sich um eine Art Wohnzimmer zu handeln, denn es gab einen Tisch und mehrere Stühle und einen riesigen Kamin, auf dessen Sims eine antike Uhr tickte. Es waren nur sehr wenige Bücher und Zeitungen vorhanden, und in der herrschenden Düsternis konnte ich ihre Titel nicht gleich entziffern. Was mich faszinierte, war die gleichförmig archaische Ausstrahlung, die jedem sichtbaren Detail innewohnte. In den meisten Häusern dieser Region hatte ich zahlreiche Relikte der Vergangenheit entdeckt, doch hier wirkte das Altertümliche sonderbar allgegenwärtig, denn ich konnte im ganzen Zimmer keinen einzigen Gegenstand ausmachen, der eindeutig aus der Zeit nach dem Unabhängigkeitskrieg stammte. Wäre die Einrichtung weniger bescheiden gewesen, dann hätte der Raum sich als Paradies für Sammler erwiesen.

Während ich mich in diesem wunderlichen Zimmer umsah, spürte ich, wie jene Abneigung, die anfangs durch das düstere Äußere des Hauses geweckt worden war, stärker wurde. Was genau ich fürchtete oder verabscheute, konnte ich beim besten Willen nicht benennen; doch etwas an der gesamten Atmosphäre schien von gottlosem Alter, unerfreulicher Rohheit und Geheimnissen, die man lieber vergessen sollte, zu zeugen. Ich wollte mich ungern setzen, wanderte umher und sah mir die verschiedenen Gegenstände, die mir aufgefallen waren, genauer an. Das Erste, was meine Neugier auf sich zog, war ein Buch von mittlerer Größe, das auf dem Tisch lag und so vorsintflutlich anmutete, dass ich mich wunderte, es außerhalb eines Museums oder einer Bibliothek vorzufinden. Es war in Leder gebunden, besaß einen Metallrahmen und war ausgezeichnet erhalten; im Großen und Ganzen ein ungewöhnlicher Band für eine derart schlichte Behausung. Als ich die Titelseite aufschlug, staunte ich noch mehr, denn es erwies sich als nichts Geringeres denn Pigafettas Beschreibung des Königreichs Congo, nach den Notizen des Seemanns Lopez auf Latein geschrieben und 1598 in Frankfurt gedruckt. Ich hatte oft von diesem Werk mit seinen kuriosen Illustrationen der Brüder De Bry gehört, so dass ich nur noch die vor mir liegenden Seiten umblättern wollte und dabei vorübergehend mein Unbehagen vergaß. Die Stiche waren wirklich interessant, denn sie basierten nur auf Phantasievorstellungen und ungenauen Beschreibungen und zeigten Neger mit weißer Haut und kaukasischen Gesichtszügen. Ich hätte den Band nicht so rasch wieder zugeschlagen, wenn nicht ein äußerst banaler Umstand meine müden Nerven angegriffen und mein Gefühl des Unbehagens neu belebt hätte. Was mich irritierte, war schlicht und einfach die Hartnäckigkeit, mit der das Buch immer wieder bei Tafel XII aufklappte, die grauenhaft detailliert ein Schlachthaus der Anziken-Kannibalen darstellte. Ich schämte mich ein wenig, dass ich auf eine solche Kleinigkeit derart empfindlich reagierte, doch die Zeichnung verstörte mich trotzdem, insbesondere in Verbindung mit einigen Passagen, in denen die Tischsitten des Anziken-Volkes geschildert wurden.

Ich hatte mich einem nahebei stehenden Regal zugewandt und untersuchte seinen kärglichen literarischen Inhalt – eine Bibel aus dem 18. Jahrhundert, eine Ausgabe von The Pilgrim’s Progress aus derselben Epoche, illustriert mit grotesken Holzschnitten und gedruckt von dem Almanachverleger Isaiah Thomas, ein verfaulter Foliant von Cotton Mathers Magnalia Christi Americana und einige andere Bücher, die offenkundig ebenso alt waren –, als meine Aufmerksamkeit durch das unverwechselbare Geräusch von Schritten im Zimmer über mir geweckt wurde. Zunächst war ich, eingedenk der ausgebliebenen Antwort auf mein Klopfen an der Tür, erstaunt und verblüfft, doch dann schloss ich, dass der oben Umhergehende eben aus einem tiefen Schlaf erwacht sein musste, und lauschte weniger überrascht, als die Schritte auf der knirschenden Treppe erklangen. Ihr Tritt war schwer, schien aber eine eigenartige Behutsamkeit aufzuweisen; eine Eigenschaft, die mir umso weniger gefiel, als die Schritte so schwer waren. Nach dem Betreten des Zimmers hatte ich die Tür hinter mir geschlossen. Nun, nach einem Moment Stille, in dem die Person, deren Schritte ich vernommen hatte, vielleicht mein Fahrrad im Vorzimmer inspizierte, hörte ich, wie jemand an der Klinke herumtastete, und sah die getäfelte Tür erneut aufschwingen.

Im Türrahmen stand eine Person von so einzigartiger Gestalt, dass ich laut aufgeschrien hätte, hätte meine gute Erziehung mich nicht zurückgehalten. Alt, mit weißem Bart und zerlumpt, besaß mein Gastgeber ein Gesicht und einen Körperbau, die mich gleichzeitig staunen ließen und mir Respekt einflößten. Er mochte nicht kleiner als sechs Fuß sein, und obwohl er allgemeine Spuren von Alter und Armut zeigte, war sein Körper stämmig und kräftig. Sein Gesicht, fast verborgen hinter einem langen Bart, der bis hoch auf den Wangen wuchs, wirkte außergewöhnlich gesund und weniger faltig, als man hätte erwarten können, während über eine hohe Stirn ein weißer Haarschopf fiel, der von den Jahren kaum ausgedünnt worden war. Seine blauen Augen waren zwar ein klein wenig blutunterlaufen, wirkten aber unerklärlich scharf und brennend. Wäre er nicht so schrecklich ungepflegt gewesen, hätte der Mann ebenso ehrwürdig wie eindrucksvoll ausgesehen. Diese Ungepflegtheit machte ihn jedoch trotz seines Gesichts und seiner Gestalt abstoßend. Woraus seine Kleidung bestand, konnte ich kaum feststellen, denn sie sah aus, als bestehe sie nur aus einem Haufen Lumpen über einem Paar hoher, schwerer Stiefel; und sein Mangel an Reinlichkeit spottete jeder Beschreibung.

Das Erscheinungsbild dieses Mannes und die instinktive Furcht, die es weckte, ließen mich mit etwas wie Feindseligkeit rechnen, so dass ich vor Überraschung und wegen eines Gefühls unheimlicher Unvereinbarkeit fast erschauderte, als er mich zu einem Sessel führte und mit einer dünnen, schwachen Stimme, erfüllt von schmeichlerischem Respekt und kriecherischer Gastfreundlichkeit, ansprach. Seine Redeweise war sonderbar, eine extreme Form des Yankee-Dialekts, die ich für längst ausgestorben gehalten hatte; und ich spitzte die Ohren, als er sich mir gegenüber niederließ, um ein Gespräch zu beginnen.

»Vom Regen überrascht, hä?«, begrüßte er mich. »Gut, dasse nah beim Haus warn, und so schlau warn, gleich reinzukommen. Muss wohl geschlafen ham, sonst hätt ich’s gehört – bin nich mehr der junge Kerl von früher und brauch heutztag ’ne gute Mütze voll Schlaf. Weit gereist? Hab nich mehr viele Leut auf dieser Straße gesehen, seit die Arkham-Kutsche nich mehr fährt.«

Ich erwiderte, ich sei auf dem Weg nach Arkham, und entschuldigte mich für mein unhöfliches Eindringen in sein Haus, woraufhin er fortfuhr.

»Bin froh, Sie zu sehn, junger Sir – neue Gesichter sin hier selten, und ich hab hier heut nich mehr viel, was mich aufheitern tut. Sind von Boston hergekommen, hä? War nie dort, erkenne aber ’nen Stadtmensch, wenn ich ihn seh – vierundachtzig hatten wir einen als Bezirksschulmeister, doch der hat bald hingeschmissen, und wir ham nichts mehr von ihm gehört seitdem –« An dieser Stelle verfiel der Alte in eine Art Kichern, für das er mir jedoch keine Erklärung gab, als ich ihn nach dem Grund fragte. Er schien bei bester Laune zu sein, aber auch jene Schrullen zu besitzen, die sein Aufzug nahelegte. Eine Zeitlang plapperte er mit einer fast fieberhaften Herzlichkeit weiter, da kam es mir in den Sinn, ihn zu fragen, wie ein so seltenes Buch wie Pigafettas Regnum Congo in seinen Besitz gelangt war. Der Eindruck, den dieser Band bei mir hinterlassen hatte, hatte sich nicht verflüchtigt, und ich spürte einen gewissen Unwillen, ihn zu erwähnen, doch die Neugier überwand all die vagen Ängste, die sich seit meinem ersten Blick auf das Haus stetig angesammelt hatten. Zu meiner Erleichterung schien die Frage dem Alten nicht unangenehm zu sein, denn er antwortete freimütig und ausführlich.

»Oh, das Afrikabuch? Hauptmann Ebenezer Holt hat’s mir achtundsechzig verkauft – er fiel im Krieg.« Etwas an dem Namen Ebenezer Holt ließ mich aufmerken. Ich war in meiner genealogischen Arbeit auf ihn gestoßen, allerdings nur in Aufzeichnungen aus der Zeit vor dem Unabhängigkeitskrieg. Ich fragte mich, ob mir mein Gastgeber bei meinen Forschungen helfen könnte, und beschloss, ihn später zu fragen. Er fuhr fort.

»Ebenezer diente auf ’nem Kauffahrer aus Salem und las in jedem Hafen allerhand seltsamen Kram auf. Das hier hatte er aus London, schätz ich – er kaufte Sachen in den Läden. Einmal war ich beim ihm zu Haus, oben aufm Hügel, Pferde verkaufen, da sah ich das Buch. Mir gefielen die Bilder, also ging er auf ’nen Tauschhandel ein. Ist’n komisches Buch – na, wolln mal die Augengläser holen …« Der Alte kramte in seinen Lumpen herum und förderte eine schmutzige und erstaunlich vorsintflutliche Sehhilfe mit kleinen achteckigen Gläsern und Stahlbügel zutage. Nachdem er sie aufgesetzt hatte, griff er nach dem Band auf dem Tisch und blätterte liebevoll darin.

»Ebenezer konnt ein wenig hiervon lesen – das Lateinische –, ich aber nich. Ich hab mir von zwei, drei Schulmeistern was vorlesen lassen, und von Pastor Clark, der angeblich im Teich ertrunken ist – können Se was damit anfangen?« Ich sagte ihm, ich könne, und übersetzte ihm zuliebe einen Absatz auf den ersten Seiten. Falls ich Fehler machte, war er nicht gebildet genug, mich zu korrigieren, denn er zeigte kindliche Freude an meiner englischen Übertragung. Seine Nähe wurde allmählich ziemlich unangenehm, doch sah ich keine Möglichkeit, ihm zu entfliehen, ohne ihn zu kränken. Die kindliche Begeisterung dieses unwissenden Alten für Bilder in einem Buch, das er nicht lesen konnte, erheiterte mich, und ich fragte mich, ob er die englischen Bücher, die den Raum zierten, denn wesentlich besser zu lesen verstand. Diese Offenbarung eines schlichten Gemüts zerstreute viel von der schwer zu benennenden Furcht, die ich verspürt hatte, und ich lächelte, als mein Gast weiterplapperte:

»Schon komisch, wie Bilder einen zum Grübeln bringen. Zum Beispiel das hier, fast am Anfang. Ham Se je solche Bäume gesehn, mit großen Blättern, die auf und ab schaukeln? Und diese Männer – die könn doch keine Nigger sein – die sind das Beste. Wie Rothäute, schätz ich, auch wennse in Afrika leben. Ein paar von den Viechern sehn wie Affen aus oder wie ’ne Mischung aus Affe und Mensch, doch von so was hab ich noch nie gehört.« Mit diesen Worten deutete er auf ein Fabelwesen des Künstlers, das man als eine Art Drache mit Alligatorkopf beschreiben könnte.

»Aber jetzt zeig ich Ihnen das Beste – hier drüben, so etwa inner Mitte …« Die Stimme des Alten klang ein klein wenig dumpfer, und seine Augen leuchteten etwas heller; seine tastenden Hände bewegten sich zwar anscheinend unbeholfener als zuvor, zeigten sich ihrer Aufgabe jedoch völlig gewachsen. Das Buch öffnete sich fast wie von selbst, als hätte man es schon oft an derselben Stelle aufgeschlagen, bei der zwölften Bildtafel, die das Schlachthaus der Anziken-Kannibalen zeigte. Meine Unruhe kehrte zurück, auch wenn ich sie nicht offen zur Schau stellte. Das besonders Bizarre daran war, dass der Künstler seine Afrikaner wie Weiße aussehen ließ – die Glieder und Körperteile, die im Schlachthaus hingen, waren schaurig, während der Metzger mit seinem Beil schrecklich unpassend wirkte. Doch meinen Gastgeber schien das Bild so sehr zu begeistern, wie ich es verabscheute.

»Was halten Se davon – ham hier noch nie was Ähnliches gesehen, hä? Wo ich es gesehn hab, sagte ich zu Eb Holt: ›Das is schon was, das einen aufstachelt und das Blut in Wallung bringt.‹ Als ich inner Heiligen Schrift vom Hinschlachten las – so wie die Ismaeliten hingeschlachtet wurden –, konnt ich mir so meine Gedanken machen, hatte aber kein Bild davon. Hier kannste alles sehen – ist wohl sündhaft, aber sind wir nich alle sündhaft geboren und leben in Sünde? – Der Kerl, der in Stücke gehackt wird, reizt mich jedes Mal, wenn ich ihn anseh – muss ihn ständig ansehn – Sehn Se, wie der Metzger ihm die Füße abschneidet? Das ist sein Kopf dort auf der Bank, daneben ein Arm, und der andre Arm liegt am Boden neben dem Hackklotz.«

Während der Mann in seiner schockierenden Verzückung weiterbrabbelte, nahm sein behaartes, bebrilltes Gesicht einen unbeschreiblichen Ausdruck an, doch seine Stimme wurde eher leiser als lauter. Meine eigenen Gefühle lassen sich kaum niederschreiben. Der ganze Schrecken, den ich zuvor nur vage empfunden hatte, trat nun rege und lebhaft zutage, und mir wurde klar, dass ich das uralte und scheußliche Geschöpf, das so dicht vor mir saß, mit unendlicher Inbrunst hasste. Dass er wahnsinnig oder zumindest irgendwie verkehrt im Kopf war, schien unbestreitbar. Nun flüsterte er beinahe, mit einer rauen Stimme, die entsetzlicher klang als jeder Schrei, und ich zitterte, während ich lauschte.

»Wie ich schon sagte, is doch komisch, wie Bilder einen zum Grübeln bringen. Wissen Se, junger Sir, ich bin ganz verschossen in das hier. Nachdem ich Eb das Buch abgekauft hatte, hab ich’s mir oft angeschaut, besonders wenn ich Pastor Clark mit seiner großen Perücke bei seiner Sonntagspredigt hab schwafeln hörn. Hab mal was Witziges probiert – na, junger Sir, Sie müssen keine Angst ham – hab mir nur mal das Bild angeschaut, bevor ich die Schafe für den Markt geschlachtet hab – hat irgendwie mehr Spaß gemacht, das Schafeschlachten, nachdem ich’s mir angeschaut hab …« Die Stimme des Alten wurde nun sehr leise, so sehr, dass man seine Worte kaum noch verstehen konnte. Ich lauschte dem Regen und dem Rütteln der verschmierten kleinen Fensterscheiben und bemerkte ein näher kommendes Donnergrollen, das für die Jahreszeit recht ungewöhnlich war. Einmal erschütterte ein furchtbarer Blitz und Donnerschlag das wacklige Haus bis ins Fundament, doch der Flüsterer schien es nicht zu bemerken.

»Schafe schlachten machte irgendwie mehr Spaß – aber, wissen Se, es war nich richtig befriedigend. Schon komisch, wie ’ne Gier einen packen kann – bei der Liebe des Allmächtigen, junger Mann, erzählen Sie’s niemandem, aber ich schwör bei Gott, das Bild weckte in mir ’nen Hunger nach ’ner Speise, die ich weder züchten noch kaufen konnte – na, beruhigen Se sich, was ham Se denn? – hab doch nichts gemacht, hab mich nur gefragt, wie’s wär, wenn ich’s tun würd – man sagt, vom Fleisch kriegt man Blut und Muskeln, man kriegt neues Leben, also hab ich mich gefragt, ob’s das Leben eines Menschen nich noch mehr verlängern würd, wenn’s mehr von derselben …« Doch der Flüsterer brachte den Satz nie zu Ende. Die Unterbrechung wurde nicht durch meine Angst verursacht, auch nicht von dem rasch stärker werdenden Gewittersturm, in dessen Toben ich jeden Moment damit rechnete, auf eine rauchende Einöde aus schwarzen Ruinen zu blicken, wenn ich die Augen öffnete. Schuld daran war ein ganz einfacher, aber etwas ungewöhnlicher Zwischenfall.

Das Buch lag flach zwischen uns, so dass das Bild uns ekelhaft anstarrte. Als der Alte die Worte »mehr von derselben« flüsterte, hörte man ganz leise einen Tropfen aufschlagen, und etwas breitete sich auf dem vergilbten Papier des geöffneten Bandes aus. Ich dachte an den Regen und ein undichtes Dach, doch Regen ist nicht rot. Auf dem Schlachthaus der Anziken-Kannibalen schimmerte malerisch ein kleiner roter Spritzer, der dem Grauen des Stiches zusätzliche Lebendigkeit verlieh. Der Alte sah ihn und hörte auf zu flüstern, bevor mein erschreckter Aufschrei ihn unterbrechen konnte; er sah den Spritzer und blickte rasch hinauf zum Boden des Zimmers, das er vor einer Stunde verlassen hatte. Ich folgte seinem Blick und bemerkte genau über uns auf dem lockeren Verputz der uralten Decke einen großen unregelmäßigen, feuchten, dunkelroten Fleck, der sich auszubreiten schien, während ich hinsah. Ich schrie und bewegte mich nicht, sondern schloss nur die Augen. Einen Moment später schlug der gewaltigste aller Blitze ein; er zerfetzte das verfluchte Haus voller unsagbarer Geheimnisse und brachte ein Vergessen, das allein meinen Verstand zu retten vermochte.

 

*** 

Deutsch von Alexander Pechmann

 

 

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Picture in the House« in National Amateur 41 (datiert vom Juli 1919, aber nicht vor Frühjahr 1921 veröffentlicht).

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 9. Februar, genau hier. 

 

 

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