Gesetze von Nacht und Seide (Seth Dickinson)

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FICTION FRIDAY

Gesetze von Nacht und Seide (Seth Dickinson)


Seth Dickinson
08.12.2017

Der freie Wille gehört zu den menschlichen Eigenschaften, für die wir am kompromisslosesten zu kämpfen bereit sind. Fast nichts ist tragischer als sein Verlust. Und kein Autor wäre besser geeignet, die Folgen eines solchen Verlustes auszuloten, als Seth Dickinson, der bereits mit seinem Roman Die Verräterin unter Beweis gestellt hat, dass er zu den konsequentesten Denkern des Genres gehört. Ein Eisklotz, wen diese Erzählung unberührt lässt ...


***

Durch Dürre und Sintflut kann Kaverin so tun, als wäre dieses Mädchen ihre Tochter, aber die Wahrheit lässt sich nicht leugnen: Irasht ist eine Waffe, mehr nicht.

Der Schmerz darüber ist groß genug, um sogar das Ascheherz von Kaverin Berglöwe zu brechen, und so lässt sie sich zu etwas Verbotenem hinreißen: Sie legt die Arme um das Mädchen Irasht, das nicht ihre Tochter ist, küsst es auf die Stirn und flüstert: »Ich beschütze dich. Geh.«

Dann stößt Kaverin Irasht auf den Felsen über dem Schlachtfeld hinaus.

Im Tal unter ihnen stehen die Ti’iri, das Volk der Dämme, dem Kaverin durch Blut und in Liebe verbunden ist, den Invasoren gegenüber. Heulend sind die Effekta eingefallen, um fünf Jahrhunderte der Zivilisation in ihr ausgedörrtes Land abfließen zu lassen.

Deshalb haben Kaverins Befehlshaber – die Paik Ried und Kriegsherrin Absu – eine Botschaft geschickt: Du hast genug Zeit gehabt, um sie zu zähmen. Ziehe in die Schlacht. Setze das Abnarch-Mädchen ein, das Mädchen, das nicht deine Tochter ist.

Zerschlage das Heer der Effekta.

Kaverin schreit die Herausforderung hinaus.

»Männer der Effekta! Männer der Eule!« Ihre Zauberkunst trägt ihren Schrei durch das Tal und über den Fluss, bis hin zu den Hügeln, an denen er zerschellt. Die Splitter hallen zurück. »Ich bin Kaverin Berglöwe, Magierin der Paik Ried! Ich wärme mir die Hände an den brennenden Leichen eurer Brüder!«

Fünfzigtausend feindliche Speerkämpfer erzittern voll Furcht. Sie kennen ihren Namen.

Aber der Ausgang der heutigen Schlacht hängt nicht von Kaverins Feuer ab.

Das Mädchen Irasht (das nicht ihre Tochter ist) starrt, die Augen weit aufgerissen, ängstlich auf das Schlachtfeld hinab und hält sich die Ohren zu. Kaverin ergreift Irashts Handgelenke, um sie davon abzuhalten, den Kriegslärm auszusperren. Irasht kratzt und spuckt, aber sie weint nicht.

Über ihr Fauchen und Toben hinweg brüllt Kaverin: »Heute sind meine Hände kalt

Sie hört den Ruf, der aus den Reihen der Effekta ertönt; Worte in ihrer fließenden Sprache, die bedeuten: Abnarch, Abnarch, sie hat einen Abnarch! Und sie sieht Augen, die auf sie gerichtet sind, erhobene Gesichter erstarrt in Schrecken und Abscheu, denn das ist es, was das Mädchen Irasht hervorruft – Irasht und das, was ihr angetan worden ist.

Ihr armen Hunde, denkt Kaverin. Ich weiß genau, wie ihr euch fühlt.

 

Kaverin hat schon sehr lange Schmerzen. Zunächst ist da der Schmerz, den sie wie ein Festgewand trägt: Das ist der Schmerz der Schlachtfelder, der sie dazu bringt, zu knurren und den Kopf zu senken, fest entschlossen, weiterzukämpfen.

Darunter lauert ein anderer Schmerz, den sie herauslässt, wenn sie sich betrinkt – sie hofft, dass er ersaufen wird. Wenn sie versucht, die Erhu zu spielen (auch dafür muss sie betrunken sein), holt sie ihn hervor. Dieser Schmerz ist namenlos, ein eingekapselter Schmerz, eingesperrt in einer Katakombe in der Dunkelheit, wo er allmählich stärker wird.

Die Nacht, in der sie Irasht kennengelernt hat; die Nacht, in der sie in die Katakomben hinabgestiegen ist, um ihre Tochter zu dekantieren – jene Nacht hat ganz dem zweiten Schmerz gehört.

In den Hohen Hallen der Paik Ried gibt es einen Zeremonienteich, in dem die Reiher fischen; dahinter erheben sich die Tore zu den Katakomben.

Diese tragen die Inschrift: Aus den jungen Nachtfaltern machen wir Seide: Lage um Lage wickeln wir ab, was aus ihnen hätte werden können. Das ist ein Verbrechen.

Und dennoch ist Seide schön. Und dennoch wird Seide gebraucht.

So werden Abnarchen geschaffen. Das ist die Folter, der Kaverin ihre erstgeborene und einzige Tochter unterworfen hat.

Die Magierinnen der Paik Ried, Dammbauerinnen, hohe Herrscherinnen von Ais-Ti’ir, versiegeln einige ihrer Säuglinge in steinernen Zellen. Dort wachsen sie heran, ernährt und getränkt mittels lautloser Magie, und das fünfzehn Jahre lang. Ohne Gesellschaft. Ohne einen Lehrer. Ohne je berührt zu werden.

Und in Nächten wie dieser dekantieren ihre Eltern sie wie reifen Wein, um sie in den Krieg zu führen.

»Kaverin. Warte.«

Kriegsherrin Absu trägt Schwarz unter einem roten Mantel: die Farben des Fleisches und des Krieges. Seit einem Jahrzehnt kommandiert sie die Verteidigung des Hochlands. Das Jahrzehnt davor … nun, es ist so: Kaverin mag keine leiblichen Schwestern haben; dennoch hat sie eine Schwester. Die Loyalität zu Absu ist ihr eingebrannt. Absu ist Kaverins Richtschnur.

»Herrin der Heerscharen«, murmelt Kaverin. Sie ist nervös, deshalb verneigt sie sich tief.

Für einen Moment betrachtet die Kriegsherrin sie in stiller Zurückhaltung. »Heute Nacht werden wir dir eine schreckliche Pflicht aufbürden. Die beiden ausgereiften Abnarchen sind die einzige Hoffnung, die uns bleibt.« Ihr Blick! Kaverin erinnert sich an seine Intensität, aber wirklich erinnert sie sich immer erst, wenn er wieder auf sie gerichtet ist. Diese Entschlossenheit!

»Du bist unsere beste Kriegerin. Aber ein einziger Fehltritt kann unsere Vernichtung bedeuten.«

»Ich werde ihr gegenüber nicht nachsichtig sein.« So viel hängt von der Ausbilderin des Abnarchs ab: Sie macht den Unterschied zwischen Sieg und Katastrophe aus.

Der Blick aus Absus goldenen Augen bannt Kaverins Blick. »Der Krieg verlangt uns etwas ab. Wir dienen ihm. Erinnere dich an diese Pflicht, wenn dich die Trauer überkommt.« Ihr Gesicht öffnet sich für die Zeitspanne, die zwischen zwei Lidschlägen liegt – ein Fenster, durch das Schmerz oder vielleicht Mitgefühl dringt. »Wie hast du sie genannt?«

»Yurien«, sagt Kaverin.

Absu nickt ernst. Ihr Gesicht ist eine Landkarte vergangener Schlachten; ihre Augen sind ein Kompass all derjenigen, die noch kommen werden. »Ein guter Name. Geh.«

Und dann, als Kaverin sich gegen die Torflügel aus Granit lehnt, als der Mechanismus aus Zahnrädern und Gegengewichten sie zu öffnen beginnt, spricht Absu eine Warnung aus.

»Du wirst in den Katakomben Firit Japur begegnen. Er ist vorausgegangen.«

Firit. Der Narbenmann, die gebrochene Blume. Kaverins einziger Rivale. Warum ist er vorausgeschickt worden? Warum ist er im Dunkeln bei ihrer verschütteten Tochter?

Kaverin versucht, ihre Anspannung auszuatmen, aber die ist von schreckhafter und ängstlicher Art und lässt sich nicht verscheuchen.

 

Sie steigt in die Katakomben hinab. Acht Kinder warten in der leeren Dunkelheit auf den Tag, der ihnen bestimmt worden ist. Ihre Tochter wartet hier darauf, wiedergeboren und benutzt zu werden.

Die Gesetze, die zum Wesen einer Magierin gehören, schränken ihre Fähigkeiten ein. Tag und Nacht. Luft und Schwerkraft. Der angestammte Platz für eine Adelige im Gegensatz zu dem eines Mannes von niedriger Geburt. Die Struktur einer Sprache. Die Bahnen der Sterne über dem hohen Ais-Ti’ir, der einzigen Zivilisation, die je Bestand gehabt hat. Das alles sind Gesetze, mit denen eine Magierin vertraut sein kann.

Das ist der Grund, warum die Emporkömmlinge der Effekta so viele Magier hervorbringen: Sie füllen die Köpfe ihrer Kinder mit den Mantras »Brüderlichkeit« und »Republik«. Zwar ist das Können der Effekta-Magier begrenzt, vorhersehbar – doch wie kleine Rädchen bilden sie zusammen einen Apparat. Die Magierinnen der Ti’iri dagegen durchwandern die Welt, blaublütig und selten, als Heldinnen.

Es gibt noch andere Wege, einen Magier zu erschaffen. Ein Kind, das in einer steinernen Zelle aufgewachsen ist, kennt keine Gesetze. Alles, was es kennt, ist die Finsternis.

Jenseits der Zellen ist die Decke der Katakomben mit Edelsteinen besetzt, die das Licht der Sterne nachahmen. Firit Japur, ganz in weiße Seide gekleidet, sieht aus wie ein Geist. Er ist groß und schön. Sein Blick gleicht einem chirurgischen Eingriff auf dem Schlachtfeld.

Firit ist nicht immer ein mächtiger Magier gewesen. Nicht bevor er sich in die Hände des Feindes begeben, sich der Folter unterworfen und die Gesetze des Schmerzes in ihrer reinsten Form erlernt hat.

»Warum bist du hier?«, fragt Kaverin.

Firit Japurs Augen brennen in seinem jungen bronzefarbenen Gesicht – alt, scharfsichtig und dunkel wie geronnenes Blut. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, das, was er getan hat, um sich seine Zauberkraft zu erkaufen, habe ihn umgebracht. Er sei nur mehr eine Leiche, für immer erstarrt in der ersten Blüte seiner Manneskraft. Die Gerüchte stimmen nicht, aber Kaverin muss doch an sie denken. Firit ist ein beliebter Gefährte für diejenigen, die demonstrieren wollen, dass sie Geschmack an der Gefahr finden.

»Du weißt es noch nicht«, sagt er, und dann: »Sie hat es dir nicht gesagt. Absu hat dir nichts gesagt.«

Oh.

Kaverin begreift sofort. Sie macht einen Schritt vorwärts – andernfalls hätte sie die Flucht ergriffen.

»Sie haben sie dir gegeben«, sagt sie heiser. »Yurien. Meine Tochter.«

»Und dir meine.«

»Was?«

»Meine Tochter Irasht.« Ein schrecklicher Abgrund bricht in seinem Gesicht auf, eine zerklüftete Schlucht, die Kaverin als Trauer erkennen könnte, wenn sie ihn für ein menschliches Wesen hielte – oder, klüger vielleicht, als Zorn. »Die Kriegsherrin möchte uns davor bewahren, uns zu sehr an unsere Schützlinge zu binden. Deshalb wird deine Tochter meine Abnarchin sein und meine Tochter die deine.«

Sie will in Tränen ausbrechen: Sie wird ihre Tochter niemals kennenlernen. Gleichzeitig will sie in verschämter Freude aufschreien: Sie muss ihre Tochter nicht kennenlernen! Dieser Gedanke jedoch entspringt ihrer Feigheit.

Kaverin sagt das Unflätigste, was ihr in den Sinn kommt: »Du hast nie erwähnt, dass du ein Kind gezeugt hast.« Frauen haben damit geprahlt, ihn in ihrem Bett gehabt zu haben, haben sogar einen Wettbewerb daraus gemacht – er ist schön, und sein niedriger gesellschaftlicher Stand macht ihn skandalös, verlockend; und sorgt außerdem dafür, dass er Avancen nachgibt. Aber Ti’iri-Frauen empfangen nicht, ohne es zu wollen. Wer …?

Er zieht die Mundwinkel herunter; seine vollen Lippen bilden eine schmale Linie. Die Kluft, die ihn durchzieht, hat sich nicht geschlossen: Trauer und Hass kleben an ihm wie zäher Schlachtfeldschlamm. »Die Mutter wollte das Blut eines Zauberers, um ihre Frucht damit zu tränken. Das Kind war für die Katakomben bestimmt. Mehr gibt es nicht zu sagen.«

»Das hast du getan, um mich zu verletzen.« Es ist ihre Wut, die sich Bahn bricht, aber Kaverin hat nicht die geringste Hoffnung, hier und jetzt einen Sieg zu erringen, also lässt sie es zu. »Du hast gewusst, dass das passieren würde, nicht wahr? Vor fünfzehn Jahren hast du das geplant? Du hast ein Kind gezeugt, bloß damit sie es mir geben, damit du meine Tochter bekommst, damit du endlich doch noch sagen kannst: Ich besitze etwas, das Kaverin Berglöwe haben will?«

Er greift sie unvermittelt an – das Wort, das er spricht, würde jeden geringeren Magier töten, den drittbesten, den viertbesten oder vielleicht sogar Firit, den zweitbesten, selbst. Kaverin aber wehrt es ab, ohne einen Gedanken daran verschwenden zu müssen: mit einem prompten, absoluten Nein. Er muss gewusst haben, dass sie das tun würde.

»Du hast alles, was ich je gewollt habe«, faucht er, und es kommt ihr so vor, als könnte sie durch das Halbdunkel seiner Haut und das Weiß seiner Knochen hindurchblicken bis auf das Gift in seinem Innersten, bis auf den Schmerz, den er unter dem Messer des Feindes kennengelernt hat.

Sie wendet sich ab.

Sie entsiegeln die Zellen und dekantieren ihre Kinder.

Das Mädchen Irasht, die Tochter Firit Japurs, wartet mit weit aufgerissenen Augen zitternd in der Mitte ihrer Zelle. Als Kaverin sich ihr nähert, rappelt sie sich auf dünne Beine auf und bildet mit den Lippen leise Laute: ah, ah, ah.

Sie weiß nicht, was ein Mensch ist. Sie hat noch nie einen gesehen.

Bis Kaverin das Mädchen dazu gebracht hat, sich unsicher staksend vorwärts zu bewegen, hat Firit Japur Yurien längst aus ihrer Zelle geholt und ist mit ihr gegangen. Alles, was Kaverin von ihrer Tochter mitbekommt, ist das Geräusch von Schritten, die sich entfernen.

Kaverin legt vor Absu Widerspruch ein. Sie platzt in eine Sitzung des Kriegsrats hinein, wischt die winzigen Eulen von der Landkarte, die den Feind darstellen, und verlangt schäumend vor Wut nach ihrer Tochter Yurien.

Doch die Kriegsherrin sagt: »Ohne die beiden Abnarchen an der Front werden sie uns in diesem Sommer vernichten. Sie werden unsere Stauseen öffnen, unsere Männer in ihre Bruderschaften verschleppen, und mit unserer Seide werden sie den Hintern ihres hochnäsigen jungen Imperiums abwischen. Deine erste Pflicht ist die einer Soldatin. Kümmere dich um deinen Schützling, Kaverin.«

Also: Es ist eine Nacht des zweiten Schmerzes.

 

Zieh an die Front. Bilde deinen Abnarch unterwegs aus. Der Sommer ist da, und der Feind bewegt sich auf den Dämmen.

Kaverin verflucht Absus Wahnsinn: Sie soll das Mädchen unterwegs ausbilden? Es besteht die Gefahr, dass Irasht sich völlig in sich selbst zurückzieht, überwältigt vom Lärm und dem Gestank der Welt jenseits ihrer Zelle. Oder dass sie in Verleugnung dieser Welt losschlägt und sich, Kaverin und das gesamte Gefolge auslöscht sowie anderthalb Kilometer von Ais-Ti’irs Hochland ausradiert.

Aber Kaverin kennt Absu von Kindheit an, und all der Wut zum Trotz, die sie Absu ins Gesicht geschleudert hat – sie hat nie erlebt, dass Absus goldene Augen einen Krieg falsch beurteilt hätten.

Sie stellt fest, dass sie nicht einschlafen kann, ehe sie nicht etwas zerstört hat: einen Zweig zerbrochen, die Saite einer Leier zerrissen. Manchmal braucht es mehr als eine Saite.

Wenn sie Irasht anschaut, die in zaghafter Ehrfurcht herumstolpert wie ein Vogeljunges, das aus dem Nest gefallen ist, fragt sie sich jedes Mal: Wo ist meine Tochter? Sie denkt: Ich könnte zu diesem Jungen aus dem Volk gehen und ihm Yurien wegnehmen. Er könnte mich nicht daran hindern. Aber sie kann sich nicht gegen Absu und die Paik Ried stellen. Kann sich dem mitleidlosen Willen, der Ais-Ti’ir beschützt, nicht widersetzen.

Also stählt sie ihr Herz und beginnt mit Irashts Ausbildung.

»Schhh«, murmelt sie – Irasht erstarrt, wenn jemand sie berührt, und muss beruhigt werden. »Schhh.« Sie lässt ein kaltes Bad ein, während das Abnarch-Mädchen gebannt das Sprudeln des Wassers beobachtet. Als Kaverin sie aufhebt, einen Arm unter Irashts zerbrechlichen Nacken geschoben, einen unter ihre aneinanderstoßenden Knie, und sie in das eisige Wasser gleiten lässt, reagiert Irasht nur mit einem leisen »Oh«. Die Temperatur scheint sie nicht weiter zu stören, auch nicht, als Kaverin sie zurücklehnt, um ihr verfilztes Haar zu waschen. Sie bewegt die Hände in kleinen Kreisen durch das Wasser und starrt die aufgewühlte Oberfläche an. Kaverin glaubt, dass sie versucht, zwei Sinneswahrnehmungen miteinander zu vereinbaren: den Anblick des Wassers, das sich um ihre Handflächen kräuselt, und das Gefühl des Wassers auf ihrer Haut. Ob ihr das gelingt, kann Kaverin nicht sagen.

Irasht ist auf der Höhe ihrer Macht als Abnarchin. Jeder logische Schluss, den sie zu ziehen lernt, wird sie einschränken. Wenn sie den Unterschied zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang wahrnimmt, wird sie schwächer werden. Wenn sie begreift, dass die tönenden Gestalten um sie herum Menschen sind wie sie selbst, wird sie als Waffe weniger taugen. Also hält Kaverin sich an die strikte Ausbildungsdisziplin. Keine Sprache. Einfache Mahlzeiten. Wenn möglich, strenge Isolation.

Aber sofern Irasht von Nutzen sein soll, muss sie lernen, ihrer Ausbilderin zu vertrauen. (Oder ihre Ausbilderin zu fürchten, würde Firit Japur sie erinnern. Oder das.) Deshalb bemüht Kaverin sich um sie – mit Berührungen, bedeutungslosen Lauten, kleinen Gesten des Mitgefühls. Hält Irasht fest, wenn sie überwältigt ist und sich kratzend und zischend in einen Anfall hineinsteigert.

Irasht ist kaum mehr als das verbrannte Überbleibsel eines Menschen – ein stures Stück Kohle, das aus einer Feuerstelle geholt worden ist. Ihr Blick ist zu starr, und wie ein streunender Hund muss sie erst lernen, stubenrein zu sein. Zu Kaverins Frustration und Scham – so tief bin ich gesunken? – findet sie heraus, das Irasht nicht kauen kann. Also zerkrümelt sie das Essen des Mädchens mit eigenen Händen.

Die ganze Sache wäre einfacher, wenn es Kaverin gelänge, nichts anderes als eine Waffe in Irasht zu sehen.

Aber auf dem Weg zur Front kommen sie an Dörfern und Berghöfen mit ihren terrassenförmig angelegten Hängen vorbei, und Kaverin beobachtet, wie Irasht Dinge tut, die einen Meißel an ihr versteinertes Herz setzen. Wenn Irasht eine Tür entdeckt, geht sie dorthin und wartet geduldig auf der Schwelle – es ist, denkt Kaverin, als hoffte sie, von jemandem hereingelassen zu werden.

Wenn es im Zelt zu dunkel wird, gerät Irasht in Panik und verfängt sich in ihrem Bettzeug. Das rührt Kaverin: Irasht fürchtet sich davor, in die Finsternis zurück zu müssen. In gewisser Weise ist das ein Trost. Es gibt Kaverin das Gefühl, dass es ein gutes Werk gewesen ist, Irasht aus den Katakomben empor ins Licht zu holen.

Sie nimmt Irasht mit nach draußen, damit das Mädchen zum ersten Mal die Sterne sehen kann, hält es in den Armen, wiegt es und denkt: Das haben wir getan. Wir haben sie so gemacht.

Nein. Der Krieg ist schuld. Der Krieg verlangt Opfer.

Die Effekta produzieren Magier in unermesslicher Zahl. Backen sie wie Brotlaiber. Kaverin weiß das, weil sie diese Magier scharenweise abgeschlachtet hat. Sie können wenig, bloß schwache Schilder aufbauen und ein paar Funken schleudern – in den Gesetzen ihrer Gesellschaft hat Heldentum keinen Platz, und Kaverin vermutet, dass ihnen Heldentum auch nicht im Blut liegt.

Aber es sind so viele. Sie gewinnen den Krieg.

Und dieses Mädchen ist nicht ihre Tochter.

 

Alles, an dem sie vorbeikommen, ist, falls sie versagen, dem Untergang geweiht. Die terrassierten Berghöfe und Wasserfallmühlen des Hochlandes. Die Bibliotheksschiffe, die, von Möwen umkreist, auf Stauseen schwimmen – Stauseen, geschaffen von Magierinnen vergangener Jahrhunderte.

Seit Geschichte erinnert wird, war Ais-Ti’ir das Auge des Sturms im Herzen der Welt. Und obwohl es nicht ohne Makel ist, glaubt Kaverin noch immer mit patriotischem Feuer, dass das hohe grüne Land Ais-Ti’ir überdauern muss.

Firit Japur reist mit ihrer Truppe. Seine Gesellschaft ist unangenehm, aber eine militärische Notwendigkeit. Kaverin redet sich ein, es sei gut, Yurien in ihrer Nähe zu haben, aber die Lüge ist offensichtlich. Firit bleibt mit seiner Abnarchin für sich, und der Abstand zwischen Kaverin und Yurien scheint endlos – ein Abgrund so weit wie Trauer und so tief wie Pflicht.

Als sie aus dem Hochland herabsteigen, den Dämmen und der Kriegsfront entgegen, kommt Firit in ihr Zelt, um ein Mahl mit ihr einzunehmen und um zu prahlen. »Yurien ist bereit. Sie kann jetzt eingesetzt werden. Wenn ich ihr ein Bild zeige, verändert sie die Welt, damit sie dem Bild entspricht.«

Kaverin stellt ihre Tasse sehr behutsam ab. Sie hat noch nicht einmal angefangen, Irashts Magie in nützliche Bahnen zu lenken. »Ach?«

»Du glaubst, dass ich lüge.«

»Nein«, sagt Kaverin. Der Feuerschein verwandelt Firits Schönheit in etwas, das beinah schmerzhaft anzusehen ist: in eine Elfenbeinschnitzerei, mit einer Mischung aus Salpetersäure und Silber in sein Gesicht geätzt; von den hungrigen Blicken, die ihn jahrelang verfolgt haben, in seine Knochen hineingeschnitzt. Kaverin streicht am Gefühl des Hasses entlang wie an der Schneide eines Messers – heiß und glitschig ist es, als wäre es gerade aus einem Körper herausgeglitten. »Ich glaube dir.«

»Und Irasht?« Das Kajal auf seinen Augenlidern verwandelt sein Blinzeln in einen Mechanismus, der Tore aus schwarzem Stein öffnet. »Ist meine Tochter für den Krieg vorbereitet?«

Kaverin hebt das Kinn. »Ich brauche mehr Zeit.«

Firit betrachtet sie über das Feuer hinweg. Sie kann nicht sagen, was es ist – etwas im Ausdruck auf seinem Gesicht? Die Haltung seiner kräftigen Bauernschultern? Oder die Art, wie er dasitzt, so aufrecht, so diszipliniert, als wollte er sie daran erinnern, dass sie von edlerer Geburt ist als er? Es könnte jede dieser Kleinigkeiten sein, durch die er seinen Hohn zum Ausdruck bringt. Oder vielleicht bildet sie sich das auch nur ein.

Trotzdem durchbricht Kaverin das Schweigen mit einem Zischen: »Was hast du ihr getan?«

Firit Japur wendet den Blick ab.

»Welche Methode hast du angewandt?«, fragt Kaverin beharrlich und lehnt sich über das Feuer. Die Hitze ist sengend, aber sie sperrt sie zwischen ihren Armen ein wie in einen Käfig. Der Schmerz macht sie nur wütender. »Wie bist du so schnell an sie herangekommen? Hast du einen deiner Messertricks eingesetzt? Was hast du getan?«

»Ich habe getan, was ich immer getan habe. Ich habe meine Befehle befolgt.« Die Sanftheit seiner Stimme, die Neigung seines Kopfes – für einen Augenblick ist er wieder der Junge mit dem unglaublichen Talent, den Absu aus den Arbeiterquartieren herausgefischt hat. Dann kehrt sein Zorn zurück. »Yurien wird bereit sein, wenn der Feind kommt. Warum bist du wütend? Was kannst du mehr von mir verlangen?«

Sie wartet, macht über dem Feuer zusammengekauert einen Buckel wie ihr Namensvater, und er sitzt in stummer Unterwürfigkeit da, zittert in dem Bedürfnis zu fliehen, sich ihr zu ergeben oder sie zu töten (es gefällt ihr nicht, seine Gedanken erraten zu müssen).

Schatten bewegen sich durch das Zelt.

Im Schlafzelt fängt Irasht an, klagend zu schreien. Als Kaverin sich erhebt, um zu ihr zu gehen, erhascht sie einen Blick in Firits Augen und sieht, wie unter dem Gewicht dieses Schreis etwas in ihm zerbricht – etwas, das schon vor langer Zeit gesplittert ist, das seitdem auseinanderfällt.

»Pass auf meine Tochter auf«, sagt sie. Sie glaubt, dass nichts, was sie sonst noch sagen könnte, ihm so wehtun wird wie das.

 

Irasht beginnt damit, Dinge zu sammeln. Besitz bedeutet ihr nichts, aber nachdem Kaverin sie ein paar Mal still getadelt hat, konzentriert sie sich auf Trinkschläuche. Bald lernt sie, ihren Ärger zu zeigen, indem sie Wasser auf den Boden gießt.

Kaverin lacht vor Freude auf, wird dann aber wieder ernst. Das Mädchen ist so weit; Kaverin kann es testen.

Am Flussufer findet sie drei kleine Steine, die sie Irasht zeigt. Die Abnarchin hockt sich hin, den Kopf schief gelegt, und wartet auf Kaverins Befehl.

Kaverin wedelt mit den Fingern. Es ist das Zählspiel. Zähl drei Steine, Irasht.

Drei, zeigt Irasht an: drei Finger.

Kaverin hält vier Finger hoch.

Irasht, die Stirn gefurcht, wiederholt die Geste: Drei. Sie winkt ihre erhobenen Finger durch die Luft und gibt einen hellen zwitschernden Laut von sich. Drei, drei. Das sind drei Steine.

Kaverin antwortet mit Reglosigkeit: vier Finger. Vier Steine.

Irasht kneift in ihrer Verwirrung die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

Dann liegt mit einem Mal ein kaum merkliches Gewicht zusätzlich in Kaverins Handfläche. Ein vierter Stein, beschworen aus dem Nichts. Das ist das Wirken von Irashts Abnarchie: Konfrontiert mit einer Kluft zwischen der Wirklichkeit, die sie sieht, und der Wirklichkeit, auf der Kaverin besteht, hat Irasht die Unstimmigkeit beseitigt.

Kaverin umarmt Irasht, küsst sie zärtlich auf die Stirn und beschwört ein Luftbild des sternenübersäten Nachthimmels für sie herauf. Irasht zittert vor Glück, wenn sie diese Lichter in der Dunkelheit sieht.

 

Der Krieg bricht wieder los. Zwanzigtausend Speerkämpfer der Effekta und vierhundert Magier marschieren unter dem Gimpel Adschu-ai Kaswan auf einen der südlichen Dämme zu.

Ein Reiter bringt Kunde von Kriegsherrin Absu: Ich habe eure Berichte ausgewertet. Firit Japur wird Yurien gegen den Feind einsetzen. Kaverin, dein Abnarch ist nicht einsatzbereit. Sorge für ihre Sicherheit.

Alles, was daraufhin geschieht, spielt sich vor Kaverins Augen ab.

Sie sieht, wie Firit Yurien über die Brücke unterhalb des Damms trägt (sie ist eine kleine dunkle Silhouette, schlaff; nur ihr Haar weht im Wind). Sieht, wie er Yurien auf die Füße stellt und die Arme zum Himmel hebt. Sieht, wie beide Heere unter der Brücke furchtsam aufblicken, als er in die Abenddämmerung hinein ein Bild zeichnet: die Soldaten der Effekta mit zerbrochenen Gliedern.

Dann legt er die Hände über Yuriens Ohren.

Kraft ihrer eigenen Zauberkunst hört Kaverin das Kreischen, das er im Kopf ihrer Tochter erzeugt: ein Kreischen wie von einem zerspringenden Albtraum, so schrecklich, dass die Schlachtrufe sich dagegen sanfter als ein Schlaflied anhören.

Kaverin, die ihre Tochter nicht beschützen kann, zerbricht mit einem einzigen vernichtenden Wort den Stamm eines Baumes.

Yurien gibt einen Laut von sich, tief und grauenvoll – als er auf die entfernten Berge trifft, löst er Lawinen aus. Als er über die vorderste Front des Heers der Effekta hinwegrollt, flammen die Schilde ihrer Zauberer auf.

Was die Schilde durchdringt, ist genug. Kaverin sieht Männer fallen; sie ertrinken in Asche und Wasser, in dem Schlamm, der mit einem Mal aufwallt, um ihre Lungen zu füllen. Adschu-ai Kaswan, von seiner Elitetruppe abgeschirmt, überlebt, um mit seinen dezimierten Streitkräften den Rückzug anzutreten. Sie fliehen nach Westen, verfolgt vom Gebrüll der Ti’iri-Soldaten, die auf ihre Schilde schlagen und rufen: Das Wasser spült den Dreck hinfort!

Auf der Brücke unterhalb des Damms hebt Firit Japur das gestürzte Mädchen auf. Sie schlingt die Arme um seinen Hals und versucht, sich ganz klein zu machen.

Die Schlacht ist gewonnen. Yurien ist einsatzfähig. Alles, was es braucht, ist ein beinerner Himmel und ein Schrei in ihrem Schädel.

Als Kaverin in die Mitte des Zeltlagers kommt und darum bittet, ihre Tochter sehen zu dürfen, blickt Firit Japur sie mit kalter Verachtung an. »Du hast sie heute gesehen«, sagt er. »Du weißt alles, was du wissen musst. Sie ist eine Waffe.«

Kriegsherrin Absu schreibt: Firit Japur hat das Kommando. Schlagt den Feind zurück, wo ihr auch auf ihn trefft. Firit, setz den Abnarch ein, bis es nicht mehr zweckdienlich ist.

Kaverin, du musst deinen Schützling auf dasselbe Niveau bringen.

 

Die Zeit der Feldzüge fließt vorbei in Regen, Donner und Blut. Die Magier der Effekta erproben ausgeklügelte neue Abwehrstrategien; unter Firit Japurs Anleitung zerschmettert Yurien jede einzelne davon. Die Ti’iri gewinnen eine Schlacht nach der anderen. Bald gehen sie aus der Defensive heraus zum Angriff über.

Kaverin verfolgt ihre eigene Methode mit sturer, verzweifelter Entschlossenheit. Firits Vorgehensweise – zuerst das Bild, das verwirklicht werden soll; dann der Ansporn, durch den der Abnarch in Angst und Schrecken versetzt wird; zuletzt die Aussicht auf Linderung – ist direkt. Krude. Ihre Lösung ist eleganter.

Ein Symbol: die Dunkelheit. Das leere Schwarz aus Irashts Kindheit. Schlecht.

Ein zweites … vielleicht hätte sie etwas anderes aussuchen sollen, etwas weniger Zerbrechliches, weniger Hilfloses. Aber Irasht reagiert stärker auf die Verheißung von Liebe als auf irgendetwas sonst.

Das zweite Symbol ist ein Sternenhimmel: wie der Himmel, der sich über ihnen aufgespannt hat, als Kaverin Irasht in den Armen gehalten und vor der Dunkelheit beschützt hat. Das einzige Gut, das Irasht kennt.

Ein paar der Soldaten in Kaverins Gefolge vereinen ihre Fertigkeiten, um Irasht Puppen zu basteln. Sie spielt mit ihnen, stumm; Kaverin schaut ihr zu und fragt sich, ob von der Person, die Irasht hätte werden können, noch etwas übrig ist. Ist sie ganz verkümmert? Oder schlummert etwas – vertrocknet und zusammengekrümmt – in dem Mädchen, das still auf ein paar Tropfen Regen wartet?

Legenden erzählen von längst vergangenen asketischen Königen, die sich in ihrer Transzendenz und Gelassenheit freiwillig in Gefangenschaft begeben haben sollen, um die Gesetze zu vergessen, die sie beschränkten. Auf diesen Legenden gründet sich die Abnarchen-Technik. Doch die Einkerkerung der Könige war selbst gewählt.

Wie würde Irasht entscheiden, wenn sie die Wahl hätte? Weiß sie, wie man etwas entscheidet?

Kaverin schüttelt den Kopf und steht auf. Philosophische Fragen haben zu warten. Irasht muss einsatzbereit gemacht werden. Bis sie so weit ist, braucht Firit Japur sich nicht einmal die Mühe zu machen, Kaverin zu verspotten. Seine Abnarchin ist die Hoffnung Ais-Ti’irs, während ihre mit Puppen spielt.

Am Abend nach einer siegreichen Schlacht begegnet sie Firit. Es ist zu dunkel, um sein Gesicht erkennen zu können, aber sie riecht den Wein durch den Rauch der vielen Lagerfeuer hindurch, um die ausgelassene Soldaten sitzen. »Kaverin«, krächzt er. »Kaverin Heuchlerin. Komm. Setz dich zu mir.«

Sie geht ihm gegenüber in die Hocke, macht aber kein Licht, um die Schatten zu vertreiben. »Gib acht.« Die Worte sind eine Drohung; ein Schnurren.

»Du bist gut zu meiner Tochter.« Er hebt etwas hoch, und sie öffnet den Mund, um sich zu verteidigen – aber nein, es ist nur ein Becher. »Mein verräterisches Herz ist dankbar.«

»Ich werde sie schon noch vorbereiten.«

Das Weiße in seinen Augen leuchtet in der Dunkelheit auf. »Erbarmen mit einem zerbrochenen Wesen? Dafür ist es zu spät, Kaverin. Jahre zu spät.«

»Der Krieg hat sie zerstört.« Das alte, verzweifelte Mantra. »Nicht wir.«

»Hat Absu dir das eingeredet? Nein, nein … es ist unsere Entscheidung. Die Paik Ried entscheiden sich dafür, ihre Kinder zu opfern. Wir entscheiden, sie lebendig zu begraben.« Ein nasses Geräusch – wie Speichel, der im Mund gesammelt wird, wie ein ersticktes Schluchzen. »Heißt es nicht: Die Mutter trägt das Kind für neun Monate, der Vater für neun Jahre? Das haben sie mir weggenommen. Sie haben für mich entschieden und mir Irasht weggenommen.«

»Das ist Verrat …«, flüstert Kaverin, aber es gelingt ihr nicht, Nachdruck in den Vorwurf zu legen. Es geht ihr gegen die Ehre, einen so schönen Mann so tief sinken zu sehen.

Er erhebt sich schwankend, und sie löst sich aus ihrer Lauerstellung, um es ihm gleichzutun.

»Du bist die Verräterin. Dein Erbarmen ist der Verrat. Irasht ist gestorben, als Absu sie in eine dieser Zellen gesperrt hat. Was daraus hervorgekommen ist, ist eine Waffe. Aber du bist zu schwach, um sie einzusetzen … Als könntest du sie anstelle von Yurien beschützen. Ist das dein Geheimnis, Kaverin Berglöwe? Möchtest du eine warme Puppe haben, die den Platz deiner Tochter einnimmt?«

»Absu?« Kaverin hebt eine Hand, um ihre Augen gegen ein plötzliches Aufleuchten am Himmel abzuschirmen. Sie schießen Feuerwerk vom Berghang. »Absu ist Irashts Mutter?«

Firit Japur neigt ihr das Gesicht zu. In dem grellroten Glühen des Feuerwerks sieht seine Haut aus, als wäre sie geröstet worden. »Sie hat mich geliebt.«

Es ist einleuchtend. Firit Japur ist von niederer Geburt, und das bedeutet: mächtiges Blut, aber keine politischen Verwicklungen. Absus fähiger Verstand würde eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen – die Gelegenheit, eine Abnarch-Waffe zu erschaffen, ohne das Begräbnis des Kindes gegen einen adeligen Vater durchsetzen zu müssen.

Kaverin kann sich nicht vorstellen, dass dabei Liebe im Spiel war.

Offenbar liest er den Gedanken in ihren Augen. »Sie hat mich geliebt«, sagt er rau. Er ist den Tränen nahe, aber sein Zorn, sein Stolz und sein unübersehbares, quälendes Bedürfnis, mehr zu sein als nur ein Mann, helfen ihm dabei, die Fassung zu bewahren. »Das hat sie. Das hat sie. Du glaubst, ich hätte mir das ausgedacht? Um mein gebrochenes Herz mit einem Riemen zusammenzuschnüren? Verflucht sollst du sein. Verflucht.«

Kaverin blickt ihm nach, während er davonstolpert. Das Gefühl in ihrer Brust, alt und sonderbar, ist Mitleid.

 

Ein Flügel des Heeres der Effekta umgeht die Gegenoffensive der Ti’iri und marschiert zum Damm bei Tan Ash. Absu befiehlt Firit Japur und Yurien beim Hauptteil der Truppe zu bleiben und schickt Kaverin und Irasht los, um Tan Ash zu retten.

Kaverin fühlt sich nicht. So viel hängt von Irasht ab, und Firit Japurs Worte hallen immer noch in ihr nach: Du bist zu schwach, um sie einzusetzen.

Sie will Ais-Ti’ir retten; von jeher hat sie dafür gekämpft. Trotzdem kann sie nicht glauben, dass das Mädchen, das sich nachts von ihr in den Armen halten und trösten lässt, nichts anderes ist als eine Waffe.

Sie möchte glauben, dass das, was sie ihren Töchtern angetan haben, irgendwie wiedergutzumachen ist.

Und dennoch stößt sie Irasht auf den Felsvorsprung oberhalb des Schlachtfelds hinaus und zeigt ihr das Zeichen für falsch neben dem Banner der Effekta, der Eule mit den steinernen Augen. Sie wendet nicht Firit Japurs Methode an – sie malt kein Bild für Irasht, das wahr werden soll. Stattdessen sagt sie bloß: Das hier ist falsch. Dieses Heer ist falsch. Den Rest überlässt sie dem Mädchen.

Aus Irashts Kehle steigt ein bestürzend roher Laut auf – als würde sie versuchen, alles hochzuwürgen, was sie je verletzt hat. Für einen Moment brennt ihr Wille so hell, dass Kaverin vor Schmerz aufschreit.

Im Tal unter ihnen verschwindet das Heer der Effekta von einem Moment auf den anderen. Fünfundfünfzigtausend, vom Erdboden verschluckt. Selbst die Abdrücke ihrer Stiefel sind fort.

Es gibt keine Überlebenden. Noch nie zuvor in der Geschichte der Ti’iri hat es eine mächtigere Demonstration magischer Kräfte gegeben.

Nach der Schlacht schiebt Kaverin alle Gesetze beiseite – die Gesetze des Nicht-Sprechens, der Isolation –, umarmt Irasht und flüstert Liebesbekundungen, bis das Mädchen damit aufhört, seine eigene Haut zu zerkratzen. Irasht hat ein paar Worte sprechen gelernt. Sie kann sagen.

Aufhören. Aufhören. Aufhören.

Wir hören bald auf, verspricht Kaverin. Ich beschütze dich. Kämpf nur noch ein kleines bisschen weiter.

In wortloser Not klammert sich Irasht an sie. Der sichere Instinkt einer Magierin sagt Kaverin, dass Irasht nicht viele Schlachten überstehen wird. Sie wird es vorziehen, sich selbst auszulöschen und das Leiden zu beenden.

Eine Nachricht kommt von der Angriffsspitze der Ti’iri bei Kadpur – von Firits Heer, dem Heer ihrer Tochter: Wir stehen dem Hauptteil der Streitkräfte der Effekta gegenüber. Sie haben mehr Männer, als es Ameisen auf der Welt gibt. Mehr Magier als Sterne am Himmel. Kwat-ai Rista führt sie an. Beeil dich, zu uns aufzuschließen, Kaverin!

Dann ein Befehl der Kriegsherrin Absu.

Wir können nicht das Leben beider Abnarchen an einem einzigen Tag riskieren.

Firit Japur. Deine Waffe ist kriegserprobt. Du wirst den Feind bei Kadpur besiegen. Greif augenblicklich an.

Als Kaverin die Front erreicht, ist die Schlacht bereits vorbei. Das Heer der Effekta hat sich mit außergewöhnlich hohen Verlusten zurückgezogen. Firit Japur hat Kwat-ai Ristas Elitetruppe vernichtet und beinahe auch den Bruder-General höchstselbst.

Der Preis ist gering, wenn man auf die Zahlen schaut.

Kaverins Tochter Yurien ist tot.

 

Sie lässt Irasht mit ihren Puppen und einem Wächter aus ihrem Gefolge zurück und geht in das schlafende Lager hinunter, um den Mann zu finden, der ihr Mädchen verloren hat.

Firits Zelt ist unbewacht. Kaverin schließt den Eingang hinter sich, Knoten für Knoten. Alles hier ist aus Seide. Firit, der Zweitbeste, reist wie der Hochwohlgeborene, der er nie war.

»Ich habe Tee vorbereitet«, sagt er. Die Kerzen, die er um sich herum aufgestellt hat, beleuchten ihn von unten her. Geflochtenes Haar, stolzes Kinn, leere Augen. Eine eiserne Kette schmückt seinen Hals, eine zweite sein linkes Handgelenk. Am nackten Knöchel trägt er Silber.

Sie lässt sich ihm gegenüber auf die Kissen sinken. Die Anordnung des Teegeschirrs ist akkurat. Er hat die Winkel mit der geometrischen Exaktheit eines Höflings abgemessen.

Sie stützt die Hände vor ihren Knien auf den Boden, die Handflächen nach unten. »Meine Tochter.«

Sein Unterkiefer zittert, kurz. »Ich habe ihr zu viel abverlangt.«

»Das«, sagt sie, und jedes Wort ist wohl gesetzt, wie ein Schlag, wie ein Kuss, »habe ich folgern können.«

»Drei Mal hat sie zugeschlagen … hat Fleisch zu Erde werden lassen, dann zu Luft, dann zu Wasser. Ihre Magier haben versucht, sie zu töten. Ich habe sie zurückgehalten. Deshalb war ich abgelenkt. Aber nach ihrem dritten Angriff …« Seine Haltung ist steif, förmlich. Er stockt – einmal –, um in seine locker zusammengelegten Hände zu hauchen. »Es war alles zu viel für sie. Sie hatte so viel getan, aber die Welt war nicht besser geworden, und sie, oh, sie konnte nicht weitermachen. Sie ist zu Wasser geworden wie all die Soldaten, die sie umgebracht hat, und in den Boden gesickert. Ich habe versucht … ich habe eine Fahne heruntergerissen und versucht, sie … sie darin aufzufangen …«

Sein Mund öffnet sich zu einem verzerrten Grinsen, und er stößt ein schreckliches Geräusch aus, das kein Lachen sein kann, aber nicht sanft genug ist für ein Schluchzen.

Kaverin rückt das Teegeschirr beiseite, Stück für Stück, und nimmt ihn in die Arme.

»Ich habe deine Tochter getötet«, sagt er in ihre Halsbeuge. »Ich habe sie getötet.« Er legt die Hände auf ihre Schultern und versucht, sie wegzuschieben. »Ich habe sie getötet. Ich habe sie getötet.«

»Firit.« Sie lässt ihn nicht los. »Deine Trauer macht dich nicht zu einem Schwächling.«

»Ihr werdet mich so sehen. Das tut ihr immer.« Ihr. Nicht du.

Sie nimmt sein Gesicht in ihre Hände, und, ahhh, ihre Muskeln haben nicht vergessen, wie sie sich bewegen müssen, um Glieder zu verdrehen; sie weiß, wie es sich anhört, wenn Knochen nachgeben; wie es sich anfühlt, wenn der letzte Atemzug den sterbenden Körper verlässt. Er hat Yurien getötet. Er hat …

Sie wird es nicht tun.

»Du hast das Recht zu trauern«, sagt sie, obwohl eine leise Stimme in ihr gegen jedes einzelne Wort protestiert. »Du hast mehr geopfert als irgendwer sonst. Heute hast du wieder getan, was du immer tust. Einen Preis entrichtet, der zu hoch war.«

»Du ebenso. Sie war dein Blut.«

Darauf antwortet sie nicht. Sie weiß nicht, wie.

»Ich habe sie geliebt, als wäre sie mein Kind«, sagt er, gibt nach und fängt an zu schluchzen.

Sie reden ein wenig. Meistens schweigen sie. Die entrückte Stimmung, die auf tiefe Trauer folgt; Firits physische Nähe; die Erinnerung an die vergangenen Monate auf der Straße, während derer sie ihn beobachtet hat, verleiten Kaverin schließlich dazu, sein Kinn in die Hand zu nehmen und ihn zu küssen.

»Nein«, sagt er und wendet sich ab. »Nein. Du nicht auch noch. Es ist genug.«

»Für mich sind Männer keine Trophäen.« Sie bereut ihre Worte sofort. Es ist nicht das, was er hören muss.

»Du glaubst, das ist die einzige Art, auf die ich mich ausdrücken kann.« Er lacht mit plötzlicher beißender Kälte. »Ich erringe den größten Sieg unserer Zeit. Verliere deine Tochter – und meine! Und meine! – um unseren Triumph zu erkaufen.« Er hält inne, um sich zu sammeln. Sie lässt ihm Zeit. »Aber hier sitze ich, in meinem eigenen Zelt, immer noch Firit, der Zweitbeste. Immer noch der Schönling

»Firit«, flüstert sie. »Es tut mir leid. Ich wollte mich ablenken … das war nicht richtig.«

Er zieht sich ein Stück weit zurück, um eine hoch konzentrierte Inspektion erst des Teegeschirrs, dann der Sitzkissen durchzuführen. »Ihr Hochwohlgeborenen vergesst immer eine Kleinigkeit: Wenn ihr etwas zerbrecht, bleibt es zerbrochen. Ihr könnt einem zerstörten Ding nicht befehlen, sich wieder zusammenzufügen. Das könnt ihr nicht befehlen und dann darüber lachen, dass es überhaupt heruntergefallen ist.«

Sie hat unerwarteten Trost darin gefunden, ihn zu halten. Deshalb sagt sie, ihrem Stolz zum Trotz: »Jetzt hast du auch mich gebrochen gesehen.« Anders weiß sie sich nicht bei ihm zu bedanken.

»Nein.« In seiner Stimme klingt die Wahrheit erlittenen Schmerzes mit, halb verschüttet unter der Trauer. »Noch nicht.«

Das tut weh, aber es stimmt. Sie hat ihre Tochter nicht gekannt. Er schon.

Sie steht auf, um zu gehen, bleibt aber am Zelteingang unschlüssig stehen; als sie zu ihm zurückschaut, bleibt ihr Blick an seiner sorgfältig aufgetragenen Schminke hängen, an den Linien seines Körpers, die sich unter seinen Kleidern abzeichnen. Sie zögert.

Er sagt: »Komm zurück.« Sagt es, als würden die Worte sich ihm entringen. »Ich möchte dir helfen. Ich will das sein, was du brauchst.«

»Firit …«, sagt sie, warnt ihn, warnt sich selbst.

Sein Blick ist eindringlich. »Ich möchte jemandem etwas sein«, sagt er. Das kann sie ihm nicht abschlagen.

Nicht alles, was zwischen ihnen geschieht, erwächst aus der Trauer. Auch er hat sie beobachtet – obwohl er es nicht ausspricht, gibt er das zu. Es schmeichelt ihrem Stolz.

Als sie mit ihm fertig ist, berührt er ihre Schulter und sagt: »Ich werde immer meine Pflicht tun, ganz gleich, wie weh es tut. Aber du … du bist noch nicht so fest verstrickt.«

Sie berührt seine Lippen mit den ihren, dankbar. Der Schmerz in ihrem Inneren ist heftiger denn je zuvor. Aber sie versteht ihn besser. Er fühlt sich wahrhaftig an.

 

Kaverin führt das Heer über den Gebirgspass bei Kadpur ins Land der Effekta. Dort – in einer Ebene, auf der dürres Gras zwischen roten Steinen wächst – stehen die Ti’iri Kwat-ai Rista an der Spitze einer weiteren endlosen Heerschar gegenüber.

Dieses Mal bittet der Bruder-General um eine Unterredung.

Kaverin trifft ihn in dem Zwischenraum, der die beiden Heere voneinander trennt. Kwat-ai ist ein großer Mann, hässlich und erschöpft. Er spricht Ti’iri mit Akzent, in dürftigen, einfachen Sätzen. »Wir bekommen euer Wasser dieses Jahr nicht«, sagt er. »Wir erbitten einen Waffenstillstand. Nächstes Jahr oder übernächstes kommen wir zurück. Dieses Jahr leiden wir Durst.«

Sie spuckt ihm vor die Füße. »Da. Wasser.«

»Wir werden euch verschlingen.« Er hört sich eher traurig als zornig an. »Du begreifst das, oder? Eure stolzen Jahrhunderte erkauft ihr durch Gräueltaten gegen eure eigenen Kinder. Ihr steht auf einem Berg aus Ketten. Bald werdet ihr darin versinken.«

Sie beißt sich die Innenseite der Wange auf und spukt auch das Blut in den Sand. »Wir sehen uns nächstes Jahr.«

Er mustert sie mit leidenschaftsloser Abscheu, die Augen zusammengekniffen. »Es ist noch nicht zu spät, das andere Mädchen zu benutzen. Das, das du noch übrig hast. Es ist ihr Leben wert, uns umzubringen, nicht wahr?«

Zu ihm sagt sie, was sie zu ihrem eigenen Volk nicht sagen kann: »Mir ist sie mehr wert als dieser Sieg.«

 

Was sie als Nächstes tut, dient nicht der Pflichterfüllung; Firit Japur wäre dazu niemals imstande. Aber es muss getan werden. Nicht in Form einer bequemen Rebellion der Scheinheiligen; nicht in Form von Kaverin, die nach Hause gestürmt kommt, um zu rufen: Gebt die Abnarchen auf, gebt den Krieg auf! Nicht so. Denn das wäre Kaverins Entscheidung, Kaverins Zorn – und Kaverin ist nicht diejenige, der Unrecht getan worden ist.

Sie tut es für Irasht.

Es muss jetzt geschehen, solange der Schmerz in ihr brennt, solange Irashts Macht es noch erlaubt – bevor Irasht zu viele Gesetze gelernt hat, Gesetze wie: Es wird immer wehtun, wie: Kaverin wird mich nie verlassen.

Aber die Heimreise nach Ais-Ti’ir raubt ihr beinahe die Entschlusskraft. Die glitzernden Wasserflächen der Stauseen; die Terrassen, die wie Wasserfälle über die Berghänge absteigen und die im Gold des Sommers leuchten. Die Männer und Frauen des gemeinen Volks, die aus den Häusern kommen, um zu jubeln.

Kaverin hat zwei Jahrzehnte damit verbracht, für dieses Land zu kämpfen – mit ihren Fäusten, ihrer Stimme, ihrem Mutterleib.

Aber als sie die Hohen Hallen erreicht, rebelliert sie.

Die Paik Ried treten ihr, sobald sie ihre Absicht durchschaut haben, in voller Stärke entgegen. »Ich bin hier, um Irasht entscheiden zu lassen«, sagt sie zu ihnen. »Das ist alles, was ich will. Dass die Kinder selbst entscheiden können.«

»Sie kann nicht entscheiden«, antworten die Paik Ried wie aus einem Mund, und ihre Stimmen brausen wie Wasser, das im Frühling durch einen Schleusenkanal strömt.

Also kämpft Kaverin. Sie setzt all ihre Zauberkunst ein. Sie singt ein Lied der Rebellion, und auf ihr Wort hin revoltiert die Luft gegen den Wind, die Steine erheben sich gegen die Erde; sie, Heldin mit einer Bestimmung, schreit auf, und die Welt antwortet ihr. So steigt sie die Stufen in einem Wirbelwind aus Feuer und schwarz verbranntem Stein empor, der sich bis in die Wolken erhebt.

Und doch widersprechen die Zauberinnen der Paik Ried ihr. »Das ist der Lauf der Dinge!«, rufen sie, und sie sind wie eine Lawine, wie der Fluss, der auf das Meer zuströmt. Das ist der Lauf der Dinge. Unabwendbar.

Monolithen säumen die Stufen, die zu den Hallen hinaufführen; sie zersplittern unter der Wucht der Konfrontation. Schließlich stehen Kaverin und die Paik Ried sich reglos gegenüber – keine Seite kann die Oberhand über die andere gewinnen.

»Die Abnarchin!«, schreit Kaverin. »Ich werde die Abnarchin entfesseln!«

Offenbar glauben sie ihr, denn sie ziehen sich zurück.

Kaverin betritt die Kammer mit dem Zeremonienteich und den gewaltigen Steintoren zu den Katakomben. Irasht hüpft, fahrig, nervös, hinter ihr her. Sie plappert, wie es ihre Art ist, hoch und monoton.

Vor den Steintoren steht die Kriegsherrin Absu. Sie hat Firit Japur an ihrer Seite.

»Kaverin. Bleib stehen.«

Aber Kaverin durchquert die Kammer, ihre genagelten Stiefel hallen auf Stein und Edelstein. Sie hält auf Absu und die Steintore zu. Auf die Kinder in der Dunkelheit.

Sie bleibt nicht stehen.

»Ich weiß, warum du hier bist.« Absus Tonfall sagt: Das ist wahr. Ich verstehe es. Ich verstehe es wirklich. »Das hier sind unsere geliebten Kinder. Sie verdienen mehr als das, was wir ihnen geben … Finsternis und Leid, damit wir uns in diesem Krieg ein weiteres Jahr erkaufen können. Aber wir schließen diesen Handel jeden Tag ab, Kaverin.«

Kaverin baut ihre Schilde auf. Sie winkt Irasht – komm, komm. Sie umrunden den Zeremonienteich. Die Fischreiher schauen ihnen nach.

Absu macht einen Schritt auf sie zu. »Die Arbeiter leiden im Dienst des Krieges. Das gemeine Volk stirbt an der Front. Aber wir geben ihnen Gesetze und Stauseen, und wir halten die Effekta zurück. So lautet die Übereinkunft – sie leiden, damit wir herrschen können. Klingt es gefühllos, so ausgedrückt?«

Kaverin kann sich nicht auf die Zunge beißen. »Nicht so gefühllos wie die Worte auf diesen Toren.« Und dennoch ist Seide schön. Und dennoch wird Seide gebraucht.

Firit Japurs Schultern zucken, als sie das sagt. Aber Absu zaudert nicht. »Wenn Ais-Ti’ir fällt, verliert die Welt ihre Mitte. Chaos würde ausbrechen. Aus diesem Grund muss ich die schrecklichen Folgen der Übereinkunft auf mich nehmen. Ich bin rücksichtslos gewesen, Kaverin, damit du es nicht sein musstest. Wirst du deshalb deine Abnarchin auf mich hetzen?«

Kaverin muss diese Frage nicht beantworten. Sie mag keine leiblichen Schwestern haben; dennoch hat sie eine Schwester.

Und sie weiß, dass Absu versteht: Sie sind nicht die Effekta, deren höchstes Ziel das gemeinsame brüderliche Wohl ist. Im grünen Ais-Ti’ir, das vom Blut und dem Willen der Adeligen regiert wird, sind der Schmerz und der Zorn und die Liebe einer einzigen Frau Legitimation genug.

Firit Japur tritt vor. »Herrin der Heerscharen.« Als er Absu anblickt, spiegeln seine Augen Schmerz, schneidender und schöner als alles, was Kaverin je gesehen hat. »Dies ist Kaverin Berglöwe, die ihr Blut der Finsternis geschenkt hat. Wir sind ihr verbunden durch Pflicht und Dankbarkeit. Ich flehe dich an. Lass sie passieren.«

Absu betrachtet ihn eingehend. Der Schatten des Gewichts eines ganzen Landes zieht über sie hinweg.

Kaverin glaubt, dass sie dazu bereit ist, mit ihrer Schwester Absu auf Leben und Tod zu kämpfen. Es wäre ein Duell zwischen gleich starken Gegnerinnen, einer Legende würdig. Ihr wechselseitiger Respekt würde das erlauben.

Aber Firit Japur wird Absu zu Hilfe kommen. Oder ihr.

Sie kann es nicht ertragen, ihm diese Entscheidung aufzubürden.

Vielleicht wiegt Absu ihre Pflicht gegen die Loyalitäten ihres Herzens ab. Vielleicht sieht sie Kaverin und die Abnarchin hinter ihr – Irasht, ihre Tochter – mit Augen an, die nie einen Krieg falsch beurteilt haben, und erkennt, dass sie nicht gewinnen kann. Und vielleicht ist sie insgeheim auch erleichtert, dass jemand tut, was sie sich unter keinen Umständen gestatten kann.

Was auch der Grund sein mag – Kriegsherrin Absu senkt den Kopf und weicht beiseite.

Kaverin tritt mit Irasht vor das Tor zu den Katakomben. »Es ist deine Entscheidung«, flüstert sie und streicht dem Mädchen übers Haar. »All die anderen Irashts warten da unten in der Finsternis. Du kannst ihre Kaverin sein, indem du sie herauslässt. Verstehst du das? Du könntest sie aus der Finsternis herauslassen. Möchtest du sie herauslassen?«

Irasht runzelt die Stirn. Sie weiß nicht, was Kaverin von ihr will. Firit Japur ist anzusehen, dass er stumme Qualen leidet, während Kaverin versucht, sich Irasht zu erklären. Schließlich greift sie auf Zeichen zurück: schlecht, das schwarze leere Feld, und gut, der Nachthimmel voller Sterne. Dazu ein Bild in der Luft: Die Torflügel öffnen sich, und die Kinder dekantieren aus ihren dunklen Zellen, um ein hartes Leben zu beginnen, ein Leben, das sich aus gebrochener Sprache und grausamen Albträumen zusammensetzt, das aber – am Ende, vielleicht – Hoffnung birgt.

Ist das gut, Irasht? Wünschst du dir dieses Leben anstelle von deinem? Hast du die Fähigkeit, dir ein anderes Leben zu wünschen?

Oder wäre es besser gewesen, wenn wir dich für immer in der Finsternis gelassen hätten?

Es ist eine unlösbare Frage; niemand könnte sie beantworten. Wünschst du dir, du könntest anders sein? Anders auf eine Weise, die du nicht kennst; die dir nie jemand auch nur gezeigt hat?

Kaverin möchte Irasht anflehen: Bitte entscheide dich. Bitte sei in der Lage dazu. Du kannst sie zurücklassen, wenn es das ist, was du tun musst; du kannst sie herauslassen … auch wenn das unseren Untergang bedeuten mag, wenn sie als Abnarchen erwachen und uns angreifen.

Zeig mir nur, dass du dich entscheiden kannst.

Irasht streckt die Hand nach dem Zeichen für gut aus, nach dem Miniatursternenhimmel, und zieht dann Kaverin zu sich hinunter. Küsst ihre Stirn. »Kaverin«, sagt sie und streichelt die Sterne, um sie mit Kaverins Namen in Verbindung zu bringen. »Kaverin.«

Kaverin ist gut.

»Bitte.« Kaverin versucht, das Abnarch-Mädchen zum Tor zurückzudrehen. »Bitte entscheide dich. Willst du sie herauslassen? Wünschst du, jemand hätte dich herausgelassen? Du kannst entscheiden. Du kannst entscheiden.« Hinter sich kann sie Firit Japurs Anwesenheit spüren, seinen Blick; und Absu neben ihm, eine Hand auf seiner Schulter, um ihn zu beruhigen oder um ihm Stärke zu geben.

Aber Irasht berührt wieder die Sterne, als wären sie alles, was sie sehen kann, dann Kaverins Wange, und dann ihre eigene Stirn.

Du bist gut. Zwischen uns ist alles gut.

Nein, will Kaverin sagen. Nein, nein, davon sind wir schrecklich weit entfernt. Wir haben dir das angetan, deshalb ist gar nichts gut. Aber sie ist hierhergekommen, um Irashts Entscheidung zu hören. Nicht ihre eigene.

Im Zeremonienteich spießt ein Reiher einen Fisch auf.

Alle warten sie, Kaverin und Firit Japur und die Kriegsherrin Absu, warten darauf, dass das Kind aus der Finsternis ein Urteil fällt.

Aber das tut sie nicht. Irasht kann nicht wählen. Sie wird für alle Zeit hier stehen und darauf hoffen, dass Kaverin ihr sagt, was sie tun soll. Kaverin glaubt, dass Absu das weiß, es aber aus Barmherzigkeit nicht ausspricht.

Irasht blickt an dem steinernen Tor hinauf, geduldig, in der Hocke zusammengekauert wie ein kleiner Vogel. Sie blickt an den gewaltigen Torflügeln hinauf und wartet.

Firit Japur hat gesagt: Ihr Hochwohlgeborenen vergesst immer eine Kleinigkeit: Wenn ihr etwas zerbrecht, bleibt es zerbrochen. Ihr könnt einem zerstörten Ding nicht befehlen, sich wieder zusammenzufügen. Sie haben Irasht in eine Zelle gesperrt und ihr sogar die Fähigkeit zu dieser Entscheidung genommen. Aber Kaverin sollte nicht »sie« sagen – es war Kaverin, die das getan hat, und in ihrer Feigheit will sie jetzt, dass dieses Kind eine Wahl trifft und damit Kaverin die Last der Schuld von den Schultern nimmt. Aber das Kind kann nicht entscheiden.

Irasht schaut an dem steinernen Tor hinauf, geduldig. Sie wartet.

»Kaverin ...«, sagt Firit Japur, und seine Stimme ist entsetzlich steif und förmlich.

Aber Kaverin schreit auf, weil Hoffnung sie überkommt: Sie erinnert sich an Irashts seltsame Angewohnheit während des Marsches. Wenn Irasht eine Tür entdeckt, geht sie dorthin und wartet geduldig auf der Schwelle – es ist, denkt Kaverin, als hoffte sie, von jemandem hereingelassen zu werden.

»Irasht«, flüstert sie und sinkt auf die Knie, denn Irasht ist keine Waffe – sie ist ein Mensch, der geliebt und unterrichtet werden muss. Und wenn sie die Entscheidung nicht treffen kann, braucht sie mütterlichen Rat. »Siehst du?«

Wieder zeigt sie Irasht ein Bild in der Luft: Nur Irasht und sich selbst, wie sie vor dem Tor kauern.

Dann dreht sie das Bild, so dass Irasht die andere Seite sehen kann. Die Kinder in den Katakomben, im Dunkeln. Nun ist Irasht hinter dem Tor – drinnen –, und die Kinder im Dunkeln sind diejenigen, die darauf warten, von ihr hereingelassen zu werden.

Irasht legt den Kopf schief.

»Ah«, zwitschert sie. »Ah.«

 

***

 

Deutsch von Aimée de Bruyn Ouboter

 

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Erstveröffentlichung unter dem Titel »Laws of Night and Silk« in Beneath Ceaseless Skies (#200; 26. Mai 2016)

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

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