Fictional-Friday: H.P. Lovecraft - Das Fest

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FICTION FRIDAY

Das Fest (H. P. Lovecraft)


In einem uralten Ritual versammeln sich andächtige Gläubige, die schweigend in eine Kirche marschieren und etwas Namenloses anrufen – klingt nach Weihnachten? Ja, aber Weihnachten mit der speziellen Note Lovecrafts …

Parallel zur kommentierten Prachtausgabe »H. P Lovecraft – Das Werk« veröffentlichen wir auf TOR ONLINE zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. In »Das Fest« (»The Festival«) spiegelt die Stadt Kingsport als Schauplatz den starken Eindruck wider, den Orte wie Marblehead und Salem in Massachusetts und ihre altertümliche Atmosphäre auf Lovecraft machten. Die Religion, die in der Erzählung geschildert wird, geht der Gründung dieser Städte allerdings lange voraus – ja, sie ist älter als das Christentum. In diesem Sinne knüpft »Das Fest« an das in »Dagon« beschworene Grauen an: die Erkenntnis, dass auf unserem Planeten etwas überdauert hat, das weiter in die Vergangenheit zurückreicht als die Geschichte der Menschheit.

 

***

Efficiunt Daemones, ut quae non sunt; sic tamen quasi sint, conspicienda hominibus exhibeant.

Lactantius

 

Ich war weit weg von zu Hause, und das Ostmeer hatte mich in seinen Bann geschlagen. In der Dämmerung hörte ich es gegen die Felsen branden, und ich wusste, dass es gleich jenseits der Anhöhe lag, wo die knotigen Weiden sich verkrümmt gegen den aufklarenden Himmel und die ersten Sterne des Abends abzeichneten. Und weil meine Väter mich in die alte Stadt jenseits der Anhöhe gerufen hatten, schritt ich voran, durch den dünnen, frisch gefallenen Schnee die Straße entlang, die sich einsam hinaufwand, dorthin, wo Aldebaran zwischen den Bäumen glitzerte, und weiter der uralten Stadt entgegen, die ich noch nie zuvor gesehen, von der ich jedoch oft geträumt hatte.

Es war die Zeit des Julfestes, welches die Menschen Weihnachten nennen, obwohl sie tief in ihrem Inneren wissen, dass es älter ist als Bethlehem und Babylon, älter als Memphis und die Menschheit. Es war die Zeit des Julfestes, und ich war endlich in die uralte Stadt am Meeresufer gekommen, wo meine Leute gewohnt und das Fest begangen hatten, damals, als das Fest verboten war. In jene Stadt, wo sie ihren Söhnen aufgetragen hatten, einmal alle hundert Jahre das Fest zu begehen, auf dass die Erinnerung an die Geheimnisse der Ahnen lebendig bleibe. Meine Leute gehörten zu einem alten Volk, das schon alt war, als das Land vor dreihundert Jahren besiedelt wurde. Und sie waren Fremde in dem Land, sie, die dunkel und verstohlen aus berauschenden südlichen Orchideengärten gekommen waren und eine andere Sprache gesprochen hatten, bevor sie die Sprache der blauäugigen Fischer erlernten. Und jetzt waren sie in alle Winde zerstreut, und alles, was sie noch verband, waren die Riten der Mysterien, die kein Lebender mehr verstand. Ich war der Einzige, der in jener Nacht den Weg zurück in die alte Fischerstadt fand, wie die Legende es gebot, denn nur wer arm und einsam ist, erinnert sich.

Dann erblickte ich jenseits des Kamms der Anhöhe Kingsport, hingebreitet im frostigen Abendlicht: das verschneite Kingsport mit seinen uralten Wetterfahnen und Kirchtürmen, Dachfirsten und Schornsteinen, Kaianlagen und kleinen Brücken, Weidenbäumen und Friedhöfen, mit seinen endlosen Labyrinthen steiler, enger, gewundener Straßen und seinem schwindelerregenden, von einer Kirche bekrönten Stadtberg, dem die Zeit nichts anzuhaben vermochte; nicht enden wollende Irrgärten von Häusern aus der Kolonialzeit, verwinkelt übereinander aufgetürmt und über Hügelhänge verstreut wie die durcheinandergeworfenen Bauklötze eines Kindes; das Alter, das auf grauen Schwingen über winterweiße Giebel und Mansarddächer schwebt; Oberlichter und Fenster mit Butzenscheiben, die eins nach dem anderen in der kalten Abenddämmerung erglänzen und sich zu Orion und den uralten Sternen gesellen. Und gegen die modrigen Kaimauern brandet das Meer, das verschwiegene, unvordenkliche Meer, aus dem meine Leute kamen, einst vor langer Zeit.

Dort, wo die Straße ihren Scheitelpunkt erreichte, erhob sich, kahl und sturmgepeitscht, eine noch höhere Kuppe, und ich sah, dass es der Friedhof war, wo schwarze Grabsteine gespenstisch aus dem Schnee ragten wie die verfaulten Fingernägel eines riesigen Leichnams. Weder Wagen- noch Fußspuren waren auf der einsamen Straße zu sehen, und manchmal meinte ich, ein fernes, schreckliches Knarren zu hören wie von einem Galgen im Wind. 1692 hatten sie vier meiner Vorfahren wegen Hexerei gehängt, doch ich wusste nicht genau, wo.

Während die Straße sich seewärts die Anhöhe hinunterwand, erwartete ich, die fröhlichen Klänge eines abendlichen Dorfes zu vernehmen, doch hörte ich sie nicht. Dann fiel mir ein, dass es Weihnachten war und dieses alte Volk von Puritanern vielleicht Festbräuche hatte, die mir unbekannt waren und sich auf Gebete am heimischen Kaminfeuer beschränkten. Also gab ich mein Lauschen auf und hielt auch nicht mehr nach anderen Reisenden Ausschau, sondern schritt weiter den Hang hinab, vorbei an gedämpft erleuchteten Bauernhäusern und schattenhaften Steinmauern, an denen die Schilder uralter Geschäfte und Seefahrerkneipen in der salzigen Brise knarrten, und entlang menschenleerer, ungepflasterter Straßen, wo die grotesken Türklopfer säulenbewehrter Hauseingänge im Licht kleiner, mit Vorhängen verhängter Fenster glänzten.

Ich hatte Pläne der Stadt gesehen und wusste, wo ich das Haus meiner Leute finden würde. Es hieß, dass man mich erkennen und freundlich aufnehmen würde, denn Dorflegenden haben ein langes Leben, und so eilte ich durch die Back Street zum Circle Court und über den frischen Schnee auf dem einzigen vollständig gepflasterten Gehweg der Stadt, bis an die Stelle, wo hinter dem Market House die Green Lane abzweigt. Die alten Karten leisteten noch immer gute Dienste, und ich hatte keine Schwierigkeiten, meinen Weg zu finden, obwohl sie mich in Arkham belogen haben mussten, als sie sagten, dass dort eine Straßenbahn fuhr, denn ich sah keine einzige Oberleitung. Die Schienen würde der Schnee in jedem Fall verdeckt haben. Ich war froh, dass ich mich entschieden hatte, zu Fuß zu gehen, denn von der Anhöhe aus hatte das weiße Dorf einen wunderschönen Anblick geboten. Jetzt aber sehnte ich mich danach, an die Tür meiner Verwandten zu klopfen, im siebenten Haus zur Linken in der Green Lane, mit einem uralten Spitzdach und einem vorspringenden Obergeschoss, das zur Gänze vor 1650 erbaut worden war.

Im Haus war Licht, als ich es erreichte, und an den Rautenfenstern erkannte ich, dass es noch in nahezu ursprünglichem Zustand war. Das Obergeschoss ragte weit in die grasbewachsene Straße hinein und berührte fast das überhängende erste Stockwerk des Hauses gegenüber, so dass ich mich beinahe in einem Tunnel befand und die niedrige steinerne Türschwelle gänzlich frei von Schnee war. Es gab keinen Gehsteig, doch viele der Häuser hatten hochgelegene Türen mit doppelten Treppenaufgängen, die mit Eisengeländern bewehrt waren. Es war ein merkwürdiger Anblick, und weil Neuengland mir fremd war, war er gänzlich neu für mich. Obwohl mir gefiel, was ich erblickte, hätte ich mich wohler gefühlt, wenn im Schnee Fußspuren zu sehen gewesen wären und Menschen auf den Straßen und ein paar Fenster ohne vorgezogene Vorhänge.

Als ich den altmodischen eisernen Türklopfer betätigte, verspürte ich beinahe etwas wie Angst. Ein Hauch von Furcht hatte mich beschlichen: Vielleicht war es das merkwürdige Erbe, das ich mit mir herumtrug, vielleicht die Trostlosigkeit des Abends, vielleicht die seltsame Stille, die über jener greisen Stadt merkwürdiger Gebräuche lag. Und als ich auf mein Klopfen Antwort erhielt, da packte mich tatsächlich die Furcht, denn ich hatte keine Schritte gehört, bevor sich die Tür knarrend öffnete. Doch hielt das Gefühl nicht lange an, denn der alte Mann, der in einen Hausmantel und Pantoffeln gekleidet im Türrahmen stand, hatte ein ausdrucksloses, aber nicht unfreundliches Gesicht, und obwohl er mir durch Zeichen zu verstehen gab, dass er stumm war, schrieb er mit einem Griffel einen wunderlichen und altmodischen Willkommensgruß auf eine Wachstafel, die er bei sich trug.

Er winkte mich in eine niedrige, von Kerzenlicht erhellte Stube mit massiven freiliegenden Deckenbalken, die spärlich mit dunklen hölzernen Möbeln des sechzehnten Jahrhunderts ausgestattet war. Hier war die Vergangenheit lebendig, denn es fehlte nichts: Es gab einen höhlenartigen Kamin und ein Spinnrad, an dem eine gebeugte alte Frau in einem weiten Umhang und mit einer tief ins Gesicht gezogenen Schute saß, die mir den Rücken zuwandte und trotz des Feiertags schweigend spann. Eine unbestimmte Feuchtigkeit schien über dem Raum zu liegen, und ich wunderte mich, dass im Kamin kein Feuer brannte. Eine Truhenbank mit hoher Rückenlehne stand der Reihe mit Vorhängen verhängter Fenster zu meiner Linken zugewandt, und mir schien, als ob jemand darauf säße, doch war ich mir nicht sicher. Nicht alles, was ich sah, gefiel mir, und erneut befiel mich die Furcht, die ich schon vorher verspürt hatte. Diese Empfindung wurde jetzt durch etwas verstärkt, was sie zuvor gemildert hatte, denn je länger ich das ausdruckslose Gesicht des alten Mannes betrachtete, desto mehr war es gerade seine Ausdruckslosigkeit, die mir Angst machte. Die Augen bewegten sich nie, und auch die Haut erinnerte an Wachs. Am Ende war ich überzeugt, dass es gar kein Gesicht war, sondern eine teuflisch raffinierte Maske. Aber die schlaffen, merkwürdig behandschuhten Hände schrieben freundliche Worte auf die Wachstafel, um mir zu bedeuten, dass ich eine Weile warten müsse, bevor man mich zum Ort des Festes führen würde.

Indem er auf einen Stuhl, einen Tisch und einen Stapel Bücher deutete, verließ der alte Mann nun die Stube. Und als ich mich niederließ, um zu lesen, bemerkte ich, dass die Bücher uralt und verschimmelt waren und dass sich unter ihnen die wüsten Marvells of Science des alten Morryster befanden, Joseph Glanvills schrecklicher Saducismus Triumphatus von 1681, die schockierende Daemonolatreia des Remigius, die 1595 in Lyon gedruckt worden war, und als entsetzlicher Höhepunkt das unnennbare Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred, in Olaus Wormius’ verbotener lateinischer Übersetzung, ein Buch, das ich noch nie gesehen hatte, von dem ich jedoch grässliche Dinge hatte flüstern hören. Niemand sprach mit mir, doch ich konnte draußen das Knarren von Ladenschildern im Wind hören und das Surren des Spinnrads, während die alte Frau mit der Haube immerfort schweigend spann und spann. Mir schienen die Stube und die Bücher und die Leute äußerst morbide und beunruhigend, doch da eine alte Tradition meiner Vorväter mich zu seltsamen Feierlichkeiten hierhergerufen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass mich merkwürdige Dinge erwarteten. Also versuchte ich zu lesen und fand mich bald zitternd in etwas vertieft, was ich in jenem verfluchten Necronomicon gefunden hatte – einen Gedanken und eine Legende, die zu entsetzlich für einen gesunden Geist waren. Doch ich schreckte hoch, als ich vermeinte zu hören, wie eines der Fenster gegenüber der Truhenbank geschlossen wurde, so als ob jemand es zuvor verstohlen geöffnet hätte. Dem schien ein schwirrendes Geräusch vorausgegangen zu sein, das jedoch nicht von dem Spinnrad der alten Frau stammte. Allerdings war das alles nicht deutlich zu hören gewesen, denn die alte Frau spann äußerst angestrengt, und die betagte Uhr hatte geschlagen. Danach hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass jemand auf der Truhenbank saß, und ich las eifrig und schaudernd, als der alte Mann, gestiefelt und mit einem weiten, altertümlichen Gewand bekleidet, zurückkehrte und sich auf ebenjener Bank niederließ, so dass er meinem Blick entzogen war. Es war ein unruhiges Warten, und das blasphemische Buch, das ich in Händen hielt, verdoppelte meine Unruhe noch. Als die Uhr schließlich elf schlug, stand der alte Mann auf, ging geräuschlos zu einer gewaltigen, mit Schnitzarbeiten verzierten Truhe in einer Ecke und entnahm ihr zwei mit Kapuzen versehene Umhänge, von denen er einen selbst anzog und den anderen der alten Frau umlegte, die ihre eintönige Arbeit beendet hatte. Dann gingen sie beide zur Eingangstür, wobei die Frau sich langsam vorwärtsschleppte und der alte Mann mir, nachdem er das Buch, in dem ich gelesen hatte, an sich genommen hatte, bedeutete, ihnen zu folgen, während er sich die Kapuze über jenes unbewegte Gesicht zog, das vielleicht eine Maske war.

Wir traten hinaus in das mondlose Straßengewirr jener unglaublich alten Stadt, und als wir hinaustraten, erloschen die Lichter in den von Vorhängen verdeckten Fenstern eines nach dem anderen, und der Hundsstern grinste auf die unübersehbare Schar von kapuzentragenden Gestalten herab, die schweigend aus allen Türen quollen und sich hier und dort auf den Straßen zu monströsen Prozessionen zusammenfanden. Vorbei an den knarrenden Ladenschildern zogen sie, den vorsintflutlichen Giebeln, den strohgedeckten Dächern und den Rautenfenstern, durch steil ansteigende Gassen, in denen altersschwache Häuser sich aneinanderlehnten und gemeinsam verfielen, und glitten über offene Plätze und Friedhöfe, wo ihre tanzenden Laternen gespenstische, trunkene Sternbilder in die Nacht malten.

Inmitten dieser schweigenden Scharen folgte ich meinen stummen Führern. Ich streifte Ellenbogen, die unnatürlich weich waren, und wurde gegen ungewöhnlich aufgeschwollene Brustkörbe und Bäuche gedrückt, ohne jedoch ein einziges Gesicht zu sehen oder ein einziges Wort zu hören. Hinauf, hinauf, hinauf schlängelten sich die gespenstischen Kolonnen, und ich bemerkte, dass die Menschenströme an einer Stelle, wo eine Menge irrwitziger Gassen zusammenlief, miteinander verschmolzen, oben auf einem hohen Hügel im Stadtzentrum, wo eine große weiße Kirche kauerte. Ich hatte sie vom Scheitelpunkt der Landstraße aus gesehen, als ich in der hereinbrechenden Dämmerung auf Kingsport hinabgeblickt hatte, und sie hatte mich erschaudern lassen, denn für einen Moment hatte es so ausgesehen, als ob Aldebaran auf ihrem geisterhaften Kirchturm balancierte.

Um die Kirche herum erstreckte sich eine freie Fläche, die halb ein Friedhof mit unheimlichen Stelen und halb ein teilweise gepflasterter Vorplatz war, von dem der Wind den Schnee fast völlig weggefegt hatte und der von altersgebeugten Häusern mit Spitzdächern und tief herabgezogenen Giebeln gesäumt war. Totenfeuer tanzten auf den Gräbern und schnitten schauerliche Schneisen in die Dunkelheit, warfen jedoch merkwürdigerweise keine Schatten. Jenseits des Friedhofs, wo keine Häuser standen, konnte ich über den Kamm des Hügels blicken und sah das Glitzern der Sterne auf dem Wasser des Hafens, obwohl die Stadt in der Dunkelheit unsichtbar blieb. Nur ab und zu hüpfte eine Laterne gespenstisch durch gewundene Gassen, wenn sie den Menschenstrom überholen wollte, der sich jetzt schweigend in die Kirche ergoss. Ich wartete, bis die Menge im Hintereingang des Gebäudes verschwunden und auch der letzte Nachzügler ihr gefolgt war. Der alte Mann zupfte mich am Ärmel, aber ich beharrte darauf, als Letzter hineinzugehen. Schließlich setzte ich mich in Bewegung, und der unheimliche Mann und die alte Spinnerin gingen mir voran. Während ich die Schwelle jenes überfüllten Bethauses voll unerforschlicher Dunkelheit überschritt, drehte ich mich noch einmal um, um einen Blick auf die Welt draußen zu werfen, und sah, wie das Phosphoreszieren des Friedhofs den Vorplatz mit einem kränklichen Glimmen überzog. Und als ich hinausblickte, erschauderte ich, denn obwohl der Wind nicht viel Schnee übrig gelassen hatte, waren auf dem Pfad in der Nähe der Kirchentür einige Flecken zurückgeblieben, und bei jenem flüchtigen Blick zurück schien es meinen getrübten Augen, als ob dort keinerlei Fußabdrücke zu sehen waren, nicht einmal die meinigen.

Die Kirche wurde von den mitgeführten Laternen nur spärlich erhellt, denn der größte Teil der Menge war bereits wieder verschwunden. Die Scharen waren den Mittelgang zwischen den hochlehnigen weißen Kirchenbänken entlanggeströmt zur Falltür eines Kellergewölbes, die direkt vor der Kanzel abscheulich gähnte, und schlängelten sich nun geräuschlos hinab in die Tiefe. Wie betäubt folgte ich der Menge die ausgetreten Stufen hinunter in die feuchtkalte, erstickende Krypta. Das Ende dieser gewundenen Kolonne nächtlicher Marschierer schien mir überaus grauenhaft, und als ich beobachtete, wie sie sich in das altehrwürdige Gewölbe hinabwand, steigerte sich mein Grauen noch. Dann bemerkte ich, dass sich im Boden der Krypta eine weitere Öffnung befand, durch welche die Menge jetzt hinunterglitt, und einen Moment später stiegen wir alle eine schauerliche Treppe aus grobbehauenem Stein hinab, eine enge, feuchte Wendeltreppe, die einen merkwürdigen Geruch ausströmte und sich endlos in die Eingeweide des Hügels hineinwand, vorbei an immer gleichen Wänden aus tropfenden Steinquadern und bröckelndem Mörtel. Es war ein schweigender, entsetzlicher Abstieg, und nach einer qualvollen Zeitspanne bemerkte ich, dass sich die Beschaffenheit der Wände und Stufen veränderte, so als ob sie nun aus dem massiven Felsen gehauen worden wären. Was mich am meisten verstörte, war, dass die unzähligen Fußtritte kein Geräusch machten und kein Echo hervorriefen. Nach weiteren Äonen des Abstiegs sah ich einige Seitengänge oder Stollen, die aus unbekannten schwarzen Höhlen in diesen Schacht nächtlicher Geheimnisse mündeten. Bald wurden sie sehr zahlreich, wie gotteslästerliche Katakomben voll unbekannter Bedrohungen, und der durchdringende Fäulnisgestank, der ihnen entströmte, wurde beinahe unerträglich. Ich wusste, dass wir das Innere des Stadtbergs hinter uns gelassen hatten und uns unterhalb von Kingsport selbst befanden, und ich erschauderte, dass eine Stadt so betagt und zerfressen von unterirdischem Übel sein konnte.

Dann sah ich das gespenstische Schimmern bleichen Lichts und hörte das tückische Plätschern eines sonnenlosen Gewässers. Und wieder erschauderte ich, denn mir gefiel nicht, was ich in dieser Nacht erlebt hatte, und ich wünschte mir bitterlich, dass meine Vorväter mich nicht zu diesem vorzeitlichen Ritual herbefohlen hätten. Als die Stufen und der Gang breiter wurden, vernahm ich ein weiteres Geräusch, den dünnen, höhnisch wimmernden Klang einer kraftlosen Flöte, und plötzlich erstreckten sich vor mir die grenzenlosen Weiten einer unterirdischen Welt – ein langgestrecktes, pilzüberwuchertes Ufer, das von einer kränklich flackernden Flammensäule erhellt wurde und dessen Gestade ein breiter öliger Fluss überspülte, der aus grausigen und unerforschten Tiefen hervorquoll, um sich in den schwärzesten Abgrund eines unvorstellbar alten Ozeans zu ergießen.

Ermattet und nach Luft ringend ließ ich meinen Blick über jenen unheiligen Erebus titanischer Pilze, leprösen Feuers und schleimigen Wassers schweifen und sah, wie die in ihre Umhänge gehüllten Scharen einen Halbkreis um die flammende Säule bildeten. Es war die Julfeier, älter als die Menschheit und bestimmt, sie zu überdauern, der uralte Ritus der Sonnenwende und des Versprechens, dass unter dem Schnee schon der Frühling verborgen liegt, der Ritus des Feuers, der immergrünen Vegetation, des Lichts und der Musik. Und in der stygischen Grotte sah ich sie den Ritus vollziehen und die kränkliche Flammensäule anbeten und händeweise jene schleimigen Pflanzen ins Wasser werfen, die im chlorotischen Schein der Flamme grünlich glitzerten. Dies alles sah ich, und ich sah etwas Formloses außerhalb des Lichtscheins kauern und ekelhaft auf einer Flöte blasen. Und während dieses Etwas blies, vermeinte ich, ein widerliches gedämpftes Flattern in der stinkenden Dunkelheit zu hören, in die mein Blick nicht vordringen konnte. Was mich jedoch am meisten ängstigte, war jene flammende Säule, die vulkanisch aus abgründigen und unermesslichen Tiefen hervorsprudelte. Sie warf keinen Schatten, wie es gesunde Flammen tun, und überzog den salpetrigen Stein über ihr mit einer widerwärtigen, giftigen Patina. Denn von all diesem brodelnden Brand ging keine Wärme aus, sondern nur die klamme Feuchtigkeit von Tod und Verwesung.

Der Mann, der mich hergebracht hatte, schlängelte sich nun durch die Menge zu einem Punkt direkt neben der abscheulichen Flamme und vollführte steife zeremonielle Bewegungen vor dem Halbkreis, der ihn umringte. An gewissen Stellen des Rituals verrichteten sie kriecherische Huldigungen, insbesondere, als er das entsetzliche Necronomicon, das er mitgebracht hatte, über seinen Kopf hielt. Und ich vollzog die Huldigungen mit, denn ich war durch die Schriften meiner Vorväter zu diesem Fest gerufen worden. Dann gab der alte Mann dem halb in der Dunkelheit verborgenen Flötenspieler ein Zeichen, woraufhin dessen mattes Spiel etwas lauter wurde und in eine andere Tonart wechselte, wodurch es nun ein unvorstellbares und unerwartetes Grauen vermittelte. Dieses Grauen ließ mich beinahe auf den flechtenüberzogenen Boden sinken, gelähmt von einer Furcht, die nicht von dieser noch von irgendeiner anderen Welt war, sondern den wahnwitzigen Räumen zwischen den Sternen angehörte.

Aus der unüberschaubaren Schwärze jenseits des brandigen Glanzes jener kalten Flamme, aus den unterweltlichen Weiten, durch die jener ölige Fluss gespenstisch, geräuschlos und unerforschlich floss, näherten sich mit rhythmisch schlagenden Schwingen eine Horde zahmer, dressierter, geflügelter Zwitterwesen, die kein gesundes Auge zur Gänze erfassen und an die sich kein gesunder Verstand jemals zur Gänze erinnern kann. Sie waren weder ganz und gar Krähen noch Maulwürfe, noch Bussarde, noch Ameisen, noch Vampirfledermäuse, noch verwesende menschliche Leichen, sondern etwas, woran ich mich nicht erinnern kann und darf. Sie flatterten mit schlaffen Schlägen dahin, teils gingen sie auf ihren mit Schwimmhäuten versehenen Füßen, teils flogen sie mit ihren membranartigen Flügeln, und als sie die Schar der Feiernden erreichten, ergriffen die kapuzenverhüllten Gestalten sie, saßen auf und ritten eine nach der anderen auf ihnen davon, entlang des lichtlosen Flusslaufs in Minen und Stollen der Panik, wo giftige Quellen sich in grauenhaften und unentdeckten Katarakten ergossen.

Die alte Spinnerin war mit der Menge verschwunden, und der alte Mann war nur zurückgeblieben, weil ich mich seiner Aufforderung verweigert hatte, eines der Tiere zu besteigen und wie die anderen davonzureiten. Während ich taumelnd auf die Beine kam, sah ich, dass der formlose Flötenspieler sich außer Sicht gewälzt hatte, dass jedoch zwei der Geschöpfe geduldig warteten. Da ich weiter zauderte, zog der alte Mann seinen Griffel und seine Wachstafel hervor und schrieb, dass er der wahrhaftige Statthalter meiner Vorväter wäre, welche die Julfeier an diesem uralten Ort begründet hätten; dass meine Rückkehr vorherbestimmt gewesen sei und dass die geheimsten der Mysterien noch darauf warteten, vollzogen zu werden. Er schrieb diese Worte in einer überaus altertümlichen Handschrift, und als ich noch immer zögerte, holte er unter seinem weiten Umhang einen Siegelring und eine Taschenuhr hervor, die beide mein Familienwappen trugen, um zu beweisen, dass er der war, der er zu sein behauptete. Doch war es ein grausiger Beweis, denn ich wusste aus alten Unterlagen, dass diese Taschenuhr mit meinem Ururururgroßvater im Jahre 1698 begraben worden war.

Daraufhin schlug der alte Mann seine Kapuze zurück und deutete auf sein Gesicht, um mir unsere Familienähnlichkeit zu zeigen, doch ich schauderte nur, denn ich war mir sicher, dass dieses Gesicht nur eine teuflische Wachsmaske war. Die geflügelten Tiere scharrten mittlerweile ungeduldig an den Flechten, und ich bemerkte, dass der alte Mann fast genauso ungeduldig war. Als eines der Geschöpfe sich watschelnd in Bewegung setzte und sich davonschleichen wollte, drehte er sich rasch um, um es aufzuhalten, wobei die plötzliche Bewegung die Wachsmaske verrutschen ließ, die verdeckte, was eigentlich sein Gesicht hätte sein sollen. Und dann, weil die Albtraumgestalt mir den Weg zu der steinernen Treppe versperrte, stürzte ich mich in den öligen unterirdischen Fluss, der blasig den Meerestiefen entgegenrollte, stürzte mich in die Verwesungsflüssigkeit der Schrecken des Erdinneren, bevor meine wahnsinnigen Schreie all die Beinhauslegionen auf mich hetzen konnten, die diese Pestgestade noch verborgen halten mochten.

Im Krankenhaus sagten sie mir, dass man mich bei Tagesanbruch halberfroren aus dem Hafenbecken von Kingsport gefischt habe, einen Balken Treibholz umklammernd, den der Zufall zu meiner Rettung gesandt hatte. Sie sagten, dass ich am Abend zuvor auf der Straße, die über die Anhöhe führte, die falsche Abzweigung genommen hätte und über die Klippen am Orange Point gestürzt sei – man hatte dies aus den Fußabdrücken geschlossen, die man dort im Schnee gefunden hatte. Ich konnte nichts dazu sagen, denn alles war falsch. Falsch war der Ausblick aus dem großen Fenster, das ein Meer von Dächern übersah, von denen nur etwa jedes fünfte alt wirkte, und falsch war das Geräusch der Straßenbahnen und der Automobile unten auf der Straße. Sie versicherten mir, dass dies Kingsport sei, und ich konnte es nicht bestreiten. Als ich erfuhr, dass das Krankenhaus in der Nähe des alten Friedhofs auf dem Central Hill lag, begann ich zu delirieren, und man verlegte mich ins St. Mary’s Hospital in Arkham, wo ich besser versorgt werden konnte. Es gefiel mir dort, denn die Ärzte waren aufgeschlossen und machten sogar ihren Einfluss geltend, damit ich das sorgfältig verwahrte Exemplar von Alhazreds verwerflichem Necronomicon aus der Bibliothek der Miskatonic University entleihen konnte. Sie sagten etwas von einer »Psychose« und stimmten mir zu, dass es das Beste wäre, meinen Verstand von allen mich bedrängenden Zwangsvorstellungen zu befreien.

Also las ich ein weiteres Mal jenes grässliche Kapitel und erschauderte zwiefach, denn es war mir tatsächlich bekannt. Ich hatte es schon einmal vor mir gehabt, mochten die Fußabdrücke sagen, was sie wollten, und über den Ort, an dem ich es gelesen hatte, sollte man lieber den Mantel des Vergessens breiten. Solange ich wach war, gab es niemanden, der ihn mir ins Gedächtnis rufen konnte, doch meine Träume sind voller Grauen, und schuld daran sind Sätze, die ich nicht zu wiederholen wage. Allein einen Abschnitt wage ich zu zitieren, den ich, so gut es geht, aus dem ungeschickten Küchenlatein ins Englische gebracht habe.

»Die untersten Höhlen«, so schrieb der verrückte Araber, »sind nicht dafür gemacht, von sehenden Augen erblickt zu werden, denn ihre Wunder sind seltsam und schrecklich. Verflucht sei der Boden, auf dem tote Gedanken neu und in seltsamen Körpern aufleben, und böse ist der Geist, der in keinem Kopf seine Heimat hat. Weise sprach Ibn Schacabao, dass glücklich das Grab ist, in dem kein Hexenmeister gelegen hat, und glücklich die Stadt bei Nacht, deren Hexenmeister alle zu Asche verbrannt sind. Denn schon von alters her flüstert man, dass die Seele dessen, der sich dem Teufel verschrieben hat, dem Lehm des Grabes nicht entflieht, sondern den Wurm, der da nagt, mästet und lehrt, bis aus der Verwesung grauenhaftes Leben entspringt und die geistlosen Aasfresser der Erde Verstand annehmen, sie zu quälen, und monströs anschwellen, sie zu plagen. Große Löcher werden heimlich dort gegraben, wo die Poren der Erde genügen sollten, und Geschöpfe, die kriechen sollten, haben das Gehen gelernt.«

 

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Deutsch von Andreas Fliedner

 

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Festival« in Weird Tales (Januar 1925).
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 12. Januar 2018, genau hier.

 

 

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