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FICTION FRIDAY

Tod einer Göttin (Lisa-Marie Reuter)


Lisa-Marie Reuter
17.11.2017

Varanasi, die heiligste Stadt Indiens. Vom Ganges ist nur noch ein trübes Rinnsal übrig. Seine Namensvetterin und Erzählerin dieser Geschichte, Ganga, hat gerade ihren neuen Job bei der Mordkommission angetreten, als plötzlich im größten Hindu-Tempel ein Gläubiger Amok läuft. Und Ganga wird in die politischen Ränke der Jahrtausende alten Stadt verstrickt …

»Tod einer Göttin« ist die Sieger-Story des ersten TOR ONLINE-Kurzgeschichtenwettbewerbs, für den unter dem Titel »Der Schnee von morgen« ein innovativer Beitrag zur Climate Fiction gesucht war.

*** 

»Die Hunde sind nervös heute«, sagte Yusuf, als er sich neben mich auf die Steinstufen setzte.

Ich löste meinen Blick von der sanften Kurve der Ghats, die sich von hier Richtung Nordosten erstreckte. Die gemauerten Badeplätze galten seit Jahrhunderten als Wahrzeichen von Varanasi. Drei Kilometer uralter Treppen und Tempel, verlassener Paläste und rauchender Verbrennungsplätze. Träges Glockenläuten und der Duft von Sandelholz. Im Hintergrund erhob sich die glitzernde Skyline von New-Kashi. Der Sonnenaufgang spiegelte sich auf den Glasfronten der Banken und Bürotürme, Einkaufszentren und Luxushochhäuser, so wie er sich einst auf den Wassern des Ganges zu unseren Füßen gespiegelt hatte. Jetzt war der Fluss nur noch ein Rinnsal von ein paar Dutzend Metern Durchmesser. Wer von den Stufen hinab zum Wasser gelangen wollte, musste einen Steinwurf weit über dreckigen Sand laufen.

Ich kniff die Augen zusammen und schirmte mein Gesicht mit der Hand gegen die Sonne ab. Am Ufer balgte sich eine Meute dürrer Straßenköter. Eine Hündin mit durchhängendem Rücken säugte ihre Jungen, andere Hunde standen mit den Vorderläufen im Fluss und soffen das ölige Wasser.

Yusuf sah auf die Tiere, dann zum Himmel. »Vielleicht kommt der Monsun doch noch pünktlich. Sie spüren so etwas.«

Ich unterdrückte ein Gähnen und tippte auf meinem i-Live herum. Seit der Tata-Konzern Apple geschluckt hatte, stand das »i« für »Indien«.

»Keine Chance, Onkel Yusuf. Die Vorhersagen sind eindeutig. Definitiv kein Regen in den nächsten beiden Wochen.«

»Na, wenn dein Wunderkasten das sagt, Mädchen«, seufzte der alte Mann und begann die Tüten aufzuknoten, die er mitgebracht hatte. Beim Rascheln des dünnen Plastiks stellten die Hunde die Ohren auf. Ein paar von ihnen kamen näher.

»Warst lange nicht hier, Ganga«, fuhr er fort, während er trockene Chapatis in Stücke zupfte und in einer Schüssel mit kalter Linsensuppe einweichte. »Dachte schon, du wolltest deine große Schwester gar nicht mehr wiedersehen, bevor es mit ihr zu Ende geht.«

Wieder hob ich den Blick zum Fluss, dessen Namen ich trug. Es war in der Tat ein Schock gewesen, die einst so mächtige Ganga – eine Göttin auf Erden, wenn man den Hindus glauben wollte – in ihrem derzeitigen Zustand zu sehen. Zwischen Yusuf und mir hing das unausgesprochene Wissen, dass dies womöglich ihr letzter Sommer in der heiligen Stadt war. In Patna, knapp 300 Kilometer flussabwärts, versiegte sie schon seit Jahren vollständig während der heißen Monate. Indien, dieser gierige Gigant, hatte seine jahrtausendealte Lebensader beinahe leergesaugt.

Hätte ich geahnt, dass es um meine fließende Schwester so schlecht stand, wäre ich vielleicht früher nach Varanasi zurückgekehrt, die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen war; hätte nicht gewartet, bis mich Delhi, dieser brutale, glühende, stetig wuchernde Moloch, endgültig von sich stieß. Acht Jahre lang hatte ich versucht, mich an die Ausbrüche roher Gewalt, die Zurschaustellung obszöner Grausamkeit zu gewöhnen, die in der Hauptstadt zum Tagesgeschäft gehörten. Ich hatte meine Stelle dort angetreten, in der Überzeugung, die Lebensumstände in der größten Stadt der Welt verbessern zu können. Vor ein paar Wochen hatte ich mir meinen Irrtum eingestanden und war Hals über Kopf geflohen.

Die Hunde hatten Yusufs Absichten erkannt und drückten sich winselnd um unsere Füße. Ich betrachtete ihre hervorstehenden Rippen, ihr räudiges Fell, die blutenden Stellen hinter den Ohren. Die Tiere hatten nur Augen für Yusuf, ihren Messias.

»Ich war mir nicht sicher, ob ich dich hier treffen würde«, gab ich zu. »Du riskierst eine Menge, seitdem das Seuchenschutzgesetz in Kraft getreten ist.«

»Man muss eben vorsichtig sein«, grummelte Yusuf und mischte klebrigen Reis mit Butter-Chicken. »Was soll aus den Kerlen hier werden, wenn sie niemand mehr füttern darf?«

Er verteilte das Essen auf flache Blechteller und schob es den Hunden hin. Knurren und Schmatzen übertönte die Tempelglocken und den allmählich einsetzenden Straßenlärm.

Yusuf ließ sich zurück auf die Stufen sinken und wischte sich die Hände an seinem hellen Baumwollhemd ab. »Ich hoffe nur, dass ich mir ab morgen keinen anderen Platz suchen muss«, zwinkerte er. »Bist du noch bei der Polizei?«

Ich nickte. »Mordkommission. Solange du keinen der Hunde vergiftest, musst du dir keine Sorgen machen.«

Yusuf lachte kratzig. »Na, bisher sind mir keine Klagen von der Rasselbande zu Ohren gekommen. Die sind … he, was soll denn das, Freundchen? Aufhören, aber sofort!«

Wildes Geifern am Futterplatz. Yusuf sprang auf, um einen der Rüden am Nackenfell zurückzuzerren. Die Welpen ergriffen fiepend die Flucht.

»Seit wann hacken wir auf Schwächeren rum, eh?«, schalt Yusuf den Hund. Entschuldigend sah er zu mir. »Sonst sind sie nicht so. Es muss was in der Luft liegen.«

»Du solltest vorsichtig sein, Onkel«, sagte ich. »Du bist nicht mehr der Jüngste. Und alleine hier draußen mit den Hunden …«

»Wenn ich es nicht mache, macht’s keiner.« Yusuf zwinkerte wieder. »Oder willst du bei mir in die Lehre gehen? Kommst du jetzt jeden Morgen her? Wäre eine nette Abwechslung zu denen da.«

Er wies mit dem Daumen auf die kleine Schar Gläubige, die ein Stück flussaufwärts im Schlick standen und sich heiliges Wasser über die Köpfe gossen. Nur besonders orthodoxe Hindus hielten nach wie vor an der rituellen Waschung bei Sonnenaufgang fest. Alle anderen hatten sich von den alarmierenden Wasserwerten bekehren lassen. Sie erkauften sich ihren täglichen Segen in Form des synthetisch hergestellten Ganga-Jal pureTM, Gangeswasser aus dem Labor, inklusive nachgebildeter Schwebstoffe und authentischer Färbung.

»Glaub ich gern«, lächelte ich. »Leider ist frühes Aufstehen nach wie vor nicht mein Ding. Heute bin ich vor allem gekommen, um das berühmte Leuchten zu sehen.«

»Ah, das Geschenk unserer Göttin«, nickte Yusuf. »Was sie uns wohl sagen möchte?«

Es war nicht der erste Sommer, in dem sich fluoreszierende Bakterien oder Algen im seichten, sauerstoffarmen Wasser vermehrten und nachts für ein beinah mystisches Schauspiel sorgten. Ein matter, grünblauer Glanz lag dann über den Wellen und schlug die Schaulustigen, die sich bei Einbruch der Dunkelheit auf den Ghats versammelten, in seinen Bann. In diesem Jahr war es noch spektakulärer als sonst. Die Mikroben leuchteten in strahlendem Gelb und zeichneten sich als sachte wogende Ketten im dunkelgrünen Wasser ab. Das Phänomen hatte erst vor zwei Nächten begonnen und zog große Scharen von Bewunderern an. Ich war heute Morgen besonders früh aufgestanden, um das atemberaubende Bild genießen zu können, ohne von Chai-Verkäufern, predigenden Neo-Hindus und knutschenden Pärchen gestört zu werden.

»Ich denke, wir werden uns diese Woche noch ein paar Mal sehen«, sagte ich.

Die Hunde hatten ihr Futter in Rekordzeit vertilgt. Yusuf sammelte die Teller ein.

»Darf ich dich zum Frühstück einladen, Ganga? Ayesha würde sich freuen. Sie beschwert sich in letzter Zeit, dass nur noch die Hunde ihre Kochkünste zu schätzen wüssten.«

Das Vibrieren des i-Live kam meiner Antwort zuvor. Ich nahm ab und lauschte dem Anrufer ein paar Sekunden.

»Tut mir leid, Onkel«, seufzte ich schließlich. »Da ist was passiert. Ich muss dringend los.«

Yusuf nickte gutmütig. »Dann ein andermal. Du weißt ja, wo wir wohnen.«

Ich winkte zum Abschied und machte mich auf den Weg Richtung Altstadt. Zu Fuß am Fluss entlang würde es am schnellsten gehen, trotz der gut 35°C, die bereits morgens um sieben am Wasser herrschten.

Vom Asi-Ghat, einst Treffpunkt von Gelehrten und Taschendieben, von Hippies und asketischen Sadhus, ging ich in nördlicher Richtung über die Stufen. Rechter Hand erhob sich steil das Häuserlabyrinth dieser ältesten aller Städte, links versickerte unaufhaltsam der Fluss. Als Kind war ich beinahe täglich über die Steintreppen gekraxelt, hatte den Staub der Jahrtausende geatmet und von einer glänzenden Zukunft geträumt.

Tulsidas-Ghat und Jain-Ghat zogen vorbei; dann umhüllten mich die Rauchschwaden des ewig schwelenden Harishchandra-Ghat. Noch immer wurden dort die Toten verbrannt, auch wenn es seit Jahrzehnten verboten war, ihre Asche in den erstickenden Fluss zu streuen. Wer es sich leisten konnte, ließ seine Angehörigen heute zu Diamanten pressen, manch andere wandten sich schamvoll an die Hersteller der Hochleistungsdünger, deren Firmengebäude zu den prunkvollsten in New-Kashi gehörten.

Am Raj-Ghat hatte der Schweiß meine dünne Bluse durchnässt, am Rana-Mahal-Ghat blieb ich stehen, um mir kurz vor dem Ziel das Gesicht abzutupfen. Das Dasashwamedh-Ghat präsentierte sich schmuck und protzig wie eh und je. Auch wenn die Menschenmassen, die sich zur allabendlichen Andacht einfinden würden, noch fern waren, herrschte hier mehr Betrieb als flussaufwärts. Die letzten Orthodoxen beendeten gerade ihr Bad, wrangen die Flussbrühe aus ihren Kleidern und stapften zwischen Müll und Sedimenten zurück zum Ufer. Auch ich wandte mich landeinwärts und erklomm eine steile, schmale Treppe, die in eine der sich endlos verzweigenden Gassen von Old-Kashi führte. Wenn ich den Kopf in den Nacken legte, konnte ich über den Flachdächern die goldene Tempelspitze aufragen sehen, zu der ich unterwegs war.

Der Weg wand sich über welliges, glattpoliertes Pflaster. An manchen Stellen verengte sich die Straße so sehr, dass kaum zwei Fußgänger nebeneinander gehen konnten, rechts und links reckten sich die Häuserfronten drei oder vier Stockwerke in die Höhe. Die illegalen Stromkabel, die einst wie Lianen diesen von Menschen erbauten Dschungel durchzogen hatten, waren seltener geworden, jedoch noch nicht ganz verschwunden. Ich hielt die Augen nach Kuhfladen offen und genoss das Gefühl von Heimat. In Old-Kashi schien die Zeit sich selbst stets ein paar Jahrzehnte hinterherzuhinken.

Ich gelangte auf eine breitere Straße und legte erleichtert die letzten schweißtreibenden Meter zurück. Der Haupteingang des Vishwanath-Tempels war weiträumig abgesperrt worden. Wo sich sonst Pilgerscharen zusammendrängten, gähnte eine unnatürlich freie Fläche. Passanten standen im Schatten und reckten die Hälse, Elektro-Rikschas surrten langsamer vorbei als sonst, eine Gruppe chinesischer Touristen machte Fotos. Ich zückte meinen Dienstausweis und bahnte mir einen Weg ins Innere des Gebäudekomplexes. Zwischen den sandfarbenen Säulen des Tempeltors blieb ich stehen, um die Szene auf mich wirken zu lassen.

Die Tat war ganz in der Nähe des belebten Eingangs geschehen, wo die Pilger in kleinen Buden die Opfergaben und Blumen für den Tempelbesuch kaufen konnten. Leuchtend rotes Kumkum-Pulver lag wie blutiger Staub auf den Devotionalien und klebte in Schlieren am Boden. Dazwischen trocknete das Blut der Opfer. Die Leichen waren zugedeckt worden, Spurensicherung und Rechtsmedizin spulten ihre grimmige Routine ab.

»Es war noch dunkel, als er durchgedreht ist.« Mein Kollege Arnav trat neben mich und reichte mir einen Pappbecher mit Chai. »Wenig Betrieb, zum Glück. Er hatte ein Messer, hat es durch die Scanner am Eingang geschmuggelt. Du weißt ja, wie hier kontrolliert wird.« Er verzog das Gesicht. »Er hat wahllos um sich gestochen, bis ihn die Sicherheitsleute erschossen haben. Vierzehn Verletzte, drei Tote.«

Ich schwenkte den Chai in meinem Becher. »Und das Motiv? Wissen wir, wer er war?«

»Ein eng verbundenes Mitglied unseres Tempels«, mischte sich eine dritte Stimme ein. »Seit zwölf Jahren im Vorstand. Er kommt … kam jeden Morgen her.«

Ich musterte den kahlgeschorenen Mann in der safranfarbenen Tracht eines Priesters, der sich zwischen uns geschoben hatte. »Und Sie sind?«

»Mahesh Trivedi.« Sein Tonfall sagte deutlich, dass er weitere Erklärungen für unnötig hielt.

»Der Oberste Priester.« Arnav legte die Handflächen aneinander. »Namaste, Pandit-ji. Gut, dass Sie es so schnell geschafft haben. Ich bin Arnav Yadav, leitender Ermittler.«

»Ganga Stuart«, stellte ich mich vor. Trivedi maß mich von oben bis unten. Ich spürte, wie sich meine Wangen röteten.

»Sie kannten den Täter persönlich?«, fragte Arnav.

»Diwakar Sharma«, nickte Trivedi. »Wir alle kannten ihn. Es gab kaum einen Tag, an dem er das heilige Bad ausfallen ließ. Das, was jetzt geschehen ist …«

»Hatte Sharma-ji vielleicht Streit mit jemandem? Haben Sie in letzter Zeit Veränderungen bemerkt?«

Trivedi zögerte. »Im Vorstand gibt es immer Unstimmigkeiten, es wird eben diskutiert. Dies hier ist einer der bedeutendsten Tempel des Landes. Da trifft man Entscheidungen nicht leichtfertig.«

Arnav und ich warteten ab.

»Es ging um die geplante Erweiterung«, fuhr der Priester schließlich fort. »Die Mehrheit im Vorstand sprach sich dafür aus, den neuen Turm ebenfalls zu vergolden. Sharma-ji war vehement dagegen. Er sagte, das Geld solle stattdessen für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. Er wurde überstimmt, aber es gab eine Menge böses Blut deswegen.«

Ich tauschte einen Blick mit Arnav. Die Geschichte war uns bekannt. Die E-Papers hatten unter dem Hashtag templegate ausführlich darüber berichtet. Allerdings passte es nicht, dass der vermeintliche Wohltäter plötzlich kaltblütig Pilger abstach.

»Wie sah es in seinem Privatleben aus?«, wandte ich mich an Trivedi. »Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?«

»Das Privatleben der Vorstandsmitglieder geht mich nichts an, Miss Ganga«, kam die brüske Antwort. »Sprechen Sie mit seiner Frau, wenn Sie mehr wissen wollen.« Er drehte sich demonstrativ von mir weg und fixierte Arnav. »Das ist ein unglücklicher Vorfall, Herr Kommissar. Wenn Sharmas Verbindung zum Tempel bekannt wird, kann das den Neubau erheblich verzögern. Nächstes Jahr ist Kumbh Mela, Millionen Menschen werden nach Varanasi pilgern, die ganze Welt wird auf den Vishwanath-Tempel schauen. Ich muss darauf bestehen, dass Sie die Angelegenheit diskret behandeln.«

»Hier sind vier Menschen gestorben, falls Ihnen das entgangen ist«, fuhr ich dazwischen. »Und unser Job ist es, herauszufinden, wie das passieren konnte. Ihre religiösen Befindlichkeiten interessieren uns herzlich wenig, Herr Trivedi.«

Der Priester betrachtete mich mit milder Überraschung. »In wessen Namen sprechen Sie, Miss Ganga? Wenn Sie sich von der Welt des Glaubens abgewandt haben, ist das Ihre Entscheidung. Aber lassen Sie mich versichern, dass die wichtigen Bürger unserer Stadt die Bedeutung dieses Tempels und seiner Diener sehr genau kennen. Und sie haben genug Mittel, um Schaden von ihm abzuwenden.«

»Der Schaden ist bereits entstanden, finden Sie nicht?« Ich deutete auf eine verhüllte Leiche.

Die Lippen des Priesters verzogen sich zu einem mitleidigen Lächeln. »Um diese glücklichen Seelen müssen Sie sich keine Sorgen machen, Miss Ganga. Sie waren tugendhafte Gläubige, und der Tod in unserer heiligen Stadt wird sie aus dem Kreislauf der Wiedergeburt erlösen. Ihr Stochern in der Asche kann ihnen nicht mehr helfen. Aber nur zu«, er machte eine ausladende Geste, »wenn es Ihnen hilft, dann gehen Sie Ihrer wichtigen Arbeit nach. Lassen Sie uns sehen, wie weit Sie kommen.«

Mit brennenden Wangen sah ich zu Arnav. Warum half er mir nicht?

»Meine Kollegin wollte Sie nicht beleidigen, Pandit-ji«, sagte er mit einem warnenden Seitenblick. »Wir werden natürlich unser Möglichstes tun, um den Frieden im Tempel zu wahren. Ich werde persönlich ein Auge darauf haben, dass die Ermittler alle Regeln des Anstands einhalten.«

Trivedi neigte den Kopf wie ein zufriedener Schulmeister. »Sehr vernünftig, Herr Kommissar. Wir werden uns für Ihre Bemühungen erkenntlich zeigen.«

Ohne Arnavs Antwort abzuwarten, ging er davon.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, fauchte ich, sobald wir allein waren. »Warum kuschst du vor ihm?«

»Man nennt das Feingefühl, Ganga. Trivedi muss nur mit dem kleinen Finger zucken, um uns aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Also lassen wir uns von ihm rumkommandieren, wie es ihm passt?« Am liebsten wäre ich dem selbstgefälligen Priester hinterhergelaufen, um unseren Disput auf der Stelle fortzusetzen.

»Nein, tun wir nicht.« Arnavs Stimme war ruhig und fest. »Aber wir wirbeln auch nicht unnötig Staub auf. Der Amoklauf hat vielleicht gar nichts mit den Tempelgeschäften zu tun. Oder hat unser Großstadtcop den Fall etwa schon gelöst?«

Die verbale Ohrfeige saß. Arnav hatte Recht, und ich hatte wieder einmal überreagiert. In Delhi hatte mich mein Sendungsbewusstsein ständig in Schwierigkeiten gebracht. Hier wollte ich es besser machen.

»Sorry, das war unangebracht«, lenkte ich ein. »Diese Willkür macht mich nur manchmal so wütend. Ich bin anders erzogen worden.«

Arnav nahm das Friedensangebot an. »Mir gefällt es auch nicht, aber so sind hier die Spielregeln. Verschaffen wir uns erst mal ein vollständiges Bild von der Lage, in Ordnung?«

Ich atmete durch und nickte. »Gibt es weitere Zeugen?«

»Die meisten stehen unter Schock. Nivedita und Yash kümmern sich darum. Ich werde mir als Nächstes den Vorstand genauer ansehen. Kannst du zu Sharmas Frau fahren?«

»Ich bin nicht mit dem Auto gekommen. Hab den Morgen an den Ghats verbracht.«

Er klimperte mit seinem Schlüsselbund. »Ich glaube, Sharmas Wohnung liegt in der gleichen Richtung. Ich nehm dich mit.«

Wir verließen die dunkle Enge der Tempelgasse und duckten uns unter dem Absperrband hindurch. Arnav hatte seinen E-Tata an der Hauptstraße geparkt, was uns einen weiteren kurzen Fußmarsch bescherte. Zwischen den Häuserfronten staute sich die Luft.

»Der Regen lässt weiter auf sich warten«, versuchte ich es mit einem der Standardthemen für Smalltalk.

»Kommt jedes Jahr später«, sagte Arnav. »Aber nach diesem Fall kann mir das egal sein. Ich fahre weg, zwei Wochen, Last Minute.«

»Guter Plan. Wo soll’s hingehen? Sibirien, Alaska?«

»Europa. Tata-Travels hat richtig gute Pauschalangebote. Alle ehemaligen Landeshauptstädte, inklusive Tauchgang durch Amsterlantis.«

»Klingt verlockend.«

»Ich kann dir ein zweites Ticket besorgen, wenn du möchtest.«

Die beiläufige Bemerkung brachte meine Schritte aus dem Takt, doch das bemerkte Arnav nicht, da er ebenfalls stehengeblieben war. Vor uns schnüffelte ein Straßenhund im Rinnstein. Arnav zog seinen Elektroschocker und lotste mich mit ausgestrecktem Arm in einem Bogen um den Hund herum.

Ich runzelte die Stirn. Die verwahrlosten Hunde gehörten in Varanasi zum Straßenbild. Das Seuchenschutzgesetz war noch nicht lange genug in Kraft, als dass sich ihre Anzahl auf natürliche Weise hätte verringern können.

»Was ist los?«

»Hast du’s nicht gelesen?«, fragte Arnav, als wir den Hund ohne Zwischenfälle passiert hatten. »Die Biester haben gestern ein Kleinkind angegriffen. Es spielte im Freien, die Eltern waren die ganze Zeit in der Nähe, aber die Köter müssen regelrecht auf der Lauer gelegen haben.«

Das war in der Tat kein alltägliches Ereignis. Die Straßenhunde blieben für gewöhnlich unter sich und verhielten sich Menschen gegenüber unterwürfig und defensiv, zumindest tagsüber.

»Tollwut?«

»Heute Morgen war noch nichts bekannt. Aber es kann nicht schaden, vorsichtig zu sein.«

Wir erreichten das Auto und ließen uns erleichtert in die Sitze fallen. Arnav drehte die Klimaanlage hoch. Keiner von uns nahm das Gespräch wieder auf, und Arnav wiederholte seine Einladung nicht.

Im Lauf des Tages verschwand die Szene aus meinen Gedanken. Auf den emotionalen Besuch bei Sharmas Witwe folgte ein langer Tag im Präsidium. Das Motiv für den Amoklauf blieb weiterhin im Dunkeln. Kein Abschiedsbrief, keine letzten Worte. Wir befragten die Menschen in Sharmas Umfeld, aber jeder beschrieb ihn als mitfühlend und gutherzig. Im Vorstand des Vishwanath-Tempels, der weit über die Grenzen der Stadt hinaus als skrupellose politische Größe bekannt war, schien Sharma ein Bollwerk der Aufrichtigkeit gewesen zu sein. Den plötzlichen Gewaltausbruch vom Morgen konnte sich niemand erklären. Kurz vor Feierabend trafen die Obduktionsergebnisse der vier Toten ein, brachten jedoch nichts Neues.

Als es dunkel wurde, machte ich mich erschöpft auf den Heimweg. Ich ergatterte einen Sitzplatz in der Magnetbahn und vertrieb mir die Fahrtzeit mit dem i-Live. Die E-Papers berichteten von weiteren Hundeangriffen. Auch ein paar Affen waren auffällig geworden. Man hatte einige Tiere erschossen und untersucht, keines zeigte jedoch Anzeichen von Tollwut. Ihr aggressives Verhalten blieb nach wie vor unerklärbar. In mehreren Artikeln tauchte der altmodische Begriff »Hundstage« auf. Schon meldeten sich Tierschutzorganisationen zu Wort, die mehr staatliches Engagement für Sterilisierungsprogramme forderten. Vermutlich würden sie in den nächsten Monaten Erfolg damit haben, bis eine neue Seuche, eine neue Naturkatastrophe das Interesse an den Hunden wieder erlahmen ließ.

Ich dachte an Yusuf und seine Schützlinge. Seit Jahr und Tag kümmerte sich der alte Mann um Varanasis darbende Straßenköter. Schon damals, als er noch jeden Morgen mit seiner E-Rikscha vor unserem Haus angehalten hatte, um mich und die Nachbarskinder zur Schule zu fahren, hatte ich ihn nach den Hunden ausgefragt, hatte mir von den neugeborenen Welpen berichten lassen und von Zeit zu Zeit die Toten betrauert. Manchmal erzählte mir Yusuf von seinen Plänen. Wenn er mehr Geld verdiente, würde er eine permanente Futterstelle einrichten; er würde die Hündinnen sterilisieren lassen und einen Tierarzt einstellen.

Aber Yusufs Gehalt reichte bis heute gerade einmal für seine Frau und sich und für einen extra Topf Linsen und Reis pro Tag für die Hunde. Er war Rikschafahrer und würde es sein Leben lang bleiben. Dennoch hielt er den Hunden die Treue, machte sich neuerdings sogar zum Gesetzesbrecher für sie.

Und nun die Angriffe. Der Gedanke an Yusuf, allein mit sieben, acht ausgewachsenen Tieren gefiel mir nicht. Ich nahm mir vor, ihm in den nächsten Tagen ins Gewissen zu reden. Vielleicht konnte ich ihn dazu bringen, das Füttern für eine Weile sein zu lassen und stattdessen einen kleinen Geldbetrag an eine Tierschutzorganisation zu spenden.

Einem Impuls folgend verließ ich die Bahn an einer der Haltestellen nahe der Altstadt und folgte den Menschenströmen hinunter zu den Ghats. Die Sonne war gerade hinter den Hausdächern verschwunden, lange Schatten krochen über das Flussbett. Ich winkte einen aufdringlichen Chai-Verkäufer weiter und ignorierte das knutschende Pärchen, das sich neben mir auf den Stufen räkelte. Über dem Wasser lag ein überirdischer, goldener Schimmer. Dann und wann schwappte eine Welle hoch genug, dass ich die fluoreszierenden Lichtfäden der Mikroben erkennen konnte. Im Hintergrund rezitierten die Neo-Hindus eine Hindi-Version der Legende von Göttin Ganga. Einst war sie am Himmel geflossen, bis der mächtige Shiva sie durch seine langen Haare hindurch zur Erde geleitet hatte. Nun schien es beinahe, als habe er seine heiligen Strähnen nach Tausenden von Jahren erneut in den Strom getaucht, um Ganga an einen besseren Ort zu führen. Sie würde mir fehlen.

Ich saß lange an den Ghats an diesem Abend. Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker früh. Um nach Yusuf zu sehen, blieb keine Zeit.

Im Büro begrüßte mich Arnav mit ernster Miene. »Es gibt weitere Fälle.«

»Angriffe?«, fragte ich.

»Ja. Zwei im Vishwanath-Tempel. Die Sicherheitsleute dort waren vorbereitet und konnten Blutvergießen verhindern. Im Durga-Tempel gab es einen Toten, der Amokläufer wurde gefasst und wird gerade verhört. Zwei leicht Verletzte im Hanuman-Tempel, Angreifer ist auf der Flucht.«

»Gibt es Verbindungen zu Sharma?«

»Bisher nichts Handfestes. Alle Täter sind orthodoxe Hindus. Einer von ihnen hat vor ein paar Wochen einen Kommentar für India Today verfasst und Trivedi in der templegate-Affäre massiv angegriffen. Yash prüft gerade, ob sich in den anderen Fällen ähnliche Bezüge herstellen lassen.«

»So was wie ein Rachefeldzug, meinst du?«

»Wir sollten die Möglichkeit zumindest in Betracht ziehen. Aber wir müssen vorsichtig sein. Varanasis Stadtpolitik ist ein Haifischbecken. Und der Vorstand des Vishwanath-Tempels ist einer der ganz großen Fische.«

»Haben wir den Artikel hier?«

Arnav verschränkte steif die Arme. »Ich hab beim Verlag angerufen. Offensichtlich hat Trivedi persönlich verfügt, dass der Text aus dem Netz gelöscht wird.«

Ich schnaubte frustriert. »Was schlägst du als Nächstes vor?«

»Lass uns zuerst mit den Tätern reden.« Er verzog das Gesicht, während er mir die Bürotür aufhielt. »Das heißt, sofern sie ansprechbar sind.«

Ich war überrascht, als Arnav den Weg zum Parkplatz einschlug und nicht zum benachbarten Haftgebäude. Im Auto erklärte er mir, dass die drei Täter bis auf Weiteres in der Psychiatrie untergebracht waren.

Wir quälten uns durch den Vormittagsverkehr. Die Klimaanlage pfiff auf Hochtouren.

»Hast du noch Verwandtschaft in Europa?«, fragte Arnav nach einer Weile, indem er wie selbstverständlich an unser Gespräch vom gestrigen Morgen anknüpfte.

»Du meinst wegen meines Nachnamens? Stuart?« Ich war diese Nachfragen gewohnt. »Meine Urgroßmutter war Engländerin. Sie kam als Ethnologin nach Varanasi, um über die Sterberituale der Hindus zu forschen. Das war wohl um die Jahrtausendwende. Mein Urgroßvater arbeite auf den Verbrennungsplätzen, so lernten sie sich kennen. Sie lebten eine Weile in England und heirateten dort. Er nahm ihren Nachnamen an. Damals war das Konzept von Unberührbarkeit noch weit verbreitet. Ich schätze, er wollte dem Stigma entkommen, indem er seinen Kastennamen abgab.«

»Sieh mal an«, murmelte Arnav. »Ich wusste gar nicht, dass du aus einer so alteingesessenen Familie stammst. Meine Eltern sind erst mit dem Diamantenboom hergezogen, vorher lebten sie in Jaipur.«

»Ja, die Stuarts gehören hier sozusagen zum Inventar«, scherzte ich. »Meine Urgroßeltern kauften irgendwann ein Haus in der Altstadt und ließen sich dort nieder. Kennst du das Pyara-Café in Asi? Das haben sie gegründet.«

»Nicht dein Ernst!«

Ich grinste über Arnavs Überraschung. Das Pyara hatte sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer Institution in den verwinkelten Gassen Old-Kashis gemausert. Schriftsteller, Musiker und Intellektuelle waren dort ein- und ausgegangen. Es befand sich noch immer in Familienbesitz und hatte sich einen Großteil seines antiken Charmes bewahrt. Die Besucherströme, die der Fluss von nah und fern nach Varanasi gelockt hatte, waren im gleichen Tempo versiegt wie dessen heiliges Wasser. Das Pyara und seine Philosophie von Gleichheit und Respekt hatten jedoch überdauert und prägten unsere Familie nun schon seit vier Generationen.

»Wir sollten mal zusammen dort essen gehen«, sagte Arnav beiläufig.

Ich ließ ein paar Augenblicke verstreichen, um zu zeigen, dass ich das Angebot verstanden hatte. »Um deine Frage zu beantworten«, fuhr ich schließlich fort, »unsere Familie hat seitdem immer hier gelebt. Falls ich Verwandte in England habe, weiß ich nichts von ihnen und sie wissen nichts von mir. Ich bin nie dort gewesen.«

Arnav lenkte den Wagen in eine Parklücke. Über uns erhob sich das Bollwerk des Psychiatriegebäudes. Hitze flutete das Fahrerhaus, als wir die Autotüren öffneten. Die wenigen Treppenstufen vor dem Haupteingang glühten unter unseren Schuhsohlen.

Wir passierten zwei Sicherheitsschleusen, füllten das obligatorische Besucherformular aus und deponierten unsere Dienstwaffen in einem der dafür vorgesehenen Schließfächer. Mit jedem Schritt, der uns tiefer ins Innere führte, vergrößerte sich mein Unwohlsein. In Delhi war die geschlossene Anstalt in einem High-Tech-Gebäude untergebracht, dessen kühle, glatte Oberflächen und schneeweiße Wände einen Großteil des Überwachungsapparats vor dem unwissenden Auge verbargen. Dieser Bau hier musste mindestens fünf oder sechs Jahrzehnte auf dem Buckel haben und stellte seine Kameras, Körperscanner und elektronisch gesicherten Gittertüren unverhohlen zur Schau. Selbst die altmodische, kränklich gelbe Wandfarbe hatte man beibehalten.

Ein Pfleger führte uns in einen Raum, der mit einem Metalltisch, Stühlen und einer Liege ausgestattet war, allesamt am Boden verschraubt. Klimaanlage und Fenster schienen nachträglich eingebaut worden zu sein, ich registrierte Panzerglas und fehlende Griffe.

Weder Arnav noch ich setzten uns, während wir warteten.

»Wen bringen sie jetzt?«

Arnav warf einen Blick auf sein i-Live. »Rohit Mehta. Einer der Angreifer aus dem Vishwanath-Tempel. 37 Jahre alt, verheiratet, eine Tochter, die in Shanghai lebt. Offensichtlich ein einfacher Gläubiger, keine Verbindung zum Vorstand oder zu Sharma, keine Vorstrafen.«

Zwei kräftige Pfleger erschienen in der Tür, Mehta zwischen sich herführend. Trotz seiner schmalen Statur und seiner fahrigen Bewegungen hatten sie ihn in eine Zwangsjacke geschnürt. Sein Blick ging ins Leere. Zwischen seinen speichelverklebten Barthaaren murmelten rosa Lippen eine unverständliche Litanei. Mir fiel auf, dass er kahle, blutige Stellen am Kopf hatte.

»Er hat sich die Haare ausgerissen, als er hier ankam«, erstattete einer der Pfleger Bericht. »Daraufhin verabreichten wir ihm ein Sedativum, und weil das nichts nutzte, mussten wir ihn fixieren.«

Arnav betrachtete die entrückte Gestalt nachdenklich. »Was redet er da? Klingt nach Sanskrit, oder?« Als alle Anwesenden die Schultern zuckten, seufzte er und wandte sich an mich. »Kannst du einen Dolmetscher herbestellen?«

Ich trat auf den Flur, um den Anruf zu machen. Von drinnen hörte ich Arnavs vergebliche Versuche, mit Mehta Kontakt aufzunehmen.

»Können Sie mich verstehen? Sie sind heute mit einer Waffe zum Vishwanath-Tempel gekommen. Was hatten Sie dort vor?«

Während ich Arnavs Wunsch an die Zentrale weitergab, beobachtete ich durch die Tür, wie Mehta den Kopf zur Seite drehte. Seine Stimme wurde lauter und schriller. Arnav ging um ihn herum und trat in sein Blickfeld. »Kennen Sie Diwakar Sharma?«

Mehta schnellte vor. Die Hände der Pfleger schlossen sich um seine Oberarme, und Arnav sprang erschrocken zurück. Mehta wand sich im Griff der Pfleger, bleckte die Zähne und schleuderte Arnav aggressiven Kauderwelsch vermischt mit Spucke entgegen. Ich wartete, bis die Pfleger Mehta wieder zur Tür hinausbugsiert hatten, ehe ich zurück in den Raum ging und Arnav ein Taschentuch reichte, mit dem er sich das Hemd saubertupfen konnte.

»Kommt der Dolmetscher?«, knirschte er.

»Ungefähr eine Stunde, je nach Verkehrslage.«

Wir nutzten die Zeit, um uns zum zweiten Angreifer im Vishwanath-Tempel führen zu lassen: eine Frau, ebenfalls strenggläubig, Musiklehrerin im Ruhestand. Ich erschrak, als ich an ihr Krankenbett trat, ihr schwachsinnig herabhängendes Kinn sah, ihre geistlosen Augen, Infusionsschläuche. Ein Arzt erklärte uns, dass sie bis vor zwei Stunden noch ansprechbar gewesen sei. Auch sie habe unzusammenhängend geredet und unter Wahnvorstellungen gelitten. Ihr Zustand verschlechterte sich unaufhaltsam, keine der gängigen Therapien schlug an.

Der Dolmetscher traf ein, identifizierte Mehtas Wortschwall als Legende der Göttin Ganga, die ich am vergangenen Abend in Hindi an den Ghats gehört hatte, und ließ uns damit ratloser zurück als zuvor.

»Na schön«, seufzte Arnav, als er und ich in der Kantine der Psychiatrie über einem späten Mittagessen saßen. »Was haben wir? Ein unbeliebtes Vorstandsmitglied, das sich plötzlich gegen die eigenen Schäfchen richtet. Einen aggressiven Prediger, eine Lehrerin im Wachkoma. Dann die beiden Fälle aus den anderen Tempeln …«

»Mit Ausnahme von Sharma sind das einfache Leute, ohne Kontakte zum Tempelvorstand oder zur Politik«, überlegte ich laut, während ich die grünen Chilis aus meinem Parantha pulte.

»Aber wo liegt dann die Verbindung? War es Zufall, dass alles bei Sharma seinen Anfang nahm? Ich habe das Gefühl, dass …«

Arnavs i-Live klingelte. Er hob ab und lauschte dem Anrufer ein paar Sekunden lang.

»Sie haben den Angreifer vom Hanuman-Tempel«, informierte er mich schließlich. »Derjenige, der den templegate-Kommentar verfasst hat. Er wird gerade aufs Präsidium gebracht.«

»Kannte er Sharma persönlich?«, fragte ich, während wir unsere Paranthas in Servietten wickelten.

Arnav schob seinen Stuhl zurück. »Das werden wir jetzt herausfinden.«

Wir steckten auf halbem Weg zum Präsidium im Stau, als ein weiterer Anruf einging. Arnav hörte lange zu und sagte wenig. Sein Blick zuckte zu mir.

»Allmählich kommt Bewegung in die Sache«, knurrte er, nachdem er aufgelegt hatte. »Es gab noch einen Angriff im Vishwanath-Tempel. Das Opfer war Mahesh Trivedi.«

»Wurde er verletzt?« Ich bemühte mich um einen sachlichen Tonfall.

Arnav schüttelte den Kopf. »Offenbar nicht. Der Angreifer ist in Gewahrsam.« Mit gerunzelter Stirn trommelte er auf das Lenkrad. »Wir sollten mit Trivedi reden, heute noch. Es gibt mittlerweile zu viele Hinweise, die auf templegate deuten.«

»Bei diesem Verkehr können wir froh sein, wenn wir vor Dienstschluss das Präsidium erreichen«, schnaubte ich.

»Du hast recht. Und wenn wir zu spät zum Vishwanath-Tempel kommen, wird Trivedi in der Andacht sein. Hör mal, wir sind nicht weit weg von der Altstadt. Geh du zum Tempel, ich fahre weiter zum Präsidium. Wir treffen uns heute Abend dort.«

»Du traust mir das zu?«, fragte ich, nur halb im Scherz.

»Ein einzelner Ausrutscher macht dich nicht gleich zu einer schlechten Polizistin, Ganga. Trivedi hat dich provoziert.« Er sah mir in die Augen und sagte eindringlich: »Lass dich von ihm nicht zu Dummheiten hinreißen. Er ist der mächtigste Mann Varanasis. Und er mag dich nicht.«

»Danke für die aufbauenden Worte.«

Arnav grinste schief. Er wirkte nervöser als ich. »Sei einfach vorsichtig, in Ordnung? Und bleib ruhig, egal was passiert. Mit etwas Glück lockt ihn das aus der Reserve.«

»Verlass dich auf mich.«

Insgeheim hatte ich auf eine Gelegenheit gehofft, die offene Rechnung mit Trivedi zu begleichen. Wenn er einen Machtkampf wollte, sollte er ihn haben.

Ich wappnete mich gegen die glühende Luft und stieg aus dem Wagen. Mit dem i-Live am Ohr schob ich mich durch das Gewimmel der Einkaufsstraßen im Stadtzentrum. Über Track2Home brachte ich Yusufs Telefonnummer in Erfahrung. Ich wollte ihn überzeugen, wenigstens für ein paar Tage auf das Füttern zu verzichten. Als ich zum dritten Mal nur das Freizeichen dranbekam, gab ich es auf. Wahrscheinlich steckte er mit seiner E-Rikscha im Feierabendverkehr und hörte das Klingeln nicht.

Vor dem Vishwanath-Tempel wies nichts mehr auf das gestrige Blutbad und die heutigen Angriffe hin. Die Absperrung war verschwunden, der niemals versiegende Pilgerstrom konnte wieder ungehindert fließen. Das Bild sprach von Gleichgültigkeit und Hochmut. Ich wusste, wem die Signale galten.

Widerwillig gab ich meinen Elektroschocker und die Dienstwaffe am Eingang ab. Trivedis Büro befand sich in einem schmucklosen Nebengebäude, die Klimaanlage war auf 16°C eingestellt. Der Priester ließ mich warten. Der Himmel vor dem Fenster färbte sich von Orange zu Grau, die automatischen Lichter flackerten auf. Mit verschränkten Armen ging ich im Raum auf und ab, besah mir den wuchtigen Schreibtisch, die goldgerahmten Porträts früherer Tempelvorstände, die schwarzglänzende Plasmawand und den Vorrat an Fläschchen mit der Aufschrift Ganga-Jal pureTM. Es überraschte mich nicht, dass der oberste Prediger der Stadt das heilige Bad im Fluss anderen überließ. Einem Impuls folgend steckte ich eine der Flaschen in meine Tasche.

Die Tür ging auf, und ich schalt mich stumm für meinen ertappten Gesichtsausdruck. Wie am Tag zuvor musterte mich Trivedi wie ein schlachtreifes Rind. In Anbetracht seiner Glaubenszugehörigkeit war das eine gewisse Leistung.

Ich gab mir einen Ruck. »Namaste, Pandit-ji«, grüßte ich mit aneinandergelegten Händen.

»Miss Ganga. Guten Abend.«

»Haben Sie Zeit für ein paar Fragen?«

»Wegen des Angriffs, nehme ich an.« Trivedi schloss die Tür, blieb jedoch stehen, wo er war.

»Kannten Sie den Täter?«

»Nein. Und wenn Sie sich mit Ihren Kollegen abgesprochen hätten, wüssten Sie das.«

»Können Sie sich einen Grund für den Angriff vorstellen?«

»Auch diese Frage hätten Sie sich sparen können, wenn Sie Ihre Arbeit ordentlich gemacht hätten.«

»Dieses Gespräch dient Ihrem eigenen Schutz, Pandit-ji«, antwortete ich mit einem wütenden Ziehen im Bauch. »Bitte erzählen Sie es mir noch einmal.«

Trivedi seufzte. »Der Mann wartete draußen vor dem Eingang. Ich war vermutlich zufällig der Erste, der vorbeikam.«

»Hat er mit Ihnen gesprochen?«

»Unglücklicherweise nicht. Sonst wüssten wir bereits, dass es eine arme, verwirrte Seele war, so wie die anderen.«

»Sind Sie sicher, dass er …«

»Miss Ganga«, Trivedi löste sich von seinem Platz und kam langsam auf mich zu. »Lassen wir das Geplänkel. Langweilt Sie das nicht? Für Ihren Kollegen Handlangerdienste zu verrichten? Ich habe mich ein wenig über Sie informiert«, fügte er beiläufig an. »Ausbildung, Familiengeschichte … Sie waren vorher bei der Polizei in Delhi. Dagegen muss Ihnen Varanasi wie ein Rückschritt vorkommen.«

»Ich bin mit meiner Stelle zufrieden, danke.«

»Das sollten Sie aber nicht sein. Yadav steht Ihnen doch nur deshalb im Weg, weil er länger hier ist als Sie. Wenn Sie wollen, kümmere ich mich darum, dass Sie eine Position mit mehr … Verantwortung bekommen.«

Da war es. Befolge meine Regeln, und wir kommen ins Geschäft.

»Ich sehe nicht, wie gerade Sie das beeinflussen könnten.«

»Der Polizeipräsident geht hier ein und aus, Miss Ganga. Nächstes Jahr steht die Kumbh Mela an, ein Weltereignis. Eine solche Veranstaltung zu sichern kann für eine jede Karriere nur von Vorteil sein.«

Ich wog eine halbe Sekunde lang ab und entschied mich dann, auf sein Spiel einzugehen. Vielleicht lässt er sich aus der Reserve locken, hatte Arnav gesagt.

»Und Sie wären bereit, ein gutes Wort für mich einzulegen?«

»Wird Ihnen das Geschäft in der Mordkommission nicht allmählich zu dreckig? Eine talentierte junge Frau wie Sie sollte Ihre Zeit mit angenehmeren Dingen verbringen.«

Er stand jetzt nur noch eine Armlänge von mir entfernt. Ich registrierte, dass er fast einen Kopf größer war als ich und stämmig gebaut.

»Ich stünde ungern in Ihrer Schuld, Pandit-ji.«

»Machen Sie sich darüber keine Gedanken, Miss Ganga. Wir finden sicher ein Arrangement, mit dem wir beide zufrieden sind.«

Mein Mund wurde trocken. Lock ihn aus der Reserve.

»Was schlagen Sie vor?«

Trivedis Blick heftete sich auf meinen Oberkörper. Ich wich zurück bis zur Wand. Er folgte mir mit zwei großen Schritten. Ich drehte mich weg, doch da schob sich eine Hand unter meine Bluse, zerrte den Stoff auseinander, begrapschte meine Brust, riss an meinem BH. Ich stieß einen unartikulierten Laut aus, wand mich aus seinem Griff und rammte ihm meinen Ellbogen ins Gesicht. Trivedi prallte gegen den Schreibtisch, Wasserflaschen gingen zu Bruch. Er ließ von mir ab und fasste sich an die blutende Lippe.

»Dreckige Unberührbare«, spuckte er.

Ich hechtete zur Tür. Trivedi machte keine Anstalten, mir zu folgen.

Ich stolperte die Treppen hinab, richtete mit zitternden Fingern mein Oberteil und stürzte ins Freie. Blind vor Wut und Scham verließ ich das Tempelgelände. Im Dunkeln erkannte ich kaum, wo ich meine Füße hinsetzte.

Dummes Mädchen, beschimpfte ich mich selbst. Hast du etwa gar nichts gelernt?

Rechts, links, rutschige Stufen hinunter, wieder links, dann zwischen zwei engstehenden Gebäuden hindurch. In welche Richtung jetzt? Egal.

Tränen bahnten sich ihren Weg. Reiß dich zusammen!

Keuchend lehnte ich mich an eine Hauswand und wischte mir über die Augen. Am Ende der Gasse kündete mystisches Leuchten von der Nähe des Flusses. Ich ging darauf zu, um mich zu orientieren. Meine kopflose Flucht hatte mich in eine verlassene Gegend geführt, und ich wollte nicht riskieren, von einem Übergriff in den nächsten zu geraten.

Ein Knurren ließ mich innehalten.

Mit aufgerissenen Augen suchte ich die dunklen Winkel zwischen den Gebäuden ab. Schließlich erkannte ich den gedrungenen Schatten eines Straßenköters, der mir den Weg zum Fluss versperrte. Alle Härchen an meinem Körper richteten sich auf. Ich griff nach meinem Elektroschocker und verfluchte mich im gleichen Moment für meine Leichtsinnigkeit. Meine Dienstwaffen lagen noch immer im Vishwanath-Tempel.

Der Hund knurrte wieder. Ich wich zurück, ohne das Tier aus den Augen zu lassen. Nachts erwachte das Revierbewusstsein der Hunde, versuchte ich mich zu beruhigen. Wenn ich mich zügig davonmachte …

Der Hund folgte mir zielstrebig. Ich konnte lediglich die Körperumrisse und sein aufblitzendes Gebiss erkennen. Ein weiteres kehliges Knurren. Ich beschleunigte, soweit es im Rückwärtsgehen möglich war.

»HAH!«, brüllte ich. »HAU AB!«

Der Hund sprang. Stechender Schmerz, als sich seine Zähne in meine Wade bohrten. Ich stürzte zu Boden und trat blindlings um mich. Winselnd ging der Köter auf Abstand. Meine Hände tasteten über das schmierige Pflaster, stießen auf Plastiktüten, Kuhdung … und einen Stein! Gerade groß genug, dass ich eine Faust darum schließen konnte.

Als der Hund zum zweiten Mal sprang, ließ ich den Brocken mit voller Wucht auf seinen Schädel krachen. Fiepend brach das Tier zusammen. Ich schlug wieder zu, und wieder. Spürte Blut und Knochensplitter. Sah nicht mehr den Hund vor mir, sondern safranfarbene Roben, einen kahlgeschorenen Kopf. Dreckige Unberührbare. Der Hundekörper zuckte, als die Schädeldecke barst. Mit einem schmatzenden Geräusch traf Stein auf Hirnmasse.

Ich sank wimmernd in mich zusammen. Dreckige Unberührbare.

Hör auf zu heulen! Steh auf, dummes Mädchen!

Ich zwang mich, tief und gleichmäßig zu atmen. Wischte mir die Hände an der Bluse ab und stemmte mich hoch. Ich musste weg, nach Hause, wo ich mich sammeln konnte. Nein, erst ins Krankenhaus, den Biss versorgen lassen. Mit einem weiteren beherrschten Atemzug bereitete ich mich darauf vor, über den Hundekadaver zu steigen. Ich drehte mich um und erstarrte.

Der zerstörte Schädel des Tieres leuchtete. Golden und überirdisch, wie der Glanz am Ende der Gasse.

Das Geschenk unserer Göttin, hatte Yusuf gesagt.

Yusuf!

Ich taumelte zwischen den Häusern hindurch, über die Stufen der Ghats und das sandige Ufer bis zum Wasser. Dort sank ich auf die Knie und ließ meine Tränen ungehindert in den sterbenden, todbringenden Fluss fließen.

*

Es dauerte lange, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Irgendwann war ich in der Lage, mit verklebten Fingern nach meinem i-Live zu tasten, in der Rechtsmedizin anzurufen und sie zu bitten, Diwakar Sharmas Schädel zu öffnen. Dann humpelte ich zurück zur Hauptstraße, winkte fuchtelnd nach einer E-Rikscha und fuhr ins Krankenhaus.

Ich ließ die Wunde versorgen, Tollwut- und Tetanusspritzen über mich ergehen, weigerte mich aber, zur Kontrolle dortzubleiben. Ich verschwieg, dass ich die Flussmikroben im Gehirn des Hundes gesehen hatte, der mich gebissen hatte. Ich hatte keine Zeit für hysterische Schlussfolgerungen, Bluttests, mögliche Quarantäne. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, mich in die Hände einer göttlichen Macht zu begeben.

Ganga, Schwester, steh mir bei.

Ich musste dringend weiter.

In einem der 24x7-Shops, die das Krankenhaus umringten, kaufte ich mir eine neue Bluse und tauschte sie hinter der Ladentheke gegen den Fetzen, den ich nach wie vor am Leib trug. Dann winkte ich mir eine weitere E-Rikscha heran. Es ging gegen Mitternacht, als ich den Fahrer vor Yusufs Haus anhalten ließ.

Drinnen brannte noch Licht. Ich schluckte gegen den Klumpen in meiner Kehle, vergeblich. Auf mein Klopfen öffnete Ayesha.

»Ganga? Bist du das?« Ihre Augen waren rot und geschwollen. Da wusste ich es.

Trotzdem sagte ich: »Ich muss dringend mit Onkel Yusuf sprechen.«

Ayesha reichte mir ihre kalten Hände

»Oh Kind, die Hunde«, flüsterte sie. »Dabei war er doch immer so gut zu ihnen.«

*

Das tödliche Geschenk der Göttin suchte uns für den Rest des Sommers heim. Die Hunde der Altstadt wurden zu Hunderten erschossen und verbrannt. Seevögel und Affen ereilte das gleiche Schicksal. Die Hindus waren gezwungen, einen großen Teil ihrer heiligen Kühe gewaltsam von Leid und Raserei zu erlösen. Man bestattete sie in allen Ehren, zusammen mit den gottergebensten Mitgliedern der Gemeinde, jenen, die bis zum Schluss ihr rituelles Bad mit Flusswasser durchgeführt hatten.

Die Mikroben, so verbreitete es sich nach einigen nervenaufreibenden Tagen in den E-Papers, befielen nur Organismen, die direkt mit dem verseuchten Wasser in Kontakt kamen. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch war ausgeschlossen, und auch die Opfer von Tierbissen kamen glimpflich davon.

Denjenigen jedoch, die sich infiziert hatten, konnte niemand helfen. Den ratlosen Ärzten blieb nichts anderes übrig, als die siechenden Frommen mit Medikamenten ruhigzustellen, bis ihre physischen Hüllen sie freigaben. Vor den Krankenhäusern sammelten sich Gruppen von Neo-Hindus und feierten die Opfer dafür, den Kreislauf des Leidens durchbrochen zu haben.

Auf weltlicher Ebene suchte man fieberhaft nach dem Ursprung der Epidemie. Die Keime wurden klassifiziert, ihre Wirkungsweise untersucht und das Gen isoliert, das die todbringende Mutation ausgelöst hatte. Im nächsten Jahr würde man gewappnet sein. Man erstellte eine Liste mit Schadstoffen, die das Wachstum der Einzeller förderten, und verfolgte die toxischen Substanzen zu ihren Ursprüngen zurück. Fabrikbesitzer, die sich stets mit Schmiergeldern aus der Verantwortung hatten stehlen können, wurden hart zur Rechenschaft gezogen.

Die Ghats waren in diesen Wochen wie ausgestorben. Die Einwohner Varanasis blieben ihrer Göttin fern. Jahrhundertelang hatte der Fluss geduldig Müll und Gift geschluckt, sein Wasser in den Dienst von Staudämmen und Atomkraftwerken gestellt und die Sünden von den Gläubigen abgewaschen. Jetzt schien es den Menschen, als ob er sie, die ihn verehrten und vernichteten, kurz vor seinem Tod an ihre Schuld erinnern wollte.

Auf dem Präsidium wurde der Fall rasch zu den Akten gelegt. Die Mordkommission sah sich nicht zuständig, templegate hatte sich als falsche Fährte erwiesen.

Am Tag nach Yusufs Beerdigung ging ich zum Fluss. Ich nutzte meinen Dienstausweis, um hinter die Absperrungen zu gelangen, und stapfte über den glühenden Sand zum Ufer. Dort zog ich die Flasche Ganga-Jal pureTM aus der Tasche und ließ den synthetischen Inhalt im Boden versickern. Ich bückte mich, füllte die Flasche mit echtem Gangeswasser und schraubte den Deckel wieder zu.

Ich erstattete Anzeige gegen Mahesh Trivedi und war nicht überrascht, dass meine Vorgesetzten die Sache unter den Teppich kehrten. Ich akzeptierte das Schweigegeld, das man mir anbot, und zog die Vorwürfe zurück.

Arnav ging mir aus dem Weg. Schließlich war ich es, die sich in der Kantine an seinen Tisch setzte.

»Ich hab gekündigt.«

»Das ist … schade, Ganga. Wie geht es jetzt für dich weiter?«

»Weiß ich noch nicht. Erst mal raus aus der Stadt. Wenn du aus dem Urlaub zurückkommst, werde ich schon weg sein.«

Noch eine Flucht. Du wirst gut darin, Mädchen.

Arnav schluckte. »Als ich dich gefragt hab, ob … also, du kannst immer noch mitkommen.«

Ich lachte humorlos. »Ernsthaft, Arnav?«

»Ich mag dich, Ganga. Als Freund. Auch wenn du denkst …«

»Du hast mich ins Messer laufen lassen. Du wusstest, was Trivedi vorhatte.«

»Ich wusste auch, dass er dir nichts Schlimmes antun würde. Er wollte dich einschüchtern, so wie er es mit allen macht. Dir zeigen, wer das Sagen hat. Nach dem Grapscher hätte er es gut sein lassen.«

»Verstehe.«

»Nein, du verstehst nicht, Ganga.« Arnavs Wangen röteten sich. »Was Mahesh Trivedi sagt, ist Gesetz. Er hat hier alle in der Hand. Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen konnte, aber du bist nicht die Einzige, der so was passiert ist.«

Ich nickte und stand auf. »Schönen Urlaub, Arnav.«

Am nächsten Tag fuhr ich zum Vishwanath-Tempel und ließ mich erneut in Trivedis Büro bringen. Auch heute musste ich warten. Darauf hatte ich gehofft. Ich zog die gestohlene Glasflasche aus der Tasche und stellte sie zu den anderen auf den Schreibtisch.

Trivedi begrüßte mich mit ausgeglichener Miene. »Sie wollten mich sprechen, Miss Ganga?«

»Ich bin hier, um mich zu entschuldigen, Pandit-ji. Es stand mir nicht zu, Sie ohne eindeutige Beweise zu verdächtigen. Ich habe meine Konsequenzen aus der Angelegenheit gezogen und werde den Polizeidienst verlassen.«

Der Priester lächelte dünn. »Das ist sehr anständig von Ihnen, Miss Ganga. Dann können wir unseren Groll also begraben?«

»Begraben ist das richtige Wort, Pandit-ji«, antwortete ich.

*

Meine letzte Fahrt in der heiligen Stadt führte mich zurück zu Ayeshas Haus. Ihre Taschen standen im Flur. Mein Reisegepäck war bereits im Kofferraum des Taxis verstaut.

»Ich kann das nicht annehmen, Kind«, wiederholte sie ihr Mantra der vergangenen Tage.

»Ich habe diesen Monat einen Bonus bekommen, Tante Ayesha. Ich will dir die Reise schenken.«

»Aber gleich so weit weg. England.« Sie schüttelte den Kopf, Angst und Sehnsucht im Blick.

»Mach dir keine Sorgen, Tante. Die sprechen dort alle Hindi. Und hast du nicht auch schon immer das Meer sehen wollen?«

Ayesha drückte wortlos meine Hand und ließ sich von mir in den Wagen helfen. Ich warf einen letzten Blick auf das verlassene Haus, dann setzte ich mich neben sie.

Ein neuer Anfang, das war es, was wir beide brauchten. Vielleicht gelang er uns in England, dem grünen, nassen Fleckchen Erde, das einst meinem Urgroßvater sein zweites Leben geschenkt hatte.

Dort, am anderen Ende der Welt. Wo Wasser einfach Wasser war und alle Götter längst tot.

 

***

© 2017 by Lisa-Marie Reuter

Alle Rechte vorbehalten

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 8. Dezember, genau hier.

 

 

Über die Autorin

Lisa-Marie Reuter wurde 1987 geboren und schreibt seit ihrer Schulzeit Fantasygeschichten. Ihren ersten Roman »Die Herrschaft der Xarquen« brachte sie Anfang 2016 im Selbstverlag heraus und veröffentlichte seitdem weitere Kurzgeschichten im Rahmen verschiedener Anthologie-Projekte. Während ihres Indologie-Studiums lernte sie den unbeschreiblichen indischen Subkontinent auf mehreren ausgedehnten Reisen kennen und lieben. Varanasi, Schauplatz der vorliegenden Erzählung, hat sie bisher drei Mal besucht und war dabei stets überwältigt von der Dynamik, mit der verschiedenste Lebenswelten an diesem Ort koexistieren.

www.lisamariereuter.de

www.paerlonien.com

"Tod einer Göttin" - Autorin Lisa-Marie Reuter

© Sybille Thomé

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