Kurzgeschichte: Jenseits der Mauer des Schlafes von H.P. Lovecraft

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FICTION FRIDAY

Jenseits der Mauer des Schlafes (H. P. Lovecraft)


Ein hinterwäldlerischer Bergbewohner wird mit Tobsuchtsanfällen ins Sanatorium eingeliefert. Wenn nicht einmal er selbst erklären kann, woher seine bizarren Visionen und seine unstillbaren Rachegelüste stammen – wer dann? …

Parallel zur frisch erschienenen kommentierten Ausgabe »H. P. Lovecraft – Das Werk« veröffentlichen wir auf Tor Online zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. »Jenseits der Mauer des Schlafes« ist eine der ersten Erzählungen Lovecrafts, die veröffentlicht wurden. Es handelt sich um reine Science Fiction – geschrieben, bevor dieses Genre existierte –, in der die Übertragung von Gehirnwellen technisch erklärt und ein Ereignis geschildert wird, das anhand astronomischer Daten nachprüfbar ist. Zugleich versucht Lovecraft hier zum ersten Mal die Idee der »Gedankenübertragung« auszuloten, der er später in »Der Flüsterer im Dunklen« und »Der Schatten aus der Zeit« tiefgründiger nachgehen wird, eine Idee, die die Tür zu Reisen durch Raum und Zeit auf eine Art öffnete, die man sich zuvor nicht vorstellen konnte.

***

          »Es kommt mir eine Exposition zum Schlaf an.«

          Shakespeare

 

Ich habe mich oft gefragt, ob die Mehrheit der Menschen sich jemals Zeit nimmt, über die mitunter titanische Bedeutsamkeit von Träumen nachzudenken und über die dunkle Welt, zu der sie gehören. Obwohl die überwiegende Zahl unserer nächtlichen Visionen vielleicht – Freuds kindischem Symbolismus zum Trotz – nur blasse und phantastische Spiegelungen unserer bewussten Erfahrungen darstellen, bleibt immer noch ein gewisser Rest, dessen jenseitige und ätherische Natur keine gewöhnliche Interpretation erlaubt. Die auf unbestimmte Weise erregende und beunruhigende Wirkung, die von diesem Rest ausgeht, lässt möglicherweise auf flüchtige Einblicke in eine Sphäre des Seelenlebens schließen, die nicht weniger wichtig ist als die körperliche Existenz, doch von jenem Dasein durch eine fast unüberwindliche Barriere getrennt bleibt. Aus eigener Erfahrung hege ich keinerlei Zweifel, dass der Mensch, wenn er dem irdischen Wachzustand abhandenkommt, tatsächlich in einem anderen, körperlosen Leben umherstreift, das sich gänzlich von dem uns bekannten Leben unterscheidet und von dem nach dem Erwachen nur die schwächsten und undeutlichsten Erinnerungen zurückbleiben. Aus diesen verschwommenen und bruchstückhaften Erinnerungen könnten wir vielerlei Schlüsse ziehen, dabei jedoch kaum etwas beweisen. Wir können vermuten, dass in Träumen Leben, Materie und Energie, wie man sie auf Erden kennt, nicht unbedingt konstant sein müssen und dass Zeit und Raum eine andere Beschaffenheit haben, als es uns unser wacher Verstand nahelegt. Manchmal glaube ich, dieses weniger materielle Leben ist unser eigentliches Leben, und unser nutzloser Aufenthalt auf Wasser und Land der Erdkugel ist in Wirklichkeit das sekundäre oder bloß virtuelle Phänomen.

Eines Nachmittags im Winter 1900/01 erwachte ich gerade aus einem von derlei Spekulationen erfüllten jugendlichen Tagtraum, als in die staatliche Heilanstalt für Geisteskranke, in der ich als Assistenzarzt arbeitete, der Mann gebracht wurde, dessen Fall mich seither so unaufhörlich verfolgt hat. Sein aktenkundiger Name war Joe Slater oder Slaader, und sein äußeres Erscheinungsbild entsprach dem eines typischen Bewohners der Catskill Mountains: Er war einer jener eigentümlichen, abstoßenden Sprösslinge eines primitiven kolonialen Bauernvolks, dessen fast drei Jahrhunderte andauernde Isolation in der bergreichen Weite einer selten bereisten Provinz dazu geführt hatte, dass es zu einer Art barbarischen Degeneration herabgestiegen ist, anstatt sich gemeinsam mit seinen glücklicher beheimateten Brüdern der dichter besiedelten Gegenden weiterzuentwickeln. Unter diesen kuriosen Leuten, die dem als »White Trash« bekannten, verkommenen Bevölkerungsteil der Südstaaten gleichen, gibt es weder Gesetz noch Moral, und ihre durchschnittliche Intelligenz liegt wohl unter jener aller anderen auf amerikanischem Boden geborenen Menschen.

Joe Slater, der unter der wachsamen Obhut von vier Polizeibeamten in die Heilanstalt eingeliefert wurde und den man als hochgefährlich einstufte, zeigte, als ich ihn das erste Mal sah, wahrhaftig keinerlei Anzeichen, eine Gefahr für andere darzustellen. Obwohl er größer als der Durchschnitt und von ziemlich kräftiger Statur war, verlieh ihm das blasse, schläfrige Blau seiner kleinen wässrigen Augen, sein spärlicher, ungepflegter, nie gestutzter Bart und das teilnahmslose Herabhängen seiner dicken Unterlippe einen absurden Ausdruck harmloser Dummheit. Sein Alter war unbekannt, da unter seinesgleichen weder Familienaufzeichnungen noch dauerhafte Familienbande existieren; doch angesichts seiner kahlen Stirn und seiner schlechten Zähne schrieb der Chefarzt ihn als Mann von ungefähr vierzig Jahren ein.

Aus den Kranken- und Gerichtsakten erfuhren wir alles, was man über seinen Fall in Erfahrung bringen konnte. Dieser Mann, ein Vagabund, Jäger und Fallensteller, war in den Augen seiner primitiven Gefährten stets ein Sonderling gewesen. Er hatte nachts oft länger geschlafen als allgemein üblich und nach dem Erwachen häufig von unbekannten Dingen gesprochen, die so bizarr waren, dass sie sogar in den Herzen einer phantasielosen Bevölkerung Angst weckten. Nicht dass seine Sprechweise ungewöhnlich gewesen wäre, denn er benutzte nie etwas anderes als den minderwertigen Dialekt seiner Umgebung; doch Tonfall und Inhalt seiner Äußerungen waren so rätselhaft und abenteuerlich, dass niemand zuhören konnte, ohne Furcht zu verspüren. Er selbst war meist ebenso verschreckt und verwirrt wie seine Zuhörer, hatte eine Stunde nach dem Erwachen stets alles Gesagte vergessen, oder zumindest das, was ihn zum Sprechen veranlasst hatte, und fiel zurück in das träge, mehr oder minder harmlose Dasein der anderen Bergbewohner.

Mit zunehmendem Alter trat Slaters morgendliche Verwirrung anscheinend immer häufiger und heftiger auf. Dann, ungefähr einen Monat vor seiner Einlieferung in die Heilanstalt, kam es zu der bestürzenden Tragödie, die zu seiner Festnahme durch die Behörden führte. Eines Tages, nachdem der Mann infolge eines Whiskeygelages am vorigen Nachmittag gegen fünf Uhr in tiefen Schlaf gesunken war, war er um die Mittagsstunde urplötzlich aufgestanden und hatte ein so schreckliches und unirdisches Geheul angestimmt, dass es einige Nachbarn in seine Hütte lockte – einen schmutzigen Schweinestall, in dem er mit einer Familie hauste, die ebenso unbeschreiblich war wie er. Er war in den Schnee hinausgerannt, hatte seine Arme himmelwärts gestreckt und damit begonnen, immer wieder geradewegs in die Luft zu springen. Gleichzeitig hatte er geschrien, er müsse unbedingt eine »große, große Hütte mit glänzenden Dach, Wänden und Boden und die laute, seltsame Musik in der Ferne« erreichen. Als zwei mittelgroße Männer versuchten, ihn zurückzuhalten, hatte er mit wahnsinniger Kraft und Wut gekämpft und gebrüllt, er wolle und müsse ein gewisses »Ding, das schimmert und zittert und lacht«, finden und töten. Schließlich, nachdem es ihm gelungen war, einen seiner Bändiger mit einem plötzlichen Fausthieb vorübergehend außer Gefecht zu setzen, hatte er sich in einem dämonischen Anfall von Blutdurst auf den anderen Mann gestürzt und teuflisch gekreischt, er werde »hoch in die Luft springen und alles verbrennen«, das sich ihm in den Weg stellte. Familie und Nachbarn waren nun in Panik geflohen, und als die Mutigeren von ihnen zurückkehrten, war Slater verschwunden und hatte von dem, was noch vor einer Stunde ein lebender Mensch gewesen war, nur eine unidentifizierbare breiige Masse zurückgelassen. Keiner der Bergbewohner hatte gewagt, ihn zu verfolgen, und wahrscheinlich wären sie froh gewesen, wenn er in der Kälte umgekommen wäre. Doch als sie einige Tage später seine Schreie aus einer abgelegenen Schlucht vernahmen, wussten sie, dass er es irgendwie geschafft hatte zu überleben und dass man sich seiner auf die eine oder andere Weise würde entledigen müssen. Danach wurde ein bewaffneter Suchtrupp losgeschickt, der (was immer seine ursprüngliche Absicht gewesen sein mag) dem Sheriff unterstellt wurde, nachdem einer der in dieser Gegend nicht sehr beliebten State Trooper den Trupp zufällig beobachtet, dann befragt und sich ihm schließlich angeschlossen hatte.

Am dritten Tag hatte man Slater bewusstlos in einem hohlen Baumstamm gefunden und ins nächste Gefängnis gebracht, wo er, sobald er wieder zu sich kam, von Nervenärzten aus Albany untersucht wurde. Ihnen erzählte er eine einfache Geschichte. Er habe sich, so sagte er, eines Nachmittags gegen Sonnenuntergang nach einem Besäufnis schlafen gelegt. Beim Erwachen habe er mit blutigen Händen im Schnee vor seiner Hütte gestanden, die zerfleischte Leiche seines Nachbarn Peter Slader zu seinen Füßen. Vor Schreck sei er in die Wälder geflohen, um irgendwie dem zu entkommen, was der Tatort seines Verbrechens sein musste. Abgesehen davon schien er nichts zu wissen, und auch die fachmännische Befragung durch die Ärzte konnte keine einzige zusätzliche Tatsache ans Licht bringen.

In jener Nacht schlief Slater ruhig, und am nächsten Morgen war bis auf eine gewisse Veränderung seines Gesichtsausdrucks nichts Auffälliges an ihm festzustellen. Dr. Barnard, der den Patienten beobachtet hatte, meinte, er habe in den blassblauen Augen ein gewisses eigentümliches Glitzern entdeckt, und auf seinen schlaffen Lippen habe sich eine fast unmerkliche Anspannung abgezeichnet, wie von plötzlicher intelligenter Entschlossenheit. Doch als man ihn befragte, fiel Slater in die gewohnte Geistesabwesenheit des Bergbewohners zurück und wiederholte nur, was er bereits am Vortag erzählt hatte.

Am dritten Morgen hatte er seinen ersten Tobsuchtsanfall. Nachdem er im Schlaf gewisse Anzeichen von Unruhe gezeigt hatte, befiel ihn eine so heftige Raserei, dass vier Mann nötig waren, um ihm eine Zwangsjacke anzulegen. Die Nervenärzte lauschten höchst aufmerksam seinen Worten, denn die Berichte seiner Familie und Nachbarn, die voller Andeutungen waren, wenn auch oft widersprüchlich und zusammenhanglos, hatten ihre Neugier angefacht. Slater tobte länger als fünfzehn Minuten, plapperte in seinem Hinterwäldlerdialekt von großen Gebäuden aus Licht, Ozeanen voller Sterne, seltsamer Musik und schattigen Bergen und Tälern. Doch am ausführlichsten ließ er sich über ein geheimnisvoll strahlendes Wesen aus, das zitterte und lachte und ihn verhöhnte. Diese ungeheure, schwer fassbare Person schien ihm etwas Schreckliches angetan zu haben, und sein sehnlichster Wunsch war, sie in einem triumphalen Racheakt zu töten. Um dieses Ziel zu erreichen, würde er, wie er sagte, durch Abgründe der Leere emporschweben und jedes Hindernis niederbrennen, das sich ihm in den Weg stellte. Dies waren seine Worte, bis er urplötzlich verstummte. Das Feuer des Wahnsinns erstarb in seinen Augen, und er sah die Fragesteller mit matter Verwunderung an und erkundigte sich, warum man ihn gefesselt habe. Dr. Barnard öffnete die Ledergurte und schloss sie erst abends wieder, als es ihm gelang, Slater davon zu überzeugen, sie zu seinem eigenen Besten freiwillig anzulegen. Der Mann hatte inzwischen eingeräumt, dass er manchmal merkwürdige Dinge sage, doch wisse er nicht, warum.

Innerhalb einer Woche kam es zu zwei weiteren Anfällen, aus denen die Ärzte wenig Neues erfuhren. Sie spekulierten ausführlich über die Quelle von Slaters Visionen, denn da er weder lesen noch schreiben konnte und offenbar noch nie eine Legende oder ein Märchen gehört hatte, war seine wunderbare Vorstellungskraft schlechthin unerklärlich. Sie konnte nicht aus irgendwelchen bekannten Sagen oder Romanen stammen: Dies wurde besonders durch die Tatsache deutlich, dass der unglückliche Irre sie auf seine eigene schlichte Art zum Ausdruck brachte. Er phantasierte von Dingen, die er nicht verstand und nicht interpretieren konnte; von Dingen, die ihm, so behauptete er, zugestoßen waren, die er aber keiner gewöhnlichen oder zusammenhängenden Erzählung hätte entnehmen können. Die Nervenärzte stimmten bald darin überein, dass abnorme Träume für die Störungen verantwortlich waren; Träume, deren Lebhaftigkeit das Wachbewusstsein dieses minderbemittelten Menschen im Grunde vollkommen beherrschte. Entsprechend der üblichen Verfahrensweise wurde Slater des Mordes angeklagt, wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen und in die Anstalt eingewiesen, in der ich einen so bescheidenen Posten innehatte.

Ich erwähnte bereits, wie intensiv ich mich mit dem Traumleben befasste, daher kann man sich vorstellen, mit welchem Eifer ich mich, sobald ich die Einzelheiten des Falls gründlich studiert hatte, dem neuen Patienten widmete. Er schien in mir eine gewisse Freundlichkeit wahrzunehmen, was zweifellos von meinem offensichtlichen Interesse an ihm herrührte und der sanften Art, in der ich ihn befragte. Nicht dass er mich je während seiner Anfälle erkannt hätte, wenn ich atemlos über seine chaotischen, aber kosmischen Wortgemälde staunte. Doch er erkannte mich in seinen ruhigen Stunden, wenn er neben seinem Gitterfenster saß, Körbe aus Stroh und Weidenrinde flocht und sich womöglich nach der Freiheit der Berge sehnte, an der er sich nie wieder würde erfreuen können. Seine Familie besuchte ihn nie; sie hatte wohl vorübergehend ein anderes Oberhaupt gefunden, so wie es bei den verkommenen Bergbewohnern üblich ist.

Allmählich befiel mich angesichts der verrückten und phantastischen Vorstellungen Joe Slaters ein überwältigendes Gefühl des Staunens. Der Mann selbst war sowohl geistig als auch sprachlich bedauernswert unterentwickelt, doch seine glühenden, gewaltigen Visionen, obgleich in einem barbarischen und wirren Kauderwelsch geschildert, entsprangen zweifellos einem überlegenen und außergewöhnlichen Geist. Ich fragte mich oft, woher die stumpfe Vorstellungskraft eines primitiven Catskillbewohners Bilder nahm, deren Beschwörung allein schon für einen verborgenen Funken Genialität sprach. Wie hätte irgendein dummer Provinzler auch nur eine Ahnung von jenen glitzernden Reichen himmlischen Lichts und Raums bekommen können, über die Slater in seinem wilden Delirium faselte? Ich neigte immer mehr zu der Annahme, dass in der jämmerlichen Persönlichkeit, die sich vor mir krümmte, der entstellte Kern von etwas lag, das sich meinem Begriffsvermögen entzog; etwas, das unendlich weit vom Begriffsvermögen meiner erfahreneren, aber weniger phantasievollen Kollegen aus Medizin und Wissenschaft entfernt war.

Und dennoch konnte ich nichts Eindeutiges aus Slater herausbekommen. Das Ergebnis all meiner Befragungen war, dass er in einem teils körperlosen Traumleben durch glänzende und prachtvolle Täler, Wiesen, Gärten, Städte und Paläste aus Licht streifte oder schwebte; in einer grenzenlosen Region, die dem Menschen unbekannt ist. Dort war er kein Bauer oder Primitivling, sondern ein Geschöpf, das ein bedeutsames und erfülltes Leben führte, das stolz und gebieterisch einherschritt und nur von einem bestimmten Todfeind bedroht wurde, der ein gleichzeitig sichtbares und ätherisches Wesen zu sein schien und wohl keine menschliche Gestalt besaß, da Slater ihn nie als Mann, sondern ausschließlich als Ding bezeichnete. Jenes Ding hatte Slater ein schreckliches, aber unausgesprochenes Leid zugefügt, das der Wahnsinnige (wenn er denn wahnsinnig war) unbedingt rächen wollte.

Aus der Art und Weise, in der Slater über ihre Beziehung sprach, schloss ich, dass er und das leuchtende Ding einander ebenbürtig waren; dass der Mann in seiner Traumexistenz selbst ein leuchtendes Ding von derselben Rasse wie sein Feind war. Dieser Eindruck bestätigte sich in seinen häufigen Bemerkungen, durch den Raum zu fliegen und alles zu verbrennen, was sich ihm in den Weg stellte. Doch wurden diese Vorstellungen in simplen Begriffen ausgedrückt, die völlig ungeeignet waren, sie wiederzugeben, ein Umstand, der mich zu der Schlussfolgerung führte, dass in der Traumwelt, wenn sie denn existierte, Gedanken nicht durch gesprochene Worte übermittelt werden. Konnte es sein, dass die Traumseele, die in dem minderwertigen Leib wohnte, verzweifelt versuchte, etwas mitzuteilen, das die schlichte und stockende Sprache des begriffsstutzigen Hinterwäldlers nicht auszudrücken vermochte? Konnte es sein, dass ich mich intelligenten Äußerungen gegenübersah, die das Rätsel lösen würden, wenn es mir nur gelang, ihre Bedeutung zu entschlüsseln? Den anderen Ärzten erzählte ich nichts von diesen Dingen, denn das fortgeschrittene Alter ist skeptisch, zynisch und nicht bereit, neue Ideen zu akzeptieren. Zudem hatte mich der Direktor der Anstalt kürzlich in seinem väterlichen Ton gewarnt, dass ich überarbeitet sei und mein Verstand Ruhe brauche.

Ich war schon seit langem davon überzeugt, dass menschliche Gedanken hauptsächlich aus atomarer oder molekularer Bewegung bestehen, die in Ätherwellen aus Strahlungsenergie wie Hitze, Licht oder Elektrizität umgewandelt werden können. Diese Überzeugung hatte mich schon früh dazu gebracht, über die Möglichkeit von Telepathie oder geistiger Kommunikation mittels eines entsprechenden Apparats nachzudenken, und als Student hatte ich ein Sende- und ein Empfangsgerät konstruiert, die ein wenig den klobigen Apparaten für drahtlose Telegraphie glichen, die in jener primitiven Zeit vor Erfindung des Radios benutzt wurden. Ich hatte sie mit einem Kommilitonen erfolglos getestet und dann mitsamt anderem wissenschaftlichen Krimskrams weggepackt, um vielleicht später einmal auf sie zurückzukommen.

Nun, da ich mir unbedingt Zugang zum Traumleben von Joe Slater verschaffen wollte, holte ich diese Instrumente wieder hervor und verbrachte mehrere Tage damit, sie zu reparieren. Als sie erneut funktionstüchtig waren, versäumte ich keine Gelegenheit, sie auszuprobieren. Bei jedem Tobsuchtsanfall Slaters befestigte ich den Sender an seiner Stirn und den Empfänger an meiner, wobei ich unablässig Feineinstellungen vornahm, um verschiedene hypothetische Wellenlängen für geistige Energie zu überprüfen. Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon, wie Slaters Gedankeneindrücke, sofern sie erfolgreich übertragen wurden, ein geistiges Echo in meinem eigenen Gehirn erzeugen würden, doch war ich überzeugt, dass es mir gelingen würde, sie aufzuspüren und zu interpretieren. Demgemäß setzte ich meine Experimente fort, erzählte aber niemandem, worum es sich dabei handelte.

Am 21. Februar 1901 war es dann endlich so weit. Wenn ich über die Jahre zurückblicke, stelle ich fest, wie unwirklich es erscheint, und frage mich manchmal, ob Dr. Fenton nicht recht hatte, als er alles meiner überhitzten Phantasie zuschrieb. Ich erinnere mich daran, wie überaus freundlich und ruhig er meinem Bericht lauschte, danach aber ein Nervenpulver verschrieb und ein halbes Jahr Urlaub verordnete, den ich in der folgenden Woche antrat.

In jener Schicksalsnacht war ich äußerst erregt und beunruhigt, denn obwohl Joe Slater vorzüglich gepflegt wurde, lag er offensichtlich im Sterben. Vielleicht vermisste er die Freiheit seiner Berge, oder der Aufruhr in seinem Gehirn war für seinen eher schwerfälligen Körper zu heftig geworden; jedenfalls flackerte die Lebensflamme nur noch schwach in dem verfallenden Leib. Als es auf das Ende zuging, dämmerte er vor sich hin, und als die Dunkelheit hereinbrach, fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Ich zog ihm keine Zwangsjacke an wie sonst, wenn er schlief, da er zu schwach schien, um mir gefährlich zu werden, selbst wenn er vor dem letzten Atemzug noch einmal im Zustand geistiger Zerrüttung erwacht wäre. Allerdings befestigte ich an seiner und meiner Stirn die beiden Enden des kosmischen »Radios«: In der kurzen Zeit, die uns blieb, hoffte ich trotz allem noch eine letzte Botschaft aus der Traumwelt zu empfangen. Mit uns in der Zelle war ein Krankenpfleger, ein begriffsstutziger Mensch, der den Zweck des Apparats nicht durchschaute und nicht auf den Gedanken kam, mein Tun in Frage zu stellen. Als die Stunden verstrichen, sah ich, wie Slaters Kopf unbeholfen im Schlaf herabsank, doch ich störte ihn nicht. Eingelullt durch die regelmäßigen Atemzüge des gesunden und des sterbenden Mannes, muss ich wohl selbst kurz darauf eingenickt sein.

Der Klang einer unheimlichen lyrischen Melodie weckte mich. Von überall her ertönten leidenschaftliche Akkorde, Vibrationen und harmonische Ekstasen; gleichzeitig explodierte ein gewaltiges Schauspiel vollendeter Schönheit vor meinen verzückten Augen. Mauern, Säulen und Architrave aus lebendigem Feuer loderten strahlend rund um die Stelle, wo ich scheinbar in der Luft schwebte, erstreckten sich aufwärts, hin zu einer unendlich hohen gewölbten Kuppel von unbeschreiblicher Pracht. Mit diesem Bild palastartiger Herrlichkeit verschmelzend oder es vielmehr zuweilen in einer kaleidoskopartigen Drehung verdrängend, öffneten sich flüchtige Ausblicke auf weite Ebenen und anmutige Täler, hohe Berge und einladende Grotten, ausgestattet mit allen Merkmalen landschaftlicher Schönheit, die mein entzücktes Auge fassen konnte, doch gänzlich aus einem glühenden, ätherischen, plastischen Etwas bestehend, das ebenso sehr Geist wie Materie zu sein schien. Während ich den Anblick in mich aufnahm, erkannte ich, dass mein eigenes Gehirn den Schlüssel zu diesen bezaubernden Metamorphosen besaß, denn jede Aussicht, die sich vor mir auftat, war die, die mein launischer Verstand am sehnlichsten zu sehen wünschte. Inmitten dieses elysischen Reiches weilte ich nicht als Fremder, denn jeder Anblick und jedes Geräusch waren mir vertraut, so wie sie es seit unzähligen Äonen der Unendlichkeit waren und in den kommenden Ewigkeiten sein würden.

Dann näherte sich die strahlende Aura meines Lichtbruders und hielt mit mir Zwiesprache von Seele zu Seele, in einem stillen und vollkommenen Austausch von Gedanken. Die Stunde gehörte dem baldigen Triumph, denn sollte mein Gefährte nicht endlich aus einer erniedrigenden Knechtschaft befreit werden? Sollte er nicht ewige Freiheit gewinnen und sich aufmachen, den verfluchten Tyrannen bis zu den äußersten Ätherfeldern zu verfolgen, um eine flammende kosmische Vergeltung an ihm zu üben, welche die Sphären erschüttern würde? So schwebten wir eine kurze Zeit, bis ich ein leichtes Verschwimmen und Verblassen der Gegenstände rundum bemerkte, als riefe eine Macht mich zurück zur Erde – wo ich am wenigsten hinwollte. Die Gestalt neben mir schien ebenfalls eine Veränderung zu spüren, denn sie kam allmählich zum Schluss ihrer Rede und machte sich bereit, den Ort zu verlassen; sie verschwand etwas weniger rasch aus meiner Sicht als die anderen Dinge. Wir tauschten noch einige weitere Gedanken aus, und ich wusste, der Leuchtende und ich wurden zurück in die Knechtschaft gerufen, auch wenn es für meinen Lichtbruder das letzte Mal sein würde. Seine erbärmliche irdische Hülle war so gut wie verbraucht, und in weniger als einer Stunde würde mein Gefährte frei sein, den Tyrannen entlang der Milchstraße, hinter die letzten Sterne und bis an die Grenzen der Unendlichkeit zu jagen.

Ein scharfer Schnitt trennte meinen letzten Blick auf die verblassende Lichtlandschaft von meinem plötzlichen und etwas verlegenen Erwachen, und als ich mich in meinem Stuhl aufrichtete, sah ich, wie der Sterbende auf der Liege sich zögernd bewegte. Joe Slater erwachte tatsächlich, wenn auch wahrscheinlich zum letzten Mal. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich auf seinen fahlen Wangen eine Röte, die sie nie zuvor gezeigt hatten. Auch die Lippen wirkten ungewöhnlich, waren fest zusammengepresst, wie durch den Willen eines Charakters, der stärker war als derjenige Slaters. Das ganze Gesicht begann sich anzuspannen, und der Kopf bewegte sich unruhig mit geschlossenen Augen.

Ich weckte den schlafenden Pfleger nicht, sondern schloss die etwas verrutschten Kopfkontakte meines telepathischen »Radios« neu an, da ich jede Abschiedsbotschaft auffangen wollte, die der Träumer vielleicht noch überbringen musste. Plötzlich drehte der Kopf sich heftig in meine Richtung, die Augen öffneten sich, und mir stockte der Atem angesichts des Anblicks, der sich mir darbot. Der Mann, der Joe Slater gewesen war, der Catskill-Provinzler, sah mich nun mit leuchtenden, geweiteten Augen an, deren Blau eine Spur dunkler geworden war. In diesem Blick konnte man weder Wahnsinn noch Verkommenheit erkennen, und ich spürte ohne jeden Zweifel, dass ich ein Gesicht betrachtete, hinter dem sich ein wacher, hochrangiger Verstand verbarg.

An diesem Punkt wurde meinem Gehirn bewusst, dass eine äußere Macht stetig auf es einwirkte. Ich schloss die Augen, um meine Gedanken stärker zu konzentrieren, und wurde mit dem unumstößlichen Wissen belohnt, dass die Geistesbotschaft, die ich schon so lange ersehnte, endlich eingetroffen war. Die übertragenen Vorstellungen formten sich in rascher Folge in meinem Verstand, und obwohl keine eigentliche Sprache gebraucht wurde, ging die Verknüpfung von Idee und Ausdruck so reibungslos vonstatten, dass es mir vorkam, als erhielte ich die Botschaft in gewöhnlichem Englisch.

»Joe Slater ist tot«, so lautete die Nachricht der seelenversteinernden Stimme oder des Senders von Jenseits der Mauer des Schlafes. Mein Blick richtete sich voll wissbegierigem Grauen auf das Krankenlager, doch die blauen Augen schauten immer noch ruhig, und das Gesicht wurde weiterhin von Intelligenz belebt. »Der Tod ist besser für ihn, denn er konnte den wachen Geist einer kosmischen Wesenheit nicht ertragen. Sein grobschlächtiger Körper konnte die notwendigen Anpassungen zwischen Ätherleben und Erdenleben nicht vollziehen. Er war zu sehr Tier, zu wenig Mensch; doch du hast mich aufgrund seiner Mängel entdeckt, denn kosmische und erdgebundene Seelen sollten sich eigentlich nie begegnen. Er war seit zweiundvierzig deiner Erdenjahre meine Folter und mein tägliches Gefängnis.

Ich bin eine Wesenheit wie jene, zu der du selbst in der Freiheit traumlosen Schlafes wirst. Ich bin dein Lichtbruder, und bin mit dir durch leuchtende Täler geschwebt. Es ist mir verboten, deinem wachen Erdenselbst von deinem wirklichen Selbst zu erzählen, doch wir sind alle Wanderer in gewaltigen Räumen und Reisende vieler Zeitalter. Nächstes Jahr weile ich vielleicht im dunklen Ägypten, das du als Reich der Antike kennst, oder im grausamen Imperium von Tsan-Chan, das in dreitausend Jahren existieren wird. Du und ich schwebten zu den Welten, die um den roten Arkturus kreisen, und verweilten in den Körpern der Insektenphilosophen, die stolz über den vierten Mond des Jupiter wimmeln. Wie wenig weiß das Erdenselbst vom Leben und seinem Ausmaß! Wie wenig sollte es um seines Seelenfriedens willen erfahren!

Von dem Tyrannen kann ich nicht sprechen. Du hast auf Erden unwissentlich seine ferne Präsenz gespürt – hast seinem blinkenden Leuchtfeuer ahnungslos den Namen Algol, der Dämonenstern, gegeben. Seit Äonen versuche ich vergeblich, den Tyrannen zu treffen und zu besiegen, wurde aber durch die Last dieses Körpers zurückgehalten. Heute Nacht gehe ich als Nemesis, um gerechte und strahlende kataklysmische Vergeltung zu üben. Suche mich am Himmel nahe dem Dämonenstern.

Ich kann nicht länger sprechen, denn der Leib Joe Slaters wird kalt und steif, und das grobe Hirn pulsiert nicht mehr so, wie ich es will. Du warst mein Freund im Kosmos; du warst mein einziger Freund auf diesem Planeten – die einzige Seele, die mich in der abstoßenden Gestalt, die auf diesem Bett liegt, spürte und suchte. Wir werden uns wiedersehen – vielleicht in den schimmernden Nebeln von Orions Schwert, vielleicht auf einer kahlen Hochebene im prähistorischen Asien. Vielleicht heute Nacht in vergessenen Träumen; vielleicht in anderer Gestalt, ein Äon in der Zukunft, wenn das Sonnensystem hinweggefegt sein wird.«

An dieser Stelle brachen die Gedankenwellen plötzlich ab, und die blassen Augen des Träumers – oder soll ich ihn als Toten bezeichnen? – begannen fischartig zu glänzen. Halbbetäubt ging ich zur Liege hinüber und ergriff sein Handgelenk, doch es war kalt, steif und ohne Puls. Die fahlen Wangen wurden bleich wie zuvor, die dicken Lippen öffneten sich und entblößten die abstoßend schlechten Zähne des verkommenen Joe Slater. Mir schauderte, ich zog eine Decke über das grässliche Gesicht und weckte den Pfleger. Dann verließ ich die Zelle und ging leise in mein Zimmer. Ich sehnte mich beharrlich und unerklärlich nach einem Schlaf, an dessen Träume ich mich nicht erinnern würde.

Die Pointe? Welche einfache Geschichte aus der Wissenschaft kann mit solch einem rhetorischen Effekt aufwarten? Ich habe lediglich einige Dinge niedergeschrieben, die ich für Fakten halte, und überlasse es Ihnen, Ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Wie ich bereits einräumte, leugnet mein Vorgesetzter, der alte Dr. Fenton, dass irgendetwas von dem, was ich erzählt habe, den Tatsachen entspricht. Er schwört, ich sei aufgrund nervlicher Überlastung zusammengebrochen und brauche dringend den langen bezahlten Urlaub, den er mir so großzügig gewährte. Er versichert mir bei seiner Berufsehre, dass Joe Slater nichts weiter als ein primitiver Paranoiker gewesen sei, dessen phantastische Vorstellungen aus den simplen überlieferten Volksmärchen stammen mussten, die sogar in den verkommensten Gemeinden kursieren. Das alles sagt er mir – ich aber kann nicht vergessen, was ich in der Nacht, als Slater starb, am Himmel sah. Damit Sie mich nicht für voreingenommen halten, muss die Feder eines anderen dieses letzte Zeugnis ablegen, das womöglich die von Ihnen erwartete Pointe liefert. Ich zitierte den folgenden Bericht über den Stern Nova Persei wörtlich aus den Werken jenes bedeutenden und angesehenen Astronomen, Professor Garrett P. Serviss:

»Am 22. Februar 1901 wurde von Dr. Anderson aus Edinburgh nicht sonderlich weit entfernt von Algol ein neuer Stern entdeckt. An dieser Stelle hatte man nie zuvor einen Stern gesichtet. Binnen vierundzwanzig Stunden war der Fremdling so hell geworden, dass er Capella überstrahlte. Nach ein oder zwei Wochen war er sichtlich verblasst, und nach einigen Monaten konnte man ihn mit bloßem Auge kaum noch erkennen.«


Deutsch von Alexander Pechmann

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 17. November, genau hier.

 


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Erstveröffentlichung unter dem Titel »Beyond the Wall of Sleep« in Pine Cones (Oktober 1919)

Für die deutschsprachige Ausgabe:

 © 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

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