Randolph Carters Aussage (H. P. Lovecraft)

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FICTION FRIDAY

Randolph Carters Aussage (H. P. Lovecraft)


Nachts auf einem sumpfigen Friedhof, ausgerüstet mit Schaufeln, Taschenlampen und einem geheimnisvollen Buch – klingt nach dem Patentrezept für unbeschreibliches Grauen …

Parallel zur frisch erschienenen kommentierten Ausgabe »H. P. Lovecraft – Das Werk« veröffentlichen wir auf Tor Online zehn kostenlose Arkham-Erzählungen vom Großmeister selbst. »Randolph Carters Aussage« ist eine von mehreren Geschichten Lovecrafts, die auf seinen Träumen basieren. Die hier eingeführte Figur des Randolph Carter gilt gemeinhin als autobiographisch. Der Text wird als Selbstrechtfertigung präsentiert, die das bizarre Verhalten des Erzählers erklären soll. Die geographischen Details sind ungenau, was zu einer Traumlandschaft passen würde, doch indem Lovecraft der traumartigen Szene moderne Technologie – einen Telefonapparat – und die Erkundung einer unbekannten Gruft gegenüberstellt, sorgt er für wirkungsvollen Schauder.

***

Ich wiederhole, Gentlemen, Ihr Verhör ist nutzlos. Halten Sie mich ewig fest, wenn Sie wollen; verurteilen oder hängen Sie mich, wenn Sie ein Opfer brauchen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, die Sie Gerechtigkeit nennen; aber ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich bereits gesagt habe. Alles, woran ich mich erinnere, habe ich Ihnen vollkommen aufrichtig erzählt. Nichts wurde verdreht oder verheimlicht, und wenn etwas unklar bleibt, dann nur wegen der dunklen Wolke die meine Sinne umnachtete – wegen jener Wolke und der nebulösen Natur der Schrecken, die sie über mich brachte.

Ich sage es noch einmal: Ich weiß nicht, was aus Harley Warren geworden ist. Ich glaube aber – oder hege zumindest die Hoffnung –, dass er seinen Frieden gefunden hat, falls etwas so Segensreiches denn irgendwo existiert. Ja, ich bin seit fünf Jahren sein engster Freund gewesen und habe mich an seiner schrecklichen Erforschung des Unbekannten beteiligt. Obwohl ich mich nur undeutlich und vage erinnere, leugne ich nicht, dass Ihr Zeuge uns, wie er sagt, zusammen gesehen hat, als wir in jener grauenvollen Nacht um halb zwölf auf der Gainsville-Mautstraße in Richtung des Big Cypress Swamp gingen. Ich gebe sogar zu, dass wir Taschenlampen, Schaufeln und eine eigenartige Kabelrolle mit zugehörigen Apparaten trugen, denn all diese Dinge spielten eine Rolle in der furchtbaren Szene, die sich auf ewig in mein gemartertes Hirn eingebrannt hat. Doch darüber, was folgte und warum ich am nächsten Morgen allein und verwirrt am Rand des Sumpfes gefunden wurde, kann ich schlicht und einfach nichts anderes sagen als das, was ich Ihnen immer wieder aufs Neue geschildert habe. Sie behaupten, es gebe in dem Sumpf oder seiner Umgebung keinen Ort, an dem jener entsetzliche Zwischenfall stattgefunden haben kann. Ich antworte, dass ich nichts anderes weiß als das, was ich gesehen habe. Womöglich handelte es sich nur um Einbildung oder einen Albtraum – ich hoffe von Herzen, dass dem so war –, doch es ist alles, was mir von den Ereignissen jener schauderhaften Stunden, die auf unser Verschwinden aus dem Gesichtskreis der Menschen folgten, im Gedächtnis blieb. Und weshalb Harley Warren nicht zurückkehrte, kann nur sein Schatten – oder irgendein grausiges, unbeschreibliches Ding – erklären.

Wie ich schon sagte, waren die unheimlichen Studien Harley Warrens mir wohlvertraut, und ich beteiligte mich bis zu einem gewissen Grad an ihnen. Aus seiner Sammlung merkwürdiger, seltener Bücher über verbotene Themen habe ich all jene gelesen, die in mir verständlichen Sprachen verfasst sind; doch sind dies nur wenige im Vergleich zu den Exemplaren, deren Sprache ich nicht verstehe. Ich glaube, die meisten sind auf Arabisch, und das satanische Buch, welches das Ende herbeiführte – das Buch, das er bei sich trug, als er diese Welt verließ –, war in Zeichen geschrieben, die ich nie zuvor anderswo gesehen habe. Warren wollte mir nie erzählen, was in diesem Buch stand. Was die Art unserer Studien angeht: Muss ich wiederholen, dass ich mich nicht mehr vollständig daran erinnere? Mein Gedächtnisverlust erscheint mir eher als Gnade, denn es waren grauenvolle Studien, denen ich mehr aufgrund einer zaghaften Faszination denn aus wirklicher Neigung nachging. Warren hatte Macht über mich, und manchmal fürchtete ich ihn. Ich entsinne mich, wie ich in der Nacht vor dem entsetzlichen Ereignis beim Anblick seines Gesichtsausdrucks erschauderte, während er unentwegt über seine Theorie sprach, warum gewisse Leichen nicht verwesen, sondern Jahrtausende wohlerhalten in ihren Gräbern ruhen. Doch jetzt habe ich keine Angst mehr vor ihm, denn ich vermute, er hat Schrecken erlebt, die über meinen Horizont hinausgehen. Nun habe ich Angst um ihn.

Ich sage erneut, dass ich in jener Nacht keine klare Vorstellung von unserem Ziel hatte. Gewiss hatte es einiges mit dem zu tun, was in dem Buch stand, das Warren bei sich trug – jenem uralten Buch in unverständlicher Schrift, das ihm einen Monat zuvor aus Indien geschickt worden war –, doch ich schwöre, ich weiß nicht mehr, was wir zu finden erwarteten. Ihr Zeuge meint, er habe uns um halb zwölf auf der Gainesville-Mautstraße in Richtung Big Cypress Swamp gehen gesehen. Das stimmt wahrscheinlich, ich erinnere mich allerdings nicht deutlich daran. Das Bild, das sich mir in die Seele sengte, besteht aus nur einer einzigen Szene, und es muss bereits lange nach Mitternacht gewesen sein, denn ein abnehmender Halbmond stand hoch am dunstverhangenen Firmament.

Der Ort war ein uralter Friedhof; so alt, dass ich angesichts der mannigfaltigen Spuren unzähliger Jahre zitterte. Er lag in einer tiefen, feuchten Mulde, war mit wildwachsendem Gras, Moos und eigenartigen Ranken überwuchert und von einem unbestimmten Geruch erfüllt, den meine müßige Phantasie absurderweise mit verfaulendem Stein in Verbindung brachte. Überall sah man Zeichen der Verwahrlosung und des Verfalls, und mir scheint, ich hegte das Gefühl, dass Warren und ich die ersten lebenden Wesen waren, die eine seit Jahrhunderten währende tödliche Stille störten. Über dem Rand des Tals lugte ein blasser, abnehmender Halbmond durch die widerlichen Dunstschwaden, die aus unerforschten Katakomben aufzusteigen schienen, und in seinem schwachen, unsteten Licht konnte ich eine abstoßende Ansammlung uralter Grabsteine, Urnen, Kenotaphe und Fassaden von Mausoleen erkennen; allesamt verfallen, moosbedeckt und feuchtfleckig und teilweise von der ekelhaften Üppigkeit schädlichen Unkrauts verborgen. Meine eigene Anwesenheit in dieser schrecklichen Nekropole wurde mir erstmals wirklich bewusst, als Warren und ich vor einem halbverfallenen Grabmal stehen blieben, um einige Ausrüstungsgegenstände abzulegen, die wir wohl bei uns getragen hatten. Ich stellte fest, dass ich eine Taschenlampe und zwei Schaufeln mitgebracht hatte und mein Gefährte eine ähnliche Lampe und einen tragbaren Telefonapparat mit sich führte. Wir sprachen kein Wort, als wären uns Ort und Aufgabe vertraut, und wir ergriffen sogleich die Spaten und begannen, Gras, Unkraut und angehäufte Erde von dem flachen, altertümlichen Grab zu beseitigen. Nachdem wir die gesamte Oberfläche, die aus drei gewaltigen Granitplatten bestand, freigelegt hatten, traten wir ein paar Schritte zurück, um die Ruhestätte zu betrachten, und Warren machte wohl im Geiste einige Berechnungen. Dann wandte er sich erneut dem Grab zu, legte den Spaten als Hebel an und versuchte, die Platte aufzustemmen, die einem Steinhaufen, der vor Zeiten einmal ein Grabmal gewesen sein mochte, am nächsten lag. Da er keinen Erfolg hatte, winkte er mich heran, ihm zu helfen. Mit vereinten Kräften gelang es uns schließlich, die Steinplatte zu lockern, um sie anzuheben und auf die Seite zu kippen.

Unter der Platte kam eine schwarze Öffnung zum Vorschein, der miasmatische Gase entströmten, die so übelkeiterregend stanken, dass wir von Grauen ergriffen zurückschreckten. Kurz darauf näherten wir uns jedoch erneut der Grube und fanden die Ausdünstungen bereits weniger unerträglich. Das Licht unserer Lampen fiel auf die oberste Stufe einer Steintreppe, von der irgendein abscheulicher Auswurf des Erdinneren troff und die von feuchten, mit Salpeter verkrusteten Wänden begrenzt wurde. Und an dieser Stelle erinnere ich mich erstmals an einen Wortwechsel. Warren sprach lange in seinem typischen sanften Tonfall zu mir, mit einer Stimme, die trotz unserer schreckenerregenden Umgebung erstaunlich ungerührt klang.

»Leider muss ich dich bitten, hier oben zu bleiben«, sagte er, »denn es wäre unverantwortlich, jemand mit so schwachen Nerven wie den deinen dort hinuntergehen zu lassen. Selbst nach all dem, was du gelesen oder von mir erfahren hast, kannst du dir nicht vorstellen, was ich dort erblicken werde und erledigen muss. Es ist eine höllische Aufgabe, Carter, und ich bezweifle, ob jemand, der keine Nerven aus Stahl besitzt, sie bewältigen und lebend und geistig gesund zurückkehren kann. Ich will dich nicht kränken und wäre weiß Gott wirklich froh, dich an meiner Seite zu haben, doch die Verantwortung liegt gewissermaßen bei mir, und ich könnte schwerlich ein Nervenbündel wie dich der Gefahr von Tod oder Wahnsinn aussetzen. Du kannst dir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was dort auf mich wartet! Aber ich verspreche dir, dich über das Telefon über jeden Schritt auf dem Laufenden zu halten – mein Kabel ist ja lang genug, um bis zum Mittelpunkt der Erde und zurück zu reichen!«

Mir klingen immer noch diese gelassen gesprochenen Worte in den Ohren; und ich erinnere mich noch an meine Einwände. Es schien mir aus irgendwelchen Gründen ungeheuer wichtig, meinen Freund in diese Grabestiefen zu begleiten, doch er beharrte stur auf seinem Standpunkt. Einmal drohte er, die Expedition abzubrechen, sollte ich nicht nachgeben; eine Drohung, die sich als wirksam erwies, da nur er allein den Schlüssel zu jenem Ding besaß. Das alles ist mir im Gedächtnis geblieben, doch worum es sich bei diesem Ding handelte, weiß ich nicht mehr. Nachdem er mir meine zögerliche Zustimmung zu seinem Plan abgerungen hatte, hob Warren die Kabelrolle auf und schloss die Apparate an. Auf sein Nicken hin nahm ich einen von ihnen und setzte mich auf einen alten, verwitterten Grabstein in der Nähe der eben freigelegten Öffnung. Dann gab Warren mir die Hand, schulterte die Kabelrolle und verschwand in jener unbeschreiblichen Gruft.

Einen Augenblick lang konnte ich noch das Licht seiner Taschenlampe sehen und das Knistern des Kabels hören, das er hinter sich ausrollte; doch bald verschwand das Licht urplötzlich, und das Geräusch verhallte fast ebenso rasch. Ich war allein und dennoch durch jene Drähte, deren grüne Isolierschicht unter den flackernden Strahlen des abnehmenden Halbmonds glänzte, mit den unerforschten Tiefen verbunden.

In der einsamen Stille jener uralten und verlassenen Totenstadt plagten mich die unheimlichsten Phantasien und Illusionen, und die grotesken Schreine und Monolithen schienen eine bösartige Persönlichkeit anzunehmen, zu einem halbbewussten Zustand zu erwachen. Ich vermeinte zu sehen, wie formlose Schatten in den dunkleren Winkeln der unkrautüberwucherten Mulde lauerten und wie sie in einer blasphemischen Feiertagsprozession an den Portalen der vermoderten Gräber am Hang des Hügels vorbeihuschten; Schatten, die unmöglich vom bleichen Schimmer jenes herabspähenden Halbmonds stammen konnten. Immer wieder sah ich im Licht meiner Taschenlampe auf die Uhr und lauschte mit fiebriger Sorge am Telefonhörer, doch länger als eine Viertelstunde hörte ich nichts. Dann ließ der Apparat ein schwaches Klicken vernehmen, und ich rief mit angespannter Stimme meinen Freund in der Tiefe. Obwohl ich bereits von Unruhe geplagt wurde, trafen mich die Worte, die mich aus jener unheimlichen Gruft erreichten, völlig unvorbereitet. Harley Warrens Stimme klang entsetzter und verängstigter, als ich sie je gehört hatte. Er, der mich vor kurzem noch so seelenruhig verlassen hatte, rief mich nun von dort unten mit einem zittrigen Flüstern, das unheilvoller klang als das lauteste Kreischen:

»Herrgott! Wenn du sehen könntest, was ich sehe!«

Ich konnte nicht antworten. Mir fehlten die Worte, ich konnte nur warten. Dann ertönte das panische Flüstern erneut:

»Carter, es ist entsetzlich – monströs – unvorstellbar!«

Diesmal ließ meine Stimme mich nicht im Stich, und ich stammelte eine Flut aufgeregter Fragen in die Sprechmuschel. Verängstigt wiederholte ich immer wieder: »Warren, was ist es? Was ist es?«

Wieder erreichte mich die Stimme meines Freundes, immer noch heiser vor Angst und nun offensichtlich mit einem Anflug von Verzweiflung:

»Ich kann es dir nicht sagen, Carter! Es ist vollkommen unvorstellbar – ich wage nicht, es dir zu sagen – niemand, der davon weiß, kann weiterleben – Großer Gott! Wenn ich DAS geahnt hätte!«

Erneut Stille, nur unterbrochen von dem kaum noch zusammenhängenden Schwall von Fragen, den ich zittrig hervorstieß. Dann Warrens Stimme, schrill vor unbezähmbarer Bestürzung:

»Carter! Um der Liebe Gottes willen, schieb die Grabplatte zurück und lauf weg, wenn du kannst! Schnell! – lass alles liegen und verschwinde – du hast nur diese eine Chance! Tu, was ich sage, und frag nicht, warum!«

Ich hörte ihn, konnte aber nur meine panischen Fragen wiederholen. Ringsum befanden sich die Gräber und die Dunkelheit und die Schatten; unter mir eine unbekannte Bedrohung jenseits menschlicher Vorstellungskraft. Doch mein Freund schwebte in größerer Gefahr als ich, und neben meiner Angst spürte ich einen vagen Unmut, weil er mich für fähig hielt, ihn unter solchen Umständen im Stich zu lassen. Weitere Klicklaute, und nach einer Pause ein mitleiderregender Schrei von Warren:

»Hau ab! Um Gottes willen, schließ das Grab und hau ab, Carter!«

Etwas in der jungenhaften Ausdrucksweise meines offenkundig verzagenden Freundes ließ mich aus meiner Erstarrung erwachen. Ich fasste einen Entschluss und schrie: »Warren, halt durch! Ich komm runter!« Doch bei diesem Vorschlag änderte sich der Flüsterton meines Zuhörers zu einem Schrei äußerster Verzweiflung:

»Nein! Du begreifst nicht! Es ist zu spät – und allein meine Schuld. Schließ das Grab und lauf – es gibt nichts, was du oder irgendwer noch tun kann!« Die Stimme änderte sich erneut, diesmal nahm sie einen ruhigeren Ton an, aus dem hoffnungslose Resignation zu sprechen schien. Sie blieb jedoch, aus Sorge um mich, angespannt.

»Schnell – bevor es zu spät ist!« Ich versuchte, ihn nicht zu beachten; versuchte, die Lähmung abzuschütteln, die mich bannte, und mein Versprechen zu erfüllen, ihm hinab zu folgen und zu Hilfe zu eilen. Doch sein nächstes Flüstern fand mich immer noch reglos in den Fängen schieren Grauens.

»Carter – mach schon! Es ist zwecklos – du musst gehen – lieber einer als zwei – die Grabplatte –« Eine Pause, der weitere Klicklaute folgten, dann Warrens kraftlose Stimme:

»Bald vorbei – mach es nicht noch schlimmer – schieb die Platte über die verdammten Stufen und lauf um dein Leben – du verlierst Zeit – Leb wohl, Carter – werde dich nicht wiedersehen.« An dieser Stelle schwoll Warrens Flüstern zu einem Schrei an; einem Schrei, der sich allmählich zu einem Kreischen steigerte, das mit allen Schrecken der Jahrtausende beladen war –

»Verdammte Teufelsdinger – Legionen – Mein Gott! Hau ab! Hau ab! Hau ab!«

Danach herrschte Stille. Ich weiß nicht, wie viele endlose Äonen ich bestürzt dasaß und in das Telefon flüsterte, murmelte, rief und schrie. Während dieser Äonen flüsterte und murmelte, rief, schrie und kreischte ich immer wieder: »Warren! Warren! Antworte – bist du da?«

Und dann kam der Gipfel allen Grauens – das Unglaubliche, Undenkbare, fast Unaussprechliche. Ich habe gesagt, anscheinend seien Äonen verstrichen, nachdem Warren seine letzte verzweifelte Warnung herausbrüllte, und nur meine eigenen Rufe hätten seither die entsetzliche Stille durchbrochen. Doch nach einiger Zeit ertönte ein weiteres Klicken in der Hörmuschel, und ich spitzte die Ohren. Erneut rief ich nach unten: »Warren, bist du da?«, und als Antwort hörte ich das Ding, das meinen Verstand umnachtete. Gentlemen, ich versuche nicht, dieses Ding – diese Stimme – zu erklären, und ich bin auch nicht in der Lage, sie detailliert zu beschreiben, da ihre ersten Worte mir das Bewusstsein raubten und eine Gedächtnislücke schufen, die bis zu dem Zeitpunkt reicht, da ich im Krankenhaus erwachte. Soll ich behaupten, die Stimme sei tief, dumpf, klebrig, fern, unirdisch, unmenschlich, körperlos gewesen? Was soll ich sagen? Hier enden mein Erlebnis und meine Geschichte. Ich hörte die Stimme, dann fiel ich in Ohnmacht. Ich hörte sie, während ich versteinert auf jenem unbekannten Friedhof in der Mulde hockte, inmitten der zerfallenden Grabsteine und einstürzenden Gräber, der üppig wuchernden Vegetation und der miasmatischen Ausdünstungen. Ich hörte sie deutlich aus den tiefsten Tiefen jener verdammenswürdigen offenen Totengruft heraufschallen, derweil ich die formlosen, nekrophagischen Schatten unter einem verfluchten Halbmond tanzen sah. Und dies waren ihre Worte:

»WARREN IST TOT, DU NARR!«


Deutsch von Alexander Pechmann

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 20. Oktober, genau hier.

 


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Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Statement of Randolph Carter« in The Vagrant (Mai 1920).

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

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