Der Meisterzauberer von Charlie Jane Anders

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FICTION FRIDAY

Der Meisterzauberer (Charlie Jane Anders)


Jeder, der etwas von Magie versteht, weiß, dass es nichts umsonst gibt. Ein Zauberspruch hat immer eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, nicht selten der katastrophalen Art. Doch dann gelingt es Peter eines Tages, den perfekten Zauber zu wirken. Und damit beginnen seine Probleme … 

 

Peter hatte gezaubert, und es hatte funktioniert. Ohne unbeabsichtigte Folgen oder komische Nebenwirkungen.

Zwei Tage später fand er sich auf der Titelseite der Lokalzeitung wieder: „Der Meisterzauberer“. Einige Blogs nahmen das Thema dankbar auf, und es dauerte nicht lange, da klopften CNN und MSNBC bei ihm an. Der örtliche Radiosender wollte unbedingt ein Interview mit ihm machen. Filmteams und Reporter kampierten vor seiner Tür.

Am dritten Tag entdeckte Peter, dass ein paar Journalisten die Müllcontainer durchwühlten, die am Hintereingang seines Wohnblocks standen – eines L-förmigen Baus, der zwar wie ein billiges Motel aussah, tatsächlich aber ziemlich teuer war. Es war unmöglich geworden, mit seinem Schnauzer-Pitbull-Mischling Dobbs Gassi zu gehen, ohne dass irgendwelche Leute – entweder Reporter oder auch völlig Fremde – auf ihn zukamen und ihn danach löcherten, worin sein Geheimnis lag. Wenn er sich seinen Pilotprojekten zur Wasserentsalzung widmete, dann spähten seine Arbeitskollegen ständig über die Trennwände, die in ihrem Großraumbüro seinen Schreibtisch abteilten, und versuchten auf seinen Bildschirm zu schielen, während er tippte – als ob sie erwarteten, dass er sich unter ihren Augen auf einem geheimen Message-Board für Superzauberer einloggte.

Es war nicht einfach für ihn, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, während auf dem Fernseher im Pausenraum zu sehen war, wie die CNN-Kameras in sein Schlafzimmerfenster hineinspähten. Millionen Zuschauer bekamen so einen Blick auf die unordentlich verstreute Kleidung auf seinem Bett und auf die Vorhänge, die Dobbs kürzlich zerfetzt hatte. Dazu fragte eine Stimme aus dem Off, ob ein Sauberzauber eine Revolution in der Magieausübung ankündigte. Gab es einen Trick für das Zaubern ohne schädliche Auswirkungen, den jeder lernen konnte? CNN schaltete nun zu einer Beschwörerin namens Monica, die einen roten Power-Blazer trug. Sie war eine von denen, die man gern in Talkshows einlud, wenn es wieder einmal einen Prozess zu einem magischen Mord gab oder Ähnliches.

Am vierten Tag war Peters Wohnblock umstellt, und im Büro klingelte sein Telefon beinahe ständig. Überall, wohin er auch ging, folgten ihm Leute. Erst da kam Peter der Gedanke: Vielleicht war das die unbeabsichtigte Nebenwirkung seines Zauberspruchs, auch wenn der sonst keine gehabt hatte.

 

Peter betrachtete nie gern Fotos von sich selbst; seiner Meinung nach sah er darauf immer aus wie eine hässliche Ausgabe von Ben Affleck. Sein Kinn war einfach ein bisschen zu markig und zu gespalten, und seine Stirn erinnerte ein wenig zu sehr an die Rückfront einer klobigen Stufenheck-Limousine. Sein mausbraunes Haar ging an der Stirn ungleichmäßig zurück, und seine Nase war krumm. Dass er jetzt überall im Internet, in jeder Zeitung oder Fernsehsendung besonders unattraktive Aufnahmen seiner Selbst zu sehen bekam, verursachte bei ihm fast Hautausschlag.

„Mit dir rede ich überhaupt nicht mehr“, hatte er daher auch seinem ehemals besten Freund Derek erklärt, nachdem der ihn das zehnte Mal angerufen hatte. „Du bist für mich komplett gestorben.“

„Hey, sag nicht so was, das macht mir Angst“, gab Derek zurück. „Wenn der Meisterzauberer sagt, ich bin tot, dann muss ich doch wirklich um mein Leben fürchten.“

„Du warst der Einzige, dem ich verraten hatte, dass ich diesen Zauber ausprobieren wollte“, brummte Peter. „Und jetzt das.“

Während sie miteinander telefonierten, saß er in seinem Auto, das er zwei Straßen von seiner Wohnung entfernt geparkt hatte, weil er sich nicht nach Hause traute. Dobbs sprang wahrscheinlich schon im Dreieck. Immerhin wirkte der Hund in letzter Zeit wesentlich glücklicher als früher.

„Ich habe es bloß ganz wenigen Leuten erzählt“, gab Derek zu. „Aber wie sich herausstellte, war einer davon gut mit einem Journalisten befreundet. Es sollte nur eine lustige Anekdote sein. Aber was soll‘s, in ein oder zwei Wochen hat sich das doch alles wieder beruhigt. Da bist du dann nur noch ein Meme, das durchs Internet geistert.“

„Ich hoffe, du hast recht“, seufzte Peter.

„Aber vielleicht solltest du das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, regte Derek an. „Ich meine, du bist jetzt dafür berühmt, etwas ganz perfekt hinbekommen zu haben. Etwas, das enorme Konzentration, sensorisches Bewusstsein und viel Herz erfordert. Im Grunde weiß jetzt die ganze Welt, dass du ein phantastischer Liebhaber bist. Wahrscheinlich wirst du nie wieder in deinem Leben so viel Glück bei den Frauen haben.“

„Komm, hör auf.“ Peter war kurz davor, die Stirn gegen das Lenkrad seines Dodge Neon zu schlagen. „Halt einfach die Klappe.“

Das Innere seines Wagens roch immer nach Hund – nicht wie Dobbs, sondern einfach nur nach ganz normalem Hund. Wie nach einem ausgewachsenen Golden Retriever. Und das, obwohl Dobbs seit Tagen nicht mehr im Auto gewesen war.

„Okay, okay. Ich sag’s ja nur mal, Mann. Also, hast du mir verziehen?“

„Weiß ich noch nicht. Vielleicht.“

Peter legte auf und bereitete sich innerlich darauf vor, endlich nach Hause zu gehen und dann den Hund auszuführen, während ihn ständig Leute ansprechen und nach seinem Geheimnis löchern würden. Niemand würde ihm glauben, wenn er beteuerte, dass es keins gab, dass er einfach nur Glück gehabt hatte oder dergleichen. Wieso hatte er nicht einen furchteinflößenden Hund haben können, den er auf die Leute hätte hetzen können, einen Dobermann vielleicht oder einen reinrassigen Pitbull? Wenn er Dobbs von der Leine ließ, hätte der allenfalls seinem Gegenüber auf die Schuhe gesabbert.

 

Dennoch musste Peter unwillkürlich an das denken, was Derek ihm gesagt hatte. Sein letztes richtiges Date lag lange zurück. Marga war wohl die Letzte gewesen, mit der er ausgegangen war, und das war jetzt fünf Jahre her. Und von daher war er nicht nur aus der Übung – er war so sehr aus der Übung, dass er kaum noch den Wunsch danach verspürte. Er hatte nicht einmal zugelassen, dass er sich in irgendjemanden verliebte – seit einer Ewigkeit schon nicht mehr.

Plötzlich warf er den Frauen um sich herum nun doch andere Blicke zu – so, als ob er es für möglich hielt, dass er ihnen tatsächlich etwas bedeuten könnte. Er bedrängte sie nicht und starrte sie nicht an; im Gegenteil, es waren immer noch die anderen, die ihn unentwegt anglotzten, und instinktiv reagierte er darauf, indem er den Kopf abwandte und sich am liebsten versteckt hätte. Aber nachdem er Frauen lange Zeit gar nicht wahrgenommen hatte – außer auf rein kollegiale Weise –, war es nun gar nicht so einfach, sie vorsichtig auszuchecken. Vielleicht überkompensierte er ein bisschen. Oder er überkompensierte, dass er überkompensierte. Es war kompliziert.

Dazu kam, dass keine der Kolleginnen im Büro wirklich Peters Typ gewesen wäre. Davon abgesehen fragten sie ihn fortwährend, ob er nicht etwas für sie zaubern konnte – und er hatte innerlich schon beschlossen, dass er nie, nie wieder einen Zauberspruch aussprechen würde.

Ihn interessierte auch keine der Frauen, die auf ihn zukamen, wenn er im Shabu Palace saß und in Ruhe sein Abendessen einzunehmen versuchte. Weder die Reporterinnen noch die Profihexen oder die neugierigen weiblichen Restaurantgäste. Sie alle wirkten zu haifischartig und berechnend auf ihn, wie sie ihn erst umkreisten und dann auf ihn zusteuerten. Die meisten sahen zudem so aus, als ob sie sich irrsinnig viel Pflegezeug ins Haar sprühten – wenn sie ihre Köpfe an seine Schulter geschmiegt hätten, hätte es wahrscheinlich geknirscht.

 

Aber am seltsamsten waren nicht die Leute, die ihn verfolgten oder ihn anstarrten oder ihn fragten, ob er für sie zaubern konnte. Am seltsamsten war, dass Peter nach ungefähr einer Woche auffiel, dass fast alle eine Story über eigene Zauberversuche hatten, die sie ihm unbedingt erzählen wollten. Inzwischen hatte sich die Situation wieder so weit beruhigt, dass Peter nicht mehr ständig belagert wurde, aber nun verwickelten ihn wildfremde Leute auf der Straße in Gespräche, anstatt auf ihn zuzurennen und ihn mit Fragen zu bombardieren. Und jedes Mal lief es wieder auf eine Geschichte hinaus, die mit den Worten „Ich hab’s ja auch einmal versucht“ begann. Meist waren es traurige Ereignisse, als ob die Betreffenden ihm etwas beichteten, was sie noch nie jemand anderem anvertraut hatten.

So hatte sich beispielsweise eine Frau mit roten Locken, rundem, weißen Gesicht und Ringelblumenpullover im Supermarkt vorm Regal mit den Frühstücksflocken an ihn gewandt: „Wissen Sie, ich hatte es nie selbst mit Zauberei versucht. Zu riskant, man weiß ja nie, was passiert. Oder? Außer diesem einen Mal. Da war ich betrunken und wollte mit einem Zauber bewirken, dass mein Dad das Geld zurückgibt, das er meiner Mom gestohlen hatte. Es ging nicht einmal um mich, aber ich machte mir Sorgen um meine Mom, weil sie wegen ihrem Emphysem sowieso schon so hohe Arztkosten hatte. Und Dad hätte das Geld nur für seine neue Freundin verschwendet, die einen teuren Geschmack hatte. Deswegen wollte ich einfach, dass er das Geld wieder rausrückt.“

Peter wusste, was an dieser Stelle von ihm erwartet wurde – er musste fragen, welche schrecklichen Auswirkungen ihr Zauberspruch gehabt hatte.

Sie seufzte. „Mein Dad wurde blind. Er gab Mom ihr Geld zurück, und kaum, dass es von einer Hand zur anderen gegangen war, verlor er sein Augenlicht. Das habe ich noch nie zuvor jemandem erzählt.“ Sie lächelte nervös, als ob sie fürchtete, dass Peter sie nun verraten könnte. Obwohl er noch nicht einmal ihren Namen wusste.

„Das konnten Sie doch nicht wissen“, sagte er, wie jedes Mal, wenn ihm jemand eine solche Geschichte anvertraut hatte. „Sie hatten doch keine Ahnung, was passieren würde. Sie haben einfach nur versucht, das Richtige zu tun.“

Peter hatte sich schon einige Male an Magie versucht, bevor er den inzwischen weltberühmten Sauberzauber angewandt hatte. Der war inzwischen von jedem der Profi-Zauberer, die regelmäßig im Fernsehen auftraten, überprüft worden. (Eine Weile waberte um Peters Wohnblock der Qualm von Räucherstäbchen, mit denen der Gestank, der durch die selbsterdachten Experimente seiner Nachbarin Dorothy entstand, halbwegs zu überdecken war.) Einige Jahre zuvor hatte Peter zusammen mit Marga einen Zauberkurs an der örtlichen Volkshochschule besucht, und sie hatten einige wirklich winzige Sprüche ausprobiert, wie beispielsweise, Kerzen aus gewisser Entfernung anzuzünden oder eine Prise Zucker in eine Prise Salz zu verwandeln. Dabei hatten sie sich daran gewöhnt, dass immer mal üble Gerüche auftraten oder plötzlich irgendwo kleine, tote Tiere lagen, auch Stunden oder Tage nach dem Zauber.

Solange es sich um wirklich kleine Zaubersprüche handelte, waren die unvorhergesehenen Nebenwirkungen nicht mehr als eine lustige kleine Überraschung. Ein Goldfisch im Briefkasten, der noch zappelte. Schnell, hol doch mal einer eine Schüssel mit Wasser!

Inzwischen kam ihm sein tatsächlicher Zaubereinsatz – der Sauberzauber – wie ein seltsamer Traum nach einem durchzechten Abend vor. Je mehr sich die Leute darauf stürzten, desto mehr bekam er das Gefühl, er hätte sich das alles nur ausgedacht. Dabei stand es ihm immer noch genau vor Augen. Er hatte sich eine der Zauberspruchschüsseln aus Stein besorgt, die auf einem Shopping-Kanal im Fernsehen beworben wurden, und kleine Tütchen mit den nötigen Zutaten bereitgelegt, die nach verworfenen Namen für Progressive-Rock-Bands klangen, wie Prudenceroot oder Womanheart. Dann hatte er kleine Prisen davon in die Schüssel gekrümelt und sinnlose Silbenfolgen gemurmelt, während er an das gewünschte Ziel dachte. Die Zauberspruchsammlung, mit der er arbeitete und die er mit einem Päckchen Spaghetti offen hielt, war in viel zu weit gefasste Kategorien gegliedert und enthielt Beschwörungen, die Lückentexten glichen, in die man die eigenen Wünsche einfügen konnte. Insgesamt war ihm alles einigermaßen korrekt gelungen. Vielleicht nicht perfekt, aber ganz ordentlich. Ausgeführt hatte er das Ganze in dem überdimensionalen Vorratsraum, über den seine Wohnung verfügte, inmitten von meist leeren Haferflockenpäckchen und ekligen Pfirsichdosen, während Dobbs glubschäugig und sabbernd als einziger Zeuge fungierte.

 

Irgendwann kam der Tag, an dem Peter das Haus wieder verlassen konnte, ohne dass man ihm sofort eine Kamera oder ein Mikrofon vors Gesicht hielt. Zwar kamen im Buchladen immer noch Fremde auf ihn zu und fragten ihn, ob er derjenige welcher sei, und seine Kollegen hörten nicht auf, komische Bemerkungen über die Zauberei zu machen. Außerdem hatte er beschlossen, nicht mehr bei Google nach sich selbst zu suchen - oder seine E-Mails zu checken oder sich bei Facebook einzuloggen.

Aber immer dann, wenn er glaubte, dass sein Leben wieder in halbwegs normalen Bahnen verlief, kam wieder irgendein Typ von der anderen Straßenseite quer durch den fließenden Verkehr auf ihn zugerannt und brüllte irgendetwas über sein Baby, sein Baby, und dass Peter sofort helfen müsste; sie bräuchten einen Zauber und die Folgen seien vermutlich nicht abzusehen, falls jemand anders es versuchte. Und Peter versuchte, den weinenden Mann, der schon ganz rot im Gesicht war, abzuschütteln und weiter seines Weges zu gehen, um im Supermarkt oder im Fachgeschäft für Tiernahrung einzukaufen.

In diesem Laden arbeitete eine junge Frau, die zwar offenkundig wusste, wer Peter war, sich aber überhaupt nicht weiter darum zu kümmern schien. Sie hatte braune Locken und zwei kleine, aber wirklich tiefe Falten, die von ihrer Nasenwurzel bis zu ihren Augen verliefen und ihr ein äußerst konzentriertes Aussehen verliehen. Dazu kam ein spitzes Kinn und eine hübsche Nase, und sie wirkte wie ein Mensch, der viel lachte. Selbst wenn sie ein ernstes Gesicht machte, wie meistens. Wenn Peter bei ihr die Spezialnahrung bestellte, die Dobbs wegen seiner Bauchspeicheldrüse brauchte, lächelte sie ihn stets an, ohne jedoch unangemessen zu starren.

Eines Tages dann, als der Sauberzauber schon einige Wochen zurücklag, fragte Peter schließlich einmal, wieso sie ihn nie auf die Geschichte ansprach, wegen der er so berühmt geworden war. Sie rollte mit den Augen. „Keine Ahnung, ich dachte, Sie hätten es vielleicht satt, davon zu hören. Und wen interessiert das auch. Es ist ja nicht so, als ob Sie im Lotto gewonnen hätten, oder?“

Das machte Peter genug Mut, um sie zu fragen, ob sie nicht einmal Lust hätte, mit ihm etwas essen zu gehen. Und sie antwortete: „Klar, warum nicht – solange es kein medizinisches Hundefutter gibt.“ Wie sich herausstellte, hieß sie Rebecca.

Sie verabredeten sich schließlich in Peters Lieblingsrestaurant, dem Shabu Palace, das sich, wie der Name schon sagte, auf das japanische Shabu-Shabu spezialisiert hatte, bei dem jeder sein eigenes Fleisch garte oder seine eigene ausgefallene Brühe kreierte. Er fühlte sich immer ein wenig schuldig, dass er so oft dort allein aß, obwohl Shabu-Shabu doch eigentlich ein interaktives Erlebnis war; eigentlich brauchte man Gesellschaft dabei. Die Kellner trugen gestärkte, weiße Uniformen, um zu unterstreichen, dass sie selbst nichts von dem Essen zubereiteten. Es gab zwar auch Tische, aber eigentlich saßen fast alle an der großen, U-förmigen Bar in der Mitte des Raumes, in die kleine Grills eingelassen waren. Aus der Musikanlage dröhnte ein Mix aus Foreigner, 38 Special, Yes und japanischer Popmusik.

Peter machte der Gedanke an eine Verabredung nervös, weil er fürchtete, dass man ihn erkennen und es während des Essens oder danach zu peinlichen Situationen kommen würde. („Hast du es mit einem Frauenmagnet-Zauber versucht? Ha-ha-ha!“) Aber das Shabu Palace war an diesem Abend ziemlich leer. Einige der Gäste starrten ihn zwar an, aber es hielt sich im Rahmen. Die Kochdünste wirkten auf Peter beruhigend, wie eine Art Räucherstäbchen mit Fleischaroma.

„Ich hasse diese Stadt“, offenbarte Rebecca, als sie Platz genommen hatten. „Zwar ist sie gerade groß genug, dass es hier Restaurants wie dieses gibt, aber für echte Kultur reicht es trotzdem nicht. Wir haben nicht einmal mehr ein Roller-Derby-Team! Ich will dir nicht zu nahe treten, aber das ist auch ein Grund, weswegen die Leute so auf dich reagieren. Endlich haben wir wieder einmal eine lokale Berühmtheit! Früher gab es ja noch diesen Sitcom-Schauspieler, der irgendwann gestorben ist.“ Peter war über diese Bemerkung nicht verärgert; es erklärte einiges.

Wie sie weiterhin erzählte, sparte Rebecca einen Teil des Geldes, das sie in dem Tierfutterladen verdiente, um nach L.A. zu gehen und sich dort an einer Barista-Schule anzumelden. Peter hatte nicht gewusst, dass es dafür eine extra Schule gab, aber offenbar war Kaffeezubereitung inzwischen eine große Sache; schon allein das Mahlen der Bohnen war eine Wissenschaft für sich. Außerdem musste man ja wissen, wie man genau die richtige Menge Ristretto herstellte und die Milch bis zu dem Punkt erhitzte, dass sie kurz vorm Anbrennen war, und dann noch Milchschaum-Malerei und ähnlichen Kram beherrschen. Rebecca hatte eigentlich erst Psychologin werden wollen, dann Sozialarbeiterin und Tierärztin, aber keiner dieser Berufe war der richtige für sie gewesen. Die Barista-Geschichte fand sie jetzt sehr aufregend, weil sie so hip und auch künstlerisch anspruchsvoll war, und weil man sein eigenes Ding machen und vielleicht irgendwann sogar mal sein eigenes Szene-Café eröffnen konnte.

„Cool, dass du so ehrgeizig bist“, sagte Peter. „Ich glaube, L.A. würde mich wahnsinnig machen.“

„Ich denke mal, L.A. ist okay, wenn man nicht gerade versucht, beim Film zu landen“, erwiderte Rebecca. „Diese Barista-Schule ist zwar wahrscheinlich ziemliche Abzocke, aber damit kann ich umgehen.“

Zuvor hatte Peter seine Stadt eigentlich nie als so provinziell betrachtet – ihm war sie eigentlich sogar immer recht groß erschienen. Es gab einen Freeway, eine Innenstadt mit Opernhaus, ein Kunstmuseum und die weltweite Vertretung eines großen Versicherungsunternehmens. Außerdem öffnete im Frühjahr und Sommer ein kleiner Zoo mit Tieren, die irgendwo in Florida überwinterten.

„Weißt du, die Leute hassen dich“, eröffnete Rebecca ihm während des Essens. „Du bist total bedrohlich, weil du der lebende Beweis dafür bist, dass mit ihnen was nicht stimmt. Wenn sie auch so gute Menschen wären wie du, dann würden auch sie sauber und ohne Nebeneffekte zaubern können. Außerdem stört es unsere Vorstellung von Ordnung. Magische Kräfte müssen schreckliche Folgen haben, sonst wäre das Leben ja viel zu einfach. Wir wollen, dass die Menschen für alles Gute, das ihnen zuteilwird, richtig schwer schuften müssen. Alle sind von Neid gesteuert, von Neid und von einer Art Karma-Brutalität.“

„Das ist eine sehr düstere Sicht auf die menschliche Natur“, gab Peter zu bedenken. Aber er fand es gleichzeitig auch ziemlich aufregend. Menschenfeindlichkeit war unbestreitbar sexy, so ähnlich wie früher das Rauchen, bevor man dafür vors Haus in die Kälte musste.

Wie sich herausstellte, hatte Rebecca es noch nie selbst mit der Zauberei versucht. „Ich wollte das einfach nie riskieren“, gestand sie. „So viel Pech wie ich hat sonst niemand, den ich kenne, und deswegen kann ich mir schon vorstellen, dass das total nach hinten losgehen würde, wenn ich wirklich versuchte, das Universum zu bestechen, damit ich eine Abkürzung nehmen kann.“

Inzwischen hoffte Peter stark, dass Rebecca nach dem Essen mit ihm nach Hause gehen würde. Allein die Vorstellung, wie cool es sein würde, wenn sie nackt und scharf vor ihm auf seinem großen Himmelbett lag. Wie sich ihr Körper vor und zurück wiegte. Wie ihr Haar roch, als er sein Gesicht darin vergrub. Fast bekam er einen Steifen, hier unterm Tresen im Shabu Palace, wenn er nur daran dachte. Dazu dröhnte aus den Lautsprechern Bryan Adams, der irgendwas von „Heaven“ sang. Es war perfekt.

„Also“, sagte Rebecca jetzt und beugte sich verschwörerisch oder wie in Flirtlaune zu ihm hinüber. „Jetzt muss ich aber doch fragen. Was war das für ein Zauber, den du da ausgeführt hast? Dieser berühmte Spruch?“

„Oh, Mann.“ Fast hätte Peter das Fleischstück fallenlassen, das er gerade grillte. „Das willst du nicht wissen. Es war etwas total Blödes. Echt.“

„Ach, komm schon“, drängte Rebecca. „Es interessiert mich wirklich. Ich bin neugierig. Aber keine Angst, ich lache nicht. Versprochen.“

„Ganz ehrlich, ich möchte es wirklich nicht erzählen.“ Er merkte, dass seine Gabel noch immer auf der heißen Platte lag und das Fleischstück darauf zu einem karzinogenen Klumpen verkohlt war. Trotzdem schob er es sich in den Mund. „Es ist echt peinlich. Ich weiß nicht einmal, ob man es ethisch vertreten kann.“

„Jetzt will ich es aber wirklich wissen“, beharrte Rebecca.

Peter malte sich aus, wie er ihr von seiner großen Tat berichtete, und versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen. Würde sie lachen, oder würde sie ihm ihren Sake ins Gesicht schütten und ihn anschreien, weil sie ihn für einen schlechten Menschen hielt? Oder zumindest für unreif? Nein, das wollte er nicht riskieren. Sogar Bryan Adams klang plötzlich irgendwie traurig, als sei er ein wenig von Peter enttäuscht.

„Tut mir leid“, sagte Peter und stand auf. „Wahrscheinlich war das hier ein Fehler.“ Hastig zahlte er für sie beide und beeilte sich, aus dem Restaurant herauszukommen.

Als er nach Hause kam, war Dobbs schon völlig außer sich, weil er dringend raus musste, um sein Geschäft zu verrichten. Vor der Tür rannte der Hund dann dreimal um einen Baum, bevor er sein Bein hob, als ob er befürchtete, der Baum würde sich aus dem Staub machen, sobald er den ersten Spritzer fühlte. Dann sah er mit seinen großen, runden Augen, die ständig alarmiert dreinblickten, zu Peter auf.

 

Natürlich rief Derek gleich am nächsten Morgen bei Peter an, um ihn zu fragen, wie das Date gelaufen war. Die beiden verabredeten sich zum Frühstück in dem auf Siebzigerjahre getrimmten Pancake-Café in der Innenstadt, und Peter berichtete widerwillig von den Ereignissen des gestrigen Abends.

„Versteh ich das richtig?“, fragte Derek. „Du hast sie also zuerst mit Grillfleisch und Softrock in Stimmung gebracht, bis sie schon fast so weit war, dass sie dich auch mit was anderem als einer Grillgabel rangelassen hätte. Und dann stellt sie dir eine total vernünftige Frage, und du flippst total aus und lässt sie sitzen. Ist das eine einigermaßen akkurate Zusammenfassung?“

„Hm“, brummte Peter. „Ganz weit weg von der Wahrheit ist es jedenfalls nicht.“

„Okay“, sagte Derek. „Ich denke, das können wir trotzdem noch irgendwie hinbiegen. Sie hält dich jetzt wahrscheinlich für kompliziert und emotional beeinträchtigt. Das ist perfekt. Frauen lieben Typen mit ein paar kleinen Psycho-Macken. Das lässt dich geheimnisvoll und ein bisschen wild erscheinen.“

Peter ignorierte das. „Du bist der Einzige, dem ich überhaupt von dem Zauber berichtet habe“, sagte er stattdessen. „Du hast aber niemandem verraten, um was es sich eigentlich handelte, oder?“

„Nein“, bestätigte Derek. „Ich habe nur gesagt, er sei dir ohne jegliche Komplikationen gelungen.“

„Okay, cool“, sagte Peter erleichtert. „Ich will nicht, dass die Leute auf mich losgehen. Jedenfalls nicht noch mehr, als sie es jetzt schon getan haben.“

Derek sah ihn an. „Weißt du, ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich. Dieser Zauber … vielleicht ist er nur ein Symptom für deine allgemeine Lage. Ich habe das Gefühl, du bist ziemlich durcheinander, seit Marga …“ Er verstummte, als er Peters grimmiges Gesicht sah. „Du solltest vielleicht nicht so viel allein sein. Eine neue Beziehung oder zumindest eine kleine Affäre, egal was, würden dir bestimmt gut tun.“

Derek und Peter waren schon seit ihrer Collegezeit miteinander befreundet. Damals hatte sie die Abneigung gegen ihren Professor in Geschichte verbunden, den alle anderen Studenten beinahe kultisch verehrten. Und es war tatsächlich fast ein Kult gewesen – auf einer Graduiertenparty des Professors hatte es sogar mal ein Menschenopfer gegeben. In letzter Zeit hatten die beiden allerdings nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht, da Derek ganz in seinem neuen Job als Immobilienmakler aufging. Peter wiederum war viel mit Margas Freunden unterwegs gewesen, belesenen Künstlertypen, die alle ausgeklügelte Tattoos trugen.

„Du musst dir um mich keine Sorgen machen“, sagte Peter. „Ich habe doch Dobbs. Und eigentlich wollte ich auch nur meine Ruhe.“

„Oh, ist es schon wieder so weit?“ Derek warf märtyrerhaft die Arme in die Höhe.

„Es ist alles in Ordnung“, beteuerte Peter. „Der Medienrummel scheint wieder abgeflaut zu sein, und jetzt bekommt irgendein anderes Arschloch seine 15 Minuten Ruhm.“

 

Ein paar Mal stand Peter kurz davor, bei Rebecca anzurufen. Er stellte sich vor, wie er ihr erzählte, was sein Zauber wirklich bewirkt hatte, und dann zog sich ihm wieder alles zusammen, von den Fußballen bis hoch zum Nacken. Also legte er das Telefon wieder beiseite, weil er das Gefühl hatte, die Nummer mit „kompliziert und emotional beeinträchtigt“ würde sowieso nicht funktionieren, solange er nicht die ganze Geschichte erzählte. In der Nacht träumte er davon, wie er nackt mit Rebecca auf dem Bett saß und ihr alles erklärte. Als er aufwachte, saß Dobbs auf seiner Brust, hatte die Beine unter seinen dicken, kleinen Körper gezogen und starrte ihn mit seinen Untertassenaugen an, um ihm dann mit langsamen Bewegungen seiner rauen Zunge das Kinn zu lecken. Schleck. Schleck. Schleck.

Später im Büro musste Peter feststellen, dass der Fernseher im Pausenraum schon wieder sein Gesicht zeigte. Ein Experte hatte die Theorie entwickelt, dass Peter entweder die Reinkarnation seines uralten Zauberers war oder aber zumindest ein Mystiker von außergewöhnlich reiner Spiritualität. Denn wenn Peter wirklich das Geheimnis geknackt hatte, wie man ohne schlimme Folgen zaubern konnte, dann hätte er der reichste und mächtigste Mann der Welt sein können. Daraus folgte: Entweder hatte er gar kein geheimes Wissen, oder er war ein Heiliger.

An diesem Tag hatte Peter ein Statusmeeting mit einigen anderen Teamleitern und bemühte sich zu erklären, wieso es mit den Pilotprojekten zur Entsalzung, die er auf die Beine stellen sollte, so langsam vorwärts ging. Es ist verhältnismäßig leicht, Wasser mit Salz anzureichern, aber umgekehrt eine echte Herausforderung, es dem Wasser zu entziehen. Man muss dazu irgendwie die Natrium- und Chlorid-Ionen aus dem Wasser bekommen, was nur mit unfassbar großem Energieaufwand möglich ist. Peter war mitten in seinem Vortrag, als Amanda, die Mikrofinanzprojekte in Afrika betreute, ihn unterbrach und fragte: „Wieso arbeiten Sie nicht einfach mit Magie?“

„Äh, wie bitte?“, fragte Peter perplex. Er hatte schon die nächste Seite seiner Präsentation aufgerufen und musste jetzt wieder zurückklicken, um nicht den Faden zu verlieren.

„Wieso verwenden Sie keine Magie, um das Salz aus dem Wasser zu holen?“, wiederholte Amanda. „Das spart doch jede Menge Energiekosten, vielleicht fallen sogar überhaupt keine an. Sauberes Trinkwasser für jedermann. Keine Wasserkriege mehr. Überall glückliche Gesichter.“

„Ich glaube nicht, dass das ein gangbarer Weg ist“, antwortete Peter.

„Warum nicht?“, hakte Amanda nach. Alle anderen in der Runde nickten. Peter erinnerte sich daran, dass er Amanda einige Tage zuvor im Fernsehen gesehen hatte, als sie über ihn sprach. Sie hatte berichtet, dass Peter einen zwölf Jahre alten Dodge Neon fuhr und eine Einzimmerwohnung in einer heruntergekommenen Wohnanlage direkt am Freeway gemietet hatte. Falls Peter wirklich ein Zaubermeister war, hatte Amanda den Damen von The View erklärt, dann hatte er seine Talente bisher ziemlich gut zu verstecken gewusst.

Und jetzt erklärte Amanda im gleichen geduldigen, nüchternen Ton: „Wäre es nicht unverantwortlich, wenn wir nicht alle Möglichkeiten in Betracht zögen? Ich meine, einmal angenommen, Sie könnten wirklich zaubern, ohne dass es zu schweren Nebenwirkungen kommt, und Sie seien der Einzige auf der Welt, der dazu in der Lage wäre. Wieso sollte man dann Forschungsgelder in Millionenhöhe auf industrielle Entsalzungsmethoden verschwenden, wenn Sie nur mit den Fingern schnippen müssten, um einen Tank voller Salzwasser in frisches Süßwasser zu verwandeln?“ Amanda trug heute ein blaues Halstuch mit Paisleymuster und eine graue Jacke zu ihren edlen Designerjeans.

Peter starrte sie an. Bisher hatte er sie stets dafür bewundert, dass sie den armen Frauen in Afrika half, an Mikrokredite zu kommen, und er hatte nicht erwartet, dass sie ihm derart in den Rücken fallen würde. Krampfhaft dachte er über eine Entgegnung nach. Dann endlich stammelte er: „Zauberei ist keine skalierbare Lösung.“

Wenig später verließ er abrupt das Meeting. Und er beschloss, sich den Rest des Tages frei zu nehmen, da er nun offenbar entweder entsetzlich unverantwortlich handelte oder insgeheim der wiedergeborene Merlin war. Als er Amanda auf dem Weg zum Fahrstuhl zufällig wieder begegnete, versuchte sie, sich bei ihm dafür zu entschuldigen, dass sie ihn derart vorgeführt hatte, aber er murmelte nur etwas und beeilte sich nach Hause zu kommen.

Dobbs wedelte mit dem Schwanz, als Peter die Leine holte, und versuchte dann mit einer Pfote nach dem lose herabhängenden Ende zu schlagen, als sei es ein Spielzeug. Immerhin begriff Dobbs aber, dass die Leine Gassigehen bedeutete und er sich erleichtern durfte, und daher trottete er willig mit.

 

Peter ging an diesem Abend früh zu Bett, und Dobbs ringelte sich zum Schlafen auf seinem Kopfkissen zusammen wie ein ziemlich löchriger Hut. Wieder träumte Peter von Rebecca, als das Telefon klingelte – und tatsächlich war sie es, die anrief. „Wa…“, murmelte er schlaftrunken.

„Hab ich dich geweckt?“

„Ja.“ Peter schob Dobbs von seiner Stirn und versuchte sich zu sammeln. Sein Bett roch feucht. „Aber das macht nichts, ich wäre sowieso gleich aufgewacht. Und weißt du was, ich wollte dich auch schon anrufen. Ich muss dir etwas erklären, und es tut mir leid, dass ich mich neulich wie ein Idiot benommen habe, als wir …“

„Dafür ist jetzt keine Zeit“, unterbrach Rebecca ihn. „Ich rufe nur an, um dich zu warnen. Es ist etwas passiert, und wahrscheinlich sind sie schon zu dir unterwegs.“ Alles Weitere wollte sie ihm später gern erklären, sagte sie, aber jetzt sollte er lieber zusehen, dass er aus dem Haus kam, bevor die Fernsehteams wieder anrückten. Denn dieses Mal würden sie Blut sehen wollen. Rebecca schlug vor, dass sie sich gleich trafen, am besten in dem kleinen Imbiss bei den Bahngleisen, der sich nur durch die Neonreklame im Fenster von den Lagerhäusern dort unterschied.

Peter zog sich Jeans und T-Shirt an, schnappte sich Dobbs und schaffte es gerade noch rechtzeitig in seinen Dodge, bevor die ersten Reporter aus ihren Übertragungswagen kletterten. Er raste so schnell die Auffahrt hinunter, dass er beinahe noch jemanden umgefahren hätte, dann gab er Gas, bevor die Meute ihm folgen konnte. Um sicherzugehen, dass er sie alle abgeschüttelt hatte, fuhr er dreimal vom Freeway ab und bei einer anderen Auffahrt wieder hinauf.

Rebecca saß in einer Nische hinten im Gastraum des Traxx Diner und aß ein Chicken Fried Steak mit Mini-Pancakes. Der Resopaltisch war genauso klebrig wie ihr Teller. Bei diesem Anblick wurde Peter bewusst, dass er Riesenhunger hatte; ihm war gar nicht aufgefallen, dass er das Abendessen ausgelassen hatte. Daher bestellte er ebenfalls eines dieser panierten Beefsteaks.

Als Peter erst einmal einen Kaffee gehabt hatte, schob Rebecca ihm ihr Tablet hin, das einen Zeitungsartikel zeigte: „KATASTROPHE IN SCHULE: ZWÖLF TOTE, FÜNF KINDER VERMISST“. Die Überschrift eines Kastens an der Seite verkündete: „Peter Salmon: Ließ er sie denken, Magie sei problemlos möglich?“ Darunter war ein Foto von Peter, wie er vor einer kleinen Gruppe von Menschen den Daumen hob; es stammte von einem Besuch bei einem Wasseraufbereitungsprojekt in Tulsa vor zwei Jahren.

Peter verschüttete Kaffee auf seine Hose. Die Kellnerin trat zu ihnen und füllte ihm seine Henkeltasse sofort wieder auf.

„Keine Sorge“, beruhigte ihn Rebecca gleich. „Ulsa wird niemandem verraten, dass du hier bist. Sie ist eine Freundin von mir. Außerdem ist sie so kurzsichtig, dass sie dich wahrscheinlich nicht einmal erkannt hat.“

„Okay“, sagte Peter abwesend. Er versuchte immer noch zu erfassen, worum es in dem Artikel ging. Offenbar um eine Schule in New Jersey, die bei den standardisierten Tests so schlecht abgeschnitten hatte, dass sie Ende des Jahres hätte geschlossen werden sollen, was sich wiederum verheerend auf die Immobilienpreise in der Gegend ausgewirkt hätte. Daher hatten sich die Lehrer und die Eltern zusammengefunden, um sich an einem Zauber zu versuchen, der die Testergebnisse der Kinder um zwanzig Prozent hätte heben sollen. Das war fürchterlich schiefgegangen. Und zwar so, dass alle Beteiligten plötzlich riesige Krebsköpfe entwickelt hatten. Neben dem Text sah man ziemlich scheußliche Fotos, die auf dem Spielplatz herumliegende Erwachsene zeigten, die mit Knopfaugen gen Himmel starrten. Einige Kinder waren offenbar noch immer vermisst.

„Das kann doch wirklich niemand mir zum Vorwurf machen“, stotterte Peer und versuchte, den Blick von den Leichen abzuwenden, aus deren Hälsen irgendwelches eklige Zeug tropfte. Ausgerechnet in diesem Augenblick servierte ihm Ulsa sein paniertes Steak, das unter sehr glibberigen Spiegeleiern begraben war. „Ich habe doch immer gesagt, dass es kein Geheimnis gäbe. Das wollte nur niemand hören.“

„Ich weiß“, nickte Rebecca. „Aber es ist, wie ich gesagt habe – die Leute hassen einen. Deswegen habe ich meine letzten fünf Jobs gekündigt, mittlerweile übrigens auch den im Tierfuttergeschäft. Jeder meint, er kann mit dir machen, was er will. Ich habe noch keinen Chef erlebt, der sich nicht aufgeführt hätte, als ob ich sein Eigentum sei. Die Leute hassen es, wenn ihnen klar wird, dass die Welt sie nicht mit Süßigkeiten überschüttet.“

Peter betrachtete die Krebsköpfe, dann blickte er wieder auf seinen Teller. Durch das Fenster sah er, wie Dobbs aufgeregt im Auto herumsprang. Als ob er schon ahnte, dass er das Steak bekommen würde. Dann erst drang zu Peter durch, was Rebecca da gerade gesagt hatte.

„Du hast im Tierfutterladen gekündigt?“, fragte er und wandte ihr den Kopf wieder zu.

„Ja. Sie wollten, dass ich unbezahlte Überstunden leiste, und außerdem wollten sie in den hinteren Räumen noch einen Hundefriseur einrichten, und da sollte ich auch noch mithelfen. Hunde rasieren ist aber nicht mein Ding.“

Peter konnte sich nicht vorstellen, einen Job einfach so hinzuschmeißen. Das gab seinem Verliebtsein einen kleinen Dämpfer. Als hätte er sie ein bisschen verfrüht auf einen Sockel gestellt. „Was willst du denn jetzt machen?“, fragte er. „Nach L.A. gehen und diese Barista-Ausbildung machen?“

„Vielleicht. Die nächsten Kurse beginnen erst wieder in ein paar Monaten. Bis dahin schau ich mal, was sich ergibt.“

Peter zwang sich, ein wenig zu essen, weil er spürte, dass er kurz vor einer ausgewachsenen Panikattacke stand. Er deutete auf das Tablet, ohne es anzusehen. „So was wird immer wieder passieren. Und sie werden versuchen, es immer wieder mit mir in Verbindung zu bringen.“

Das Radioprogramm, das in dem Diner lief, hatte bis eben noch einen Countrysong über einen Ehebrecher gespielt, aber jetzt folgte ein Bericht über die Tragödie in New Jersey. Im Kongress wurde darüber debattiert, Gesetze zur Anwendung von Magie zu erlassen, und es gab bereits Diskussionen darüber, ob man die Autoren der Zauberspruchsammlung, die von den Lehrern benutzt worden war, für das Desaster zur Verantwortung ziehen konnte, obwohl es in dem Buch einen fünfseitigen, kleingedruckten Haftungsausschluss gab. Außerdem wurde am Rande erwähnt, dass die Lehrer sich vielleicht durch den berühmten Sauberzauber zu der Aktion hatten verleiten lassen.

„Was, wenn es tatsächlich einen Trick gäbe und du ihn wüsstest?“, fragte Rebecca. „Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich ein paar weitere Zauber ausprobieren und schauen, ob ich herausfinden könnte, worin er besteht. Du könntest doch alles haben, was du dir wünschst. Du könntest die Toten wieder auferstehen lassen und den Hungernden zu essen geben.“

„Damit käme ich niemals durch. Dieses eine Mal war ich einfach nur völlig egoistisch und dumm, und danach habe ich mir fest vorgenommen, mein Glück nie wieder so herauszufordern.“

Und dann nahm Peter allen Mut zusammen und erzählte ihr, was wirklich passiert war.

„Pass auf, es war so. Ich war damals mit einer Frau namens Marga zusammen. Sie war phantastisch, sehr künstlerisch und kreativ, und sie machte immer irgendwelche irren Dinge, schuf große Wandmalereien in den Zimmern ihrer Wohnung oder gab Partys, bei denen sich jeder als berühmter Meuchelmörder ausgeben musste. Und sie hatte eine Katze, die schon immer etwas kränkelte. Dauernd waren wir mit ihr beim Arzt oder spätnachts beim tierärztlichen Notdienst. Marga und ich sind zusammengezogen. Und ein paar Monate, bevor wir eigentlich heiraten wollten, traf sie einen Typen namens Breck, einen Therapieflötisten, und verliebte sich in ihn. Schließlich gingen sie beide nach Guatemala, um den Opfern des großen Erdrutsches dort mit Musiktherapie zu helfen. Mich ließ sie sitzen, mit gebrochenem Herzen und einer kranken Katze. Dem Tier ging es immer schlechter, weil es nun auch noch Marga vermisste. Wir fühlten uns beide fürchterlich.“

„Ich glaube, ich habe eine Ahnung, was jetzt kommt“, sagte Rebecca, die ihren letzten Pancake aufspießte.

„Dobbs ist als Hund viel glücklicher, er darf raus und kann draußen rumrennen“, fuhr Peter fort. „Die Sache mit seiner Bauchspeicheldrüse ist auch viel besser geworden.“

„Also hast du die Katze deiner Exfreundin in einen Hund verwandelt. Ein kleiner Racheakt, oder was?“

„Mit Rache hatte das nichts zu tun, das schwöre ich. Marga weiß es noch nicht einmal. Es war nur so … Dobbs war einfach unglücklich, genau wie ich. Und dieser Zauber, dachte ich, könnte für uns beide ein neuer Anfang sein. Aber teilweise hatte ich natürlich schon das Gefühl, dass ich Marga damit eins reinwürgen wollte. Und dass ich Dobbs ohne seine Zustimmung verwandelte. Deswegen fand ich die Vorstellung völlig in Ordnung, dafür dann bestraft zu werden. Als diese Strafe dann aber ausblieb, fühlte ich mich nur noch schuldiger. Ich fing an, mich selbst zu hassen. Und vielleicht war das der Grund. Je sicherer es war, dass ich nicht bestraft wurde, desto schlechter fühlte ich mich.“

„Hm.“ Rebecca schien eine Weile über darüber nachzugrübeln. „Für mich ist es nicht einmal das Verrückteste, das Leute ihren Haustieren angetan haben. Ich meine, da im Laden gab es Leute, die haben ihrem Haustier den Hintern rasiert. Wer macht so was? Und schließlich war es doch deine Ex, die ihre Katze einfach zurückgelassen hat, als sie abgehauen ist, oder? Du hättest Dobbs genauso gut ins Tierheim bringen können, und die hätten ihn dann irgendwann eingeschläfert.“

Und ganz plötzlich war Peter wieder in sie verliebt. Vielleicht war es sogar ein stärkeres Gefühl als zuvor, als ob seine Nieren wild rotierten und das Blut aus seinem Kopf und seinen Gliedern wich. Am liebsten wäre er in die Luft gesprungen, hätte sie umarmt und laut gepfiffen wie eine Dampflok. Ihm war überhaupt nicht klar gewesen, wie schlecht er sich wegen Dobbs fühlte, bis er jetzt davon erzählt hatte und feststellte, dass sein Gegenüber ihn daraufhin nicht sofort völlig abscheulich fand.

„Willst du nach Los Angeles?“, fragte er.

„Was, jetzt?“

„Ja. Ich meine, wenn wir gefrühstückt haben. Du könntest versuchen, dich bei dieser Barista-Schule anzumelden, und ich suche mir einen Job. Ich kenne da jemanden, der die Finanzierung von Solarenergieprojekten organisiert. Und gemessen an dem, was man in L.A. sonst so gewöhnt ist, bin ich wohl kaum eine Berühmtheit.“

Für etwa eine Sekunde fühlte sich Peter völlig frei. Er konnte die Stadt verlassen, mit dem Mädchen und dem Hund und dem, was sich in seinem Auto befand, und ohne sich umzudrehen zu neuen Ufern aufbrechen. Er konnte es genauso machen wie Marga, nur mit dem Unterschied, dass er Dobbs dabei nicht aufgeben würde.

Aber Rebecca schüttelte den Kopf, dass ihre Locken flogen. „Tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass ich mit jemandem zusammen sein könnte, der vor seinen Problemen davonläuft.“

„Was?“ Und dann sagte Peter genau das Falsche, bevor er sich selbst daran hindern konnte: „Aber du hast mir doch gerade eben gesagt, du hättest deine letzten fünf Jobs gekündigt.“

„Ja, und das nennt man Rückgrat haben. Einen Job zu kündigen, das ist nicht dasselbe wie wegzulaufen.“

Sie stand auf, und Peter erhob sich ebenfalls. Er ließ sich das Steak einpacken und hatte das Gefühl, als schickte sie ihn hinaus in die Wildnis, während ein Wolfsrudel bereits seine Fährte aufnahm. Dann wischte sie ihm mit dem Daumen seinen verschmierten Mundwinkel sauber und sagte: „Pass auf. Ich verrate dir jetzt das Geheimnis, wie man das Leben dazu bringen kann, dass es einem das gibt, was man will. Bist du bereit? – Lass dir von niemandem etwas gefallen.“

„Das ist das Geheimnis? Zum Glücklichsein?“

„Von Glücklichsein weiß ich nichts. Ich habe dir doch gesagt, ich habe kein Glück.“

Sie ging zu ihrem Auto und blieb auf halbem Weg stehen, um Dobbs anzusehen, der in Peters Auto herumsprang, jetzt sogar noch wilder als zuvor, weil er gemerkt hatte, dass sein Herrchen wiederkam. Dobbs‘ Augen waren beinahe kreisrund, wie bei einem Pekinesen, und kleine Speicheltröpfchen flogen von seiner Zunge, die ihm seitlich aus dem Maul hing. Rebecca streckte ihre Hand durch das Fenster, das Peter ein wenig heruntergekurbelt gelassen hatte, und Dobbs leckte sie. Sie nickte kurz, als wollte sie bestätigen: Ja, dem Hund geht es wirklich gut. Dann stieg sie in ihr eigenes Auto, das sogar noch älter und abgewrackter war als Peters Dodge.

Er sah ihr nach, als sie davonfuhr. Aus ihrem Autoradio dröhnte Classic Rock. Er war sich nicht sicher, wie man ein Chicken Fried Steak an einen Hund verfütterte, aber er vermutete, dass er es Dobbs am besten gab, solange es noch warm war. Aber seltsam, er hatte es kaum aus der Tüte auf den Beifahrersitz geschüttelt und Dobbs fiel darüber her, als dieses Steak plötzlich einen unglaublich leckeren Geruch verströmte und Peter in seinem Inneren einen Riesenhunger spürte. Ganz kurz hätte er das Fleisch seinem Hund am liebsten aus dem Maul gerissen.

Unwillkürlich dachte er an das, was Rebecca gesagt hatte: Lass dir von niemandem etwas gefallen. Nun war es nicht so, dass er so etwas zum ersten Mal hörte. Aber dennoch: In diesem Augenblick wirkte es auf ihn wie eine große Lebensweisheit. Ein Grundsatz, an den man sich halten konnte. Er zog sein Telefon hervor und stellte fest, dass ungefähr zwanzig Nachrichten für ihn eingegangen waren, aber er ignorierte sie alle und rief stattdessen Derek an.

„Hey, kannst du mir einen Gefallen tun? Pass auf, damit könntest du es vielleicht wieder gut machen, dass du diesem Freund von mir erzählt hast“, sagte er. „Ist auch egal, ich bin drüber weg. Aber … kannst du zu meinem Haus fahren und all den Leuten, die davor kampieren, sagen, dass ich später eine Pressekonferenz oder so etwas Ähnliches geben werde? Um zwölf Uhr mittags. Sag ihnen, ich werde ihnen alles über den Zauber erzählen und all ihre Fragen beantworten, damit sie mich dann ein für alle Mal in Ruhe lassen. Okay? Super.“

Nachdem er aufgelegt hatte, sah er Dobbs dabei zu, wie der Hund den letzten Rest seiner Mahlzeit verschlang. Peter stieg wieder ins Auto und fuhr ziellos durch die Gegend, während er darüber nachdachte, wie er die ganze Sache so erklären konnte, dass man ihn danach wirklich nicht mehr behelligen würde.

„Hey, Kumpel.“ Peter kraulte Dobbs hinter den Ohren, während sie an einer Ampel hielten. „Bist du bereit für deinen großen Augenblick im Rampenlicht?“ Zur Antwort streckte Dobbs den Kopf vor, blinzelte, und dann übergab er sich so heftig, dass überall Erbrochenes durch Peters Auto spritzte. Anschließend rollte er sich auf dem Sitz zusammen, als hätte er gerade eine große Tat vollbracht, und begann laut zu schnurren. Wie ein Presslufthammer.


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© 2013 by Charlie Jane Anders

Deutsch von Kirsten Borchardt

 

Die nächste Story erwartet euch am Freitag, den 3. November, genau hier.


Charlie Jane Anders verfasste den bei FISCHER Tor erschienenen Roman Alle Vögel unter dem Himmel, der mit dem Nebula Award und dem Locus Award ausgezeichnet wurde. Für ihre Kurzgeschichte Six Months Three Days erhielt sie den Hugo Award. Sie schrieb unter anderem für Tor.com, Mother Jones, Asimov’s Science Fiction, Fantasy & Science Fiction, Tin House, ZYZZYVA und The McSweeney’s Joke Book of Book Jokes. In San Francisco veranstaltet sie seit langem die Lesungen Writers With Drinks; außerdem war sie die leitende Redakteurin von io9.com. Sie wurde für „außergewöhnliche Erfindungsgabe und Kreativität, die sich nicht von den Grenzen schnöder Realität behindern lässt“ mit dem Emperor Norton Award ausgezeichnet.

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