Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (9/11)


Die Mitglieder der Therapiegruppe haben ihr erstes Opfer zu beklagen. Anhand von Fotos aus der Autopsie kommt ein Geheimnis ans Licht, dass jeden Einzelnen von ihnen an die Grenzen des Erträglichen führt ...

***

Kapitel 9

Wir. Was für ein tückisches kleines Pronomen. Wer ist drinnen und wer draußen? Wenn wir sagen: »Wir haben einen der Unsrigen verloren«, ändert sich mitten im Satz die Anzahl derjenigen, die das Pronomen einschließt. Für Martin war dieses Wort wie eine Variable in einem Computerprogramm, ein fortlaufender Zähler, der jedes Mal, wenn man ihn ablas, einen anderen Wert anzeigte. Aber das Problem war noch komplexer; die Definition hing davon ab, wer gerade zählte.

Hatte Barbara sich während dieser letzten Wochen, dieses letzten Treffens, als eine von uns betrachtet? Vielleicht hatte sie uns bereits von außen gesehen; eine Soldatin während ihrer letzten Nacht im Schützengraben oder eine todgeweihte Patientin, die das letzte Mal mit an der Thanksgiving-Tafel sitzt. Wir Übriggebliebenen wussten nicht, was wir denken sollten. Wie hatten wir die Anzeichen übersehen können? Sie hatte doch zufriedener gewirkt. Schien endlich das Zerstörungswerk losgelassen zu haben, das der Scrimshander bei ihr angerichtet hatte. Erst im Rückblick wurde uns klar, dass das genaue Gegenteil zutraf. Sie war nun bereit gewesen, das, was er ihr angetan hatte, anzunehmen.

Das wurde Martin während der Trauerfeier klar, als Harrison sich zu ihm beugte und leise sagte: »Natürlich ging es ihr besser. Sie war endlich zu einer Entscheidung gelangt.« Sie standen gerade an, um den Angehörigen ihr Beileid auszusprechen, und Martin schob Stan in seinem Rollstuhl. Die Schlange war sehr lang. Nichts lockte mehr Leute an als ein vorzeitiger Tod.

Barbaras Mann und ihre beide Söhne standen ganz vorn und begrüßten jeden Gast. Der schlanke Mann mit dem schütteren Haar wirkte durcheinander. Wenn sich jemand vor ihn stellte, sah er ihn für einen Moment verblüfft an, schüttelte dann automatisch seine Hand und mühte sich ab, etwas zu sagen. Seine Aufmerksamkeit huschte aber jedesmal zurück zu seinem Sohn. Der ältere Junge stand neben ihm, der jüngere saß auf einem hohen Holzstuhl. Sie folgten dem Beispiel ihres Vaters und gaben jedem pflichtschuldig die Hand.

Hinter der Familie stand der perlgraue Sarg. Martin war froh, dass der Deckel geschlossen war.

Nachdem sie die Schlange hinter sich gebracht hatten, wollte Harrison sich von ihnen verabschieden, doch Stan sagte: »Wir setzen uns dorthin.« Er zeigte zu Dr. Sayer, die in einer halbleeren Kirchenbank saß. Harrison wechselte einen Blick mit Martin, folgte ihnen jedoch.

Martin stellte Stan ans Ende der Bank. Die Ärztin rutschte ein Stück, um ihnen Platz machen, und schien dankbar, dass sie gekommen waren. Sie hielt sich an ein paar zerknüllten Taschentüchern fest und war anscheinend noch nicht fertig mit Weinen. Martin war schockiert und schämte sich dann für seine Bestürzung. Wieso überraschte es ihn, dass sie ein Mensch war? Irgendwie hatte er sie in eine andere Kategorie gesteckt, so wie kleine Kinder Lehrer und Pastoren in eine besondere Kategorie stecken.

Damit wusste er aber immer noch nicht, was er sagen sollte. Aus lauter Verzweiflung fragte er: »Kommt Greta auch?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Jan. »Ich wollte ihr die Einzelheiten schreiben, aber …« Sie zuckte mit den Achseln.

Martin betrachtete die langfingrigen Hände der Ärztin, die so wenig zu ihrem gedrungenen Leib passten. Sie trug keinen Ehe- oder Verlobungsring. Anscheinend war sie allein hier. Es gab so vieles, das er von ihr nicht wusste. War es schwer, eine Therapiegruppe anzuleiten, ohne von sich selbst erzählen zu können, oder war es eine Erleichterung?

Stan sagte etwas, das Martin nicht mitbekam. »Sie hätte nicht auf das Flüstern hören dürfen«, wiederholte Stan. »Da darf man nicht zuhören.« Es klang wie ein Ratschlag an sich selbst. Scheiße, dachte Martin. Vierzig Jahre, und er ist immer noch nicht darüber hinweg. Und jetzt hatte Barbara gut zwanzig Jahre nach der Attacke aufgegeben. Martin baute eigentlich darauf, dass er eines Tages aufhören würde, sich vorzustellen, was der Hundemann seinen Mitbewohnern angetan hatte. Dass er vergessen würde, dass es Wesen gab, die sich jetzt in diesem Moment draußen an die Buntglasfenster pressten.

Er hatte der Gruppe erzählt, dass er sich allmählich an das Leben ohne Brille gewöhnte, und an manchen Tagen glaubte er es sogar selbst. Meist fehlte sie ihm extrem. In der Therapie ging es darum, sich der Wirklichkeit zu stellen, und mit der Brille sah er mehr Wirklichkeit, und genau das machte ihn wahnsinnig. So zu tun, als wäre man normal, machte einem echt das Leben schwer. Bis jetzt hatte er noch nicht nachgegeben und eine neue Brille gekauft (es half, dass er pleite war). Aber wenn er sich nun nie daran gewöhnen würde?

Er war im Arsch, das war er.

Am anderen Ende der Bank tauchte Greta auf. Sie war wie immer ganz in Schwarz, aber hier passte es wenigstens. Sie setzte sich neben Harrison, und Martin dachte: Das läuft also immer noch. Oder vielleicht auch nicht: Greta starrte geradeaus nach vorn, ohne etwas zu sagen. Harrison sah sie an und schien aufzugeben. Trotz des teuren dunkelblauen Anzugs sah er aus, als hätte er nicht geschlafen.

Was für eine Gruppe. Saß auf der Beerdigung zusammen wie ein Teil der Familie. Die psychiatrische Abteilung.

Nein, nicht ich bin im Arsch, dachte Martin. Sondern wir alle.

***

Jan hatte beschlossen, der Familie nicht hinaus zum Grab zu folgen, und der Rest der Gruppe hielt es ebenso. Sie standen vor der Trauerhalle und machten verlegen Smalltalk, bis Martin es schaffte, Stan in den Transporter zu bugsieren. Als sie losfuhren, sagte Dr. Sayer zu Harrison: »Ich möchte Sie gern um einen Gefallen bitten, aber es steht Ihnen völlig frei, nein zu sagen.«

Sie hatte lange mit sich gerungen, ob es ethisch überhaupt vertretbar war, ihn um Hilfe zu bitten. Sein eigentliches Problem war – abgesehen von dem Gefühl tiefer Entfremdung, unter dem sämtliche Gruppenmitglieder litten – sein Selbstbild als Kapitän auf einem untergehenden Schiff. Er fühlte sich für die Leben von anderen verantwortlich, obwohl für ihn feststand, dass er nur scheitern konnte. Barbaras Tod war ein belastender Beweis mehr.

Allerdings war Harrison ein Experte auf seinem Gebiet. Und sie brauchte seinen Rat.

»Worum geht es?« Er runzelte die Stirn. »Ist es wegen Barbara?«

Er begriff immer so schnell. Jan berührte ihre Handtasche, machte sie jedoch nicht auf. »Die Polizei hat mir ein paar Fotos gegeben. Ich hätte gern Ihre Meinung dazu. Also, wenn das möglich ist.«

Harrison warf einen Blick über die Schulter. Greta stand fünf Meter entfernt. Wartete auf ihn.

»Greta kann mitkommen«, sagte Jan. »Auch wenn sie die Bilder vielleicht nicht sehen möchte.«

Sie gingen einen Block weiter zu einem kleinen Park und suchten sich eine Bank. Jan saß neben Harrison, während Greta nervös dastand, die Hände in den Taschen. »Barbara wurde zunächst nicht vermisst«, erklärte Jan. »Die Polizei nimmt an, dass sie schon mindestens vierundzwanzig Stunden tot war, als ihr Mann sie gefunden hat.«

»Sie haben mit der Polizei geredet?«, fragte Greta.

Jan begriff, dass sie eigentlich meinte: Sie haben mit der Polizei über uns geredet?

»Bevor ich mit ihr gesprochen habe, habe ich mir die Erlaubnis von Stephen geholt, Barbaras Mann. Ich fühle mich auch nach dem Tod eines Klienten noch an die Schweigepflicht gebunden.« Sie holte ihr Tablet aus der Handtasche und schaltete es ein. »Ich würde Ihnen die hier nicht zeigen, wenn ich es nicht für äußerst wichtig hielte.«

Greta bewegte sich hinter Harrisons Schulter. Jan musterte die Gesichter der beiden, während Harrison die Bilder durchging.

»Der Detective meinte, so etwas hätte er noch nie gesehen«, sagte Jan. »Sie hat beide Schenkel mit einem Rasiermesser geöffnet, ohne eine größere Arterie zu verletzen. Dann hat sie noch die Kraft gefunden, ihren linken Arm am Bizeps entlang zu öffnen. Sie hat versucht, auch am rechten Arm noch einen Schnitt zu machen, konnte aber das Messer mit dem verletzten Arm nicht mehr richtig führen.«

Sie kamen zu einem der schlimmsten Fotos, und Greta wandte sich ab. Harrison holte Luft.

»Die Polizei hat Ihnen die einfach gegeben?«, fragte er.

»Der Detective war mir noch einen Gefallen schuldig.«

»Ich habe keine Ahnung, wie ich Ihnen hierbei helfen kann. Es sieht so aus, als hätte sie entlang der Narben geschnitten, die sie uns gezeigt hat. Um das zu reproduzieren, was ihr der Scrimshander angetan hat.«

»Sie reproduziert gar nichts«, sagte Jan. »Blättern Sie weiter.«

Nach den Tatortfotos kamen diejenigen von der Autopsie. »Ich hab sie gebeten, diese Bilder zu machen. Sie wollten nicht. Sie kannten ihre Geschichte nicht, hatten sie nicht in den Akten. Es hätte mich nicht überraschen dürfen – die Attacke ist so lange her und hat in einem anderen Staat stattgefunden. Ich hab ihnen gesagt, sie sollen eine Internetsuche mit ihrem Mädchennamen machen. Dann haben sie verstanden.«

Die ersten paar Bilder waren zu wirr, um daraus schlau zu werden; es blieb unklar, welches Glied, welche Wunde sie zeigten. Doch auf jedem schimmerte weißer Knochen hinter dem Gewebe.

»Scheiße«, sagte Harrison. »Sie wollte sie sich ansehen.«

»Ja.«

Er starrte auf das Display. »Bei diesem letzten Treffen hat sie mich gefragt, ob ich die Scrimshaw gesehen habe. Ich hab gesagt, dass sie schön waren.«

»Also bitte«, sagte Greta zu Harrison. »Das hatte sie schon vor langer Zeit geplant. Die eine Bemerkung hat sie nicht über die Kante geschickt.«

»Ich bin hier nicht nur mit Ihnen hergekommen, damit Sie sich die Wunden ansehen.« Jan nahm das Tablet und blätterte weiter. »Ich hab die Polizei gebeten, Aufnahmen davon zu machen, was der Scrimshander in sie hineingeschnitzt hat. Ich wollte, dass sie sämtliche Narben öffnen, aber da haben sie sich quergestellt. Die Familie wäre ausgerastet. Also haben wir nur, wie weit Barbara gekommen ist. Hier ist das erste Bild, von ihrem linken Oberarmknochen.«

Es handelte sich um eine starke Vergrößerung. Eigentlich war die Schnitzerei ungefähr zweieinhalb Zentimeter breit und zehn Zentimeter hoch, längs zum Knochen. Die Fotografie war nicht ganz scharf: das Brustbild eines Mannes, der zur Seite sah. Mit Kreuzlagen schattierte gekrümmte Linien führten von ihm weg. Die nächste Aufnahme zeigte das Gesicht aus noch größerer Nähe.

»Was zur Hölle?«, sagte Harrison.

»Das bist du«, sagte Greta staunend.

Es war Harrison. Nicht als Junge, sondern in seiner heutigen Gestalt. Offenbar trug er sogar eine Anzugjacke, seine Uniform für die Treffen.

»Wie ist das möglich?«, fragte Greta. »Der Scrimshander hat die vor wie viel Jahren gemacht, zwanzig?«

»Barbara war neunzehn«, sagte Jan.

Harrison blätterte zum nächsten Bild weiter, zum übernächsten. Beides waren alternative Aufnahmen seines Portraits. Dann kam er zum ersten Foto der nächsten Serie, Barbaras linkem Oberschenkelknochen.

Greta wich zurück, die Hand vor dem Mund.

»Ja«, sagte Jan. »Ich weiß.«

»Ich war ein Kind, als er das gemacht hat!«, sagte Greta. »Wie konnte er …?«

Das Bild zeigte zwei Personen. Einmal Greta, die in der Hocke saß und in jeder Hand etwas wie einen Faden hielt. Dann ein junges Mädchen, das mit der Hand auf Gretas Schulter dastand.

»Dieses jüngere Mädchen – bist du das?«, fragte Harrison.

»Ich dachte, es könnte vielleicht ein Vorher-Nachher-Bild sein«, sagte Jan.

Greta schüttelte den Kopf. »Nein. Das bin ich nicht.«

»Aber sieh dir ihren Hals an«, sagte Harrison. »Sie hat dieselben Narben wie du.«

»Ich sagte doch, das bin ich nicht.«

Hinter den beiden Figuren verliefen, ähnlich wie in Harrisons Portrait, geschwungene Linien. Die Fäden in Gretas Händen waren offenbar genauso breit wie die Linien, was den Eindruck vermittelte, dass die Schraffur nicht nur dekorativen Zwecken diente, sondern etwas Dreidimensionales war, wie ein Netz oder die Takelage eines Piratenschiffs.

»Es gibt noch mehr«, sagte Jan. »Martin ist auch da, mit Brille. Und auf dem rechten Arm ist da, wo Barbara abgebrochen hat, der Teil eines Rads zu sehen. Ich glaube, das ist Stans Rollstuhl.«

Harrison sprang von der Bank auf. »Ich hasse diesen Mist!«

»Das ist eine Prophezeiung«, sagte Greta.

Er wirbelte herum. »Nein! Das ist nur … Zeitscheiß. Die Zeit verläuft auf der anderen Seite nicht parallel. Die beiden Universen stoßen gegeneinander. Dadurch gibt es an zufälligen Orten dünne Stellen. Raum, Zeit, das sind alles verschiedene Teile derselben Blase. Manchmal gucken sie da durch und sehen die Zukunft unserer Seite. Und manchmal sehen wir die Zukunft ihrer Seite.«

»Darum geht’s bei Prophezeiungen«, sagte Greta. »Dass man die Zukunft sieht.«

»Das bedeutet nicht, dass es passieren muss«, widersprach Harrison. »Es ist nicht vorherbestimmt.«

»Du machst dir selber was vor«, sagte Greta. »Überleg mal, was du gerade gesagt hast. Die Blasen überschneiden sich. Was die sehen, ist bereits passiert. Wir sind da nur noch nicht angekommen.«

»Nein, so funktioniert das nicht. Es gibt immer noch den freien Willen, und –«

»Du kannst das nicht aufhalten!«

Jan stand auf. »Greta, Harrison, bitte.«

Greta ächzte und warf die Hände hoch.

»Bitte«, sagte Jan. »Das könnte wichtig sein. Wir wissen nicht, was die Zeichnungen des Scrimshanders bedeuten, aber Barbara war überzeugt, dass er ihr eine Nachricht hinterlassen hat. Sie ist gestorben, um sie sich ansehen zu können. Darum möchte ich sie jetzt entschlüsseln.«

»Okay, dazu brauchen wir alle Bilder«, sagte Harrison. »Wir müssen alles sehen, was der Scrimshander in sie reingeschnitzt hat.«

»Das steht uns aber nicht zur Verfügung«, sagte Jan. »Der Scrimshander hat sie an fünf Stellen aufgeschnitten. Wir haben aber nur die drei, an die Barbara rangekommen ist – dreieinhalb vielleicht, wenn man das Stück von Stans Rollstuhl mitzählt. Und wir wissen bereits, dass Röntgenaufnahmen und MRTs nichts zeigen.«

»Was wollen Sie dann von mir?«, fragte Harrison.

Greta wollte etwas sagen, schüttelte dann aber den Kopf.

Jan antwortete: »Ich hatte gehofft, Sie könnten in diesen Bildern etwas sehen, das mir entgangen ist. Sie hatten schon mit dem Scrimshander zu tun. Sie hatten mit … vielen Dingen zu tun, mit denen ich mich nicht auskenne.«

Harrison gab sich einen Ruck. »Na schön. Mailen Sie mir die Fotos, und ich sehe sie mir mal in Ruhe an.«

Jan griff in ihre Tasche und zog einen kleinen weißen USB-Stick heraus. »Sie sind alle hier drauf. In hoher Auflösung.«

Harrison nahm den Stick. »Und wenn Ihnen die Nachricht nicht zusagt?«

»Ach, ich bin mir ziemlich sicher, dass es keine guten Neuigkeiten sind.«

***

Greta erklärte, sie würde sich mit Computern nicht auskennen, und schien damit zufrieden, in Harrisons Wohnung herumzugehen, während er sich an seinem Laptop zu schaffen machte. Er blätterte die Aufnahmen mehrfach durch, kehrte jedoch immer wieder zu der Sammlung von Portraits zurück: er, Greta und das junge Mädchen, Martin, Stan – oder zumindest das Rad, das auf Stan hindeutete. Er musste davon ausgehen, dass sich Barbaras Portrait auf ihrem Brustbein befand, unter der einzigen Narbe, die sie nicht geöffnet hatte. Wäre es die neunzehnjährige Barbara gewesen oder die vierzigjährige Frau, die sie gerade beerdigt hatten?

Er arrangierte die Bilder entsprechend ihrer Lage auf Barbaras Körper. Harrison auf dem linken Arm, Greta und das geheimnisvolle Mädchen unter ihm auf dem linken Oberschenkel, mit diesen Fäden in der Hand, Martin auf dem rechten Oberschenkel. Sie guckten alle nach innen oder nach oben, als würden sie auf die letzte Narbe auf Barbaras Brust schauen. Von Stan auf dem rechten Arm war nicht genug zu sehen, um zu wissen, wohin er schaute, aber die Orientierung der Beine und des Rads deuteten darauf hin, dass er auf diese leere Stelle in der Mitte schaute. Harrison hätte zu gern gewusst, was sich dort verbarg.

Er brütete weiter über den Bildern und suchte nach Hinweisen. Es lag auf der Hand, dass es sich bei den Schraffuren hinter den Portraits nicht nur um dekorative Elemente handelte. Das bewies Gretas Portrait, auf dem sie diese Linien hielt, als wären es Kabel. Die Linien krümmten sich, und als er auf Photoshop mit ihnen herumspielte, konnte er sich vorstellen, dass sie sich in Barbaras Körpermitte trafen, genau dort, wohin auch alle schauten.

»Heilige Scheiße«, sagte Harrison. »Es ist ein Spinnennetz.«

Greta steckte ihr Handy ein und sah über seine Schulter hinweg auf den Bildschirm. »Und wir sind da alle drin gefangen.«

»Wir und dieses Mädchen.« Es konnte alles zwischen sieben und vierzehn Jahre alt sein. »Du hast keine Ahnung, wer sie ist?«

Sie antwortete nicht. Er wollte sich gerade umdrehen, da fragte sie: »Wer ist im Zentrum des Netzes?«

»Barbara, vermute ich. Keine Ahnung.«

Greta richtete sich auf. »Du brauchst die echten Knochen.«

»Ja«, sagte er nachdenklich.

»Du könntest sie ausgraben.«

Er drehte sich auf seinem Stuhl um. »Was? Nein.«

»Sie ist nicht eingeäschert worden. Das war Absicht. Sie wollte, dass wir die Knochen ausgraben.«

»Wir werden kein Grab plündern.«

»Es ist doch kein Plündern, wenn Barbara wollte, dass du sie bekommst. Sie ist gestorben, weil sie rauskriegen wollte, was da drin war. Da kannst du doch jetzt nicht kneifen.«

Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an und lächelte knapp. »Du sagst immer wieder ›du‹. Bist du Teil der Gruppe oder nicht?«

Sie ging zum Fenster und schob den Vorhang beiseite. »Himmel, Harrison.«

»Also, worum geht‘s?«, fragte er. »Du bist wochenlang nicht gekommen. Du hast mich nicht mal angerufen. Und jetzt bist du in meiner Wohnung.«

»So was wie das hier stand mir jedenfalls nicht im Sinn. Dieses ganze … Fotozeug.«

»Sondern?«

»Ich wollte dir danken. Dass du meine Geheimnisse bewahrt hast.« Sie sah ihn über die Schulter hinweg an. »Hast du doch, oder?«

Sie meinte den Brand. »Es ist deine Geschichte«, sagte er. »Deine Entscheidung, was du erzählst oder auch nicht.«

Sie ließ den Vorhang wieder fallen. »Aber du bist darauf gekommen, was wirklich passiert ist.«

»Sie haben das Ritual nicht verkackt«, sagte er. »Nicht total. Am Ende hat es noch gereicht. Der Verborgene ist in dich hineingefahren. Wie denn auch nicht? Du bist für ihn zurechtgemacht worden.«

»Das schönste Fläschchen im Regal«, sagte sie.

»Da ist noch ein Geheimnis, das ich für mich behalten habe«, sagte er. »Diesmal vor dir.«

»Ach so?«

»Ich kann dich lesen. Diese Muster auf deiner Haut – das sind nicht bloß Bilder. Es ist eine Art Sprache.« Er konnte sehen, dass sie ihm nicht glaubte. »Damals als Teenager, da bin ich … mit etwas von der anderen Seite infiziert worden. Das hat irgendwas mit meinem Kopf angestellt.«

»Und jetzt kannst du ihre Sprache lesen.«

»Sozusagen.«

»Und was sagen dir meine Narben?«

»Achtung. Gefahr. Betreten verboten.«

Sie nickte, als hätte sie diesen Verdacht längst schon gehabt.

»Du bist für die Verborgenen unwiderstehlich«, sagte er. »Aber sobald einer in dir drin ist, bist du eine Schließkassette. Eine Gefängniszelle. Und die Warnungen sagen allen, dass sie Abstand halten sollen.«

»Du hättest sie besser beachtet.« Sie deutete zum Laptop. »Sieh dir das Netz an. Ich zerreiße es. Wenn ich bleibe, werde ich dich töten.«

»Das bedeuten die Bilder nicht.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ach, Harrison. Du bist der Optimist.«

»Jetzt hör mir mal zu –«

»Martin hatte recht«, unterbrach sie ihn. »Die Schwestern haben auf mich aufgepasst. Ich hab gewusst, dass du darauf kommen würdest.«

»Tante Siddras Gruppe konnte ja nicht die einzige sein, die außerhalb der Farm gelebt hat. Hast du da schon gewusst, dass sie dir gefolgt sind? Uns gefolgt sind?«

»Nein! Ich meine, sie haben schon mal versucht, an mich ranzukommen. In New York. Ich bin umgezogen und dachte, ich hätte sie abgeschüttelt. Dann – ich hab nie gewollt, dass jemandem was passiert. Nicht mal Martin. Aber sie sind dermaßen versessen darauf, mich zu beschützen …«

»Ich bin überrascht, dass sie mich bis jetzt in Ruhe gelassen haben«, sagte er.

Sie sah ruckartig auf.

»Was hast du gemacht?«, fragte Harrison. »Wieso tun sie mir nichts, Greta?«

»Wir haben eine Abmachung getroffen.«

Er stand auf. »Mit dem Teufel handelt man nicht.«

»Aber genau dazu haben sie mich erzogen. Das ist alles, was ich je wollte – diesen Handel perfekt machen.« Sie wandte sich erneut zum Fenster um und schob den Vorhang beiseite. »Als Mädchen habe ich jeden Tag darum gebetet, dass ich würdig für einen Verborgenen werde. Normale Männer waren Vergewaltiger oder Lügner oder … nutzlos. Aber diese Wesen waren göttliche Geschöpfe. Die Verwandten von Engeln.«

Sie presste die Stirn an die Scheibe. »Aber als er dann endlich in mich hineingefahren ist, wurde mir klar, dass er überhaupt nichts Göttliches an sich hatte. Er bestand nur aus Zorn und aus Gier.« Durch die Scheibe vibrierte ihre Stimme seltsam. »Er hasste mich. Er hasste Tante Siddra. Uns alle. Und ich dachte: Dafür habe ich gelitten, dafür die Jahre voller Schmerzen, um dem ein Zuhause zu geben? Um diese kranke Vieh in mich aufzunehmen, damit es in unserer Welt wandeln kann?

Meine heilige Aufgabe war eine Farce. Meine große Ehre bestand darin, dieses Vieh in mir drinzubehalten, als wäre ich eine geladene Knarre. Ich war keine Braut, ich war ein Behältnis. Ein scheiß Raketensilo.

Ich bin so ein artiges Mädchen gewesen. So eine Idiotin. Und in diesem Moment tat ich, was ich noch nie getan hatte. Ich sagte nein. Ich warf ihn aus mir raus und sagte: Mach, was du willst.«

Greta verstummte. Harrison trat einen Schritt näher. Die Straßenlaternen ließen ihr Gesicht aufleuchten, und als sie den Mund öffnete, schien es ihr Spiegelbild zu sein, das redete.

»Tante Siddra brannte als Erste. Wie Zunder. Und dann die anderen Frauen im Bus, die dunkelhaarigen Frauen, die sie begleitet hatten. Ich ging die Stufen zum Hof hinunter. Ich war nur ein paar Schritte weit weg, als die Gasflasche hochging, aber ich blieb unverletzt. Metall und Glas flogen um mich herum, aber der Verborgene sorgte dafür, dass nichts an mich rankam.

Ich drehte mich um und sah zu, wie sie verbrannten. Und weißt du was?« Sie behielt den Blick nach unten auf die Straße gerichtet. »Ich fand es gut.«

Harrison sagte nichts.

»Aber mein Gemahl war noch nicht fertig. Im Hof waren total viele Schwestern, die weinten oder von der Explosion bluteten. Er fing an zu … springen, von Frau zu Frau, und setzte ihre Kleider in Brand. Er landete auf dem Dach des Farmhauses und setzte die Schindeln in Brand, dann sprang er rüber zu dem Wohnmobil daneben. Hüpfte und sprang einmal quer durch alle unsere schrottigen, behelfsmäßigen Hütten. Tanzte um mich herum, mit Freude in seinem geschmolzenen Herzen. Er tat mir nichts. Er liebte mich jetzt, weil ich ihn freigelassen hatte.

Dann hörte ich die Frauen. Es war, als würde ich aufwachen. Kennst du das, wenn du langsam wach wirst, und zuerst ist da nur Stille? Dann wirst du noch ein bisschen wacher, und jetzt kannst du nebenan ein Radio hören, den Klang von Stimmen? Auf einmal konnte ich die Schreie hören. Überall um mich herum brannten Frauen, verbrannten bei lebendigem Leib im Haus. Eine davon war meine Mutter.«

Harrison machte noch einen Schritt, doch sie hob die Hand.

»Dann kam er zu mir, der Verborgene. Er wollte mehr.« Sie schüttelte den Kopf. »Wäre ich nicht auf diese Art großgezogen worden, hätte ich nicht den Großteil meines Lebens unter Schmerzen und unter dem Messer verbracht, wäre ich vielleicht überwältigt gewesen. Aber ich hatte es gelernt, nichts an mich ranzulassen, stimmt’s? Mich zu beherrschen. Also redete ich mit ihm. Ich sagte zu ihm: Es gibt einen Ort, da will ich mit dir hin. Aber so können wir nicht gehen. Komm her. Versteck dich in mir drin.« Wieder schüttelte sie den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie Menschen verstehen. Er liebte mich, und ich hatte gerade so etwas Schönes für ihn getan, also glaubte er mir. Er glitt mir die Kehle runter. Ich konnte spüren, wie er in mir wühlte. Erwartungsvoll.«

»Es tut mir so leid«, sagte Harrison.

Sie schien ihn nicht zu hören. »Als er in mir drin war, versiegelte ich mich. Ich brauchte dieses letzte Cutting auf der Stirn nicht. Ich konnte ihn durch Willenskraft drinbehalten. Ich war der Korken.«

Sie wandte sich vom Fenster ab. »Der hat vielleicht gebrüllt. Und seitdem nicht wieder aufgehört.«

»Wir können das in Ordnung bringen«, sagte Harrison.

»Da ist nichts in Ordnung zu bringen. Barbara hat das verstanden. Die Schwestern werden keine Ruhe geben. Ich muss einfach machen, wozu ich bestimmt bin.« Sie legte den Kopf beinahe entschuldigend schief. »Ich bin ihre Königin. Sie möchten von mir regiert werden.«

»Das ist die Abmachung? Du kehrst zu ihnen zurück? Greta, das darfst du nicht. Du musst mich nicht beschützen. Und auch nicht die anderen. Wir können einen Weg finden, wie wir sie dazu bringen, dich in Ruhe zu lassen.«

»Ich muss das tun.«

»Nein. Scheiße, so etwas wie Bestimmung gibt es nicht. Darüber haben wir doch schon gesprochen.«

»Sie haben eine neue Flasche, Harrison. Wenn ich nicht dafür herhalten möchte, dann haben sie noch jemand anderen.«

Da begriff er. »Das Mädchen. Du weißt, wer sie ist.«

»Sie heißt Alia. Sie ist jünger, als ich damals gewesen bin.«

»Scheißdreck.«

»Ja.« Sie warf wieder einen Blick zum Fenster. »Ich muss jetzt gehen.«

Sie hatte während des Erzählens ihrer Geschichte die ganze Zeit geschaut, ob sie schon kamen. »Sind sie da?«, fragte er.

Sie ging zur Wohnungstür. »Ich bin es einfach leid, Harrison. Und sie werden an mir dranhängen, bis ich nachgebe.«

»Du darfst darauf nicht eingehen. Die benutzen das Mädchen doch praktisch als Geisel. Lass mich überlegen. Vielleicht können wir … keine Ahnung. Irgendwas machen.«

Sie blieb stehen. Ihr Lächeln war traurig. »Weißt du, ich hab die ganze Zeit über gedacht, dass du mein Problem für mich lösen würdest. Du bist der Monsterjäger. Der Held. Aber ich schätze … das sind bloß Kinderbücher, hm?« Sie zuckte mit den Achseln und ging weiter zur Tür.

Er packte sie beim Ellenbogen – und riss die Hand zurück. Es fühlte sich an, als hätte er ein heißes Heizungsrohr umfasst.

»Ist schon gut«, sagte sie. »Ich hab das durchdacht. Ein Schachzug bleibt mir noch.«

Schmerz pochte in seiner Hand, strahlte in den Arm aus. Doch die Haut wirkte normal. Brauchte er Eis, oder war das irgend so ein psychosomatischer Mist?

Sie schloss die Tür auf und öffnete. Im Flur standen zwei Frauen. Die eine war groß, beinahe eins achtzig, mit dicken schwarzen Haaren wie eine Cherokee. Die andere war kleiner und trug eine Art Pulli mit angenähtem Kopftuch. Ihre Lippen waren knallpink geschminkt.

»Bleibt bloß weg von ihr«, sagte Harrison zu den Frauen.

Die mit dem bedeckten Kopf hob eine Hand. Sie hielt eine kleine schwarze Pistole, die riesig groß aussah. Er hatte das Gefühl, in diese schwarze Mündung hineinzutaumeln.

Die pinken Lippen der Frau teilten sich wie vor Genugtuung.

Er versuchte die Ruhe zu bewahren. Er wurde nicht zum ersten Mal mit einer Schusswaffe bedroht. Aber vielleicht gewöhnte man sich an so etwas auch nie.

Die Große nahm Greta beim Arm und geleitete sie hinaus. Die Kleine hielt Harrison in Schach.

Greta sah über Schulter nach hinten. »Mach’s gut, Harrison Squared.«

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 10 wird am 3. März veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

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