Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (8/11)


In der Therapiegruppe, die aus Opfern übernatürlicher Gewaltverbrechen besteht, hat es Stan am härtesten erwischt. Er redet immer am meisten, erzählt aber nie so richtig etwas von sich selbst. Bis heute ...

***

Kapitel 8

Wir kannten einander zunächst nur durch das, was wir sagten. Wir saßen im Kreis, redeten miteinander und stellten bestimmte Versionen unserer Persönlichkeiten zur Schau. Wir erzählten unsere Geschichten und probierten Verhaltensweisen aus. Dr. Sayer meinte, die Gruppe wäre der geeignete Ort für eine »Wirklichkeitsüberprüfung«. Was würde geschehen, wenn wir uns so zeigten, wie wir waren, und einander mitteilten, was wir wirklich dachten? Wenn wir über das sprachen, was uns am meisten Angst machte? Wenn wir uns nach Regeln verhielten, die nicht auf unseren schlimmsten Befürchtungen basierten?

Vielleicht ging dann ja doch nicht die Welt unter.

Für Stan war die Gruppe eine Gelegenheit, seine Vermutung zu überprüfen, dass ihn sämtliche Menschen auf Erden abstoßend fanden. Davon hatte ihn jahrzehntelange persönliche Erfahrung überzeugt. Verständlicherweise war er zu dem Schluss gekommen, dass die beste Verteidigung darin bestand, sich wie ein Arschloch zu verhalten. Er putzte Pflegekräfte herunter. Er warf Ärzten vor, dass sie seine Probleme nicht ernst nahmen, bevor sie sich seine Beschwerden überhaupt anhören konnten. Er starrte Leute auf der Straße an, bis sie den Blick abwandten.

Da er nicht ganz ahnungslos in Sachen Psychologie war, wusste er, dass andere sein Haus womöglich als Ausdruck innerer Verteidigungsmechanismen wahrnahmen. Er war in diesem Haus aufgewachsen und nach seiner Erfahrung mit den Weavers dorthin zurückgekehrt. Es war seine Burg, sein mit Palisaden aus Krempel befestigtes Fort. Jeder Raum war knallvoll, und schmale Pfade wanden sich zwischen Bergen von kaputten Elektrogeräten, Büchern, Kleidung, Kinderspielzeug und Gartenzubehör hindurch. Dort wagten sich nur von der Gesundheitsfürsorge bezahlte Kräfte hinein, und die blieben nicht lange; Hauspflegekräfte standen auf der untersten Stufe der medizinischen Versorgungswirtschaft und bekamen keine Gefahrenzulage.

Hätte Dr. Sayer von seinen Lebensumständen gewusst, hätte sie für die Diagnose mit größerer Wahrscheinlichkeit zum DSM-5 gegriffen; das Horten war mit der Zwangsstörung verwandt, und einige Betroffene sprachen gut auf Serotonin-Wiederaufnahmehemmer an. Die regelmäßige Zufuhr von Paroxetin konnte Wunder wirken.

Stan hingegen wusste, dass nicht das Haus sein Problem war, sondern die Leute.

Deshalb war er selbst überrascht, als er Martin anbot, ein oder zwei Nächte bei ihm zu verbringen, »nur bis du etwas Neues gefunden hast«. Die Einladung war Barbaras Idee gewesen. Sie fing ihn nach dem Treffen ab, auf dem Greta ihre Geschichte erzählt hatte, weil sie »einfach mal ein bisschen überlegen« wollte. Sie packte ihn bei seinem Gewissen und forderte ihn auf, jemandem zu helfen, der in größerer Not war als er. »Kümmere dich um ihn«, sagte sie. Sie war natürlich noch nie in seinem Haus gewesen.

***

Stan bereute seine Einladung, und fast ebenso sehr bereute Martin es, sie angenommen zu haben. Aber Barbara sorgte irgendwie dafür, dass Stan ein besserer Mensch sein wollte. Vielleicht weil sie ihn unverdientermaßen bereits für einen guten Menschen hielt. Martin und Stan wollten sie beide nicht enttäuschen.

Stans Fahrer, der bärtige junge Mann, der ungefähr in Martins Alter sein musste, fragte: »Sie übernachten bei ihm?« Er schüttelte fassungslos den Kopf, und als er die Haustür aufschloss, stieß er ein leises Glucksen aus, das Martin an sämtliche Mensa-Stänkerer erinnerte, mit denen er auf der Mittelschule zu tun gehabt hatte. »Genießen Sie Ihren Aufenthalt.«

Martin schloss hinter ihnen die Tür. »Was für ein blöder Arsch.« Dann drehte er sich um und sah den Zustand des Hauses.

Einen gedehnten Moment lang fiel ihm nicht ein, was er sagen sollte.

Stan wirkte plötzlich verärgert. Er deutete zu dem Ziegenpfad durch die Müllhalde und sagte: »Die Küche ist da lang.«

»Alles klar.« Martin schob ihn in seinem Rollstuhl weiter – langsam und mit vielen kleinen Korrekturen. Sein eingegipster Arm erschwerte es. Und noch immer fiel ihm kein geeigneter Kommentar zum Haus ein. Er war entsetzt und zugleich auch fasziniert. Der Weg durch das Labyrinth des vorderen Zimmers war wie eine Folge von D&D-Fallen, die durch gespannte Fäden und verborgene Druckplatten ausgelöst wurden. Wenn er die kaputte Mikrowelle von dem Stapel National Geographic-Magazine herunternahm, kam vielleicht eine Felskugel durch die Wand geplatzt und zermalmte sie.

Martin dachte daran, sich so schnell wie möglich abzusetzen, aber wo sollte er denn hin? Sein Girokonto war leer, und von der Kreditkarte hatten Krankenhaus und Apotheke nur die Knochen übrig gelassen. Er musste zusehen, dass er wieder arbeiten ging und sich eine neue Wohnung suchte, aber die Vorstellung raubte ihm jede Kraft. Mit den Schlägen war irgendetwas aus ihm herausgeprügelt worden. Was genau, war ihm allerdings ein Rätsel; Stan hätte es Mumm genannt oder Festigkeit. Für Martin fühlte es sich an, als hätte ihn irgendein anderes, zäheres Selbst abgestreift und nur eine zerbrechliche Puppe zurückgelassen. Er wollte eigentlich nur noch schlafen.

Doch selbst das schien in Stans Haus unmöglich zu sein. Es gab kaum genug Platz, um sich hinzulegen, man konnte nicht mal gefahrlos irgendwo sitzen. Sie kamen an einer angelehnten Tür vorbei, doch dahinter ragte eine Wand aus Krempel bis ganz unter die Decke, wie eine Sackgasse in einer Spielwelt. Die Küche war ein Loch, voller Zeug, das nichts mit Kochen zu tun hatte. Wieso stand auf dem Herd ein schwarzer Safe?

Martin sagte: »Ich weiß nicht, Stan, vielleicht sollte ich lieber …«

»Probier’s mal oben.« Stan zeigte zu zwei Säulen aus Pappkartons. Zwischen ihnen war eine schmale Öffnung.

Martin schlüpfte in diesen Spalt und entdeckte eine Treppe, die hinauf in ein Wunder führte: drei Schlafzimmer und ein kleines Bad, die bis auf die angemessene Möblierung leer waren. Die Räume waren staubig, aber nicht verdreckt; hier musste zumindest vor ein paar Monaten jemand saubergemacht haben. Das hier war höheres Gelände, an das die Fluten von Stans Zwangsstörung dank des Fehlens einer Rampe oder eines Treppenlifts nicht heranreichten.

Mit langsamen Bewegungen, um die Schmerzen im Brustkorb nicht zu verschlimmern, kehrte Martin ins Erdgeschoss zurück. Stan sah ihn erwartungsvoll an.

Martin hätte am liebsten gesagt: Das ist das erste Mal, dass ich mich über mangelnde Barrierefreiheit freue. Stattdessen sagte er: »Das ist perfekt. Danke.«

»Und hier tut dir keiner was«, sagte Stan. »Du wirst kaum glauben, wie viele Knarren ich habe.«

***

Beim nächsten Treffen fehlte Greta. Sie hatte Jan geschrieben, dass sie allein an etwas arbeiten musste. Dem Tonfall nach, so erzählte Jan ihnen, war eine Rückkehr zu einem späteren Zeitpunkt nicht ausgeschlossen; doch als Jan ihr zurückschrieb, blieb eine weitere Antwort aus.

Nun musste die Gruppe mit ihrem Weggang zurechtkommen. Es war eine Zurückweisung, eine Verletzung. Drei Treffen lang brachten wir nichts anderes zustande als Schadensmeldungen und Schuldzuweisungen. Martin fand Greta feige. In Stans Augen revanchierte sie sich auf diese Weise dafür, dass wir sie gezwungen hatten, ihre Geschichte zu erzählen. Harrison meinte, sie müsste eben mal Pause von der Gruppe machen und würde schon wiederkommen, sobald sie die anderen wieder brauchte. Barbara dagegen weigerte sich, Gretas Abgang als Ausdruck von Aggression oder Schwäche zu sehen. »Vielleicht hat sie ja bekommen, was sie brauchte. Die Gruppe hat die Aufgabe, uns zusammenzuflicken, damit wir stark genug sind, das zu tun, was wir tun müssen. Wir sollen nicht für immer hierherkommen.«

Es überraschte uns jedenfalls – also weniger Dr. Sayer, sondern die verbliebenen Mitglieder –, dass wir darüber so eingehend und so gut reden konnten. Dr. Sayer schien wenig dazu beizutragen; sie bugsierte unser kleines Boot durch beiläufige Bemerkungen zurück in die Strömung, aber das Rudern übernahmen wir selbst. Wenn wir wieder ins Geschichtenerzählen verfielen – und Stan war da immer noch am schlimmsten –, dann dirigierten wir uns wechselseitig zurück in die Gegenwart. Jetzt war wichtig, was zwischen uns passierte.

In der einen Woche erzählte er wieder einmal von seiner Zeit bei den Weavers, von den Tagen, die er in dieser Scheune verbracht hatte, in dem Nest aus Seilen, das sich zwischen den Dach- und Stützbalken erstreckte. Er schien sich an jede Freundlichkeit zu erinnern, die ihm Wanze, der jüngste Weaver, erwiesen hatte, während er mitansehen musste, wie seine Freunde einer nach dem anderen starben. »Ihr Fehler war die Ermordung des Polizisten. Hätte Bertram Weaver sich die verkniffen, wäre ich nie gefunden worden. Dann hätte ich meinen letzten Besuch im Räucherschuppen gemacht. Aber die Polizei stürmte rein, und Bertram versuchte, sie zurückzudrängen –«

»Stan, das hast du uns schon mal erzählt«, sagte Barbara. »Wenn du immer wieder davon anfängst, dann zwingst du mich praktisch, dich auszublenden. Je mehr du redest, desto weniger kann ich dir zuhören.«

Stan hob die Sauerstoffmaske und atmete tief ein und aus. Wir kannten diese Verzögerungstaktik schon. Oftmals beendete sie jede sinnvolle Interaktion mit dem alten Mann. Diesmal jedoch nahm er die Maske herunter und sagte: »Dann hast du mich in der Klemme. Wenn ich rede, hörst du nicht zu, und wenn ich nicht rede … Was soll ich denn machen?«

»Erzähl uns etwas, das du noch nie erzählt hast«, sagte Barbara. »Etwas Echtes. Wie geht es dir gerade?«

»Ich bin traurig. Ich will euch nicht langweilen. Keine Ahnung, wieso ich das mache. Ich … fülle einfach den Raum aus.«

»Mir geht es mehr darum, was du nicht sagst«, erklärte Barbara.

»Gibt es Sachen, die du uns nicht erzählst?«, fragte Martin.

»Na klar gibt es die«, sagte Harrison. »Wir halten alle ein paar Geheimnisse zurück.«

»Wann immer dir danach ist, Harrison«, sagte Barbara.

Harrison lachte. »Das merkst du dann schon.«

Trotz Gretas Abgang war eine gewisse Leichtigkeit in die Gruppe gekommen. Die düstere Stimmung, die Barbara umgab (und die nur Jan und Greta bemerkt hatten), hatte sich gehoben. Martins Genesung schien voranzuschreiten. Er wohnte immer noch bei Stan, aber er ging dank eines Anrufs und eines wohlmeinenden Briefes von Dr. Sayer wieder arbeiten. Er wusste, dass die Wächter nur knapp außer Sicht lauerten, und vergaß das auch nie, aber er konnte seinen Alltag bewältigen, als gäbe es keine Wächter. »Ich sage mir einfach, dass ich so handle, als wären sie nicht da«, führte er bei einem Treffen aus. »Manchmal kann ich mir das sogar selber weismachen.«

»Amen«, sagte Harrison. »Das ist meine Dauerstrategie.«

»Inwiefern?«, fragte Jan.

»Sie wissen schon. Sich normal zu verhalten. So zu tun, als wüssten wir nicht, was wir wissen. Bloß ist es so was von … ermüdend. Ich hasse die Menschen allmählich für ihre Ahnungslosigkeit. Ihre Selbstzufriedenheit. Manchmal sehe ich ein paar Leute rumsitzen und lachen, und dann denke ich: Was findet ihr denn so lustig, Scheiße noch mal?«

Wir anderen nickten. Sogar Jan.

»Ich möchte wie sie sein. Bloß dass ich das nicht kann. Wir sind nicht sicher. Auf der anderen Seite gibt es Viecher, die hier reinwollen – die Wächter, die Verborgenen. Und noch gruseligeres Kroppzeug.«

»Sie flüstern«, sagte Martin.

»Ja«, gab Harrison ihm recht. »Versuchen ständig irgendjemanden dazu zu kriegen, dass er die Tür aufmacht.«

»Wie Tante Siddra«, sagte Barbara.

»Und die Weavers«, sagte Stan.

»Na, die Weavers waren doch bloß Psychopathen, oder?«, fragte Harrison. »Kein Vergleich mit dem Vieh, das Gretas Farm abgefackelt hat.«

Stan erwiderte: »Dem kann ich nicht zustimmen.«

»Ich sag ja nicht, dass sie nicht gruselig waren. Aber sie haben keine Monster rübergeholt.«

»Sie wollten selbst Monster werden«, sagte Jan zu Harrison. Sie klang fast wütend.

Er sah zu den anderen, weil er wissen wollte, ob ihnen dieser Unterton auch aufgefallen war.

»Und sie hätten es fast geschafft«, fuhr Jan fort. »Stan, erzählen Sie ihnen von der Spinnenmutter.«

Stan zuckte zurück wie von einer Ohrfeige. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder.

»Mach ruhig«, sagte Barbara. »Was hatte es damit auf sich?«

Aber Stan starrte Dr. Sayer an. »Woher wissen Sie davon?«

»Es stand in den Polizeiberichten.«

»Erzähl schon«, sagte Martin. »Spinnenmutter?«

»So haben die Jungs sie genannt.« Stan rieb sich mit dem Hemdsärmel die Augen. »Mrs. Weaver. Die sie gefüttert haben.«

»Scheiße«, sagte Harrison.

»Sie hatten sie im Räucherschuppen eingesperrt. Sie hatten Angst vor ihr, aber sie liebten sie trotzdem. Sie sah … schwanger aus. Oder wie diese verhungernden Kinder in Afrika, mit diesen dicken, aufgeblähten Bäuchen. Der Rest von ihr, die Arme und Beine, waren knochendürr. Und dreckig war sie. Aber das Schlimmste waren die Augen. Mit ihren Augen stimmte was nicht. Sie hatte zu viele.«

Martin beugte auf seinem Stuhl vor. »Was?!«

»In ihren Augenhöhlen. Sie hatte zwei in jeder Höhle. Kleine glänzende schwarze … Spinnenaugen.«

»Noch so ein verfluchtes Mischwesen«, sagte Harrison. Wir anderen sahen ihn an. »Wenn etwas es rüberschafft, kann es Menschen krankhaft verändern. Ihre Kinder auch. Man bekommt Viecher, die gar nicht existieren dürften.«

»Der Scrimshander«, sagte Barbara. »Halb Wächter, halb Mensch.«

Harrison nickte. »Ja, der. Und andere.«

»Aber du hast ihn getötet, stimmt’s?«, fragte Martin.

»Wahrscheinlich. Andere dachten auch schon, sie hätten ihn getötet. Er ist Hunderte von Jahren alt. Vielleicht kann man ihn gar nicht töten.«

»Was sagst du da?« Stan war stinksauer. »Die Spinnenmutter könnte noch leben? Die Polizei hat sie ausgeräuchert. Die komplette Farm ist abgebrannt. Ich hab gehört, wie sie schrie. Du kannst mir doch nicht weismachen, dass sie sich immer noch irgendwo rumtreibt.«

»Tut sie bestimmt nicht«, sagte Harrison.

»Behandle mich nicht wie ein kleines Kind!«

»Entschuldige bitte.« Harrison stellte zu seiner Überraschung fest, dass er so ernst klang, wie es ihm war, oder vielleicht auch andersrum. »Ich hätte das nicht sagen sollen. Es ist nur so … Ich habe keine Ahnung, ob diese Wesen denselben Naturgesetzen unterliegen wie wir.«

»Aber das ist doch dein Job«, sagte Martin. »Offizieller Drachentöter.«

»Ich bin in dieser Gruppe, weil ich gedacht habe, dass es mein Job ist.«

»Vielleicht ist es ja Ihr aller Job«, sagte Jan. »Jeder von Ihnen befindet sich auf einer Heldenreise.«

»Also bitte«, ächzte Harrison. »Lassen Sie Joseph Campbell aus dem Spiel.«

»Den Mormonen?«, fragte Stan.

»Joseph Campbell«, sagte Martin. »Der Monomythos? Star Wars? Hergott, Stan, lies mal ein Buch.«

»Dieses Muster lässt sich in vielen Mythen erkennen«, sagte Jan. »Ein Held verlässt die Alltagswelt und wechselt hinüber in die Welt des Übernatürlichen. Er findet magische Helfer, stellt sich großen Widrigkeiten, kämpft gegen fremde Mächte und gewinnt eine große Schlacht. Dann kehrt er mit einer Gabe in die normale Welt zurück – einem Schatz. Einer Belohnung.«

»Meine Geschichte ist das nicht«, sagte Harrison.

»Also übergewechselt bin ich«, sagte Stan. »Und welche Belohnung habe ich gekriegt?«

»Wissen«, sagte Barbara. »Wir finden Dinge heraus, die niemand anders weiß. Wir bekommen das Geschenk, zu verstehen.«

»Drauf geschissen«, sagte Stan. »Ich will meine Hände zurück.«

***

Harrison verließ das Gebäude als Erster, doch er blieb noch eine Weile stehen und sah sich um. Barbara erwischte ihn beim Trödeln. »Mich kannst du nicht täuschen«, sagte sie. »Du willst immer noch die Maid retten.«

»Aber wer rettet mich?«

Sie lachte und verabschiedete sich. Nach ein paar Schritten wandte sie sich um. »Ich wollte dich das schon lange fragen. Hast du die Portraits gesehen, die er geschnitzt hat?«

»Der Scrimshander?«

»Ich hab Fotos von einigen Knochenschnitzereien gesehen. Aber nie ein Stück in echt.«

»Ich habe seinen Hort mal gefunden. Eine Klippenhöhle. Die halbe Zeit lag sie unter Wasser, aber wir sind da bei Ebbe reingeklettert. Er hatte sich Regale aus Treibholz gebaut, in denen er sie aufbewahrte. Es sah aus wie eine Kunstgalerie für Penner.«

»Wie waren die so? Die Scrimshaw?«

»Grässlich. Und schön. Jeder Knochen stammte von jemandem, den er getötet hatte, aber die eigentlichen Portraits … Irgendwie ließ er diese Leute mehr als lebensecht aussehen. Es waren nur in den Knochen geritzte Linien mit ein paar Kreuzschattierungen, ohne jede zusätzliche Farbe. Aber trotzdem. Kennst du den Spruch, dass ein Künstler jemanden einfangen kann?«

Sie neigte den Kopf und dachte nach. »Pass auf dich auf, Harrison.«

Später sollten wir erfahren, wie Barbara ihre Nacht verbrachte. Sie aß mit Ehemann und Söhnen zu Abend und machte den Abwasch, während die Jungs im Garten rangelten. Im Sommer blieb es immer so lange hell. Nach einer Weile sammelte sie ihre Söhne ein und drückte jedem einen Kuss auf den Scheitel. Dann gab sie ihrem Mann einen Abschiedskuss. »Vergiss die Trikots im Trockner nicht«, sagte sie.

Ab da wurden die Einzelheiten bruchstückhaft. Wir wissen, dass sie zu ihrer Atelierwohnung fuhr und die Tür hinter sich abschloss. Sie füllte die große Klauenfuß-Badewanne mit heißem Wasser und hängte darüber den Spiegel auf. Gleich neben die Badewanne kam ein Stuhl, der ihr als Tischchen für Werkzeug und Medizinbedarf diente: für das Rasiermesser, die Rolle Pflasterstreifen, die Flasche Paracetamol. Es waren noch etliche Tabletten darin, als man sie später fand. Sie hatte nicht bewusstlos werden, sondern nur den Schmerz hinreichend dämpfen wollen, um die Sache zu Ende zu bringen.

Es wurde Zeit, Anspruch auf ihr Geschenk zu erheben. Endlich Bescheid zu wissen. Sie zog sich aus und stieg in die Badewanne.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 9 wird am 27. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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