Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (7/11)


Nachdem sie Harrison ihr Geheimnis anvertraut hat, hält Greta den Zeitpunkt für gekommen, mit der ganzen Therapiegruppe offen zu sprechen. Ihre Geschichte handelt von den »Schwestern«. Und sie geht nicht nur im übertragenen Sinne unter die Haut.

***

Kapitel 7

Beim nächsten Treffen waren wir alle geschockt, als Martin kam – sowohl von seinem Anblick wie auch davon, dass er sich mit diesen Blutergüssen und Verbänden überhaupt blicken ließ. Er sah aus wie ein Zombie aus seinem Videospiel: dieses verformte, noch immer grüne und blaue Gesicht. Ein Arm lag vom Handgelenk bis zum Ellenbogen in Gips, und die Finger waren bandagiert, womit er aussah wie einer von Stans Stümpfen.

Jan hatte Martin zu vermitteln versucht, dass er nicht zum Treffen erscheinen musste und dass sie es auch verstehen würde, wenn er die Gruppe ganz verließ. Sie hatte ihm für diesen Fall Einzeltherapie angeboten. Nur hatte Martin unbedingt kommen wollen. Er musste die anderen sehen, und er musste sich ihnen zeigen.

»Ach du Scheiße, Junge!«, sagte Stan. »Ach du Scheiße

Martin stellte seinen prallvollen Rucksack ab und setzte sich neben Barbara. Sie berührte ihn an der Schulter und sagte: »Das tut mir so leid. Wie hältst du dich?«

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er fiel nicht um, also hielt er sich ja wohl, oder? Ihm tat alles weh. Seine Knochen kamen ihm vor wie Bastelhölzchen. Selbst unter Schmerzmitteln – er nahm immer noch vier Tabletten am Tag – schossen ihm ohne Vorwarnung heftige Schmerzen den Rücken rauf. Wenn er zu schnell den Kopf umwandte, verschwamm ihm alles vor den Augen.

Ach, und die Welt ohne Brille. Es war total seltsam, alles ungefiltert zu sehen – diese Gruppe ohne Schutzvorrichtungen zu sehen. Der einzige Vorteil war, dass er so beinahe vergessen konnte, dass Greta ein Monster war.

»Ich muss noch einen neuen Schlafplatz auftun«, sagte Martin.

»Wieso das?«, fragte Harrison.

»Die haben mich vor die Tür gesetzt.« Es war nicht mal gelogen. Martin drückte es absichtlich vage aus, damit es aussah wie ein Problem mit Geld und Mitbewohnern. Nur Jan kannte die ganze Geschichte.

Stan dagegen war ganz solidarische Empörung. »Man darf doch einen Menschen nicht aus seiner Wohnung werfen!«

»Wo willst du denn jetzt hin?«, fragte Barbara.

»Ich lass mir was einfallen.«

Harrison sagte: »Falls du Hilfe brauchst …«

»Von dir?«, fragte Martin.

Harrison wollte etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. Er sah kurz zu Jan und schien sie um Erlaubnis zu bitten, fortzufahren. »Dr. Sayer hat mir erzählt, dass Martin unmittelbar vor der Kneipe angegriffen wurde, wo Greta und ich uns unterhalten haben. Wir haben uns dort mehrmals getroffen. Nach so ziemlich jedem Treffen eigentlich.«

Stan zog die Augenbrauen hoch.

»Um zu reden«, sagte Harrison.

»Ja klar«, sagte Stan.

»Ich – wir hätten es der Gruppe sagen sollen. Dafür entschuldige ich mich. Wären wir offener gewesen, wer weiß …«

»Dann wäre ich euch vielleicht nicht nachgeschlichen«, sagte Martin.

»Das hast du tatsächlich gemacht?«, fragte Barbara.

»Sie hat Spuren hinter sich hergezogen«, erklärte Martin. »Wellen in der Luft.«

»Ernsthaft?«, fragte Stan.

»Jepp.«

Barbara fragte Martin: »Möchtest du über den Angriff reden?«

»Nein.« Er sah Greta an. Frontal ins Gesicht, mit seinen zugeschwollenen Augen. »Ich möchte, dass sie darüber redet.«

***

»Der Schnitt war sehr kurz«, sagte Greta. »Vielleicht zweieinhalb Zentimeter lang.«

Ihre Stimme war total leise. Martin beugte sich vor und dachte: Endlich.

»Die Rasierklinge war so scharf, dass ich ihn gar nicht spürte.«

Barbara machte ein Geräusch, schnappte ganz leicht nach Luft, und Martin sah auf. Ihre Augen glänzten von ungeweinten Tränen. Er fragte sich, was mit ihr los war. Während der ersten Treffen war Barbara immer so beherrscht gewesen, die Knie geschlossen, die Stimme ruhig, so adrett wie eine Avon-Beraterin.

Greta sagte: »Ich erinnere mich nur noch an den Eiswürfel, mit dem mir eine Schwester über den Arm gerieben hat. Dann hat eine andere Faxen gemacht und mich abgelenkt, und als ich runtergeguckt habe, haben sie gerade ein kleines Stück Mull in die Wunde getan.«

»In die Wunde?«, fragte Barbara.

»Man rollt das Stück Mull wie einen Joint und tut es da rein. Die Schnitte müssen offen bleiben. Die Haut muss sich vor der Vernarbung erst wölben. Wenn man die Haut eines Kindes ritzt, muss man sorgfältig arbeiten, oder die heilen spurlos zu.« Sie sagte es ganz nüchtern. »Jedes erfolgreiche Cutting ist das Resultat von verzögerter Wundheilung.«

Greta beschrieb, wie es mit den Cuttings weiterging, von winzigen Einschnitten hin zu längeren, komplizierteren Mustern. Sie konzentrierten sich zunächst auf ihre Arme, dann die Beine, damit sie sie sehen konnte. »Die Schwestern wollten, dass ich sie ebenso liebte, wie sie sie liebten.«

»Die Schwestern, die Schwestern«, sagte Stan. »Scheiße, welche Schwester tut denn so was?«

Martin hätte fast gelacht. Stan war wirklich ein Meister der Empörung.

»Die Schwestern«, sagte Greta, und dann hörte Stan es auch: ein Eigenname, kein allgemeiner Begriff.

»Verwandt war ich nur mit einer«, sagte sie. »Meine Mutter. Es war so eine Art Kommune.«

»In den was – den Neunzigern? Wer zum Geier lebt denn immer noch in einer Kommune?«

»Das war in Oregon«, sagte Greta.

Aber Stan war jetzt nicht mehr zu bremsen. »Aber wo zur Hölle waren deine Lehrer? Deine Nachbarn? Hat etwa niemand gemerkt, dass sie an einem kleinen Kind rumgeschnippelt haben? Du warst doch nicht in Afrika, verdammt.«

»Ich bin zu Hause unterrichtet worden«, sagte Greta gelassen. »Wie alle Töchter. Die Schwestern haben autark gelebt. Die Farm bot alles, was wir brauchten, und Leute von außerhalb sah ich nur, wenn ich auf dem Bauernmarkt beim Stand mithalf oder wenn Heizöl geliefert wurde.«

»Das ist schrecklich«, sagte Barbara.

»Nein! Ich fand es da toll. Und die Schwestern hatten mich gern. Sie hatten mich lieber als die anderen Mädchen.«

Stan fragte: »Willst du damit sagen, diese Kommune bestand nur aus Frauen?«

Die Stimme des Alten hatte einen merkwürdigen Unterton. Du kleine perverse Sau, dachte Martin.

»Sie will uns damit sagen, dass sie in einer Sekte gelebt hat«, sagte Harrison.

»Es ist komplexer als das«, widersprach Greta.

»So kommt es einem immer vor«, sagte Martin. »Von drinnen.«

Greta zuckte auf ihrem Stuhl zusammen. Martin sah den Ausbruch des Monsters in ihrem Inneren, ein weiß-oranges Auflammen wie aus der Öffnung eines Hochofens. Er ächzte schmerzerfüllt. Das Licht ließ seine Augen tränen.

Er verstand nicht, was gerade passiert war. Er hatte doch gar keine Brille auf.

Greta sagte: »Du hast überhaupt keine Ahnung, wovon du sprichst.«

Martin hob eine Hand. Er sah immer noch Punkte. »Tut mir leid, entschuldige …« Als er hochsah, starrte Harrison ihn aus schmalen Augen an, als würde er die Distanz zwischen ihnen abmessen.

»Alles okay, Martin?«, fragte Harrison.

»Alles bestens.«

»Und bist du da immer noch drin?«, wandte sich Stan an Greta. »In dieser Sekte?«

Jan sagte: »Es ist, glaube ich, wenig hilfreich, immer wieder diesen Begriff zu verwenden.«

»Die gibt’s nicht mehr«, erklärte Greta. »Als ich sechzehn war, hat es gebrannt. Ein alter Bus stand zu dicht am Haupthaus geparkt. Er hat Feuer gefangen, und das hat sich ausgebreitet ...« Sie schüttelte den Kopf. »Danach ging das Ganze in die Brüche. Es gab Berichte in den Medien. Die Überlebenden haben sich zerstritten. Die ganze Gemeinschaft ist zerfallen.« Sie verzog das Gesicht. »Klar, die Farm war nicht perfekt, aber sie fehlt mir trotzdem.«

»War nicht perfekt?«, ätzte Stan. »Die haben an dir rumgeschnippelt!«

Jan fragte:» Greta, Sie sagten eben, dass die Schwestern Sie lieber hatten als die anderen Mädchen. Wieso?«

»Alle Töchter wurden an ihrem siebten Geburtstag markiert. Danach dann jeden Monat, immer nur ganz kleine Schnitte. Wir versuchten alle, unser erstes Quadrat zu kriegen. Aber ich wollte mehr. Ich bettelte um mehr. Die anderen Mädchen haben eins nach dem anderen aufgegeben. Aber ich hab immer weitergemacht.«

Die Muster wurden immer kunstvoller, die Schnitte tiefer. Als sie dreizehn wurde, erzählte sie der Gruppe, waren alle anderen Mädchen ausgestiegen, und die Aufmerksamkeit der Älteren lag ganz auf Greta. Die Narben bedeckten ihre Arme und Beine. Sie hatte fortwährend Schmerzen. Ihre Haut weinte Blut. Manchmal erwachte sie nach einem Ritual morgens festgeklebt am Bett; Haut, Verbände, T-Shirt und Bettzeug hatten sich in eine durch Blut zementierte Masse verwandelt. Und trotzdem wollte sie nicht aufhören.

Ihre erste Periode hatte sie, während sie mit freiem Oberkörper auf dem Tisch lag. Die älteren Frauen ritzten ihr gerade den nächsten Ring eines spiralförmigen Symbols in den Bauch und schrien vor Freude auf, als sie den Fleck in ihrer Unterhose bemerkten. An diesem Tag hörten sie früh auf, aber ab da dauerten die Sitzungen länger. Sie war jetzt eine Frau.

»Die Schmerzen konnte ich aushalten«, sagte sie. »Ich war die Königin der Schmerzen. Ich war so weit, dass ich jede Session wegatmen konnte, zwei Stunden lang, drei. Manchmal hatte ich das Gefühl, über dem Tisch zu schweben. Es fühlte sich an, als würde ich mich etwas Größerem öffnen.«

Greta machte eine Pause, und Martin riskierte einen Blick. Sie lächelte scheu. Sie sagte: »Sie haben mir erzählt, dass ich verehrt werden würde.«

»Und du hast ihnen geglaubt?«, fragte Stan.

»Sie verehrten mich ja bereits. Jedes Mal, wenn sie das Messer an meine Haut setzten, war es wie …« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.«

»Ein Gebet«, sagte Barbara.

»Ja«, sagte Greta. »So.«

Die Ältesten redeten mit ihr, während sie die Cuttings setzen, erzählten ihr Geschichten von den Verborgenen. Dabei handelte es sich um Geschöpfe in der Verbannung, mit Engeln verwandt, die gern wieder in die Welt zurückkehren wollten. Greta – die kleine Greta! – war der Schlüssel, mit dem sich diese Tür öffnen ließ. Die Symbole, die sie trug, waren wie Kerzen für die wilderen Flammen der Wesen. Gleich und gleich, sagten die Ältesten.

Die Sessions gingen weiter – eine im Monat, höchstens zwei, weil es Zeit brauchte, bis die Wunden zu erhöhten Narben reiften. Die Wochen der Erholung waren anstrengender als die Cutting-Tage. Sie hatte fortwährend leichtes Fieber. Zu jeder Mahlzeit wurden Antibiotika verabreicht. An manchen Tagen verließ sie die Hütte, die sie mit ihrer Mutter teilte, gar nicht mehr.

An dieser Stelle musste Greta der Gruppe erklären, dass es eigentlich keine Hütte gewesen war, sondern ein rostiger VW-Campingbus, der seit zehn Jahren keinen Meter mehr gefahren war und aufgebockt im hohen Gras stand. Aber er war sauber und trocken, und ihre Mutter und sie waren froh, dass sie ihn hatten. Die Schwestern hatten Gretas Mutter aufgenommen, als sie auf der Flucht vor ihrem Freund gewesen war, einem gefährlichen Mann. Keine ungewöhnliche Geschichte auf der Farm. Viele der Frauen versteckten sich vor gefährlichen Männern: Ehemännern, Partnern, Vätern. Die Farm war in den 1970ern von drei Frauen aus dem Nahen Osten gegründet worden, die zuerst ihren Ehen und dann dem Mehrheitsislam entflohen waren. Sie hatten sich für einen anderen Weg entschieden. Sie nahmen Frauen aus anderen Kulturkreisen und Glaubensrichtungen auf und führten sie langsam an die Mysterien der Verborgenen heran.

Eines Nachts stieg das Fieber, und sie konnte nicht schlafen. Weinend zerrte sie am Bettzeug. Da stand plötzlich ein Mann neben dem Bett. Ein Mann, zugleich aber auch eine rauchlose Flammensäule; beides auf einmal. Er war schön. Seine Augen waren halb geschlossen, seine Lippen leicht geöffnet. Die Flamme pulsierte mit seinem Atmen. Er machte ihr Angst und erregte sie. Sie öffnete für ihn die Beine, doch er wollte nicht näher kommen. Sie strampelte und klagte. Noch immer rührte er sich nicht.

Als Greta am Morgen ihrer Mutter erzählte, was sie gesehen hatte, brach diese in Tränen aus und lief zu den Ältesten. Die Neuigkeit sprach sich rasch herum. Auf dem Weg zu den Duschen wurde Greta von den Frauen und Kindern angestarrt.

»Ich kam mir vor wie ein Rockstar«, erzählte sie der Gruppe. »Und dann wurde es schräg.«

»Donnerwetter«, sagte Stan. »Dann wurde es schräg.«

Ein paar Wochen nach ihrem sechzehnten Geburtstag veränderte sich auf der Farm die Stimmung. Die Ältesten flüsterten gerade außer Hörweite und musterten sie mit besorgten Gesichtern. Dann hörte sie zufällig, wie ihre Mutter eine Älteste anflehte und sagte: »Sie ist noch nicht so weit, sie ist zu jung.«

Greta war besorgt, hatte jedoch keine Angst. Sie war im vollen Bewusstsein um ihre Einzigartigkeit aufgewachsen – sie hatten sie einzigartig gemacht. Dennoch verlangte sie von den Ältesten nicht, dass sie ihr erzählten, was los war. Sie fragte nicht einmal ihre Mutter danach – jedenfalls nicht öffentlich.

»Am Abend stellte ich meine Mutter zur Rede«, sagte Greta. »Ich fragte sie: ›Ist es jetzt so weit? Ist es jetzt endlich so weit?‹ Und meine Mutter brach zusammen. Fing an zu weinen. Sie sagte immer wieder: ›Dazu dürfen sie dich nicht zwingen, ich werde dir helfen zu fliehen.‹«

Greta schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich habe sie ausgelacht. Ich weiß, dass mir nach Lachen zumute war. Denn wieso sollte ich fliehen? Das hier war mein Zuhause. Hier wurde ich geliebt. Aber meine Mutter war total aufgewühlt. Sie nahm meine Hände und sagte: ›Tante Siddra stirbt bald. Sie kommt her und wird die Zeremonie abhalten.‹«

»Hab ich was verpasst?«, fragte Stan. »Wer zur Hölle ist Tante Siddra? Was war jetzt endlich so weit?«

»Meine Hochzeit«, sagte Greta.

Stille knisterte wie statische Ladung.

Dann fragte Stan: »Mit wem denn?«

»Mit der menschlichen Fackel«, sagte Martin.

Das verblüffte Stan nur noch mehr. »Aber was hat das mit ihren Narben zu tun?«

Greta setzte zu einer Antwort an, und Harrison sagte: »Die sollten sie attraktiver für etwas von der anderen Seite machen.« Er sah Greta an, die seinem Blick einen Moment standhielt und dann nach unten sah.

»Das war es auch, was du immer gesehen hast«, sagte Harrison zu Martin. »Sie ist kein Monster. Sie ist ein Köder für Monster.«

***

Der Konvoi (erzählte Greta ihnen mit leiser, doch fester Stimme) traf am Nachmittag ein. Zuerst ruckelte und holperte eine kastenförmige Limousine, deren eine Scheibe zersprungen war, durch die Schlaglöcher in der Schotterstraße, dann ein Pick-up-Truck mit einer blauen Plane über der Ladefläche und zuletzt ein Schulbus. Oder besser ein ehemaliger Schulbus; das Schwarz-Gelb war per Hand mit Rot und Orange überlackiert worden. Die drei Fahrzeuge rollten bis zum Farmhaus und blieben davor in einem Halbkreis stehen. Aus irgendeinem Grund wirkte der Bus größer als das Haus und wurde sofort zum Zentrum ihrer kleinen Gemeinde.

Ein halbes Dutzend Frauen entstiegen dem Pick-up und dem Auto und streckten sich lächelnd. Sie hatten dunkles Haar und trugen Jeans und T-Shirt, ein paar auch Kopftuch. Schwestern kamen von der Feldarbeit geeilt, die Ältesten riefen Namen und zogen die Besucherinnen in Umarmungen.

Greta sah vom Rand aus zu. Die Bustür blieb geschlossen. Hinter der breiten Windschutzscheibe bewegte sich eine Gestalt, eine weitere Frau mit dunklen Haaren, die nach oben griff und Vorhänge zuzog. Da wurde Greta klar, dass es sich um eine Art Campingbus handelte. Die meisten Seitenfenster waren aufgefüllt worden, die verbliebenen Scheiben waren zugezogen. Auf dem Dach stapelte sich Gepäck.

Ihre Mutter rief Gretas Namen, und das Mädchen trat nervös vor. Die Besucherinnen wechselten Blicke, dann ging eine der Frauen mit ausgestreckten Armen auf Greta zu. Greta wusste nicht, was sie machen sollte, also streckte sie ebenfalls die Arme vor, und die Frau umarmte sie lachend. »Kleine Schwester«, sagte die Frau, und auf einmal standen auch die anderen Besucherinnen um sie herum, berührten sie, lachten mit ihr.

Schließlich zogen sie sich zurück, und die Ältesten gingen ins Farmhaus. Der Bus blieb verschlossen, sein Motor knurrte weiterhin wie ein Wachhund. War die Tante so krank, dass sie nicht rauskommen konnte? Gretas Mutter hatte gesagt, dass sie bald sterben würde. Wie alt war diese Frau? Greta hatte schon als kleines Mädchen Geschichten über sie gehört. Siddra war die letzte der drei Gründerinnen, die noch lebte. Sie wohnte irgendwo weit weg, und Greta hatte sich eine Villa vorgestellt, eine Festung, ein Baumhaus. Aber doch nicht diesen klapprigen Bus.

Den ganzen Nachmittag über blieb Greta immer in seiner Nähe, sah zwischen der Seitentür und dieser großen verhängten Frontscheibe hin und her. Niemand stieg ein oder aus.

Ihre Mutter kam sehr spät in die Hütte, und Greta tat so, als würde sie schlafen. Ihre Mutter stand im Dunklen über ihr und atmete. Greta betrachtete ihren Umriss durch halbgeschlossene Lider.

Dann kniete ihre Mutter neben der Matratze. Ihre Kleidung roch nach einem fremdartigen Gewürz. Sie berührte Greta an der Hüfte. »Ach«, sagte ihre Mutter leise. »Ach, meine Tochter.«

Sie wollte es ihr ausreden, glaubte Greta. Sie rührte sich nicht. Wenn sie lange genug wartete, würde ihre Mutter aufgeben.

Dann sagte ihre Mutter, hauchte es fast: »Du hast ein solches Glück.«

Am nächsten Morgen legte ihre Mutter ein schönes hellgrünes Kleid zurecht, an dem noch die Etiketten von JCPenney waren. Greta stand ganz still vor dem Badezimmerspiegel, während ihre Mutter ihr die Haare kämmte und – zum allerersten Mal – einen Lidstrich zog. »Schnute«, sagte ihre Mutter und berührte Gretas Lippen mit korallenrotem Lippenstift.

Gemeinsam gingen sie zum Zentrum der Farm. Greta widerstand dem Drang, die Hand ihrer Mutter zu nehmen. Auf den umliegenden Feldern war niemand, doch auf der Veranda des Haupthauses und in den Türen ihrer Wohnmobile und Hütten standen Schwestern.

Vor dem Bus blieben Greta und ihre Mutter stehen und sahen zur Tür hinauf. Nichts geschah. Greta warf einen Blick zu ihrer Mutter, und dann faltete sich die Bustür auf. Eine der dunkelhaarigen Frauen von gestern Abend stand an der Treppe beim Fahrersitz und hielt den Metallgriff des Hebels mit einem Tuch, als wäre es ein Backhandschuh. Sie bedeutete ihnen lächelnd, hereinzukommen.

Greta stieg hinauf. Im Bus war es zwanzig Grad wärmer als draußen. Die Dunkelhaarige schwitzte.

Greta bemerkte, dass ihre Mutter noch unten stand. »Kommst du nicht mit?«, fragte sie und bemühte sich um einen gelassenen Tonfall.

Ihre Mutter spitzte die Lippen, ihre Augen glänzten. »Ich warte hier auf dich«, sagte sie. »Geh.«

Die Bustür schloss sich. Die Dunkelhaarige berührte Greta an der Schulter und bedeutete ihr, sich in einen Stuhl in der Raummitte zu setzen. Die Frau ging an ihr vorbei zu einer Wand aus Holzimitat, die nicht ganz mit der Rundung des Daches abschloss. Ein Vorhang bedeckte einen Durchgang, und die Frau verschwand dahinter.

Greta strich ihr Kleid glatt und atmete bewusst ruhig, als würde sie sich auf ein neues Cutting gefasst machen. Alles im Raum schien verschleiert zu sein; Sofas verschwanden unter Überwürfen, auf denen Decken lagen und darauf wiederum Kissen; Tücher hingen über lila Lampenschirmen mit getönten Birnen; Teppiche lagen schief auf Teppichen. Farben über Farben. Die Luft war schwer von Räucherstäbchen und Holzrauch und dem Duft nach starkem Kaffee.

Zu viel. Zu viel.

Sie fing an zu schwitzen. Vor ihr stand ein niedriger, mit einem Tuch bedeckter Tisch, eine Vorratskiste vielleicht, auf dem in kleinen grünen, lila und gelben Glasbechern neun oder zehn Kerzen brannten. Die Flämmchen schienen den Raum mit Hitze zu füllen. Auf der anderen Seite des Tisches stand ein riesiger Sessel, der wohl Tante Siddra gehörte. Die Armlehnen des Sessels waren einmal gepolstert gewesen, bestanden nun aber nur noch aus nacktem geschwärztem Holz. Die samtigen Sitzpolster dagegen sahen neu aus.

Der Vorhang bewegte sich, und es war, als hätte sich eine Ofentür geöffnet. Heiße Luft strich über Greta hinweg, und sie machte sich auf ihrem Stuhl ganz klein.

Tante Siddra erschien. Sie bestand nur aus Ecken und Kanten, wie ein verbrannter Baum, der nach einem Waldbrand noch stand. Und auch sie trug Zeichen. Das Kerzenlicht hob jeden Wulst, jede Narbe hervor.

Grata wollte aufstehen, doch die alte Frau bedeutete ihr, sitzen zu bleiben. Sie bewegte sich langsam, als könnten ihre Gliedmaßen unter ihrem eigenen Gewicht zerbrechen. Einen Knochen nach dem anderen nahm sie auf ihrem thronartigen Sessel Platz.

Die Frau trug eine ärmellose Bluse und einen Rock, der ihr bis zum Knie ging, so dass die Arme, Hände und Schienbeine sichtbar waren. Jeder Quadratzentimeter Haut entsprach Gretas und wies dieselben Muster auf. Die beiden waren Kopien desselben Dokuments, angefertigt im Abstand von Jahrzehnten.

Nein, keine Kopien. Keine vollständigen. Gretas Stirn trug keine Zeichen, die der Frau hingegen schon. Die obersten Narben bildeten eine zerklüftete Linie, als hätte jemand mit einem Sägemesser an ihrem Schädel herumgesäbelt, und diese Linie bog sich an beiden Enden nach innen.

Tante Siddra lächelte. »Bonbon?«

»Wie bitte?«

Die Frau hielt ihr eine Glasschale hin, die mit etwas wie staubigen Murmeln gefüllt war. »Nimm«, sagte sie.

Greta wollte keinen Bonbon, aber sie nahm einen rötlich-braunen Klumpen. Die Oberfläche fühlte sich krustig an, wie ein Zuckerwürfel. Sie hielt ihn sich unter die Nase, steckte ihn in den Mund. Er schmeckte nach einem Gewürz, das sie nicht kannte, so ähnlich wie Lakritze, aber nicht ganz.

Die Tante lächelte, als hätte sie das Mädchen in der Falle. »Ich wette, ihr kriegt in diesem Drecksloch nicht viele Süßigkeiten.«

»Viele nicht«, gab Greta ihr recht.

Die Tante steckte sich einen Bonbon in den Mund. »Mit einem weißen Mädchen hab ich nicht gerechnet. Aber Vanille ist jetzt wohl die heiße neue Geschmacksrichtung.«

Greta hatte keine Ahnung, was sie dazu sagen sollte.

»Weißt du, warum du hier bist?«, fragte Tante Siddra.

»Glaub schon.«

»Hmm.« Die Frau lehnte sich zurück. »Schätz mal mein Alter.« Als Greta nichts sagte, fügte sie hinzu: »Na mach. Keine falsche Scheu. Fünfundsechzig? Siebzig?«

Greta schüttelte den Kopf.

»Ich bin zweiundfünfzig. Zweiundfünfzig.« Sie sah zur Decke.

Greta saß eine Minute lang still da, dann zwei. Plötzlich sah Tante Siddra sie an. »Es hätte eine Revolution geben sollen. Wir hätten unsere eigene Gesellschaft gestalten sollen. Und die Verborgenen wären unsere nukleare Abschreckung gewesen. Weißt du, was nukleare Abschreckung ist?«

Greta nickte, obwohl sie nicht ganz sicher war.

»Tja, nun, die Revolution steht immer kurz bevor. Wir wollten nur unsere Waffe bereithaben. Und sobald wir unseren Deal mit den ausländischen Mächten gemacht hätte – na, das weißt du, stimmt’s? Einer von unserer Seite, einer von ihrer.«

»Eine Brücke und ein Band«, zitierte Greta aus ihrem Unterricht.

»Genau. Aber das bedeutet nicht, dass du alles tun musst, was der andere sagt.« Sie richtete sich auf. »Hör mir zu, das ist wichtig. Lass nie los. Behalte die Zügel fest in der Hand. Du hast das drauf, stimmt’s? Weil wir eine Frau brauchen, die nicht zurückzuckt, die es aushalten kann. Die diesen Hurensohn im Zaum hält, ganz egal, wie sehr es weh tut.« Sie packte die Armlehnen. »Bist du diese Frau?«

»Ja«, sagte Greta. »Bin ich.«

»Gottseidank«, sagte Tante Siddra. »Ich glaube nicht, dass ich das noch viel länger durchstehe.«

***

Ein letzter Schritt war noch erforderlich gewesen, erzählte Greta der Gruppe. Sie hatte nach einer Stunde wiederkommen sollen, damit sie den Bus für die Operation vorbereiten konnten. Zurück in ihrer Hütte starrte sie ihr Gesicht im Badezimmerspiegel an. Sie fuhr sich mit einem Finger über die glatte Stirn, nahm Abschied von ihr. Ihre Mutter löcherte sie mit Fragen, auf die sie keine Antworten wusste. Wie war Tante Siddra so? War sie nett? War sie mit Greta zufrieden?

Sie machte ihrer Mutter die Badezimmertür vor der Nase zu und setzte sich auf das geschlossene Klo. Ihr war speiübel, und ihre Haut fühlte sich klamm an.

Bevor die Stunde um war, kam eine Nachbarin zu ihrem Wohnmobil und klopfte an die Tür. »Irgendwas stimmt nicht«, sagte sie.

Eine Menge hatte sich um den Bus versammelt. Die Tür war offen, dunkelhaarige Frauen eilten hinein und heraus. Greta trat ein, ohne um Erlaubnis zu fragen. Tante Siddra lag auf dem Sofa. Sie bewegte sich nicht. Eine der Frauen saß im Schneidersitz auf dem Boden und hielt ihre Hand.

»Was ist mit ihr?«, fragte Greta.

»Krebs, Kind. Sie ist total verkrebst.«

»Aber – aber was ist mit …?«

»Setz dich.« Sie zeigte zu dem großen Sessel, in dem vor weniger als einer Stunde Tante Siddra gesessen hatte. Greta gehorchte. Sie legte eine Hand auf die Armlehne und nahm sie schnell wieder hoch; die Lehnen waren von schwarzem Ruß überzogen.

Die dunkelhaarige Frau sagte: »Hol jemand die Messer. Schnell!«

Doch es war zu spät. Tante Siddra hatte ihren letzten Atemzug getan.

»Und dann …«, erzählte Greta uns. »Das Feuer.«

***

»Ich war die Einzige, die es aus dem Bus geschafft hat«, sagte Greta. »Ich krabbelte nach draußen, zwischen den Beinen der Frauen hindurch. Das Feuer schien von Schwester zu Schwester zu springen. Und dann breitete es sich zum Farmhaus und zu den Nebengebäuden aus.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Barbara. »Wo kam das Feuer denn her?«

»Das war der Verborgene«, erklärte Greta. »Tante Siddra hatte die Zügel losgelassen, und er war frei.«

»Sie haben es verkackt«, sagte Harrison. »Sie haben das Ritual nicht fertigbekommen. Sie hätten das Vieh von der alten Dame zu Greta übertragen müssen – von der einen Flasche zur anderen. Bloß ist ihnen davor die erste Flasche kaputtgegangen.«

»Wieso redest du von Flaschen?«, fragte Martin.

»Weißt du, was ›Verborgener‹ auf Arabisch heißt?«, entgegnete Harrison. »Al-jinnī

Martin dachte einen Moment nach, dann hatte er es. »Ach komm!«

»Es ist nur ein Wort für etwas, das sie nicht verstehen. Das ist weder Barbara Eden noch Scheiß-Robin Williams.«

»Die Zeit ist bereits um«, sagte Jan. »Wir können das nächste Woche –«

»Keiner rührt sich vom Fleck«, unterbrach Martin sie.

Harrison und Barbara sahen zu Jan.

»Bitte«, sagte Martin.

»Worum geht es?«, fragte Jan ihn. »Was möchten Sie noch sagen?«

Martin wandte sein zerschlagenes Gesicht Greta zu. »Also. Diese Schwestern. Für die warst du quasi eine Auserwählte.«

Greta nickte.

»Also würden sie für dich auch töten?«

»Oh«, sagte Barbara. Und Stan fragte: »Was?«

»Die Leute, die mich überfallen haben. Ein paar von denen waren Frauen, da bin ich mir ziemlich sicher. Vielleicht auch alle. Und sie haben Greta beschützt.«

»Es gibt keine Schwestern mehr«, sagte Greta. »Die sind alle im Feuer umgekommen. Außer mir.«

Niemand sagte etwas. Martin sah, dass Harrison gedankenverloren zu Boden starrte.

Die meisten von uns beobachteten entweder Martin oder Greta. Jan hingegen beobachtete Harrison. Er starrte mit nachdenklicher Miene ins Leere.

»Ende der Geschichte«, sagte Greta. Sie sah Martin an. »Nun zufrieden?«

Zufrieden war er nicht. Doch es genügte ihm.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 8 wird am 24. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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