Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (6/11)


Zwischen Greta und Harrison hat sich eine zaghafte, aber auch zerbrechliche Freundschaft entwickelt. Bisher hat Greta während der Therapiegruppensitzungen fast immer geschwiegen. Endlich offenbart sie Harrison, was sie vor allen anderen verbirgt ...

***

Kapitel 6

Während der ersten Gruppentreffen folgten wir einem ebenso unbewussten wie starren Ablauf: Wir wechselten einander ab, so dass wir alle Gelegenheit bekamen, über unser Leben zu reden und unsere unheimlichen Geschichten zu erzählen. Wir hätten ebenso gut um ein Lagerfeuer herumsitzen können.

Dr. Sayer erklärte, dass das eigentlich bei allen Gruppen zunächst so war. Am Ende, so meinte sie, würde die Gruppe aufhören zu reden und anfangen zu arbeiten. Die meisten von uns wussten nicht, was das bedeutete, und die übrigen gaben vor, es nicht zu wissen; Reden war schon riskant genug. Eine Krise innerhalb der Gruppe kann diesen Prozess beschleunigen, so wie ein Stromstoß dafür sorgt, dass das Herz wieder schlägt.

Der Überfall auf Martin war der erste mehrerer Stromstöße, die unserer Gruppe versetzt wurden. Barbara erfuhr am nächsten Tag davon, als Jan eine Rundmail an die Gruppe schickte. Stan, der seinen AOL-Account nie checkte, war der Letzte; Jan hatte mit einer Nachricht auf seinem Anrufbeantworter nachgefasst.

Der Erste war natürlich Harrison gewesen. Nach Jans Anruf legte er auf, setzte sich aufs Bett und dachte angestrengt nach.

»Sie sucht nach mir?«

Er wandte sich um. Greta saß dem Bett gegenüber im Sessel, die Arme um die Knie geschlungen. Sie war immer noch nackt, bis auf die Jockeyshorts für Jungen.

»Ich glaube, sie kann sich denken, dass du hier bist«, sagte er. »Sie besitzt eine ziemlich gute Intuition.«

»Und was hat sie über die Angreifer gesagt?«

»Nicht viel. Martin kann sich wohl an nichts erinnern, oder er konnte nicht viel erkennen, als sie ihn zusammengeschlagen haben.«

»Ich muss der Gruppe von den Schwestern erzählen.«

»Ja?«

»Wie du gesagt hast, Jan hat eine ziemlich gute Intuition. Früher oder später wird sie mich fragen. Es wird Zeit, das Ganze zu erzählen.«

***

Die Beziehung der beiden – ihre isolierte, gruppenexterne, nicht auf dem Stundenplan stehende Beziehung – begann nach dem zweiten Treffen, als Greta endlich sein Angebot annahm, sie nach Hause zu fahren. Während der Fahrt wechselten sie kaum ein Wort, die Stille wurde nur von Gretas einsilbigen Richtungsanweisungen unterbrochen und schließlich von einem verlegenen »Danke«. In der darauffolgenden Woche brachte er sie erneut nach Hause, und ab da geschah es regelmäßig. Sie fingen an, sich zu unterhalten, Gretas kurze Fragen zielten immer darauf ab, ihn über seine Kindheit zum Reden zu bringen, und weil er sich darauf nicht einließ, unterhielten sie sich über das Einzige, was sie gemeinsam hatten: die Gruppe. Bald wurden aus ihren Bemerkungen regelrechte Nachbesprechungen und daraus schließlich gnadenlose Analysen. Die Heimfahrt wurde zu kurz; sie saßen noch vor Gretas Wohnhaus (einem düsteren Betonklotz von Studentenwohnheim) in seinem Wagen und vollzogen die wöchentliche Autopsie.

Harrison war sich nicht sicher, wer zuerst auf die Idee gekommen war, in den Pub zu gehen. Sie waren nach dem Treffen zu seinem Wagen gegangen, und Greta hatte gesagt: »Vielleicht könnten wir noch …?«, und er: »Ich kenne da eine Bar.« Und dort gingen sie dann immer hin. Er trank doppelte Kilbeggan. Sie bestellte Sprite.

Greta sah Dinge, die ihm komplett entgingen. Barbara war klinisch depressiv, sagte sie; man konnte es daran sehen, wie sie über ihre Familie sprach. »Diese ganzen Geschichten, wie die Jungs diese eine Sache mit ihrem Vater gemacht haben und diese andere allein. Sie ist anscheinend gar nicht in ihrem Leben drin. Sie sieht ihnen zu, als wären sie im Fernsehen.« Und beim nächsten Treffen beobachtete er Barbara unauffällig und bemerkte prompt die tiefe Traurigkeit hinter der Maske aus Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

In anderer Hinsicht dagegen war Greta hoffnungslos naiv, besonders was die Männer betraf. Ihr fiel zum Beispiel auf, dass Stans Blick ständig an ihrem Busen hing, und trotzdem empfand sie das als gänzlich unschuldig. »Er ist ein alter Mann«, sagte sie. »Ohne Hände! Wie soll er überhaupt masturbieren?«

»Ich bin mir nicht mal sicher, dass er überhaupt noch entsprechend ausgestattet ist«, entgegnete Harrison. Ihre Augen wurden groß; auf diese Idee war sie überhaupt nicht gekommen. Er fragte: »Und was ist mit Martin? Der steht auf dich.«

»Was? Nein. Er sieht mich doch kaum an.«

»Weil er gar nicht weiß, wohin mit sich. Er läuft rot an, wenn du reinkommst.« Als Martin später der Gruppe erzählte, was er durch die Brille sah, fragte Harrison sich, ob er falschgelegen hatte.

»Was ist mit dir?«, fragte sie. »Guckst du mir auf die Titten?«

»Nur weil sie einem so ins Auge springen. Ähem.«

»Alle denken, ich bin die Stille. Dabei bist du es, der nie was erzählt.«

»Und ob. Ich rede doch die ganze Zeit.«

»Nein, du gibst Kommentare ab. Wann hast du mal was Persönliches erzählt? Wir wissen gar nichts von dir, wir kennen nur den Typen aus den Büchern.« Sie brachte das Gespräch ständig wieder zurück auf die Jugendbuchserie. »Jameson Squared. Monsterdetektiv.«

»Und dieser Titel ist dermaßen irreführend«, sagte er. »Er hört sich an, als wäre der Junge das Monster. Wie ›Kinderpsychologe‹.«

»Kinderpsychologen sind Monster.«

»Nein, ich meine –«

»Ich weiß, was du meinst. Herrgott, Harrison.«

»Na, das wäre mal ein guter Held für eine Serie. Herrgott Harrison, der himmlische Detektiv.«

»Hinter Witzen versteckst du dich auch«, sagte Greta.

Sobald sie bei ihren Pubtreffen die Probleme der anderen Gruppenmitglieder (inklusive Dr. Sayer) durchanalysiert hatten, setzte Greta ihm wegen der Bücher zu und versuchte dahinterzukommen, was wirklich passiert, was Erfindung und was nur Übertreibung war. Anscheinend kannte sie die komplette Serie auswendig.

Die banale Version – die öffentlich-rechtliche Version, wie er das nannte – lautete, dass die Stadt Dunnsmouth während eines Hurricanes vollständig zerstört worden war. Hunderte Tote. Eine Riesenstory für vielleicht eine Woche, danach wandte sich die Welt etwas Neuem zu. Doch dann veröffentlichte zwei Jahre nach der Tragödie ein Ehepaar, das sich auf »paranormale Ermittlungen« spezialisiert hatte, ein »Sachbuch« über das tatsächliche, nicht berichtete Eindringen des Übernatürlichen, das nur als Hurricane interpretiert worden war. Eine der Hauptfiguren war ein Teenagerjunge, der durchsichtig benannte Jameson Jameson. Dummerweise hatte Harrison sich damals in der Klinik mit dem Paar unterhalten. Bald darauf erklärte er es zu seinem Lebensziel, den paranormalen Ermittlern irgendwann ganz unparanormal eins auf die Nase zu geben. Später kamen noch mehr Leute auf die Liste dringender Nasenkorrekturen, zunächst die Lektoren von Macmillan, die das Ganze zu einer »rein fiktiven (aber was, wenn es doch so passiert ist?)« Abenteuerserie um eine Figur namens Harrison Squared hochjazzten, dann die Produzenten vom Sci-Fi (inzwischen SyFy) Network, die einen sendereigenen Spielfilm ausstrahlten, den Harrison als nicht ansehbar eingestuft hätte, wenn er nicht ständig Leuten begegnet wäre, die ihn sich angesehen hatten.

»Du kannst den Leuten nicht vorwerfen, dass sie deine Geschichte erzählen wollen«, sagte Greta. »Du bist ein Held.«

»Das ist Quatsch.«

»Aber kein totaler Quatsch.«

»Du bist eine Optimistin. Einigen wir uns darauf, dass das Glas halbvoll Scheiße ist.«

»Du hast eine ganze Stadt gerettet!«

»Wenn du mit ›retten‹ meinst, dass zwei, drei Leute weniger gstorben sind als jeder einzelne verdammte Einwohner, klar. Komplett gerettet.«

»So stand das aber nicht –«

»Dunnsmouth war schlichtweg ein Super-GAU. Die Bücher erzählen nicht, wie kurz wir davorstanden, alles zu verlieren. Ich war siebzehn, Greta. Ich hatte keine Ahnung, was zum Teufel ich da machte und wie absolut unbeherrschbar die Lage eigentlich war. Eigentlich hätten alle tot sein müssen. Nicht bloß die ganze Stadt – alle

Sie starrte ihn an.

»Das ist keine Übertreibung«, sagte er. »Na gut, vielleicht ein bisschen. Bestimmt hätten irgendwo ein paar Leute überlebt. Aber nicht an der Ostküste.«

»Aber dazu ist es nicht gekommen. Also hast du was richtig gemacht.«

»Manchmal hat man eben mehr Glück als Verstand.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das machst du ständig. Alles kleinreden.«

»›Kleinreden‹? Wer sagt denn ›kleinreden‹?«

»Dich über kleinreden lustig machen, ist auch kleinreden.« Sie sah ihn finster an. »Und glaub mir – ich bin keine Optimistin.«

An dem Juniabend, an dem Martin zusammengeschlagen werden sollte, gingen Harrison und Greta nach dem Treffen wie immer zum Pub. Dass Martin ihnen folgte, merkten sie nicht. Greta drückte ihren Ärger darüber aus, dass Martin sie ständig wegen Einzelheiten löcherte.

»So falsch finde ich das gar nicht«, sagte Harrison. »Du weißt, was uns anderen zugestoßen ist. Nun bist du mal an der Reihe.«

»Darauf kann ich verzichten.«

Bruchstücke ihrer Geschichte hatte sie ihm bereits erzählt. Greta war im Westen in einer Art Frauenkommune aufgewachsen, die sich anfangs » Schwestern ohne Schleier« nannten und dann nur noch »Schwestern«. Ihre Mutter hatte sie großgezogen; der Vater war irgendein Schwachkopf, der seit ihrer Kleinkinderzeit nicht mehr Teil ihres Lebens gewesen war.

Greta sagte: »Martin will bloß das mit den Narben wissen. Und das mit dem Monster.«

»Ich gehe davon aus, dass beides zusammenhängt.« Er ging die Getränke holen. Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatten, sagte er: »Also. Die Narben.«

Sie starrte ihn an.

Er fragte: »Hast du Angst, dass ich dir nicht glaube? Weil ich dir nämlich versprechen kann, dass mir kein Mist zu seltsam ist.« Er legte seine Hand auf ihre. »Egal, was du sagst, du kannst mich nicht verschrecken.«

Greta schien sich zu bewegen und doch nicht zu bewegen. Er warf sich zurück, die Stuhlbeine quietschten. Einen Moment lang wurde sie irgendwie wirklicher. Auf einmal kam er sich ungeschützt vor. Wie ein Beutetier.

Er hatte seine Hand weggerissen und versuchte es zu überspielen, indem er sich den Nacken rieb. Er hatte solche Blitzschläge, solche Einschüchterungen durch die verborgene Welt bereits erlebt, auch wenn er nie vorhersagen konnte, wann sie ihn erwischten, und sie dauerten nie länger als ein, zwei Sekunden. Worüber er heilfroh war. Seher wie Martin waren echt gebeutelt.

»Oder vielleicht«, sagte er und setzte ein Grinsen auf, »kannst du’s doch.«

»Fahr mich heim«, sagte sie. Dann: »Nicht zu mir

***

Harrisons Wohnung war die jüngste einer ganzen Reihe von Wohnungen, und obwohl er dort seit zwei Jahren lebte, hatte er noch nicht alles ausgepackt. Beziehungsweise eigentlich kaum damit angefangen. Er hatte seinen Laptop und ein paar Lautsprecher auf den Esstisch gestellt, aber seine Bücher lagen noch immer in den Kisten. Die Küchenschränke waren leer. Er hatte es geschafft, einige besondere Stücke in den Regalen im Wohnzimmer aufzustellen. Andenken aus der Kindheit. Fotografien seiner Eltern. Einige handgemeißelte Steinfiguren vom Grund der Bucht vor Dunnsmouth. Eine gerahmte Kopie seines Highschool-Diploms, die noch immer schwarze Ichorflecken aufwies. Ein Schädel, der aussah wie ein Ziegenschädel, aber keiner war.

Greta bewegte sich durch den Raum und betrachtete alles mit unverhohlener Neugierde. Lange starrte sie das Foto von seinen Eltern mit dem dreijährigen Harrison an, der an einem kalifornischen Strand in die Sonne blinzelte. Sie strich mit der Hand die Regale entlang. »Ist das Gold?«, fragte sie und wägte eine Münze ab, die so groß wie ihre Handfläche war. Die Kanten sahen aus wie angekaut, und die Abbildung zeigte keinen menschlichen König oder Präsidenten.

»Die auszugeben, ist schwerer, als du denkst«, sagte Harrison. »Ich könnte sie vielleicht einschmelzen.«

»Klar.« Sie legte sie zurück aufs Regal und blieb mit dem Rücken zu ihm stehen. »Dann machst du hier einen auf Mietnomade, ja?«

»Hey!«

»Unbezogenes Bett, leere Scotchflaschen in der Küche. Sogar der Teppich riecht nach Schnaps.«

»Wenn du lieber gehen möchtest, ich kann dich fahren.«

»Setz dich hin.« Sie deutete zum Bett. Dann entfernte sie sich zwei Meter von ihm und zog ihr langärmeliges T-Shirt aus. Darunter trug sie ein weißes Männerunterhemd. Auch daraus schälte sie sich.

»Oh«, sagte er. Er hatte nichts sagen wollen. Um sie nicht zu verschrecken. Und er hatte sich eingebildet, darauf gefasst zu sein; schließlich hatte sie auf einem der ersten Treffen ja schon ihren Arm hergezeigt. Aber das …

Die Narben bedeckten sie vom Hals abwärts komplett und setzten sich bis unter den Hosenbund ihrer Jeans fort. Die Wirbel und verschachtelten Blöcke, die er auf ihren Armen gesehen hatte, waren auf ihrem Brustkorb sogar noch dichter gepackt, kleinteiliger als ein Gemälde von Mondrian, so wimmelnd wie ein Labyrinth von Escher. Selbst ihre Brüste – die kompakten Brüste einer Joggerin – waren von Graten und Wirbeln bedeckt.

Sie schüttelte den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was diese Geste bedeutete oder ob sie überhaupt ihm galt. Dann zog sie den Reißverschluss ihrer Jeans auf und stieg hinaus. Ihre Unterhose, kleine graue Jungsshorts mit schwarzem Gummizug, ließ sie an und schleuderte ihre Chucks weg. Kurz war es peinlich, als sie sich bückte und ihre schwarzen Sportsocken auszog. Dann richtete sie sich auf.

Die Narben rollten jedes Bein hinunter, wimmelten über ihre Füße, wanden sich zwischen den Zehen hindurch. Mit offenen Augen hielt sie seinem Blick stand.

Nach einer Weile drehte sie sich um und zeigte ihm ihre Rückseite. Bis auf wenige Quadratzentimeter war nichts freigelassen. Sie war eine Tora, ein Labyrinth.

»Die Schwestern setzten mir mein erstes Cutting, als ich sieben wurde.« Sie drehte sich wieder um und zeigte ihm ein winziges Quadrat auf ihrem linken Bizeps. »Das hier. An meinem Geburtstag. Ich war total selig.«

»Selig«, wiederholte er skeptisch.

»Meine Mutter hatte sich schon mit wunderschönen Mustern geschmückt. Das waren Tattoos, keine Narben, und nichts … Mystisches. Aber so voller Farben. Ich weiß noch, wie ich sie nachgezogen habe, mit der Nase ganz dicht über ihrer Haut, wie ich die Bilder so intensiv angestarrt habe, dass ich dachte, ich falle gleich rein. Auf ihrem linken Arm war ein von Efeu bedecktes Tor. Ich dachte, wenn ich nur richtig doll zwischen die Gitterstäbe spähe, kann ich die andere Seite sehen. Gott, wie habe ich ihre Tattoos geliebt. Sie hat ihre Sammlung ziemlich regelmäßig erweitert. Manchmal durfte ich mitkommen. Das war, bevor wir uns den Schwestern angeschlossen haben, bevor wir meinen Dad verlassen haben, da war ich noch klein. Ich weiß noch, wie die Nadeln gesurrt haben, wie diese winzigen Blutstropfen hervortraten. Einmal hab ich sie gefragt, ob es weh tut, und sie hat gesagt: Natürlich tut es das, Schatz. Alles Schöne tut weh.«

»Das klingt irgendwie ganz schön kaputt«, sagte Harrison.

»Sag bloß, es stimmt nicht.« Ohne seine Antwort abzuwarten, redete sie weiter: »Dieses hier haben sie mir ein paar Tage später gesetzt.«

Während der nächsten Stunde gab sie ihm eine Führung über ihren Körper, wobei sie ihn nie dichter als einen halben Meter an sich heranließ. Ihre Haut war Karte und Gelände in einem: Sie erzählte ihm, wie und wann sie jedes Cutting bekommen hatte und wie sehr sie die Schwestern liebte. »Das hier hat Wochen gebraucht, um zu heilen. Gefühlt den ganzen Sommer lang.«

Sie bezog sich auf ein gezacktes Muster dicht an ihrem Nabel. Als er es betrachtete, wurde ihm ganz anders. »Ich kenne dieses Symbol«, sagte er.

Ihre Augen wurden schmal.

»Und das hier auf deinem Bein auch. Und eins auf dem Rücken – zwei, glaube ich. Die hängen zusammen.«

»Wie das?«, fragte sie. »Wo hast du die schon mal gesehen?«

»Auf der anderen Seite.«

»Was soll das heißen

»Dass ich drüben war?«, fragte er.

»Dass die auf mir drauf sind.«

»Wenn ich das wüsste.«

Sein Handy vibrierte. Er sah aufs Display – nur wenige Leute hatten seine Nummer – und ging ran. Einige Minuten später legte er auf und sagte Greta, dass sie ihnen von den Schwestern erzählen musste. »Wenigstens Dr. Sayer und Martin.«

»Dann kann ich’s auch gleich der ganzen Gruppe erzählen.«

»Stimmt«, sagte er dumpf. Dann: »Immerhin kannst du da deine Sachen wohl anbehalten.«

Er sagte es im Scherz, doch sie reagierte verschämt. Sie stand vom Sessel auf und sammelte ihre Kleidung zusammen.

»Was hast du vor?«, fragte er. »Gehst du jetzt?«

Sie antwortete nicht. Er fragte: »Was ist aus den Schwestern geworden, Greta? Sind sie immer noch aktiv?«

»Sie sind tot.« Sie zog einen Schuh an. »Alle tot. Wuusch.«

Sie zog sich fertig an, dann stemmte sie die Hände in die Hüften und starrte ihn an.

»Was?«, fragte er.

»Du wolltest mich doch fahren«, sagte sie.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 7 wird am 21. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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