Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (5/11)


Der Überfall auf Martin erschüttert vor allem Dr. Sayer, die die Therapiegruppe leitet, schwer. Hat sie etwa einen Fehler begangen, als sie diese fünf schwer beschädigten Geister zusammenführte?

***

Kapitel 5

Wir waren noch keine vollständig funktionierende Gruppe. Am Anfang hatte Dr. Sayer die typischen Phasen umrissen – zusammenfinden, streiten, Übereinkünfte treffen und, eines Tages vielleicht, zusammenarbeiten – und uns zugleich jedoch den Gedanken ausgeredet, dass diese Phasen eindeutig definiert wären oder dass der Fortschritt linear verlaufen würde. Es gab keine Stufenleiter. Gruppenarbeit bedeutete im Wesentlichen, jedem Weg zu folgen, den die Gruppe während der Arbeit einschlagen würde. Manchmal bedeutete das, wieder und wieder zu denselben Themen zurückzukehren.

Oft lief es auf Vertrauen hinaus. Die Patienten unter uns vertrauten einander nicht, und manche trauten auch nicht der Ärztin. Glaubte sie uns diese haarsträubenden Geschichten tatsächlich? Und wie genau sollte das dazu führen, dass es uns »besser ging«? Welchen möglichen Behandlungsplan konnte es denn für Menschen geben, die gesehen hatten, was wirklich lief? Denn am allerwenigsten trauten wir der Welt.

Dr. Sayer verstand das besser, als die anderen wissen konnten. Sie wusste – wusste –, dass das Universum von übelwollenden Wesen wimmelte und dass es keinen Schutz vor ihnen gab. Sämtliche Mitglieder der Gruppe, Jan eingeschlossen, würden unausweichlich sterben, und höchstwahrscheinlich allein. Nur begriffen die Patienten nicht, dass das eben die Bedingung des Menschseins war. Ihre grauenhaften Erfahrungen hatten die Gruppenmitglieder nicht von existentiellen Krisen befreit, sondern diese nur verstärkt.

Einzeltherapie war manchmal nicht das beste Mittel, um das begreiflich zu machen. Barbara ging jetzt seit drei Jahren bei Jan zur Therapie, und trotzdem wollte sie davon nichts hören. Ihre Qualen hatten sie ihrer Überzeugung nach in eine eigene Kategorie Mensch verwandelt. Sie konnte die perfekte Mutter verkörpern, so glaubte sie, aber niemals sein. Sie konnte sich durchmogeln. Aber kein Normalbürger, so glaubte sie, konnte auch nur ansatzweise verstehen, was sie erlebt hatte. Was sie geworden war.

Barbara brauchte ihresgleichen. Andere wie sie, die außerdem in der Nähe lebten, damit sie sich treffen konnten. Jan wusste alles über Stan; noch bevor sie angefangen hatte zu praktizieren, hatte sie sich schon über seinen Zustand auf dem Laufenden gehalten, und in mancherlei Hinsicht war er sogar der Grund für ihre Berufswahl. Aber sie hatte ihn nie kontaktiert. Sie konnte sich an seinen Therapeuten wenden, doch das reichte nicht; zwei Mitglieder machten noch keine Gruppe. Sie brauchte fünf, als absolutes Minimum.

Dann rief eine Psychotherapeutin aus der Vorstadt an, die Jan nur flüchtig kannte, und sagte: »Ich habe hier jemanden, der dürfte in Ihr Fachgebiet fallen.« Jan hatte ein Beitrag für ein Buch über die Behandlung von Klienten mit extrem traumatischen Erfahrungen verfasst: Folteropfer, Zeugen der Ermordung naher Angehöriger  sowie Leute, die nahe Angehörige ermordet hatten und selbst nicht wussten, warum. Solche Patienten wurden oft an sie weitervermittelt.

»PTBS?«, fragte Jan.

»Die auch«, sagte ihre Kollegin. »Aber ich meinte das, äh, andere Fachgebiet.«

Auch Jans Interesse am Paranormalen hatte sich herumgesprochen, oder besser: ihr Interesse an Patienten, die das Paranormale für ihr gegenwärtiges Problem verantwortlich machten, ohne weitere Symptome von Schizophrenie zu zeigen. Manchmal waren sie dazu noch Folteropfer, Zeugen der Ermordung naher Angehöriger oder Mörder – die aus Gründen getötet hatten, die ihnen niemand glauben wollte.

Niemand außer Dr. Sayer.

»Sie sagt, sie hat über fünfzig Menschen getötet«, erklärte ihre Kollegin. »Nur steht im Polizeibericht etwas anderes. Es gab einen Brand, und sie ist geflohen – als Einzige lebend rausgekommen. Zuerst dachte ich, ihr Problem wäre ein Überlebensschuld-Syndrom.«

»Zuerst?«

»Am Ende der Stunde erzählte sie mir, dass eine Art Engel die anderen umgebracht hatte – aber dass es trotzdem ihre Schuld war.«

»Ein Engel«, sagte Jan nüchtern.

Ihre Kollegin lachte. »Oder so ähnlich. Reden Sie mal mit ihr?«

»Ich ruf sie mal an. Sie würde vielleicht gut in eine kleine Gruppe passen, über die ich zur Zeit nachdenke.«

Ihre Idee laut auszusprechen, besaß offenbar die Wirkmacht einer Beschwörung. Innerhalb der nächsten Tage bekam Jan zwei weitere Klienten in Wohnnähe überwiesen, von denen der eine eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte und der andere ein verstörter junger Mann war, dessen Mitbewohner von einem Obdachlosen ermordet worden waren.

Sie hatte ihre fünf beisammen.

Doch als sie mit ihnen in einem Raum zusammensaß, fragte sie sich, was zur Hölle sie sich dabei gedacht hatte. Jede kleine Gruppe war ein chemisches Experiment, und das Vorgehen blieb stets dasselbe: Man brachte eine Anzahl flüchtiger Elemente zusammen, gab sie in ein kompaktes Behältnis und rührte um. Dabei kam nie eine stabile Verbindung heraus, aber manchmal erzielte man etwas, das für harte Arbeit taugte, wie ein Gift, das Krebszellen abtötete. Und manchmal bekam man eine Bombe.

Sie wusste nicht genau, was sie geschaffen hatte. Bei den ersten Dutzend Treffen war es schon schwer genug, dafür zu sorgen, dass alle wiederkamen. Stan war ein Experte im Vergraulen von Leuten (das hatte er ihr selbst gesagt). Harrison hatte bereits deutlich gemacht, dass er nicht vorhatte zu bleiben. Was die Mitglieder vor allem brauchten, war Hoffnung: Hoffnung, dass sie sich ändern konnten, dass sie nicht allein waren, dass ihr Leiden nachlassen würde.

Bei dieser Gruppe rechnete sie jederzeit mit einem Krisenanruf. Es war ein Wunder, dass es bis zum ersten mehrere Monate dauerte.

Sie träumte gerade, und irgendwie wurde das Klingeln des Telefons Teil ihres Traums. Jan war wieder ein Kind, und ihre Mutter läutete die Glocke, die sie immer bei sich hatte. Jan hatte Angst; sie wollte nicht ins Zimmer ihrer Mutter gehen. Sie versteckte sich im Dunklen und wartete, dass das Klingeln aufhörte, doch es ging immer weiter.

Dann erwachte Jan, und der Traum zerfiel. Sie befand sich in ihrem Keller. Dort unten schlief sie, wenn sie Probleme mit dem Einschlafen hatte, und das passierte in der letzten Zeit öfter. Sie befreite sich aus dem Extrabett und ließ sich zum kalten Kellerboden hinuntergleiten. Sie schaffte es ins Erdgeschoss, bevor das Telefon aufhörte zu klingeln.

Uhrzeit und Telefonnummer waren eine Überraschung – 02:20 Uhr und Mercy Hospital. Die Schwester teilte ihr mit, dass einer ihrer Patienten in die Notaufnahme eingeliefert worden war.

»Wer denn?«, fragte Jan und dachte: Barbara.

»Er heißt Martin Treece«, sagte die Schwester.

»Hat er sich etwas angetan?« Jan dachte natürlich an Selbstmord. Psychotherapeuten scherzten gern, dass man von Männern nie Krisenanrufe bekam; man hörte nur von ihren Witwen.

»Es ist nichts dergleichen«, sagte die Schwester. »Er ist überfallen worden.«

***

Martins Brille war weg, und doch schien er noch immer eine Maske zu tragen. Rote Prellungen verwandelten jedes Auge in eine Faust. Unter seiner geschwollenen Nase kringelte sich ein transparenter Schlauch. Das eine Ohr war von einer Venusmuschel aus Verbandsmaterial bedeckt. Aber es war seine steife Haltung im Krankenhausbett – Rückenlage, Gesicht starr nach oben, die bandagierte linke Hand wie tot auf der Bettdecke –, die auf ernstliche Verletzungen schließen ließ.

Sie nahm an, dass er bewusstlos war, doch dann öffnete sich sein Mund, und er sagte: »Hallo.« Das Wort kam bemerkenswert deutlich heraus.

Sie setzte sich auf einen Stuhl in Bettnähe, wobei sie gut auf die Schläuche und Kabel achtgab, die von ihm wegwucherten. Martin befand sich hinter einem Vorhang in einem Bereich, der noch zur Notaufnahme gehörte. Da er nicht krankenversichert war, würde er wohl auch nicht auf ein Zimmer kommen.

»Kann ich Ihnen irgendetwas bringen?«, fragte sie.

»Meine Brille.« Er öffnete die Hand. Jan runzelte die Stirn. »Die zum Spielen.« Das »Z« und das »S« klangen zermatscht. Seine Stimmbänder waren vielleicht in Ordnung, aber durch seine Verletzungen an Lippe und Kiefer kam er mit einigen Konsonanten nicht zurecht.

Sie sah auf dem Bett nach, dann darunter und unter dem Stuhl. Normalerweise stopfte das Klinikpersonal sämtliche Kleidung und persönlichen Gegenstände in eine durchsichtige Plastiktüte. »Ich finde sie nirgends«, sagte sie. »Ich kann die Schwestern fragen.«

»Ich brauch die Brille.«

»Ich weiß, Martin. Aber da kann ich –«

»Kaufen Sie eine.«

»Was?«

»Das Geld geb ich Ihnen später. Oder Sie können sie wieder zum Laden bringen, sobald ich meine kriege.«

Jan setzte sich wieder hin. »Sie werden damit klarkommen. Ich weiß, dass Sie das durchstehen können.«

Martin bewegte sich nicht, doch er schien tiefer in die Matratze zu sinken. Während der Vorgespräche hatte er ausdrücklich gesagt, dass es für ihn in der Therapie nicht darum ging, mit dem Trauma der Morde fertigzuwerden (er konnte kaum eingestehen, traumatisiert zu sein), sondern seine Abhängigkeit von der Brille zu besiegen. Er wollte seine Angst überwinden und wie ein normaler Mensch in der Welt leben. Doch die Brille auf diese Weise zu verlieren, überlegte Jan, musste der kälteste Entzug überhaupt sein.

»Können Sie mir erzählen, was passiert ist?«

»Ich erinnere mich nicht. Nicht an alles.«

»Dann nur das, was Sie noch wissen.«

»Ich bin nach der Gruppe nach Hause gegangen.« Er redete langsam und gab sich Mühe, deutlich zu sprechen. »Ich bin stehen geblieben, weil ich jemanden gesehen habe, und dann …« Er bewegte sich leicht, die Andeutung eines Schulterzuckens. »Da haben sie mich gepackt.«

»Wer?«

»Keine Ahnung. Einfach … Einer hatte einen Hoodie an.«

Sie wollte ihn fragen, ob es Schwarze oder Weiße gewesen waren. Stattdessen fragte sie: »Können Sie sie besser beschreiben?«

»Sie haben mich in eine Gasse gezerrt«, sagte Martin. »Es war dunkel. Als Nächstes …« Seine nicht verbundene Hand bewegte sich. »… bin ich hier aufgewacht.«

»Sind Sie ausgeraubt worden? Hat die Polizei es aufgenommen?«

»Nein. Keine Ahnung. Ich hab niemanden gesehen.«

»Gut, ich frage bei der Polizei mal nach, ob es einen Bericht gibt. Vielleicht hat jemand etwas gesehen. Bis dahin, soll ich jemanden anrufen? Ihre Eltern vielleicht?« In den Unterlagen für die Gruppentherapie hatte Martin nur eine einzige Notfallnummer angegeben, die seiner Eltern in Minnesota.

»Bitte«, sagte Martin. »Nicht.«

Damit hatte sie gerechnet. Es war zu einem Bruch mit seiner Familie gekommen, über den er sich ansonsten ausgeschwiegen hatte.

»Gibt es hier jemanden, den wir anrufen können?«

Er rührte sich nicht. Vielleicht starrte er sie ungläubig an; es war schwer zu sagen.

»Na schön.« So langsam wurde das hier frustrierend. »Was ist mit Ihrem Arbeitgeber?«

Wieder bewegte er die Hand, diesmal wohl abwinkend. Er schien noch etwas auf dem Herzen zu haben.

»Sie können es mir ruhig sagen.«

»Glauben Sie mir?«, fragte er.

»Natürlich glaube ich Ihnen.«

»Nein. Das mit der Brille. Was ich sehe. Glauben Sie mir, was ich sehe?«

Bei ihrem ersten Einzelgespräch hatte er ihr erzählt, seine größte Angst wäre, verrückt zu werden. Jan sagte: »Wie ich schon sagte, Martin – ich glaube Ihnen.«

»Aber wieso?« Er klang gequält. »Ich meine, Harrison ist mir klar. Der hat so was schon gesehen. Aber Sie doch nicht. Sie haben nicht mal Fragen gestellt.«

»Das muss ich auch nicht.« Später sollte Jan bereuen, dass sie ihm nicht erklärte hatte, warum sie seine »Halluzinationen« nicht infrage stellte, aber in diesem Moment dachte sie, dass es sich ungünstig auf die Therapie auswirken würde. »Es werden immer wieder Sichtungen dieser Wächter berichtet«, sagte sie. »Ich weiß, dass Sie sich das nicht ausgedacht haben.«

»Gut.« Dann: »Wissen Sie, was ein Bosskampf ist?«

Jan schüttelte den Kopf.

»Das ist so eine Sache bei Computerspielen. Am Ende muss man immer mit einem Boss kämpfen. Aber bevor man dorthin kommt, muss man erst diese ganzen … Schergen aus dem Weg räumen.«

»Verstehe …«

»Ich rede von Greta.«

Jans Magen zog sich zusammen. Selbst vom Krankenhausbett aus wollte Martin sie noch gegen Greta aufbringen.

»Die Leute, die mich angegriffen haben, waren keine Straßenräuber. Die haben auf ihren Befehl gehandelt.«

»Auf Gretas

»Sie war dort. In der Kneipe, vor der sie mich angegriffen haben. Sie war da mit Harrison. Die haben Händchen gehalten.«

»Martin, sind Sie den beiden etwa nachgegangen?«

»Diese Frau hat gesagt: ›Wehe, du siehst sie an.‹«

»Unter den Angreifern war eine Frau? Und Sie meinen, die haben von Greta gesprochen?«

»Das sind ihre Schergen. Die beschützen sie. Und jetzt werden sie kommen und mir den Rest geben.«

»Das wissen Sie nicht.«

»Sehen Sie?« Es klang wie schehen schie. »Sie glauben mir nicht.«

»Sie haben mich anrufen lassen, weil Sie meine Hilfe möchten«, sagte Jan. »Ich werde tun, was ich kann.«

»Killen Sie das Bossmonster.«

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Das kommt überhaupt nicht infrage.«

»Hab ich auch nicht erwartet.« Plötzlich wirkte er erschöpft. »Besorgen Sie mir einfach meine Brille. Wenn die kommen, will ich sie sehen.«

***

Jan machte einen auf strenge Frau Doktor und zwang das Personal, nach Martins Sachen zu suchen, bis sie gefunden waren. Die Plastiktüte enthielt Martins Kleidung (blutig, zerrissen), Schuhe (in Ordnung) und Rucksack (voll mit Kabeln, Akkus und einem Tablet, in der Innentasche mit Reißverschluss steckten 19 Dollar, wie sie ungeniert nachzählte) – nur die Brille fehlte.

Was das Personal in Sachen Polizei zu sagen hatte, war noch mysteriöser; die Cops sollten »jetzt jeden Moment« eintrudeln. Jan setzte sich auf den Flur, um zu warten, bis sie kamen oder bis Martin entlassen wurde; wenn er allein mit den Cops sprach, würden die sie eh über kurz oder lang anrufen.

Er war nicht verrückt, das wusste sie. Dass seine Erlebnisse wirklich stattgefunden hatten, bezweifelte sie nicht im mindesten. Nur traute sie seinen Schlussfolgerungen nicht.

Jan hatte die Kontaktdaten sämtlicher Gruppenmitglieder in ihr Handy eingetragen. Von Greta besaß sie nur eine Nummer, ebenfalls mobil. Sie drückte auf Anrufen und kämpfte bei jedem Piepen gegen den Drang an, wieder aufzulegen. Was sollte sie Greta fragen – ob sie »Schläger« hatte, die ihr den Rücken deckten?

Nach einer halben Minute teilte ihr eine Automatenstimme mit, dass für diese Nummer keine Voicemail eingerichtet war. Vielleicht handelte es sich ja auch gar nicht um Gretas richtige Nummer; Jan hatte sie gerade zum ersten Mal gewählt.

Sie starrte eine Weile auf das Display, dann suchte sie einen anderen Kontakt. Nach dreimal Klingeln fragte eine Stimme: »Dr. Sayer?«

»Harrison. Tut mir leid, dass ich so spät noch anrufe.«

»Nein, nein, ist schon in Ordnung.« Er klang verblüffend wach. Sie hatte sich oft gefragt, was er mit seiner Zeit anfing. Auf seinem Klientenbogen hatte er unter Beruf scherzhaft eingetragen, er wäre professioneller »Albtraumist«. Dann hatte er erklärt, im Ruhestand zu sein. Sie hatte wissen wollen, was das hieß, wo er doch erst sechsunddreißig war. Ob er so ein Internetmillionär war? Er hatte geantwortet: »Es heißt, ich habe aufgehört, das zu machen, was ich bisher gemacht habe, und mich noch nicht entschieden, ob ich irgendwas anderes machen werde.«

Er fragte: »Stimmt irgendwas nicht?«

Jan erzählte ihm, dass Martin nur wenigen Querstraßen von The Elms entfernt von mehreren Personen überfallen worden war.

»Heilige Scheiße«, sagte Harrison. »Martin ist überfallen worden?«

»Er wird noch geröntgt, auf eventuelle weitere Knochenbrüche. Seine eine Hand ist wohl gebrochen.«

»Das ist ja furchtbar.« Harrison klang wirklich aufgewühlt. »Richten Sie ihm gute Besserung aus.« Nach einer Pause fragte er: »Wo ist das passiert?« In seiner Stimme lag ein neuer Unterton.

»In der Fourth gibt es einen Irish Pub. Es war gleich nach der Gruppe gestern Abend. Heute Nacht.«

Einen Moment lang war es still in der Leitung. Dann: »Deshalb rufen Sie an.«

»Ja.«

»Ich war dort. Mit Greta.«

»Haben Sie irgendwas gesehen? Oder gehört vielleicht?«

Aber Harrison hatte nichts mitbekommen, auch nicht nach dem Verlassen des Pubs. Er stellte Jan Fragen, teilweise dieselben, die sie auch Martin gestellt hatte, und ihre Antworten waren ebenso vage. Von Martins Schergen-Theorie erwähnte sie nichts.

»Ich versuche, Greta zu erreichen«, wechselte sie das Thema. »Sie geht nicht ran.«

Nach kurzem Zögern fragte er: »Wieso schreiben Sie ihr nicht? Nur alte Leute rufen einander an.«

»Aber Sie sind doch rangegangen.«

»Genau«, sagte er. »Hören Sie, ich probiere es selbst einmal. Soll ich ihr irgendwas ausrichten?«

»Bitten Sie sie nur einfach, dass sie mich anruft.«

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 6 wird am 18. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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