Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (4/11)


Während der letzten Sitzung der Therapiegruppe hat Martin schwere Vorwürfe gegen Greta erhoben. Als er beschließt, ihr auf eigene Faust nachzuspüren, kommt es zur Katastrophe.

***

Kapitel 4

Ein Treffen ums andere waren wir supervorsichtig mit ihr gewesen, weil wir davon ausgingen, dass sie in der Gruppe die Verletzlichste war. Ihr Schweigen deutete für uns auf eine große Wunde hin, die sich nur mit der Zeit und mit unserer Unterstützung schließen würde. Darum redeten in den ersten Monaten immer nur wir anderen, erzählten unsere Geschichten, arbeiteten an unseren »Themen« und umkreisten dabei die große Leere namens Greta. Wir waren stillschweigend übereingekommen, auf sie zu warten. Ihr Zeit zu lassen, bis sie uns vertraute. Und keine plötzlichen Aktionen zu machen.

Wir kamen gar nicht auf die Idee, dass wir mit dem Nachhaken bei Martin die plötzlichste Aktion überhaupt machten. Von der einen Minute zur anderen war sie geoutet. Nun, so glaubten wir, würden wir endlich die Geschichte ihrer Narben erfahren.

Da stand sie auf und verließ den Raum.

Jan ging ihr nach, konnte sie aber nicht überzeugen, wieder reinzukommen. Das Treffen endete peinlich, weil wir uns alle ins Schweigen zurückzogen. Martin war eindeutig immer noch aufgewühlt, wollte aber nicht mehr sagen.

In der darauffolgenden Woche war er immer noch aufgewühlt. Wie konnte er den anderen vermitteln, was er in Greta sah? Sie brannte, strahlte Wärme ab. Trotzdem kam sie in den Raum und setzte sich wie immer auf ihren Platz. Dann fing die Gruppe an, und sie saß dort, als wäre sie genauso wie die anderen. Als würde nichts, was er gesagt hatte, eine Rolle spielen.

Nach zehn Minuten hielt er es nicht länger aus.

»Raus mit der Sprache. Sag uns, was du bist.«

Greta schwieg.

»Du kannst doch nicht einfach dasitzen!«

Jan beugte sich vor. »Jeder von uns entscheidet selbst darüber, wie viel er oder sie wann offenbaren möchte.« Er verstand das als verschleierte Anspielung auf das, was er noch nicht mit der Gruppe geteilt hatte; bloß war das ungerecht, Greta verbarg etwas viel Schlimmeres. »Nur auf diese Weise kann die Gruppe funktionieren.«

Greta sah auf, als wollte sie doch anfangen, dann schüttelte sie den Kopf. »Ich erzähle es euch, versprochen. Aber nicht jetzt.«

»Wir haben noch achtundsiebzig Minuten«, sagte Martin. Rechts oben in seiner Brille war eine Uhr eingeblendet.

»Es geht nicht darum, wie viel Zeit noch übrig ist.« Harrisons Tonfall war wie immer abfällig. Er hatte ihn noch nie leiden können, das war Martin klar. »Nimm die Brille ab. Wenn du sie als Monster siehst, dann nimmst du sie nicht als Mensch wahr.«

»Boah, wie tiefgründig«, ätzte Martin.

Barbara sagte: »Martin, niemand greift dich an.«

»Er schon. Er will das mir zuschieben.« Martin setzte sich und verschränkte die Arme vor der Brust, damit seine Hände aufhörten zu zittern. »Funktioniert die Gruppe so, Jan?«

Dr. Sayer betrachtete ihn mit diesem distanzierten, professionellen Blick. Sie beobachtete alle von der anderen Seite der Scheibe aus und analysierte sie. Nicht zum ersten Mal fragte Martin sich, wozu sie diese Freaks um sich geschart hatte. Machte es ihr Spaß, diese Geistergeschichten aus ihnen herauszukitzeln? Kein normaler Therapeut konnte diesen verrückten Scheiß glauben, den sie ihr erzählten, also ging es wahrscheinlich um etwas anderes. Bestimmt schrieb sie ein Buch über die Gruppe. Oder sie sammelte Belege für die Beschreibung einer neuen psychiatrischen Erkrankung: die wahnhafte Überzeugung, Opfer paranormaler Bedrohung zu sein. Eigentlich sollte sie ihnen was zahlen. (Nicht dass er mit seinen Zahlungen immer auf dem Laufenden war. Zuletzt hatte er die Schecks zurückhalten müssen.)

»Also, wie sieht’s aus?«, fragte Martin. »Beziehen Sie jetzt Position oder nicht?«

»Mir ist nicht ganz klar, worauf Sie hinauswollen.«

»Ganz einfach. Sie sind die Ärztin. Sie sollen machen, was für Ihre Patienten am besten ist. Also müssen Sie jetzt Position beziehen. Wollen Sie uns beschützen oder … sie

Jan zögerte, und Martin fügte hinzu: »Außer Sie glauben, ich bilde mir das alles nur ein.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie beschreiben ehrlich, was Sie durch die Brille sehen. Aber Greta ist ebenfalls –«

»Gib sie mir kurz«, sagte Stan. »Ich guck mal.«

»Lass sie ausreden«, mischte Harrison sich ein.

»Sie weiß, dass sie eine Gefahr darstellt«, wandte Martin sich an Dr. Sayer. »Also hören wir auf zu reden und unternehmen was.« Er sah Harrison an. »Du bist der große Monsterjäger. Willst du hier einfach bloß rumsitzen?«

»Greta ist nicht dein Problem«, erwiderte Harrison.

Jan sagte: »Martin, Sie haben Greta gleich am ersten Tag gesehen. War sie da auch ein Monster?«

»Können wir bitte aufhören, dieses Wort zu benutzen?«, fragte Barbara.

»Herrgott«, ächzte Martin leise. Dann wandte er sich an Jan: »Ja. War sie.«

»Trotzdem sind Sie nicht gegangen. Sie sind jede Woche wiedergekommen. Sie haben hier mit ihr im selben Raum gesessen, zwei Meter von ihr entfernt. Das interessiert mich. Wollen Sie mehr darüber erzählen?«

Nun war ihm alles klar; mit der möglichen Ausnahme von Stan wollte niemand über die Wahrheit reden. Der Alte schien durchaus bereit, ihm zu glauben, Barbara dagegen wollte nur, dass der Konflikt endete. Harrison war auf Gretas Seite, weil er ihr an die Wäsche wollte. Und Dr. Sayer machte das Ganze lieber zu Martins Problem, anstatt sich mit dem beschissenen echten Monster im Raum zu beschäftigen. In der Gruppe war es kein bisschen anders als draußen.

Martin stand auf. »Wenn sie nicht den Mund aufmacht«, sagte er mit beißendem Spott, »dann gibt es auch nichts zu erzählen

***

Es fühlte sich gut an, diesmal derjenige zu sein, der rausmarschierte. Vor der Haustür blieb er stehen. Niemand hatte ihn gerufen. Niemand lief ihm nach.

Scheiß drauf.

Er war schon ein paar Meter den Gehweg runtergestapft, als ihm klarwurde, dass er sich gar nicht nach Echsen umgesehen hatte – beziehungsweise nach Wächtern. Er blieb stehen, wandte sich um. Es war schon fast dunkel, und niemand befand sich in der Nähe, auch keine andersweltlichen Kreaturen, soweit er das wahrnehmen konnte. Die Spuren ihrer Bewegungen waren jedoch überall: Blauschwarze Streifen zogen sich über die Gehwege und Straßen (er hatte sein Display entsprechend eingestellt; nach Sonnenuntergang würden sie silbrig pulsieren). Es waren richtig viele, mehr als in anderen Teilen der Stadt. Sie interessierten sich für The Elms, das hatte er gleich gemerkt, als er das erste Mal hier draußen gewesen war. Er hatte sich sogar der Vorstellung hingegeben, dass diese Dr. Sayer selbst Deadtown zockte, aber nach einem Blick auf sie stand fest, nein, die hatte noch nie eine Brille aufgehabt.

Sein Bus sollte in zehn Minuten kommen, wobei die Haltestelle zwei Querstraßen entfernt war. Laut Nahverkehrs-App – und bisher spukte, geisterte oder pfuschte Deadtown nicht in ihr herum; jedenfalls soweit er das sagen konnte – gab es keine Verspätungen. Trotzdem hatte er es nicht eilig. Sondern ging ein Stück die Straße runter, wo er die Haustür im Blick hatte, und wartete.

Harrison und Greta kamen als Erste raus, und zwar zusammen. Martin schaute zu, wie sie in ein Gespräch vertieft weitergingen. Hinter Greta schien die Luft zu flimmern wie Hitze über einem Highway. Harrison blieb neben seinem Auto stehen, einem schimmernden BMW-Coupé, der teurer war als alles, was Martin sich je hatte leisten können. Sie wechselten ein paar Worte. Greta zuckte die Achseln. Dann gingen sie weiter den Gehweg entlang.

Sieh an, dachte Martin. Ein Date.

Jan hatte ihnen nicht verboten, sich außerhalb der Gruppe zu treffen. Das passierte sowieso, hatte sie gesagt, wozu es also reglementieren? Sie hatte allerdings gebeten, in diesem Fall der Gruppe davon zu erzählen. Alles, was unter Gruppenmitgliedern passierte, konnte die gemeinsame Arbeit befördern. Geheime Allianzen hingegen, hatte die Ärztin gesagt, torpedierten sie vielleicht.

Martin schaute zu, wie die beiden weggingen und die Luft hinter ihnen flirrend das Licht beugte wie Strandscherben. Selbst nachdem sie um die Ecke gebogen waren, hielt der Effekt an. Martin blieb noch eine Weile stehen, weil ihm sein Bus inzwischen egal war, und nach zehn Minuten war die Verzerrung noch immer zu sehen. Er fragte sich, wie lange sie andauern würde – Stunden? Tage? Was war Greta? Sie durchschnitt die Welt wie ein Messer, und die Narben, die sie hinterließ, waren deutlich tiefer als die der Wächter.

***

Die Wohnungstür war noch immer mit Polizeiband abgesperrt. Da er nicht wusste, ob der Vermieter die Schlösser ausgetauscht hatte, war er entsprechend erleichtert, als sein Schlüssel noch passte. Aber wieso auch nicht? Schließlich lief der Mietvertrag noch. Er war kein Krimineller. Nicht mal ein Verdächtiger. Er stieß die Tür auf, schlüpfte unter dem Absperrband hindurch und machte leise hinter sich zu.

Das Wohnzimmer lag dunkel da. Zum Glück waren irgendwelche Flecken auf dem Teppich nicht zu sehen.

Man konnte seine drei Mitbewohner und ihn kaum als enge Freunde bezeichnen. Sie waren vor allem Geschäftspartner gewesen: online zusammengebracht durch die Mischmeister von Craigslist, um sich die Miete zu teilen, mehr nicht. In der Brille hatte er sie alle als »Dave« getaggt. Dass einer von ihnen weiß war und die anderen beiden ostasiatisch, unterschied sie weniger als ihr jeweiliger Geschmack in Sachen Spielsystemen. Der eine Dave hing ständig an der Konsole, der zweite stand auf Handhelds und spielte altes DS-Zeug, der dritte bevorzugte Indie-Brettspiele mit Namen wie Push Fight und Zug um Zug. Martin spielte sich als Einziger durch die experimentellen Sachen. Klar, sie probierten seine Brille aus, aber dem einen Dave wurde schlecht davon, und sie qualifizierten die Technik als »unausgereift« ab.

Er versuchte, ihnen von Deadtown zu erzählen, doch sie waren nicht interessiert. Als diese anderen Wesen das Spiel infiltrierten, behielt er diese Info für sich. Dass er sich in seinem Zimmer einschloss und tagelang nicht mit den Daves redete, war ihnen egal. Solange er seinen Mietanteil bezahlte, konnte er tun und lassen, was er wollte.

Und als er vor ein paar Monaten aus der Wohnung geflohen war und dem Hundemann gesagt hatte, dass er sich nehmen konnte, was er wollte, hatte er keinen zweiten Gedanken an die Daves verschwendet.

Die Lämpchen der Ladegeräte sagten ihm, dass der Strom noch nicht abgestellt war, doch er machte kein Licht. Besser, der Hausmeister bekam nichts mit. Er tastete sich zu seinem Zimmer durch, öffnete die Tür und benutzte sein Handy als Taschenlampe.

Langsam atmete er aus. Hier drin war der Hundemann offensichtlich nicht gewesen.

Martin machte sich daran, seinen Rucksack zu füllen. Er stopfte Kleidung hinein, seine externen Festplatten, die Sony-PSP, die Schachtel mit Arduino-Chips. Dann ging er auf die Knie, zog mit einem Ruck die Verkleidung des Baukasten-PCs ab und riss Festplatte, Motherboard und Grafikkarte heraus. Die beiden Letzteren waren die teuersten Bauteile und ließen sich hoffentlich verkaufen. Für die Opfer von Verbrechen gab es ja vielleicht finanzielle Unterstützung, nicht aber für Mitbewohner eines Tatorts. Dass er jetzt obdachlos war, interessierte keine Sau. Seine Ersparnisse waren futsch und seine Kreditkarte am ohnehin nicht hohen Limit. Er musste erst einmal alles Brauchbare zu Geld machen und es sich später vielleicht neu kaufen. Dass ihm die Obdachlosenunterkünfte Angst machten, wusste er inzwischen, und auf der Straße zu schlafen, war der reine Horror.

Er sah sich noch ein letztes Mal um. Sein Rucksack quoll bereits über, aber falls der Hauseigentümer keinen Nachmieter fand, konnte er sich ja später vielleicht erneut reinschleichen.

Und was heute Nacht betraf …

Er wollte hier nicht schlafen. Bloß wusste er nicht, wo er sonst hinsollte. Er schloss die Tür und klemmte seinen Schreibtischstuhl unter den Knauf. Vor dem Hundemann brauchte er keine Angst zu haben. Der war noch in der Wohnung verhaftet worden. Hatte nicht mal versucht, abzuhauen. Aber da draußen gab es noch andere Leute, die sich etwas einflüstern ließen.

Martin hätte den Wächtern nicht sagen sollen, dass sie das Zimmer haben konnten. Hätte sie nicht einladen sollen. Er lag auf dem Rücken und behielt das Fenster im Blick. Hoffentlich hatten sie nichts von seiner Rückkehr mitbekommen.

***

Beim nächsten Treffen saß Martin auf seinem üblichen Platz und wartete. Stan beklagte sich über Pflegekräfte, die im ersten Stock seines Hauses, den er nicht mehr benutzte, herumschlichen und dort seine Sachen durchgingen und nach Wertgegenständen suchten. Dann erzählte Barbara von einer Wohnung, zu der sie abends fuhr, um dort zu fotografieren oder zu malen oder so. Diese Leute hatten Wohnraum ohne Ende. Harrison hielt sich wahrscheinlich an beiden Küsten jeweils ein Sommerhaus.

Greta saß wieder nur da und schwieg.

»Ich weiß, wie sinnlos das klingt«, sagte Barbara gerade. »Und dass es zu Hause bei meinem Mann sicherer wäre. Wir haben eine erstklassige Alarmanlage. Aber trotzdem fühle ich mich nur im Atelier sicher.«

»Sicher wovor?«, fragte Jan.

»Vor dem Scrimshander«, sagte Barbara.

»Der ist doch tot.« Greta sah zu Harrison. »Steht in den Büchern. Lub hat ihm eine Harpune durchs Herz gestochen.«

Barbara wirkte erschüttert. »Ist das wahr?«

»Man kann dem, was in den Büchern steht, nicht trauen«, sagte Harrison.

»Amen«, sagte Stan.

»Aber in diesem Fall«, fuhr Harrison fort. »Ja, er ist tot. Ich war selbst dabei. Und es war keine Harpune durchs Herz – das ist die jugendfreie Fassung. Wir haben ihm den Kopf abgetrennt und verbrannt.«

»Aber er ist kein Mensch«, beharrte Barbara. »Er könnte zurückkommen.«

»Das hättest du wohl gern«, sagte Stan.

»Ganz bestimmt nicht!«

»Nicht, dass er wirklich zurückkommt«, sagte der alte Mann. »Nur dass das Warten ein Ende hat. Ich warte die ganze Zeit. Manchmal denke ich, ich bin immer noch da oben in den Netzen, und der Junge fährt mir mit den Fingern durch die Haare, während ich darauf warte, dass die Weavers mich für die nächste Behandlung runterholen.«

»Stan«, sagte Harrison. »Lass Barbara ausreden.«

Barbara starrte geradeaus – in Gretas Richtung, aber Martin glaubte nicht, dass sie irgendjemanden im Raum wahrnahm. »Er hat Bilder in mich reingeschnitzt. Das Letzte, was er zu mir gesagt hat, war: ›Ich hab dir eine Nachricht hinterlassen.‹« Sie atmete bebend aus und schien zu sich zu kommen. »Aber wenn er tot ist, wer verrrät mir dann, was er gezeichnet hat?«

»Was ist mit Röntgenbildern?«, fragte Harrison. »Oder mit MRTs?«

»Röntgenbilder zeigen nicht die Oberfläche der Knochen«, sagte Barbara. »MRTs funktionieren auch nicht. Ultraschall schafft es fast, aber die Striche sind zu dünn.«

Niemandem fiel noch etwas ein. Greta schwieg – was sonst.

Dann sagte Jan: »Erzählen Sie uns noch mehr von der Wohnung, Barbara. Was meinen Sie, warum Sie sich dort sicherer fühlen?«

Barbara fing an, von einer Badewanne zu erzählen. Martin beobachtete die Uhr auf dem Display seiner Brille und fragte sich, wann sie endlich über Greta reden würden. Sie glühte am Rand seines Blickfelds. Er hatte das Gefühl, schreien zu müssen. Dann nahm er die Brille ab.

Barbara hörte auf zu reden. Er war auf seinem Stuhl zusammengezuckt und hatte laut mit den Füßen über den Boden gescharrt.

»Entschuldigung.« Er setzte die Brille wieder auf.

»Was war denn?«, fragte Jan.

Nach dem Abnehmen der Brille hatte er Greta angeschaut, und sie hatte immer noch geglüht. Das war eigentlich unmöglich.

Jan sagte: »Ich hatte den Eindruck, dass Sie etwas sagen wollten, Martin. Wollten Sie Barbara etwas sagen?«

Ihr nicht, dachte er. »Bitte. Macht weiter.«

»Ist schon gut.« Barbara lächelte. »Sag, was dir durch den Kopf geht.«

Dieser kurze Blick auf Gretas wahre Natur, ohne den Filter der Software, hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt. Erst nach einem Moment wurde ihm klar, dass dies die Gelegenheit zu reden war, auf die er gewartet hatte.

»Ich habe das Gefühl, über uns wird gerichtet.« Diesen Satz hatte er sich schon vor einer Weile zurechtgelegt. Das »uns« war strategisch platziert. Hier ging es nicht um ihn, sagte er damit, sondern um einen Angriff auf die Gruppe.

»Meinen Sie mich?«, fragte Jan. Ihr Tonfall ließ die Frage ernst gemeint klingen und in keiner Weise defensiv.

Er nickte in Gretas Richtung.

»Wie jetzt? Ich?«, fragte Greta.

»Du kannst nicht Woche für Woche kommen und nichts sagen«, erklärte Martin. »Du hörst uns zu, aber du hältst dich total bedeckt.«

»Du bist immer noch sauer wegen letzter Woche«, sagte Harrison.

Martin wollte es abstreiten, entschied sich dann jedoch anders: »Ja! Ja, bin ich. Alle tun so, als wäre nichts passiert.«

»Sie ist kein Monster«, sagte Harrison. »Diese Narben …«

»Dann soll sie es beweisen. Uns etwas erzählen. Irgendwas. Ein paar Karten auf den Tisch legen.«

»Ich sitze hier vor euch«, sagte Greta leise. »Bitte hört auf, in der dritten Person über mich zu reden.«

Martin konnte sie noch immer nicht direkt anschauen. Das Monster brannte in ihr, Hitze wallte aus ihrem Mund, ihren Augen. Ein Basilisk.

»Ich möchte lieber nicht«, erklärte sie.

»Du kannst dich nicht ständig vor uns verstecken«, sagte Martin.

»Will ich auch gar nicht. Ich … kann nur nicht. Nicht jetzt gleich.«

»Das sagst du ständig.« Martin nickte zu Harrison. »Aber mit ihm redest du schon, stimmt‘s?«

»Wie bitte?«, fragte Harrison.

Jan fragte: »Hat noch jemand eine Meinung zu Gretas Beteiligung an der Gruppe?«

Niemand sagte etwas. Die Stille zog sich hin.

***

Wieder verließen Harrison und Greta das Gebäude zusammen. Diesmal blieben sie nicht erst bei seinem Wagen stehen, sondern schlenderten gleich weiter den Gehweg entlang, dicht nebeneinander, so dass sich ihre Schultern fast berührten. Vertraut.

Martin sah von der anderen Straßenseite aus zu, setzte sich jedoch erst in Bewegung, als sie um die Ecke bogen. Er brauchte ihnen nicht dichtauf zu folgen. Er hatte die Brille auf Gretas Frequenz eingestellt, und ihre Spur stand so deutlich in der Luft wie die Lichtmauer eines Tron-Bikes.

Er folgte dem schimmernden Rückstand des Monsters zwei Querstraßen weit und dann durch einen kleinen Park. Die beiden befanden sich weit vor ihm. Sie überquerten die Straßen und betraten einen Irish Pub mit einer großen Fensterfront. Harrison hielt ihr die Tür auf.

Es wurde dunkel, und die Straßenlaternen gingen brummend an. Martin trat in den Eingang eines geschlossenen Schreibwarenladens, der dem Pub schräg gegenüberlag und vielleicht zehn Meter entfernt war. Er wartete und dachte an Schleich-Shooter wie Gunpoint und Metal Gear Solid. Schade, dass die Brille kein rotes Ausrufezeichen über seinem Kopf anzeigte, wenn er entdeckt wurde.

Nach einigen Minuten wurde seine Geduld belohnt. Harrison und Greta nahmen einen Tisch in Fensternähe, der ausgeleuchtet war wie im Fernsehen. Sie neigten sich einander zu und unterhielten sich ernsthaft. Anscheinend waren sie die einzigen Gäste.

Greta brannte, und Martin konnte sie kaum ansehen. Stattdessen behielt er Harrison im Blick und versuchte, aus jedem Gesichtsausdruck schlau zu werden. Dieses Lächeln; flirtete er mit ihr? Oder hatte er einen Witz gemacht? Dann sprang Harrison auf und kehrte mit ihren Getränken zurück. Als er wieder Platz nahm, saß er leicht vom Fenster abgewandt.

Martin trat aus dem Eingang und bewegte sich näher an die Kneipe heran, hielt sich aber dicht an der Backsteinmauer des Gebäudes. Er bezog eine neue Position an der Mündung einer schmalen Gasse. Außer ihren Spiegelbildern konnten die beiden wahrscheinlich nicht viel sehen; wenn er sich im Schatten hielt, sollte er für sie unsichtbar bleiben. Er beobachtete sie zehn, fünfzehn Minuten lang und zeichnete jede Sekunde für eine spätere Analyse auf. Leider gab es seines Wissens keine App, die aus den Lippenbewegungen auf Videos das Gesprochene herauslas. HAL 9000 war zwar längst überfällig, aber immer noch Zukunftsmusik.

Harrison griff über den Tisch und legte seine Hand auf ihre Hände. Als Greta sie wegzog, hätte Martin fast gelacht.

»He«, sagte hinter ihm jemand. »Perverse Sau.«

Er wandte sich um und bekam einen Faustschlag in die Kehle. Würgend ging er auf die Knie. Ein Stiefel erwischte ihn unter den Rippen und verschlug ihm den Atem. Panisch feuerte sein Gehirn. Wächter, dachte er. Nun doch.

Irrtum. Das waren keine Echsen, sondern Menschen in spitzen Schuhen und dunkler Kleidung, auch wenn er nicht erkennen konnte, wie viele es waren. Zwei, drei? Er hob den Kopf, und ihm krachte etwas Hartes ins Gesicht. Der Schmerz machte ihn blind.

»Wage es ja nicht, sie auch nur anzusehen«, sagte jemand. Eine Frau.

Er lag auf dem Gehweg und versuchte sich zu einer Kugel zusammenzurollen. Sie traten ihn, und nun schienen es Dutzende zu sein, die von allen Seiten kamen. Er konnte sich nicht verteidigen. Er bekam keine Luft. Und die Brille – o Gott, sie hatten ihm die Brille heruntergerissen. Er war schutzlos.

Dann hörten die Tritte auf. Er versuchte etwas zu sagen, doch sein Mund gehorchte ihm nicht. Vielleicht waren sie jetzt mit ihm fertig?

Er wandte den Kopf und sah ein dunkelhaariges Mädchen, das zuschaute. Sie war zehn oder elf Jahre alt und trug Jeans und eine rosa Jacke. Was mit ihm passierte, machte ihr offenbar keine Angst. Sie wirkte … interessiert. Hätte er seine Brille aufgehabt, wäre er vielleicht auf die Idee gekommen, dass sie von der Spielsoftware generiert worden war.

Dann wurde er an den Armen gepackt, und sie zerrten ihn rückwärts über das Pflaster. Kurz waren Gesichter zu sehen, die durch Laternenlicht und Schatten zu Raubvogelvisagen gerendert wurden. Dann schleiften sie in tiefer in die Gasse, auch von diesem Licht noch fort.

Da wurde ihm klar, dass sie noch nicht mit ihm fertig waren. Noch lange nicht.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 5 wird am 15. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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