Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (3/11)


So schnell dürfte eine Therapiegruppe, die aus Opfern übernatürlicher Gewaltverbrechen besteht, eigentlich nichts umhauen. Doch als Martin anfängt auszupacken, verschlägt es sogar seinen abgebrühtesten Leidensgenossen die Sprache.

***

Kapitel 3

Wir waren jedes Mal überrascht, wenn Stan es wieder zu einem Treffen schaffte. Gut, er klopfte vielleicht noch nicht beim Tod an die Tür, aber die Rampe zu ihr schien er bereits hinaufzurollen, so wie er in seine Maske röchelte und seine Sammlung versagender Organe durch die Gegend schleppte. Nach einigen Monaten wussten wir alles über seine Behinderungen und Gebrechen, seine Medikamente und ihre Nebenwirkungen, seinen fortwährenden Kampf mit inkompetenten Ärzten, herzlosen Schwestern und korrupten Versicherungsangestellten. Der medizinisch-industrielle Komplex war in seinen Worten ein gottverfluchter Drecksladen, und dass er überhaupt noch lebte, ein Wunder.

Trotzdem schaffte er es nicht nur jede Woche raus nach The Elms, sondern er kam auch noch früh.

Der Gruppe gegenüber prahlte er, dass er dem Fahrdienst weisgemacht hatte, die Treffen würden eine halbe Stunde früher anfangen. Jede Woche holte ihn derselbe klugscheißerische junge Kerl ab. Klopfte an, anstatt die Klingel zu benutzen, und kam, wenn Stan nicht schnell genug war, einfach rein. Dann stand er da, zog hinter diesem beknackten Holzfällerbart Fratzen und rümpfte die Nase über das Haus, in dem Stan seit vierzig Jahren lebte. »Wie zum Teufel kann ein Mensch ohne Hände ein Messie sein?«, fragte er einmal. Er stieß oder trat Stans Sachen beiseite, als wären sie Abfall, und manchmal, das war sogar noch schlimmer, hob er etwas hoch, als wollte er seinen Wert abschätzen.

»Wozu haben Sie eine Pistole?«, fragte er. Es handelte sich um einen 357er Polizeirevolver, brandneu und noch originalverpackt. Stan hatte ihn auf eBay gefunden.

»Geht Sie einen Scheißdreck an«, sagte er. Er besaß noch einiges mehr als einen 357er, aber das brauchte der Bursche ja nicht zu wissen.

»Wie wollen Sie denn abdrücken?«

»Mund halten«, sagte Stan. »Wir sind spät dran.«

Irgendwo im Haus waren seine Prothesen. Er hatte ein Dutzend Sorten ausprobiert und es vor zwanzig Jahren dann aufgegeben. Mit den Hightech-Roboter-Teilen der Soldaten heutzutage hatten diese nichts zu tun; es waren altmodische Haken, fleischfarbene Puppenhände und Schuhe zum Anschnallen – echtes Piratenmaterial. Höllisch unbequem.

Heutzutage mietete er Hände: Tagschwestern, Putzkräfte und ehrenamtliche Lieferanten von Essen auf Rädern. Die Neuen schlugen ihm immer vor, in eine betreute Wohnanlage zu ziehen. Sie taten es kein zweites Mal. Ich hab von Resten gelebt!, erklärte er ihnen. Monatelang! Und da bilden Sie sich ein, Sie können mich in ein gottverdammtes Gefängnis stecken?

Doch, eine anständige Schimpfkanonade bekam er immer noch hin. Die Jungen kamen nicht wieder, sobald er sie das erste Mal zum Flennen gebracht hatte, und das war auch besser so. Er konnte Heulsusen nicht ausstehen. Er erkannte alle möglichen üblen Kunden auf den ersten Blick: den Dieb, den Arbeitsscheuen, den Handyglotzer, den Schwachkopf. Normalerweise brauchte es nicht mehr als einen Anruf, damit sie woanders eingesetzt wurden, und wenn das nicht klappte, sorgte er eben dafür, dass sie schnellstmöglich hinwarfen. Sie hielten ihn für alt und wehrlos.

An den Blicken der Gruppe konnte er das auch ablesen. Na ja, an den meisten Blicken. Der Jüngste, Martin, wollte immer noch nicht die Sonnenbrille abnehmen. Das würde er bei Dr. Sayer noch mal zu Sprache bringen, bevor das Treffen anfing.

Als ältestes Gruppenmitglied hielt er es für sinnvoll, vor Beginn mit der Ärztin zu konferieren und sich darüber auszutauschen, wie es mit der Therapie voranging. Oft kam sie erst genau zu Beginn die Treppe herunter, so dass ihnen keine Zeit zum Reden blieb, aber in manchen Wochen konnte er ein paar Minuten unter vier Augen mit ihr ergattern.

Heute hatte er Glück. Er hatte den Fahrer angewiesen, mit ihm vor dem Gesprächszimmer zu warten, und Dr. Sayer kam kurz vor sechs die Treppe runter.

Ihr Lächeln war freundlich und ungezwungen. »Wieder früh dran, Stan?«

Bei ihrer ersten Begegnung während des Vorgesprächs hatte dieses Lächeln in seinem Herzen eine Saite zum Klingen gebracht. Es war nicht Begierde (wobei er über diese Gefühle nicht erhaben war, auch wenn er sie nicht ausleben konnte), sondern etwas Zarteres, beinahe Familiäres. In einem anderen Leben hätte sie seine Tochter sein können. Ihre großen grünen Augen blickten ruhig und offen. Sie sah ihn immer direkt an, ohne Ekel. Sah ihn ganz.

»Zwei Minuten vor der Zeit ist die wahre Pünktlichkeit«, sagte er. Bevor sie in den Raum gehen konnte, fragte er sie wegen Martins Brille. War ihr aufgefallen, dass seit dem ersten Treffen niemand mehr das Thema angesprochen hatte? Wochenlang nicht mehr. »Alle haben dermaßen Angst vor einem Konflikt, dass sie es lieber bleibenlassen«, erklärte er.

»Das ist eine gute Beobachtung«, lobte Dr. Sayer. Ihm wurde richtig warm ums Herz. Sicher, dass Konfliktvermeidung ein Grund für das Schweigen war, hatte Barbara ihm gegenüber erwähnt, aber so ähnlich hatte er sich das schon gedacht, also war es auch seine Idee.

»Ich glaube, das sollten Sie in der Gruppe einmal ansprechen«, sagte die Ärztin.

»Dann sagt Martin nur, dass Sie ihm ja erlaubt haben, die Brille aufzubehalten«, erwiderte Stan. So war es ja bei Barbara auch schon gewesen.

»Mag sein«, antwortete die Ärztin. »Aber auch darüber können wir dann reden.«

So wollte sie es haben: Alles musste in der Gruppe passieren. Und vielleicht sollte er diese Beobachtung ja wirklich teilen.

»Ich lass es mir mal durch den Kopf gehen.« Stan winkte mit einem Arm, um die Aufmerksamkeit des Fahrers zu erlangen. »Auf geht‘s.«

Der Kerl rührte sich nicht.

»Bitte rollen Sie mich an meinen Platz«, sagte Stan gleichmütig.

Der Fahrer seufzte. Stan wusste, dass er die Augen verdrehte, weil er vor der Ärztin einen auf erwachsenen Mann machen wollte. Tja, hat sich was, Kleiner.

Er dirigierte den Fahrer an seinen üblichen Platz zwischen den Stühlen, auf denen Harrison und Barbara immer saßen. Barbara mochte er fast so gern wie Dr. Sayer. Er war total froh, dass die Frau sich am ersten Tag neben ihn gesetzt hatte, und noch mehr freute es ihn, dass alle an ihren Plätzen festhielten, als wären sie reserviert. Gott sei Dank hatte Dr. Sayer ihnen keine Teambuilding-Übungen aufgezwungen und sie die Plätze tauschen lassen.

Ein paar Minuten darauf kam Barbara. Stan nahm seine Maske herunter und begrüßte sie. Sie duftete wie eine richtige Frau; nichts Aufdringliches, nur ein Hauch teures Parfum. Er roch sie gern. Manchmal, wenn er etwas Schlimmes oder Trauriges erzählte, tätschelte sie seinen Arm. Dr. Sayer berührte ihn nie, obwohl sie ihn eindeutig mochte.

»Wie geht es dir, Stan?«, fragte Barbara freundlich.

»Ach, kann nicht klagen.« Er erzählte ihr von seinem Augenarzt, der seinen grauen Star operieren wollte. Er konnte nicht mehr so gut sehen wie früher, aber blind war er noch nicht. »Bevor ich mir die Augen machen lassen muss, bin ich längst wegen einem Dutzend anderer Sachen gestorben«, sagte er. Martin und Harrison betraten den Raum. »Mir braucht keiner mehr mit einem Skalpell zu kommen.«

»Ich glaube, das wird heutzutage gelasert«, sagte Harrison. Er trug Jackett und T-Shirt, was für Stan eine lächerliche Kombination war. Entscheide dich, verdammt; trag entweder den kompletten Anzug mit Herrenhemd und Krawatte, oder geh Basketball spielen.

»Auch nur eine andere Art Messer«, entgegnete Stan.

»Lichtschwert«, sagte Martin.

Greta setzte sich auf ihren Platz neben Harrison. Stan war nie dicht genug an Greta rangekommen, um an ihr zu riechen, aber es hätte ihn nicht überrascht, wenn sie ein Männerdeo trug. Sie war höchstwahrscheinlich obdachlos oder eine Lesbe oder eine obdachlose Lesbe. Jedenfalls hasste sie Männer. Jede Woche saß sie ihm gegenüber und brodelte. Bekam kaum den Mund auf. Was zum Geier hatte sie hier zu suchen, wenn sie nicht redete? Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass sie keinen BH trug.

»Wer möchte anfangen?«, fragte Dr. Sayer.

Niemand sagte etwas. Dr. Sayer sah Stan an.

Er riss seinen Blick von Gretas Brüsten los. Was wollte die Ärztin? Ach ja. »Ich möchte noch mal über die Brille reden.«

Martin sah misstrauisch auf.

»Niemand verlangt von dir, dass du sie abnimmst«, beschwichtigte ihn Barbara. »Oder, Stan?«

»Nein.« Jedenfalls jetzt noch nicht.

»Gut«, sagte Martin. »Weil ich das nämlich nicht tue.«

»Hab ich auch nicht von dir verlangt«, sagte Stan.

»Ich möchte gern Folgendes wissen«, mischte sich Harrison ein. »Wenn du gerade sowieso nichts aufnimmst –«

»Tue ich nicht«, sagte Martin.

»Wieso kannst du sie dann nicht abnehmen, nur für dieses eine Treffen?«

Stan ärgerte sich, dass Harrison ihm zuvorgekommen war. »Ja«, sagte er. »Wieso nicht?«

Martin nuschelte etwas.

»Was war das?«, fragte Stan.

»Ich hab gesagt, ich kann das Spiel nicht ausmachen.«

Bevor jemand anders dazwischengrätschen konnte, stellte Stan die naheliegende Frage: »Wovon zum Teufel redest du da?«

***

»Es heißt Deadtown«, sagte Martin. »Es ist ein Augmented Reality RPG.«

Stan sagte: »Augmented …«

»Ein Videospiel«, erklärte Martin. »Aber man spielt es in der wirklichen Welt. Das Spiel verwandelt die Leute auf der Straße in Zombies, und man kann ihre durch die Kamera veränderten Gesichter richtig sehen. Die Filter sind scheißcool, total dynamisch.«

Stan hatte nach wie vor keine Ahnung, wovon Martin redete. Aber lebhafter war er in der Gruppe noch nie gewesen.

»Man kriegt Punkte für das Töten von Zombies«, sagte Martin. »Man kann Waffen aufheben, die einem die Spielwelt hinlegt, oder sie online kaufen. Man muss nur seine Hand zu einer Pistole formen, und ...« Er krümmte die Finger seiner rechten Hand. »Zack. Eine Pistole.« Er formte einen anderen Umriss. »Oder ein Messer. Oder ein Schwert.«

»Du läufst rum und zeigst mit dem Finger auf Leute?«, fragte Stan.

 »So einfach ist das nicht. Um sie zu töten, muss man ihnen in den Kopf schießen. Oder so dicht ran, dass man sie köpfen kann.« Er machte eine schnelle Handbewegung. »Wenn sie dich berühren, wirst du zum Zombie.«

Stan konnte es nicht glauben. »Du machst das in der Öffentlichkeit?«

»Es bekommt ja niemand mit. Ich spiele seit Monaten, und nie hat einer was gemerkt. Sie wissen nicht, dass sie Zombies sind. Ich mach einfach …« Er deutete mit der Hand. »Peng. Platsch. Die Soundeffekte sind toll. Der Schall läuft über die Knochen, also spürt man den Rückstoß richtig.«

»Das ist ja … grässlich«, sagte Barbara.

»Das Sounddesign ist nicht zu fassen. Sirenen in der Ferne, schreiende Leute, Schüsse. Das Spiel könnte einen glatt dazu bringen, in Deckung zu gehen. Total krank. Und das Gameplay. Man kann nicht upgraden wie in anderen Spielen, man bekommt keine besseren Schutzwerte oder Waffen. Es wird bloß immer, immer heftiger. Die Apokalypse weitet sich aus. Ich meine, ich hab weitergespielt, und auf den Straßen waren ständig mehr Zombies. An manchen Tagen – es gab Tage, da waren die Straßen voller Toter. Da hatte jeder ein graues Gesicht. Ich konnte überhaupt nicht aus meiner Wohnung raus. Hab sie vom Fenster aus erledigt oder bin runter zur Haustür und hab versucht, mir den Weg freizuschießen … bloß waren es manchmal zu viele. Nichts zu machen. An manchen Tagen musste ich stundenlang warten, bis der Strom abebbte und ich zur Arbeit gehen konnte.«

Stan fragte: »Wieso hast du nicht einfach aufgehört?«

Martin schüttelte über diese dumme Frage den Kopf. »Es gibt keine – wie soll ich es erklären? Keine Unterbrechungen, keine Pausen zwischen Levels. Man muss nicht mal Zwischenstände abspeichern. Sie haben alle Gründe zum Aufhören abgeschafft. Man kann den ganzen Tag spielen, die ganze Nacht.«

»Bis man verhungert«, sagte Harrison.

»Ja und?«, fragte Stan. »Dann nimmst du die blöde Brille halt ab. Was ist daran so schwer?«

»Du weißt nicht, wie das ist«, sagte Martin. »So tief drin zu sein.« Er sah auf. »Bei jedem anderen Spiel gibt es diese Wand. Der Bildschirm hält dich draußen, und egal wie sehr du es versuchst, du kannst nicht rüber auf die andere Seite. Aber hier – da war ich drin. Die ganze Zeit über. Und es war toll.«

Martin sah auf seine Hände hinab. Beziehungsweise die Brillengläser waren auf seine Hände gerichtet.

»Und dann hab ich angefangen, Sachen zu sehen.«

»Klar«, sagte Harrison. »Dann erst.«

»Nein. Sachen, die nicht ins Spiel gehörten.« Martin schüttelte den Kopf. »Das waren nicht mehr die üblichen Monster. Ich hab dieses Vieh gesehen. Es war kein Zombie, es war … keine Ahnung. Weiße glatte Haut. Zu viele Arme, zu viele Finger. Wie Echsen, aber … seltsamer.«

»Ach so«, sagte Harrison wissend. Was Stan gewaltig ärgerte. Ach so was?

»Ich konnte das Vieh kaum ansehen«, sagte Martin. »Es war nicht nur eins. Also, es war schon ein so’n Ding, aber mit sich selbst überlagert. Lauter Echsen.«

»Als ob man es aus allen Blickwinkeln zugleich sieht«, sagte Greta.

Martin guckte hoch. »Ja! So! Aber nicht nur räumlich – sondern auch wie zu verschiedenen Zeitpunkten.«

»Akt, eine Treppe herabsteigend«, sagte Dr. Sayer.

»Was?«, fragte Stan.

»Das ist ein Gemälde von Duchamp«, erklärte Barbara.

»Googel es einfach«, sagte Harrison zu Martin. »Wir warten so lange.«

»Ich weiß, was sie meint«, fuhr Martin dann fort. »Diese Viecher sind wie die Frau in dem Gemälde, bloß … schlimmer. Sie bewegen sich. Mir wird schon vom Zuschauen übel. Und die Leute haben keine Ahnung, dass diese Viecher direkt neben ihnen sind. Aber ich konnte sie sehen. Sie haben Nachbilder hinterlassen, wie Spuren in der Luft. Rückstände. Also musste ich sie nicht mal vor mir haben; ich konnte erkennen, wo sie gewesen waren. Ihre Spuren zogen sich durch die komplette Stadt. Es war eine richtige Invasion.

Zuerst dachte ich, ich hätte ein neues Level erreicht. Aber das war nicht der Fall. Diese Viecher gehörten nicht zum Spiel. Ich hab die Foren gecheckt – niemand hat solche Sachen gesehen. Niemand hatte je von so was gehört. Und es ergab spieltechnisch auch keinen Sinn. Ich konnte nichts mit ihnen machen. Ich konnte sie weder erschießen noch abstechen. Die glotzten mich einfach nur fies an.«

»Diese Wesen konnten Sie sehen?«, fragte Dr. Sayer.

»Aber hallo.«

»Haben sie etwas zu dir gesagt?« Das kam von Greta.

»Nicht zu mir, aber …« Er schüttelte den Kopf. Ohne Greta anzuschauen. Er hatte sie noch an keinem Gruppenabend je angeschaut. »Sie haben den Menschen auf der Straße Sachen zugeflüstert. Ich konnte sie hören, wie sie diese Laute von sich geben … bloß waren es keine Wörter. Glaube ich jedenfalls.

Da gab es diesen Typ, der bei uns in der Gegend rumhing. Meine Zimmergenossen nannten ihn den Hundemann, weil er immer so in der Luft herumschnupperte. Und die Nase krauszog, als ob etwas stank. Selbstgespräche führte er auch. Sie meinten, er wäre schizophren, aber ich konnte das Vieh bei ihm sehen. Wie es mit ihm redete. Und der Hundemann hörte zu. Und manchmal flüsterte es ihm etwas zu, und dann sah er mich an, als ob er mich kannte.

Ich hörte auf, rauszugehen. Nicht bloß wegen dem Hundemann. Die Straßen waren jetzt ständig voll. Meine Wohnung war der letzte sichere Ort. Jedenfalls glaubte ich das.« Er lächelte knapp, wie erstaunt.

»Ich lag im Bett. Es war spät, vielleicht zwei oder drei Uhr morgens. Die Sirenen verstummten langsam. Auf der anderen Straßenseite brannte ein Gebäude, die Flammen flackerten auf der Fensterscheibe und warfen dieses seltsame Licht ins Zimmer. Was unmöglich ist, ich weiß das. Die Brille kann Pixel hinzufügen, aber nicht Licht; trotzdem konnte ich alles im Zimmer sehen, wie es von dem Lichtschein erhellt wurde, und alles schien sich zu bewegen. Nein, es schien sich jeden Moment zu bewegen. Es bebte, als ob … keine Ahnung. Wie etwas unter Druck, tief unter dem Meer. Ich weiß noch, wie ich zu meinem Schreibtisch geguckt habe, und mein Shirt hing über der Stuhllehne wie ein Mann, der sich im Dunkeln zusammenkauerte. Und wartete. Alles im Raum vibrierte und stand kurz davor, herauszuplatzen. Wie ein Springteufel. Du kurbelst immer weiter und kannst spüren, wie der Deckel bebt. Du kannst gar nicht anders, du musst die Kurbel noch ein Stück weiterdrehen, wie bei einer Mutprobe …«

Martin fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. »Am Fußende des Bettes ist die Tür zu meinem Wandschrank. Ein richtig massives Teil aus Holz, keine normale Schranktür, eher wie die Tür zu einer anderen Wohnung. Vielleicht war es ja mal eine. Das ist ein altes Haus, die Wohnungen sind alle zu klein. Jedenfalls klemmt die Tür ständig. Ich muss sie immer mit Gewalt aufreißen. Aber in dieser Nacht liege ich auf dem Rücken und starre sie direkt an. Und sie geht langsam auf.

Und dahinter war nichts. Mein Wandschrank war weg. Stattdessen war da ein Tunnel. Mit Wänden aus Stein. Feucht und glänzend wie, keine Ahnung, nasse Kohle. Der Tunnel ging ganz tief rein.

Dann sah ich die Hand. Ich schrie auf und schob mich nach hinten. Sie umfasste vom Boden her das Fußende. Es war keine menschliche Hand, sie gehörte so einem Vieh – grau, mit Schwimmhäuten, Fingerspitzen wie Messer. Dann erschien eine zweite Hand. Und das Vieh zog sich am Bett hoch. Und grinste.

Ich sprang auf und rannte raus in den Flur. Später wurde mir klar, dass das Vieh aus dem Tunnel gekommen sein musste und über den Boden gekrochen war, wo ich es nicht hatte sehen können. Vielleicht hätte ich die Tür zusperren können. Aber in dem Moment dachte ich nur, dass es bei mir im Zimmer war und ich da rausmusste.

Also bin ich abgehauen. Ich schnappte mir meinen Rucksack und kratzte die Kurve. Meine Mitbewohner schliefen in ihren Zimmern, aber die konnten mir natürlich nicht helfen. Würden sie sowieso nicht. Ich rannte raus in den Hausflur, die Treppe runter. Stand da draußen auf der Straße wie ein Geistesgestörter. Und dann wurde mir klar, dass ich die Brille nicht mehr aufhatte. Ich hielt sie in der Hand, und jetzt waren keine Sirenen mehr zu hören. Nirgendwo brannte es. Zum ersten Mal seit Wochen war alles normal. Alles sah total normal aus.

Sogar der Hundemann.

Er stand auf dem Gehweg und sah mich an, mit so einem merkwürdigen Grinsen. Er war allein. Da wurde mir klar, dass das Vieh, mit dem er geredet hatte, sein Partner, oben in meinem Zimmer war. Ich schrie ihn an. Nehmt es euch! Es gehört euch! Ich wollte da nie wieder hin. Wenn die Viecher auf mein WG-Zimmer scharf waren, dann sollten sie es haben.«

»Das können die nicht«, sagte Harrison.

Die Aufmersamkeit der Gruppe schwenkte zu ihm.

»Die können kein Zimmer übernehmen, weil sie nicht rüberwechseln können.«

»Kennst dich ja gut damit aus«, sagte Martin skeptisch.

»Sie werden Wächter genannt«, erklärte Harrison. Greta machte ein Geräusch, und er fügte hinzu: »Sie sind nicht so wie die Wächter in den Büchern. Sondern gefährlicher. Und Brille hin oder her, wenn sie dich kriegen könnten, würden sie dich holen.«

»Aber das können sie nicht?«, fragte Barbara.

»Sie sind nicht hier. Was er da sieht – das sind kurze Spähblicke rüber auf die andere Seite. Dort leben sie. Sie sind die ganze Zeit da und beobachten uns. Suchen nach einer Möglichkeit, rüberzuwechseln.«

»Du verstehst das nicht«, sagte Martin.

»Denke schon«, erwiderte Harrison. »Niemand kennt sich mit Wächtern so gut aus wie ich.«

»Du hast keine Ahnung, wozu die imstande sind!«, brüllte der junge Schwarze.

Er war knallrot und atmete schwer. Vielleicht weinte er, es war durch die Brille kaum zu sehen. »Sie sind hier und flüstern

»Siehst du jetzt gerade auch irgendwelche Monster?«, fragte Barbara.

Martin starrte auf seine Hände. Schließlich nickte er.

»Wo sind sie, Martin?«

»Da.« Er hob den Kopf und nickte in Gretas Richtung.

»Sie sehen neben ihr ein Monster?«, fragte Dr. Sayer.

»Nein«, sagte Martin. »Sie ist das Monster.«

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 4 wird am 12. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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