Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (2/11)


Die Therapiegruppe, die aus Opfern übernatürlicher Gewaltverbrechen besteht, hat ihre erste Sitzung hinter sich. Hätte besser laufen können. Aber es ist ja auch nicht so einfach, vor völlig Fremden die Seele zu entblößen. Dieses Mal gibt sich Barbara einen Ruck. Doch erzählt sie wirklich alles?

***

Kapitel Zwei

 

Wir kamen alle zum zweiten Treffen. Und zum dritten.

Barbara war vor allem froh, dass Greta dabeiblieb. Die junge Frau trug zu jedem Treffen dieselbe fleischbedeckende Uniform, Schwarz über Schwarz über Schwarz; ihre Daumen stachen durch Löcher in den Ärmeln wie Splinte, die dafür sorgten, dass die Rüstung nicht auseinanderfiel. Jedesmal, wenn Greta überprüfte, ob ihre Handgelenke freilagen, verspürte Barbara einen Anflug von Traurigkeit.

Greta redete kaum – musste sie ja auch nicht. Während der ersten Treffen dominierte Stan das Gespräch und lenkte es von jedem Thema zu seinem eigenen Kummer darüber zurück, dass er ein Freak war, ein Ausgestoßener. Vermutlich war es den anderen ganz recht, dass sich alles auf ihn konzentrierte. Harrison brauchte sich nicht seiner Wut zu stellen, und Martin brauchte sich nicht wegen seiner Brille zu verteidigen; der junge Mann konnte noch immer nicht in Gretas Richtung sehen.

Jan brachte keinen dieser Punkte zur Sprache und hatte anscheinend auch nichts gegen Stans endlose Monologe. Er mäanderte rückwärts durch seine Geschichte, von seinen gegenwärtigen Lebensumständen (schrecklich) über seine Zeit als berühmtes Opfer (erst beängstigend, dann anstrengend, dann deprimierend) bis nach vielen Abschweifungen hin zu dem Ereignis, das ihn zu dem Freak gemacht hatte, der er heute war. Stans eigene Worte. Er bestand nur aus Worten.

»Da waren meine Freunde schon alle tot«, sagte er. »Johnny, Davey, Alison, alle tot, außer Laura und mir. Einer nach dem anderen zum Räucherschuppen gezerrt. Eine Woche später wurden sie wieder zurück in die Scheune geschleppt, in Sackleinen gewickelt und mit Bindedraht verschnürt. Wie Würste. Wie Mumien. Sie hängten sie neben uns in die Netze.

Laura ging es gar nicht gut. Sie hatte Fieber und halluzinierte. Ich glaube, sie wusste gar nicht mehr, wo sie war. Was eigentlich gut ist, oder? Sie wusste nicht, wer neben ihr hing.«

Stan fing wieder an zu weinen. Barbara tätschelte seinen Arm. Sie wusste, dass er litt. Aber wer im Raum litt nicht?

»Der Junge hielt uns am Leben«, sagte Stan. »Der jüngste Weaver, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Sie nannten ihn Wanze. Er wuselte flink die Netze rauf und runter, halbnackt, nur mit ein paar zerlumpten Shorts an, so drahtig wie ein Affe. Er brachte uns Wasser, schob uns Essen in den Mund. Spritzte die Seile ab, wenn wir uns vollgepinkelt oder vollgeschissen hatten. Er kletterte gern zu uns rauf und sabbelte irgendwelches Kauderwelsch.« Stan lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich konnte kaum verstehen, was er sagte. Er strich Laura übers Haar und machte beruhigende Laute. Nachts schlief er meist bei uns in den Netzen, hakte Arme und Beine durch die Schlaufen und hing da wie seine eigene senkrechte Hängematte. Die älteren Weavers verpassten ihm manchmal eine Tracht Prügel, aber ich glaube, sie hatten ihn auch gern. Oder vielleicht fanden sie auch nur gut, dass er uns am Leben erhielt. Vielleicht war das seine Aufgabe.

An den Erntetagen versuchte er, uns zu helfen. Diese Essensglocke läutete, und die Brüder zogen einen von uns aus den Seilen raus und legten uns auf den Tisch. Wir zappelten und schrien, wenn sie oberhalb des Schnitts abbanden. Es war nicht bloß Laura, die weinte und flehte, ich schäme mich nicht, das zuzugeben. Aber Wanze … je mehr wir schrien, desto mehr flüsterte und sabbelte er uns ins Ohr und versuchte uns zu trösten. Ich weiß noch, eine Ernte – das war so lieb von ihm –, da versuchte er mir die Augen zuzuhalten, während sie mir den linken Arm abnahmen. Ich war so außer mir, ich versuchte ihn zu beißen. Ich hab ihn gebissen. So dass Blut kam. Was haben die Weavers da gelacht und sich über Wanze und seinen Leichtsinn lustig gemacht. Aber er kam wieder ran und presste mir seine Handflächen auf die Augen. Ich kam mir richtig mies vor, weil ich so die Kontrolle verloren hatte, aber er nahm es mir nicht krumm. Kein bisschen.«

Barbara sah sich im Raum um. Greta blickte auf ihre Hände. Martin war hinter seiner Brille wie immer undurchschaubar. Harrison dagegen starrte Jan finster an.

Die Ärztin war aufgewühlt. Sie saß völlig reglos da, doch ihre Augen glänzten von ungeweinten Tränen. Nicht zum ersten Mal fragte Barbara sich, wieso sich ein normaler Mensch freiwillig jeden Tag solche Geschichten anhörte. Wer machte das zu seinem Beruf? Und wieso guckte Harrison so böse, weil die Ärztin Gefühl zeigte?

»Ich hab nur einmal erlebt, dass der Junge geweint hat«, sagte Stan gerade. »An dem Tag, als sie das letzte Mal wegen Laura kamen. Da ging es ihr total dreckig – sie hatte inzwischen wahrscheinlich eine Blutvergiftung, und es war nicht mehr viel von ihr übrig. Ich wusste, was als Nächstes kam, ich hatte es schon bei den anderen gesehen. Jetzt ging es zum Räucherschuppen. Ein Besuch bei ihr

Stan verstummte. Es kam so überraschend, dass selbst Greta aufsah.

Martin fragte: »Bei wem?«

Harrison bewegte den Kopf, eine winzige Geste der Enttäuschung. Die Botschaft war eindeutig: Sie waren fast so weit gewesen, dass jemand anders reden konnte! Barbara unterdrückte ein Lächeln und bekam prompt ein schlechtes Gewissen.

Nur dass Stan den Köder unglaublicherweise nicht schluckte. Er schob sich die Sauerstoffmaske vors Gesicht und nahm tiefe Atemzüge. Die Gruppe wartete.

»Keine Ahnung, was aus dem Jungen geworden ist«, sagte Stan schließlich. »Als sie mich gerettet haben, haben sie alle Weavers erschossen – zwei Brüder direkt vor meinen Augen –, und das Ding im Räucherschuppen haben sie auch totgemacht. Aber von einem Kind war nie irgendwo die Rede. Auch beim Prozess wurde der Junge nicht erwähnt, wahrscheinlich um ihn zu schützen. Irgendwann dachte ich, dass er vielleicht zu Pflegeeltern gekommen ist. Oder er ist adoptiert worden. Bei richtigen Eltern aufgewachsen …«

Stan sah hoch. »Ich war froh, dass sie das Kind nie erwähnt haben. Nicht mal anonym. Sobald man einmal als Freak gebrandmarkt worden ist, wird man es nie wieder los.«

»Empfinden Sie sich denn so?«, fragte Jan. Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen, und ihre Stimme war fest. »Als ein Freak?«

»Aber sicher«, sagte Stan. »Niemand kann mich ansehen, ohne sich zu ekeln.«

Jan fragte: »Ist hier im Raum jemand, von dem Sie denken, dass er sich gerade ekelt?«

Stan warf einen Blick zu Greta hinüber.

»Weißt du, seit Irak sind Amputierte kein ungewöhnlicher Anblick mehr«, sagte Martin. »Außerdem bist du alt.«

»Was hat das denn damit zu tun?«, fragte Stan.

»Ich mein ja nur. In den Siebzigern oder so waren die Leute wahrscheinlich mehr geschockt.« Martin zuckte die Schultern. »Jetzt halten sie dich für einen Zuckerkranken.«

»Ich war letzte Woche in einem Einkaufszentrum. Ein kleiner Junge hat mich gesehen und gleich angefangen zu kreischen.«

»Zu kreischen?«, fragte Harrison. »Ernsthaft?«

Dass man an ihm zweifeln konnte, schien Stan zu kränken. »Die Mutter hat ihn weggezogen. Und um uns herum wurden alle aufmerksam, und dann …«

Und dann und dann und dann. Die Worte sprudelten nur so aus ihm raus.

***

Barbara hörte zu, wenn auch nicht geduldig, während Stan die anderen Male schilderte, als er öffentlich gedemütigt oder erniedrigt worden war. Er hatte anscheinend jede angewiderte Miene, jeden verstohlenen Blick katalogisiert. Und nun wollte ihn in der Runde niemand ansehen, jedoch nicht aus den Gründen, die er unterstellte.

Als er innehielt, um einen Zug aus seiner Maske zu nehmen, sagte Barbara: »Wir tragen alle unsere Narben mit uns herum, Stan.« Ihr gegenüber spielte Greta mit dem Loch in ihrem Ärmel. »Sie werden nur nicht unbedingt hergezeigt.«

»Das kannst du laut sagen«, brummte Harrison.

»Ihr versteht das nicht«, sagte Stan. »Ich sitze jeden Tag in diesem Rollstuhl und muss mich mit Stümpfen behelfen –«

Barbara stand auf, und Stan brach ab. Sie hatte nicht vorgehabt, aufzustehen. Als ihr klarwurde, was sie als Nächstes tun würde, hätte sie sich fast wieder auf den Stuhl sinken lassen. Die Blicke der Gruppe lagen auf ihr.

Gretas Blick lag auf ihr.

Barbara holte Luft, und dann zog sie ihr schwarzes Jackett aus. Sie hängte es über die Stuhllehne und stand einen Moment lang da, ohne jemanden anzusehen. Sie trug eine langärmlige Leinenbluse. Sie besaß nur langärmlige Blusen.

»Weiß jemand, was Scrimshaw sind?«, fragte sie.

»Ach du Scheiße«, sagte Harrison.

Sie sah mit einem scheuen Lächeln zu ihm hinüber, knöpfte eine Manschette auf und fing an, den Ärmel hochzukrempeln.

»Ritzbilder auf Walknochen«, sagte Stan. »Haben Seeleute früher gemacht.«

»Jemand, der Scrimshaw anfertigt, wird Scrimshander genannt«, fuhr Barbara fort. »Aber der Scrimshander … der nimmt dazu keine Walknochen.«

Sie schob den Ärmel bis zum Bizeps hoch. Eine lange, höckerige Narbe zog sich von der Innenseite des Ellbogens bis hinauf unter die Bluse.

»Du bist aus Dunnsmouth?«, fragte Harrison.

»Ich bin mal hingefahren. Einmal nur. Da war ich neunzehn.« Aber sie hatte kein Interesse daran, jetzt ihre Geschichte zu erzählen. Stan hatte die Gruppe bereits erschöpft, und es würde noch genug Gelegenheiten geben. Das hier machte sie für Greta.

Barbara zeigte ihnen die entsprechende Narbe auf dem anderen Oberarm. Dann setzte sie sich und zog ihren Rock ein Stück hoch. Zwei weitere Narben, von den Knien aufwärts. Der Scrimshander hatte insgesamt fünf Einschnitte gemacht und das Gewebe zurückgeklappt, um an die großen Knochen zu kommen. Die größte Narbe befand sich über ihrem Brustbein, doch Arme und Beine waren wohl Argumente genug.

Sie sah sich im Raum um. »So.«

Die Gruppe starrte sie an. Die Stille war unerträglich.

Harrison ächzte. Die Aufmerksamkeit der Gruppe richtete sich auf ihn. Er stand auf, nestelte sein Hemd heraus, zog es hoch und entblößte auf der rechten Brustseite die Rippen. Eine alte, gezackte Narbe verzog die Haut. »Hier hat mich der Scrimshander mit dem Messer erwischt.« Er öffnete die oberen Knöpfe des Hemdes und zog den Kragen auseinander, um ihnen drei kreisrunde, an alte Verbrennungen erinnernde Wundmale zu zeigen, jedes so groß wie ein Fünfzigcentstück. »Die hier stammen von den Saugnäpfen eines Monsters, das ›der Schlund‹ genannt wird. Und dann hier noch die Nummer eins …«

Er setzte sich und zog sein rechtes Hosenbein hoch. Die Kunststoffprothese begann ein paar Fingerbreit unter dem Knie. »Siehst du, Stan? Du bist nicht der Einzige.«

Dr. Sayer hob eine Hand. »Niemand von Ihnen sollte sich unter Druck gesetzt fühlen, etwas zu teilen, bevor Sie so weit sind. Das ist kein Wettbewerb.«

Stan hatte bereits den Arm zum Mund geführt. Er zog die Socke mit den Zähnen ab und ließ sie in seinen Schoß fallen. Das Ende des Arms sah aus wie ein fauliger Pfirsich. »Man kann immer noch sehen, wo sie mit Bindedraht abgeschnürt haben – gleich über dem Schnitt.«

Barbara musterte Greta. Ihr Gesicht war blass und ihr Blick ins Leere gerichtet. Mental war sie bereits aus dem Raum geflohen.

Ich habe einen Fehler gemacht, dachte Barbara. Anstatt der jungen Frau zu helfen, hatte sie sie dem Scheinwerferlicht ausgesetzt.

Greta schob einen Ärmel hoch.

Barbaras erste Assoziation waren Fäden: weiße, um den bleichen Arm geführte Bindfäden, arrangiert zu Wirbeln, blockartigen Labyrinthen und gezackten Blitzen. Dies waren keine blassen, alten Narben wie bei Barbara, auch keine knorrigen Keloiden wie bei Stan. Diese Narben waren präzise Muster, kunstvoll wie Platinen, dicht wie Schrift. Sie gingen eindeutig ganz den Arm hinauf.

»Na schön«, sagte Stan zu Greta. »Hast gewonnen.«

***

Nach der Gruppe bekam Barbara den Anblick von Gretas Narben nicht mehr aus dem Kopf. Sie sah sie während der Heimfahrt vor sich, stellte sich das ungesehene Gebiet ihrer Haut unter diesen schwarzen Kleidungsstücken vor und fragte sich, wie viel davon wohl mit diesen Rillen und Wirbeln bedeckt war. Greta hatte sich darüber ausgeschwiegen, wer ihr diese Narben geschnitten hatte, zu welchem Zweck oder wie alt sie am Anfang gewesen war. Die Vorstellung, dass die junge Frau über einen langen Zeitraum hinweg ein Cutting über sich hatte ergehen lassen müssen, tat  Barbara im Herzen weh. Sie kannte das Infektionsrisiko und den schmerzhaften Heilungsprozess aus persönlicher Erfahrung.

Jedenfalls waren die Muster total schön. Und sie waren mit großer Kunstfertigkeit ausgeführt worden.

Der Wagen ihres Mannes stand in der Garage; also waren die drei bereits vom Fußballtraining zurück. Normalerweise hätte Barbara jetzt schon das Abendessen auf dem Tisch gehabt, aber an Gruppenabenden ging das nicht. Sie fand Stephen und die Jungs nicht in der Küche, sondern im Wohnzimmer vor, mit einer offenen Pizzaschachtel auf dem Couchtisch. Die drei saßen nebeneinander auf dem Sofa und starrten gebannt auf irgendetwas, das bunt aus dem Fernseher lärmte. Der zehnjährige Ryan mit freiem Oberkörper und nach einer Woche Sonne bereits braungebrannt. Der zwei Jahre jüngere Toby noch mit Schienbeinschützern und Töppen.

»Hallo, Schatz«, sagte Stephen, ohne sie anzusehen. Die Jungs nahmen sie anscheinend überhaupt nicht wahr.

Sie wusste nun schon seit einer Weile, dass ihr Mann und ihre Söhne sie nicht brauchten. Ach, sie liebten sie durchaus, aber brauchen? Ihnen würden die Pausenbrote fehlen, die sie machte, die Termine, die sie vereinbarte, die Formulare, die sie ausfüllte. Sie führte den Kalender und gab Wäsche in die Reinigung, sie blieb bei den Schuhgrößen der Jungen auf dem Laufenden, schnitt die Möhren und füllte die Wasserflaschen, strich das jeansblaue Mull aus dem Flusensieb. Aber das waren Haushaltsarbeiten, die sich leicht outsourcen ließen. Für alles, was wichtig war, hatten die Männer des Hauses einander. Sie waren ein Team, ein Wolfsrudel.

Darüber war Barbara nicht traurig; im Gegenteil. Sie hatte ihre Unabhängigkeit in den letzten Jahren konsequent gefördert. Nun stützten sie einander wie drei Stangen. Eine vierte konnte sie nur destabilisieren.

Barbara machte sich einen Salat und aß ihn in der Frühstücksnische. Sie aß nicht allein; die Dunkelheit draußen und die hellen Küchenlampen verwandelten die Erkerfenster in einen dreiteiligen Spiegel, so dass sie von lauter Barbaras umgeben war. Sie starrte auf die Doppeltür des Wandschranks im Flur mit dem hellen Spalt dazwischen, weil einer der Jungs das Schranklicht angelassen hatte. Sie dachte an Greta, wie sie ihren Ärmel hochgeschoben hatte, an Harrison, den zornigen jungen Mann der Gruppe, wie er sein Hemd angehoben hatte. Sie fragte sich, was die anderen von ihren Narben hielten. Begriffen sie, wofür sie standen? Was sie verbargen?

Stephen kam in die Küche und goss sich Wasser ein.

»Ach, du hattest doch heute Therapie. Wie ist es gelaufen?«

»Es war gut. Interessant.«

»Ja?« Seine Aufmerksamkeit war schon fast ein Reflex. Sein freundliches Wesen war ihm auf der Zellebene eingebrannt. »Irgendwelche Durchbrüche?«

Die Jungs lachten über etwas im Fernsehen. Er wandte automatisch den Kopf.

»Geh fertiggucken«, sagte sie.

Stephen war einmal ihr Retter gewesen. Er hatte das Mädchen im Rollstuhl am Ende der Reihe gesehen – die Vorlesungen in Kunstgeschichte fanden in einem Hörsaal statt – und sich getraut, mit ihr zu flirten. Sie waren Künstlerkollegen, ja? Verwandte Seelen? Als sie zu Krücken wechselte, fragte er sie, ob sie mit ihm Tanzen ginge. Als sie die Krücken wegwarf, ob sie ihn heiraten wollte. Sie ließ ihn abblitzen. Sie sagte, nur halb im Scherz, dass er sie verlassen würde, wenn sie es nach den Krücken nicht auch noch bis zur Zehnkämpferin schaffte.

Aber Stephen war der Mann, der blieb. Als sie ihm gestand, dass das mit dem Autounfall gelogen gewesen war, zuckte er nicht mit der Wimper. Als sie ihm ansatzweise erzählte, was ihr der Scrimshander angetan hatte (die ganze Geschichte kannte niemand), lief er nicht davon.

Fünfzehn Jahre lang waren sie zufrieden. Stephen hörte auf zu malen, entdeckte stattdessen sein Talent für Datenanalyse und fertigte aus gewaltigen Datenströmen eine andere Sorte von Bildern an. Für Barbara bestand keine Notwendigkeit, arbeiten zu gehen, doch sie tat es trotzdem und nahm eine Reihe wenig inspirierender Jobs an. Schließlich sagte er: Wieso malst du nicht einfach nur? Er wusste, dass sie das brauchte, wie er auch wusste und akzeptierte, dass sie Rückzugsmöglichkeiten brauchte, mehrere Schlösser an der Tür und beim Schlafen eingeschaltetes Licht im Bad. Er fragte sie nie, warum sie nicht »Ich liebe dich« sagen konnte. Sie lebten ihr Leben. Manchmal verging ein ganzer Tag, ohne dass Barbara an den Scrimshander dachte.

Dann, mit Ende dreißig, die Überraschung. Keine ungewollte Schwangerschaft, sondern die ungewollte Sehnsucht nach einem Kind, das ohne Vorwarnung plötzlich da war und in ihrem Körper wohnte. Sie kam sich albern vor, als würde sie einen Vertrag brechen, den sie mit Stephen geschlossen hatte. Doch als sie es ihm schließlich eingestand – »Stephen, ich muss dir was sagen« –, da reagierte er mit einer Begeisterung, die ihr Angst machte. Hatte er schon immer gern Vater werden wollen, aber es vor ihr verborgen, weil sie doch gestört war? Oder war es möglich, dass sie sich beide selbst so schlecht kannten?

Sie verfolgten die Schwangerschaft mit wissenschaftlicher Strenge und religiöser Inbrunst. Sie lasen in Schwangerschaft und Geburt: Alles, was Sie wissen müssen, bis sie krank vor Sorge waren. Es war der schlimmste Horrorroman überhaupt, mit einem gefährdeten Kind pro Seite, aber sie nahmen sich die Moral jedes einzelnen Kapitels zu Herzen.

Und es klappte. Die Säuglinge kamen mit einem Minimum an Medikamenten und Melodramatik zur Welt. Die Kleinkinder entkamen dem plötzlichen Kindstod und überlebten Pseudokrupp. Die Erwachsenen überstanden Schlafentzug und Stress. Sie waren entschlossen, das, wie Stephen es nannte, weltbeste Kindererziehungsteam, nichtasiatische Abteilung, zu werden.

Als die Sendung zu Ende und die Pizza verspeist war, trennten Barbara und Stephen die Jungs fachmännisch und schleusten sie in Phase eins der abendlichen Routine: Hausaufgaben, Geschirrspülen, Pausenbrote für den nächsten Tag, Aufladen der Handys. Sie mussten nichts sagen. Anderthalb Stunden später scheuchte ihr Mann die Jungs nach oben unter die Dusche und ins Bett. Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen.

»Fährst du rüber?«, fragte er. Ohne ein »wieder« einzufügen. Guter, aufmerksamer Stephen.

»Ich muss noch an etwas arbeiten«, sagte sie. »Vor dem Frühstück bin ich zurück, keine Sorge.«

Er wollte etwas sagen, ließ es jedoch bleiben. Er hatte vor langer Zeit aufgehört zu fragen, woran sie arbeitete, ob es ein neues Bild war oder etwas, an dem sie schon seit Wochen malte. Er fragte nicht mehr, seit sie ihm einige Stücke gezeigt hatte.

»Fahr vorsichtig«, sagte er.

***

Fahr vorsichtig, kleide dich vorsichtig, lebe vorsichtig. Ziehe dich an den allersichersten Ort zurück.

Sie sperrte die beiden Schlösser der Wohnungstür auf, schlüpfte hinein und machte sofort Licht. Einen Moment lang stand sie da, atmete den vertrauten scharfen Geruch des Farbverdünners ein und vergewisserte sich, dass sie allein war.

Von dieser Stelle bei der Tür aus war jeder Winkel der Wohnung zu sehen. Der Hauptraum maß gute zwanzig Quadratmeter, mit einer kleinen Kochnische in der Ecke. Das Badezimmer zur Linken war offen, sie hatte die Tür entfernt und auf zwei Schubladencontainer aus Metall gelegt; das war ihr Arbeitstisch. Es gab nur wenige andere Möbel: zwei Stehlampen, eine Staffelei aus Holz, einen Klappstuhl aus Metall und einen blauen Futon, den sie ausgerollt ließ. In der Ecke lehnte ein schmaler Spiegel mit Holzrahmen. Nichts war breit oder hoch genug, dass sich ein Eindringling hätte verstecken können.

Die beiden schmalen Fenster am Zimmerende waren zugezogen, doch dahinter prangten stabile Gitter. Sie konnte spüren, dass die Fenster nicht geöffnet worden waren; die Luft war noch so warm und stickig wie letztes Mal. Sie drehte hinter sich die Schlösser zu, dann ließ sie den Sperrriegel zuschnappen wie ein horizontales Ausrufezeichen.

In Sicherheit.

Ringsum lehnten ein halbes Dutzend aufgespannte und grundierte Leinwände. Sie warteten seit Monaten. Auf der Staffelei stand das Bild, an dem sie gerade arbeitete, sofern sich hinausgezögertes Scheitern noch als Arbeiten bezeichnen ließ. Ohne einen Blick ging sie daran vorbei, schob die Vorhänge des einen Fensters beiseite und stieß es eine Handbreit auf, damit wenigstens ein bisschen frische Luft hereinkam. Die Wohnung lag im ersten Stock; entsprechend unwahrscheinlich war es, dass jemand hineinsah.

Das Bild auf der Staffelei wartete. Sie setzte sich auf den Futon und sah zu ihm hinauf. Wie schon so oft hatte sie zwei Flügeltüren gemalt, so blass wie ihre Haut, und zwischen ihnen einen Spalt, der von goldenem Licht glühte.

Ich hab dir eine Nachricht hinterlassen.

Sie hatte die Leinwand seit Wochen nicht angerührt. An dem Bild war nichts verkehrt, nur dass es das vollkommen verkehrte Bild war. Die Türen hätten offen stehen, hätten den Blick freigeben müssen auf … irgendetwas. Eine Person, einen Gegenstand, ein Land der Verheißung. Oder vielleicht ein abstraktes Muster, zu kompliziert, um es in Worte zu übersetzen. Sie würde es wissen, wenn sie es sah, nur konnte sie es nicht malen, solange sie es nicht sah. Jedes Mal, wenn sie versuchte, sich mit Gewalt durch diese Tür zu zwängen – und sie hatte es ein dutzendmal versucht –, kam eine Lüge dabei heraus. Eine Anmaßung. Die Ergebnisse taugten nur zum Feuermachen.

Sie stand auf und zog ihr Jackett aus, dann Bluse, Rock und Unterwäsche, legte alles auf das Bett. Wie schockiert wäre Dr. Sayer wohl gewesen, wenn sie in der Gruppe so weit gegangen wäre? Vielleicht hätte sie Stan einen Herzanfall beschert.

Sie ging ins Badezimmer. Der offene Grundriss und die freien Sichtachsen der Wohnung waren Mindestanforderungen; den Ausschlag für Barbaras Entscheidung hatte jedoch die riesige gusseiserne Vorkriegsbadewanne gegeben. Sie war hoch und geschwungen, mit Klauenfüßen, und beanspruchte den Großteil des engen Badezimmers für sich wie ein dicklicher Adliger. Die emaillierte Innenseite schimmerte wie kalte Milch.

Barbara drehte die Hähne auf (nicht mehr die ursprünglichen Armaturen, sondern stummelige, gesichtlose Ersatzstücke) und wartete, bis heißes Wasser kam. Sie dachte und dachte zugleich nicht an den Spiegel. Vor Monaten hatte sie Haken in die Badezimmerwand geschraubt und lange Drahtschlaufen daran befestigt. Sie hatte den großen Rahmen dort aufgehängt und dann peinlich berührt wieder heruntergenommen, obwohl sie in der Wohnung nie Besuch bekam.

Nach einer ganzen Weile ging sie ins Zimmer und holte den Spiegel. Es fühlte sich nicht wie eine Entscheidung an. Es war eine Handlung ihres Körpers, zu der sie einfach nur kein Veto einlegte. Vielleicht, dachte sie – mit dem Teil des Gehirns, der begriff, was geschah –, spürte diese Art Abwesenheit auch ein erst seit kurzem trockener Alkoholiker, wenn das Glas sich füllte. Die innere Leere des Spielsüchtigen, wenn der nächste Zwanziger in den Einarmigen Banditen glitt.

Sie befestigte den Spiegel an der Wand. Der obere Draht war viel länger als der untere, so dass sich der Spiegel über die Badewanne neigte. Konzentriert darauf, dass sich ihre nervengeschädigten Gliedmaßen richtig bewegten, stieg sie ins Wasser, und als sie nach oben sah, war dort eine zweite Wanne mit einer zweiten Barbara. Die Haut der Frau glänzte, und die Narben waren wie Spuren aus Silber.

Der Scrimshander hatte ihre Gliedmaßen zunächst filetiert. Hatte das Fleisch ihrer Arme zurückgeklappt, um an jeden Oberarmknochen heranzukommen, und Barbara während seiner Arbeit mit hochprozentigem Schnaps in einem halbsedierten Zustand gehalten. Sorgsam hatte er die größeren Arterien ausgespart, damit sie nicht verblutete. Im Verlauf eines Tages und einer Nacht hatte er auf diese Weise auch die Oberschenkelknochen und schließlich die längliche Platte ihres Brustbeins bearbeitet. Er hatte ihr erzählt, dass sie schöne Knochen hätte und dass er diese nun noch schöner gemacht habe.

Ich hab dir eine Nachricht hinterlassen.

Was er gezeichnet hatte, bekam sie nie zu sehen. Die Polizei fand sie bewusstlos vor, und als sie wieder zu sich kam, hatten die Ärzte sie bereits zugenäht.

Greta hatte solches Glück, fand Barbara. Was man ihr angetan hatte, war einfach da; es stand dort geschrieben, wo alle es sehen konnten.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 3 wird am 9. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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