Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (11/11)


Das Finale: Die Therapiegruppe trifft sich zum letzten Mal, um über ihre Erfahrungen mit übernatürlicher Gewalt  zu sprechen. Und nicht zum ersten Mal gelangen sie zu der Feststellung, dass sie einfach anders sind als andere Leute.

***

Kapitel 11

Drei Wochen nach dem Brand trafen wir uns zum letzten Mal. Ein weiteres Treffen, aber ein geheimes, an einem anderen Ort und ohne offizielle Abrechnung. Niemand wollte Dr. Sayer mehr Ärger einbrocken, als sie ohnehin schon hatte, und sie wollte um der Patienten willen keine Aufzeichnungen führen. Wir waren jetzt Kriminelle: Mörder und Kidnapper und Verschwörer. Als Therapiegruppe gebührte uns glatt der Preis für das schlechteste Ergebnis aller Zeiten.

Wir trafen uns ein paar Meilen von The Elms entfernt in einem Frühstücksrestaurant. Dr. Sayer kannte die Besitzer, und weil dort um vierzehn Uhr fast nichts los war, überließen sie ihr den hinteren Speisesaal. Martin und Stan kamen früh. Mit zehn Minuten Verspätung kam Harrison auf Krücken herein; er wirkte ausgezehrt.

»Du hast sie nicht mitgebracht?«, fragte Stan.

»Ging leider nicht.« Harrison setzte sich an den Tisch und legte die Krücken auf den Boden. »Ich glaube, sie hat ihr Handy weggeworfen. Und reagiert auch nicht auf E-Mails.«

»Auf meine auch nicht«, sagte Jan.

Das letzte Mal hatten wir sie in der Nacht des Feuers gesehen. Sie hatte sich bereit erklärt, Harrison in die Notaufnahme zu begleiten. Im einen Moment saß sie neben seinem Bett. Im nächsten war sie verschwunden.

Stan fragte: »Glauben Sie, sie tut sich was an?«

Jan schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Das kann sie nicht riskieren«, sagte Harrison. »Wenn sie die Flasche zerbricht, ist nicht klar, was aus dem Vieh in ihr drin wird. Vielleicht fährt es dann in das kleine Mädchen.«

»Aber hätte sie sich nicht wenigstens verabschieden können?«, fragte Stan.

Darauf wusste niemand eine Antwort. Vielleicht waren wir es allmählich leid, diese Abwesenheiten zu verarbeiten.

Harrison goss sich aus einer Thermoskanne auf dem Tisch Kaffee ein. Das Schweigen dauerte an. Doch Jan schien bereit, ihnen Zeit zum Warmwerden zu lassen. Schließlich fragte Harrison Martin: »Neue Brille?«

Martin nickte und nahm die dicken Gläser ab. »Tut mir leid.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen. Ich bin bloß überrascht.«

»Das ist jetzt etwas anderes.« Martin drehte die Brille in seinen Händen. »Vorher hatte ich Angst, sie abzusetzen. Jetzt möchte ich sie benutzen. Zur Verstärkung.« Er lächelte schüchtern. »Ich begreife immer noch nicht, was in der Nacht passiert ist. Wie ich ihre Spur verfolgt habe. Das war doch bloß geraten.«

»Aber ganz und gar nicht«, sagte Jan. »Haben Sie je von Blindsehen gehört?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das Gehirn weiß mehr, als es zu wissen glaubt«, erklärte Jan. »Die Sinneseindrücke, die Sie verarbeiten, erreichen Sie nicht über Ihr visuelles System. Das war nie anders.«

»Dann ist die Brille bloß Beiwerk.«

»Was funktioniert, funktioniert«, sagte Stan.

Nach einem Moment fragte Harrison: »Was ist aus der Kleinen geworden? Geht es ihr gut?«

»Alia ist traumatisiert, aber es geht ihr schon besser.« Jan hatte das Mädchen in einer Kurzzeiteinrichtung untergebracht. Anschließend würde das Jugendamt übernehmen. Jan hatte sich als ihre psychologische Betreuerin beworben.

»Wie haben Sie denen erklärt, wie Sie sie gefunden haben?«, fragte Harrison.

»Ich hab ihnen die Wahrheit gesagt – dass ich zu diesem Haus gefahren bin, um einer Patientin während einer Krise beizustehen. Dann sah ich das Mädchen aus dem Gebäude kommen.«

»Und der ganze andere Kram?«, fragte Martin. »Wenn Alia denen alles erzählt?«

»Dann erzählt sie es eben.«

»Sie könnten Ihre Zulassung verlieren!«

»Das Mädchen geht vor.«

Nach Harrisons Meinung wusste sie gar nicht, wie recht sie damit hatte. Wäre die Gruppe in jener Nacht nicht aufgetaucht, hätte Greta ihr Vorhaben trotzdem durchgezogen – aber dann wäre Alia tot, und Greta wahrscheinlich auch. Und der Verborgene wäre frei. Harrison hatte keine Ahnung, wie das dann ausgesehen hätte.

»Ich glaube, Alia kann das durchstehen«, sagte Jan gerade. »Ich kenne andere, die einen vergleichbar schlimmen Start hatten. Wunden heilen.« Sie lächelte. »Aber im Moment interessiert es mich mehr, etwas von Ihnen zu hören. Zum Abschluss einer Gruppe gibt es normalerweise mehrere Treffen, bei denen wir den Vorgang besprechen können. Ich fürchte, wir haben nur dieses eine. Also. Wer fängt an?«

Als hätte sie fragen müssen. Stan legte mit einer Reihe von Beschwerden über Martin los. Der Knabe wohnte immer noch im ersten Stock, und zwar umsonst, und trotzdem nervte er Stan wegen der Müllhalde im Erdgeschoss.

»In letzter Zeit denke ich viel an Brandschutz«, sagte Martin. »Wisst ihr, dass er in seinem Schlafzimmer nicht mal Platz genug hat, um das Bett richtig aufzustellen. Der Rahmen lehnt an der Wand. Er muss sich da drin festbinden!«

»Alte Gewohnheiten«, sagte Stan.

So ging es fast zehn Minuten weiter, während Harrison Fragen stellte, damit sie nicht aufhörten. Auf lange Sicht war der Streit bedeutungslos, und vielleicht bedeutete er deshalb im Moment so viel. Niemand wollte aufhören zu reden. Niemand wollte das Treffen beenden.

Die Kellnerin kam und räumte die Thermoskanne ab. Ein deutlicher Hinweis, dass sie langsam gehen sollten.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte Jan Harrison. »Irgendwelche Gedanken über die Gruppe?«

»Über eine Sache will ich noch reden.« Harrison griff in die Innentasche seiner Anzugjacke und holte vier Fotografien im Postkartenformat heraus. »Die wurden bei Barbaras Autopsie aufgenommen«, erklärte er Stan und Martin. »Das ist die Karte, die der Scrimshander auf ihrem Körper ausgebreitet hatte.«

Die beiden beugten sich verblüfft über die Bilder. Sie hatten sie ja noch nie gesehen.

»Wir drei, Greta und das Mädchen – Alia«, sagte Harrison. »Alle im selben Netz gefangen.«

»Ich sehe es«, sagte Stan leise. »Seht ihr die Linien?«

»Alia auch«, überlegte Martin. »Merkwürdig.«

»Aber ein Stück fehlt«, sagte Harrison. »Der Scrimshander hat noch ein weiteres Portrait hinterlassen, auf Barbaras Brustbein. Dort haben die Forensiker sie nicht geöffnet.« Er zeigte mit dem Finger in die leere Mitte. »Hier.«

»Wer ist dort?«, fragte Martin. »Barbara?«

»Das habe ich zuerst auch gedacht. Aber Barbara ist die Leinwand – auf gewisse Weise ist sie schon mit dabei. Das ist jemand anders.« Harrison sah Jan an. Sie starrte auf den Tisch und bewegte sich nicht. Hatte sich in der Gewalt.

»Sie haben uns zusammengebracht«, sagte Harrison zu ihr. »Ich glaube, es wird Zeit, dass Sie uns erzählen, wieso. Warum Sie sich für uns in die Schusslinie begeben haben.«

Jan sah auf. »Ich durfte es Ihnen nicht sagen. Es wäre unethisch gewesen. Die Gruppe dreht sich um Sie, nicht um mich.«

»Moment mal«, sagte Stan. »Worum geht’s hier überhaupt?«

Sie fing an, ihnen ihre Geschichte zu erzählen. Harrison hatte sich den größten Teil schon zusammengereimt, aber Martin war erstaunt. Stan, für den ihre Erzählung am meisten Bedeutung hatte, war wie betäubt. Er bekam sie kaum in den Kopf.

Jan redete fast eine halbe Stunde lang. Als sie fertig war, griff sie über den Tisch und legte Stan eine Hand auf den Arm. »Ich muss dir etwas zeigen. Etwas bei mir zu Hause.« Sie sah die anderen an. »Haben Sie alle Zeit für einen kleinen Ausflug?«

***

Martin und Harrison trugen Stan in seinem Rollstuhl die Stufen hinauf und ins Haus. Jan schloss eine Tür auf, die in den Keller führte. Sie machte kein Licht.

»Ich glaube, Stan sollte das allein sehen«, sagte sie zu den beiden. »Ab hier kann ich ihn übernehmen.«

»Sind Sie sicher?«, fragte Martin. »Er ist schwer.«

»Ich bin kräftiger, als ich aussehe.«

Sie ließ Stan eine Stufe hinabrollen, dann zwei. Dann griff sie nach hinten und schloss die Tür hinter sich.

Harrison und Martin wechselten einen Blick und gingen ins Wohnzimmer. Nach einer Weile fragte Martin: »Du möchtest sie wiedersehen, stimmt’s?«

Harrison nickte.

»Sie ist mehrfache Mörderin«, sagte Martin.

»Das stimmt.«

»Aber Dutzende von Menschen. Sie hat zugelassen, dass dieses Vieh sie abfackelt.«

Harrison seufzte. »Ja.«

»Und sie hat das Monster immer noch in sich drin.«

»Trotzdem …«

»Ja«, sagte Martin.

Sie schwiegen für eine Weile. Dann sagte Harrison: »Der Scrimshander hat sich ganz schön viel Arbeit damit gemacht, uns diese Nachricht zu schicken.«

»Was ist denn die Nachricht?«

»Keine Ahnung. Aber das kleine Mädchen ist ein Teil davon.«

»Wovon?«

»Ich glaube, da bahnt sich eine Riesensache an.«

»Himmel.« Martin nahm die Brille ab und massierte seinen Nasenrücken. »Ist das irgendwann auch mal vorbei? Können wir nicht auch einfach mal … gewinnen?«

Harrison lachte leise. Nach einem Moment sagte er: »Als Junge hab ich Fußball gespielt. Das war in San Diego, bevor wir nach Dunnsmouth gezogen sind. Da gab es so eine kleine Bezirksliga, aber ohne Punktetabelle. Also bekam jeder Spieler am Ende der Saison ein Band. Ein blaues Band, auf dem mit goldener Schrift geprägt stand: ›Teilnehmer‹.«

Martin betrachtete die Brille in seiner Hand. »Scheißdreck.«

»Meinen Glückwunsch«, sagte Harrison.

***

Im Keller waren Dr. Sayer und Stan auf dem Zementboden angelangt. Sie hatte noch immer kein Licht gemacht.

Stan starrte in die Dunkelheit. In der feuchten Luft hing ein vertrauter Geruch. Sein Herz schlug schnell. »Du hast dich immer um mich gekümmert. Du warst immer total nett. Niemand von den anderen –«

»Ich habe sie nicht daran gehindert«, sagte Jan.

»Du warst ein Kind.« Er lächelte. »Die Wanze. Und ich hab dich die ganze Zeit für einen Jungen gehalten. Du bist da immer zu mir raufgeklettert …«

»Ich hab immer noch Probleme mit dem Einschlafen. Dann komme ich hier runter.« Sie entfernte sich ein Stück, und dann ging Licht an.

»Oh«, sagte er.

An der gegenüberliegenden Wand bildeten unzählige dicke Seile ein dichtmaschiges Netz, das vom Boden bis zur Decke und von der einen Ecke bis zur anderen reichte. Die Seile waren an Stahlringen festgezurrt, die überall im Boden, in den Holzbalken und den Betonziegelwänden verdübelt waren. Das war die Scheune der Weavers im Miniaturformat.

»Es ist …« Seine Stimme brach. »Es ist perfekt.« Er sah sie an. »Darf ich?«

Sie schob ihn zu dem Netz. Er strich mit dem Stumpf ein Seil entlang. Dann sah er zu ihr rauf, und sie nickte. Sie ging vor dem Rollstuhl in die Hocke, schob ihre Arme unter seine Achseln und hob ihn hoch. Hob ihn problemlos hoch.

Er hängte einen Arm durch eine Masche des Netzes. Sie stemmte ihn höher, damit er die Beine zwischen die Seile bekam. Das Netz barg ihn.

»Nicht zu fest?«, fragte sie.

Er schloss die Augen. »Ich müsste das hassen. Hassen müsste ich es. Aber …«

»Ist schon gut. Wir sind anders als andere Leute.« Sie kletterte hinauf in das Netz, mit vorsichtigen Bewegungen, damit er nicht wackelte. Schob ihre Arme und Beine zwischen den Seilen hindurch, machte es sich neben ihm bequem und flüsterte ihm ins Ohr.

***

Nach vielleicht einer Stunde hörten Harrison und Martin das Rumsen des Rollstuhls auf der Treppe. Jan kam rückwärts aus dem Keller und wendete den Rollstuhl. Stan hing schief darin und wirkte fast betrunken.

»Alles okay mit dir?«, fragte Martin ihn.

»Ich hab ein Nickerchen gemacht«, sagte Stan. »So gut hab ich seit Jahren nicht geschlafen.«

Wir sagten die Sachen, die Leute immer sagen, versprachen, miteinander in Kontakt zu bleiben, machten vage Pläne, uns demnächst einmal wieder zu treffen. Wir fuhren jeder nach Hause und beglückwünschten uns selbst dazu, nun ein bisschen stärker zu sein, als wir vor der Gruppe gewesen waren.

Das war bei Tageslicht. Bei Anbruch der Nacht hatten sich unsere Gedanken dem Versprechen zugewandt, das in Barbaras Knochen eingeritzt stand. Wir machten, was wir vor dem Schlafengehen eben so machten, und versuchten, an etwas anderes zu denken. Harrison goss sich einen letzten Drink ein. Martin schnallte Stan an seinem Bettrahmen fest. Jan ging die Treppe hinunter. Und Greta schloss in irgendeiner Stadt, die uns anderen unbekannt war, die Tür ihres Hotelzimmers hinter sich ab.

Jeder von uns spürte, als wir das Licht ausmachten, ein Prickeln der Furcht.

Aber das war in Ordnung. Das Gefühl war so vertraut wie die Dunkelheit. Einige von uns dachten daran, was Jan im Keller geflüstert hatte; Worte, die Stan für uns beim Abschied wiederholt hatte. Wir sind anders als andere Leute, hatte sie gesagt. Wir fühlen uns nur zu Hause, wenn wir ein bisschen Angst haben.

ENDE

Danksagung

Diese Geschichte hätte ich ohne Dr. Kathleen Bieschke, Psychologin, erfahrene Therapeutin und meine Beta-Leserin seit Tag eins, nie schreiben können. Habe ich schon erwähnt, dass sie meine wunderschöne Frau ist? Vor Jahren hat Kath mich auf die Romane von Irvin Yalom heißgemacht, der in seinem Brotberuf der weltweit führende Experte für kleine Gruppen ist. Er schrieb die Bibel zum Thema, Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie, die ich während der Arbeit an dieser Novelle immer wieder gelesen habe. Alles hier, was Bieschke, Yalom et. al. (et. al., um die bestürzende Anzahl von Psycho-Docs einzuschließen, mit denen ich so rumhänge) zusammenzucken oder den Kopf schütteln lässt, ist nicht ihr Fehler. Sie haben versucht, mir etwas beizubringen, aber manche Gruppenteilnehmer wehren sich gegen Veränderung.

Danke außerdem an meine eigene kleine Gruppe von Mitleidenden, die Autoren, die dieses Buch gelesen und kommentiert haben: Gary Delafield, Jack Skillingstead, Nancy Kress und Dave Justus. Eines Tages schaffen wir es.

Und an Jacob, Jill und die großartigen Leute bei Tachyon: Ihr seid die besten Auf-die-Sprünge-Helfer aller Zeiten!

 

Deutsch von Frank Böhmert

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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