Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (10/11)


Ein Ungeheuer aus Gretas Vergangenheit bedroht die Welt. Mag Dr. Sayer bisher auch daran gezweifelt haben, ob es eine gute Idee war, die Therapiegruppe ins Leben zu rufen – jetzt weiß sie, dass auf sie alle eine gefährliche Aufgabe wartet ...

***

Kapitel 10

Was Schlaflosigkeit betraf, waren wir alle Profis. Wenn man erst einmal weiß, dass es Monster unter dem Bett gibt, ist es eine tollkühne Aktion, die Augen zu schließen. Also tigerten wir herum. Starrten in die Dunkelheit. Lauschten auf das Knarren der sich öffnenden Tür.

Dr. Sayer war da keine Ausnahme. Sie war schon immer schwer eingeschlafen, aber seit Barbaras Tod hatte sich die Situation noch verschlimmert. In diesen zarten Stunden nach Mitternacht war sie sicher, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben. Hätte sie nicht die Gruppe ins Leben gerufen, hätte sie die Mitglieder nicht mit kleinen Schubsern dazu gebracht, sich mitzuteilen, zu reflektieren und zu verarbeiten, dann hätte Barbaras tiefe Trauer vielleicht nachgelassen. Dann wäre sie vielleicht noch am Leben.

Hätten ihre Patienten angefangen, solche Sachen zu sagen, hätte sie gewusst, wie darauf zu reagieren war. Darum sagte sie sich die entsprechenden Sätze in diesen schlafhungrigen Nächten selbst, und manchmal glaubte sie ihnen auch. Dann ging sie runter in den Keller. Doch die Erleichterung währte nicht lang. Manchmal verschwand sie, bevor Jan am Fuß der Treppe angekommen war. Dann ging sie wieder nach oben, schloss die Kellertür hinter sich ab und drehte eine weitere Runde durch ihr Haus.

Harrison hatte recht, sie befanden sich auf keiner Heldenreise. Campbell hatte keine Ahnung von den anderen Geschichten, die es noch gab. Die Gruppe kannte die Wahrheit:

Ein Monster wechselt hinüber in die Alltagswelt. Die Sterblichen kämpfen und beweisen großen Mut, doch vergebens. Das Monster tötet zunächst die Schuldigen, dann die Unschuldigen, bis schließlich nur noch eine Person übrig bleibt. Der letzte Junge, das letzte Mädchen. Es kommt zum Endkampf. Der Letzte wird übel verwundet, besiegt das Monster jedoch im letzten Moment. Erst später begreift er oder sie, dass es sich dabei um die abschließende List des Monsters gehandelt hat; die Narben sind tief, und das Bewusstsein der Wahrheit ist wie eine Infektion. Der Letzte weiß, dass das Monster nicht tot ist, sondern nur auf die andere Seite verbannt wurde. Dort wartet es, bis es erneut in die normale Welt schlüpfen kann. Vielleicht kommt es nächstes Mal als messerschwingender Irrer oder als Bestie mit Reißzähnen oder als irgendein namenloses Vieh mit Tentakeln. Es ist das Monster mit den tausend Fratzen. Die Einzelheiten spielen nur für die nächsten Opfer eine Rolle.

Was die Letzten betrifft, diejenigen, die jede Drehung des Rads überlebt haben, so können sie nur darauf hoffen, dass sie lernen, mit ihrem Wissen zu leben. An den meisten Tagen glaubte Jan, dass sie anderen dabei helfen konnte, das zu schaffen.

Mitten in der Nacht jedoch senkten die Zweifel ihre Klauen in Jans Gehirn und rissen es auf wie eine Orange. Sie hatte Angst, dass sie vor sich selbst etwas verbarg. Wenn sie diese Leute nun verletzte? Wenn sie auf Zerstörung aus war? Wenn sie am Ende doch die Tochter ihrer Mutter war?

Und so war es fast eine Erleichterung, als das Telefon klingelte.

»Dr. Sayer«, sagte Harrison. »Ich brauche Ihre Hilfe.«

***

Harrison war verblüfft, dass Dr. Sayer ihn auf der Veranda erwartete. Sie trug schwarze Jeans und einen dünnen schwarzen Fleecepulli, unter dem ein rotes T-Shirt hervorlugte. Sie hatte die Haare fest zurückgebunden. Es war seltsam, sie in Alltagskleidung zu sehen. Er kam sich vor wie ein Drittklässler, der seine Lehrerin im Supermarkt beobachtet.

Sie stieg ins Auto, und er erklärte: »Sie müssen das nicht machen. Sie können auch einfach anrufen und dann hierbleiben.«

»Es dürfte besser funktionieren, wenn ich mit ihm rede.«

Zugegeben, wenn er Martin fragte, sagte der Bursche glatt nein. »Stimmt. Er kann weder Greta noch mich leiden. Aber auf Sie hört er.«

»Martin hatte Angst vor Greta. Er konnte sie immer gut leiden. Er hat große Fortschritte gemacht. Was ist denn mit Ihrer Hand?«

»Gar nichts.« Er hatte ein beiges Ledertuch darum geschlungen, das er im Handschuhfach aufbewahrte. Er spürte noch immer das Pochen. »Wie lautet Stans Adresse?«

Sie las sie ihm vor, und er tippte sie in das Navi. Während er losfuhr, rief sie schon einmal bei Stan an. Er ging sofort ran, und Harrison konnte seine dröhnende Stimme aus dem Handy hören.

»Könnten Sie Martin wecken?«, fragte Jan. Dann: »Ach so. Gut.« Und dann: »Ich weiß nicht genau, warum.« Sie sah Harrison an. »Harrison meint, wir brauchen Martins Fähigkeiten.«

Sie erzählte Stan einiges von dem, was Harrison ihr erzählt hatte. Sie sagte zu Harrison: »Martin will wissen, ob Sie die Brille haben.«

»Sagen Sie ihm, es ist alles bereit. Er soll sich nur fertigmachen.«

Nach dem Auflegen fragte Jan: »Sie haben einen Plan, ja?«

»Man kann es einen Plan nennen«, sagte er. Als die Schwestern Greta holten, war er ihnen nachgeschlichen, immer schön außer Sicht- und Schussweite. Als er auf der Straße ankam, fuhren sie gerade in einem uralten silbrigen Pontiac davon, einem feisten, klapprigen Gerät. Er rannte nach hinten zur Garage, um seinen Wagen zu holen, doch bis er wieder vorne war, waren die Straßen leer. Er schimpfte mit sich, dann fuhr er zu Gretas Wohnung, nicht weil er glaubte, dass sie dort sein würden, sondern weil ihm kein anderer Ort einfiel, wo er nachsehen konnte. Schließlich rief er Jan an.

Stans Haus erwies sich als zweistöckiger viktorianischer Bau, der von einem Maschendrahtzaun bewacht wurde. Das Haus schien seinen Inhalt in den Vorgarten gekotzt zu haben. Möbelstücke und Gegenstände tauchten geheimnisvoll aus der Schwärze auf.

»Puh«, sagte Harrison.

»Ich sollte wirklich Hausbesuche machen«, sagte Jan.

Die Tür ging auf, und Stan erschien in seinem Rollstuhl, mit Martin hinter sich. Martin schob ihn die Rampe runter in den Garten. Und Stan, dieser durchgeknallte Mistkerl, hatte eine Schrotflinte quer im Schoß liegen.

Harrison sprang aus dem Wagen und ging zum Tor. »Nein, nein, nein, nein, nein.«

»Was?«, fragte Stan.

»Wir brauchen nur Martin«, sagte Harrison. Und nicht … das.«

»Ihr seid hinter irren Sektenmitgliedern her«, widersprach Stan. »Glaub mir, ihr braucht Artillerie.«

»Wir werden auf niemanden schießen«, sagte Jan.

»Was wollen Sie dann tun?«, fragte Stan. »Reden?«

Harrison fiel auf, dass Stan zwei Greifer-Prothesen trug. »Warte mal, seit wann hast du die denn?«

»Ich hab haufenweise welche. Haken, Gummihände, was du willst. Ich benutze sie nur bei besonderen Anlässen. Zum Abdrücken zum Beispiel.«

»Himmel«, sagte Harrison. »Martin, steig ein. Ich bringe Stan zurück ins Haus.«

»Nein«, sagte Martin. »Stan kommt mit.«

»Auf gar keinen Fall.«

»Wir haben es besprochen. Stan gehört zur Gruppe. Und ich brauche ihn, wenn wir das durchziehen wollen. Entweder alle für einen –«

»Oder alle für nichts«, sagte Stan.

Harrison dachte an die Ritzbilder auf Barbaras Knochen. Sie alle zusammen, miteinander verbunden. »Gut. Meinetwegen. Aber ohne Knarre, Scheiße noch mal.«

»Das wirst du noch bereuen.« Stan ließ es zu, dass Martin ihm die Flinte abnahm. Er deutete in eine Ecke des Gartens. »Versteck sie in dem Ofen da drüben.«

Sie verfrachteten Stan auf die Rückbank, und Jan half ihm, sich festzuschnallen. Martin klappte den Rollstuhl fachmännisch zusammen und verstaute ihn im Kofferraum.

»Du hast die Brille?«, fragte er Harrison. »Ich will schon mal anfangen, die Software aufzuspielen.«

»Also, was die Brille betrifft …«

»Du hast gesagt, du hast eine.«

»Uns fehlte die Zeit, bei Radio Shack einzubrechen.«

»Die verkaufen überhaupt kei–«

»Wird schon klappen, Martin. Komm.«

»Wie soll ich ihre Spur aufnehmen, wenn du keine Brille hast!«

»Bitte, steig einfach ein.«

Martin setzte sich auf den Beifahrersitz, und Harrison gab Gas. Um diese Nachtstunde waren auf den Straßen kaum Autos unterwegs, was nicht zwangsläufig hieß, dass auch keine Cops unterwegs waren. Er musste einfach darauf bauen, dass sie nicht angehalten wurden.

»Gefällt mir, der Wagen«, sagte Stan von hinten.

Nach zehn Minuten bogen sie in Harrisons Viertel ein. Boutiquen im Erdgeschoss, schicke Eigentumswohnungen darüber. Harrison stieg auf die Eisen. Stan lachte kehlig.

»Da ist der Eingang zu meinem Gebäude«, erklärte Harrison. »Von der Stelle da aus sind sie losgefahren, vor einer Stunde und fünf Minuten ungefähr. Wie ist deine Reichweite, Martin?«

»Ich hab keine Reichweite. Ich brauch die Brille!«

»Nein«, sagte Harrison. »Brauchst du nicht.«

»Du hast doch keine Ahnung, wie das funktioniert.«

Harrison öffnete die Fahrertür. »Steig aus«, sagte er zu Martin. Der Bursche sah ihn an. »Na los!«

Martin stieg widerstrebend aus. Harrison packte ihn bei den Schultern und stellte ihn vor die Scheinwerfer.

»Du meintest, Greta hat immer Spuren hinterlassen. Wie Rückstände, hast du gesagt.«

»Ja.«

»Dir ist klar, dass man diese Spuren nicht mit bloßem Auge sehen kann.«

»Darum brauch ich ja –«

»Hör mir zu!« Harrison hatte Mühe, den Burschen nicht zu schütteln. »Diese Spuren bestehen nicht aus Photonen. Hardware kann sie nicht wahrnehmen. Software kann sie nicht wahrnehmen. Aber du kannst sie wahrnehmen, Martin. Willst du wissen, warum?«

»Das ist Schwachsinn«, sagte Martin.

»Du hast den Blick«, sagte Harrison. »Das dritte Auge. Den sechsten Sinn.«

»Ich sehe keine toten Leute.«

»Nein, du siehst Schlimmeres. Ich bin schon Menschen wie dir begegnet. Du hast eine Gabe. Du brauchst kein technisches Gerät, damit sie funktioniert.«

»Kommt jetzt die Stelle, wo du mir sagst, ich soll den Zielcomputer ignorieren?«

»Nein – doch. Ja, das ist die Stelle, wo ich dir sage, du sollst den Scheiß-Computer ausschalten. Benutz die Macht, Luke.«

Jan war ausgestiegen. »Was ist los?«

Harrison drehte Martin so, dass er die Straße sah. »Sie sind in dieser Richtung davongefahren. Siehst du die Kreuzung? Sag mir einfach – sind sie nach links abgebogen, nach rechts, oder geradeaus gefahren?«

»Ich sehe überhaupt nichts.«

»Konzentrier dich.« Harrison hielt ihn bei den Schultern fest, als würde er ihn für den Ring bereitmachen. »Stell dir die Rückstände vor.«

»Ich konzentrier mich ja.« Martin starrte die Straße hinunter.

»Links?«, fragte Harrison. »Rechts?«

Martin fuhr herum und stieß Harrisons Hände weg. »Ich hab doch gesagt, ich brauch die Brille!«

»Martin«, sagte Jan leise. »Können wir mal etwas ausprobieren?«

Harrison hob die Hände und trat zurück.

»Raten Sie einfach«, sagte Jan zu Martin.

»Was?«

»Versuchen Sie nicht, die Spur zu sehen. Schauen Sie einfach die Straße hinunter und sagen Sie das Erste, was Ihnen in den Sinn kommt.«

Martin holte Luft. Er straffte die Schultern, starrte auf die Kreuzung und sagte: »Geradeaus.«

»Gut«, sagte Jan.

»Oder vielleicht nach rechts.«

»Nichts zurücknehmen. Bereit? Ins Auto.«

Harrison hielt langsam auf die Kreuzung zu. »Weiterfahren?«, fragte er.

Martin schüttelte den Kopf. »Ich sehe gar nichts.«

Jan beugte sich zwischen die Vordersitze. »Spielt keine Rolle. Einfach weitermachen.«

Harrison warf Jan einen finsteren Blick zu, aber er wusste nicht genau, ob sie es bemerkt hatte. Er fuhr geradeaus und ging an der nächsten Querstraße vom Gas. Martin seufzte, also fuhr Harrison weiter.

Die Ampel an der Madison war rot. Martin rieb sich das Gesicht. Als die Ampel grün wurde, gab Harrison Gas, und Martin sagte: »Oh.«

»Was ist?«, fragte Jan.

»Nichts. Nur … vielleicht hätten wir rechts abbiegen müssen.«

»Harrison?«, fragte Jan.

Er wendete mitten auf der Straße. Ein entgegenkommender Wagen hupte, und Stan hob einen Haken – ließ den Metallschnabel schnacken.

An der Ampel fuhr Harrison nach links auf die Madison in die Richtung, von der Martin irgendwie ansatzweise gedacht hatte, dass sie dorthin mussten. Vielleicht, dachte Harrison, sollten wir das Navi einfach abschaffen und uns ein Ouija-Brett zulegen.

»Sie machen das toll«, sagte Jan.

»Er hat’s voll drauf«, sagte Stan.

Martin wurde allmählich sicherer mit seinen Antworten. Er führte sie durch die Stadtmitte und nach Süden. Falls ihn sein Gefühl nicht trügte, hatten die Schwestern sich von der Interstate und größeren Durchfahrtstraßen ferngehalten, aber Umwege oder im Zickzack waren sie auch nicht gefahren. Sie kamen wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, dass ihnen jemand folgen könnte.

Martin geleitete sie in einen der schäbigeren Bezirke der Stadt: heruntergekommene Mietshäuser, Pfandleihen, einstöckige Backsteinbauten aus den 60ern, die von durchhängenden Maschendrahtzäunen beschützt wurden. Die alten Autos am Straßenrand waren entweder super in Schuss oder Rostlauben, eine Bernoulliverteilung.

Martin zeigte zu einer Lücke zwischen den Gebäuden. »Dort rechts.«

»Da geht’s nur zwischen die Häuser«, sagte Harrison. »Aber okay.«

Er bog in die Wohnstraße ein und fuhr langsam hundert Meter weit, dann brüllte Martin: »Anhalten!«

Der Bursche hatte riesengroße Augen. Er starrte auf die Rückseite eines dreistöckigen Wohnhauses, das aussah, als hätte es in den letzten Jahren leergestanden. »Seht ihr sie nicht? Da rauf.«

Graffiti wucherte wie Kudzu die Backsteinwände hinauf. Die Fenster waren mit Spanplatten zugenagelt, nur im obersten Stockwerk nicht, wo hinter einem offenen Fenster Licht flackerte.

Harrison fuhr langsam weiter. Hinter dem Gebäude standen auf einem winzigen Schotterparkplatz drei Autos. Eins davon war der silberne Pontiac, mit dem die Schwestern davongefahren waren.

»Er kommt jetzt raus«, sagte Martin wie aus weiter Ferne. »Die Flasche ist offen.«

***

Die Flasche ist offen.

Harrison fluchte. Sie kamen vielleicht schon zu spät. »Na schön. Alle bleiben im Auto.«

»Ich komme mit«, sagte Jan.

»Ihr lasst mich nicht außen vor!«, sagte Stan.

»Keiner rührt sich vom Fleck, verdammt!« Harrison schaffte es gerade noch, nicht zu schreien. »Ich bin gleich wieder da.«

Er lief zur Hintertreppe des Gebäudes. Dort befand sich eine rostige Metalltür. Sie war mit einer Kette und einem Vorhängeschloss versperrt.

Er hörte Stimmen und sah nach oben. Aus den offenen Fenstern drangen Gesänge von Frauen in einer fremden Sprache. Gesänge waren nie gut.

Jan tauchte neben ihm auf. »Ich gehe mal rum nach vorne«, sagte er. »Bewachen Sie einfach … diese Tür.« Bevor sie widersprechen konnte, sprang er die Stufen hinunter und rannte um die Ecke. Zwischen den Gebäuden war es eng und stockfinster, die Mauern schienen sich über ihm zu schließen. Er knallte mit dem Knie gegen einen Metallkasten – eine Klimaanlage vielleicht? ein Kühlschrank? – und unterdrückte einen Schmerzensschrei. Quetschte sich an dem Hindernis vorbei und hinkte zum Anfang der kleinen Gasse.

Ein paar Leute kamen auf dem Gehweg in seine Richtung. Er trat zurück in die Schatten, aber eigentlich lag die komplette Straße im Schatten: Der Himmel über den Dächern hatte die Farbe eines Blutergusses, der einzige Lichtfleck stammte von einer weit entfernten Laterne. Drei Frauen, Umrisse in langen Röcken, gingen ein, zwei Meter von ihm entfernt vorbei und unterhielten sich leise. Auf Arabisch? Persisch? Er konnte es nicht sagen.

Holz quietschte. Er riskierte einen Blick um die Ecke. Die Eingangstür des Gebäudes war eine massive Holztafel, deren unterer Rand aussah wie abgenagt. Ein Keil Licht fiel auf den Gehweg und verschwand, als die Tür mit einem weiteren Quietschen geschlossen wurde. Er wartete zehn, vielleicht zwanzig Sekunden, dann hinkte er zum Eingang.

Die Tür saß nicht passgenau im Rahmen. Er beugte sich näher heran, konnte aber drinnen nur einen schwachen Lichtschein erkennen. Die Stimmen der Frauen waren nicht mehr zu hören, auch nicht die Gesänge von vorhin.

Greta lag falsch, was ihn betraf. Er war nie mutig gewesen, nicht mal als Junge. Was er tat, fühlte sich jedes Mal wie eine erzwungene Aktion an, die einzige Möglichkeit, die ihm jeweils einfiel. Und da war er nun wieder, schlich im Dunklen herum und spielte Monsterdetektiv.

Er legte eine Handfläche auf die Tür und schob.

Der Hausflur wurde nur von einer elektrischen Laterne erhellt, die auf dem Fußboden stand. An der einen Wand schimmerten eine Reihe von Hausbriefkästen aus Metall, von denen manche offen standen wie schwarze Mäuler: Aale, die zwischen den Felsen lauerten. Früher hatte einmal eine Tür das Treppenhaus bewacht, aber sie war ausgehängt worden und lag auf dem müllübersäten Boden.

Er hatte gerade drei Schritte in den Hausflur gemacht, als eine Gestalt die Treppe herunterkam: die kleine Frau in dem Kopftuchpulli. Ihr blieb vor Verblüffung der pinke Mund offen stehen. Sie starrten einander eine halbe Ewigkeit lang an, doch es konnte nur ein Moment gewesen sein. Dann kniff sie die Augen zusammen und riss ihren rechten Arm hoch. Ihre Hand war voller Metall.

Er warf sich nach hinten gegen die Haustür. Sie ging ein Stück auf, und er purzelte auf den Zement. Die Schwester kam angerannt, die Pistole in der ausgestreckten Hand.

Er krabbelte rückwärts. »Nicht schießen!« Früher, als er jünger gewesen war, wäre er so dumm gewesen, etwas Geistreiches zu sagen.

Die Schwester blieb gleich vor der Tür stehen, ein Umriss vor dem schwachen Leuchten der elektrischen Laterne. Sie richtete die Waffe auf sein Gesicht.

Er stützte sich rückwärts auf Hände und Füße, eine in der Bewegung erstarrte Krabbe.

Die Frau sah nach links, nach rechts. Er dachte: Vielleicht sieht uns ja jemand! Sie würde ihn doch nicht vor Zeugen erschießen, oder doch? Aber die Straße lag so dunkel da wie zuvor, und auf dem Gehweg war auch niemand.

»Wie hast du uns gefunden, verdammt?« Ihre Stimme war nasal, der Akzent reinstes Brooklyn. Das haute ihn um. Er hatte mit etwas Exotischerem gerechnet.

Sie machte einen Schritt nach vorn. »Nun red schon, du Stück Schei–!«

Die Frau brachte das Wort »Scheiße« nicht zu Ende. Ein schwarzer Umriss kam aus der Dunkelheit rechts von ihr, verschluckte sie und warf sie aus dem Lichtkeil hinaus. Die beiden Gestalten knallten zu Boden und rollten ein Stück, dann noch ein Stück. Der Angreifer klammerte sich an den Rücken der kleinen Frau.

Es war Jan. Sie hatte einen Arm um den Hals der Schwester geschlungen, den anderen um ihre Brust und ihren Arm, drückte die Pistole an ihre Seite. Mit den Beinen umklammerte sie die Hüften der Frau.

Die Schwester versuchte, auf die Füße zu kommen; sie bekam eine Hand unter sich und stemmte sich hoch, doch Jan verlagerte ihr Gewicht und rollte sich auf den Rücken, die Frau fest an die Brust gezogen. Die Schwester wehrte sich, aber der Würgegriff war unerbittlich. Die pinken Lippen der Frau zuckten, während sie versuchte, Luft zu bekommen. Die Pistole entglitt ihren Fingern.

Harrison kam bei ihnen an. »Jan«, sagte er. »Dr. Sayer.«

Das Gesicht der Ärztin war von irgendeiner heftigen Emotion verzerrt. Das Weiße ihrer Augen war fast weg; ihre Pupillen waren schwarz und spiegelten wie Öl.

»Jan! Aufhören. Bitte.«

Die Schwester bewegte sich nicht mehr.

Da erst schien Jan ihn wahrzunehmen. Sie öffnete überrascht den Mund und schob die erschlaffte Schwester von sich hinunter. »Habe ich sie …?«

Er berührte das Gesicht der Frau. »Sie lebt«, sagte er, obwohl er es gar nicht so genau wusste. Einen langen Moment starrte er Jan an, dann hielt er ihr seine nicht verbundene Hand hin. Sie ergriff sie und zog sich hoch. Sie war bestürzend kräftig.

In diesem Moment beantworteten sich mehrere Fragen von selbst beziehungsweise wurden zu einer einzigen Antwort, wie Noten, die sich in einem Akkord auflösten. Er wusste, wer Jan war – und wer sie gewesen war.

Vielleicht sah sie das dämmernde Verstehen in seinem Gesicht. »Nicht jetzt«, sagte sie. »Greta.«

***

Sie zogen die bewusstlose Schwester bis in den Hausflur – Harrison hielt es für das Beste, sie von der Straße herunterzubekommen – und gingen die Stufen hinauf.

Ihr Weg war von Flammen erhellt. Alle fünf, sechs Stufen stand eine Glasschale mit Öl, in dem ein Docht schwamm, aber das unbeständige Licht war fast schlimmer als reine Dunkelheit; die Stufen schienen sich unter Harrisons Schritten zu bewegen. Ein stechender Schmerz in seinem Knie veranlasste ihn zweimal, sich an den schmutzigen Wänden abzustützen.

Jan dagegen hatte offenbar keine Probleme. Sie schob sich an ihm vorbei, und er hatte Mühe, mitzuhalten. Er hatte das Gefühl, unglaublichen Lärm zu machen, während er die Stufen hinaufstapfte und keuchend Luft holte, die nach Duftkerzen und abgestandenem Urin roch.

Er rechnete damit, dass jeden Moment eine Schwester auftauchte und schauen kam, wo Pinkmund abgeblieben war. Er war sich nicht sicher, was Jan dann tun würde – oder er. Er wusste nicht, ob er schon wieder damit klarkommen würde, dass eine Waffe auf seine Stirn gerichtet war.

Im zweiten Stock hörten sie von oben die Gesänge der Frauen. Jan legte noch an Tempo zu. »Warten Sie«, sagte er möglichst leise, doch sie schien ihn gar nicht zu hören.

Er erreichte den dritten Stock. Jan war schon halb den Flur runter. An seinem Ende flackerte Kerzenlicht in einer offenen Tür. Die Gesänge waren jetzt laut, ein Chor, von dem ihm die Haut kribbelte.

Jan kam bei der Tür an und blieb stehen. Einen Moment später holte Harrison sie ein.

Alle im Raum hatten sich umgewandt und sahen sie an.

Ein Dutzend Frauen saßen oder standen um eine freie Fläche in der Raummitte herum. Die große, indianisch aussehende Frau, die Greta geholt hatte, stand dort zwischen zwei Holzstühlen, die einander gegenüberstanden. Auf dem einen saß Greta, auf dem anderen ein junges Mädchen, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Greta hatte sich bis auf ihr Männerunterhemd und die Jungenshorts ausgezogen, und das Mädchen war ähnlich gekleidet, mit einem weißen T-Shirt und Shorts. Auch ihre Haut spiegelte Gretas Haut wider; beider Narben schimmerten und tanzten im flackernden Licht.

Greta hielt die Hände des Mädchens und hatte sich ihr entgegengebeugt. Nun hatten sie sich wie die anderen Frauen umgewandt, um zu schauen, wer sie störte.

Greta sah Harrison an wie einen Fremden. Nein: einen Feind.

»Tu das nicht«, sagte er. »Tu ihr das nicht an.«

Er hatte sich geirrt. Er war davon ausgegangen, dass Greta zu den Schwestern zurückgekehrt war, um ihre Königin zu werden. Stattdessen war sie gerade dabei, ihren Gemahl an die nächste Braut auf der Liste weiterzugeben.

»Raus«, sagte Greta.

Jan sagte: »Greta, bitte …«

»Beide«, sagte Greta. »Raus.« Eine der Frauen auf dem Fußboden ganz in Harrisons Nähe stand langsam auf.

»RAUS!«, schrie Greta.

Dann war er bei ihnen im Raum: Der Verborgene zeigte sich, kam wabernd in die Welt. Jemand kreischte. Harrison riss die Hände hoch, um seine Augen zu schützen, aber es war eine tierhafte Geste, die gegen das Nicht-Licht, das aus dem Verborgenen loderte, nichts ausrichtete. Es handelte sich um keine »Feuerkreatur«. Das war, wonach das Feuer strebte. Die Hitze, vor der Flammen sich fürchteten.

Das Vieh kam herangestrudelt wie ein Wirbelwind. Harrison riss Jan nach hinten in den Hausflur. Das Wesen blieb auf der anderen Seite der Türschwelle.

Die Tür knallte zu. Und dann begannen die Frauen auf der anderen Seite erst richtig zu kreischen.

Jan brüllte Gretas Namen. Harrison riss sie zurück. Die Tür erbebte im Rahmen; glühende Löcher ploppten im Holz auf wie winzige Meteoriteneinschläge.

»Wir müssen hier weg!«, rief Harrison. »Er bricht aus –«

Die Tür explodierte. Brennende Holzsplitter trafen seine Haut. Er packte Jan beim Arm und zerrte sie zur Treppe. Flammen jagten an ihnen vorbei die Wände entlang. Ein Brüllen erfüllte seinen Kopf, und er wusste nicht, ob es das Tosen des Feuers war oder die Stimme dieses Wesens.

Das Treppenhaus war frei. Sie warfen sich die Stufen hinunter, und Harrison schaffte es kaum, auf den Füßen zu bleiben, er stolperte über die Öllampen, und kleine Flammen hüpften voraus in die Dunkelheit. Bei jeder Kehre krachten die beiden gegen die Wände und gegen die Schultern des anderen.

Dann fand sie das Feuer. Flammen liefen über den abblätternden Anstrich, und im nächsten Moment war das Treppenhaus ein Hochofen. Sie zogen die Köpfe ein und rannten, Harrison schob Jan mit einer Hand auf ihrem Rücken vorwärts. Rauch wälzte sich an ihnen vorbei. Harrison konnte nichts sehen. Er wusste nicht mehr, wie viele Stockwerke sie schon geschafft hatten. Irgendwo über ihnen brannte Gretas Gemahl das Haus nieder.

Ein Schachzug bleibt mir noch. Er hatte alles falsch verstanden. Zuerst hatte er geglaubt, sie würde ihre Königin werden, ihre Tante Greta. Dann hatte er gedacht, sie wollte den Verborgenen in die neue Braut hinübermanövrieren. Aber das konnte Greta gar nicht. Das konnte sie keinem anderen kleinen Mädchen antun. Also musste sie zu Ende bringen, was sie vor Jahren angefangen hatte – und sicherstellen, dass die Schwestern das hier nie wieder jemandem antun konnten.

Jan fiel auf die Knie, dann griff sie nach hinten und riss ihn hinab. »Unten bleiben!«, rief sie.

Sie krabbelte weiter – nur war »Krabbeln« das falsche Wort. Sie flitzte voran, auf Handflächen und Fußspitzen. Und total schnell. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der sich auf diese Weise fortbewegen konnte.

Sie befanden sich jetzt auf einer ebenen Oberfläche. Er fiel immer wieder zurück, dann hielt sie an und streckte die Hand nach ihm aus. Sie berührte ihn am Gesicht oder an der Schulter, dann warf sie sich wieder vorwärts.

Der Rauch hüllte sie ein. Er sah nicht mehr die Hand vor Augen, geschweige denn Jan. Er musste husten, und seine Augen tränten heftig. Die Hitze war wie ein Gewicht, das ihn zu Boden drückte.

Jan hielt an und rief etwas zu ihm nach hinten. Sie brauchte mehrere Versuche, bis er begriff, dass der Weg versperrt war. Er kroch neben sie und berührte heißes Metall: die Hintertür des Gebäudes. Die mit dem Vorhängeschloss. Aber wieso waren sie hinten gelandet? Der Hauseingang hätte direkt vor ihnen sein müssen. Irgendwie hatten sie ihn verpasst und eine Kurve zu viel genommen.

Jan fing an, gegen die Tür zu hämmern. Er machte mit, schlug mit der Seite seiner Faust dagegen, doch seinen Schlägen fehlte die Kraft. Wieder musste er husten, und plötzlich bekam er die Arme nicht mehr hoch. Er ließ sich flach auf den Boden fallen und versuchte, Sauerstoff zu finden.

Voll seltsam. Sein Leben lang war er davon ausgegangen, dass er im Wasser sterben würde. Als Kleinkind war er einmal beinahe ertrunken und bis zu einer sehr schlimmen Nacht in Dunnsmouth nie wieder ins offene Wasser gegangen. Doch nachdem er diese Nacht überlebt hatte, war er immer sicher gewesen, dass ihn das Meer eines Tages in die Dunkelheit ziehen würde. Tod durch Feuer war ihm nie in den Sinn gekommen.

Jan hämmerte noch immer. Oder vielleicht wollte auch von draußen jemand rein. Tut mir leid, dachte er. Kommen Sie später wieder.

Wind und Hitze rasten an ihm vorbei. Dann spürte er Hände auf seinen Armen, und er wurde aus dem Gebäude gezerrt, hinaus auf den Parkplatz.

»Hey, Martin«, sagte er. Oder versuchte, es zu sagen. Ein Atemzug, und er wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Martin stand über ihm, den Wagenheber immer noch in der Hand, während Harrison sich auf die Seite rollte und versuchte, seine inneren Organe auf den Schotter zu husten.

***

Das Gebäude brannte lichterloh. Jede Fensteröffnung war eine Opernloge voller wild applaudierender Flammen.

»Ich konnte Jan sehen«, sagte Martin. »Hinter der Tür.«

»Danke.« Harrison stützte sich auf die Ellbogen, hustete erneut.

»Aber Greta …«, sagte Martin. »Ich glaube, sie ist immer noch da drin.«

Jan setzte sich ein, zwei Meter entfernt auf und sah zum Gebäude. Ihre Augen glänzten. »O Gott.«

Harrison verdrehte sich, um ihrem Blick zu folgen. Die Tür, hinter der sie eingesperrt gewesen waren, stand weit auf, und das Innere waberte orange und gelb. Zwei Umrisse kamen durch die Flammen den Korridor hinab.

Nein, nicht durch. Die Flammen teilten sich um sie herum.

Greta und die neue Braut traten Hand in Hand aus dem Hauseingang. Sie waren unversehrt. Das blühende Leben.

Kaum draußen, stolperte Greta und richtete sich wieder auf. Das Mädchen sah besorgt zu ihr hoch.

Greta wandte sich um. Das Gebäude schien von neuer Hitze anzuschwellen wie ein großes Untier, das Luft holte. Und es war ein Untier. Das Wesen schüttelte stolz die Wände, brüllte aus jedem Fenster. So groß! So mächtig!

Dann: Eine Explosion schleuderte Harrison zur Seite, erschütterte den Boden. Schutt regnete herab. Als er wieder nach oben sah, erbebte das Gebäude. Dann Donnerschläge. Tragende Wände gaben nach, Stockwerke stürzten ein.

Greta und das Mädchen standen noch, sahen zu dem Haus. Greta breitete die Arme aus.

Feuer brach aus jedem Fenster. Flammenströme bogen sich durch die Luft auf sie zu, und in der nächsten Sekunde war sie verschluckt.

Er versuchte zu rufen, aber seiner Lunge fehlte die Luft.

Sie loderte. Sie loderte, im Feuer verloren. Und dann war das Feuer in ihr drin.

Greta öffnete den Mund, und dort glühte die Flamme. Ihre Augen waren voller Licht. Neben ihr schrie das Mädchen auf. Greta hob eine Hand, als wollte sie sagen: Gib mir noch einen Moment. Dann schloss sie den Mund und dann ihre Augen. Versiegelte die Flasche.

Greta fiel auf die Seite. Einen Moment später war Jan bei ihr, kniete sich auf den Schotter. »Sie atmet«, rief sie zu ihm nach hinten. Er nahm an, dass es stimmte. Jan konnte nicht so gut lügen wie er.

Hinter ihm sagte jemand: »Verflucht noch eins.« Stan saß auf der Motorhaube des silbernen Pontiacs. Mit seinen Beinstummeln sah er aus wie ein kleiner Junge, der dorthin gesetzt worden war, damit er sich das Feuerwerk ansehen konnte.

Harrison kam auf die Füße. Verflucht noch eins traf es ziemlich gut.

Das kleine Mädchen, das Braut hatte werden sollen, sah auf Greta hinunter und dann nach hinten zum Gebäude. Es brannte immer noch, aber jetzt war es ein ganz gewöhnlicher Brand, der nur Sauerstoff und brennbare Materialien verzehrte. Die Toten einäscherte. Wie viele davon waren Angehörige der Kleinen gewesen? Eine wahrscheinlich ihre Mutter. Und Greta – die das Vieh in ihrem Inneren losgelassen hatte – war ihre Mörderin.

Das Gesicht der Kleinen war wie versteinert. Noch eine einzige Überlebende, dachte er. Noch ein Opfer. Und noch eine Kandidatin für eine Langzeittherapie.

In der Ferne heulten Sirenen. Harrison wandte sich zu Martin um und fragte: »Kannst du fahren?« Seine Stimme war ein Krächzen.

»Ähm …«

»Dann starte wenigstens den Motor. Der Zündschlüssel steckt. Und setz Stan wieder hinten rein.«

Harrison ging zu Jan und kauerte sich hin. »Wir müssen Greta und die Kleine hier wegschaffen. Ich helfe Greta. Wenn Sie vielleicht …?« Er nickte zu dem Mädchen hin.

Jan stand auf. »Sag mir, wie du heißt, Kind.«

»Alia.«

»Wir müssen gehen, Alia. Begreifst du das?«

Sie nickte. Jan streckte ihre Hand aus, aber die Kleine wollte sie nicht nehmen. Nebeneinanderher gingen sie zu Harrisons Auto.

Greta starrte zu ihm herauf. »Hab ich sie alle erwischt?«

Er sah zum Gebäude. »Sieht ganz so aus.«

Sie holte Luft. »Gut.«

Er griff nach ihr, zögerte, berührte sie dann am Ellbogen. Ihre Haut fühlte sich fast kalt an. Sie ließ es zu, dass er ihr aufhalf.

»Du solltest fahren«, sagte Greta. »Kümmere dich um Alia.«

»Im Auto ist Platz für uns alle.«

»Ich bin eine Mörderin. Wieder.«

»Jeder wird mal rückfällig.«

»Keine Sprüche jetzt.«

»Entschuldige«, sagte er ernst.

Beim Wagen beugte Martin sich gerade vor, damit Stan auf seinen Rücken steigen konnte. Jan geleitete Alia zu Harrisons Coupé. Sie hatten das Auto gerade erreicht, da zerplatzte neben Alias Kopf die Seitenscheibe. Das Mädchen schrie auf.

Noch jemand brüllte. Harrison wandte sich um. Eine Frau schleppte sich in ihre Richtung. Sie zog ein Bein hinter sich her, und was sie noch an Kleidung trug, sah aus wie festgebacken. Ihre Haare waren fast komplett weggebrannt, aber er erkannte sie trotzdem. Wieder schrie sie und hob zum zweiten Mal die Hand. Sie zeigte genau auf Alia.

Er rannte auf die Frau zu und versuchte, seine Körpermasse zwischen die Pistole und das kleine Mädchen zu bringen. Er hörte einen Knall, spürte ein Stechen im linken Oberschenkel und stolperte.

Er richtete sich auf und breitete die Arme aus, um ein möglichst großes Ziel abzugeben. Sein Blickfeld begann zu verschwimmen. Die Frau mit den pinken Lippen war drei Meter vor ihm. Er bezweifelte, dass sie aus dieser Entfernung danebenschießen würde.

Als der nächste Schuss krachte, war er viel lauter, als Harrison erwartet hatte. Dann noch ein Schuss. Und noch einer.

Die Frau ruckte nach hinten, fiel um. Sie bewegte sich nicht.

Harrison fuhr herum, und fast hätte sein Bein nachgegeben. »Scheiße noch mal, Stan?«

Stan ritt auf Martins Rücken wie ein kleiner Junge. Ein Haken stabilisierte den Lauf einer Pistole, der andere war um den Auslöser gehakt.

»Ich hab doch gesagt …« Harrison blinzelte, um den Kopf wieder klarzukriegen. »Keine … verfluchten …« Er begann, zur Seite zu kippen, erst langsam, dann sehr schnell. Hart schlug er auf dem Schotter auf. Sein linkes Hosenbein hatte eine ganz andere Farbe als sein rechtes, fiel ihm auf. Vom Blut möglicherweise. Höchstwahrscheinlich.

Herrgott noch mal, dachte er. Hätte sie nicht das Plastikbein treffen können?

Er wollte es laut sagen, doch die Worte entglitten ihm, und kurz darauf verlor er das Bewusstsein.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Das letzte Kapitel 11 wird am 5. März veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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