Das LWL-Museum für Archäologie in Herne – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 11)

KOLUMNE

Das LWL-Museum für Archäologie in Herne – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 11)


Grabungsstätte, Forschungslabor und Lovecraft-Lesungen: Autorin Diana Menschig besucht für uns nerdige Orte – und macht sich heute auf den Weg zum LWL-Museum für Archäologie.

 

Auf Indiana Jones’ Spuren – LWL-Museum für Archäologie in Herne (NRW)

Koordinaten: 51° 32′ 10″ N, 7° 13′ 31″ O

 

Das LWL-Museum in Herne ist (noch) ein Geheimtipp für Phantastik-Fans. Schon das Gebäude* ist die erste Überraschung, ist es doch von außen viel kleiner als das Museum im Inneren. Ein großer Teil der Dauerausstellung liegt nämlich unterirdisch.

Wer nun alte Knochen und Münzen in Vitrinen erwartet, wird nicht enttäuscht – die gibt es. Aber damit erschöpft sich das Klischee des verstaubten Museums. Den Empfangsbereich bildet ein steinzeitlicher Urwald, der sofort Assoziationen an Ents oder Bowtruckles lebendig werden lässt. Später lässt sich an einigen Wegpunkten ein virtueller „Geist der Vergangenheit“ wecken, ein bisher einmaliger interaktiver Wissensvermittler, der die Jagd nach Pokémons alt aussehen lässt. Weiterhin widmet sich die Ausstellung unerwarteten Themen wie Schrift, Waffen- und Kriegskunst oder Archäologiegeschichte und zeigt deren Entwicklung in verschiedenen Medien durch die Jahrtausende auf. Die Fläche ist in verschiedene, ineinander übergehende Bereiche mit begehbaren Würfeln unterteilt, so dass sich hinter jedem Winkel etwas entdecken lässt. Dabei locken visuelle oder akustische Reize. Beispielsweise schallt ein laszives Stöhnen aus einem Cubus, in dem es dann – weniger überraschend – um Erotik geht.

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Das LWL-Museum für Archäologie in Herne

Phantastische Tierwesen und wo sie WIRKLICH zu finden sind

Herumstehende Stahlkisten mit Fundstücken lassen den Eindruck entstehen, sich auf einem aktiven Grabungsgelände zu befinden und kurz vor der Entdeckung eines neuen alten Schatzes zu stehen. Ein „echtes“ Grabungsgelände befindet sich im Außenbereich des Museums und ist in Workshops beackerbar. Dinosaurier- oder gar Drachenknochen wurden allerdings bisher nicht gefunden.

Ein Forschungslabor gibt Einblick in die Arbeit der Archäologie. In diesem Labor wird ebenfalls nicht mit witzigen Details gespart, so dass auch hier, getreu dem Slogan des Museums, das „Entdecken“ möglich ist. Zum Labor später noch mehr.

Wer bei Archäologie an H.P. Lovecraft und seinen Cthulhu-Mythos denkt, wird an diesem Ort nicht enttäuscht. Unter dem Motto „Kosmischer Horror im Museum“ findet seit Anfang 2019 eine Reihe mit stimmungsvollen Lesungen statt, die in die verstörende Welt der Großen Alten entführt. Auch die „Museumsnacht“ am 22. März 2019 steht ganz im Zeichen des Phantastischen. Zu Lesungen und Führungen über phantastische Tierwesen und wo sie wirklich zu  finden sind, gibt es auch thematisch passende Brett- sowie Pen&Paper-Rollenspiele vom Spielezentrum Herne, der Institution schlechthin, die mindestens den Gästen der Spielemesse Essen bekannt sein dürfte. Wenn das Nerd-Herz da nicht höherschlägt …?

Bei der „Extraschicht“ am 29. Juni 2019 folgt dann eine Zugabe.

Das LWL-Museum für Archäologie in Herne – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 11)

Skelett-Forschungslabor

Historisches Glasperlendrehen und mittelalterliche Buchgestaltung

Ob als Recherche für AutorInnen oder unterhaltsames Hobby: Das ganze Jahr über gibt es Workshops, bei denen weitmöglichst Wert auf historische Genauigkeit gelegt wird. Angebote wie die Herstellung eines steinzeitlichen Feuerzeugs, mittelalterliche Buchgestaltung oder das Glasperlendrehen sind ausdrücklich kein „Kinderkram“, sondern richten sich an Jugendliche und Erwachsene.

Eher gruselig, obwohl in sanftes blaues Licht getaucht, ist die Präsentation altertümlicher Speere. An den Wänden dahinter finden sich die Handabdrücke der grausam dahingemetzelten Opfer – nun ja, fast. Tatsächlich handelt es sich um Abdrücke von MuseumsbesucherInnen, deren Hautsäure mit der Eisenwand reagiert und Spuren hinterlassen hat. Aber wegen dieses schön gruseligen Effekts hat das Museum die Abdrücke nicht entfernt.

Das LWL-Museum für Archäologie in Herne – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 11)

Speerspitzen mit Handabdrücken

Ein echtes Einhorn-Skelett

Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet das bereits erwähnte Forschungslabor. Spätestens hier wird deutlich, dass es nicht nur um die archäologischen Funde, sondern auch um die Darstellung der archäologischen Arbeit geht. Die Datierung und Bestimmung von Fundstücken erinnert dabei nicht zufällig an forensische Arbeit, gibt es doch in beiden Bereichen Überschneidungen wie zum Beispiel die DNA-Analyse oder die Rekonstruktion von Gesichtern. So kommen sicherlich auch Krimi-Fans auf ihre Kosten. Ein Skelett zum Anfassen ist vorhanden, auch sonst ist vieles zum Mitmachen und Ausprobieren gedacht. Wer allerdings fehlt, ist der verrückte Wissenschaftler.

Das LWL-Museum für Archäologie in Herne – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 11)

Museumsmitarbeiter Kai Bernhard im Forschungslabor

Abgerundet wird das Gesamtangebot von wechselnden Ausstellungen. So konnte im letzten Jahr (2018) zur Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ ein echtes Einhorn-Skelett (?!) bewundert werden. Diese wirklich sehenswerte Ausstellung ist bis Mai 2019 übrigens nach Hildesheim ins Roemer- und Pelizaeus-Museum weitergewandert.

Im Herbst dieses Jahres entführt das LWL-Museum** mit der Sonderausstellung in die Zeit der Pest, wobei die Darstellung der Epidemien, ihrer Bekämpfung oder beteiligter Ratten sich sicherlich nicht auf ein paar Schautafeln beschränken wird. Bleibt bei diesem Thema allerdings zu hoffen, dass der Gruselfaktor nicht von den zu Pestzeiten stark verbreiteten Flöhen oder Läusen herrührt …

 

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* Genau wie Kunst und Literatur ist Architektur Geschmacksache. Mich spricht das Gebäude offen gestanden mit seiner funktional quadratischen Architektur eher mittelmäßig an und erinnert mich – obwohl preisgekrönt – an Kindergartenbauten aus den späten Achtzigern. Zur „Extraschicht“, dem großen Pottkultur-Event, wird das Museum mit Tentakeln aufgehübscht. Auf jeden Fall ein optischer Gewinn.

** LWL steht für Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Anm. d. Red.).

 

Stand der Angaben: 1. Quartal 2019

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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