Das HR Giger Museum in Gruyères – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 10)

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KOLUMNE

Das HR Giger Museum in Gruyères – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 10)


In Gruyère gibt’s mehr als Käse: Das HR Giger Museum in Gruyères (Kanton Freiburg/ Schweiz)

Koordinaten:             46° 35′ 2,4″ N, 7° 4′ 56,6″ O

 

Tief im Westen der Schweiz, jenseits des Röstigrabens versteckt sich hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwer… nein, ganz so weit ab von Schuss liegt Gruyère nun doch nicht. Aber in der Gegend überwiegt – nun, Gegend. Wellige Hügel und graue Felsriesen am Horizont rahmen kleine Orte samt Wiesen voller Kühe oder Schafe an malerischen Wäldchen und plätschernden Bächlein ein.

Die mittelalterliche Altstadt von Gruyère mit einem hervorragend erhaltenen Schloss, dessen Grundmauern bis ins 11. Jahrhundert wurzeln, setzt dieses Übermaß an Schweizer Klischee konsequent fort. Am Ortseingang eine Schokoladen-Manufaktur, dahinter Andenkenläden mit »German Scherenschnitt«, und über allem der leicht verbrannt anmutende Duft von Käsefondue.

Und inmitten dieser ganzen Idylle, kurz vor dem Tibet-Museum, an dem friedlich-bunte buddhistische Gebetsfahnen flattern, die Aliens.

Das HR Giger Museum in Gruyères – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 10)

Der Besuch des Museums beginnt scheinbar harmlos. Der Eingangsbereich wird von Guardian Angels bewacht, deren Köpfe zwar entfernt an ein außerirdisches Wesen erinnern, deren Wirbelsäule jedoch viel interessanter ist: sie besteht aus einem Saxophonkorpus. Neben dem Replikat des für den Korn-Sänger Jonathan Davies entworfenen Mikrophonständers war es das aber mit musikalischen Bezügen, obwohl Giger gerade in den Zeiten, in denen Schallplatten-Cover noch eigene Kunstwerke waren, nicht wenige gestaltet hat, beispielsweise für Danzig, Debbie Harry oder die Dead Kennedys, zuletzt für Triptykon.

Hans Rudolf Giger muss ein äußerst charmantes Kind gewesen sein. So baute er im elterlichen Flur Geisterbahnen mit Geistern aus Gips. Später hatte der Apotheker-Sohn aus Chur, dessen Eltern ihn mit den Initialen des Vaters (Hans Richard) bedachten, damit man die Buchstaben nach Übernahme der elterlichen Apotheke nicht ändern müsse, vom Leben ganz andere Vorstellungen, als für seine Landsleute Rezepte einzulösen und Pülverchen zu mischen. Er begann zu malen, experimentierte mit verschiedenen Materialien und Techniken (z. B. Airbrush). Lange bevor Cyborgs so richtig in Mode kamen, machte er sich einen Namen mit Motiven, die in verstörender Weise Symbiosen von Mensch und Technik zeigen, dazu Überbevölkerung, Zerstörung und Krieg oder Tod und Vergänglichkeit thematisieren. Giger hatte nachweislich ein großes Interesse an Waffen oder, allgemeiner gesprochen, der mechanisierten Zerstörung – wobei wohl kaum ein Künstler in den Sechzigern, also zur heißen Zeit des Kalten Krieges, um diese Thematik herumkam. Doch Giger ist während dieser Zeit in seinen Werken und den von ihnen kreierten Biomechanoiden regelrecht aufgegangen, wobei sich schon in früheren Werken Bezüge zur Welt von H.P. Lovecraft zeigen.

Das HR Giger Museum in Gruyères – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 10)

Mit einem Anruf aus Ridley Scotts Team im Jahre 1977 begann dann der Weg zum Weltruhm von Gigers größter Schöpfung, und zwar von nicht irgendeinem, sondern DEM Alien.

Beim Besuch des Museums wäre ist nicht einmal unbedingt nötig, den Film zu kennen. Im »Alien-Raum« einer »lebensgroßen« Statue dieser nahezu perfekten Tötungsmaschine gegenüberzustehen, ist beeindruckend. Dabei kann von »Auge in Auge« keine Rede sein: Das Alien, dem ein US-amerikanischer Basketballspieler Modell gestanden haben soll, blickt aus gut 2,20 Metern Höhe auf die Menschen herab. Allein das Maul mit seinen mehreren Zahnreihen lässt jeden Hai alt aussehen.

Dazu wird das Alien von Facehugger-Bildern an den Wänden umrahmt. Allerspätestens hier wird noch einmal der Einfluss des lovecraftschen Werks auf Gigers Schaffen deutlich.

Die Kombination von Biologie und Technik zu »Biomechanoiden« bleibt im Museum vorherrschend und setzt sich auch in der angrenzenden Bar fort, in der die Gäste auf erstaunlich gemütlichen Sesseln sitzen, die für Dune – Der Wüstenplanet designt, aber nie realisiert wurden: Der Harkonnen Stuhl ist eine Kombination aus Wirbelsäule, Beckenknochen (modelliert aus Beton) und Kabelsträngen (weicher Kunststoff). Die Bar ist durchaus verstörend, aber auch für sensible Gemüter zu ertragen, da die Faszination überwiegt. Der eigentliche Horror besteht für Touristen im Zahlen der schweizer Preise.

Giger hat die die Museumsräume in Gruyère selbst ersteigert und eingerichtet. Der Grund für den Standort, außer dass dieser Schlossteil einfach zum Verkauf stand, ist nicht genannt worden, er selbst lebte in Zürich und soll dort in seinem Wohnhaus weitere Kuriositäten erschaffen haben. Unter anderem soll dort ein »Monsterzug« herumfahren, wie er im Film Species (1994) zu sehen ist. Ein solcher sollte in Anlehnung an seine Geisterbahn-Passion auch in Gruyère gebaut werden, konnte jedoch vor seinem Tod nicht mehr verwirklicht werden (wobei auch nicht klar ist, wie begeistert (!) die »normalen« Gruyère Touristen von dieser Idee gewesen wären).

Giger, zeit seines Lebens offenbar von einigen inneren Geistern getrieben, hatte unter anderem Angst vor bodenlosen Räumen und Treppen. So findet sich im Museum auch ein an MC Escher erinnerndes Bild von Treppen, die über Untiefen führen. Und umso ironischer, dass Giger 2014 Verletzungen erlag, die er sich nach einem … na? Treppensturz zuzog. Wieder einmal so ein Zufall, bei dem Verlage wild kopfschüttelnd ablehnen würden, käme ein/e Autor/in mit so einer Idee für einen Roman. Aber Realität darf so etwas.

Apropos Realität. Vom obersten Stockwerk des Museums aus bietet sich noch einmal ein großartiger Ausblick auf Alt-Gruyère. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, was eigentlich gruseliger ist: das Alien im Hintergrund oder diese akkuraten und von perfekter Idylle strotzenden  Hausfassaden?

 

Stand der Angaben: 3. Quartal 2018

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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