Die Pfahlbauten in Unteruhldingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 9)

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KOLUMNE

Die Pfahlbauten in Unteruhldingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 9)


Es gibt einfach Orte auf dieser Welt, die ein waschechter Nerd besucht haben muss. Autorin Diana Menschig macht sich auch heute auf den Weg: zum Pfahlbaumuseum nach Unteruhldingen.

Stonehenge am Bodensee? Die Pfahlbauten in Unteruhldingen (BW)

Koordinaten: 47° 43′ 32,8″ N, 9° 13′ 38,7″ O

Der Winter im Jahre 1854 war ausnehmend trocken und ließ die Wasserstände vieler Schweizer Seen drastisch sinken. Und so entdeckten die Menschen eines Tages Pfähle, die bis dahin unter der Wasseroberfläche verborgen geblieben waren.

Pfahlbauten lassen sich im gesamten Alpenraum nachweisen und gehören heute zum UNESCO-Welterbe. Und im Gegensatz zu Atlantis handelt es sich hier um echte untergegangene Zivilisationen, die dennoch die Phantasie beflügeln. Warum siedelten die Menschen zwischen Stein- und Bronzezeit (4.000 bis 850 v. Chr.) im Wasser?

Doppelte Zeitreise

Einige Eindrücke und Antworten gibt das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen am Nordwestufer des Bodensees. Es ist in doppelter Hinsicht eine Zeitreise: zum einen in die frühe Siedlungsgeschichte der Menschen, zum anderen in die Geschichte der Archäologie des 20. Jahrhunderts. Die ersten Nachbildungen der Häuser wurden vor fast einhundert Jahren, genauer 1922, errichtet. Damals tobte unter den Forschern noch der Pfahlbaustreit, also die Frage, ob die Siedlungen im Wasser gebaut worden waren, also nur bei extrem niedrigen Pegel auf dem Trockenen standen, oder am Wasser, was hieße, sie wären nur bei Hochwasser vom Land abgeschnitten/ nur per Steg oder Boot erreichbar. Nach rund 150-jähriger Forschung gilt als sicher, dass lediglich die Wasserpfahlbauten, also von Wasser umgebene Plattformen mit einem ganzen Dorf darauf ins Reich der romantisch verklärten Phantasie gehören.

Trotz zunehmendem Wissen und bestmöglicher Präzision bleibt ein Teil der Rekonstruktion Spekulation. Selbstverständlich bemüht sich die Forschung, anhand von Wahrscheinlichkeiten und der Kombination verschiedener Disziplinen wie Archäologie, Geologie und Biologie um bestmögliche Ergebnisse, doch solange keine Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sind oder ein vollständig erhaltenes Haus im Schlamm eines Alpensees auftaucht (wortwörtlich), bleibt es ein Ratespiel.

Die Pfahlbauten in Unteruhldingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 9)

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Mysteriöse Hügeli

Wild spekuliert wird unter Forschenden und Laien derzeit über eine geheimnisvolle, nicht natürliche Felsformation, die im Herbst 2018 genauer erforscht werden soll. 2015 entdeckten Geologen das „Stonehenge“ am Bodensee, eine circa zehn Kilometer lange gerade Linie von hundert oder mehr „Hügeln“ (oder schweizerisch: „Hügeli“) mitten im See. Sie verläuft circa dreihundert Meter vom Ufer entfernt zwischen Uttwil und Güttingen und umfasst geschätzte 150.000 Tonnen Steine, die die Menschen damals bewegt haben müssen. Warum?

Ein prähistorisches Rätsel der Superlative. Als Erbauer gelten die Pfahlbausiedler als wahrscheinlich, ebenso war vermutlich Holz in der Konstruktion verbaut, das im Laufe der Jahrtausende verrottete. So weit die Fakten. Eine Untersuchung des „Hügeli Nr. 5“ soll nun im Winter 2018 Aufschluss geben. Hoffentlich lebt er nicht …

Ernsthaft. Noch ist alles möglich: Der Versuch einer künstlich angelegten Uferbegradigung, Fischzuchtbecken, Verteidigungsanlage, Wege, eine Kultstätte, eine Siedlung im Wasser, aufwendig aufgeschichtete Scheiterhaufen oder Gräber?

Was bewegte die Menschen, einen solchen Kraftakt zu unternehmen? Götterverehrung? Huldigung der Stammesfürsten? Was es ein Akt der Not oder eine freiwillige Leistung? Die Anstrengung war nicht übermenschlich, dennoch muss mit der Errichtung eine gewaltige Kraft- und Zeitinvestition einhergegangen sein. Entsprechend müssen die Hügel, und was auch immer auf, unter oder in ihnen noch getan wurde, große Bedeutung gehabt haben. War das Bauwerk am Ende nur der Anfang von etwas Größerem, das nie fertiggestellt wurde, weil die geologischen oder meteorologischen Verhältnisse sich geändert hatten? Weil Arbeitskräfte ausgingen oder der Nachbar wieder einmal die Siedlung überfallen hatte? War es ein Werk einer einzelnen Sippe oder von Sklaven oder ein großes völkerverständigendes Projekt? Steinhügel- statt Pfahlbauten für schöneres oder sichereres Wohnen? Ein Palast auf dem See?

Die Pfahlbauten in Unteruhldingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 9)

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Sogar wenn komplett absurde Ideen wie die Beteiligung von Außerirdischen (über die beim Bau der Pyramiden, der Erschaffung der Nazca-Linien oder der Entdeckung des Feuers gern spekuliert wird) außen vor bleiben, wird an diesem Beispiel klar: Wir wissen eigentlich nur, dass wir nichts wissen. Hier beginnt das Reich des Phantastischen, der unmöglichen Möglichkeiten, die sich aus einer Realität heraus ergeben, die wir nicht kennen, sondern zu kennen glauben.

Ötzis Persönlichkeitstest

Exkurs: Der bekannteste und am besten erforschte prähistorische Mensch ist zweifelsohne „Ötzi“, die Mumie, die im alpinen Nirwana am Tisenjoch zwischen Schnalstal (Italien) und Ötztal (Österreich) gefunden wurde. Im September 2018 hat der Mumienforscher Professor Albert Zink stellvertretend für Ötzi einen Persönlichkeitstest durchgeführt. Das Ergebnis ist deckungsgleich mit der Erwartung Zinks, also dem, was er glaubt, wie der Gletschermann vor 5000 Jahren so drauf war. Und ob das nun erstaunlich und bemerkenswert ist, darüber darf die geneigte phantastische Gemeinschaft selbst spekulieren.

Literaturtipps:

Normalerweise gibt es an dieser Stelle ein bis zwei themenbezogene Literaturtipps. Doch von wenigen Kinder- und Jugendbüchern abgesehen, ist das Feld der prähistorischen Fantasy von deutschen AutorInnen erstaunlich unbeackert, obwohl es mit möglichen Druidenkulten, Überresten untergegangener Zivilisationen oder auch der Präastronautik als mögliche Spielart der Science Fiction großes Potential offenbart. Birgit Jaeckels „Die Druidin“ ist vergriffen, auch international kam seit Jean M. Auel oder Marion Zimmer Bradley kaum noch etwas. Zeit für einen neuen Trend?

 

Stand der Angaben: 3. Quartal 2018

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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