Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal  – 42 Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 8)

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KOLUMNE

Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 8)


In Folge 8 unserer "Nerdige Orte"-Strecke gibt es einen Geheimtipp, der erst auf den zweiten Blick sein wahres Potenzial offenbart: Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal.

Dem Allmächtigen Baumeister – Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal (W)

Koordinaten: 51° 18′ 44,3″ N, 12° 24′ 47,4″ O

Es kommt vor, dass beim dritten oder vierten Besuch der Leipziger Buchmesse manche Gäste feststellen, dass die Stadt mehr kann als Noels Ballroom, Auerbachs Keller und Südfriedhof – wobei wer letzteren gefunden hat, es auch nicht mehr weit hat bis zum … Monument.

Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal ist monumental, wuchtig, monumental, imposant und nicht zu vergessen monumental. Gäbe es den Begriff nicht, er müsste für dieses Bauwerk erfunden werden. Wer davorsteht, fühlt sich klein und unbedeutend, und vermutlich soll genau dieser Effekt erzielt werden. Das mag daran liegen, dass das Bauwerk von 1913 und damit aus einer Zeit stammt, in der unsere Ahnen groß gedacht haben. Zugleich war die Völkerschlacht bei Leipzig bis ins 20. Jahrhundert hinein die größte Europas, wenn nicht gar der Weltgeschichte. Das Denkmal soll den 120.000 Gefallenen gedenken, so dass das monumentale Ausmaß des dazugehörigen Denkmals vermutlich in Ordnung ist – aber es ist echt groß!

Wer sich für Geheimbünde und dergleichen interessiert, ist hier genau richtig: Sowohl Bauherr Clemens Thieme als auch Architekt Bruno Schmitz waren Freimaurer. Nun sind die Angehörigen des Bundes um Winkel und Zirkel zwar der Verschwiegenheit verpflichtet, aber doch viel weniger geheimnisvoll, als es auf den ersten Blick erscheint. Stark vereinfacht gesagt war der Zusammenschluss der Steinmetze im Mittelalter nichts anderes als eine Mischung aus Gewerkschaft und Lobbyverband, durch den die Mitglieder eine anerkannte Ausbildung (für die ein Lehrling Lehrgeld zahlte, das er am Ende zurückbekam) mit anschließender Job-Garantie erhielten. Im Gegenzug achteten die Steinmetzbruderschaften auf die Einhaltung moralischer Standards, die sich im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung in der offiziellen Gründung der Freimaurer samt humanistischer Ideale niederschlugen  – allerdings nur für Männer. Eine Frau als gleichberechtigt anzuerkennen? Das ging bei allem Humanismus der Mehrheit der damaligen Herren doch zu weit. Solche, die das taten oder gar forderten, wurden in der Regel ausgelacht.

Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal  – 42 Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 8)

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Nun sind die freimaurischen Symbole des Leipziger Völkerschlachtdenkmals aus heutiger Sicht teils gut durchschaubar, teils auf unzähligen Seiten des weltweiten Netzes „enträtselt“. Wer es offenen Auges erklimmt – das Ziel ist die oberste Aussichtsplattform –, kann sich ganz im Geiste Indiana Jones’ auf die Spur der Symbole der Freimaurer machen und darüber nachgrübeln, ob es geheime Gänge gibt – Fallen sicherlich nicht, denn die wären zum einen durch unbedachte Touristen längst ausgelöst worden, zum anderen entspräche das nicht dem Freimaurergeist.

Apropos Freimaurergeist: Laut eigenen Angaben des Bundes soll die Verschwiegenheit auch dazu dienen, den offenen Meinungsaustausch untereinander zu gewährleisten. Vor dem Hintergrund, dass zu Zeiten der Aufklärung in Europa noch Kaiser und Könige absolutistisch herrschten, wird klar, dass freie Meinungsäußerung unter Umständen den Kopf kosten konnte. Überflüssig zu sagen, dass die Freimaurer im Dritten Reich verfolgt und verboten wurden, und umso perfider, dass ein Monument, das im Geiste von Freiheit, Toleranz und Humanität erbaut worden ist, ausschließlich auf die deutsche Symbolik (siehe unten) reduziert und missbraucht worden ist (und sogar immer noch wird).

Bis 2006 war der Eingang, durch den man das Innere heutzutage betritt, mit dicken Steinquadern versperrt und wurde brachial, womit vermutlich Presslufthammer gemeint sind, geöffnet. Dabei war das Absicht, denn das Tor sollte sich nur dem [Freimaurer eines hohen Grades], der würdig ist, öffnen. Dazu hätte er das entsprechende Passwort kennen müssen – Moment, kommt das niemandem bekannt vor? Woher hatte Tolkien die Inspiration, Gandalf vor dem Seiteneingang zu den Minen Morias verzweifeln zu lassen, bis er das entsprechende Losungswort enträtselt?

„Sprich Freund und tritt ein.“

Es darf spekuliert werden …

Im Inneren befinden wir uns in der Ruhmeshalle, die von vier monumentalen (!) Statuen dominiert werden, welche die damals angesagten vier Tugenden des deutschen Volkes symbolisieren sollten und zusammen mit weiteren kleineren Ritterstatuen die Totenwache halten. Eine der vier Tugenden wird von einer weiblichen Figur dargestellt (also die Schlumpfine inmitten all der männlichen Tugenden, Reiter und Ritter), die sich in ihren Körperproportionen allerdings kaum von den anderen unterscheidet.

Die Kuppel der Ruhmeshalle ist mit Hunderten von Reiterreliefs geschmückt; und wer seit dem Betreten des Denkmals noch Tolkien im Sinn hat, darf sich dabei gern an die Reiter von Rohan erinnern.

Der Gang durch das Denkmal endet mit einem monum… einem großartigen Blick über die Skyline von Leipzig von der Aussichtsplattform – auch auf den Südfriedhof, der als Lesungsort für Horror und Düsteres im Rahmen der Buchmesse bekannt und beliebt ist. 

Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal  – 42 Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 8)

Circa um die Jahrestage der Völkerschlacht 16.–19. Oktober 1813 treffen sich rund um das Völkerschlachtdenkmal alljährlich Reenactment-Begeisterte zu historischem Markt, Sammlerbörse und natürlich dem Nachstellen historischer Schlacht-Szenen.

Reenactment gibt es zu fast jedem kriegerischen Großereignis, seien es die Schlachten von Hastings (1066, England), Tannburg (1410, Polen) oder Solferino (1859, Italien). Waterloo (1815, Belgien) gilt als eines der größten/bedeutendsten im europäischen Raum, was aufgrund der historischen Niederlage Napoleons und der folgenden Neuordnung europäischer Machtverhältnisse nachvollziehbar wird.

Zu den größeren Events kommen – wie anno dazumal die Soldaten – Actors aus ganz Europa, wobei jede Gruppe grundsätzlich jeden historisch belegbaren Verband darstellen kann: Deutsche werden zu französischen Infanteristen oder Tschechen zu schwedischen Reitern. Am Ende hat das gemeinsame Erleben und Nachstellen der Schlachten etwas Völkerverbindendes; das wird spätestens am Abend deutlich, wenn statt der Versorgung der Verwundeten geselliges Feiern am Lagerfeuer auf dem Programm steht. Da spielt die „echte“ Nationalität eine geringere Rolle als die Frage, ob einem Actor mit Zahnspange die Teilnahme erlaubt ist – wer Gespräche in einem Fantasy-LARP darüber verfolgt hat, ob es für einen 1,90 Meter großen Mann legitim ist, einen Hobbit zu spielen, kann sich die Diskussion vermutlich gut vorstellen. Im Übrigen verschwimmen bei mittelalterlichen Reenactments die Grenzen zwischen der Darstellung des „echten Mittelalters“ (das heißt dem, was die TeilnehmerInnen sich darunter vorstellen) und einem Fantasy-LARP sehr schnell. Die grundsätzliche Frage, wie weit wissenschaftliche Genauigkeit beim Nachstellen eines historischen Ereignisses zu gehen hat, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

Viel wichtiger: Die allerwenigsten Actors sind waffenverliebte Kriegsfans, sondern Nerds mit ausgesprochen breitem Wissen über ein spezielles historisches Ereignis, die Geschichte wortwörtlich erlebbar machen. Niemand muss aktiv mitmachen, schon das Zuschauen eines Reenactment-Großereignisses ist ein Erlebnis.

Beachtlich auf die Spitze getrieben haben es 2015 (und zuvor einer der beiden bereits 2010) zwei Actors aus Leipzig, die im Juni innerhalb von ungefähr 30 Tagen nach Waterloo gelaufen sind – und zwar nach Möglichkeit auf der authentischen Marschroute und selbstverständlich in den Kostümen von 1815 samt Kochgeschirr, Gewehr und Marschgepäck. Ihre ungeschönten Erlebnisse haben die beiden auf der Seite des Reenactment-Vereins unter „Waterloo Wanderung“ auf www.leipzig1813.com festgehalten. Vermutlich waren die beiden beim anschließenden Reenactment körperlich in einem ziemlich authentischen Zustand …

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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