Der Dom zu Aachen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss

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KOLUMNE

Der Dom zu Aachen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 7)


Es gibt einfach Orte auf dieser Welt, die ein waschechter Nerd besucht haben muss. Autorin Diana Menschig macht sich auch heute auf den Weg: zum Aachener Dom. 

Teufelszeug und Schwefelquellen – Der Dom zu Aachen (NRW)
Koordinaten: 50° 46′ 28,9″ N, 6° 5′ 2″ O

Keine Panik.

Obwohl der Dom zu Aachen sicherlich eines der geschichtsträchtigsten Bauwerke Europas ist, wird dieser Artikel weder ein architektonischer noch ein historischer Abriss dieses Ortes, der untrennbar mit der Person Karls des Großen verknüpft ist.

Karl, über dessen Leben vermutlich ebenso viel Dichtung wie Wahrheit übermittelt ist, weshalb er – obwohl historisch belegt – beinahe selbst wie eine Sagenfigur erscheint, wählte Aachen als seine Hauptresidenz und ließ dort vor über 1200 Jahren eine Kaiserpfalz errichten, zu der auch das Oktogon gehörte – der älteste Teil des Doms. Zu der Zeit war Aachen kaum mehr als ein von den Römern verlassenes Kaff mit Schwefelquelle. Es lag allerdings günstiger, als der Blick auf eine heutige Karte vermuten lassen würde. Alle Landesgrenzen weggedacht, liegt die Stadt erstaunlich mittig und mit guter Entfernung zu Frankfurt und Paris sowie den Seehäfen.

Karl erreichte ein für das Frühmittelalter beachtliches Alter von über siebzig Jahren, hatte einige Ehefrauen nacheinander und nebenher weitere Mätressen. Mit denen zeugte er eine nicht unerhebliche Anzahl Kinder, weshalb Spötter sagen, ganz Aachen stamme vom karolingischen Kaiser ab. Rechnerisch ist das gut möglich.

Der Dom zu Aachen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss

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Karl als Kunst

So oder so hält es die Aachener nicht davon ab, den Personenkult um Karl ordentlich auszuschlachten. Ob es anlässlich des Karlsjahres 2014 (das war sein 1200. Todestag; Karl starb 814) allerdings wirklich Fußmatten und Toilettenpapier mit seinem Konterfei gab, lässt sich inzwischen nicht mehr überprüfen. Schlüsselanhänger, Poster, Tassen und dergleichen sind dagegen selbstverständlich.

Ein nicht ganz so handliches Andenken wäre eine etwa ein Meter große Figur des Künstlers Ottmar Hörl. Fünfhundert der roten und goldenen Plastiken wurden 2014 auf dem Katschhof ausgestellt und anschließend verkauft. Eine dieser Figuren hat es zum Beispiel auf den Innenhof der Burg Satzvey bei Euskirchen geschafft, ein Wasserschloss aus dem Frühmittelalter, das es vielleicht in einer späteren Folge zu besuchen gilt.

Ottmar Hörl hat übrigens weitere bedeutende Geister in solche bunten Skulpturen verwandelt, darunter Luther, Goethe oder Marx. Neben zahlreichen Viechereien wie Erdmännchen, Hühnern oder dem Dürer-Hasen zählen auch der Sponti-Zwerg oder der „poisened“ Gartenzwerg, der den Hitlergruß zeigt (weshalb er ihn als „vergiftet“ bezeichnet, nicht, dass dies jemand missversteht), zu seinen Werken. Der Astronaut mit freundlich ausgestreckter Hand, der sich auch gut im Wohnzimmer eines jeden Science-Fiction-Fans machen würde, ist ein Symbol des Künstlers zur Willkommenskultur.

Womit sich der Kreis zu Karl, der als Vordenker der europäischen Idee und Einheit gilt, wieder schließt.

Archäologen im Disneyland

Ein bedeutender mittelalterlicher Kaiser wäre übrigens kein bedeutender mittelalterlicher Kaiser, gäbe es kein passendes Fest in seinem Namen. An jedem letzten Sonntag im Januar findet das sogenannte Karlsfest statt, ein buntes Spektakel ohne Anspruch auf historische Genauigkeit, aber mit hohem Unterhaltungswert.

Wer jetzt noch immer noch nicht genug von Karl dem Großen hat, kann sich einen Spieleabend mit „Carolus Magnus“ von Winning Moves gönnen und mit dem Brettspiel die Absicherung der kaiserlichen Provinzen nachspielen. Dieser „Fan-Artikel“ erschien allerdings deutlich vor dem Jubiläumsjahr.

Zurück in den Dom.

Neben den Gebeinen des Kaisers ist auch sein Thron zu besichtigen, ein erstaunlich unscheinbarer und unbequem anmutender Marmorsitz, das ein wenig so wirkt, als habe jemand übergroße Lego-Teile zusammengesteckt. Tatsächlich handelt es sich um Bodenplatten aus der Grabeskirche in Jerusalem. Auf einer der Seitenwände ist ein antikes Mühle-Spielfeld eingeritzt – wer wann in einer Kirche auf dem Boden hockend Gesellschaftsspiele gespielt hat, bleibt Spekulation … Ich stelle mir das ungefähr so vor wie in einem Asterix-Comic, in dem gelangweilte römische Legionäre die antike Version einer Convention abgehalten haben.

Die marmorne Wand- und Bodenverkleidung des Oktogons stammt dagegen aus der Zeit um die Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert, als Archäologie das Disneyland gelangweilter reicher Männer war, die auf Kosten historischer Genauigkeit eher ihre Phantasie spielen ließen, wie alte Gebäude ausgesehen haben könnten. Mag natürlich sein, dass sie es auch hübscher fanden, zeitgenössisch ist es jedenfalls nicht.

Wiederum ein paar Jahrhunderte älter (Ende des 12. Jahrhunderts) und von einem nicht weniger bekannten und sagenhaften Kaiser gespendet ist der Barbarossaleuchter*. Er wird als Radleuchter bezeichnet, würde allerdings beim Rollen ziemlich holpern, da er sechzehneckig ist, an das ihn umgebende achteckige Gebäude angepasst.

Spannend ist die Kette, an der der Leuchter aufgehängt ist. Sie verdickt sich nach oben hin, weshalb sie von unten aus gesehen aussieht, als habe sie durchgehend die gleiche Dicke. Vermutet wird, dass damit (berechtigt) der Eindruck erweckt wird, der Leuchter wäre solide befestigt und könnte keinem auf den Kopf fallen. Der wahre Grund für die optische Täuschung bleibt jedoch im Dunkeln. Auch die Methode, mit der diese Genauigkeit erreicht werden konnte, wie dick die einzelnen Kettenglieder für den perfekten visuellen Eindruck sein mussten, ist unbekannt. Aktuelle Computerberechnungen kamen zu einem unwesentlich besseren Ergebnis.

Der Dom zu Aachen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss

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Harte Printen und weiche Herzen

Vielleicht hatte damals, wie so oft in Aachen, der Teufel seine Hände im Spiel, wobei ihm an einer ein Daumen fehlen müsste. Den hat er sich nämlich im Hauptportal des Doms eingeklemmt und abgerissen, als er wutentbrannt abzog, weil man ihm für seine Hilfe beim Dombau die erste Seele, die den Dom betritt, versprach und dann eine Wölfin hindurchjagte. Und so läuft das jedes Mal, am Ende wird der arme Teufel reingelegt – oder stolpert über seine eigene Raffgier: Nachdem er im 17. Jahrhundert einem Bäckerburschen Karls Grab mit dem verschollenen Printenrezept gezeigt hatte, schlang er eine angebotene Fuhre frisch gebackener Printen komplett hinunter und bekam Magenkrämpfe.

Aachener Printen sind wirklich hart, nicht so wie ihre entfernten Verwandten, die Nürnberger Lebkuchen.

In Aachen gibt es Printen nicht nur zu Weihnachten, sondern ganzjährig und mit verschiedensten Toppings – was auch ganz gut so ist, denn zu Weihnachten kann der Besuch der Stadt vor lauter Menschenmengen eine Herausforderung werden. Die Weihnachtsmärkte haben einfach einen zu guten Ruf.

Ob Karl sich das alljährliche Spektakel ab und zu ansieht, ist nicht überliefert. Über den Besuch des Bäckerburschens war er der Sage nach jedenfalls richtig froh, da er „seinen“ Aachenern mal wieder helfen konnte. Daher hat er bei der Übergabe des Rezepts mit dem Burschen ein Schwätzchen gehalten. Den hat offenbar wenig beeindruckt, dass ein über 800 Jahre altes Skelett mit ihm spricht, er hat sich artig bedankt und ist von dannen gezogen.

 

Nächtlichen Partygängern könnte neben den umtriebigen Gebeinen Karls das Bahkauv (Bachkalb) auflauern, ein Wesen aus der Familie der Aufhocker, das an Bächen wartet, Arglose anspringt und sich dann durch die Gegend tragen lässt. Aber mal ernsthaft, wer in jüngerer Zeit einen Junggesellenabschied beobachtet (oder gar gefeiert) hat, den kann so ein Bahkauv kaum hinter dem Ofen hervorlocken, oder? Vielleicht ist es deshalb in letzter Zeit selten gesehen worden …

Sollte dennoch jemand dem Bahkauv begegnen, so kann der- oder diejenige sich getrost in den Dom flüchten. Dort gibt es neben dem göttlichen und kaiserlichen Beistand noch den weltlichen der nächtlichen Domwache.

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* Den kaiserlichen Wettstreit, wer das erfolgreichere Gesellschaftsspiel hervorgebracht hat, würde Barbarossa mit seinem gleichnamigen „Spiel des Jahres 1988“ übrigens gewinnen.


Stand der Angaben: 2. Quartal 2018

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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