Plätze, die ein Nerd besucht haben muss – Folge 6: Bielefeld

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KOLUMNE

Bielefeld – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 6)


„Bielefeld? Gibt es nicht!“, schallt es zuverlässig aus allen Richtungen, sobald der Name Bielefeld fällt. Warum gibt es ausgerechnet Bielefeld nicht? Diana Menschig begibt sich auf Spurensuche ...


Alles nur ausgedacht –  Bielefeld (NRW)

Koordinaten: 52° 0′ 53,8″ N, 8° 31′ 36,4″ O (Sparrenburg)

Die Behauptung, es gäbe weder die Stadt noch ihre Bewohner (wahlweise: ihre Existenz würde Bewohnern und Besuchern vorgegaukelt), ist eines der bekanntesten und frühesten Internet-Memes im deutschsprachigen Raum und geistert seit Mitte der 90er durch die moderne Folklore. 

Warum gibt es ausgerechnet Bielefeld nicht? Ist es wirklich Zufall, wie der Wikipedia-Artikel Bielefeldverschwörung behauptet? Oder liegt es daran, dass sich so unglaublich viele schlechte Wortspiele mit Bielefeld kreieren lassen? Spielen lokalpatriotische Strömungen aus Münster, Hannover oder Dortmund eine Rolle? Sind es dieselben Kräfte, die - ebenfalls in den 90ern - einen Stadtmarketing-Spruch der Realität (?) angepasst und Bielefeld „die freundliche Baustelle am Teutoburger Regenwald“ genannt haben?

Wer jetzt erwartet, im Folgenden die Wahrheit™ über das Phänomen Bielefeld zu erfahren, den muss ich leider enttäuschen. Denn im Grunde spielt es gar keine Rolle, ob Mutige, die nach Bielefeld reisen, eine Kulisse, die Matrix oder doch eine reale Großstadt an der Bahnstrecke zwischen Dortmund und Hannover betreten.

Die sich selbst so bezeichnende Metropole ist so widersprüchlich wie das Wort Ostwestfalen (es wird nicht empfohlen, länger darüber nachzudenken, wo denn nun die Sonne auf- und untergeht), hat sehr hübsche und weniger schöne Seiten.

Die Sparrenburg in Bielefeld

Foto: Bielefeld Marketing GmbH

Da ist zunächst die trutzige Sparrenburg und ihr großartiges Sparrenburgfest, das jedem Mittelalterfan das Herz höherschlagen lässt. Nicht nur ein Markt, auch ein großes Ritterturnier wird alljährlich abgehalten, Falkner, Artisten und Musiker geben sich ein kurzweyliges Stelldichein. Leider hat sich die Qualität des Festes über die Jahre soweit herumgesprochen, dass es nur für Besucher geeignet ist, die keine Schwierigkeiten mit Menschenmassen haben, oder vielleicht bei Starkregen.

Etwas beschaulicher geht es in der Ravensberger Spinnerei zu, wo Nerds sich seit 1995 zur „Spielewelt in Bielefeld“ (Ein prägnantes Beispiel für die genannten Wortspiele) treffen. Während die ansässigen Brett-, Sammelkarten- oder Pen & Paper-Rollenspielfans verschiedene Spieleläden im Stadtgebiet in die Jahre kommen und gehen gesehen haben, ist die Spielewelt beständig gewachsen und eine Empfehlung für alle Fans von Würfeln, Karten und Pöppeln.

Der Kesselbrink besticht besonders durch den größten innerstädtischen Skatepark Deutschlands, einem Springbrunnen und dem lebendigen Umfeld.

Foto: Bielefeld Marketing GmbH

Gleich nebenan, war (oder ist?) die „Alte Hechelei“, der Ort konspirativer Treffen von Fans der „Besten Band der Welt“. Unbestätigte Gerüchte begründen diese Ortswahl damit, dass die Leib-Tätowiererin des Schlagzeugers ihr Studio in Bielefeld hat (oder hatte?). Am Ende jeder Tour-Saison wurden (oder werden?) alle Freunde, Bekannte, willkürlich im Hotel rekrutierte Leute, sowie ein paar Fanclub-Fans in der Hechelei zusammengerufen für ein Konzert, auf dem kein Song der Tour gespielt werden durfte (oder darf). Bevor die „Beste Band der Welt“ wieder einmal auf Tour geht, lässt sich nicht verifizieren, ob dieses inoffizielle Abschlusskonzert noch den Tatsachen entspricht. Vielleicht…

Ein seit einigen Jahren etwas mehr, aber immer noch etwas weniger vorzeigbarer Platz der Bielefelder Innenstadt ist der Kesselbrink. Einst Fernbushof, von dem böse Zungen behaupteten, er sei deshalb so hässlich, um das Bedürfnis zu steigern, möglichst oft möglichst weit weg zu fahren, wurde er mit Grün, einem Pflaster und einer Skaterrampe aufgehübscht. Am Charme der ihn umgebenden Prachtbauten ändert das allerdings nichts. Und die Frage, warum ein solcher Platz mitten in der Innenstadt unbebaut bleibt, beziehungsweise, was sich darunter befindet, bleibt unbeantwortet. Da ist mehr oder weniger ernsthaft von Bunker, Atomendlager, Raketenabschussrampe oder Mondwasserabfüllanlage die Rede. Für Letzteres spricht, dass in den Annalen der Stadtgeschichte eine Heilwasserquelle an eben jenem Ort genannt wird.

Ebenso beständigen Vermutungen ausgesetzt bleibt die Bielefelder Universität. In den Zeiten, in denen noch die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) für die Verteilung Studierender sorgte, gab es die (bisher nicht wiederlegte) Behauptung, es wäre vollkommen egal, an welche der acht möglichen Positionen Bewerber „Bielefeld“ schreiben, sobald sie es nannten, würden sie dorthin kommen.

Verglichen mit anderen Uni-Städten versprüht das Gebäude ungefähr den Charme einer überdimensionalen Versuchsanstalt. Der Vorteil zeigt sich erst nach einiger Zeit, wenn Studierende aus Münster, Aachen oder Heidelberg jammern, dass sie ständig durch die gesamte Stadt pendeln, um zu Seminarräumen oder der Bibliothek zu kommen, und das bei Regen, Sturm und Wolkenbruch. Dann erinnern sich Bielefelder lächelnd daran, dass die Uni eines der größten zusammenhängenden Fundamente weltweit hat und zieht trocken von dannen.  Was die Physiker im Keller dieses Gebäude alles anstellen, bleibt wiederum Spekulation. Eine CERN-Zweigstelle ist es jedenfalls nicht.

Auch Ernie, der „Flitzer“, das Kunstwerk, das in Fußballspielen von Arminia Bielefeld deutschlandweit Bekanntheit erlangte, muss keinen Schneeanzug tragen, sondern kann ungeniert in seiner ganzen Pracht (?!), Baseballkappe und Bikinioberteil um den Bauch posen, ohne zu frieren.

Wer nicht auf derart abstrakte Kunst, sondern bunte Bilder steht, kann in Bielefeld sehr glücklich werden. Nicht nur Zeichner Ralph Ruthe ist Teil der bielefelderischen Matrix, auch der Verlag Splitter, der unter anderem Comics zu den Büchern von H.G. Wells oder Kai Meyer herausbringt, ist hier beheimatet. Mit etwas Glück dürfen Besucher vielleicht einen Blick ins Archiv werfen.

Was zuletzt zu nennen bleibt, und weshalb Bielefeld ein Wallfahrtsort aller Nerds sein müsste, ist: Dr. Oetker, nach dem in der Stadt alles benannt ist, was nicht „Seidensticker-“ heißt. Der Apotheker und Gründer des Unternehmens hat entgegen landläufiger Meinung zwar nicht das Backpulver erfunden, war dafür aber Pionier in der Massenproduktion von Tiefkühlpizza in Deutschland.  Damit hat er vermutlich Millionen pubertierender Jugendlicher vor den Computerbildschirmen vor dem Hungertod gerettet. 

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gehörte die Ravensberger Spinnerei zu den größten Flachsspinnereien Europas.

Foto: Bielefeld Marketing

So ist das und so war das in Bielefeld. Vielleicht ist das alles auch nur ausgedacht. Wer sich selbst an den Ort wagt, an dem dieses mysteriöse Fleckchen sein soll, sollte in jedem Fall vorsichtig sein: Der „Blitzer“ auf der A2 am Bielefelder Berg beschert ganz reale Bußgelder. Wo das Geld danach hinfließt, darüber darf wiederum spekuliert werden.

Literaturtipps:

  • Wer sich allgemein Verschwörungstheorien nähern möchte, dem sei folgende Anthologie ans Herz gelegt: Anthologie Verschlusssache (ohneohren Verlag). Dabei ist keine Geschichte besser für den Einstieg in die Thematik geeignet als „Big-Foot will Stalin klonen“ von Markus Cremer. Dringende Empfehlung: Diese „Akte 1“ Im Abstand von mehreren Tagen zweimal lesen, und es stellt sich ein erstaunlicher Aha-Effekt ein.
  • Noch konkreter in Bezug auf Bielefeld wird: Anthologie Rätselhaftes Bielefeld – Die Verschwörung  (Pendragon Verlag)
  • Und: Best of Shit Happens! von Ralf Ruthe (Lappan Verlag)

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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