Die Phantastische Bibliothek Wetzlar – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 5)

© Maren Bonacker // raphaelsilva - pixabay

KOLUMNE

Die Phantastische Bibliothek Wetzlar – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 5)


Hast du als Bücherwurm schon einmal von Wetzlar gehört? Nein? Solltest du aber, denn dort befindet sich eine phantastische Bibliothek. Mehr als 270.000 Werke sind seit Eröffnung im Jahr 1989 unter ihrem Dach versammelt. Diana Menschig hat sich vor Ort verzaubern lassen... 

HIC SUNT DRACONES –  Phantastische Bibliothek Wetzlar

Koordinaten: 50° 33′ 10,53″ N, 8° 30′ 17,7″ O

Willkommen – Besuch der Außerirdischen – Escher-Treppenaufgänge – Ein Hort der nicht nur träumenden Bücher

Wetzlar liegt westlich mittig in Deutschland, ist dafür jedoch erstaunlich schlecht mit der Bahn erreichbar. Das ist insofern nicht weiter tragisch, als dass Pilger zur Phantastischen Bibliothek durchaus etwas Zeit mitbringen sollten. Dazu lohnt es sich, sich diesem Ort durch das Innenstädtchen von Wetzlar zu nähern (was bei einem Fußmarsch vom Bahnhof aus ohnehin der kürzeste Weg ist). Teil des nahezu vollständig erhaltenen Fachwerkensembles ist das „Jerusalemhaus“, in dem sich der Gesandtschaftssekretär und Philosoph Karl Wilhelm Jerusalem das Leben nahm, weil er unglücklich in eine verheiratete Frau verliebt war. Diese wahre Begebenheit diente als Vorlage für einen der berühmtesten Romane der Weltgeschichte: „die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe. Was das mit Phantastik zu tun hat? Nun, Goethe war umtriebig und ein neugieriger Mensch, wissenschaftlich interessiert, hat viel hinterfragt und Texte über Elfen, den Teufel oder Zauberlehrlinge geschrieben. Wenn der kein Nerd war, der wann? Ganz persönlich denke ich, Goethe würde sich heutzutage mit Stolz als ein solcher bezeichnen.

Außerdem hat sich im 18. Jahrhundert zur Hoch-Zeit des Hypes das Werther-Fandom verkleidet am „Werther-Grab“ getroffen und war damit ein legitimer Vorläufer des Cosplay.

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Der Perry-Rhodan-Thron

Mit anderen Worten, Wetzlar ist mit seinem mittelalterlichen Ambiente und bedeutsamen literarischen Erbe bestens als Standort für die größte öffentlich zugängliche Bibliothek für phantastische Literatur geeignet. Mehr als 270.000 überwiegend deutschsprachige Werke sind seit Eröffnung im Jahr 1989 unter ihrem Dach versammelt.

Die Bibliothek ist aber nicht einfach nur ein Aufbewahrungsort. Sie kann ein Exil sein, öffnet ihre von freundlichen Drachen bewachten Tore für Besucher aus All und Welt. Aliens steht im Untergeschoss sogar eine eigene Toilette zur Verfügung. Über die Ausstattung ist leider nichts bekannt, da sich die Tür nur echten Außerirdischen öffnet, von denen bisher keiner der Einladung der Bibliothek gefolgt ist.

Des Weiteren würden Besucher aus fernen Galaxien auf dem Perry-Rhodan-Thron Platz nehmen, eine Sitzgelegenheit komplett aus Perry Rhodan Silberbänden gefertigt. Sie würden sich sodann vielleicht einmal durch die Science-Fiction-Abteilung lesen – ob sie sich dann allerdings über unser Alien-Bild vor Lachen schütteln oder beeindruckt sind, darüber kann wiederum nur spekuliert werden.

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It’s bigger from the inside

Wer es bis in die Science-Fiction-Abteilung geschafft hat, empfindet vielleicht bereits diesen merkwürdigen Eindruck seit Betreten des Gebäudes: Irgendwie erscheint das ganz Haus von innen größer als von außen. Zwei Stockwerke scheinen hinzugekommen zu sein. Überhaupt, es gibt nicht nur eine Treppe, sondern mindestens drei (Angabe ohne Gewähr. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Anzahl variiert), von denen nicht jede überall hinführt. Wer da an M.C. Escher denkt, liegt nicht verkehrt, immerhin endet keine Treppe im Nichts oder an einer Wand, sondern in einer weiteren Abteilung voller Märchen, Horror, alter Spielbücher* oder zeitgenössischem magischen Realismus. Ganz aktuell (2017) ist eine eigene Abteilung für das in Deutschland zu Unrecht unterschätzte Sub-Genre des Steampunk geschaffen worden.

Wer hier durch die Reihen streift, entdeckt schön gestaltete Bücherrücken, alte Schätzchen und jüngst Erschienenes, kann in alten FanZines die Anfänge der Nerd-Szene hautnah miterleben. Teilweise erweckt die Präsentation den Eindruck, als wäre jedes Buch ein Kleinod, das nach einer langen Reise an seinem Bestimmungsort angelangt ist.

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Das Projekt Future Life

Inmitten all dieser Bücher ist auch eine Begegnung mit einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin möglich – Fragen zu stellen, lohnt sich immer! Zum Beispiel danach, wie viele Drachen in der Bibliothek leben oder welche aktuelle Innovation bereits in einem Science-Fiction-Titel aus den 60ern beschrieben wird. Auf der Suche nach (alten) neuen Ideen beauftragen sogar zunehmend Unternehmen die Bibliothek mit der Recherche, bei der dann nicht einfach gegoogelt, sondern den Bestand systematisch durchforstet wird. Das Projekt Future Life ist seit einigen Jahren fester Teil des Angebotes.

Die Zeit während eines Nachmittags in der Bibliothek vergeht schnell. Auch was diese Dimension anbelangt, scheint sich dieser Ort jenseits der üblichen Zeitrechnung zu befinden. Die Bibliothek bewahrt die Vergangenheit und ist auf die Zukunft ausgerichtet. Wer hier ist, versteht das Buch als Kulturgut und dass die Geschichte, die es erzählt, Wertschätzung verdient.

Gäste aus weiter entfernten Gefilden bedauern in der Regel, dass sie nicht in der Nähe wohnen, um „ganz normal“ regelmäßig Bücher auszuleihen oder wenigstens häufiger wiederzukommen und zu stöbern.

Die gesamte Umgebung macht Lust auf Bücher – sie kennenzulernen, zu lesen, zu schreiben. Neue Geschichten lauern in jeder Ecke.

Klingt diese Beschreibung übertrieben? Dann lautet die dringende Empfehlung: Hinfahren und selbst erleben. Sollten die Öffnungszeiten nicht passen, öffnen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gerne auch zu anderen Zeiten die Tore zu ihrem Reich. Diese Bibliothek ist für einen phantastischen Pilger ein absolutes Muss. Kaffee gibt es übrigens auch. Bleiben da noch Wünsche offen?

Die Phantastische Bibliothek Wetzlar – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 5)

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* In einer Zeit, in der zwar bereits erste Computer, aber noch keine Smartphones gab, war ein Spielbuch** der Inbegriff des interaktiven Lesens. Selbst entscheiden, wie die Handlung weiterging! Das Prinzip ist denkbar einfach und besser als im für den Wikipedia-Artikel „Spielbuch“ exklusiv geschriebenen Beispiel nicht zu erklären.

** Im deutschsprachigen Raum gibt es Spielbücher nach einem kurzen Hype in den 80/90ern kaum noch. Heutzutage versorgt vor allem der Mantikore-Verlag Fans mit Nachschub. Im englischsprachigen Raum sind game books dagegen nach wie vor im Nerdiversum beliebt und unter anderem über Humble Bundles beziehbar. Da sich die phantastische Bibliothek Wetzlar aber auf deutschsprachige Veröffentlichungen beschränkt, ist diese Information vielleicht interessant, aber für diesen Artikel nicht weiter relevant.

 

 

Webseite: phantastik.eu

 

Stand der Angaben: 4. Quartal 2017

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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