Die Sequoia-Farm Kaldenkirchen  – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (4)

© Archiv Seqoia-Farm // raphaelsilva - pixabay

KOLUMNE

Die Sequoia-Farm Kaldenkirchen – Orte, die ein Nerd besucht haben sollte (Folge 4)


Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren.

 

Die wahren Ents –  Sequoia-Farm Kaldenkirchen (NRW)

Koordinaten: 51° 18′ 32″ N, 6° 10′ 20″ O

Waldbrand – Fossilien – Klimawandel – Blitzableiter und ein paar zufällige Begebenheiten

 

Allen Nerds ist gemeinsam, dass sie eine intensive, wenn nicht gar obsessive Begeisterung für ein Thema aufbringen, wobei die Verständnislosigkeit der Nicht-Interessierten umso größer ist, je spezieller das Interesse ist, beziehungsweise je weiter es vom Mainstream entfernt ist.

Es gibt Baum-Nerds. Sie alle möchten einmal in ihrem Leben nach Kalifornien pilgern, wo sie sich ehrfürchtig vor dem General Sherman Tree versammeln, den sie liebevoll einfach „den Sherman“ nennen. Sie möchten ihn heimlich berühren, was verboten ist, da der Baum inzwischen durch die Säure der menschlichen Hände und andere Umwelteinflüsse Schäden davongetragen hat. Sie möchten einen seiner Samen mitnehmen, was erst recht verboten ist, aber immer wieder einzelnen gelingt. Ohne auf das „wie“ einzugehen: Einer der Setzlinge steht auf einer Wiese der Sequoia-Farm in Kaldenkirchen, umrahmt von den „echten“ Ausmaßen des Sherman, die mit Pflastersteinen nachgebildet sind. Sollte der Setzling die nächsten 2000-2500 Jahre fleißig wachsen, schafft er es vielleicht, den Schatten seines großen Ahnen auszufüllen.

Die Rede ist von Mammutbäumen, lebenden Fossilen, und ihnen gilt die Liebe vieler Baum-Nerds.

Die Sequoia-Farm Kaldenkirchen  – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (4)

Foto: Diana Menschig

Der Zahnarzt und der Gouverneur

Einer von ihnen, ein ausgebildeter Zahnarzt, wanderte Anfang des 20. Jahrhunderts in die U.S.A. aus, um dort als Schiffszahnarzt sein Glück zu versuchen. Nun hatte der junge Mann keine Arbeitserlaubnis, und der Gouverneur verbot ihm zu arbeiten – bis er, wie es das bösartige Schicksal wollte – Zahnschmerzen bekam. Der „normale“ Schiffsarzt verweigerte ihm die Behandlung und so kommt es, wie es in so manchem Film mit kitschigem Plot kommt: Der Zahnarzt befreite den Gouverneur von seinen höllischen Schmerzen und durfte fortan praktizieren. Er lebte eine Zeitlang in den U.S.A., lernte die Bäume kennen und lieben und kehrte irgendwann nach Deutschland zurück.

Einige Jahre und zwei Weltkriege später brannte der Grenzwald im deutsch/niederländischen Grenzgebiet 1947 komplett nieder. Da erinnerte sich der Zahnarzt unserer Geschichte an die Mammutbäume, die er in Kalifornien gesehen hatte. Sie brennen im Gegensatz zu anderen Baumkollegen nicht ab, ihre Samen benötigen sogar die Hitze gelegentlicher Brände, um zu keimen – was sie darüber hinaus prima auf Sand- bzw. Ascheboden tun, denen die Humusschicht fehlt, die heimische Sorten benötigen. Genau solch sandiger, karger Boden blieb nach dem Brand über.

Die Sequoia-Farm Kaldenkirchen  – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (4)

Foto: Diana Menschig

Riesenmammutbäume über Deutschland

Der Zahnarzt importierte also über amerikanische Freunde Samen von Mammutbäumen, um den Grenzwald wieder aufzuforsten. Leider waren die deutschen Politiker von der Idee mit den Fremdbäumen weniger angetan, und so half das Schicksal in Form einer großzügigen Sanddüne nach, in der Abgeordnete eines Tages steckenblieben und danach einsahen, dass dem Gebiet ein paar Bäume vielleicht doch ganz gut stünden. (Wäre dies ein Exposé für einen Roman, wäre das der Zeitpunkt, an dem meine Lektorin mich gemahnt, nicht so viele willkürliche aber richtungsweisende Geschehnisse aneinanderzureihen, aber die Realität darf so etwas). Die Erlaubnis wurde erteilt, und die Bäume konnten wachsen.

Riesenmammutbäume sind in Deutschland gar nicht so selten, sie wurden als alleinstehende Exoten im 18./19. Jahrhundert gern in Parks gepflanzt. Manche von ihnen erhalten wegen ihrer gewaltigen Höhe Blitzableiter, da sie jedoch wie erwähnt nicht brennen, ist den Bäumen ein Blitzeinschlag gleichgültig, sie sehen einfach hinterher etwas zerfleddert aus. Bemerkenswert ist aber ihre weiche Rinde, die sich beinahe wie Haut anfühlt, keinesfalls wie „normale“ Borke oder Rinde. Falls einer dieser Bäume sich überlegt, eines Tages loslaufen, wäre das eindeutig weniger merkwürdig als bei einer Linde oder Birke.

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Foto: Diana Menschig

1000 rote Pfosten

Der zweite gewaltige Vertreter ist der Urweltmammutbaum. Er stand 2009 als Kandidat für das Kulturhauptstadt-Projekt „Parkautobahn A42“ zur Auswahl. Der Name Parkautobahn meint nicht etwa, wie böse Zungen behaupten, dass man dort prima im Stau stehen kann. Vielmehr sollten sieben Kilometer Autobahn „wie ein Park“ mit 1000 Bäumen begrünt werden. Als nun 2009 der Ginko dabei war, das Rennen zu machen, zog der Sohn des Zahnarzts unserer Geschichte in die digitalen Weiten aus, um „seinem“ Urweltmammutbaum zu der Ehre zu verhelfen, Autobahnbaum zu werden. Er mobilisierte die Waldjugend, in der er aktiv war (was für einen Sohn einer Baum-Nerd-Familie ausnahmsweise mal nicht so zufällig klingt), die wiederum die Pfadfinder mobilisierten etc, bis alle Mammutbaumfans und deren Anverwandte für den Urweltmammutbaum stimmten und den Ginko auf den zweiten Platz verwiesen.

2010 wurden dann neben den 1000 Setzlingen auch 1000 rote Pfosten aufgestellt, damit man sie erkennt. Leider schweigt sich das Internet darüber aus, was aktuell aus dem Projekt geworden ist, auch auf dem fraglichen Stück der A42 sind nur gelegentlich rote Pfosten zu sehen. Ob aber Bäume überlebt haben?

Die Sequoia-Farm Kaldenkirchen  – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (4)

© Drohnen-Fotos von will Engels/ Archiv Seqoia-Farm

Überirdisch grün, beinahe fluoreszierend

Der Küstenmammutbaum als dritter im Bunde der bemerkenswerten Bäume ist dagegen nicht so selbstverständlich in Europa, da er als Jungbaum nicht frostfest ist. Dem Zahnarzt unserer Geschichte gelang es über gezielte Züchtung der in jedem Winter überlebenden Setzlinge eine größere Gruppe zu kultivieren, und so gehen nahezu all Küstenmammutbaumbestände nördlich der Alpen auf diese Stammbaummütter (und –väter; ein Baum hat weibliche und männliche Zapfen) aus Kaldenkirchen zurück. Möglicherweise wird der Küstenmammutbaum einer der Bäume der Zukunft, da er für die prognostizierten Bedingungen zum Klimawandel in Europa beste Voraussetzungen hat.

Neben den Mammutbäumen gibt es, wie es sich für eine Baumfarm gehört, weitere interessante Exemplare in Kaldenkirchen. Zu erwähnen wäre noch die Wollemie. Die Entdeckung der entfernten Verwandten der Mammutbäume ließ 1994 die Herzen aller Baum-Nerds höher schlagen, da sie als ausgestorben galt. Ihre Samen brachten 2005 bei einer Versteigerung bei Sotheby’s 1,5 Millionen Dollar ein, was auch Nicht-Bauminteressierten Spekulanten Schnappatmung verursacht haben dürfte. Inzwischen haben durch beständige Vermehrung die Wollemie-Setzlinge zivile Preise angenommen, so dass das Bäumchen auf der Sequoia-Farm keinen Leibwächter hat, dafür eine Bodenheizung für die kalten Tage, da es inzwischen zu groß ist, ins Gewächshaus umzuziehen.

Besonders an der Wollemie sind neben ihrem erdgeschichtlichen Alter – auch sie ist ein lebendes Fossil – Farbe und Haptik der Blätter. Sie sind nicht nur außerordentlich weich – dagegen kann eine Nordmanntanne ihre Christbaumkugeln einpacken –, sondern auch überirdisch grün, beinahe fluoreszierend. Ein besonderer Baum mit vielen denkbaren Geschichten - die jedoch an anderer Stelle erzählt werden sollen.

 

Webseite: http://sequoiafarm-kaldenkirchen.de/


Sequoiafarm Kaldenkirchen
Buschstraße 98
41334 Nettetal-Kaldenkirchen 

Öffnungszeiten: Das Arboretum ist von Anfang April bis Ende Oktober an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

 


Stand der Angaben: 4. Quartal 2017

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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